Human History and the World Views of Civilized Nations
GA 353 — 19 March 1924, Dornach
Sechster Vortrag
Die Frage, die gestellt worden war, meine Herren, ist ja eine recht ausführliche, und wir müssen schon noch ein paarmal einiges davon besprechen.
Ich möchte nun heute doch noch Genaueres sagen über die spätere Ausbreitung des Christentums. Das Christentum, wenn es heute betrachtet wird, zeigt sich ja in drei Gestalten. Diese drei Gestalten muß man ins Auge fassen, wenn man in der richtigen Weise von den heutigen Begriffen aus zurückgehen will auf dasjenige, was eigentlich durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist.
Betrachten wir die Sache zunächst in bezug auf Europa. Ich habe Ihnen schon neulich gesagt, wie das war: Wir haben dadrüben Asien, und Europa ist eigentlich so eine Art Halbinsel von Asien. Es sieht ja, wie Sie wissen, so aus (es wird eine Landkarte entworfen). Hier wäre Norwegen, hier geht es gegen Rußland hinüber, hier kommen wir herüber nach der deutschen Nordküste; hier haben wir dann Dänemark. Da kommen wir herüber nach Holland, Frankreich, und hier würde Spanien sein. Hier kommen wir nach Italien, Griechenland; hier würde das Schwarze Meer sein, und da geht es nach Asien hinüber. Unten ist dann Afrika.
Nun, sehen Sie, in unserer gegenwärtigen Zeit ist es schwer, über die Ausbreitung des Christentums zu sprechen, weil gegenwärtig auch besondere Verhältnisse in bezug auf diese Dinge herrschen. Aber wenn man sich das Christentum in diesen Gegenden Rußlands anschaut, damals, wie es war vor dem Weltkriege, dann kommt man darauf, sich zu sagen: Dieses östliche Christentum hat noch mehr von dem ursprünglichen religiösen Charakter von Asien, von dem ich Ihnen in seinen verschiedenen Gestalten bei den Ägyptern, bei den Indern, bei den Assyriern gesprochen habe. Vieles von dem, was an Kultushandlungen zum Beispiel, also an Opferhandlungen, üblich war, was man in Asien sehr gut verstanden hat, das ist eingeflossen in die Religion, die dann vom Christentum durchsetzt worden ist in diesen östlichen Gegenden. Wenn man die Religion in diesen östlichen Gegenden kennenlernt, dann hat man unmittelbar die Empfindung: Da kommt es eigentlich viel mehr auf den Kultus an als irgendwie auf die Lehre. Die Lehre will in menschlichen Worten zum Ausdruck bringen, was der geistigen Welt angehört, oder wenigstens was das menschliche Gefühl von der geistigen Welt erfassen kann. Die Lehre, die ist auch dasjenige, an das der Mensch immerfort heran will mit seiner Vernunft. Der Kultus dagegen ist etwas, was man hat, was viel konservativer bleibt. Und wo der Kultus besonders herrschend ist, da trägt auch die Religion einen konservativen Charakter. So daß man schon sagen muß: Die östliche Religion hier, die trägt einen konservativen Charakter, gibt viel mehr auf den Kultus als den eigentlichen inneren Anstoß der Religion, des religiösen Lebens im Menschen, als die mehr westlichen Religionen.
Nun, die zweite Strömung des Christentums ist von Rom ausgegangen und hat sich nach dem Norden ausgebreitet, ist dann stark von Irland aus beeinflußt worden, von wo die Missionare herübergekommen sind. Dieses von Rom aus beeinflußte, südliche mitteleuropäische Christentum hat zwar auch den Kultus bewahrt, aber schon viel mehr Wert auf die Lehre gelegt als das östliche Wesen. Daher wird der Kultus in seiner Bedeutung von dem römischen Katholizismus schon viel weniger gefühlt als die Predigt, die Lehre. Und es gab über den eigentlichen Inhalt der Lehre innerhalb der römisch-katholischen Kirche viel mehr Streitigkeiten als in der östlichen Kirche.
Dieses Christentum hat aber noch einen anderen Einfluß erlebt. Sehen Sie, das Christentum ist ja im Anfang unserer Zeitrechnung entstanden. Etwa sechs Jahrhunderte darnach, fünf, sechs Jahrhunderte darnach ist dann der Islam entstanden. Ich habe Ihnen neulich Arabien aufgezeichnet. Wenn ich Kleinasien da noch einmal aufzeichne, so kommen wir hier herunter zu Arabien, würden hier nach Indien hinübergehen; da würde dann Afrika sein, hier Ägypten. Nun, hier in Arabien entstand durch Mohammed der Islam. Dieser Islam breitete sich damals in der zweiten Hälfte des ersten christlichen Jahrtausends sehr schnell aus. Und zwar breitete er sich von Asien herüber aus, zuerst gegen Syrien herüber bis an das Schwarze Meer, dann durch Afrika herüber nach Italien, Spanien, bis hinauf in den europäischen Westen. Dieser Islam hat eine besondere Eigentümlichkeit: er vereinigt in seiner Religion das phantastische Element mit einem ungeheuer nüchternen verstandesmäßigen Element. Der Hauptgrundsatz der mohammedanischen Religion, die sich im 7., 8., 9. Jahrhunderte rasch ausgebreitet hat über den Süden und Westen Europas und in Asien drüben, ist der: Es gibt einen einzigen Gott, der euch durch Mohammed verkündigt wird.
