Human History and the World Views of Civilized Nations
GA 353 — 26 March 1924, Dornach
Siebenter Vortrag
Guten Morgen, meine Herren! Nun, wollen wir heute noch etwas über die Frage hinzufügen, die das Christentum betrifft. Leider konnte ich nicht sprechen am letzten Samstag, weil ich nach Liestal fahren mußte. Wir haben ja versucht, einiges von dem zu sagen, was man als das eigentliche Wesen des Christentums bezeichnen kann, desjenigen, was das Christentum angenommen hat in der Entwickelung der Menschheit. Wir haben dann von den Kämpfen gesprochen, die in Europa eigentlich um das Christentum herum entstanden sind, und die im wesentlichen, wie ich gesagt habe, durch lange Zeit hindurch darauf beruhten, daß die eine Partei mehr das Vaterprinzip, wie das Christentum im Osten, betont hat, die andere Partei mehr das Sohnesprinzip, wie die römisch-katholische Kirche, und eine dritte Partei, die evangelische Kirche, mehr das Geistprinzip betont hat.
Es ist heute eigentlich schwer, über diese Dinge zu reden, weil die meisten Menschen heute denken: Kann man sich denn um solche Dinge in der Welt streiten? - Heute, nicht wahr, geht es in der Welt um ganz andere Dinge, um die man kämpft; und daß sich einmal Menschen in der allerentsetzlichsten Weise auch bekriegt haben aus dem Grunde, weil sie das eine oder andere Prinzip betont haben, das ist heute für die Menschen schwer zu begreifen. Aber sehen Sie, meine Herren, man muß so etwas eben auch einsehen, denn es werden ja auch Zeiten kommen, wo man dann wiederum nicht wird begreifen können, warum sich die Menschen um die heutigen Dinge gestritten haben! Das wird vielleicht in gar nicht so ferner Zukunft sein. Und wenn man das bedenkt, so wird man auch einsehen, warum sich die älteren Menschen um ganz etwas anderes gestritten haben als heute. Aber wissen sollte man doch, um was sich die Menschen gestritten haben, denn es lebt ja noch unter uns.
Worin besteht denn die äußere Anschauung, die sich vom Christentum in der allerstärksten Weise erhalten hat? Die stärkste Anschauung vom Christentum war ja durch lange Zeiten hindurch der sterbende Jesus - das Kreuz, und darauf der tote Jesus. Nicht gleich im Anfange des Christentums hat man in dieser Weise auf den toten Jesus hingeschaut. Wenn man in die allerältesten Zeiten zurückgeht, dann findet man, daß dasjenige Bild des Christus Jesus das allerhäufigste, das allerverbreitetste ist, das den Christus darstellt als einen jüngeren Mann mit einem Lamm um die Schultern und als Hirten. Und man nannte das den Guten Hirten. Im 1., 2., 3. christlichen Jahrhundert war eigentlich das das allerverbreitetste Bild, der Gute Hirte. Und eigentlich erst im 6. Jahrhundert nach Christus kamen die Abbildungen herauf, welche den Christus darstellen am Kreuze hängend und tot; wie man sagt: den Crucifixus darstellend, den Gekreuzigten. Den Gekreuzigten haben die ersten Christen nicht eigentlich dargestellt.
