Human History and the World Views of Civilized Nations
GA 353 — 25 June 1924, Dornach
Siebzehnter Vertrag
Guten Morgen, meine Herren! Vielleicht ist Ihnen etwas eingefallen in der etwas längeren Zeit - eine besondere Frage?
Frage über die Wesenheit der verschiedenen Hierarchien und ihre Einwirkung auf die Menschheit.
Dr. Steiner: Das ist natürlich, wie ich glaube, eine Sache, die für diejenigen Herren, die heute zum erstenmal da sind, etwas schwierig, etwas unverständlich sein wird, weil man dazu etwas wissen sollte von dem, was schon in den Vorträgen, die gehalten worden sind, vorgebracht worden ist. Aber ich will doch auf die Sache eingehen und sie möglichst verständlich behandeln.
Sehen Sie, wenn Sie den Menschen betrachten, wie er da auf der Erde steht und geht, so hat der Mensch eigentlich alle Naturreiche in sich. Der Mensch hat zunächst das Tierreich in sich; er ist in einem gewissen Sinne auch tierisch organisiert. Das können Sie ja schon daraus ersehen, daß der Mensch, sagen wir, zum Beispiel Oberschenkel-, Oberarmknochen hat, die man ähnlich auch bei den höheren Tieren findet; aber wenn man die Sache gut erkennen kann, findet man sie auch bei den niederen Tieren verwandt oder doch ähnlich gestaltet. Und bis in die Fische hinein kann man ungefähr sehen, was einem Knochen des Menschen beim Fisch entspricht. Dasselbe, was man so sagen kann für das Knochensystem, kann man auch sagen für das Muskelsystem, auch für die inneren Organe. Wir finden beim Menschen einen Magen - in entsprechender Weise finden wir auch bei den Tieren einen Magen. Kurz, wir finden dasjenige, was im Tierreich ist, auch im menschlichen Leibe vor.
Das hat dazu geführt, daß man den Menschen nach der materialistischen Anschauung überhaupt nur für ein höherentwickeltes Tier angesehen hat. Aber das ist er nicht; sondern der Mensch entwickelt drei Dinge, die das Tier nicht aus seinem Organismus heraus entwickeln kann. Das eine ist, daß der Mensch aufrecht gehen lernt. Schauen Sie sich nur diejenigen Tiere an, die so halbwegs aufrecht gehen lernen, so werden Sie schon den beträchtlichen Unterschied zwischen ihnen und dem Menschen sehen. Bei den Tieren, die so etwas aufrecht gehen, zum Beispiel beim Känguruh, da werden Sie schon sehen, wie die vorderen Gliedmaßen, mit denen es nicht auftritt, verkümmert bleiben. Die vorderen Gliedmaßen sind eben beim Känguruh nicht zur freien Handhabung eingerichtet. Und beim Affen können wir erst recht nicht sagen, daß er in dieser Beziehung menschenähnlich sei; denn wenn der auf die Bäume hinaufsteigt, geht er ja nicht, sondern da klettert er. Er hat eigentlich vier Hände, er hat nicht zwei Füße und zwei Hände. Bei ihm sind die Füße händeähnlich gebildet; er klettert. Also der aufrechte Gang ist das erste, was den Menschen vom Tiere unterscheidet.
Das zweite, was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist die Sprachfähigkeit. Und die Sprachfähigkeit hängt mit dem aufrechten Gang zusammen. Daher werden Sie finden, daß da, wo wiederum das Tier so etwas Ähnliches kriegt wie die Sprachfähigkeit - der Hund, der verhältnismäßig ein sehr intelligentes Tier ist, kriegt sie nicht, sondern es kriegt sie zum Beispiel der Papagei, der etwas aufrecht gerichtet ist -, Sie werden finden, daß das Tier dann aufgerichtet ist. Die Sprache hängt ganz zusammen mit diesem Aufgerichtetsein.
Und das dritte ist eben der freie Wille, zu dem das Tier auch nicht kommen kann, sondern das Tier ist abhängig von seinen inneren Vorgängen. Das sind also Dinge, die beim Menschen die ganze innere Organisation ausmachen und sie menschlich gestalten.
Aber der Mensch trägt trotzdem die Tierheit in sich. Er hat also dieses tierische Reich eben in sich.
Das zweite, was der Mensch in sich trägt, ist das pflanzliche Reich. Was kann der Mensch dadurch, daß er das Tierreich in sich trägt? Sehen Sie, das Tier empfindet - der Mensch auch; die Pflanze empfindet nicht. Zwar hat wiederum eine merkwürdige Wissenschaft der Gegenwart - ich habe das schon einmal hier erwähnt - die Anschauung, eine Pflanze könne auch empfinden, weil es nämlich eine Pflanze gibt, die sogenannte Venusfliegenfalle zum Beispiel: Wenn da ein Insekt in die Nähe kommt, so klappt, wenn das Insekt herangeflogen ist, diese Venusfliegenfalle ihre Blätter zu und verschlingt das Insekt. Das ist eine sehr interessante Erscheinung. Aber wenn einer sagt: Diese Pflanze, die Venusfliegenfalle, muß das Insekt spüren, also wahrnehmend empfinden, wenn es in die Nähe kommt -, so ist das gerade ein solcher Unsinn, wie wenn einer sagt: So ein ganz kleines Ding, das ich herrichte dazu, daß es zuklappt, wenn eine Maus in die Nähe kommt - eine Mausefalle, die hätte auch eine Empfindung, daß die Maus hereinkommt! Also mit solchen wissenschaftlichen Meinungen ist es nicht weit her, sie sind eben ein einfacher Unsinn. Die Pflanzen empfinden nicht. Ebensowenig bewegen sich die Pflanzen frei.