Man muß nun nur richtig einsehen, was das eigentlich in der Weltgeschichte bedeutet, daß Mohammed den Grundsatz verfocht: Es gibt nur einen Gott. Warum wurde denn das von Mohammed so stark betont? Mohammed hat schon das Christentum gekannt; und das Christentum hat zwar nicht drei Götter, aber es hat drei göttliche Gestalten. Das spürt man nur heute nicht mehr. Man spürt heute nicht, daß das Christentum vom Ursprung an nicht drei Götter hatte, aber drei göttliche Gestalten hat: Vater, Sohn und den sogenannten Heiligen Geist.
Was heißt das? Sehen Sie, «Person» heißt nämlich ursprünglich in der lateinischen Sprache gar nichts anderes als Gestalt, Maske, dasjenige, was sich nach außen offenbart. Und im ursprünglichen Christentum hat man nicht von drei Göttern geredet, sondern von drei Gestalten, in denen sich der eine Gott offenbart. Und man hat auch noch empfunden, wie es mit diesen drei Gestalten steht.
Wollen wir einmal darauf sehen, wie es mit diesen drei Gestalten eigentlich steht. Nicht wahr, heute, wo neben der Religion eine ausgesprochene Wissenschaft da ist, kann man das ja gar nicht mehr verstehen. Denn die Wissenschaft wird heute ganz unabhängig von der Religion getrieben, und man sieht eigentlich nicht hin nach dem religiösen Leben, wenn von dem wissenschaftlichen Leben die Rede ist. Das war in alten Zeiten nicht der Fall, auch nicht in den ersten Zeiten des Christentums; sondern da war es so, daß man mit der Religion zugleich alle Wissenschaft, die es gegeben hat, empfangen hat. Es waren auch keine besonderen Priester und besonderen Lehrer da, sondern es waren eben diejenigen da, die zugleich Priester und Lehrer waren. Das war insbesondere in dem der Fall, was ich Ihnen als die letzten Mysterien geschildert habe.
Nun, da sah man zunächst, daß der Mensch ein natürliches Wesen ist. Der Mensch ist ein natürliches Wesen, indem er mit Hilfe von Naturkräften als physischer Mensch aus dem Mutterleibe geboren wird. Da wirken - so dachte man sich, so fühlte man - die Naturkräfte im Menschen. Wenn ich darauf sehe, wie der Mensch als physisches Wesen entsteht, so schaue ich auf Kräfte, die ich auch finde, wenn ich draußen den Baum wachsen sehe, die schließlich auch vorhanden sind, wenn das Wasser verdunstet, der Regen herunterfällt. Es sind Naturkräfte. Aber hinter diesen Naturkräften hat man im Altertum die geistigen Kräfte gesehen. Überall in der Natur sind die geistigen Kräfte tätig. Wenn im Berg drinnen ein Kristall entsteht, wenn also der Stein wächst, sind die geistigen Kräfte tätig. Wenn die Pflanze im Frühling hervorkommt, sind die geistigen Kräfte tätig. Wenn das Wasser verdunstet, sich die Wolke bildet, das Regenwasser herunterfällt, sind die geistigen Kräfte tätig. Dieselben geistigen Kräfte sind im Menschen tätig, wenn er als Menschenkeim im Leibe der Mutter sich entwickelt. Dieselben geistigen Kräfte sind tätig, wenn sein Blut durch die Adern geht, sein Atem ein- und ausgeht. In allem, was man da als Geist in der Natur ansah, der auch im physischen Menschen gesehen wird, in dem sah man das Vaterprinzip, den Vater, weil Naturwissenschaft zugleich Religion war.
Man sagte sich: Derjenige, der im Mysterium zu der höchsten Erleuchtung gekommen ist, der ist ein Abbild dieses Vatergeistes, der weiß Bescheid über alles, was überall in der Natur ist. - Das war die siebente Stufe, die Stufe, die der Mensch gehen konnte in den Mysterien, wenn er zur Vaterwürde aufgestiegen war.