Dahinter steckt auch etwas Wichtiges. Sehen Sie, die ersten Christen haben durchaus noch die Anschauung gehabt, daß der Christus in den Jesus hineingekommen ist aus der Sonne, daß der Christus ein außerirdisches Wesen ist. Das Ganze ist später mißverstanden worden. Denn das Ganze ist ja später zu dem Dogma gemacht worden von der sogenannten unbefleckten Empfängnis, nach der Jesus, als er geboren wurde, schon nicht auf gewöhnliche menschliche Weise empfangen und geboren worden wäre. Erst als man so etwas nicht mehr verstanden hat, daß Jesus ein Mensch war zunächst, wenn auch ein sehr bedeutender Mensch, und daß erst im dreißigsten Jahr seines Lebens der Geist, den man den Christus nennt, als Sonnengeist in ihn gekommen ist - in der Zeit, als man das nicht mehr verstanden hat, hat man auf der einen Seite die Anschauung gefaßt, den toten Christus auf dem Kreuz darzustellen, den sterbenden Christus, und auf der andern Seite hat man das Hereinkommen des Christus auf geistige Weise schon in die Geburt verlegt. Das war ein Mißverständnis, welches im 6. Jahrhunderte erst aufgekommen ist. Aber das läßt sehr, sehr tief blicken. Denn zwischen der Zeit, in der die Christen den Jesus Christus noch als Guten Hirten dargestellt haben, und der Zeit, in der er dargestellt worden ist als der Gekreuzigte, liegt eine ganz bestimmte Tatsache zwischendrinnen, nämlich die Tatsache, daß auf einem Konzil beschlossen worden ist, daß der Mensch nicht aus drei Teilen besteht, aus Leib, Seele und Geist, sondern nur besteht aus zwei Teilen, aus Leib und Seele, und die Seele, sagte man, hätte einige geistige Eigenschaften.
Das ist sehr wichtig, meine Herren! Denn sehen Sie, im ganzen Mittelalter war, wie man sagte, die Trichotomie, die Dreiteilung des Menschen, die Dreigliederung des Menschen eine ketzerische Anschauung. Da durfte niemand, der rechtgläubig war, an die Dreigliedrigkeit des Menschen glauben. Da durfte man nicht sagen: Der Mensch hat auch einen Geist; sondern man mußte sagen: Der Mensch hat Leib und Seele, und die Seele hat einige geistige Eigenschaften. - Aber dadurch, daß man gewissermaßen den Geist abgeschafft hat, ist überhaupt der ganze Weg der Menschen zum Geist versperrt worden, und erst heute muß eben wiederum die Wissenschaft vom Geist aufkommen, um dasjenige, was da der Menschheit genommen worden ist, ihr wiederzugeben.
Die ersten Christen haben vor allen Dingen gewußt: Dasjenige, was als Christus in ihnen lebt, das kann überhaupt nicht geboren werden und sterben. Das ist nicht etwas, was menschlich ist. Der Mensch wird geboren und stirbt. Aber der Christus, der in den Jesus bei Lebzeiten gegangen ist, der ist nicht geboren worden auf menschliche Art, und der kann auch nicht, als der Jesus am Kreuze gestorben ist, vom Tode berührt worden sein, sondern der hat eben, so wie der Mensch einen andern Rock anzieht und bleibt, eine andere Form angenommen, nämlich eine geistige Form. Will man aber dasjenige, was geistig ist, darstellen - nicht wahr, das kann man nicht mit Augen sehen -, dann muß man es bildlich darstellen. Und daß der Geist wacht über dem Menschen, daß der Geist ein guter Berater des Menschen ist, das wollte man darstellen, indem man den Christus Jesus als Guten Hirten darstellte.
Und etwas ist ja noch geblieben, nur verstehen es die Leute heute nicht mehr. Es ist sehr häufig so, daß von einem Bild nur ein Teil zurückbleibt. Man sagt heute noch oftmals, wenn man vom Christus spricht: das «Lamm Gottes». Das war auf den Bildern zu sehen, die in den ersten Jahrhunderten da waren; ein Teil davon, der abbildet das Lamm, das der Christus auf den Schultern hatte, ist geblieben. Und dieser Teil nur ist eben zurückgeblieben. Man bezeichnete in den älteren Zeiten überhaupt den Menschen nach irgendeinem Teile. Nehmen wir zum Beispiel an - es gibt ja solche Namen -, es hieße einer Kappa - Cappa, das ist einmal eine kleine Kopfbedeckung gewesen. Von dieser Kopfbedeckung bekamen gewisse Leute den Namen. Wenn einer «Adler» heißt, so hat er einmal in seinem Wappen einen Adler gehabt und so weiter. Nicht wahr, so ist auch der Name «Lamm Gottes» geblieben, weil das eben ein Teil war der älteren Abbildungen.