Das also, was beim Menschen an Empfindung und Bewegung ist, das hat er mit dem Tier gemein; da trägt er die Tierheit in sich. Erst wenn er verständig denken kann - was das Tier nicht kann -, ist er dadurch Mensch. Weiter trägt der Mensch das Pflanzenreich, das ganze Pflanzenreich in sich. Die Pflanzen bewegen sich nicht, aber sie wachsen. Die Pflanzen empfinden nicht, aber sie ernähren sich. Der Mensch wächst und ernährt sich auch. Das macht in ihm das Pflanzenreich. Diese Pflanzenkraft trägt der Mensch eben auch in sich. Die trägt er auch in sich, wenn er schläft. Die Tierheit legt er ab, wenn er schläft, denn er empfindet nicht und bewegt sich nicht, wenn er nicht gerade ein Nachtwandler ist, und das beruht eben auf abnormer Entwickelung; da legt er nicht vollständig die Bewegung ab, da ist er krank. Aber im normalen Zustand läuft ja der Mensch im Schlaf nicht herum und empfindet auch nicht. Wenn er empfinden soll, wacht er auf. Schlafend kann er nicht empfinden. Der Mensch trägt auch im Schlafe allein die Pflanzen wesenheit in sich.
Und die mineralische Wesenheit, meine Herren, die tragen wir auch in uns; die ist zum Beispiel in unseren Knochen enthalten. Die leben zwar etwas, aber sie enthalten das Leblose von kohlensaurem Kalk. Wir tragen das mineralische Reich in uns. Wir haben sogar im Gehirn den Gehirnsand. Der ist mineralisch. Wir tragen das Mineralreich auch in uns. - Wir tragen also das Tierreich, wir tragen das Pflanzenreich, wir tragen das mineralische Reich in uns.
Aber damit ist es beim Menschen nicht abgetan. Wenn der Mensch eben bloß Mineral, Pflanze und Tier in sich trüge, so wäre er wie ein Tier, würde er wie ein Tier herumlaufen, denn das Tier trägt auch Mineral, Pflanze und Tier in sich. Natürlich, der Mensch steht nicht nur zu diesen drei Reichen der Natur, die sichtbar sind, in Beziehung, sondern er steht auch zu anderen Reichen in Beziehung.
Nun will ich Ihnen dies schematisch aufzeichnen. Denken Sie sich einmal, das wäre der Mensch (siehe Zeichnung); jetzt steht er in Beziehung zum mineralischen Reich, zum Pflanzenreich, zum Tierreich. Aber er ist ein Mensch. Sie können sagen: Nun ja, die Tiere kann man zähmen. Das ist schon recht; aber haben Sie schon einmal erlebt, daß ein Ochs von einem Ochsen gezähmt worden ist? Oder ein Pferd von einem Pferd? Die Tiere, wenn sie auch gezähmt werden, also dadurch gewisse Fähigkeiten erlangen, die man entfernt mit menschlichen Fähigkeiten vergleichen kann, die müssen eben von Menschen gezähmt werden! Nicht wahr, eine Hundeschule, wo die Hunde sich selber unterrichten und zahme Hunde machen aus wilden Hunden, die gibt es ja nicht; da müssen die Menschen eingreifen. Und selbst wenn man meinte, man könne den Materialisten alles, was sie wollten, zugeben, man müsse nur ihre eigenen Gedankengänge fortsetzen - man kann ihnen alles zugeben, meinetwillen kann einer sagen: der Mensch, wie er jetzt ist, war ursprünglich ein Tier und ist gezähmt worden -, so könnte ihn doch nicht das Tier, das er ursprünglich war, selber gezähmt haben! Das geht doch nicht, denn sonst könnte auch ein Hund einen Hund zähmen. Also müssen ursprünglich Wesen dagewesen sein - die mögen jetzt woanders sein -, aber trotzdem müssen ursprünglich Wesen dagewesen sein, die den Menschen auf seine jetzige Höhe heraufgebracht haben. Und diese Wesen können den drei Reichen der Natur nicht angehören. Denn wenn Sie sich jetzt vorstellen, daß Sie jemals von einer Giraffe gezähmt würden, zum Menschen gemacht würden, wenn Sie wie ein kleines Tierchen in der Kindheit noch sind: ebensowenig, wie dies möglich wäre, ebensowenig könnten Sie von einer Eiche gezähmt werden. Das glauben höchstens die Deutschvölkischen, die annehmen, daß die Eiche, die heilige Eiche die Menschen gezähmt habe. Und, sehen Sie, die Mineralien erst recht nicht; der Bergkristall ist schön, aber zähmen kann er den Menschen erst recht nicht. Da müssen andere Wesen dagewesen sein, andere Reiche noch.
Nun, alles wird beim Menschen wirklich ins Höhere hinaufgerufen. Das Tier hat die Möglichkeit, Vorstellungen zu haben, aber es denkt nicht. Die Vorstellungen bilden sich in den Tieren. Aber diese Tätigkeit des Denkens hat das Tier nicht. Der Mensch hat diese Tätigkeit des Denkens. Und so kann der Mensch zwar zum Beispiel seine Blutzirkulation aus dem Tierreich haben, aber er kann sein Denkorgan nicht aus dem Tierreich haben. So daß man sagen kann: Der Mensch denkt, er fühlt, er will. Das alles geschieht in freier Weise. Und das wird ja alles anders dadurch, daß der Mensch ein aufrechtes und sprechendes Wesen ist.
