Human History and the World Views of Civilized Nations
GA 353 — 15 March 1924, Dornach
Fünfter Vortrag
Meine Herren, wir wollen darin fortfahren, daß ich Ihnen noch einiges zeige, wie das Christentum sich in Europa eingelebt hat.
Sehen Sie, in der ersten Zeit nach der Begründung des Christentums breitete es sich ja zuerst im Süden aus, bis nach Rom herüber, und dann später, vom 3., 4., 5. Jahrhunderte an, kam die Ausbreitung nach Norden. Nun wollen wir uns Europa einmal anschauen in der Zeit, in der das Christentum sich ausgebreitet hat, also zur Zeit der Begründung des Christentums, respektive etwas darnach. Ich möchte Ihnen die Frage beantworten: Wie hat Europa beziehungsweise unsere Zivilisation ausgesehen in der Zeit, als sich das Christentum ausgebreitet hat?
Wenn wir uns dadrüben Asien vorstellen (es wird eine Zeichnung entworfen), so ist da Europa wie ein kleines Anhängsel von Asien, wie eine kleine Halbinsel. Sie werden ja wissen, Europa sieht so aus: Hier haben wir Skandinavien, hier haben wir dann die Ostsee; wir kommen dann nach Rußland herüber. Hier haben wir das heutige Dänemark. Hier kommen wir herüber an die Nordküste von Deutschland, hier kommen wir in das holländische, hier in das französische Gebiet. Hier kommen wir nach Spanien, kommen hier herüber nach Italien. Jetzt kommen wir an die Gebiete, die wir schon kennen: kommen an das Adriatische Meer, kommen hier nach Griechenland herüber; dann ist da das Schwarze Meer. Hier kommen wir anstoßend nach Kleinasien, da hinüber kämen wir dann nach Afrika. Auf der anderen Seite, hier, würden wir dann England mit Wales haben, und dann hier Irland, beiläufig nur angedeutet.
Nun werde ich Ihnen also klarzumachen versuchen, wie Europa ausgeschaut hat in der Zeit, in der das Christentum, allmählich sich ausbreitend, nach Europa gekommen ist. Hier ist ja Europa von Asien abgeschlossen durch den Ural. Wir haben dann hier den mächtigen Fluß, die Wolga, und wenn wir dazumal in diese Gegenden, die heute Südrußland, die Ukraine und so weiter bilden, gekommen wären, so hätten wir dort zu der Zeit, da das Christentum von Süden heraufstieß, ein Volk, das später ganz verschwunden ist von diesem Boden, weiter nach Westen gezogen ist und im Westen dann in anderen Völkern untergegangen ist: die Ostgoten. Also in der Zeit, in der das Christentum beginnt sich auszubreiten, haben wir hier die Ostgoten. Sie werden gleich nachher sehen, wie diese Völkerschaften alle in einer gewissen Zeit ins Wandern gekommen sind. Aber in der Zeit, als das Christentum von Süden heraufstieß, waren diese Völkerschaften in Europa an diesem Platze seßhaft.
Sehen Sie, wenn Sie die Donau nehmen, dann haben Sie, weiter herübergehend, hier das heutige Rumänien, das heutige Ungarn. In diesen Gegenden - dem heutigen Ungarn, dem heutigen Rumänien saßen dazumal die Westgoten. Gehen wir weiter herüber, hier nach dem heutigen westlichen Ungarn, nordwärts von der Donau, so haben wir hier die Vandalen. So hießen dazumal diese Völkerschaften. Und da, wo das heutige Mähren, Böhmen, Bayern ist, saßen die sogenannten Sueven, aus denen dann die Schwaben geworden sind. Gehen wir weiter herauf - hier entspringt die Elbe, und die Elbe fließt dann in die Nordsee: hier sind alles überall Goten. Hier aber da ist dann der Rhein, den Sie gut kennen; da wäre also etwa das heutige Köln -, hier um den Rhein herum, da wohnen die sogenannten ripuarischen Franken. Weiter heroben, wo der Rhein mündet, da wohnen die salischen Franken. Und hier bis zur Elbe hin, da wohnen die Sachsen. Die Sachsen haben ihren Namen bekommen von den Menschen, die da südwärts waren. Sie haben ihren Namen bekommen, weil diesen Völkern südwärts aufgefallen ist, daß sie vorzugsweise oder fast ausschließlich sich von der Fleischkost genährt haben, und sie haben sie «Fleischfresser» genannt.
Hier weiter in diesen Gegenden waren ja die Römer ausgebreitet: auch noch im heutigen Frankreich, im heutigen Spanien und so weiter, auch hier waren überall griechisch-römische Völker. Unter denen breitete sich zuerst das Christentum aus, und dann stieß es nach dem Norden. Man kann sagen, hier in diesen Gegenden kam das Christentum früher nach dem Norden als in den mehr westlichen Gegenden. So haben wir ja unter den Goten einen alten Bischof: Wulfila, das heißt «das Wölflein». Wulfila hat eine gotische Bibelübersetzung gemacht, schon sehr früh, im 4. Jahrhunderte. Diese Bibelübersetzung ist sehr interessant, weil sie sich sehr von den späteren Bibelübersetzungen unterscheidet. Sie ist in einem außerordentlich wertvollen Buche enthalten, das heute in der Bibliothek in Uppsala, in Schweden, sich befindet; und es ist so, daß man daraus sehen kann, daß sich hier im Osten das Christentum schon früher ausgebreitet hat.