Nun, im 6. Jahrhunderte ist eigentlich schon alle Ansicht vom Geist gewichen gewesen, und die Folge davon war, daß man geglaubt hat, man könne nur noch hinschauen auf dasjenige, was in dem Christus Jesus ein menschliches Schicksal gehabt hat. Man schaute nicht auf den lebendigen Christus, der Geist ist, sondern man schaute auf den sterblichen Menschen Jesus und legte es so aus, als ob er der Christus wäre. Daher wurde dieses Ereignis des Sterbens vom 6. Jahrhunderte an ganz besonders wichtig.
Ja, sehen Sie, da spielt schon der Materialismus eine Rolle. Und wir sehen gerade, wenn wir die Entwickelung des Christentums verfolgen, den Materialismus erst recht sich entwickeln. Und dadurch ist in der späteren Zeit manches gekommen, was sonst nicht gekommen wäre.
Ich habe Ihnen gesagt, meine Herren: Dieses Wissen, daß der Christus ein Wesen von der Sonne ist, das in dem Menschen Jesus gelebt hat, das wird durch dieses Zeichen ausgedrückt, das man heute noch bei jedem Hochamt auf dem Altare sehen kann: Das ist das Sanktissimum, die Monstranz (siehe Zeichnung S. 128): die Sonne in der Mitte und der Mond, auf dem die Sonne darauf ist. Solange man wußte, daß es sich in dem Christus um ein Wesen von der Sonne handelt, hatte das seinen guten Sinn. Denn was ist denn das, was dadrinnen ist in der Monstranz? Das ist zusammengebackenes Mehl. Wodurch konnte dieses zusammengebackene Mehl entstehen? Es konnte dadurch entstehen, daß die Sonnenstrahlen auf die Erde fallen, daß die Sonne Licht und Wärme auf die Erde fallen läßt, daß Getreide wächst und aus dem Getreide das Mehl wird. Das ist also richtiges Sonnenprodukt. Es ist wirklich, wenn man es so ausdrücken will: Körper, vom Sonnenlichte gemacht. Solange man das gewußt hat, so lange hatte das Ganze einen Sinn.
Ferner: Beim Mond stellte man gerade diese Gestalt dar, weil einem da die Mondessichel als das Wichtigste vorkommt. Und ich habe Ihnen gesagt: Der Mensch hat die Kräfte, die ihm seine physische Gestalt geben, von den Mondenkräften. Das Ganze hatte einen Sinn, solange man wußte, wie diese Dinge sind. Aber diese Dinge verlieren allmählich ganz ihre Bedeutung. Ich will Ihnen eines sagen, woraus Sie ersehen können, welche Bedeutung solche Dinge haben.
Denken Sie, daß die Türken, also die Mohammedaner, wie ich Ihnen gesagt habe, wiederum den einen Gott bloß, nicht die drei Gestalten festgelegt haben; sie haben alles wiederum auf den Vatergott zurückgelegt. Was mußten sie denn da für ein Zeichen annehmen? Natürlich den Mond! Daher haben die Türken gerade ihr Bild: den Halbmond.
Die Christenheit müßte wissen, daß sie in diesem ihrem Zeichen dasjenige hat, wo die Sonne den Mond besiegt. Und das war hauptsächlich von den ersten Christen dargestellt worden: daß die Sonne den Mond besiegt hat durch das Mysterium von Golgatha. Was heißt das aber? Sehen Sie, jetzt geht ja eigentlich alles im Geistigen drunter und drüber! Denn wenn man versteht, was mit dem Sonnenbild gegeben ist, so sagt man sich: Derjenige, der von diesem Sonnenbild weiß, der nimmt an, daß der Mensch im Leben einen freien Willen hat, daß da noch etwas in ihn hineinkommen kann, was für das Leben eine Bedeutung hat. Derjenige, der nur an den Mond glaubt, der denkt sich, daß der Mensch mit der Geburt alles bekommen hat, daß er nichts mehr aus sich selber machen kann. Ja, das ist aber gerade der Fatalismus der Türken! Und die Türken wissen eigentlich noch etwas davon. In gewisser Beziehung sind die Türken gescheiter als die Europäer, denn die Europäer haben einmal die Sonne als ihr Zeichen gehabt, haben aber vergessen, was das für eine Bedeutung hat.