Denken Sie, wie Sie anders wollen müßten, wie alles Wollen anders wäre, wenn Sie so wie im ersten Lebensjahr auf allen vieren immer herumkriechen würden; es wäre doch wirklich alles menschliche Wollen anders. Und zum Denken würden Sie überhaupt nicht kommen. Und ebenso wie die Dinge, die wir im physischen Leib tragen, uns mit den drei Reichen der Natur verbinden, so verbinden uns Denken, Fühlen und Wollen mit drei anderen Reichen, mit übersinnlichen, mit unsichtbaren Reichen. Namen muß man für alles haben. So wie wir Mineralien, Pflanzen und Tiere die Naturreiche nennen, so nennen wir diejenigen Reiche, die beim Menschen das Denken, Fühlen und Wollen so bewirken, daß sie frei sind, eben Hierarchien. So daß wir also hier haben: Naturreiche, durch das ragt der Mensch in die Natur hinein; und hier haben wir: Hierarchien. Sehen Sie, geradeso wie der Mensch in drei Naturreiche hineinreicht, so reicht er in drei Geistesreiche hinein. Mit seinem Denken reicht er hinein in die Hierarchie - nun, sehen Sie, da gibt es heute noch keinen Namen dafür. Weil der Materialismus auf diese Sache keine Rücksicht nimmt, gibt es noch keinen Namen dafür; also müssen wir sie benennen mit den alten Namen: Angeloi, Engel. Da wird man gleich verschrieen als abergläubisch. Gewiß, wir haben heute in der Sprache nicht mehr recht die Möglichkeit, Namen zu finden, weil die Menschen die Fähigkeit verloren haben, zu empfinden bei den Lauten; aber nur so lange konnten die Sprachen gebildet werden, als die Menschen bei den Lauten noch etwas empfunden haben. Heute redet ein jeder von Ball, von Fall, von Kraft; da ist überall ein A drinnen, in jedem dieser Worte ist ein A drinnen. Aber was ist denn ein A? Ein «A» ist ja der Ausdruck des Gefühls! Denken Sie, wenn Sie hier plötzlich sehen würden, daß da einer das Fenster von draußen aufmachte und hereinguckte, was das bewirkt: weil das jetzt nicht sein soll, wären Sie erstaunt; wahrscheinlich würde ein großer Teil von Ihnen mit Ah! das Erstaunen ausdrücken, wenn er sich nicht genieren würde, es zu tun. A ist immer der Ausdruck des Erstaunens. So ist bei jedem Buchstaben irgendein Ausdruck da von irgend etwas. Und wenn ich sage: «Ball», so brauche ich das A deshalb, weil ich erstaunt bin, wenn ich den Ball schmeiße, wie er sich merkwürdig benimmt; oder wenn das einen Tanzball bedeutet, so bin ich auch erstaunt, wie das durcheinanderwirbelt! Nur ist es so geworden, daß es die Menschen nach und nach gewohnt sind, so daß sie gar nicht mehr erstaunt sind; so könnte man es auch Bull oder Bill nennen, aber ja nicht mehr Ball. - Nehmen wir «Fall. Wenn einer irgendwo herunterplumpst, kann man auch sagen: Ah! - Und das andere, was bedeutend ist, ist eben in dem F drinnen. «Kraft»: wenn einer eine Kraft anwendet, die ihn selber stößt; Ah: überall, wo das Erstaunen auftritt, ist eben das A da.
Und bedenken Sie: Sie haben die Ansicht, daß das Denken in Ihrem Kopfe sitzt. Wenn Sie aber plötzlich wahrnehmen würden, daß zu Ihrem Denken ebenso geistige Wesen gehören, wie zu Ihrem Empfinden und Fühlen auf der Erde Tiere sein müssen, damit Sie die Tierheit in sich haben können, dann würden Sie auch erstaunt sein, würden also, wenn Sie dieses Erstaunen ausdrücken, ein Wort haben müssen, das das A enthält. Sie würden also diese Denkwesen, die man einmal Angeloi genannt hat, auch mit einem A benennen können, und das, daß Sie die Macht des Denkens haben, würden Sie mit demjenigen Buchstaben benennen, der Macht ausdrückt in einer gewissen Weise: L; und die Macht, die wirkt, würden Sie vielleicht mit einem B bezeichnen. Das Wort «Alb», das schon einmal Verwendung gefunden hat für etwas Geistiges, das würde für diese Wesen, die mit dem Denken zu tun haben, ebensogut ein Zeichen werden können, wenn es nicht für den Alpdruck bloß gebraucht würde, wo es krankhaft ist. Also die Hierarchien sind eben Reiche, in die der Mensch hineinreicht, die er in sich trägt, geradeso wie er die Reiche der Natur in sich trägt; und diese Wesen, die man Alb oder Engel genannt hat, das sind diejenigen, die mit dem Denken zu tun haben.
Dagegen mit dem Fühlen im Menschen, da haben tierische Wesen zu tun. Was, tierische Wesen? Nun, sehen Sie, wenn man ein bißchen aufmerksam ist, wenn man nicht von vornherein wild wird, wenn von Geistigem die Rede ist, sondern wenn man sich eben darauf einläßt, daß von Geistigem die Rede sein kann, so kommt man schon auf manches - auch wenn man noch nicht mit Geistesforschung, wie es bei der Anthroposophie der Fall ist, vorgehen kann. Denken Sie sich doch einmal, daß Sie, wenn Sie fühlen wollen, eine gewisse Wärme in sich haben müssen! Der Frosch fühlt viel weniger lebhaft als der Mensch, weil er nicht so warmes Blut hat; man muß wirklich Wärme in sich haben, wenn man fühlt. Aber die Wärme, die man in sich hat, kommt ja von der Sonne! Und so kann man sagen: Auch das Fühlen steht in Verbindung mit der Sonne - nur geistig. Die physische Wärme steht mit der physischen Sonne, das Fühlen, das mit der physischen Wärme zusammenhängt, steht mit der geistigen Sonne in Zusammenhang. Diese zweite Hierarchie, die mit dem Fühlen zu tun hat, die wohnt also in der Sonne. Man kann unbedingt darauf kommen, wenn man nur ein wenig nicht aufs Gehirn gefallen ist, wie es heute eben viele sind - die Wissenschafter insbesondere -, da kommt man dann darauf: Die zweite Hierarchie, das sind die Sonnenwesen. Und weil die Sonne nur nach außen sich offenbart in Licht und Wärme - das Innere der Sonne kennt ja kein Mensch, denn wenn die Physiker wirklich auf die Sonne kommen würden, würden sie höchst erstaunt sein darüber, daß die Sonne gar nicht so ausschaut, wie sie gewöhnlich meinen! -, denken sie sich, die Sonne ist ein glühender Gasball. Das ist sie gar nicht; sie ist eigentlich aus lauter saugenden Kräften bestehend; hohl ist sie, leer nicht einmal, aber saugend. Wir können sagen, nach außen offenbart sie sich als Licht, als Wärme; die Wesen, die drinnen sind, haben im Griechischen «Offenbarungswesen» geheißen. Wo man noch etwas wußte von den Dingen - denn die alte instinktive Wissenschaft war noch viel gescheiter als die heutige -, da hat man diese Wesen, die sich offenbaren von der Sonne aus, Exusiai genannt; wir können gut auch sagen: Sonnenwesen. Wir müssen nur wissen, daß man, wenn man vom Fühlen spricht, in das Reich der Sonnenwesen hineinkommt. Geradeso wie wenn ich sage: Der Mensch hat in sich Wachstums- und Ernährungskräfte, also das Pflanzenreich in sich, so muß ich sagen: Der Mensch hat in sich die Kräfte des Fühlens, also Kräfte des geistigen Sonnenreichs, der zweiten Hierarchie. Und das Dritte ist die erste Hierarchie, die zu tun hat mit dem menschlichen Willen, wo der Mensch am kräftigsten wird, wo er nicht bloß sich bewegt, wo er seine Taten ausdrückt. Das steht im Zusammenhang mit denjenigen Wesen, die geistig in der ganzen Welt draußen sind, und die überhaupt die höchsten geistigen Wesen sind, die wir kennenlernen können. Wir nennen sie wiederum mit griechischen oder hebräischen Namen, weil wir deutsche noch nicht haben, oder überhaupt die Ausdrücke im Sprachlichen noch nicht haben: Throne, Cherubim, Seraphim. Das ist das oberste Reich.
