Erwiderung Dr. Steiners

Erwiderung Dr. Steiners

Es obliegt mir, die verehrten Mitglieder über diesen Brief Mrs. Besants aufzuklären. Ich will es ganz objektiv an der Hand der wahren Tatsachen tun.

  1. Mrs. Besant schreibt im Mai 1912: «Dr. Vollrath tat keinen Appell an mich; daher hatte ich keine Pflicht, zu beachten Recht oder Unrecht in dieser Sache, und bis heute kenne ich sie nicht.»

Genau das Gegenteil davon ist die objektive Wahrheit!

Die Tatsachen sind die folgenden: Dr. Vollrath richtete schon am 1. Dezember 1908 einen Appell in Form eines fünf Quartseiten langen Briefes über seinen im Oktober 1908 erfolgten Ausschluss an Mrs. Besant. Diesen Brief Dr. Vollraths schickte mir Mrs. Besant, eingeschlossen in einem Briefe, den sie am 7. Januar 1909 an mich richtete, und in dem sich die Worte Mrs. Besants finden: «Dr. Vollrath is sending me various complaints; I enclose his letter. Kindly let me know whether you consider that there is anything in his case which should prevent his being a member-at-large? A man is sometimes troublesome in a Lodge or Section whose membership is harmless in the General TS and a Section can expel a man from itself but not from the TS, as a Lodge can expel a man from its own body but not from the Section. I am not in favour of expelling a member from the general TS, but I shall not answer Dr. Vollrath definitively till I hear from you.» Dies heißt in deutscher Übertragung: «Dr. Vollrath sendet mir verschiedene Klagen. Ich schließe seinen Brief bei. Lassen Sie mich wissen, ob Sie der Meinung sind, es sei in seinem Falle etwas, was hinderlich seinem Bleiben als ein Mitglied im weiteren Sinne sei. Ein Mensch ist bisweilen störend in einer Loge oder in einer Sektion, dessen Mitgliedschaft harmlos in der allgemeinen Theosophischen Gesellschaft ist, und eine Sektion kann einen Menschen von sich ausschließen, aber nicht von der Theosophischen Gesellschaft, wie eine Loge einen Menschen von ihrer Körperschaft, nicht aber von der Sektion ausschließen kann. Ich bin nicht geneigt, ein Mitglied von der allgemeinen Theosophischen Gesellschaft auszuschließen; aber ich werde Dr. Vollrath nicht definitiv antworten, bevor ich von Ihnen höre.»

Auf diesen Brief von Mrs. Besant und auf den von Dr. Vollrath an Mrs. Besant gerichteten Appell, der schon 1909 Dinge enthielt von der ganz gleichen Art, wie sie Dr. Vollrath 1911 in seinem Pamphlet wieder schrieb, antwortete ich Mrs. Besant ausführlich und stellte ihr den Fall vor, schrieb ihr auch von den Gründen, die damals nicht mich, sondern den Vorstand der Sektion zu dem Schritte geführt haben.

Daraufhin antwortete mir Mrs. Besant am 18. März 1909: «As regards Dr. Vollrath. I fully recognise that it is sometimes necessary to exclude a man from the smaller working areas of a lodge or of a Section. As an appeal to me has been made (Diese Worte sind von mir unterstrichen, Dr. Steiner). I, as President, confirm the action taken by the German Section, and enclose a note to that effect, which you can use or not in your official organ as you please. I also write by this mail to Dr. Vollrath, so informing him.» Das ist in deutscher Übertragung: «Mit Hinblick auf Dr. Vollrath. Ich anerkenne völlig, dass es bisweilen notwendig ist, einen Menschen von der engeren Arbeit einer Loge oder einer Sektion auszuschließen. Da ein Appell an mich gemacht ist stimme ich, als Präsident, der Handlung der deutschen Sektion zu und schließe eine Note ein, zu der Verwendung, die Sie nach Ihrem Gutdünken in Ihrem offiziellen Organ von derselben machen wollen. Ich schreibe auch mit gleicher Post an Dr. Vollrath, ihn von diesem zu unterrichten.»