Die nächste Würde - ich habe es Ihnen gesagt - war die des Sonnengeistes. Was verstand man denn unter dem Sonnengeist, den man dann später als Sohn bezeichnet hat? Was verstand man darunter? Daß der Christus sich selber wiederum als Sonnengeist bezeichnet hat, das habe ich Ihnen ja auseinandergesetzt. Man sagte sich: Gewiß, der Mensch wird durch Naturkräfte geboren, durch dieselben Kräfte, durch die die Pflanze wächst und so weiter; aber wenn er auf der Erde lebt, da entwickelt er sich doch. - So wie er durch Naturkräfte geboren wird, so kann man zum Beispiel ebensowenig wie bei der Pflanze bei ihm reden von Gut und Böse. Es wird Ihnen nicht einfallen, eine Tollkirsche, weil sie als Gift auf den Menschen wirkt, böse zu nennen. Sie werden sagen: sie kann ja nichts dafür. Es lebt kein Wille in der Tollkirsche, wie er im Menschen lebt. Und so kann man auch nicht sagen, wenn das Kind geboren wird, daß es durch die Naturkräfte gut und böse sein kann. Gut und böse wird es dann, indem sein menschlicher Wille allmählich heraufkommt; und im Gegensatz zu denjenigen Kräften, die in der Natur wirken, nannte man dann dasjenige, was im menschlichen Willen wirkt, was gut und böse im Menschen werden kann, den Gottsohn oder den Sonnengeist. Und derjenige, der im Mysterium bis zu der sechsten Stufe aufsteigen konnte, war nur sein Vertreter. Alle diese einzelnen Vertreter der sechsten Stufe waren Stellvertreter des Gottes auf der Erde. Und dann wußte man, daß eben die Sonne nicht nur ein Gaskörper ist; die Sonne gibt nicht nur Licht und Wärme, sondern auch die Kräfte, die den Willen entwickeln. Daher kommt eben von der Sonne nicht nur Licht und Wärme, sondern auch der Sonnengeist. Der Sohnesgott ist zugleich derjenige, der der Sonnengeist ist. So daß man also sagte: Die Vatergottheit, die ist überall in der Natur; die Sohnesgottheit, die ist überall da, wo Menschen freien Willen entwickeln.
Nun aber empfand man etwas ganz Eigentümliches. Man sagte sich: Ja, aber wird der Mensch eigentlich, indem er einen freien Willen entwickelt und unter dem Sohnesgott steht, wird er dadurch mehr wert oder weniger wert? - Diese Frage stellte man sich auch noch zur Zeit, als das Christentum begründet wurde.
Meine Herren, sehen Sie sich irgendein Naturprodukt an, meinetwillen bis zum Tier herauf. Sie können zwar, wenn eine Kuh alt geworden ist, immerhin sagen, man bezahlt dann für diese Kuh weniger, als man bezahlt hat, als sie jung war. Also sie wäre weniger wert als in der Zeit, wo sie jung war. Nun, das ist schon ganz richtig; aber darauf kommt es dabei nicht an, sondern man ist sich klar darüber, daß die Kuh nicht durch etwas, was in ihrem Inneren als Wille wirkt, weniger wert geworden ist, sondern sie ist durch den Gang der Natur weniger wert geworden. Der Mensch aber, der im schlechten Sinne handelt, im schlechten Sinne seinen Willen entwickelt, der wird ja weniger wert, als er eigentlich von Natur aus ist! Daher braucht der Mensch noch eine dritte Gottheit, die ihn anleitet, seinen Willen wiederum gut zu machen, ganz gut zu machen, seinen ungesunden Willen zu heiligen. Und das war die dritte Gestalt der Gottheit: der Heilige Geist, der in den Mysterien überall dargestellt worden ist durch die fünfte Stufe der Einweihung, die man also je nach dem Volk bezeichnet hat.
Und so haben diese alten Leute gesagt: Dreierlei Arten, wie sich die Gottheit offenbart, gibt es. - Sehen Sie, sie hätten sagen können: Es gibt einen Naturgott, einen Willensgott und einen Geistgott, wo der Wille wieder geheiligt, vergeistigt wird. - Sie haben auch so gesagt, denn die alten Wörter bedeuten das durchaus. «Vater» bedeutet eigentlich etwas, was mit dem Ursprung des Physischen zusammenhängt, etwas Naturhaftes. Nur in den neueren Sprachen ist die Bedeutung dieser Wörter verlorengegangen. Aber dann haben diese alten Leute noch etwas dazugefügt, wenn sie gesagt haben: Es gibt einen Naturgott, den Vater; einen Willensgott, den Sohn; und einen Gott, der alles, was im Menschen durch den Willen krankhaft werden kann, wiederum heilt, den Heiligen Geist; aber - haben sie noch hinzugefügt - diese drei sind eins. - Sie haben also gesagt als ihren wichtigsten Satz, als ihre wichtigste Überzeugung: Es gibt drei Gestalten der Gottheit, aber diese drei sind eins.
Und dann haben sie noch etwas gesagt. Wenn man den Menschen anschaut, haben sie gesagt, so stellt sich bei ihm ein großer Unterschied gegen die Natur dar. Wenn man einen Stein anschaut: was wirkt da drinnen? Der Vater. Wenn man die Pflanze anschaut: was wirkt da drinnen? Der Vatergott. Wenn man den Menschen als physischen Menschen anschaut: was wirkt da drinnen? Der Vatergott. Wenn man aber einen Menschen anschaut als seelischen Menschen, in seinem Willen: was wirkt drinnen? Der Gottsohn. Und wenn man auf die Zukunft der Menschheit rechnet, wie sie einmal werden soll, wenn wiederum alles im Willen gesund werden soll: da wirkt der Geistgott. Alle drei Götter, sagte man, wirken im Menschen. Es gibt drei Götter oder göttliche Gestalten; die sind aber eins, und die wirken im Menschen auch als eine Einheit.