So gibt es drei Reiche im Geistigen, wie es drei Reiche in der Natur gibt. So wie der Mensch es mit den drei Reichen der Natur zu tun hat, so hat er es auch mit den drei Reichen des Geistigen zu tun.
Nun werden Sie sagen: Ja, aber das kann ich glauben oder nicht, denn diese drei Reiche sind ja nicht sichtbar, nicht wahrnehmbar. Ja aber, meine Herren, ich habe schon Leute kennengelernt, denen hat man begreiflich machen sollen, daß es eine Luft gibt! Das hat er nicht geglaubt, daß da Luft war. Wenn ich ihm sage: Da ist eine Tafel - das glaubt er, denn wenn er hingeht, da stößt er sich an der Tafel an, oder wenn er mit dem Auge hinschaut, sieht er die Tafel, aber er stößt sich nicht an der Luft. Er guckt und sagt: Da ist doch nichts da. Dennoch gibt heute schon jeder die Luft zu. Sie ist eben da. So wird es auch kommen, daß die Leute das Geistige zugeben. Heute noch sagen die Menschen: Nun, das Geistige ist eben nicht da - wie die Bauern früher gesagt haben: Die Luft ist nicht da. - In meiner Heimat sagten noch die Bauern: Die Luft ist ja gar nicht da - das sagen nur die Großkopfeten in der Stadt, die so gescheit sein wollen; da kann man ja durchgehen, da ist ja nichts, wo man durchgehen kann! - Aber das ist lange her. Heute wissen die Bauern auch schon, daß es Luft gibt. Heute wissen aber die gescheitesten Leute noch nicht, daß überall geistige Wesen sind! Das werden sie aber seinerzeit schon zugeben, weil sie sich eben gewisse Dinge sonst nicht erklären können, die eben auch erklärt werden müssen.
Wenn heute einer sagt: In alle dem, was da ist als Natur, da ist kein Geist drinnen; denn es ist alles darinnen, was die Naturwissenschaft von der Natur weiß, sonst ist nichts in der Natur - ja, wer das sagt, meine Herren, der ist geradeso, als wenn da ein gestorbener Mensch liegt, ein Leichnam, und ich komme und sage: Du fauler Kerl, warum stehst du denn nicht auf und gehst nicht! - Ich gebe mir Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß er nicht so faul sein und aufstehen soll. Ja, da bin ich unverständig, weil ich glaube, da drinnen sei der lebendige Mensch. Und so ist es: Alles das, was der Naturforscher dadrinnen finden kann, das findet er im Lebenden nicht, das findet er im Toten. Er findet draußen in der Natur auch überall das Tote, aber dasjenige, was lebt, findet er nicht. Dasjenige, was geistig ist, findet er auf diese Weise nicht, aber deshalb ist es doch da.
Das also wollte ich auf diese Frage sagen, die gestellt wurde im Zusammenhang mit den Hierarchien.
Herr Burle: Herr Doktor hat in früheren Vorträgen über das Wissen der Geisteswissenschaft von den alten Völkern gesprochen. Das ist heute der Menschheit verlorengegangen. Ob uns Herr Doktor erklären könnte, wieso das gekommen ist? Ob da bloß der Materialismus schuld war?
Dr. Steiner: Wieso das alte Wissen untergegangen ist? Ja, sehen Sie, meine Herren, das ist schon eine sehr merkwürdige Tatsache. Nicht so wie wir heute das Wissen haben, aber in einer künstlerischen, poetischen Form, in einer dichterischen Form hatten die alten Menschen, unsere Vorfahren, in Urzeiten ein großes Wissen, und dieses Wissen ist, wie Herr Burle ganz richtig sagt, der Menschheit verlorengegangen. Nun können wir fragen, wodurch dieses Wissen verlorengegangen ist. Natürlich können wir nicht sagen, daß da bloß der Materialismus daran schuld sei; denn wenn alle Menschen noch das alte Wissen hätten, so wäre der Materialismus ja nicht entstanden. Eben gerade weil das alte Wissen verlorengegangen ist und die Menschen geistig zu Krüppeln geworden sind, haben sie den Materialismus erfunden. Also der Materialiimus kommt von dem Untergang des alten Wissens - nicht, daß man sagen kann, der Untergang des alten Wissens kommt deshalb, weil sich der Materialismus ausgebreitet hat. Also wovon kommt in Wirklichkeit der Untergang des alten Wissens?
