Human History and the World Views of Civilized Nations
GA 353 — 20 May 1924, Dornach
Fünfzehnter Vertrag
Guten Morgen, meine Herren! Vielleicht hat sich auch für die heutige Stunde jemand etwas ausgedacht?
Frage: Wie sind die Wunder zu verstehen, von denen in der Bibel im Zusammenhange mit Moses erzählt wird - das Stillstehen des Meeres?
Dr. Steiner: Sehen Sie, das beruht ja weniger darauf, daß da ein plötzliches Wunder geschehen wäre, sondern darauf, daß Moses sehr kenntnisreich war. Er war nicht bloß dasjenige, als was er in der Bibel dargestellt wird, sondern er war tatsächlich ein Schüler der ägyptischen hohen Schulen, der Mysterien. Und in diesen Schulen lehrte man auch nicht nur über die geistige Welt, sondern von einem gewissen Gesichtspunkte aus über die natürliche Welt. Nun gibt es ja im Meere die Zeit der Ebbe und der Flut, eines solchen Steigens und eines wiederum Zurückgehens, und die Sache war eben diese, daß Moses den Übergang über das Rote Meer so anzustellen wußte, daß er mit seinen Leuten hinüberging zu einer Zeit, als das Meer zurückgegangen war und eine Sandbank, die dadurch sichtbar geworden ist, das heißt, bloßgelegt worden ist, benützt werden konnte, um hinüberzugehen. Also das Wunder besteht nicht darinnen, daß etwa Moses das Rote Meer zurückgedämmt und bekämpft hat, sondern darinnen, daß er tatsächlich mehr wußte als die anderen, daß er die Zeit in der richtigen Weise wählen konnte. Das haben die anderen nicht gewußt. Moses hatte sich die Sache ausgerechnet, so daß er gerade zur rechten Zeit ankam - er wußte, daß das so lange dauerte, beziehungsweise daß es schnell gehen mußte, damit man nicht wiederum vom Meer überrascht werde. Das alles kam natürlich den anderen als ein Wunder vor. Man muß überall bei diesen Dingen darauf sehen, daß eigentlich Kenntnisse den Sachen zugrunde liegen, nicht irgendwelche anderen Dinge, sondern Kenntnisse.
So ist es bei den meisten Dingen, die aus alten Zeiten berichtet werden. Das Volk wunderte sich darüber, weil es die Sache nicht verstand, nicht wußte. Aber dann, wenn man weiß, daß es auch in alten Zeiten sehr gescheite Leute gegeben hat, dann kann man sich ja die Dinge erklären. Sonst ist an diesen Sachen nicht viel zu erklären.
Vielleicht hat noch jemand eine Frage?
Frage: Kann die geistige Kultur, welche von Tibet in das übrige Asien hineinfließt, diesen Menschen noch genügen, oder fällt sie ganz in die Dekadenz?
Dr. Steiner: Nun, sehen Sie, die Kultur von Tibet, die ist eine sehr alte Kultur, und zwar eine Kultur, die eigentlich noch aus der alten atlantischen Zeit kommt. Sie müssen sich nur vorstellen, daß es einmal eine Zeit gegeben hat, da war Europa zum größten Teil unter Wasser, und das Wasser nahm erst ab gegen Asien hin. Dagegen war Land an der Stelle, wo heute der Atlantische Ozean ist. Wo wir heute zwischen Europa und Amerika nach Amerika hinüberfahren, da war Land. Das ist also eben eine alte Zeit gewesen, in der Landflächen und Wasserflächen in einem ganz anderen Verhältnis waren als heute.
Nun aber, in der Zeit, die um fünf, sechs, sieben Jahrtausende zurückliegt, war in Asien drüben auch dieselbe Kultur wie auf diesem atlantischen Kontinent, der also an der Stelle war, die heute zwischen Europa und Amerika mit Meer bedeckt ist. Da drüben in Asien gab es dazumal eine Kultur, die erhalten geblieben ist in den Klüften, in den unterirdischen Höhlen von Tibet. Diese atlantische Kultur ist ja, als zwischen Europa und Amerika das Meer kam und Europa sich heraufhob, natürlich da ganz versunken; aber in Tibet drüben hat sie sich erhalten. Aber nun ist ja diese Kultur eigentlich nur passend gewesen für jene alten Zeiten, wo die Menschen unter ganz anderen Bedingungen lebten als heute. Sie müssen sich nur vorstellen, daß dazumal die Luft nicht so war wie heute, daß der Mensch nicht so schwer war wie heute, sondern daß der Mensch ein viel geringeres Gewicht hatte, daß die Luft viel dichter war. Eigentlich war dazumal die Luft immer mit einem dicken Nebel durchsetzt, der es möglich machte, daß man überhaupt in einer ganz anderen Weise lebte.
Nun, Schreiben und Lesen oder so etwas gab es dazumal nicht, sondern man hatte Zeichen. Diese Zeichen setzte man nicht aufs Papier. Das Papier gab es ja nicht. Man setzte sie aber auch nicht aufs Pergament, sondern man kratzte sie ein in Felsen. Diese Felsen, die waren ausgehöhlt worden von den Leuten, und in das Innere dieser Höhlen kratzten sie dann, wie man es nannte, ihre Geheimnisse ein; so daß man eigentlich diese Zeichen, die sie machten, verstehen muß, wenn man dasjenige wissen will, was diese Leute sich vorgestellt haben.