Die oben erwähnte Note, welche diesem Briefe beigeschlossen war, lautet: «To Dr. Rudolf Steiner, General Secretary of the German TS. My dear Colleague, under Rule 36 of the General-Constitution of the TS which vests in the President alone the power of issuing and cancelling Charters and Diplomas; and having in view Rule 37, which gives to each National Society the power of making it own Rules; I, as President of the TS, having been appealed to by Dr. Vollrath, of Leipzig, against his expulsion by the German TS and having heard all particulars thereof, (Diese Worte sind von mir unterstrichen. Dr. St.), decide that his expulsion from the German TS is valid, and that Dr. Vollrath has ceased to be a member of that body.» Das ist in deutscher Übersetzung: «An Dr. Rudolf Steiner, General Sekretär der deutschen Theosophischen Gesellschaft. Mein lieber Kollege. Im Sinne der Regel 36 der General Constitution der Theosophischen Gesellschaft, welche dem Präsidenten allein die Macht zugesteht, Charters und Diplome auszustellen oder als ungültig zu erklären; und berücksichtigend die Regel 37, welche den nationalen Gesellschaften das Recht gibt, sich ihre eigenen Regeln zu bilden: entscheide ich, als Präsident, nachdem Dr. Vollrath aus Leipzig an mich appelliert hat, (Diese Worte sind von mir unterstrichen, Dr. St.), wegen seines Ausschlusses aus der deutschen Theosophischen Gesellschaft, und nachdem ich alle Einzelheiten der Sache gehört habe, (Diese Worte von mir unterstrichen. Dr. St.), dass sein Ausschluss aus der deutschen Theosophischen Gesellschaft begründet ist, und dass Dr. Vollrath aufgehört hat, ein Mitglied dieser Körperschaft zu sein.»

Diesen Tatsachen gegenüber will ich nur zusammenfassend noch sagen: Am 18. März 1909 schreibt Mrs. Besant: «nachdem Dr. Vollrath an mich appelliert hat und nachdem ich alle Einzelheiten der Sache gehört habe ...». Am 8. Mai 1912 schreibt dieselbe Mrs. Besant: «Dr. Vollrath tat keinen Appell an mich; daher hatte ich keine Pflicht, zu beachten Recht oder Unrecht in dieser Sache; und bis heute kenne ich sie nicht.»

Mrs. Besant schreibt nun weiter: «Im Sommer 1911, als die Frage eines Repräsentanten des «Ordens des Sternes des Ostens’ in Deutschland auftauchte, schlug ich Dr. Hübbe-Schleiden vor. Der Orden gehört nicht zur Theosophischen Gesellschaft, und Adyar hat nichts zu tun mit seiner Verwaltung. Der ganze Angriff auf Adyar ist nicht schön, denn die Adyar-Verwaltung hatte keine Kenntnis gehabt und tat nichts für Dr. Vollrath oder den Orden. Mit Dr. Hübbe-Schleiden über mögliche Sekretäre in Deutschland, die unter ihm arbeiten würden, sprechend, schlug ich Dr. Vollrath vor, nicht als Repräsentant des Präsidenten -.der nicht innerhalb des Ordens repräsentiert sein kann -, sondern als Sekretär unter Dr. Hübbe-Schleiden.

Dem wurde zugestimmt, aber nach seiner Rückkehr nach Deutschland fand der gute Doktor, dass Dr. Vollrath betrachtet wurde als ein Antagonist von Dr. Steiner, und daher war die Wahl rückgängig gemacht. Das ist, was sich wirklich zugetragen hat, und ich kann unmöglich darin eine Verletzung Dr. Steiners oder der deutschen Sektion sehen. Wir hatten keinen Grund, dafür zu halten, dass seine Ausschließung von der deutschen Sektion so genommen werden sollte, dass er ausgeschlossen sein sollte von jeder Art nützlicher Tätigkeit außerhalb der Theosophischen Gesellschaft. Aber als wir fanden, dass seine Wahl als antagonistisch zu dem General-Sekretär angesehen werde, war sie zurückgenommen, um Verletzungen zu vermeiden.