Nun, wenn Sie das bedenken, daß man im 6. Jahrhunderte von dem geistigen Christus eigentlich nichts mehr gewußt hat, dann werden Sie auch verstehen, warum man im Mittelalter - so im 10., 11., 12., 13. Jahrhundert, und dann etwas später - plötzlich anfängt, sich zu streiten: Was bedeutet denn eigentlich das, was man das Abendmahl nennt? - Das bedeutet nur für denjenigen etwas, der ein Bild vom Geistigen annimmt. Aber das haben die nicht mehr gekonnt; daher stritten sie sich jetzt. Die einen sagten: Auf dem Altar in der Kirche, da verwandelt sich wirklich das Brot in den Leib Christi. - Das glaubten die anderen nicht, weil sie sich nicht vorstellen konnten, daß das Brot, das hinterher doch geradeso ausschaut wie vorher, zu Fleisch geworden sei. Das konnten sie nicht verstehen. Und da entstanden denn jene mittelalterlichen Streite, die zu so furchtbaren Resultaten geführt haben. Denn diejenigen, welche gesagt haben: Uns ist es einerlei, ob man die Sache versteht oder nicht, wir glauben daran, daß das Brot wirkliches Fleisch ist - das war die eine Partei, die römische Katholiken geworden sind. Die anderen sagten: Das können wir nicht glauben, sondern es kann höchstens das, was da geschieht, die Bedeutung haben, die sinnbildliche Bedeutung haben. - Das waren diejenigen, aus denen dann das Evangelische geworden ist.
Und um diese Sache ging eigentlich alles dasjenige los, was im Mittelalter Religionskriege geworden sind, und was sich zu dem furchtbaren Dreißigjährigen Krieg vom Jahre 1618 bis 1648 zugespitzt hat. Begonnen hat dieser Dreißigjährige Krieg dadurch, daß Katholiken und Protestanten durcheinandergekommen sind. Bekanntlich hat ja der Dreißigjährige Krieg mit dem sogenannten Prager Fenstersturz angefangen. Die kaiserlichen Statthalter in Prag sind durch die Gegenpartei zum Fenster herausgeworfen worden; sie sind nur, trotzdem sie vom zweiten Stock heruntergefallen sind, so gut gefallen, daß es ihnen nichts gemacht hat, weil sie auf einen Misthaufen gefallen sind! Aber der Misthaufen war nicht aus Kuhoder Pferdemist, sondern aus Papierschnitzel und dergleichen, weil damals in Prag so eine Ordnung war, daß man Papierschnitzel, Kuverts und so weiter einfach zum Fenster herausgeworfen hat. Aber es hat dann gute Dienste getan, weil, als sich Katholiken und Protestanten stritten und die kaiserlichen Statthalter Martinitz und Slawata samt dem Geheimschreiber Fabricius zum Fenster herausgeworfen worden sind - das hat man in der damaligen Zeit öfters getan, das war etwas, was gar nicht so selten war -, dann alle drei gerettet worden sind. Aber eben damals ging der Dreißigjährige Krieg los.
Natürlich dürfen Sie nicht glauben, daß es sich im ganzen DreiRigjährigen Krieg nur darum gehandelt hat, Religionsstreiti auszufechten. Da würde wahrscheinlich doch der Dreißigjährige Krieg früher geendet haben. Was dann hinzukam, waren die Streitigkeiten der Fürsten. Die haben sich das zunutze gemacht, daß die Leute aufeinander losgingen. Der eine hat sich zu der einen, der andere zu der andern Partei geschlagen, und die haben dann unter dem Deckmantel der Religionsstreitigkeiten ihre Ziele verfolgt, so daß der Dreißigjährige Krieg eben dann dreißig Jahre gedauert hat. Aber ausgegangen ist er wirklich von dem, was ich Ihnen hier erzählte.
Nun, sehen Sie, bis zu diesem Dreißigjährigen Krieg, 1618 bis 1648, also bis ins 17. Jahrhundert hat es gedauert; das ist noch gar nicht so lange her, daß die Leute sich um solche Sachen gestritten haben. Und aus diesem Streit ist ja eigentlich der Protestantismus, ist die evangelische Kirche herausgewachsen.