Das war die ursprüngliche Überzeugung des Christentums. Und wenn man zurückgeht in die ersten Zeiten des Christentums, so haben die Menschen noch eine Überzeugung ausgesprochen. Sie haben gesagt: Nun, richtig, dieser heilende, dieser gesundmachende Geist, der muß auf zweierlei Weise wirken. Erstens muß er, weil die Natur krank werden kann, auf das Physische wirken, auf das, was vom Vatergott herkommt. Und weil der Wille auch gesund werden muß, muß er auf das, was vom Sohne herrührt, wirken. Sie sagten also: Dieser Heilige Geist muß wirken so, daß er vom Vater und vom Sohn zugleich ausgeht. - Das war die ursprüngliche Überzeugung des Christentums.
Nun, Mohammed hat eigentlich eine gewisse Angst bekommen. Er hat gesehen, wie das alte Heidentum, das viele Götter gehabt hat, entarten wird, schlecht werden wird, die Menschheit ruinieren wird. Nun hat er das Christentum aufkommen sehen und hat sich gesagt: Das hätte ja auch die Gefahr in sich, Vielgötterei zu treiben, nämlich drei Götter zu haben. - Er hat das nicht so durchschaut, daß das drei göttliche Gestalten sind. Daher ist er in Opposition getreten, hat das besonders betont: Es gibt nur einen einzigen Gott, und den verkündet euch der Mohammed. Alles übrige, was über die Götter gesagt wird, ist falsch.
Diese Lehre wurde dann mit ungeheurem Fanatismus verbreitet. Nun, dadurch war im Islam, im Mohammedanismus, dieses Denken von den drei göttlichen Gestalten überhaupt nicht da. Man hat sich mehr darauf beschränkt, von dem einheitlichen Gott zu reden, den man dann eigentlich als den Vater von allem empfunden hat. Und deshalb hat auch der Islam immer mehr gedacht: Nun, wie der Stein keinen freien Willen hat, um so zu wachsen, wie er ist, wie die Pflanze keinen freien Willen hat, sondern gelbe oder rote Blüten von der Natur bekommt, so wächst auch alles beim Menschen von der Natur herauf. - Dadurch ist diese starre Schicksalsidee im Islam entstanden - Fatalismus nennt man das -, daß der Mensch sich eigentlich einem ganz unbedingten, starren Fatum fügen muß: Ist er glücklich, ist es vom Vatergott bestimmt; ist er unglücklich, ist es vom Vatergott bestimmt. Er muß sich nur hineinwerfen in dieses, wie man es nennt, Fatum.
Sehen Sie, meine Herren, das war die religiöse Seite des Mohammedanismus. Aber gerade dadurch, daß der Mohammed im Menschen alles auch so gesehen hat, wie es in der Natur ist, dadurch war er imstande, viel leichter die ganze alte Kunst und das ganze frühere Leben in sich aufzunehmen als das Christentum. Das Christentum hat ja hauptsächlich auf die Art und Weise gesehen, wie der menschliche Wille geheilt werden kann. Damit hat sich der Mohammedanismus nicht befaßt. Was soll man sich denn damit befassen? Ist das bestimmt, daß der Mensch schlecht wird, so ist es vom Vatergott bestimmt. Im Christentum hat man gesagt: Die alten Heiden, die haben hauptsächlich auf den Vatergott gesehen; da muß man dagegen den Sohnesgott setzen. - Mohammed, und namentlich seine späteren Anhänger, haben das nicht gesagt; die haben gesagt: Die alten Heiden haben, wenn sie auch viele Götter gehabt haben, doch auch das Naturhafte verehrt, in dem ja auch der eine Gott wirkt. - Daher hat sich in den Mohammedanismus hinein vieles von der alten Wissenschaft und Kunst fortgesetzt. Und es war schon so: Während zum Beispiel im 9. Jahrhunderte in Europa, im Frankenreich Karl der Große herrschte, der als einer der größten Herrscher des Mittelalters bekannt ist und überall in der Geschichte angeführt wird - er hat sich mit Mühe die Buchstaben angeeignet, er konnte noch nicht schreiben -, war dasjenige, was er in Kunst und Wissenschaft getan hat, eine Kleinigkeit gegen dasjenige, was in Asien drüben entstanden ist unter dem Herrscher - Harun al Raschid hat er geheißen -, der zur Zeit Karls des Großen im Islam, im Mohammedanismus wirkte. Da war viel Kunst und Wissenschaft, wie sie aus dem alten Heidentum geblieben ist. Und solche Kunst und Wissenschaft hat sich dann in Europa über den Süden nach Spanien herein verpflanzt.
Nun hat sich von Rom aus das Christentum ausgebreitet. Von Asien herüber, möchte ich sagen, ist das Christentum umgangen worden vom Mohammedanismus. Da waren ja auch starke Kämpfe zwischen dem Christentum und dem Mohammedanismus. Wirklich, der Mohammedanismus hat da etwas sehr Merkwürdiges gemacht. Sie wissen ja, wenn irgendwo eine Heeresmasse steht, so erreicht man in der Strategie manches, wenn man sie unbemerkt umgehen kann und sie dann von der andern Seite angreifen kann. Das hat eigentlich der Mohammedanismus mit dem Christentum gemacht; der hat das Christentum im Süden umgangen und har es dann von der linken Flanke aus angegriffen.