Dr. Steiner spricht sehr heftig über das Pamphlet von Dr. Vollrath und stempelt dieses Pamphlet zu dem Grunde einer Verletzung durch mich. Aber ich habe niemals eine Zeile dieses Pamphlets gelesen und habe kein Wissen von dem, was es enthält. Hätte ich gewusst, was für ein verletzendes Pamphlet gegen Dr. Steiner gerichtet war, ich hätte gewiss nicht Dr. Vollraths Namen als Sekretär vorgeschlagen, denn ich habe immer Achtung für Dr. Steiner gezeigt, sowohl als General-Sekretär wie als Freund. Es würde vielleicht besser gewesen sein, mich zu fragen, ob ich das Pamphlet kenne, bevor solche Reden gehalten würden.»

Wieder ist das Folgende die objektive Wahrheit: Es kam nicht darauf an, dass Mrs. Besant das Pamphlet gelesen hatte, denn dies war in vieler Beziehung eine Wiederholung von Dingen, welche Dr. Vollrath zwei Jahre vorher an Mrs. Besant geschrieben hat und die damals von mir ihr gegenüber in einem ausführlichen Brief widerlegt worden sind. Ich habe deshalb nie vorausgesetzt, dass Mrs. Besant jenes Pamphlet von 1911 gelesen habe, sondern dass sie auf meinen Brief von 1909 nicht das Geringste [gelgeben hat. Ich habe nun Mrs. Besant in einem ausführlichen Briefe, den ich im März 1912 an sie gerichtet habe, ausdrücklich erklärt, dass ich mir doch selbstverständlich nicht das Recht anmaße, ihr Vorschriften zu machen über Maßnahmen, die sich auf den «Stern des Ostens» beziehen, um den ich mich nie bekümmert habe, der mich also gar nichts angeht. Ich selbst habe auch gar nicht das Geringste gegen die Ernennung Dr. Vollraths gesagt. Was in der Generalversammlung der deutschen Sektion zum Ausdruck kam, war nur das Konstatieren der Tatsache, dass Mrs. Besant, die doch seit 1909 die entsprechenden Tatsachen kannte, dem deutschen General-Sekretär durch dies gänzliche Unberücksichtigtlassen seines Urteils ein Misstrauensvotum ausgedrückt habe. Diese Kundgebung kam aus der Versammlung der deutschen Sektion; von mir ging sie nicht aus.

Ganz ähnlich wie in diesem Briefe geht Mrs. Besant seit längerer Zeit gegen mich vor. Was von mir als General-Sekretär der deutschen Sektion getan wird, was ich als Vortragender unternehme, wird so behandelt und in zahlreichen theosophischen Mitteilungen in der Theosophischen Gesellschaft nachgesprochen und nachgedruckt. Was der gegenwärtige Helfer von Mrs. Besant in Deutschland, Dr. Hübbe-Schleiden, in solcher Richtung tut, das übersteigt so sehr alle Grenzen des Möglichen, dass es mir schwer wird, davon auch nur zu schreiben. Nur das eine sei erwähnt, dass er die deutsche Sektion eine Organisation nennt wie die katholische Kirche, mit einem Papst an der Spitze und mit Zweigen, die dogmatisch geführten Bischofssprengeln glichen. Er vergleicht mein und meiner Mitarbeiter Vorgehen mit dem der Jesuiten. Und dies alles, nachdem er die salbungsvollsten Worte gebraucht hat über Bruderliebe, Frieden u. dergl.