Wenn Sie dieses, was ich aufgezeichnet habe, verfolgen, so werden Sie finden: Da sitzen also die griechisch-römischen Völker; aber in diesen Gegenden ist in ältesten Zeiten überall noch eine uralte Bevölkerung, eine uralte Bevölkerung von Europa, die sehr interessant ist. Diese Bevölkerung von Europa, die ich Ihnen jetzt auf der Zeichnung mit roter Farbe angestrichen habe, die war zur Zeit, als das Christentum von Süden nach Norden heraufstieß, schon mehr nach den westlichen Gegenden zurückgedrängt. Denn alle diese Völkerschaften waren ursprünglich gar nicht in diesen Gegenden, sondern eben nur zu der Zeit, als das Christentum sich ausbreitete; sie waren alle mehr im Osten drüben. Alle diese Völkerschaften muß man sich wohnend an der Grenze zwischen Asien und Europa vorstellen. Und dasjenige, was heute die Slawen sind, die sind noch weiter in Asien drinnen.
Die Frage ist nun diese: Wenn wir nämlich in Zeiten vor der Entstehung des Christentums zurückgehen, so müßte ich Ihnen diese ganze Karte von Europa mit den roten Strichen anzeichnen; da war ganz Europa von einer alten keltischen Bevölkerung durchsetzt. Und all dasjenige, was später da in Europa ist, was ich Ihnen da aufgezeichnet, aufgeschrieben habe, das ist eigentlich erst später - die paar Jahrhunderte vor, die paar Jahrhunderte nach der Begründung des Christentums - von Asien herübergekommen. Und da entsteht die Frage: Ja, warum wandern diese Völkerschaften da auf einmal herüber? Diese Völkerschaften sind in einer gewissen Zeit der Weltgeschichte in Bewegung gekommen; sie drängten herüber nach Europa. Das ist aus dem folgenden Grunde gewesen: Wenn Sie sich das heutige Sibirien anschauen, so ist das eigentlich eine riesige öde Fläche, die sehr wenig bevölkert ist. Dieses Sibirien, das war vor noch nicht gar zu langer Zeit, nämlich nicht lange vor der Entstehung des Christentums, ein paar Jahrhunderte vorher, noch viel niedrigeres Land, und dieses niedrigere Land war verhältnismäßig warm. Und dann hat es sich gehoben. Es braucht sich ein Land nicht sehr stark zu heben, dann wird es doch, während es vorher warm war, kalt in den Ländern, und die Seen trocknen aus, und es wird öde. Das hat also die Natur hier selber bewirkt, daß die Menschen von Osten nach Westen herübergezogen sind.
Die keltische Bevölkerung in Europa, das war eine sehr interessante Bevölkerung. Auf die keltische Bevölkerung stießen ja die nach Westen wandernden Völker. Sie war eine verhältnismäßig friedliche Bevölkerung. Die keltische Bevölkerung in Europa hat nämlich durchaus noch dasjenige gehabt, was man ein ursprüngliches Hellsehen nennen kann, ein richtiges ursprüngliches Hellsehen. Wenn diese Menschen sich an irgendein Handwerk gesetzt haben, dann haben sie gedacht: bei diesem Handwerke, da helfen ihnen die Geister. Und wenn einer fühlte, er kann geschickt Stiefel machen - Stiefel hatte man zwar noch nicht, aber solche Dinge, mit denen man die Füße bedeckte -, da sah er in seiner Geschicklichkeit drinnen Geisterhilfe. Und er konnte wirklich auch dasjenige wahrnehmen, was ihm da aus der geistigen Welt heraus half. Diese alten keltischen Menschen, die haben also ihr Leben noch durchaus so angesehen, daß sie mit der geistigen Welt in gewissem Sinne «auf du und du» waren. Und daher haben auch diese Völkerschaften sehr schöne Dinge hervorgebracht. Die keltische Bevölkerung ist auch in Italien in uralten Zeiten eingedrungen, hat viel Schönes hingebracht, wodurch sich abgeschliffen hat die rohe römische Lebensart, die durch das Räubervolk gekommen ist. Gerade durch das Eindringen von keltischer Bevölkerung ist die ursprüngliche römische Roheit etwas gemildert worden.
Also hier war überall in alten Zeiten keltische Bevölkerung in Europa. Im Süden war dann die römisch-griechische, romanischgriechische, lateinisch-griechische Bevölkerung. Und, wie gesagt, durch die Hebung von Sibirien, wodurch Sibirien öde geworden ist, bewegten sich diese Völkerschaften herüber. Und zur Zeit, als das Christentum von Süden nach Norden heraufstieß, schaute eben die Karte von Europa so aus (auf die Zeichnung deutend).
Es ist sehr merkwürdig, meine Herren: Gewisse Eigenheiten der Völker erhalten sich gut, andere Eigentümlichkeiten erhalten sich weniger. Man muß zum Beispiel folgendes bemerken: Unter den Völkerschaften, die da von Asien nach Europa herüberzogen, waren auch die Hunnen, die als ihren mächtigsten König Attila hatten. Aber Attila ist ein gotischer Name! Denn Attila heißt Väterchen im Gotischen. Weil viele von den Völkerschaften, die ich Ihnen hier aufgeschrieben habe, auch den Hunnenkönig Attila anerkannten als ihren König, hat er einen gotischen Namen bekommen. Aber diese Hunnen unterschieden sich ganz stark von den anderen Völkerschaften. Und das kam dadurch, daß alle diese mehr wilderen Völker, die da herüberkamen, ursprünglich in Asien Bergvölker gewesen waren. Die etwas zahmeren Völker, die herüberkamen, wie die Goten, das waren mehr Völker der Ebene. Und die wilden Taten der Hunnen und auch später die wilden Taten der Magyaren, die rührten davon her, daß das ursprünglich in Asien Bergvölker gewesen waren.