Nun können Sie fragen: Wie kommt es denn, daß diese Leute das so verborgen gehalten haben? Ja, wissen Sie, die älteste Baukunst bestand überhaupt nicht darinnen, daß man äußerlich baute, sondern zunächst grub man in die Felsen hinein, und man machte im Fels Wohnungen. Das ist also die älteste Form der Baukunst. Man braucht sich ja nicht zu verwundern, daß die älteste Form der Baukunst da auch in Tibet so ist. Aber solch eine Kultur kommt eben nach und nach durchaus in die Dekadenz, in den Untergang hinein. Und dasjenige, was dann in Tibet später entstanden ist, das ist durchaus so, daß man es in der gegenwärtigen Zeit nicht mehr eigentlich gebrauchen kann, denn die tibetanische Kultur ist älter als die indische Kultur. Die indische Kultur ist erst, nachdem die Erde die Gestalt angenommen hat, die sie heute hat, entstanden. Die tibetanische Kultur ist also ganz alt. Und diese tibetanische Kultur, die hat aufbewahrt in einer schlechten Form, was vorher in einer verhältnismäßig guten Form vorhanden gewesen war. So ist namentlich das Herrscherprinzip in Tibet in einer recht wenig erfreulichen Form ausgebildet worden. In Tibet ist es so, daß derjenige, der Herrscher sein soll, eigentlich eine göttliche Verehrung genießt; und diese göttliche Verehrung, die bereitet man im Grunde schon vor. Man wählt dort eigentlich, ich möchte sagen, auf eine übersinnliche Weise. Der Dalai Lama, der also als Herrscher ausersehen ist, der kommt in der Weise zustande, daß lange vorher, wenn noch der alte Dalai Lama da ist und man merkt: Nun, dieser alte Dalai Lama kann bald sterben -, eine Familie irgendwo bestimmt wird, und man sagt: Aus dieser Familie muß der neue Dalai Lama hervorgehen. - So war es in Tibet in früheren Zeiten. Nicht etwa war eine erbliche Herrschaft. Das war nicht der Fall, sondern eine Priesterschaft, die in Wirklichkeit eigentlich herrscht, bestimmt eine neue Familie, aus der ein Dalai Lama hervorgehen sollte.
Nun, nicht wahr, wenn in dieser Familie ein Kind geboren wurde, so bewahrte man es auf, bis der alte Dalai Lama starb. Sie können sich denken, daß damit der größte Unfug getrieben worden ist. Man hat einfach, wenn einem der alte Dalai Lama nicht mehr gepaßt hat, ein Kind gesucht und gesagt: In diese Seele muß nun die Seele des alten Dalai Lama hineinfahren. Dazu mußte er aber erst sterben. Das haben die Priesterschaften schon besorgt zur rechten Zeit, und es ist dann für den Glauben des Volkes die Seele des alten Dalai Lama in das Kind eingezogen gewesen. Auf diese Weise haben die Leute es dazu getrieben, daß tatsächlich das ganze Volk geglaubt hat: Dieselbe Seele, die in irgendeinem Dalai Lama drinnen ist, war schon in dem Dalai Lama vor vielen tausend Jahren. Es ist immer dieselbe Seele, dachten sie. Es ist eigentlich für die Leute immer derselbe Dalai Lama gewesen; er hat nur den äußeren Körper gewechselt.
So war es nicht in der alten Kultur, die früher da war; sondern das ist schon ein ganz außerordentlicher Unfug, der da entstanden ist. Sie können aber daraus ersehen, daß es der Priesterschaft nach und nach darauf angekommen ist, die Dinge so zu betreiben, daß ihre Herrschaft gesichert war.
Das hindert aber nicht, daß trotzdem, wenn es gelingt, diese Zeichen, die da eingegraben sind in die Felsen, zu denen aber die Europäer nur in den allerseltensten Fällen Zutritt bekommen haben, zu enträtseln, man auf große naturwissenschaftliche Geheimnisse kommt, die die Menschen in der alten Zeit einmal gehabt haben. Das ist also schon wiederum richtig, daß man auf große naturwissenschaftliche Geheimnisse kommt, die die Menschen in der alten Zeit gehabt haben, und es würde sich nur darum handeln, daß diese Kenntnisse in einer neuen Form gefunden würden.