Meine lieben Freunde, jeder, der meine Schriften und Vorträge kennt, kann wissen, wie weit ich entfernt bin von allem, was man als Dogmatismus bezeichnen kann. Ich unterlasse es doch wahrlich nicht, oft genug nicht bloß mit Worten theoretisch zu betonen, wie wenig dogmatisch genommen werden soll, was ich zu vertreten habe, sondern wie es geprüft werden soll; ich suche stets auch auf mögliche ernste Einwände selbst hinzuweisen, um so durch die ganze Anlage des von mir Behaupteten jedem die Möglichkeit einer eigenen Beurteilung zu geben. Prüfer, was von Seite Mrs. Besant’s und ihrer Helfer gegen mich geschieht, und es wird wohl kaum ein anderes Urteil der wirklichen Unbefangenheit sich ergeben können, als dass mein Wirken eben das Hindernis ist dafür, die Theosophische Gesellschaft zu einer bloßen Leadbeater-BesantSekte werden zu lassen. Es ist unglaublich, dass man uns gegenüber spricht von Dingen, auf die es nicht in Wahrheit ankommt, dafür aber uns behandelt in einer Art, wie es z.B. die folgende ist. Ich bin gezwungen, in der letzten Generalversammlung der deutschen Sektion den objektiven Tatbestand der Absage des Kongresses in Genua zu besprechen. Ich sage, dass ich mich nach der Absage an den General-Sekretär der italienischen Sektion gewandt habe, um die Gründe zu erfahren der Absage. Der antwortet mir in einem Telegramm: «Ich habe auf strikte Ordre vom Präsidenten Mrs. Besant und Sekretär Mr. Wallace gehandelt; bitte sich dahin zu wenden.» Dies der strenge, objektive Tatbestand. Mrs. Besant verbreitet jetzt das folgende: Ich hätte die ganze Sache falsch dargestellt, denn sie hätte niemals den Kongress abgesagt, sondern nur nach Genua gemeldet, dass sie dahin nicht komme. Dadurch bildet sich in weiten Kreisen der Theosophischen Gesellschaft die Meinung, ich hätte bei unserer Generalversammlung etwas Unrichtiges gesagt, während ich über meine Auffassung der Sache gar nichts gesagt habe, sondern nur meinen Mitgliedern den klaren Wortlaut des offiziellen Telegrammes des entsprechenden verantwortlichen General-Sekretärs mitgeteilt habe. Ich habe niemals gesagt, Mrs. Besant habe den Kongress abgesagt, sondern stets nur, dass sie ihn nicht abgesagt haben könne, weil sie dazu kein Recht habe.

So geht es mit Angaben, welche Mrs. Besant über mich macht fast von Nummer zu Nummer im «Theosophist». Liebe Freunde, verlangt von mir nicht, dass ich etwa im «Theosophist» alle diese Irrtümer widerlege. Es würde das zu nichts anderem führen, als dass Erwiderung auf Erwiderung folgte, und sich zuletzt kein Mensch auskennte. Man kann Irrtümer widerlegen, aber Dingen gegenüber, um die es sich hier handelt, verzichtet man aus leicht begreiflichen Gründen auf Widerlegung. Ich habe wahrlich anderes zu tun, als Dinge zu widerlegen, die nicht sind.

Das Eine nur möchte ich Euch sagen. Euer Vertrauen allein lässt mich ausharren auf dem Posten des General-Sekretärs der deutschen Sektion. Denn was ich seit Jahren auf diesem Posten zu ertragen hatte, ist bitter, und nur, um nicht sentimental genannt zu werden, sage ich nicht, es sei ein Martyrium.