Sie werden nun sagen: Ja, wenn aber der Geist eigentlich abgeschafft war, wie kannst du uns sagen, daß die protestantische, die evangelische Kirche von den drei Gottesgestalten den Geist angenommen habe? - Ja, meine Herren, darauf muß man schon sagen, daß die Evangelischen zwar nicht gewußt haben, daß sie den Geist anbeten, denn der Geist war eben eigentlich abgeschafft worden. Gewußt haben sie es nicht. Aber ich habe Ihnen ja schon öfter gesagt: Dasjenige, was man nicht weiß, kann deshalb doch da sein. Und es war schon ein Geistiges, wenn auch nicht ein sehr großes Geistiges in der evangelischen Kirche tätig. Nur haben die Evangelischen nichts davon gewußt. - Sehen Sie, wenn alles dasjenige nicht wäre, wovon zum Beispiel die Professoren nichts wissen, ja, wieviel wäre denn dann auf der Welt? Meine Herren, das ist es eben: Man muß sich klar sein, daß man von etwas schon sprechen kann, was der Mensch tut, auch wenn er nichts davon weiß! Und so darf man bei der Entstehung des Protestantismus schon davon reden, daß diese dritte Gestalt, der Geist, eigentlich das Wirksame war.
Sie sehen aber da förmlich den Materialismus entstehen! Die älteren Menschen im Christentum, die brauchten darüber nicht zu streiten, daß sich dieses plattgebackene Mehl physisch in wirkliches Fleisch verwandle, weil sie gar nicht daraufgekommen sind, so etwas zu denken. Erst als sie alles materiell denken wollten, ist auch das materiell gedacht worden. Das ist überhaupt sehr interessant. Der Materialismus hat nämlich zwei Gestalten: Zuerst hat man alle Geistigkeit materiell gedacht, und nachher hat man den Geist geleugnet. Das ist eigentlich der Weg, den der Materialismus nimmt.
Es ist nun interessant zu sehen, wie auch noch später, noch nach dem 6. Jahrhunderte, in Mitteleuropa eine viel geistigere Anschauung des Christentums vorhanden ist als später. Materialistisch ist das Christentum zuerst im Süden geworden. In Mitteleuropa gibt es zwei sehr schöne Dichtungen. Die eine Dichtung ist im Elsaß entstanden, im 9. Jahrhunderte, und heißt Otfrieds «Evangelienharmonie». Die andere Dichtung aber ist in Gegenden, die heute sächsisch sind, entstanden und heißt der «Heliand», Heiland. Wenn Sie den «Heliand» lesen, so wird Ihnen eines auffallen. Da werden Sie sich sagen: Nun, dieser Mönch - denn ein Mönch aus dem Bauerntum war es, der den «Heliand» geschrieben hat - hat wohl den Christus Jesus geschildert, aber er schildert ihn auf ganz besondere Weise; er schilderte ihn ungefähr so, wie die Deutschen einen Herzog schildern, der an der Spitze von deutschen Heeresmassen kämpfend einherreitet und seine Feinde besiegt. Wenn man den «Heliand» liest, fühlt man sich ganz in Deutschland, gar nicht in Palästina. Gewiß, es werden dieselben Ereignisse erzählt, die im Evangelium erzählt werden; aber sie werden so erzählt, als ob der Christus Jesus eigentlich ein deutscher Herzog, ein deutscher Fürst gewesen wäre. Und die Taten des Jesus werden auch so erzählt.
Ja, meine Herren, was bedeutet denn das? Das bedeutet, daß dem Manne, der den «Heliand» geschrieben hat, die äußeren Tatsachen, die man einmal in Palästina mit Augen sehen konnte, ganz gleichgültig waren; die hat er gar nicht treu schildern wollen. Das äußere Bild war ihm gleichgültig. Er wollte den geistigen Christus schildern und dachte sich: Es kommt nicht darauf an, ob er in der Menschengestalt eines deutschen Herzogs in der Welt herumreist oder in der Gestalt eines palästinensischen Juden. Also in der Zeit, als der «Heliand» entstanden ist, hat man in Mitteleuropa noch an den geistigen Christus wirklich geglaubt, war man noch nicht materialistisch geworden. Im Süden war das schon dazumal der Fall; die romanischen Völker, die griechischen Völker auch waren dazumal schon materialistisch geworden. Aber in Mitteleuropa war noch ein gewisser Sinn für das Geistige und daher schilderte dieser sächsische Mönch, der den «Heliand» geschrieben hat, eigentlich noch den Christus, nur eben in dem Bilde eines deutschen Herzogs. Daraus können Sie schon sehen, daß man selbst hier in Mitteleuropa die Möglichkeit findet, zu beweisen, daß der Christus zunächst ganz geistig vorgestellt worden ist, eben als der Sonnengeist, als den ich ihn schilderte.