Nun ist es ja so: Nicht wahr, dieselben Kenntnisse, die da einmal da waren, die wie im Traumnebel an die Leute herangekommen sind, diese selben Kenntnisse sollen ja durch Anthroposophie wiederum unter die Leute kommen. Aber das kann nicht im Orient geschehen. Sehen Sie, im Orient wird niemals auf dieselbe Weise wie hier in Europa ein neues Wissen, eine neue Erkenntnis zustande kommen, weil der orientalische Körper nicht dazu geeignet ist. Die Versuche, die man machen muß, um zu solchen Dingen zu kommen, wie ich es Ihnen jetzt eben erzähle, die sind eben nur im Westlichen und nicht im Östlichen gangbar. Aber der Orientale ist in einem ganz andern Maße noch konservativ, als der Europäer konservativ sein kann; er will nichts Neues haben, und deshalb macht auf ihn natürlich dasjenige, was wir in Europa hier machen, keinen besonderen Eindruck. Wenn man ihm dagegen sagen kann: Aus den alten Krypten, so nennt man diese Felsenhöhlen, da kommen bedeutsame Weisheiten zutage, und das ist alt -, dann macht das auf ihn einen ganz gewaltigen Eindruck. Ein bißchen etwas davon haben ja auch die Europäer: Sie brauchen sich nur die Freimaurerlogen der höheren Grade anzusehen, wenn man in die hineinkommt! Für Anthroposophie, nun, da interessieren sie sich ein bißchen, weil sie sich jaauch um übersinnliche Dinge bekümmern; aber gar stark gehen sie nicht auf die Sache ein. Wenn man ihnen dagegen sagt: Das hat man gefunden, das war eine alte ägyptische Weisheit oder eine alte hebräische Weisheit -, da sind sie froh! Da gehen sie gleich darauf ein, weil die Menschen schon einmal so sind, daß das, was neu gefunden wird, auf sie keinen rechten Eindruck macht; dagegen dasjenige, was uralt ist, auch wenn es nicht verstanden wird, ist das, was auf die Leute einen ganz beträchtlichen Eindruck macht. Daher kann man schon annehmen, daß es sich durchaus, weil es sich um uralte Weisheiten handelt, die in Tibet gefunden werden können, schon darum handeln kann, damit einen gewissen Aufschwung wiederum zu erzielen. Denn viele Sachen sind ja auch den Asiaten verlorengegangen, weil eben die bedeutendste asiatische Kultur, die indische Kultur, erst nachher begründet worden ist. Also vieles von dem, was die Asiaten nicht wissen, könnte schon in Tibet gefunden werden. Nun haben ja die Leute dort nicht recht die Möglichkeit, die Sache ordentlich zu verbreiten, denn die alte tibetanische Priesterherrschaft hat nichts getan zur Verbreitung; die wollten die alte Herrschaft nur selber behalten. Wissen ist eben Macht, wenn es geheimgehalten wird. Und als die Europäer nach Tibet kamen, da verstanden sie die Sachen nicht. Also es ist nicht viel Aussicht vorhanden, daß die wirklichen tibetanischen Wahrheiten verbreitet werden können; sie leben fort in alten Traditionen. Denn die Sache ist doch so, daß vieles eben auf die Nachwelt gekommen ist, und daß man schon eine Vorstellung davon haben kann, was da eigentlich verborgen ist. Aber eine eigentliche Verbreitung kann man sich schwer denken. Dekadent, wie Sie in der Fragestellung sagen, ist schon die Sache; aber wenn man zurückgeht auf das, was in den Krypten steht, und nicht auf das, was die Priesterschaft sagt, dann wird man schon etwas Außerordentliches herausbekommen können. Nur wird es ganz außerordentlich schwer gelingen, es zu entziffern. Ohne Anthroposophie ist das schwer zu finden. Anthroposophie kann es entziffern, braucht es aber nicht, weil sie die Sache selber findet.
Frage: Wie könnte Europa etwas tun, um eine solche abwärtsgehende Zeitströmung in Asien wiederum aufwärtszubringen?
Dr. Steiner: Das ist nun eine sehr schöne Frage! Denn sehen Sie, wenn Europa nicht etwas tut, dann muß eben da die Welt abwärtsgehen! Denn in Asien drüben ist es so - das geht ja aus den Worten hervor, die ich eben gesagt habe -, daß die Leute am alten festhalten, aber eben keinen Fortschritt kennen. Sie sehen das an China. China ist auf derselben Stufe, auf der es vor Jahrtausenden gestanden hat. Vieles haben die Chinesen vor Jahrtausenden gehabt, was in Europa viel später erst entdeckt worden ist: Papier, Buchdruckerkunst und so weiter haben sie dort schon gehabt. Aber sie nehmen nicht Fortschritte an, sondern sie behalten es in der alten Form.
Die Europäer wiederum, wenn sie über Asien kommen, was tun sie dann? Nicht wahr, die Engländer haben den Chinesen das Opium gebracht und solche Dinge, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts! Aber die Europäer haben eigentlich bis jetzt nichts Rechtes getan, um in Asien irgendwie rechtes Geistesleben zu verbreiten. Es ist auch schwer, weil die Leute das einfach nicht annehmen.
Sehen Sie, da ist es interessant: Sie wissen ja, es gibt da auch europäische Missionare; die gehen hinüber mit der europäischen Religion, europäischen Theologie und wollen in Asien drüben europäische Kultur verbreiten. Ja, das macht auf die Asiaten gar keinen Eindruck! Denn da schildern ihnen dann diese Missionare einen Christus Jesus, wie sie ihn sich vorstellen. Da sagt der Asiate: Ja, wenn ich auf meinen Buddha hinschaue, der hat viel vorzüglichere Eigenschaften! - Also das imponiert ihnen gar nicht. Es würde ihnen erst imponieren, wenn man den Jesus Christus so darstellte, wie er hier in diesen Vorträgen vor einiger Zeit - auch auf Fragen von Ihnen hin - vorgestellt worden ist. Dann würde das natürlich einen Eindruck machen. Aber es würde dem noch immer gegenüberstehen, daß der Asiate eben konservativ ist, reaktionär ist, und daß er zunächst mißtrauisch ist.