Ja aber, meine Herren, wenn das nicht gekommen wäre, wenn sich bloß das Christentum ausgebreitet hätte, dann hätten wir heute noch keine Wissenschaft! Das religiöse Element des Mohammedanismus ist abgewehrt worden, das ist durch Kriege bekämpft worden. Aber das geistige Element, das sich nicht mit religiösen Streitigkeiten befaßte, sondern das die alte Wissenschaft fortgepflanzt hat, das ist mit dem Mohammedanismus nach Europa gekommen. Und das, was die Europäer da gelernt haben, das ist bis in die heutige Wissenschaft hineingeflossen. Daher haben wir heute in Europa eigentlich zweierlei in unserer Seele: Wir haben die Religion, die vom Christentum angeregt worden ist, und wir haben die Wissenschaft, die vom Mohammedanismus angeregt worden ist, wenn auch auf Umwegen. Und das Christentum konnte sich auch hier nur so entwickeln, daß der Mohammedanismus es wissenschaftlich beeinflußte.
Dadurch aber ist gerade in diesem europäischen Westen eine um so größere Begierde entstanden, das Christentum immer mehr zu verteidigen. Wo der Kultus herrscht, da braucht man die Religion weniger zu verteidigen; da übt der Kultus einen großen Einfluß auf den Menschen aus. Hier war dann von Rom ausgehend der Kultus weniger herrschend, obwohl er bewahrt worden ist; die Lehre wurde herrschend. Aber die mußte man jetzt gegen den anstürmenden Mohammedanismus fortwährend verteidigen. Eigentlich ist das ganze Mittelalter verflossen unter diesen Kämpfen, die vom Mohammedanismus aus geblieben waren, diese Kämpfe, die zuerst kriegerische Kämpfe waren, später geistige Kämpfe geworden sind. In der zweiten Hälfte des Mittelalters hat sich allmählich dasjenige, was man europäische Kultur oder Zivilisation nennt, entwickelt. Was ist denn da allmählich geworden?
Drüben im Osten bis nach Rußland herein, ja bis nach Griechenland, da konnte das Christentum gar nicht anders, als im Kultus den alten Überlieferungen treu bleiben. Aber was heißt denn das? Das heißt ja, äußere Handlungen vollziehen, wenn sie auch nur einen sinnbildlichen Charakter haben. Da muß man sich nach der Natur richten. Da ist man viel mehr geneigt, den Vatergott zu betonen als den Sohnesgott. Und so wie bei Mohammed verstandesmäßig dieses Schicksalsprinzip aufgetaucht ist, daß man sich streng unterwerfen muß dem, was der Vatergott bestimmt, so ist dieser Vatergott auch im östlichen Christentum mehr zur Geltung gekommen, dem Sinne nach mehr zur Geltung gekommen als der Sohnesgott. Nur hat da eine merkwürdige Umschichtung des Denkens stattgefunden: An dem Christus haben diese Leute im Osten schon stark festgehalten, aber sie haben die Eigenschaften des Vatergottes auf den Christus übertragen. Man hat die Geschichte hier etwas vernebelt, hat nicht so viel vom Sohnesgott gesprochen, sondern man wurde Christ, erkannte Christus als seinen Gott an, aber man sah ihn mit den Eigenschaften des Vatergottes. So daß eigentlich für diese östliche Religion die Ansicht entstanden ist: Christus, unser Vater. Und das lebt eigentlich in dieser ganzen östlichen Religion drinnen: Christus, unser Vater.
Und wenn man jetzt nach Europa herüberkommt, da entstand eben, weil man sich gegen den Mohammedanismus, gegen die bloße Einheitsgottheit, die keine drei Gestalten hat, wehren wollte, eine durchdringende Auffassung von den drei göttlichen Personen.
Nun, sehen Sie, meine Herren, Sie werden ja wissen, streiten kann man eine Zeitlang; die Leute können sich zusammensetzen und streiten und streiten und streiten; der eine sagt dem andern das, der andere sagt dem einen jenes! Nun, streiten werden sie. Aber was kommt denn gewöhnlich dabei heraus? Sie trennen sich zuletzt, gehen auseinander! Das Ende der Streitigkeiten ist, daß man sich veruneinigt, daß man auseinandergeht. Die Verständigung findet ja in den wenigsten Fällen statt, insbesondere dann nicht, wenn die Streitigkeiten großen Umfang annehmen. Sie wissen ja, zuerst gab es eine sozialistische Partei; die hat viel gestritten. Da gab es einen linken und einen rechten Flügel. Aber nachher sind die Flügel eigene Parteileitungen geworden. Und so war es auch mit der Ausbreitung des Christentums. Es hat sich ausgebreitet. In Asien drüben, also im Osten, hat man mehr gegeben auf den Vatergott, durchaus aber den Christus festgehalten; in Europa hat man mehr unterschieden zwischen dem Vater und dem Sohn. Da hat man diskutiert darüber, sich gestritten so bis ins 9., 10. Jahrhundert. Dann ist die große Kirchenspaltung eingetreten. Die östliche Kirche, die man heute die orthodoxe nennt, weil sie an ursprünglichen, alten Dingen festgehalten hat, und die westliche Kirche, die römisch-katholische Kirche, die haben sich voneinander getrennt. Da trat also zuerst dieser große Unterschied auf zwischen der östlichen Kirche, dem östlichen Christentum und dem westlichen Christentum.