Ja, meine Herren, der kommt davon, daß die Menschheit in einer Entwickelung begriffen ist. Natürlich, man kann den Menschen, der jetzt da ist, sezieren; wenn er stirbt, können Sie ihn sezieren. Da können Sie Kenntnisse gewinnen über die Art und Weise, wie der Mensch in der Gegenwart zusammengesetzt ist. Von alten Zeiten sind ja höchstens vorhanden, nun, die Mumien in Ägypten, von denen wir neulich gesprochen haben; nur sind die durch und durch einbalsamiert, da kann man doch nicht mehr richtig sezieren. Also wie der Mensch ausgesehen hat in früherer Zeit, namentlich in der Zeit, als er feiner gebaut war, davon können sich die Menschen jetzt wissenschaftlich gar keinen Begriff machen durch bloße äußere Forschung; da muß man schon auch mit der Geistesforschung eindringen. Und da kommt man aber darauf, daß eben der Mensch in alten Zeiten gar nicht so war, wie er heute ist.
Es gab eine Zeit auf der Erde, da haben die Menschen nicht so feste Knochen gehabt, wie wir sie heute haben; da haben die Menschen Knochen gehabt, wie sie heute nur noch die rachitischen Kinder haben, die weiche Knochen haben, so daß sie O- oder X-Beine kriegen und überhaupt schwach sind. Sie können ja sehen, daß es solche weiche Knochen geben kann, denn bei den Knorpelfischen sind sie heute noch vorhanden. Da sind die Knochen knorpelweich. Solche Knochen haben die Menschen einmal gehabt, denn das Knochengerüst war bei den Menschen einmal weich. Nun werden Sie sagen: Da müssen aber die Menschen alle herumgegangen sein mit X- oder O-Beinen, und alles müßte krumm gewesen sein, wenn die Knochen weich gewesen sind!
Das wäre natürlich dann der Fall gewesen, wenn auf unserer Erde immer dieselbe Luft gewesen wäre wie heute. Aber das war es ja nicht; die Luft war nämlich viel dicker in alten Zeiten. Sie ist viel dünner geworden. Und die Luft hat viel mehr Wasser enthalten in alten Zeiten als heute. Die Luft hat auch viel mehr Kohlensäure enthalten. Die ganze Luft war dicker. - Jetzt kommen Sie schon darauf, daß die Menschen auch dazumal mit ihren weichen Knochen haben leben können; denn wir müssen unsere heutigen Knochen nur deshalb haben, weil uns die Luft ja gar nicht mehr trägt. Eine dickere Luft trägt die Menschen. Das Gehen in jener alten Zeit war viel ähnlicher einem Schwimmen, als das heute ist. Das heutige Gehen ist ja etwas furchtbar Maschinelles: wir setzen ein Bein auf - das muß richtig stehen wie eine Säule -, wir setzen das zweite Bein auf. So gingen die Menschen in der Urzeit nicht, sondern sie spürten, geradeso wie einer im Wasser sich tragen läßt, die wasserhaltige Luft; da konnten sie ihre weichen Knochen haben. Aber wenn da die Luft eben dünner geworden ist - und das kann man schon mit der äußeren Wissenschaft wissen, daß da die Luft dünner geworden ist -, da bekamen erst die harten Knochen einen Sinn; da sind erst die harten Knochen entstanden. Natürlich, früher war die Kohlensäure draußen, die Luft enthielt sie; heute tragen wir den kohlensauren Kalk in uns; dadurch sind ja die Knochen hart geworden. So hängen die Dinge zusammen.
Aber wenn die Knochen hart werden, werden auch die anderen Dinge beim Menschen hart, so daß der Mensch, der weichere Knochen hatte, auch eine wesentlich weichere Gehirnmasse hatte. Überhaupt war der Schädel, der Kopf des Menschen in alten Zeiten auch ganz anders geformt. Sehen Sie, er war mehr so geformt, wie heute die Wasserköpfe geformt sind; das war dazumal schön, ist heute nicht mehr schön. Und so, wie es das ganz kleine Kind noch im Mutterleib hat, so behielt er seinen Kopf, weil er eine weiche Gehirnmasse hatte, und das weiche Gehirn lädt sich ab in den Vorderschädel. Alles war weicher am Menschen.
Nun, meine Herren, wenn der Mensch weicher war, so waren auch seine Seelenfähigkeiten andere. Mit einem weichen Gehirn kann man viel geistiger denken, als wenn man ein hartes Gehirn hat. Das haben die Alten noch gefühlt; die haben einen Menschen, der immer nur dasselbe denken kann und wenig annimmt und daher eigensinnig immer bei dem einen bleibt, einen Dickschädel genannt. In diesem Gefühl liegt schon das, daß man eigentlich besser denken, bessere Vorstellungen haben kann, wenn man ein weiches Gehirn hat. Die Urmenschen haben solch ein weiches Gehirn gehabt.
Aber etwas anderes hatten diese Urmenschen wiederum. Wir können ja wirklich sagen: Wenn ein Kind geboren wird, so ist sein Schädel mit seinem weichen Gehirn und sind sogar die weichen Knochen noch ähnlich - die Knochen nicht mehr so stark, aber das Gehirn ist sehr stark ähnlich dem, wie es beim Urmenschen war. Aber setzen Sie oder legen Sie einmal ein kleines Kind hin: es kann sich nicht von der Stelle rühren, sich nicht selber ernähren und dergleichen, es kann nichts! Dafür mußte von höheren Wesen gesorgt werden, als die Menschen noch dieses weiche Gehirn hatten. Und die Folge davon war, daß die Menschen dazumal keine Freiheit hatten, keinen freien Willen hatten. Diese Menschen hatten große Weisheit, aber gar keinen freien Willen. Aber in der menschlichen Entwickelung kommt allmählich der freie Wille heraus. Dazu müssen sich die Knochen und das Gehirn verhärten. Aber mit der Verhärtung nimmt wiederum die alte Erkenntnis ihren Untergang. Wir wären keine freien Menschen geworden, wenn wir nicht Dickschädel geworden wären, Hartschädel, Schädel mit den harten Gehirnen bekommen hätten. Aber dem verdanken wir unsere Freiheit. Und so kommt eigentlich der Untergang des alten Wissens mit der Freiheit. Das ist es. Ist es verständlich? (Antwort: Ja) Es kommt mit der Freiheit!