Es ist auch sehr merkwürdig, meine Herren: Sehen Sie, es gibt einzelne Schüler von den alten Weisheiten. Diese Schüler in Asien drüben, die haben von tibetanischen Gelehrten, Weisen, tibetanischen Eingeweihten etwas gelernt. Die Eingeweihten selber befassen sich mit den Europäern nicht; aber Schüler haben sich immerhin mit ihnen befaßt. Ja, da ist man manchmal ganz außerordentlich erstaunt. Ich habe Ihnen ja manches schon gesagt, was Sie verwundert haben wird, wie der Einfluß des Weltenalls auf den Menschen ist. Wenn man das wirklich erforschen will, da gehört sehr viel Zeit dazu. Ich kann wirklich sagen: Manches von dem, was ich Ihnen heute sagen kann, hat vierzig Jahre gedauert, bis ich es sagen konnte! Denn man kann das nicht von heute auf morgen finden, sondern das muß man durch Jahre hindurch finden. Nun findet man solche Dinge. Man findet zum Beispiel das, was ich Ihnen erzählt habe über den Mond, daß er eine Bevölkerung hat, die mit der Erdenbevölkerung das zu tun hat, daß die Fortpflanzung dadurch geregelt wird. Ja wirklich, meine Herren, das findet man nicht auf den Wegen, die die gegenwärtige Wissenschaft geht; das findet man auch nicht von heute zu morgen, sondern das findet man eben im Lauf vieler Jahre. Es ist so! Dann hat man es. Ja, aber dann, wenn man es hat, dann geht einem plötzlich ein merkwürdiges Licht auf über dasjenige, was die Schüler der orientalischen Eingeweihten sagen. Vorher versteht man das gar nicht. Die Leute reden, sagen wir, von Geistern des Mondes und ihrem Einfluß auf die Erde. Die europäischen Gelehrten sagen: Das ist ja alles Unsinn, was die sagen! Wenn man aber selber daraufkommt, sagt man nicht mehr, das ist ein Unsinn, sondern man ist nur erstaunt darüber, was diese alten Köpfe vor vielen tausend Jahren eben schon gewußt haben, und was der Menschheit wiederum verlorengegangen ist! Das ist sogar ein großer Eindruck, den man bekommen kann: Man erforscht selber diese Dinge mit ungeheurer Mühe, und dann kommt man darauf, daß das schon einmal gewußt worden ist, und nur in einer heute unverständlichen Weise manchmal selbst von denen, die es sagen, gar nicht verstanden - aus alten Zeiten herübergekommen ist. Also einen gewissen Respekt kann man schon bekommen, einen großen Respekt, eine große Achtung vor demjenigen, was da einmal da war.
Nun wäre es notwendig, wenn die Europäer in Asien drüben etwas tun wollten, daß sie sich zunächst natürlich mit der Anthroposophie beschäftigten! Denn auf eine andere Weise werden sie da gar nichts zu tun bekommen. Die heutige europäische Wissenschaft und Technik, die imponiert den Asiaten nicht, denn die heutige europäische Wissenschaft betrachten sie als kindisch, als etwas, was sich nur im Äußerlichen hält, und die äußerliche europäische Technik dafür haben sie keinen Bedarf. Sie sagen: Warum sollen wir uns an Maschinen stellen? Das ist unmenschlich! - Das imponiert ihnen gar nicht, und sie betrachten es als einen Eingriff in ihre Rechte, wenn man Eisenbahnen und Fabriken drüben baut; das tun die Europäer. Das hassen die aber dort eigentlich. So kann man wiederum nicht vorgehen. Man muß auch etwas lernen von den alten Zeiten. Und in alten Zeiten hatte man tatsächlich einen gewissen Geist dafür, wie man vorgehen soll.
Sehen Sie, warum sollte es der heutigen europäischen Kultur nicht gelingen, in Asien drüben etwas zu tun? Es ist ja einem Menschen gelungen, in Asien drüben mit der griechischen Kultur etwas zu tun! Das war im 4. Jahrhundert vor der Begründung des Christentums: Dem Alexander dem Großen ist es gelungen. Alexander der Große hat vieles von der griechischen Kultur doch nach Asien hinübergebracht. Das ist jetzt dort drinnen. Das ist sogar auf dem Umweg von Spanien durch die Araber und durch die Juden wiederum nach Europa gekommen, was da Alexander nach Asien hinübergebracht hat! Aber wodurch ist es denn Alexander dem Großen gelungen, diese Sachen überhaupt nach Asien hinüberzubringen? Nur dadurch, daß er nicht so vorgegangen ist wie die heutigen Europäer. Die Europäer betrachten sich als die gescheiten Leute, als die absolut gescheiten Leute. Wenn sie nun irgendwo anders hinkommen, so sagen sie: Die sind ja alle dumm; also müssen wir ihnen unsere Weisheit bringen. - Ja, damit können die anderen gar nichts anfangen. Das hat Alexander nicht getan; sondern der ging zunächst ganz auf das ein, was die Leute hatten. Der hat nur ganz langsam, in kleiner Weise in das, was die anderen hatten, etwas hineinfließen lassen, hat geschätzt und geachtet, was die anderen hatten.