Das ging eine Zeitlang fort. Man lebte sich ein im 11., 12., 13. Jahrhundert in dieses Östliche und in dieses Westliche. Ja, da kam aber ein Ereignis hinein, das die ganze Sache, ich möchte sagen, in gewisser Beziehung durcheinanderbrachte. Und das waren eben die Kreuzzüge.
Diejenigen, unter denen Mohammed ursprünglich gewirkt hat, die zuerst den Islam angenommen haben, das waren die Araber. Diese Araber, die haben eine ausgesprochene Naturreligion gehabt. Die taugten also eigentlich so recht klar zum Verstehen des «Vaters», zur Anerkennung der Vatergottheit. Und daher entwickelte sich auch in den ersten Zeiten des Mohammedanismus diese Anschauung von dem durch alle Natur und auch durch die menschliche Natur wirkenden Vatergott.
Aber dann kamen aus den weiten Gegenden Asiens herüber andere Völkerschaften, deren Nachkommen heute die Türken sind. Mongolische, tatarische Völkerschaften kamen. Die wirkten in Kriegen gegen die arabischen Leute. Und das Eigentümliche dieser mongolischen Bevölkerung, deren Nachkommen dann die Türken sind, ist das, daß diese eigentlich gar keinen Naturgott gehabt haben. Die hatten dasjenige, was der Mensch in ältesten Zeiten hatte: keinen Blick für die Natur, den die Griechen dann so stark haben. Das haben sie sich bewahrt. Die Türken brachten sich aus ihren ursprünglichen Wohnsitzen keinen Sinn für die Natur mit, aber einen ungeheuren Sinn für einen geistigen Gott, für einen Gott, den man nur in Gedanken fassen kann, den man gar nirgends anschauen kann. Und diese besondere Art, den Gott anzuschauen, die ging jetzt auf den Islam, auf den Mohammedanismus über. Die Türken nahmen die mohammedanische Religion von den Besiegten an, aber sie veränderten sie nach ihrer Gesinnung. Und während die mohammedanische Religion eigentlich viel von der alten Zeit, von Kunst und Wissenschaft, angenommen hat, schmissen die Türken eigentlich alles hinaus, was Kunst und Wissenschaft war, und wurden eigentlich kunst- und wissenschaftsfeind. Und sie waren der Schrecken der westlichen Bevölkerung, der Schrecken für alle diejenigen, die das Christentum angenommen hatten.
Sehen Sie, den Christen war die Gegend, in der das Christentum entstanden ist, Palästina mit Jerusalem, eine besonders heilige Gegend. Da pilgerten viele hin aus allen westlichen Gegenden, mit großen Opfern. Es gab viele Leute, die sehr arm waren, die sich furchtbar zusammenlegen mußten dasjenige, was sie brauchten, um eine Reise nach Palästina zu machen zum sogenannten Heiligen Grab. Ja, die machten aber diese Reise! Und erst als die Türken kamen, wurde diese Reise gefährlich, denn die Türken breiteten ihre Herrschaft auch über Palästina aus, und sie mißhandelten die christlichen Pilger, die da hinkamen. Und die Europäer wollten Palästina frei haben, damit man dort hinkommen könne. Sie wollten eine eigene europäische Herrschaft in Palästina aufrichten. Deshalb unternahmen sie diese großen Kriegszüge, die als die Kreuzzüge bekanntgeworden sind, die ihr Ziel ja nicht erreicht haben, die aber eigentlich den Krieg, den Kampf ausdrücken zwischen dem westlichen Christentum, auch zwischen dem östlichen Christentum und dem türkisch gewordenen Mohammedanismus. Das Christentum sollte gegen den türkisch gewordenen Mohammedanismus gerettet werden.
Nun, da sind viele Leute zunächst als Krieger hinübergezogen nach Asien. Was hat man da gesehen? Die Kreuzzüge haben im 12. Jahrhundert begonnen, haben durch mehrere Jahrhunderte gedauert, fallen also gerade in die Mitte des Mittelalters hinein. Was haben diejenigen, die da als Kreuzfahrer, Kreuzkrieger nach Asien gezogen sind, zuerst gesehen? Zuerst haben sie gesehen, wie die Türken furchtbare Feinde sind. In den Türken standen sie also furchtbaren Feinden gegenüber. Aber wenn der eine oder andere der Kreuzfahrer sich ein bißchen umgesehen hatte in kampffreien Tagen, da konnte er merkwürdige Erlebnisse haben. Da hat er zum Beispiel irgendeinen alten Mann treffen können, der sich irgendwo in eine ärmliche Stube zurückgezogen hatte, der sich nicht kümmerte da um Türken, Christen und Araber, der aber mit einer merkwürdigen Treue dasjenige weiter fortgebildet hatte, was im alten Heidentum als Kultur, als Wissenschaft, als religiöse Wissenschaft gelebt hat. Die Türken haben sich darum nicht gekümmert. Das alles war eigentlich von der offiziellen Kultur ausgerottet; aber es gab solche Menschen, viele solche Menschen. Und da haben die Europäer vieles von alter Weisheit kennengelernt, vieles von dem, was im Christentum nicht mehr vorhanden war. Das haben sie sich mitgebracht, als sie wieder zurückgezogen sind nach Europa.