Es ist ja so gekommen, daß die Römer immer mehr und mehr also unabhängig vom Christentum - ihre Herrschaft nach Norden ausgedehnt haben, und da stießen sie mit diesen Völkerschaften, die aus Asien herüberkamen, zusammen. Da entstanden viele Kriege zwischen den Römern und den Völkern, die hier im Norden waren. Ich habe Ihnen schon das letzte Mal den Namen erwähnt von einem sehr bedeutenden römischen Schriftsteller, Tacitus. Der hat viel über römische Geschichte geschrieben, aber er hat auch ein ganz großartiges, gewaltiges Büchelchen geschrieben, das heißt «Germania». In dem hat er etwa hundert Jahre, nachdem das Christentum schon begründet war, die Völkerschaften, die da oben saßen, beschrieben, großartig beschrieben, so daß man in der Beschreibung von Tacitus diese Menschen wie lebendig vor sich hat. Aber ich habe Ihnen auch schon das andere gesagt: Der Tacitus schreibt als einer der gebildetsten Römer, aber er hat nicht mehr von dem Christentum zu sagen gewußt, als daß es begründet worden ist als eine Sekte in Asien drüben von einem gewissen Christus, der vom Gericht hingerichtet worden ist! Also der Tacitus hat in Rom in einer Zeit geschrieben, als die Christen noch geknechtet waren, als sie noch in ihren unterirdischen Katakomben lebten, eigentlich noch nicht einmal das richtig. Und da war also noch nichts vom Christentum unter diesen nördlichen Menschen.
Diese nördlichen Menschen haben aber damals auch eine Religion gehabt. Und das ist sehr interessant, was diese nördlichen Menschen für eine Religion gehabt haben. Erinnern Sie sich noch einmal, meine Herren, wie sich die religiösen Vorstellungen bei den südlichen und östlichen Völkern ausgebildet haben. Wir haben von den Indern gesprochen; die haben vorzugsweise auf den physischen Leib gesehen, also auf etwas vom Menschen. Die Ägypter haben auf den Ätherleib gesehen - wiederum etwas vom Menschen. Die Babylonier und Assyrier haben auf den astralischen Leib gesehen - wiederum etwas vom Menschen. Die Juden haben auf das Ich gesehen in ihrem Jahve - wiederum etwas vom Menschen. Nur von den Griechen - und das ist dann auf die Römer übergegangen - mußte ich Ihnen sagen: die haben vom Menschen weniger gesehen, die haben ihren Blick mehr auf die Natur gewendet. Und die Griechen sind ja wirklich die großartigsten Naturbeobachter gewesen.
Aber diese Menschen da hier im Norden, die haben überhaupt vom Menschen als solchem, vom innerlichen Menschen, nichts gesehen, weniger noch als die Griechen. Das ist interessant: Diese Menschen hier im Norden haben den inneren Menschen vollständig vergessen, und nicht einmal Erinnerungen hatten sie an dasjenige, was über den inneren Menschen hat gedacht werden können. Die Griechen und die Römer hatten wenigstens noch Erinnerungen; sie waren Nachbarn von den Völkerschaften überall in Vorderasien, von Ägyptern, Babyloniern und so weiter; sie hatten Erinnerungen an dasjenige, was diese alten Völkerschaften gedacht hatten. Diese nordischen Völkerschaften, die blickten nur in die Umwelt, nur hinaus aus dem Menschen. Und sie sahen nicht die Natur, sondern außerhalb des Menschen die Naturgeister. Die alten Griechen sahen die Natur; diese Menschen hier im Norden sahen die Naturgeister. Daher sind gerade unter diesen Menschen die schönsten Erzählungen, Märchen, Sagen, Mythen entstanden, weil diese Menschen überall die Geister gesehen haben. Die Griechen sahen den hohen Berg, den Olymp; aber auf dem Olymp wohnten die Götter. Diese Menschen da im Norden, die sagten nicht: Auf einem Berg wohnen die Götter -, sondern die sahen gewissermaßen im Gipfel des Berges den Gott selber, weil ihnen der Gipfel des Berges nicht als Felsen erschien. Wenn auf dem Gipfel des Berges das Morgenrot erglänzte, den Berg übergoldete und so über die Berge hin die Morgensonne ging, da sahen diese Völkerschaften nicht den Berg, sondern dieses Webende von der Morgensonne über den Berg hinüber, das war ihnen das Göttliche. Das kam ihnen geisterhaft vor. Das war ihnen ganz natürlich, in dieser Weise das Geisterhafte über die Berge hingebreitet zu sehen.
Und die Griechen haben Tempel gebaut für die Götter. Im ganzen Asien drüben hat man Tempel gebaut für die Götter. Diese Menschen im Norden haben gesagt: Tempel, die bauen wir nicht. Was soll das heißen, Tempel bauen? Da drinnen ist es finster; aber über den Bergen, da ist es hell und licht. Und die Götter, das heißt, die Geister, die muß man so verehren, daß man auf den Berg hinaufgeht.