Und das ist überhaupt das Geheimnis, irgendwo etwas hineinzubringen! Trotzdem gegen die Engländer so viel zu sagen ist, trotzdem es zum Beispiel ein trauriges Kapitel ist in der englischen Geschichte, daß die Engländer das Opium zum Beispiel aus lauter Egoismus nach China gebracht haben, um Geschäfte damit zu machen, und trotzdem vieles andere zu sagen ist gegen die Engländer, muß man doch das sagen: Nicht gerade auf geistigem Gebiet, aber auch da sogar - aber namentlich auf wirtschaftlichem Gebiete wissen die Engländer immer zu achten, was bei den Völkern, zu denen sie kommen, üblich ist. Sie wissen das einfach zu achten! Am wenigsten wissen das zu achten zum Beispiel die Deutschen. Die Deutschen sind deshalb unglücklich in allem Kolonisieren, weil sie sich gar keine Gedanken darüber machen, wie es ausschaut bei denjenigen Menschen, bei denen sie ihre Kolonien haben wollen. Über Hals und Kopf sollen die das annehmen, was die Deutschen selber in der Mitte von Europa haben! Das geht natürlich nicht. Deshalb ist es ja auch so, daß die Entwickelung diesen Weg gemacht hat: England ist glücklich in der Behauptung seiner Kolonien, wenn auch die Kolonisten revoltieren und alles mögliche - wirtschaftlich behält doch England immer die Oberhand. Also die Engländer verstehen immerhin auf die Natur und auf das Wesen fremder Völker einzugehen. Die Engländer führen ja auch ganz anders Kriege, als zum Beispiel die Deutschen sie führen. Wie stellt sich der Deutsche vor, daß irgendwo ein Volk bekriegt werden soll? Ich will jetzt gar nicht gegen den Krieg reden, sondern nur erzählen, wie sich die Deutschen das vorstellen: Nun, da muß man eben losziehen und dieses Volk besiegen. - Das tun die Engländer nicht, sondern sie schauen zunächst zu, putschen eher noch ein anderes Volk auf und lassen sich die untereinander zerschlagen, und sie schauen zu, so lang es nur irgend geht, das heißt, sie lassen die Menschen untereinander fertig werden. So hat sich die Geschichte immer gegeben. Dadurch ist ja gerade dieses englische Weltreich begründet worden. Die anderen, nicht wahr, wissen niemals eigentlich, wie der Hase läuft. Die Engländer haben einen gewissen Instinkt dafür, dasjenige, was die Eigentümlichkeit der fremden Völker ist, doch zu achten. Dadurch ist es ja den Engländern gelungen, eine so kolossale wirtschaftliche Übermacht zu erlangen. In England wäre es sicher keinem Menschen eingefallen, das zu tun, was man jetzt in Deutschland gemacht hat, nämlich Rentenmark einzuführen. Selbstverständlich ist jetzt in Deutschland die größte Geldnot. Kein Mensch hat Geld. Aber wie die Rentenmark gemacht worden ist - das sogenannte wertbeständige Geld -, da haben die Leute das als etwas furchtbar Gescheites betrachtet! Es war natürlich das Dümmste, was man hat tun können. Denn solange in England jedes Papiergeld durch Gold gedeckt ist, geht es nicht anders, als daß man das in der ganzen Welt macht im Wirtschaftlichen: für jedes Papiergeld Golddeckung zu haben. Macht man Geld, wofür keine Golddeckung da ist, so muß dieses Geld entweder sofort an Wert heruntergehen, das heißt, die Valuta muß sinken, oder wenn man es künstlich macht, wie man es jetzt mit dem wertbeständigen Geld macht, dann werden eben die Waren um so teurer. Nicht wahr, nun hat man eine Rentenmark in Deutschland; die ist immer eine Mark wert. Ja, aber, meine Herren, da kriegt man nur so viel, als man früher für fünfzehn Pfennige gekriegt hat, also ist sie in Wirklichkeit doch nicht mehr wert als fünfzehn Pfennig. Daß sie nicht sinkt, daß sie «Wertbeständigkeit» hat, das ist ja nur eine Täuschung. Und so ist es: Man denkt in Deutschland, aber man hat keinen Sinn dafür, die Wirklichkeiten zu beachten.
Sehen Sie, da gibt es eine recht nette Anekdote, wie die verschiedenen Völker Naturgeschichte, sagen wir zum Beispiel von einem Känguruh, studieren, oder von irgendeinem andern Tiere, das in Afrika ist. Der Engländer macht eine Reise nach Afrika - wie ja Darwin überhaupt, um zur Naturwissenschaft zu kommen, seine Weltreise gemacht hat, und betrachtet das Tier da, wo es wirklich lebt. Da kann er sehen, wie es lebt, wie seine Naturbedingungen sind. Der Franzose, der trägt dieses Tier fort von der Wüste in den Zoologischen Garten. Er studiert es im Zoologischen Garten; er betrachtet nicht das Tier in seiner natürlichen Umgebung, sondern im Zoologischen Garten. Aber der Deutsche, was tut denn der? Der kümmert sich überhaupt nicht um das Tier, wie es ausschaut, sondern er setzt sich in seine Studierstube, fängt an nachzudenken. Das Ding an sich interessiert ihn ja nicht - nach der Kantschen Philosophie, wie ich Ihnen neulich gesagt habe -, sondern nur, was in seinem Kopfe ist. Dann denkt er sich genügend lange etwas aus. Und nachdem er genügend lange nachgedacht hat, sagt er etwas. Aber das stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein.