Jetzt denken Sie sich, meine Herren, was da war. Schon in früheren Zeiten sind die Araber über Italien, Spanien herübergezogen, haben diese Kunst und diese wissenschaftliche Denkungsweise herübergebracht. Die hat sich ausgebreitet, die ist unsere Wissenschaft geworden. Jetzt brachte man die morgenländische uralte Wissenschaft herüber, und es hat sich miteinander vermischt. Und dadurch ist in Europa etwas ganz Besonderes entstanden.
Sehen Sie, die römische Kirche, die hat den Kultus angenommen, obwohl sie ihn weniger gepflegt hat als die östliche Kirche; sie hat den Kultus angenommen, aber sie ging auch sehr stark auf die Lehre aus. Aber diese Lehre, dieser Unterricht, dieser religiöse Unterricht, der hing in der alten Kirche an der Person. Bis in die Kreuzzugszeit hinein hing er an der Person. Dasjenige, was von der Kanzel herunter verkündet worden ist, was die Konzilien, die abgehalten worden sind, gutgeheißen haben, das wurde gelehrt. Und daneben gab es auch noch das sogenannte Neue Testament, die Bibel. Aber die Bibel zu lesen war eigentlich den Menschen, die nicht Priester waren, verboten, und man hielt dieses Verbot streng inne. Es war eigentlich etwas Furchtbares, wenn in diesen alten Zeiten vor den Kreuzzügen jemand die Bibel lesen wollte, das Neue Testament. Das gestattete man nicht. Und dadurch hatte man eigentlich nur das, was die Priesterschaft lehrte. Die Bibel hatte man ja als Laie, als Gläubiger nicht in der Hand.
Nun aber war etwas entstanden - dadurch, daß die Araber die Wissenschaft gebracht hatten, daß man die alte morgenländische Weisheit kennengelernt hatte -, von dem sehr viele das Gefühl bekamen: Das wissen die Priester ja gar nicht, die da lehren! Es gibt viel mehr Weisheit, als die da lehren. - Und daraus entstand dann die Absicht: Nun wollen wir einmal nachschauen, woraus die ihre Weisheit haben. - Und da entstand die Tendenz, die Absicht, die Bibel auch wirklich zu lesen, das Neue Testament kennenzulernen. Und daraus entstand die dritte Form des Christentums: das evangelische Christentum, das dann in Luther einen besonderen Vertreter gefunden hat, das sich aber eigentlich schon früher seiner Absicht nach herausgebildet hat.
Nehmen Sie nur zum Beispiel diese Gegenden der heutigen Tschechoslowakei, Böhmen, Bayern, nehmen Sie diese Gegenden hier am Rhein, von Holland nach Deutschland herein - ich könnte auch noch viele andere Gegenden nennen -, da bildeten sich überall Brüderschaften. Hier bildete sich die «Brüderschaft des gemeinsamen Lebens» von Holland am Rhein herein. Hier (auf die Zeichnung weisend) bildeten sich die Brüderschaften, die man die «Mährischen Brüder» nannte. Was wollten diese Brüderschaften? Diese Brüderschaften sagten: Ja, von Rom aus ist eigentlich nicht das wirkliche Christentum verbreitet worden, sondern es liegt das Christentum so, daß man es eigentlich erst kennenlernen muß, durch das innere Leben kennenlernen muß. - Und zunächst war diese Absicht, das Christentum ursprünglich kennenzulernen, eigentlich etwas, was innerlich erstrebt wird. Erst später hat man gesagt: Man muß das Evangelium kennenlernen. - Aber beides geht aus demselben hervor.
Sehen Sie, das ist der große Unterschied zwischen Hus, der in der heutigen Tschechoslowakei gewirkt hat, und Luther. Hus hat noch weniger auf das Evangelium gesehen, als darauf gesehen, daß der Mensch innerlich das Christentum erlebt. Später hat sich das mehr veräußerlicht in das Kennenlernen des Evangeliums.
Aber das Evangelium, das Neue Testament, das ist ja geschrieben unter ganz andern Verhältnissen. Da war eine bildliche Ausdrucksweise; und diese bildliche Ausdrucksweise, die hat man später gar nicht mehr verstanden. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen.