Wer verfolgt hat, wie die entsprechenden Dinge in den letzten Jahren sich entwickelt haben, der kann wissen, wie wenig zutreffend es ist, wenn jetzt von den Angreifern und Anklägern verbreitet wird, es handle sich darum, dass von mir ein intoleranter Dogmatismus vertreten werde. Dadurch geschieht nichts weiter, als dass die Hauptpunkte überall verschoben werden. Diejenigen, welche meine Vorträge verfolgt haben, wissen, wie die Dinge vor längerer Zeit lagen. Ich habe vertreten aus den Gründen heraus, die ich vorzubringen hatte, eine gewisse Darstellung z.B. des Mysteriums von Golgatha. Ich stellte zunächst diese Dinge für sich hin. Andere Anschauungen habe ich kaum berührt; ich wollte alles durch seinen eigenen Wert und seine eigenen Gründe sprechen lassen. Einzelne Persönlichkeiten kamen dann an mich heran und bestürmten mich immer wieder mit Fragen über die Nichtübereinstimmung meiner Darstellung mit derjenigen Mrs. Besants. Ich ließ mich kaum auf solche Fragen zunächst ein. Denn mir schien, es sollten die Zuhörer entscheiden, für welche Darstellung die gewichtigeren Gründe sprechen. Ich konnte begreifen, dass es mancher in der theosophischen Gesellschaft befindlichen Persönlichkeit schwer wurde, mit sich zurechtzukommen, wenn sie auf die Gegensätzlichkeit der Darstellungen blickte. Doch ich wollte nichts für diese Darstellung sprechen lassen als allein die innere Folgerichtigkeit dieser Darstellung selbst, die man überblicken kann seit der Veröffentlichung meines Buches: «Das Christentum als mystische Tatsache». Alles, was ich nach diesem Buche vorbrachte, waren ja nichts als weitere Ausführungen des dort Gegebenen. Ich hatte durchaus meine guten Gründe dafür, einfach auszusprechen, was ich glaube erkannt zu haben, und es jedem Zuhörer völlig zu überlassen, wie er sich zu dem von mir Dargestellten verhalten könne. So wollte ich fortfahren. Nichts sollte wirken, als was die Zuhörer an Überzeugendem in meiner Darstellung fänden. Man kann mir wohl doch nicht zum Vorwurf machen, dass sich eine Anzahl von Zuhörern fand, die an meiner Darstellung etwas für sie Brauchbares fanden.

Ich hätte auch in der folgenden Zeit nichts anderes getan, als nur fortgesetzt, was ich eben charakterisiert habe. Da kamen ganz andere Dinge. Man fing nicht nur an, meine Darstellung anzugreifen. Dazu hatte jeder sein gutes Recht. Ich hätte auch gegenüber Angriffen nichts weiter getan, als meine Darstellung durch ihre inneren Gründe wirken lassen. Doch handelte es sich bei allem, was nun von der anderen Seite kam, gar nicht um Angriffe des von mir Dargestellten, sondern um etwas ganz anderes. Ich will aus dem vielen, was gegen mich vorgebracht wurde, nur ganz weniges hier erwähnen. Ich konnte in einer offiziellen Darstellung einer Rede, welche Mrs. Besant gelegentlich der Hauptversammlung der Theosophischen Gesellschaft in Adyar gehalten hatte, ersehen, dass sie nicht gegen das polemisierte, was ich gesagt habe, sondern dass sie Dinge vorbrachte, als meiner Darstellung eigen, die niemand mit dieser meiner Darstellung zusammenbringen konnte. Sie stellte z.B. das von mir Gesagte als etwas spezifisch deutsch-christliches hin in einer Art, die mir niemals in den Sinn gekommen war. Ich wollte den Frieden aufrechterhalten, deshalb beschränkte ich mich zunächst darauf, Mrs. Besant brieflich ihren Irrtum darzustellen. Das habe ich in ausführlicher Weise getan. Ich schrieb ihr zugleich, dass auf dasjenige, worauf es hier ankommt, nicht anwendbar sei, dass in der Theosophischen Gesellschaft die verschiedensten Standpunkte nebeneinander bestehen könnten. Denn dieses sei ganz selbstverständlich. Worauf es mir ankommen musste, das war, Mrs. Besant beizubringen, dass es etwas ganz anderes sei, verschiedene Standpunkte tolerieren und über einen anderen Standpunkt etwas vorzubringen, was mit diesem Standpunkt nichts zu tun hat, sondern ihn entstellt. Ich wollte begreiflich machen, dass Wahrheit herrschen solle, wenn schon der eine über den anderen redet. Denn die Vielseitigkeit der Standpunkte kann doch wohl nicht auch das einschließen, dass Unrichtiges von einem anderen Standpunkt gesagt werden kann. Mrs. Besant antwortete mir nichts auf das, was ich ihr so geschrieben habe, als, sie habe doch stets betont, dass verschiedene Standpunkte in der Theosophischen Gesellschaft nützlich und nicht schädlich seien. So ging es schließlich mit vielem; auf das, worauf es ankommt, ging man nicht ein, die Antworten waren Selbstverständlichkeiten, die nichts besagten. Ich hatte nun trotz alledem die Absicht, ruhig in der oben geschilderten Art fortzusetzen und, was ich zu sagen hatte, durch seine eigenen Gründe allein wirken zu lassen.