Aber nun ist das mit Bezug auf die Engländer auch nur verhältnismäßig. Denn wie in alten Zeiten verfahren worden ist, auf den Menschen zu wirken, so versteht das heute in Europa kein Mensch mehr - wie Alexander der Große scheinbar alles gelassen hat, wie es war, und nur ganz zizerlweis, langsam dasjenige, was er von Griechenland nach Asien hinzubringen hatte, tat. Das versteht kein Mensch mehr in Europa. Das müßten sich aber die Europäer wieder angewöhnen. Daher wäre das erste, was die Europäer lernen müßten, nicht bloß hinzutragen nach Asien das, was die schon haben, sondern die Europäer sollten vor allen Dingen ganz aufmerksam lernen, was die Asiaten wissen; dann würden sie zum Beispiel das, was tibetanische Weisheit ist, dann wissen. Dann würden sie es nicht in der alten Weise den Leuten sagen, sondern in der neuen Weise, würden aber das benutzen, was tibetanische Weisheit ist. Und dann würden sie, wenn sie die Kultur der anderen achten würden, damit etwas erreichen. Das ist dasjenige, was Europa gerade lernen muß. Europa ist eigentlich ein großes Theoriengebäude. Europa theoretisiert, hat eigentlich im Grunde genommen keine Praxis. Es ist schon so! Europa macht auch Geschäfte auf theoretische Weise, bloß dadurch, daß die Sachen ausgedacht werden. Das geht dann eine Zeitlang. Das geht immer nicht auf die Dauer. Aber Europa ist namentlich in der Ausbreitung der Geisteskultur höchst unglücklich, weil es gar nicht versteht, irgendwie einzugehen auf die anderen. Auch da muß die Geisteswissenschaft eine Sinnesänderung bringen. Aber wie geht das heute noch zu? Sehen Sie, meine Herren, es handelte sich gerade bei der Anthroposophie darum, ganz im Sinne einer Lebenspraxis, einer richtigen Praxis zu handeln. Nun, man muß doch irgendwo anfangen. Was habe ich selber getan, meine Herren? Ich habe einmal über Nietzsche geschrieben - da haben die Leute geglaubt, jetzt sei ich ein Anhänger Nietzsches. Hätte ich so geschrieben, wie es die Leute hätten haben wollen nach so manchen Ansichten, so hätte ich geschrieben: Nietzsche ist ein großer Narr, Nietzsche hat diese und jene Narrheiten behauptet, man muß Nietzsche bekämpfen bis aufs Messer und so weiter. Ich würde eine gegnerische Schrift gegen Nietzsche geschrieben haben; da hätte ich fein schimpfen können, fast so stark, wie Nietzsche selber geschimpft hat - aber es würde gar nichts genützt haben, es würde gar keinen Wert gehabt haben! - Ich bin eingegangen auf die Nietzschesche Lehre; ich habe das dargestellt, was Nietzsche selber gesagt hat, und ließ nur da hineinfließen dasjenige, was Anthroposophie ist. Heute kommen die Leute und sagen: Der war früher Nietzsche-Anhänger, jetzt ist er Anthroposoph. - Gerade weil ich Anthroposoph bin, ist über Nietzsche so geschrieben worden, wie es von mir geschrieben worden ist! Dann habe ich über Haeckel geradeso geschrieben. Ich hätte natürlich schreiben können: Haeckel ist ein krasser Materialist, der versteht gar nichts vom Geist und so weiter. Ja, meine Herren, wiederum wäre damit nichts getan gewesen; sondern ich habe den Haeckel genommen wie er ist, habe es überhaupt mit allem so gemacht, habe nicht verleugnet die Sachen, aber eben die Dinge so genommen, wie sie sind. Und damit fing wenigstens durch die Anthroposophie dasjenige an, was man nun, wenn man die Kultur nach Asien hinübertragen müßte, da tun müßte! Man müßte, wenn man nach Indien geht, vor allen Dingen genau wissen: Das ist von den alten Brahmanen behauptet worden -; das wird von den Buddhisten behauptet. Man muß den Leuten dann Buddhismus und Brahmanismus vortragen, aber da hineinfließen lassen dasjenige, was man für das Richtige hält. So haben es zum Beispiel die Schüler von Buddha selber gemacht. Die Schüler von Buddha haben noch, kurz bevor das Christentum entstanden ist, in Babylon drüben am Euphrat und Tigris den Buddhismus ausgebreitet, aber eben so, wie ich es Ihnen jetzt erzählt habe, indem sie durchaus zu den Menschen so gesprochen haben, daß die etwas verstehen konnten. Im Altertum kam es einem nämlich gar nicht darauf an, so die Theorien durchzudrücken, bloß eigensinnig zu sein. Die Asiaten verstehen gar nicht den europäischen Eigensinn. Es ist durchaus so, daß zum Beispiel das Verhältnis von den Brahmanen zu den Buddhisten nicht so ist wie das zwischen den Katholiken und Protestanten. Katholiken und Protestanten betreiben heute ihre Lehre ganz theoretisch: Der eine glaubt das, der andere etwas anderes. Zwischen den Brahmanen und Buddhisten ist kaum ein anderer Unterschied, als daß die Brahmanen den Buddha nicht verehren und die Buddhisten ihn verehren. Und so kommen sie eigentlich in ganz anderer Weise miteinander aus, als Evangelische und Katholische in Europa miteinander auskommen.
Es ist nun schon so, daß man einen Sinn haben muß für die Wirklichkeit, wenn man Kultur verbreiten will! Man kann förmlich Blut schwitzen, möchte ich sagen, wenn man heute gewahr wird, wie die Europäer in Asien drüben wirtschaften. Dabei geht auch alles, was Asien hat, zugrunde, und heraus kommt gar nichts dabei. Nun ist natürlich allerdings das eigentliche Elend dieses, daß Europa selber im Elend ist und daß man sehr schwer sich denken kann, wie Europa aus diesem Elend herauskommen soll. Es ist ja das große Elend dieses, daß Europa jetzt selber im Niedergang ist, daß Europa aus allen den Kulturschäden, in denen es drinnen steckt, nicht eigentlich recht herauskommen kann, wenn sich die Leute nicht dazu entschließen, eine wirkliche Geisteskultur anzunehmen. Das glauben heute noch viele nicht. Und so ist es heute so, daß alle Leute, die etwa von Asien nach Europa gekommen sind, wirklich gefunden haben: Diese Europäer sind eigentlich alle Barbaren.