Jetzt aber haben die Menschen, während sie sich auf der einen Seite die Freiheit errungen haben, das alte Wissen verloren, sind dem Materialismus verfallen. Aber der Materialismus ist nicht die Wahrheit. Daher müssen wir wieder zur geistigen Erkenntnis kommen, trotzdem wir heute ein dichteres Gehirn haben als die Urmenschen. Das können wir eben nur durch die anthroposophische Geisteswissenschaft, die zu Erkenntnissen kommt, die vom Körper unabhängig sind, die mit der Seele ganz allein erkannt werden. Die alten Menschen hatten ihre Kenntnise dadurch, daß ihr Gehirn weicher war, das heißt, seelenähnlicher war; und wir haben unseren Materialismus, weil unser Hirn hart geworden ist, die Seele nicht mehr aufnimmt. Nun müssen wir eben mit der Seele allein, die nicht vom Hirn aufgenommen ist, geistige Erkenntnisse gewinnen. Das tut die Geisteswissenschaft. Man kommt wiederum zurück zu den geistigen Erkenntnissen. Aber wir leben jetzt in dem Zeitalter, wo sich die Menschheit durch den Materialismus die Freiheit erkauft hat. Deshalb kann man nicht sagen, daß der Materialismus, wenn er auch die Unwahrheit ist, etwas Schlechtes ist. Der Materialismus, wenn er nicht übertrieben wird, ist eben nichts Schlechtes, sondern durch den Materialismus lernte die Menschheit sehr viel kennen, was sie früher nicht kannte. Das ist es.
Nun ist noch eine Frage schon vorher schriftlich gestellt worden:
Ich habe in Ihrer «Philosophie der Freiheit» den Satz gelesen: «Erst wenn wir den Weltinhalt zu unserem Gedankeninhalt gemacht haben, erst dann finden wir den Zusammenhang wieder, aus dem wir uns selbst gelöst haben.»
Das hat der Herr also gelesen in der «Philosophie der Freiheit». Er stellt nun die Frage: Was gehört zu diesem Weltinhalt, da doch alles, was wir sehen, nur insofern da ist, daß es gedacht wird? Und dann wird angeführt: Kan erklärt, daß der Verstand unfähig ist, dasjenige zu begreifen, welches die erscheinende Ursachenwelt vor der Erfahrungswelt ist.
Nun, sehen Sie, meine Herren, das ist so: Wenn wir geboren werden, kleine Kinder sind, dann haben wir Augen, haben Ohren, wir sehen und hören, das heißt, wir nehmen wahr die Dinge, die außer uns sind. Der Stuhl, der da steht, wird vom Kind noch nicht gedacht, aber wahrgenommen. Der schaut für das Kind geradeso aus wie für den Erwachsenen, nur denkt das Kind den Stuhl noch nicht. Nehmen wir an, durch irgendeine künstliche Sache könnte das ganz kleine Kind, das noch keine Gedanken hat, schon reden; dann wäre das ist man ja heute gewöhnt, wo ja auch die gedankenlosen Menschen am meisten kritisieren - das Kind schon geneigt, alles zu kritisieren, alles etwas zu kritisieren. Ich bin sogar überzeugt, wenn ganz kleine Kinder, die noch nicht denken können, viel schon schwätzen könnten, so würden sie die stärksten Kritiker werden. Nicht wahr, noch im uralten Indien, da haben überhaupt kritisieren, urteilen dürfen nur diejenigen, die schon sechzig Jahre alt waren; den anderen ist noch kein Urteil zugestanden worden, weil man sagte: sie haben keine Welterfahrung. Nun, ich will das weder verteidigen, noch selber kritisieren, sondern ich will es Ihnen nur erzählen, daß das so war. Heute würde einen natürlich jeder Mensch auslachen, der zwanzig Jahre alt geworden ist, wenn man ihm sagen wollte, er müßte mit seinem Urteil warten, bis er einmal sechzigjährig sei! Das tun die heutigen jungen Leute nicht; sie warten überhaupt nicht, sondern sobald sie irgendwie nur eine Feder führen können, fangen sie ja schon an für Zeitungen zu schreiben, alles zu beurteilen. In dieser Beziehung haben wir es heute schon weit gebracht. Aber ich bin überzeugt, wenn die ganz kleinen Kinder sprechen könnten - oh, die wären strenge Kritiker! So ein Halbjähriger, Donnerwetter, was würde der alles kritisieren an unseren Handlungen, wenn er zum Reden gebracht werden könnte!
Meine Herren, sehen Sie, zu denken fangen wir halt erst später an! - Wie war denn das Sprache-Bilden? Nun, denken Sie sich einmal so ein halbjähriges Kind, das noch nicht den Gedanken des Stuhles haben kann, aber den Stuhl geradeso sieht wie wir, das würde über den Stuhl diskutieren. Jetzt sagten Sie: Ich habe auch den Gedanken des Stuhles; in dem Stuhle ist Schwerkraft, dadurch steht er auf dem Boden; an dem Stuhl ist etwas geschnitzt worden, dadurch hat er eine Form. Der Stuhl hat in sich eine gewisse innere Konsistenz, dadurch kann ich mich darauf setzen, falle nicht herunter, wenn ich mich darauf setze und so weiter. Ich habe den Gedanken des Stuhles. Ich denke mir etwas beim Stuhl. - Das halbjährige Kind, das denkt das alles nicht. Ich komme also und sage: Der Stuhl hat feste Formen, hat Schwere. - Das halbjährige Kind, das noch nicht diesen Gedanken hat, sagt: Du bist ein dummer Kerl, du bist dumm geworden, weil du so alt geworden bist. Dasjenige, was der Stuhl ist, das wissen wir eben, wenn wir halbjährig sind; später macht ihr euch allerlei phantastische Gedanken darüber. - Ja, so wäre es, wenn das Kind mit einem halben Jahr reden könnte; das würde so sagen! Und was wir eben erst im Laufe des Alters können - daß wir bei dem, was wir sagen, auch darüber denken können -, bei alldem ist es ja so, daß die Gedanken eben doch zum Stuhl gehören; ich weiß sie nur vorher nicht. Ich weiß die Gedanken erst, wenn ich dazu reif geworden bin. Aber die Festigkeit des Stuhles habe ich doch nicht in mir. Ich setze mich doch nicht auf meine eigene Festigkeit, wenn ich mich auf den Stuhl setze, sonst könnte ich mich doch auf mich wieder draufsetzen. Der Stuhl wird doch nicht durch mich schwer, wenn ich mich draufsetze, er ist doch an sich schwer. Alles, was ich als Gedanken erfasse, liegt ja schon im Stuhl drinnen. So daß ich die Wirklichkeit des Stuhles erfasse, wenn ich mich im Lauf des Lebens durch den Gedanken wieder verbinde mit dem Stuhl. Zuerst sehe ich nur die Farben und so weiter, höre, wenn man mit dem Stuhl klappert, fühle auch, ob er kalt oder warm ist; ich kann das mit den Sinnen wahrnehmen. Was aber im Stuhl drinnen ist, das weiß man erst, nachdem man älter geworden ist und denkt. Da verbindet man sich wieder mit ihm, stellt die Rückwirkung her.