Und wenn man dann eingeht auf den Charakter, den der Christus in diesem Heliand hat, dann findet man, daß hauptsächlich darauf gesehen wird, daß der Heliand, der Christus, in diesem sächsischen Buche ein «freier Mensch» ist, das heißt, das Sonnenhafte in sich hat, nicht bloß das Mondenhafte, also ein freier Mensch ist.
Es ist wirklich so, daß der ganze Zusammenhang des Christus mit der Welt außerhalb der Erde eben einfach vergessen worden ist und heute gar nicht mehr erkannt wird.
Nun möchte ich Ihnen aber noch etwas sagen. Wenn man wiederum zurückgeht zu jenen Mysterien, von denen ich Ihnen erzählt habe, daß sie im Altertum zugleich Unterrichtsstätten, Religionsstätten und Kunststätten waren, wenn man in diese alten Mysterien zurückgeht, so findet man, daß Feste gefeiert werden in diesen alten Mysterien, Feste, die mit dem Jahr zusammenhängen. Im Frühling wurde eigentlich immer das Fest der sogenannten Auferstehung gefeiert. Die Natur steht ja auch auf zur Osterzeit. Da wurde das Fest der Auferstehung gefeiert. Man sagte sich: Die menschliche Seele, die kann geradeso eine Auferstehung feiern wie die Natur. Die Natur hat den Vater. Im Frühling werden die Kräfte der Natur neu. Aber im Menschen, wenn er richtig auf sich achtet, wenn er an sich arbeitet, werden die Seelenkräfte neu. - Und das strebte man vorzugsweise in den alten Mysterien an - von den eigentlich wissenden Leuten, von den Leuten, von denen man sagte, sie haben Weisheit -, daß die Seele ein Erlebnis hat, das, ich möchte sagen, eine Art Frühlingserlebnis im menschlichen Leben ist. Sehen Sie, ein Frühlingserleben, wo man von sich sagen kann: Ach, was ich früher eigentlich gewußt habe, das ist alles nichts! Ich bin wie neugeboren! - Es kann einem einmal im Leben die Erkenntnis aufgehen, daß man wie neugeboren, das heißt aus dem Geiste heraus wiedergeboren ist. So sonderbar Ihnen das klingen wird: Im ganzen asiatischen Morgenlande hat man die Menschen unterschieden in solche, welche einmal geboren waren, und in solche, welche zweimal geboren waren. Man sprach überall von zweimal geborenen Leuten. Die einen, die nur einmal geboren waren, die waren durch die Mondenkräfte geboren, sind so geblieben ihr ganzes Leben hindurch. Die anderen, die Zweimalgeborenen, die waren in den Mysterien unterrichtet worden, hatten etwas gelernt und hatten gewußt: Der Mensch kann sich frei machen, der Mensch kann seinen eigenen Kräften folgen. - Aber das stellte man im Bilde dar.
Man kann weit, weit zurückgehen: Überall um die Frühlingszeit gibt es ein bestimmtes Fest, wo man in den Mysterien darstellte, wie ein Gott, der in Menschengestalt da ist, stirbt und begraben wird, und wiederum aufersteht nach drei Tagen. Das war eine wirkliche Darstellung, die in den alten Mysterien in der Frühlingszeit immer gegeben worden ist. Da kamen die Leute zusammen. Das Bild dieses Gottes in Menschengestalt war da. Man stellte dar, wie der Gott stirbt; man begrub das Bild. Nach drei Tagen wurde das Bild wiederum herausgenommen aus dem Grab und in feierlicher Prozession, in feierlichem Umzug durch die Gegenden getragen, und alle schrieen: Der Heiland ist uns wiedererstanden! - Während sie in den drei Tagen, in denen der Heiland bildlich im Grabe lag, eine Art Trauerfest hatten, folgte diesem Trauerfest ein Fröhlichkeitsfest.