Sie haben das wahrscheinlich auch gehört, daß allerlei Asiaten, kultivierte Asiaten, gescheite Asiaten, in Europa herumziehen; aber die haben alle die Meinung, daß die Europäer eigentlich Barbaren sind. Und das haben sie aus dem Grunde, weil eben so viel sich noch in Asien erhalten hat von der alten Wissenschaft vom Geist, von der alten Erkenntnis vom Geist, daß das, was die Europäer wissen, den Leuten kindisch vorkommt. Alles das, was so bewundert wird in Europa, das kommt den Leuten in Asien furchtbar kindisch vor!
Sehen Sie, die Europäer haben sich eben so entwickelt, daß selbst ihre großen technischen Fortschritte eigentlich alle furchtbar jung sind. Interessant zum Beispiel ist ja dieses: Wenn Sie in gewisse Museen gehen, wo aus alten europäischen Zeiten Überreste sind, da können Sie manchmal furchtbar staunen. Sie können zum Beispiel staunen, sagen wir, in etruskischen Museen, wo die Überreste von dem sind, was etruskische Kultur war, also eine Kultur, die einmal in Europa war, wie die Leute geschickt waren zum Beispiel in der Zahnbehandlung. Die haben schon ganz geschickt die Zähne behandelt, eine Art Plomben eingesetzt, und das aus Stein! Das alles ist in Europa zugrunde gegangen, und es trat in Europa eine Barbarei ja wirklich ein. Zu der Zeit, in der man von der Völkerwanderung spricht - im 3. bis 7. nachchristlichen Jahrhundert -, war in Europa alles eigentlich barbarisiert. Und nach dieser Zeit erst sind die Dinge wiederum erobert worden. Natürlich wundert man sich heute furchtbar darüber, was alles errungen worden ist! Aber die Dinge waren eben schon einmal da. Woher sind sie dazumal gekommen? Dazumal sind sie mehr oder weniger aus Asien doch herübergekommen! Die Asiaten haben dann auch die äußere Technik, die sie gehabt haben, verloren. Die Chinesen haben noch einiges davon. Aber in der geistigen Kultur selber sind eben die Asiaten den Europäern in Wirklichkeit auch heute noch voraus. Und wenn wir in Europa nichts Besseres finden können als dasjenige, was die Asiaten in der geistigen Kultur haben, warum soll man denn überhaupt in Asien drüben Missionen und dergleichen Zeug haben? Das ist ja gar nicht notwendig!
Also einen Sinn bekommt die Kulturausbreitung in Asien erst wiederum dann, wenn Europa selber eine Geisteswissenschaft hat. Wenn Europa den Asiaten Geisteswissenschaft geben kann, dann werden die Asiaten sich vielleicht auch gefallen lassen, daß man ihnen die europäische Technik bringt. Aber jetzt, nicht wahr, nehmen sie nur wahr, daß die Europäer überhaupt außer dieser Technik nichts kennen. Und es ist gerade unter den Asiaten so, daß es auf sie einen großen Eindruck macht, wenn sie zum Beispiel nach Deutschland kommen - wenn so ein richtiger Asiate, der gebildet ist, gelehrt ist, in das heutige Deutschland kommt; man hat es zum Beispiel bei gut gebildeten chinesischen Gelehrten gesehen: Wenn die nach Deutschland kommen und man erzählt ihnen von Goethe und Schiller - da passen sie auf! Da sagt der Gelehrte nur: Ja, Goethe und Schiller waren zwar nicht so gescheit, nicht so weise, wie die alten asiatischen Persönlichkeiten waren, aber immerhin, da war etwas von Geistigkeit. - Aber rasch hat im 19. Jahrhundert das alles abgenommen, rasch ist das alles verschwunden. Und heute sieht der chinesische Gelehrte eben in dem Deutschen zum Beispiel einen furchtbaren Barbaren. Er sagt: Mit Goethe und Schiller ist die deutsche Kultur zugrunde gegangen. - Daß man im 19. Jahrhundert die Eisenbahn erfunden hat, das imponiert ihm nicht. Es imponiert ihm allerdings der Goethesche «Faust» noch etwas, nur behauptet er noch immer, daß seine asiatischen großen Persönlichkeiten viel weiser waren. Das müßte der Europäer zuallererst einmal einsehen. Er müßte einsehen, daß der Asiate sich aus solchen Begriffen, wie sie der Europäer hat, überhaupt nichts macht; gar nichts macht er sich daraus, sondern der Asiate will Bilder, wie die Bilder auch sind in den Klöstern von Tibet. Der Asiate will Bilder. Diese Abstraktionen, diese Begriffe, die der Europäer hat, die will der Asiate nicht haben, die tun ihm in seinem Gehirn weh, die will er nicht haben.