Nun haben sie nachgedacht darüber: Ja, wenn das Licht da über den Bergen glänzt - es kommt von der Sonne; aber die Sonne ist am wohltätigsten in der Mitte des Sommers, wenn die Johannizeit, so nennen wir sie heute, herankommt. Da sind sie dann auf die Berge hinaufgestiegen, haben Feuer gemacht und feierten ihre Götter nicht im Tempel, sondern auf den hohen Bergen. Oder sie sagten: Ja, das Sonnenlicht und die Sonnenwärme, die setzen sich in die Erde hinein, und im Frühling kommt da wiederum aus der Erde heraus, was die Sonne bewirkt. Und deshalb muß man die Sonne verehren, auch wenn sie ihre Kraft aus der Erde herausschickt. Das haben sie besonders wohltätig in den Wäldern empfunden, wo viele Bäume herauswachsen, wie die Sonnenkraft aus der Erde zurückwirkt. Daher haben sie ihre Götter in Wäldern verehrt. Nicht in Tempeln, aber auf Bergen und in Wäldern.
Und, sehen Sie, alles haben sich diese Völkerschaften vergeistert gedacht. Die alten Kelten, die vertrieben worden sind von diesen Völkerschaften, die haben die Geister noch selber gesehen. Diese Völkerschaften haben die Geister nicht mehr gesehen, aber in aller Natur haben sie, was als Licht erglänzte, was als Wärme da war, was in den Wolken als Luft wirkte, als göttlich angesehen. Und das war die alte germanische Religion, die alte Religion, die dann durch das Christentum vertrieben worden ist.
Das Christentum ist ja in diesen Gegenden auf zweierlei Art gekommen. Einmal ist es heraufgedrungen nach Südrußland hinein, auch in diese Gegenden, die heute Rumänien und Ungarn sind. Da hat eben dann der Wulfila die Bibel übersetzt. Da ist ein Christentum heraufgekommen, das viel echter war als das Christentum, das auf dem zweiten Weg, von Rom aus, sich dann überallhin ausgebreiter hat. Von Rom aus hat sich das Christentum mehr als Herrschaft ausgebreitet. Und man kann schon sagen: Wenn das Christentum, wie es hier heraufgegangen ist im Osten durch Rußland, in der Zeit, als es noch keine slawische Bevölkerung da gab, wenn das Christentum sich da ausgebreitet hätte, so wäre es ganz anders geworden; es wäre mehr innerlich geworden, weil es viel mehr asiatischen Charakter gehabt hat. Der asiatische Charakter ist ein innerlicher. Und dasjenige Christentum, das sich von Rom ausgebreitet hat, das hat mehr die Form des Äußerlichen aufgenommen, die dann im Kultus tot geworden ist, weil man die Bedeutung des Kultus nicht mehr erkannt hat. Ich habe Ihnen von der Monstranz und dem Sanktissimum geredet, das eigentlich die Sonne darstellt und den Mond - aber das hat man vertuscht, das hat man nicht mehr gelten lassen. Und so hat sich ein wesenloser Kultus da ausgebreitet. Dieser wesenlose Kultus, der wurde dann hinübergetragen durch einen wesenlosen Cäsaren nach Konstantinopel; die Stadt Konstantinopel wurde begründet. Und in späterer Zeit breitete sich dann das veränderte Christentum auch über die anderen Länder aus.
Das Christentum, das zum Beispiel in der Bibelübersetzung des Wulfila ist, das ist ja von Europa ganz verschwunden. Denn von hier aus breitet sich mehr das Kultus-Christentum, die Äußerlichkeiten, aus. Und im Osten breitete sich erst recht dasjenige aus, als die Slawen kamen, was mehr Kultus war, was eine sehr geringe Innerlichkeit hat.
Nun, das, was ich Ihnen über die religiösen Vorstellungen dieser Völker gesagt habe, das hat dann später eine gewisse Veränderung erfahren. Immer geht es so zu unter den Menschen, daß sie ursprünglich wissen, worum es sich handelt; dann hört das auf, daß sie wissen, worum es sich handelt, und es bleibt nur noch eine Erinnerung. Es bleibt etwas Äußerliches. Und so haben sich denn aus den Göttern, die die Menschen gesehen haben, aus den Geistern überall in der Natur drei Hauptgottheiten gebildet: Der Wotan, der eigentlich schon noch so ähnlich vorgestellt worden ist wie Licht und Luft, das über alles hinschwebt. Den Wotan hat man zum Beispiel verehrt, wenn es recht gestürmt hat; dann sagte man: Wotan ist im Winde, Wotan weht im Winde.
Das war nun eine Eigentümlichkeit bei diesen Völkerschaften, daß sie in ihrer Sprache dasjenige, was sie wahrnahmen in der Natur, herausbrachten. Nicht wahr, den Wotan verehrten sie als im Winde hinwehend. Spüren Sie, wenn ich sage: Wotan weht im Winde - die drei w! Es war diesen Leuten etwas Schauerliches, wenn der Sturm kam und sie dann dieses Stürmische nachahmten, indem sie sagten: Wotan weht im Winde! - So würden wir es heute sagen, aber es war ganz ähnlich in der alten Sprache noch.
Und wenn der Sommer kam und die Leute die Blitze sahen und den Donner hörten beim Gewitter, dann sahen sie auch darinnen Geistiges. Das ahmten sie in der Sprache nach, und den Geist, der im Donner rollt, den nannten sie den Donar: Donar dröhnt im Donner. Daß das in der Sprache lag, das zeigt eben, daß diese Menschen mit der Außenwelt verbunden waren. Die Griechen waren gar nicht so stark mit der Außenwelt verbunden. Die Griechen, die hatten das mehr im Rhythmus gesucht als in der Bildung der Sprache. Bei diesen nordischen Völkerschaften lag es schon in der Sprache selber.