Sehen Sie, meine Herren, das bedeutet viel; denn das bedeutet, daß dasjenige, was dann geschehen ist auf Golgatha, sich im Bild in den Mysterien immer, jedes Jahr, abgespielt hat.
Wenn nun in den Evangelien erzählt wird, daß auf Golgatha das Kreuz war, der Christus da gestorben ist, so ist das ein historisches Ereignis. Aber das Bild davon war dadurch das ganze Altertum. Und deshalb empfanden die ersten Christen dasjenige, wassich wirklich zugetragen hat, wie eine erfüllte Prophezeiung. Und sie sagten: Diejenigen, die in den alten Mysterien gelebt haben, das waren die Propheten desjenigen, was sich als Mysterium von Golgatha zugetragen hat.
Also Sie sehen: Auch im Altertum gab es gewissermaßen ein Christentum. Nur war das Christentum nicht das Christentum des Jesus Christus, sondern es war ein geistiges Christentum, das im Bilde gefeiert worden ist.
Sehen Sie, einer der wichtigsten Heiligen der katholischen Kirche ist der heilige Augustinus, der im 4. bis 5. Jahrhundert gelebt hat. Dieser heilige Augustinus war ja zunächst Heide, hat sich dann zum Christentum bekehrt und ist später einer der angesehensten Priester und Heiligen der katholischen Kirche geworden. Nun, in den Schriften dieses Augustinus finden Sie ein merkwürdiges Wort. Er sagt: Das Christentum war schon vor dem Jesus Christus da; die alten Weisen waren schon Christen, nur hat man sie noch nicht Christen genannt.
Ja, meine Herren, das ist etwas ungeheuer Bedeutendes, daß noch zur Zeit des Christentums zugegeben wird, daß eben dasjenige, was einmal in den alten Mysterien schon als Christentum vorhanden war, eben nur dargestellt worden ist durch Jesus Christus in der Zeit, in der man die Mysterien nicht mehr hatte, so daß es als ein einheitliches Ereignis für die ganze Erde verbleiben mußte.
Auch das Bewußtsein davon, daß ja das Christentum schon im alten Heidentum gelebt hat, auch das ist wiederum verlorengegangen. Der Materialismus hat ungeheuer viel von dem, was die Menschheit schon gefunden hat, eben einfach zerstört. Und in diesem Bilde, wo in der Frühlingszeit immer die Auferstehung des gestorbenen Menschengottes dargestellt worden ist, in diesem Bilde hat der Weise des Altertums sein eigenes Schicksal verbildlicht gesehen. Er hat gesagt: So muß ich werden; ich muß auch in mir eine Wissenschaft entwickeln, durch die ich mir sage, der Tod hat ja nur eine Bedeutung für dasjenige in mir, was durch Naturkräfte geworden ist, aber nicht für das, was später in mir zum zweiten Mal geworden ist, was ich mir durch meine eigenen Menschenkräfte erwerbe.
Es war in dem ersten Christentum noch etwas, wo sich die Menschen sagten: Der Mensch muß, um unsterblich zu sein, die Seele in sich während des Lebens erwecken; dann ist er im richtigen Sinne unsterblich. - Natürlich, gegen so etwas kam ja eigentlich eine falsche Anschauung nicht an. Aber gekämpft hat schon eine falsche Anschauung. Denn während in den ersten Jahrhunderten das Christentum so ausgebreitet worden ist, daß die Leute gesagt haben: Man muß die Seele des Menschen pflegen, damit die Seele des Menschen nicht stirbt -, hat später die Kirche eine andere Anschauung gepredigt: Sie wollte nicht mehr den Menschen für seine Seele sorgen lassen, sondern sie wollte selber für seine Seele sorgen! Immer mehr soll die Kirche für die Seele des Menschen sorgen, nicht die Menschen selber. Dadurch ist auch das herausgekommen, daß man eigentlich dasjenige im Menschen nicht mehr gesehen hat, wodurch für die Seele in der richtigen Weise gesorgt wird dadurch, daß in der Seele der Geist wiederum geboren wird, das Sonnenhafte wiederum geboren wird. - Nicht wahr, für das Sonnenhafte kann man nicht auf materialistische Weise sorgen. Wie würde man denn auf materialistische Weise für das Sonnenhafte sorgen? Ja, da müßte man eine Expedition ausrüsten und immer von der Sonne herholen dasjenige, was man dem Menschen geben sollte! Aber das kann man natürlich nicht. Und so stellte man das Ganze in einer falschen Weise dar.