An einer Stelle des Evangeliums wird erzählt, wie Christus Kranke heilte. Nun waren in dieser Zeit, als Christus die Kranken heilte, viel mehr diejenigen Krankheiten verbreitet in den Gegenden, wo er lehrte, die man heute die nervösen, die Nervenkrankheiten nennt, als diejenigen Krankheiten, die in den eigentlichen Organen sitzen. Nun, die Nervenkrankheiten kann man vielfach durch Zuspruch, durch Liebe und so weiter von Mensch zu Mensch heilen. Die meisten Krankenheilungen, von denen da die Rede ist, gehen auf solche Heilung zurück. Aber dann steht an einer Stelle: «Als die Sonne untergegangen war, versammelte der Christus die Leute um sich und heilte sie.» Diese Stelle, wenn Sie sie heute im Evangelium lesen, kommt den Menschen so vor, als wenn sie bedeutungslos wäre, als wenn man eigentlich nur die Uhrzeitangabe machen wollte. Aber warum wird denn gerade an der Stelle die Zeitangabe gemacht? Weil man sagen will: Diese Kräfte, die da der Mensch entwickelt, wenn er den andern heilen will, die sind stärker, wenn die Sonne nicht am Himmel steht, wenn sie durch die Erde durchkommt mit ihren Strahlen, als wenn die Sonne am Himmel steht. - Das ist eine ganz bedeutungsvolle Stelle, die da steht: «Als die Sonne untergegangen war, versammelte der Christus die Leute um sich und heilte sie.» Die wird gar nicht mehr beachtet. Dadurch wollte man eben andeuten, wie der Christus die den Menschen eigenen Naturkräfte verwendet zur Heilung. Und so übersetzte man eigentlich das Evangelium erst in einer Zeit, wo man es nicht mehr verstehen konnte. Im Grunde genommen wird das Evangelium sehr, sehr wenig wirklich verstanden.
Nun, eigentlich ging es auf allen diesen Gebieten so, sowohl im morgenländischen Christentum wie im abendländischen westlichen und im evangelischen Christentum, wie es in manchen andern Fällen gegangen ist, die ich auseinandersetzen mußte, wo etwas, was man ursprünglich gut verstanden hat, später zwar beibehalten, aber nicht mehr verstanden worden ist. Das Christentum wurde eben in allen drei Formen nicht mehr richtig verstanden. Ich möchte sagen, jede von diesen drei Formen hat eines hauptsächlich genommen: Das morgenländische Christentum hat den Vatergott genommen, wenn man ihn auch Christus nennt. Die römisch-katholische abendländische Religion hat den Sohnesgott genommen, sieht zum Vater nur als dem alten Manne mit wallendem Bart hinauf, der noch gemalt wird, aber vom Vatergott wird da wenig gesprochen. Und das evangelische Christentum hat den Geistgott. Im evangelischen Christentum hat man ja insbesondere diskutiert: Wie kommt man von der Sünde los? Wie wird der Mensch geheilt von der Sünde? Wie wird der Mensch gerechtfertigt vor Gott und so weiter? So ist eigentlich, während das Christentum ursprünglich die eine Gottheit in drei Gestalten hat, das Christentum auseinandergefallen in drei Bekenntnisse. Jedes Bekenntnis hat ein Stück, ein richtiges Stück vom Christentum.
Durch eine bloße Vereinigung der drei Stücke wird es aber nicht gehen, daß man das ursprüngliche Christentum wiederfindet. Man muß es aus der richtigen Menschenkraft heraus selber wiederfinden, wie ich schon angefangen habe zu zeigen in der Darstellung, die ich neulich gegeben habe. Aber ich wollte Ihnen auch das noch zeigen, damit Sie sehen, wie schwer es heute ist, auf das ursprüngliche Christentum zu kommen. Denn, fragen Sie beim orientalisch-östlichen Christentum: Welches ist das wahre Christentum ? - Ja, da sagt man Ihnen alles dasjenige, was sich auf den Vater bezieht, und nennt dann den Vater Christus. - Fragen Sie bei der römisch-katholischen Kirche um das Wesen des Christentums, so sagt man Ihnen alles dasjenige, was sich auf die Sündhaftigkeit des Menschen, die Schlechtigkeit der menschlichen Natur bezieht, daß der Mensch erlöst werden muß von seinen Leiden und so weiter. Man sagt Ihnen alles das, was sich auf den Sohn bezieht, auf den Christus. - Fragen Sie bei dem evangelischen Christentum, was das Wesen des Christentums ist, dann sagt man Ihnen: Alles kommt auf das Prinzip des Gesundens des Willens an, der Heilung, der Genesung des Willens, der Rechtfertigung vor Gott. - Man redet dann vom Heiligen Geist und nennt ihn Christus.
Und dadurch ist das alles gekommen, was wir heute haben; nicht daß die Leute nun etwa gedacht hätten: Nun müssen wir die drei verschiedenen Seiten des Christentums vereinigen -, sondern sie haben gesagt: Da versteht man ja gar nichts mehr! - Und dadurch ist eben die Stimmung der Gegenwart gekommen und die Notwendigkeit, das Christentum wieder zu finden.
Und in dieser Weise möchte ich Ihnen dann am nächsten Samstag vom Mysterium von Golgatha reden. Da will ich dann sehen, daß ich mit dieser Fragenbeantwortung zu Ende komme.