Und als zum Beispiel diese Völkerschaften nach Europa herübergingen und zuerst auf die Kelten stießen, so entstanden fortwährend Kämpfe, Kriege. Das Kriegführen war ja dazumal, als das Christentum sich ausbreitete, etwas, was immer da war. Geradeso wie im wehenden Winde, im dröhnenden Donner Geistiges gesehen wurde, so auch im Sturm des Kampfes. Es war ja so, daß die Leute Schilde hatten und mit diesen Schilden in geschlossenen Reihen in Mengen vorstürmten. $o stürmten sie noch vor, als sie dann in den Kampf mit den Römern kamen. Und wenn die Römer sich ihnen entgegenwarfen und diese Völkerschaften vom Norden herunterstürmten, dann hörten die Römer vor allem ein furchtbares Geschrei: Aus tausend Kehlen schrieen die in ihre Schilde hinein beim Vorstürmen. Und viel mehr als vor den germanischen Schwertern fürchteten sie sich vor dem, was da heranstürmte mit furchtbarem Geschrei. Und würde man so etwas Ähnliches, wie da diese Völkerschaften in ihre Schilde hineinschrieen, hineinstürmten, würde man das heute nachahmen wollen, dann müßte man sagen, das klang so wie: Ziu zwingt Zwist! Ziu zwingt Zwist! - Ziu war der Kriegsgeist; von dem glaubten sie, daß er mit ihnen vorstürme. Wenn solch eine germanische Völkerschaft aus einem Stamme vorstürmte, dann fühlte sie: Da ist unter ihnen ein geistiges Wesen, das zwingt Zwist. «Zwist» ist Krieg. Ziu zwingt Zwist! - und das stürmte nun in die Schilde hinein. Und die Römer hörten dumpf abgetönt dieses: Ziu zwingt Zwist! Ziu zwingt Zwist! - und das stürmte so hin über die Köpfe der Römer. Wie gesagt, vor dem hatten sie eine heillose Angst, mehr wie vor allen Bogen und Pfeilen und so weiter. Es war wirklich etwas, wo das Geistige drinnen in dem Mut, in der Kampfeslust dieser Menschen lebte.
Sehen Sie, wenn diese Menschen, so wie sie damals waren, wieder aufstehen würden - sie stehen natürlich auf, da die Menschen sich wiederverkörpern, aber da haben sie die Geschichte vergessen -, aber wenn sie so aufstehen würden, wie sie dazumal waren und sehen würden die jetzige Bevölkerung, ja, die würden gleich der gegenwärtigen Bevölkerung allen Schlafmützen aufsetzen! Denn die würden sagen: Das paßt ja nicht für einen Menschen, wenn er so ist, daß er als eine Schlafmütze herumgeht! Der soll eine Schlafmütze aufsetzen und sich ins Bett legen. - Die haben ganz andere Lebensauffassungen gehabt, die waren beweglich.
Dann gab es natürlich auch Zeiten, in denen diese Völkerschaften nicht Krieg führen konnten. Aber, meine Herren, wenn sie nicht Krieg führten, da hatten sie Bärenfelle, auf die legten sie sich, und dann tranken sie - fürchterlich tranken sie. Das war die zweite Beschäftigung. Nun, dazumal hat man es als Tugend aufgefaßt; es war ja auch nicht ein ganz so gefährliches Getränk wie das heutige, es war ein verhältnismäßig harmloses Getränk, das aus allerlei Kräutern gebraut war. Das Bier ist später daraus geworden, aber sehr verändert natürlich. Aber das haben diese Völkerschaften in großen Mengen getrunken. Da haben sie sich erst als Mensch gefühlt, wenn dieser Met, dieses bierartige, süßliche Getränk süß durch ihren ganzen Körper ging. Manchmal kommt man noch auf Leute, bei denen man sehen kann, wenn sie sich so ein bißchen als Nachkommen dieser alten Germanen fühlen, wie da in ihnen noch so etwas von dem lebt. So traf ich einmal in Weimar einen deutschen Dichter, der trank fast so viel wie die alten Germanen! Er trank aber natürlich Bier. Die alten Germanen tranken dieses metartige Getränk. Wir kamen ins Gespräch, und da sagte ich zu ihm: Ja, es ist doch eigentlich unmöglich, daß man so viel Durst haben kann! - Da sagte er: Ja, Durst - wenn ich Durst habe, so trinke ich Wasser; gerade wenn ich keinen Durst habe, trinke ich Bier. Wenn ich Bier trinke, so trinke ich das nicht für den Durst, das trinke ich für die Lustigkeit! - Und so war es bei diesen Germanen auch: Sie wurden lustig, sie wurden tatkräftig, wenn die metartige süßliche Flüssigkeit da durch ihre Glieder rann, wenn sie auf ihren Bärenfellen lagen.