Die folgende Zeit zeigte, dass an vielen Orten nachgesprochen wurde, was z.B. Mrs. Besant auf der erwähnten Generalversammlung gesagt hat. Dazu kam vieles andere in ähnlicher Art. Aus den zahlreichen vorgekommenen Fällen sei nur einer der neuesten hervorgehoben. Es erscheint von einem der Helfer Mrs. Besants eine Schrift, «Die Botschaft des Friedens». Darin wird in mannigfaltiger Art gegen Darstellungen, die ich gegeben habe, dies oder jenes gesagt. Wer näher zusieht, der wird die erstaunliche Entdeckung machen, dass die Zitate, die aus meinen Schriften gegeben werden, anderes, ja in mehreren Fällen sogar das Gegenteil von dem besagen, was ich habe drucken lassen. Dabei werden solche Stellen, die nicht so in meinen Schriften stehen, unter Anführungszeichen angeführt. Dabei wird dann dies oder jenes vorgebracht, nicht gegen das, was ich wirklich gesagt habe, sondern gegen Dinge, die ich nicht gesagt habe. Ich muss gestehen: die Erfahrung eines solchen Zitierens, wie sie in der «Botschaft des Friedens» geübt wird, muss man erst machen, um sie überhaupt für möglich zu halten. Nun, ich will mich, wie ich das schon in verschiedenen Zweigen getan habe, lediglich darauf beschränken, diese Art Verhalten zu anderen Ansichten den Tatsachen nach zu erzählen und begreiflich machen, dass man doch wohl keine Veranlassung hat, auf einen derartigen «anderen Standpunkt» näher einzugehen. Gespannt darf man aber darauf sein, ob sich jemand findet, der vor dem Urteil nicht zurückschreckt: ich sei aggressiv, weil ich erzähle, dass man mich unrichtig zitiert. Gespannt darf man auch darauf sein, ob sich jemand findet, der jetzt noch aussprechen mag, im Kreise derjenigen, welche in meinen Darstellungen etwas für sie Brauchbares finden, werde intolerant gegen andere Meinungen vorgegangen, weil der Zwang vorliegt, dass hier gesagt werden muss, Mrs. Besant habe im Jahre 1912 brieflich das Gegenteil von dem gesagt, was sie 1909 brieflich gesagt hat. Gespannt darf man darauf sein, ob man erkennen wird, dass man keine Standpunkte bekämpft, wenn man einfach Tatsachen vorbringt. Und auch darauf darf man gespannt sein, ob sich jemand finden werde, der den Vorwurf erhebt, es sei aggressiv und unchristlich, in wichtigen Dingen zu sagen: so und so verhalten sich die Sachen. Oder gibt es auch die Möglichkeit, verschiedene Standpunkte über dasjenige zu haben, was für jeden konstatierbar sich als Tatsache auf dem physischen Plane zugetragen hat?

Ich aber werde fortfahren zu meinen, dass Standpunkte neben einander bestehen können, dass dies aber nichts zu tun habe mit der Pflicht, die Tatsachen als Tatsachen zu nehmen und der Wahrheit gemäß anzufassen, wo diese Tatsachen mit keiner Meinung oder Theorie etwas zu tun haben.

Dr. Rudolf Steiner.

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