Kant - ich habe neulich über ihn gesprochen - hat ja den größten Fehler gemacht, indem er geglaubt hat, dasjenige, was das Kind noch nicht wahrnimmt und was man erst später wahrnimmt, den Gedankeninhalt nämlich, den trage der Mensch erst in die Sachen hinein. Also Kant sagt eigentlich: Wenn da der Stuhl steht - der Stuhl hat Farben, der Stuhl klappert. Aber wenn ich sage, der Stuhl ist schwer, so ist das nicht eine Eigenschaft des Stuhles, sondern die gebe ich ihm, indem ich ihn schwer denke. Der Stuhl hat Festigkeit, aber die hat er nicht in sich, die gebe ich ihm, indem ich ihn fest denke. - Ja, meine Herren, das wird zwar als eine große Wissenschaft angesehen, diese Kantsche Lehre, das habe ich Ihnen vor einiger Zeit gesagt; aber sie ist eben in Wirklichkeit ein großer Unsinn. Es wird eben da einmal ein großer Unsinn durch die eigentümliche Entwickelung der Menschheit als eine große Wissenschaft, als die höchste Philosophie angesehen, und Kant wird ja immer der Alleszermalmer, der Alleszertrümmerer auch genannt. Ich habe immer nur in ihm sehen können - ich habe mich schon als ganz kleiner Junge mit Kant befaßt, immer wieder - wirklich einen Zertrümmerer; aber sonst habe ich nicht bemerkt, daß derjenige das Größte begründet, der die Suppenteller zertrümmert, und daß dieser größer wäre als derjenige, der sie macht. Mir schien immer derjenige größer, der sie macht! Kant hat immer alles zertrrümmert in Wirklichkeit. - Also diese Einwände von Kant, die dürfen uns gar nicht bekümmern. Aber die Sache ist die, daß wir, wenn wir geboren werden, losgelöst sind von den Dingen, weil wir gar keinen Zusammenhang mit ihnen haben. Wir wachsen erst wieder hinein in die Dinge, indem wir uns die Begriffe bilden. Daher muß man die Frage, die hier gestellt ist, so beantworten: Was gehört zum Weltinhalt? Ich sage in meiner «Philosophie der Freiheit»: Wenn wir den Weltinhalt zu unserem Gedankeninhalt gemacht haben, erst dann finden wir den Zusammenhang wieder, aus dem wir uns als Kind herausgelöst haben. Als Kind haben wir nicht den Weltinhalt, da haben wir nur den sinnlichen Teil des Weltinhaltes. Aber der Gedankeninhalt ist ja wirklich drinnen im Weltinhalt. So daß wir als Kind nur einen halben Weltinhalt haben, und erst später, wenn wir heranwachsen zu unseren Gedanken, haben wir den Gedankeninhalt nicht bloß in uns, sondern wir wissen, daß er in den Dingen drinnen ist, behandeln auch unsere Gedanken so, daß wir wissen, daß sie in den Dingen drinnen sind, und da stellen wir den Zusammenhang mit den Dingen wiederum her.
Sehen Sie, es war sehr schwer in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wo alles kantianisiert worden war, wo alles so redete, daß eben die Kantsche Philosophie als das Höchste angesehen wurde und noch keiner sich getraute, etwas gegen die Kantsche Philosophie zu sagen - es war sehr schwer, als ich dazumal aufgetreten bin und erklärt habe, daß die Kantsche Philosophie eigentlich ein Unsinn ist. Aber das habe ich von allem Anfang an erklären müssen. Denn natürlich, wenn jemand wie Kant meint, daß wir eigentlich den Gedankeninhalt zu den Dingen hinzuschaffen, dann kann er nicht mehr zum einfachen Inhalt kommen, dann sind in der Seele eben die Gedanken zu den äußeren Dingen, und es ist erst recht Materialismus. Kant ist vielfach schuld daran, daß die Menschen nicht aus dem Materialismus herausgekommen sind. Kant ist überhaupt an sehr vielem schuld. Ich habe es Ihnen dazumal gesagt, als ich von einer andern Seite her über Kant gefragt worden bin. Die anderen haben, weil sie nichts anderes denken konnten, den Materialismus gemacht. Kant hat aber gesagt: Über die geistige Welt kann man überhaupt nichts wissen, sondern nur glauben. - Damit hat er eigentlich gesagt: Man kann nur über die sinnliche Welt etwas wissen, weil man nur in die sinnliche Welt die Gedanken hereinschleppen kann.