Die dritte Hauptbeschäftigung war dann die Jagd. Und der Ackerbau wurde eigentlich in der damaligen Zeit ziemlich nebensächlich betrieben von den unterworfenen Völkern. Wenn eine solche Völkerschaft sich ausbreitete, da war es eben so, daß andere unterworfen wurden; die mußten dann den Ackerbau verrichten. Das waren unfreie Menschen. Und wenn Krieg kam, dann mußten sie sich anschließen; da mußten die die Waffen tragen und so weiter. Es war natürlich in dieser Zeit ein großer Unterschied zwischen der freien Bevölkerung und der unfreien. Die freie Bevölkerung, die also Krieg führte, Jagd betrieb, auf den Bärenhäuten trinkend lag, die kam zur Ordnung der Angelegenheiten zusammen. Und wenn man da zusammenkam, da besprach man die Angelegenheiten richterlicher Natur oder Verwaltungsnatur und so weiter, alles, was notwendig war. Aufgeschrieben wurde nichts, denn schreiben konnte man dazumal nicht. Es wurde alles nur mündlich verhandelt. Und Städte gab es ja nicht; die Leute wohnten zerstreut in Dörfern. Sie bildeten immer eine Art Gemeinschaft zu hundert und hundert Dörfern, also hundert Dörfer ungefähr zusammen. Die gehörten dann zusammen; die nannte man eine Hundertschaft. Und wiederum große Zusammenhänge von Hundertschaften waren dann ein Gau. Und die Hundertschaften hatten ihre Versammlungen, die Gaue hatten ihre Versammlungen. Für diejenigen Menschen, die da zusammenkommen durften, für die Freien, herrschte in dieser Beziehung eigentlich durchaus Demokratie. Und man nannte dasjenige, was da abgehalten wurde, nicht Reichsrat, nicht Reichstag — das sind Worte, die später aufgekommen sind. Man nannte das, weil man einen bestimmten Tag bestimmt hatte, wo man zusammenkam, und man alles, was man nicht bestimmt bezeichnete, ein Ding nannte - Sie können das heute noch hören, wenn Sie Engländer hören, die von etwas sprechen, wovon ihnen nicht gleich der Name einfällt, immer sagen hören: thing = Ding -, man nannte das ein «Tageding». Das Wort «Ding» ist heute schon in Mißkredit gekommen. Ich bin dadurch einmal schief angekommen. Ich wurde einmal beauftragt, eine Resolution, die verfaßt worden war, in Worten aufzusetzen, und da habe ich «Ding» in diese Resolution hineingebracht; und das hat mir der Vorsitzende dazumal, der ein sehr berühmter Astronom war, furchtbar übelgenommen, weil das in unserer Zeit ein so furchtbares Wort ist; das darf man nicht gebrauchen, wo ernsthafte Leute zusammenkommen! Aber in alten Zeiten hat man das so genannt: Ding. Man hat nicht gesagt: Man geht zum Reichstag, sondern man hat gesagt: Man geht zum Tageding. - Und wenn einer geredet hat, so hat man gesagt, er vertagedingt die Sache. Und sehen Sie, aus dem Wort «vertagedingen» ist durch Umwandlung das Wort «verteidigen» entstanden. So haben sich später Worte nachgebildet: verteidigen ist aus vertagedingen entstanden. Es ist heute nur noch beim Gericht das Wort «der Verteidiger» üblich. Hier in der Schweiz sagt man ja nicht Verteidiger, sondern Fürsprech, aber überall anderswo sagt man Verteidiger. Also so haben diese Menschen mit ihren Göttern und Geistern untereinander gelebt. Und diesen Menschen haben dann die südlichen Völker das Christentum gebracht.
Aber wiederum ist auch da im Westen das Christentum auf zweifache Weise entstanden. Es ist zum Teil direkt von Rom heraufgebracht worden; aber eine andere Linie gab es noch, in der sich das Christentum ausgebreitet hat, und das war diese: von Asien herüber, mehr über die ganz südlichen Gegenden hier, wo das lateinisch-römische Element keinen großen Einfluß gewonnen hat, über Spanien herüber nach Irland. Und in Irland war in den ersten christlichen Jahrhunderten eine sehr reine Art, das Christentum zu verbreiten. Und diese Art, in Irland das Christentum zu verbreiten, die hat sich auch hier herüber, nach Wales, ausgedehnt. Und von da aus sind nun auch christliche Missionare nach Europa hereingezogen. Die haben zum Teil das Christentum gebracht; zum Teil ist es von Rom heraufgekommen.
Sehen Sie, meine Herren, ich habe Ihnen gesagt, daß zum Beispiel in den Klöstern und auch noch an den ersten Universitäten viel vorhanden war von der alten Wissenschaft, so daß man mit dem Christentum die alte Wissenschaft verbunden hat. Das, was sich da erhalten hat von der alten Sternenweisheit, was in Europa später ganz verschwunden ist, ist eigentlich alles von Irland gekommen. Von Rom aus hat sich im Grunde genommen bloß der Kultus verbreitet. Und erst später, als dann Mitteleuropa sich hingewendet hat zum Evangelium, ist das Evangelium eben zum Kultus hinzugetreten. Aber unter den Menschen hat viel gelebt von demjenigen, was von Irland herübergekommen ist. Sehen Sie, es ist wirklich in Europa allmählich das Christentum ganz und gar in die weltliche Herrschaft übergegangen. Und die guten Elemente des Christentums, die vorhanden waren hier herauf, wo dann die gotische Bibelübersetzung des Wulfila entstanden ist, und diejenigen, die herübergekommen sind von Irland, die sind eigentlich später mehr oder weniger ganz verschwunden. Sie waren im Mittelalter noch vielfach vorhanden, sind aber dann mehr oder weniger ganz verschwunden. Sehen Sie, von Rom aus ist man nämlich eigentlich sehr schlau vorgegangen. In diese Völkerschaften, die ich Ihnen hier aufgeschrieben habe und die ursprünglich durch die Natur selbst gedrängt waren, von Asien nach Europa herüberzuwandern - sie konnten dort nicht bleiben, weil das Land öde geworden ist -, ist aber eine gewisse Wanderlust eingezogen. Und es ist merkwürdig, was da alles vorgeht.