Sehen Sie, meine Herren, alles, was ich Ihnen da sagen muß, zeigt Ihnen, wie im Laufe der Zeit eigentlich der Materialismus mehr und mehr um sich gegriffen hat und im Menschen Geistiges eigentlich gar nicht mehr verstanden hat. Heute ist es schon so, daß ja dieses Prinzip, nicht die Seele des Menschen für sich selber sorgen zu lassen, sondern die Seele von der Kirche besorgen zu lassen, noch nicht zur Ertötung der menschlichen Seele geführt hat. Wenn aber dasselbe Prinzip weiterleben würde, dann brauchte es jetzt nicht mehr lange, dann würden die Seelen mit den Körpern sterben. Heute leben die Seelen der Menschen noch; sie können noch aufgeweckt werden, wenn eine richtige Geisteswissenschaft kommt. In ein oder zwei Jahrhunderten würden sie das nicht mehr können, wenn nicht eine Geisteswissenschaft käme, wenn nur in der alten Weise fortgefahren würde.
Was würde denn geschehen, wenn der Materialismus bleiben würde? Ja, sehen Sie, nach und nach müßte dieser Materialismus über sich selber lachen; denn schon in der Erziehung muß man ja auf geistige Weise verfahren. Man kann gar nicht erziehen und unterrichten, ohne vom Geist zu sprechen. Aber wenn es wirklich so weit kommt, wie es jetzt schon an manchen Stellen ersichtlich ist, so wird der Materialismus entweder über sich lachen müssen, wenn er vom Geiste redet, oder er muß dann ehrlich werden.
Als ich und einige andere anthroposophische Freunde im Jahre 1922 auf dem Kongreß in Wien gesprochen hatten, kam nachher ein Artikel, der damit endete, daß der Verfasser sagte: Wir müssen den Kampf gegen den Geist führen! - Er wollte uns dadurch abtun, daß er sagte: Wir müssen den Kampf gegen den Geist führen! - Ja, wohin würde es denn dadurch kommen, daß man den Kampf gegen den Geist ehrlich weiterführen würde? Dann würde man sagen, wenn man ein Kind mit sechs Jahren ehrlich anfangen wollte zu erziehen: Donnerwetter, das ist ja Materie, das setzt ja den Geist voraus! Wollen wir doch lieber dem Kind ein Pülverchen oder etwas anderes verschreiben, damit seine Materie gewandelt wird; dann wird es gescheit, dann wird es etwas wissen! - Das ist dasjenige, was herauskommt, wenn der Materialismus ehrlich wird. Er müßte die Kinder in die Schule kommen lassen, und, wie man heute vielleicht gegen Pocken impft, so müßte ein Kind nach dem anderen mit der Gescheitheit geimpft werden; denn wenn die Gescheitheit materialistisch ist, so muß sie sich einimpfen lassen. Also es müßten die Menschenkinder mit der Gescheitheit geimpft werden. Das würde den Materialismus ehrlich machen. Denn wenn einer sagt, er denke nicht mit seiner Seele und seinem Geist, sondern mit dem Gehirn das Gehirn ist ein Stoff -, so muß man das Gehirn auch auf stoffche Weise, nicht auf geistige Weise gescheit machen. In solche furchtbaren Widersprüche würde der Materialismus hineinkommen. Da kann nur retten, daß man wiederum lernt, vom Geiste etwas zu wissen. Es mußte schon in unserer Zeit eine Geisteswissenschaft kommen, weil sonst die Menschenseelen ersterben würden.