Und nun fühlten die Menschen, die materialistisch werden wollten, sich immer mehr gerechtfertigt, indem sie auf Kant verwiesen. Aber es muß sich eben die Menschheit auch dieses Vorurteil abgewöhnen - das heißt, ein Teil der Menschheit, die wenigsten wissen ja etwas von Kant -, sie müssen sich abgewöhnen, daß sie sich immer auf Kant berufen, und gerade auf Kant berufen dann, wenn sie sagen wollen: Man kann eigentlich nichts wissen über die geistige Welt. - Also: Weltinhalt ist Sinnesinhalt und Geistesinhalt. Aber zum geistigen Inhalt kommt man erst im Laufe des Lebens, wenn man Gedanken entwickelt. Dann stellt man wieder den Zusammenhang zwischen Natur und Geist her, während man anfangs als Kind nur die Natur vor sich hat, und der Geist erst allmählich sich herausentwickelt aus der eigenen Natur.
Hat vielleicht noch jemand eine ganz kleine Frage?
Herr Burle frägt über das menschliche Haar und sagt: Heute sind so viele Mädchen, die sich die Haare abschneiden lassen. Kann der Herr Doktor sagen, ob das der Gesundheit förderlich ist? Auch meine kleine Tochter hätte sich gern das Haar abgeschnitten; ich habe es ihr aber nicht erlaubt. Ich möchte wissen, ob es schädlich wäre oder nicht.
Dr. Steiner: Nicht wahr, die Sache ist diese: Es ist der Haarwuchs so wenig mit dem ganzen Organismus in einem Verhältnis, daß nicht so furchtbar viel darauf ankommt, ob man sich das Haar lang wachsen läßt oder abschneidet. Der Schaden wird eben nicht so groß, daß er wahrnehmbar wird. Es ist aber ein Unterschied zwischen Männern und Frauen in dieser Beziehung. Nicht wahr, eine Zeitlang war es ja so - jetzt ist das ja nicht mehr so -, daß man sehr oft Anthroposophen miteinander hat gehen sehen, die Herren und die Damen - der Herr, der schnitt sich sein Haar nicht ab, der trug eben lange Locken, und die Damen schnitten sich die Haare kurz! Da sagten die Leute natürlich auch: Diese Anthroposophie bringt die verkehrte Welt; bei den Anthroposophen schneiden sich die Damen die Haare ab und die Männer lassen sie sich wachsen. - Jetzt ist das ja nicht mehr so, wenigstens nicht so auffällig. Aber man kann schon auch fragen, wie das mit dem Unterschied der Geschlechter ist beim Haarabschneiden.
Im allgemeinen ist das allerdings so, daß bei den Männern der üppige Haarwuchs etwas eher Überflüssiges ist; bei den Frauen ist er etwas Notwendiges. In den Haaren ist nämlich immer Schwefel enthalten, Eisen, Kieselsäure und noch einige andere Stoffe. Diese Stoffe werden auch gebraucht von dem Organismus. Zum Beispiel wird beim Mann sehr stark die Kieselsäure gebraucht, weil der Mann dadurch, daß er männlichen Geschlechtes wird im Mutterleibe, die Fähigkeit verliert, selber Kieselsäure zu erzeugen. Durch die abgeschnittenen Haare - immer wenn die Haare frisch abgeschnitten sind, saugen sie die Kieselsäure, die in der Luft ist, ein -, da nimmt der Mann Kieselsäure aus der Luft auf. Also da ist das Abschneiden der Haare nicht schlimm. Schlimm ist nur, wenn sie ausgehen, denn da können sie nichts einsaugen. Daher ist das frühe Glatzenkriegen, das ja ein bißchen mit der Lebensweise der Menschen zusammenhängt, nicht gerade etwas Vorzügliches für den Menschen.
Nun, bei der Frau ist aber das Abschneiden der Haare doch nicht ganz gut, aus dem Grunde, weil eben die Frau die Fähigkeit hat, Kieselsäure mehr in ihrem Organismus zu erzeugen, und sich also nicht zu oft die Haare ganz kurz abschneiden sollte; denn da saugen dann die Haare die Kieselsäure, die die Frau schon in sich hat, aus der Luft auch noch auf und treiben sie in den Organismus zurück. Da wird die Frau innerlich haarig, stachelig; sie kriegt dann «Haare auf die Zähne». Das ist dann dasjenige, was nicht in so auffälliger Weise geschieht; man muß schon ein bißchen empfindlich sein, wenn man das bemerken will, aber etwas ist es schon vorhanden. Es hat auch die ganze Art und Weise dann so etwas Stachliges, sie wird so innerlich haarig und stachelig; da hat schon das Abschneiden, insbesondere wenn es in jugendlichem Alter geschieht, auch einen Einfluß.
Nicht wahr, die Geschichte kann ja auch umgekehrt sein, meine Herren. Es kann so sein, daß solche heutige Menschheitssprossen schon in eine Umgebung kommen - die Kinder sind ja heute alle anders geartet, als wir in unserer Jugend waren -, da genügt ihnen ihre innere Kieselsäure nicht mehr, weil sie stachelig sein wollen. Sie wollen so ein bißchen stachelig, kratzig sein. Da bekommen sie den Instinkt, sich die Haare zu schneiden. Das wird dann Mode: Der eine macht es dem andern nach, und da ist die Geschichte umgekehrt aufgezogen, da wollen die Kinder stachelig werden und lassen sich die Haare schneiden. Wenn man es dann dazu bringt, daß diese Mode ein bißchen bekämpft wird, so kann das gar nicht schlecht sein, wenn man diese Mode ein bißchen übertrieben hat. Schließlich kommt es ja darauf hinaus, nicht wahr: Der eine hat eine Sanfte, der andere eine Stachelige gern; da kann es sich im Geschmacksurteil ein bißchen ändern. Aber einen so ganz großen Einfluß kann es ja nicht haben. Nur, wenn einer eine Tochter hat, die gerade durch die Verhältnisse sich einen Mann auswählen will oder soll, der eine Stachelige liebt, so soll sie sich die Haare schneiden lassen. Freilich, einen Mann, der recht empfindlich ist für Milde, den wird sie dann nicht kriegen; das kann dann schon passieren. - Also die Geschichte greift ja schon mehr in die Ausläufer des Lebens hinein.