Hier ist zum Beispiel die Elbe. Da heroben an der Elbe wohnte eine Völkerschaft in der Zeit so gleich nach dem Auftreten des Christentums: das waren die Langobarden. Sie wohnten da im Nordosten von den Sachsen, an der Elbe. Bald darauf, zwei Jahrhunderte darnach, finden wir diese selben Langobarden da unten am Po, in Italien! Da sind dann also die Langobarden hier herübergewandert. Wir finden in der Zeit, als das Christentum noch nicht da war, aber schon entstanden war, die Goten, die Ostgoten hier am Schwarzen Meere. Bald darauf, einige Jahrhunderte darauf, finden wir sie hier, wo früher die Vandalen und Westgoten gesessen haben. Die Westgoten wanderten wieder weiter nach Westen. Wir finden die Westgoten nach einiger Zeit hier in Spanien. Die Vandalen finden wir hier an der Donau. Wenige Jahrhunderte darnach sind die Vandalen überhaupt nicht mehr in Europa, sondern da drüben in Afrika, Italien gegenüber. Diese Völkerschaften wanderten jetzt. Und gerade als das Christentum sich ausbreitete, wanderten diese Völkerschaften; immer mehr nach Westen stießen sie. Die Slawen kamen da erst viel später nach.
Und was entstand denn da im Westen? Die Römer haben ja die Weltherrschaft schon gehabt, als das Christentum entstand. Die Römer haben sich eigentlich außerordentlich schlau benommen. Die Römer waren in der Zeit, als diese Völkerschaften dann nach Westen hinüberkamen und gegen das Römertum vorstießen, eigentlich schon ziemlich ausgemergelte Kerle, schwach geworden, ziemlich gräßliche Kerle, und sie konnten eigentlich nicht mehr viel anderes, als mit ihren Unterschenkeln beben und zittern, wenn von da oben dieses: Ziu zwingt Zwist! - in die Schilde rollte. Da zitterten sie wie Espenlaub. Aber im Kopf waren sie schlau, stolz, übermütig, hochmütig.
Nun, diese Völkerschaften waren notwendigerweise anders geartet. Es war natürlich ein großer Unterschied: Diese Menschen da unten hatten ihre Länder, ihre Äcker, waren festsitzend, hatten etwas hinter sich. Diese Völkerschaften da oben gaben nicht viel auf den Ort; sie wanderten. Und so kam es denn, daß die Römer vielfach diese Völkerschaften, die da nach Süden stürmten, aufnahmen. Sie gaben ihnen Länder, denn die Römer hatten überall Länder im Überfluß. Sie gaben ihnen Länder. Und so kam es, daß diese Völkerschaften übergingen von Jagd und Krieg zu Landbau, zu Ackerbau. Aber indem ihnen die Römer Länder gaben - wie ging es denn dabei zu? Ja, diese germanischen Völkerschaften, die hatten nun die Länder; sie konnten die Äcker umgraben. Sie konnten das, aber die Verwaltung leisteten die Römer! Dadurch machten sich die Römer allmählich zum Herrscher. Und dieses Herrschen, das war am stärksten hier im Westen. In dem Gebiet, das später von Deutschen bevölkert wurde, da wehrten sich die Menschen lange. Aber solche Menschen wie die Goten, die zogen nach Italien hinein, kamen da mit den Menschen von dort zusammen, wurden abhängig. Ja, die römisch-lateinische Bevölkerung war schlau. Was taten sie? Nun, sie sagten: Wenn wir das Schwert führen, da geht es nicht mehr recht. Es waren eben ausgemergelte Kerle geworden. Was taten sie? Da haben sie aus den Menschen, die da hineinkamen, Krieger gemacht! Wenn dann die Römer Krieg führen wollten, so haben sie ihn mit den Germanen geführt, so waren die das Kriegsvolk! Die haben ihre Äcker bekommen, mußten aber dafür Krieg führen. Diejenigen, die oben geblieben waren als Germanen, die wurden von ihren eigenen früheren Kriegern bekriegt! Die Römer bekriegten sie unter der Führung der Germanen! Und so haben wir in der ersten Zeit, als das Christentum sich ausbreitete, Kriege, die eigentlich von der südlichen Bevölkerung, der römischen Bevölkerung geführt werden mit Hilfe der Germanen selber, die unter ihnen aufgegangen waren. Die römischen Heere bestanden höchstens in ihren Führern aus Römern. In der Masse der Soldaten bestanden sie eigentlich aus römisch gewordenen Germanen. Und nun handelte es sich darum, von Rom aus auch das religiöse Element in einer entsprechenden Weise einzuführen, so daß diese Menschen darauf eingingen. In diesen ältesten Zeiten hing der Mensch viel mehr an seiner Religion als später. Und so kam zum Beispiel das Folgende. Sehen Sie, diese Menschen haben ja überall in der Natur Licht und Luft als das Geistige gesehen. Die haben es schwer empfunden, wenn der Schnee kam im Oktober, November, wenn der Schnee die Erde bedeckte und dann eigentlich alles Geistige verschwinden mußte. Dagegen haben sie die Zeit, wo heute unser Weihnachten liegt, besonders verehrt. Da haben sie gefühlt: Jetzt kommt die Sonne wieder. Es war das Wintersonnwendfest. Die Sonne wendete sich wiederum zu den Menschen. Und so war eine vergeistigte Natur bei diesen Völkerschaften durchaus noch das, was sie annahmen.