Und ein solches Zeichen, wie zum Beispiel das Hakenkreuz, die sogenannte Swastika - dieses Zeichen war ein uraltes Sonnenzeichen -, das war in Asien drüben überall verbreitet. An das erinnern sich die alten Asiaten noch. Gewisse bolschewistische Regierungsmänner waren so klug, geradeso wie die deutschen Völkischen, dieses alte Hakenkreuz als ihr Zeichen zu verwenden. Das macht auf die Asiaten einen viel größeren Eindruck als alles dasjenige, was der Marxismus ist. Der Marxismus besteht aus Begriffen zum Denken; das imponiert den Leuten nicht. Aber solch ein Zeichen, das imponiert den Leuten. Und wenn nicht verstanden wird, eben einzugehen auf die Leute, sondern wenn man ihnen kommt mit dem, was ihnen eine ganz fremde Sache ist, dann wird man unter ihnen absolut nichts erreichen.
So ist es schon, daß auch da sich zeigt, daß wirklich in Europa alles darauf ankommt, selber erst wiederum eine geistige Erkenntnis, eine Geisteswissenschaft zu haben.
Sie werden vielleicht auch gehört haben, daß ein großes, zweibändiges Buch erschienen ist von einem gewissen Spengler - der hat ja sogar in Basel einmal einen Vortrag gehalten, wie ich gehört habe -, ein Buch von Oswald Spengler: «Der Untergang des Abendlandes», also der Untergang von Europa und Amerika. Der Mann stellt dar, wie alles dasjenige, was jetzt an sogenannter europäischer Kultur da ist, zugrunde gehen muß. Das zeigt sich einem. Er betrachtet es als krank, das muß zugrunde gehen. Nun ja, meine Herren, das muß auch zugrunde gehen, was heute an äußerlicher Kultur da ist. Es muß eben von innen, vom Geist etwas Neues errichtet werden. Aber das Äußere muß zugrunde gehen. Deshalb handelt das Buch vom Untergang des Abendlandes. Man kann fast gar nichts sagen gegen das Buch, gegen das, was er sagt über den Untergang des Abendlandes, über das, was notwendig in bezug auf Äußerlichkeiten gesagt ist. Aber nun kommt der Spengler zu dem, was er positiv betrachtet, was sich ihm als Neues zeigt. Und was zeigt er, meine Herren? Was ist das bei Oswald Spengler? Das ist das Preußentum! So daß ganz Europa das Preußentum annehmen müsse; das müsse die Zukunftskultur sein von Europa, meint Spengler.
Nun, ich weiß nicht, wie er in Basel geredet hat, denn ich könnte mir nicht gut denken, daß das einen großen Eindruck auf die Schweizer gemacht hätte, wenn er gezeigt hätte, daß aus diesem Untergang heraus das Preußentum kommen muß! Aber Sie sehen, daß ein sehr bedeutender Mensch, ein gescheiter Mensch, wie der Spengler, sehr gut einsehen kann: Ja, untergehen muß dasjenige, was da ist; aber es muß brutale Gewalt die Zukunft haben. Das sagt er auch ganz offen: In der Zukunft kann es nur geben den brutalen gewaltigen Eroberer - so meint er.
Nun, wenn natürlich so etwas heute das verbreitetste Buch ist denn es ist eines der verbreitetsten Bücher in Deutschland, das von Oswald Spengler - und der Orientale, der Asiate vergleicht das, was dadrinnen steht, mit seiner eigenen Geisteskultur, und muß sich sagen: Das ist einer der gescheitesten Menschen in Europa! - und hat dabei seine hohe Geisteswissenschaft, wenn auch auf eine traumhafte, alte Weise, dann sagt er: Ja, was sind denn das für Kerle, diese allergescheitesten Leute in Europa? Die können uns nichts bringen!
Meine Herren, das ist eben die Sache. Und wenn daher die Frage aufgeworfen wird: Wie könnte Europa etwas tun gegen eine solche abwärtsgehende Zeitströmung in Asien drüben? - ja, da muß man eben einfach sagen: Es ist in Europa so, daß die Europäer selber erst zu sich kommen müssen, selber erst eine Geistigkeit erringen müssen, die bei ihnen verlorengegangen ist mit der Völkerwanderung. In den ersten christlichen Jahrhunderten ist eigentlich eine wirkliche Geisteskultur verlorengegangen. Denn was gekommen ist nach Europa, war ja nicht in Wirklichkeit das tiefere Christentum, sondern waren Worte, richtige Worte waren es. Das kann man am besten daraus sehen, wie Luther dann die Bibel übersetzt hat. Was hat er denn aus der Bibel gemacht? Ein unverständliches Buch! Denn man kann das nicht verstehen, was die Luthersche Bibel ist, wenn man ehrlich ist. Man kann es glauben; aber in Wirklichkeit ist das nicht zu verstehen, weil eben in Europa schon die Zeit war, wo man nichts mehr vom Geist wußte. In der Bibel ist Geist! Man muß, wenn man die Bibel übersetzt, sie eben geistig übersetzen. Aber dasjenige, was zum Beispiel eben die deutsche Luthersche Bibel enthält, das ist unverständlich, wenn man es ehrlich nimmt. Das ist auf allen Gebieten eigentlich so, mit Ausnahme der ganz äußerlichen Naturerkenntnisse, die aber in die Welt in Wirklichkeit gar nicht hineinführen. Und wenn Europa überhaupt in Asien drüben etwas tun will, so muß ich auf diese Frage antworten: Es wird erst etwas tun können, wenn es einmal selbst zur Besinnung gekommen ist.
Nun, meine Herren, ich muß jetzt eine Reise nach Paris machen; ich werde es Ihnen dann sagen, wann wir die Sache fortsetzen.