Die Römer, die also das Christentum schon aufgenommen hatten im Herrschaftsprinzip, die haben den Germanen dieses Sonnwendfest durchaus gelassen. Aber sie haben gesagt: Da feiern wir nicht die Sonnwende, sondern die Geburt Christi. - Und da konnten die Germanen zur selben Zeit, wo sie früher gewohnt waren, ihr Fest zu feiern, nur mit einer anderen Bedeutung, das Fest weiter feiern.
Nun, die Germanen haben überall, man möchte sagen, unter jedem bedeutenden Baum irgendeinen Geist gesehen. Die Römer haben den Geist zu einem Heiligen gemacht! Und so haben sie alles, was in der alten heidnischen Religion enthalten war, im Grunde genommen umgetauft. Dadurch haben diese Menschen das weniger bemerkt, und in dieser Form ist eigentlich dann das Christentum verbreitet worden unter den germanischen Völkern. Solche Festlichkeiten wie die, wenn die Sonne wieder kommt und so weiter, die sind gerade unter dem Gesichtspunkt begangen worden, daß eben die alten Deutschen geliebt haben, die Götter im Freien zu feiern, in Berg und Wald.
So daß man also sagen kann: Von Rom aus wirkte in der neueren Zeit, also seit der Begründung des Christentums, vorzugsweise die Schlauheit. Und im Grunde genommen ist Europa mit der Schlauheit regiert worden durch viele Jahrhunderte - mit römischer Schlauheit. Es ist das so weit gegangen, daß die Römer die alte lateinische Sprache auch immer in den Schulen bewahrt haben, und die Volkssprache wurde eigentlich nur unter dem Volk gesprochen. Als die Römer dann mit dem Christentum die Wissenschaft einführten, da wurde nicht in der Volkssprache gesprochen - das kam nämlich erst im 18. Jahrhundert -, sondern da wurde überall in der lateinischen Sprache die Wissenschaft vorgetragen. So lange machte sich das Römertum auch in seiner ursprünglichen Gestalt bemerkbar.
Nun aber, was geschah im Westen, durch Spanien, Frankreich bis hinein nach England? Sehen Sie, da blieb wirklich das Römertum lebendig. Daher entstand die Sprache, in der das Römertum fortlebt. Hier, in Mitteleuropa, siegte mehr das germanische Element. Da entstanden die germanischen Sprachen. Hier drüben siegte das romanische Element; daher entstanden die romanischen Sprachen. Aber dem Stamme nach sind ja alle diese Menschen, die da waren, sowohl die, die nach Spanien, wie diejenigen, die nach Italien gewandert sind, eigentlich Germanen. Ich habe Ihnen die ripuarischen Franken, die salischen Franken aufgeschrieben, die sind später da herübergezogen - sie waren alle germanische Völkerschaften, besiedelten Frankreich. Und es hat sich über diese Franken, die da in Frankreich eingezogen sind, wie eine Wolke die romanische Sprache verbreitet, aus der das Französische geworden ist oder das Spanische geworden ist. Da lebt das alte Lateinische in veränderter Form fort.
Nur weiter im Osten, vom Rhein an, da haben die Menschen als Volk sich gesagt: Nun, die Gelehrten dadrinnen in den Schulen, mit ihren Perücken, die mögen lateinisch reden, und diejenigen, die Pfarrer werden wollen, die können ihnen ja zuhören; aber das Volk, das hat die Sprache bewahrt, behalten. - Und dadurch entstand der Gegensatz, an dem Europa heute noch nagt, dieser Gegensatz zwischen Mitteleuropa und Westeuropa.
Vom Osten kamen die Slawen allmählich nach. Nicht wahr, ich mußte Ihnen ja sagen: Diese Völkerschaften kommen herüber nach dem Westen, wo sie zum Teil verschwinden, zum Teil auch eine andere Sprache annehmen und so weiter, dann kamen die Slawen nach, siedelten sich im Osten von Europa an, drangen an manchen Stellen ziemlich weit vor. Hier zum Beispiel vermischte sich das alte germanische Element mit dem slawischen Elemente; aus bestimmten Gründen, die ich Ihnen das nächste Mal anführen werde, bekamen die Slawen im Osten drüben den Namen «Russen»; dagegen diejenigen, die nun da vorzogen in diese Gegenden, die verschwanden unter den Germanen. Es blieb eine Blutmischung. Und da entstanden dann die Borussen, diejenigen, die der Vortrupp der Russen sind. Aus Borussen wurde dann «Preußen»! Das ist ja nur das umgewandelte Wort. Da ist sehr viel slawisches Blut drinnen. Während die Slawen selber, wenn sie zurückbleiben, mehr passiv sind, mehr eine ruhige Bevölkerung sind, werden sie, wenn sie anderes Blut aufnehmen, kampflustig! Diese Kampflust, die im alten Germanentum war, die geht dann in sie über. Und so ist dasjenige, was in Preußen war, eine ziemlich kampflustige Bevölkerung geworden; auch das, was nach dem Westen hinübergezogen ist, auch die tschechische Bevölkerung, ist eigentlich eine ziemlich kampflustige Bevölkerung geworden.
Und so hat sich Europa, ich möchte sagen, selber umgerührt. Und in diesen Rührbrei ist das Christentum hineingekommen. Nun, da wollen wir dann das nächste Mal weiterfahren.