Ein Brief Von Dr. Rudolf Steiner An Die Mitglieder Der Theosophischen Gesellschaft

An die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft.

Wer meine Erwiderung auf Mrs. Besants Brief vom 8. Mai 1912 liest, der müsste wohl den Eindruck haben, dass jene Ausführungen durch die zwingende Gewalt der Tatsachen hervorgerufen sind. Musste ich doch gegenüber der Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, durch deren Vorgehen in der schärfsten Weise herausgefordert, die schwerwiegende Tatsache feststellen, dass diese im Jahre 1912 Dinge in Abrede stellt, welche sie im Jahre 1909 nicht nur geschrieben, sondern welche sie in diesem Jahre als amtliche Akte als Präsidentin selber vollzogen hat.

Man hätte optimistisch genug sein können, zu glauben, dass eine solche Feststellung da, wo sie gelesen wird, die Augen öffnen würde über die Art, wie Mrs. Besant ihr Präsidentenamt verwaltet. Dass nach dieser meiner Darstellung in Nr. XIV unserer «Mitteilungen» es noch möglich ist, einen Brief von einem der Helfer Mrs. Besants, von dem Generalsekretär der Italienischen Sektion zu erhalten, der eine sogleich zu besprechende Behauptung enthält, gehört zu den nicht minder schwerwiegenden Tatsachen, die deutlich zeigen, in welch verhängnisvoller Art das System Besant innerhalb der Theosophischen Gesellschaft Schule macht. Ich betone ausdrücklich, dass es mir ganz ferne liegt, irgendwie Angriffe gegen Personen zu richten. Ich wollte in Nr. XIV der Mitteilungen durchaus keine Persönlichkeit treffen, sondern musste Tatsachen anführen, welche mit Persönlichkeiten zusammenhängen. Mit der Person, die dabei in Betracht kommt, kann ich nur das tiefste Mitgefühl haben. - Ebenso wenig dürfen die folgenden Ausführungen als gegen die Person des italienischen Generalsekretärs gerichtet aufgefasst werden. Sie werden mir abgefordert, weil sie an einem Beispiele zeigen -und es gibt recht viele solcher Beispiele -, wie das System Besant in der Theosophischen Gesellschaft Schule macht.

In dem Briefe vom 5. Januar 1913, den mir der italienische Generalsekretär schreibt, befinden sich die folgenden Worte: «Auf Seite 5 und Seite 13 des Dezemberheftes 1912 der offiziellen «Mitteilungen» der Deutschen Sektion ist wieder die Frage der Suspension des Genueser Kongresses erwähnt, und besonders auf p. 13 wird wieder der Widerspruch hervorgehoben, welcher zwischen dem Wortlaut meines Telegrammes vom 11. September 1911 und den nachherigen Erklärungen von Mrs. Besant besteht, und Herr B. Hubo macht ebenda verschiedene Bemerkungen gegen die Präsidentin aufgrund dieser Tatsache. In meinem Briefe vom 23. Nov. 1912 gab ich Ihnen eine, wie mir scheint, erschöpfende Erklärung der Umstände, welche diesem Widerspruche zugrunde liegen, und ich bat Sie, dieser meiner Erklärung die größtmöglichste Verbreitung und Öffentlichkeit zu geben, damit die gerade in Deutschland weit verbreitete Ansicht, Mrs. Besant habe aus eigenem Antriebe den Kongress mittelst direkter Ordres abgesagt (wozu sie nicht das Recht gehabt haben würde), endlich endgültig widerlegt sei.»

Nun muss ich diesem Briefe gegenüber wieder die wirklichen Tatsachen feststellen. - Ich musste in Nr. XIV. der «Mitteilungen» der deutschen Sektion sagen, dass Mrs. Besant in der Theosophischen Gesellschaft überall verbreitet: ich hätte die ganze Sache in Bezug auf den Genueser Kongress auf unserer Generalversammlung vom Jahre 1911 falsch dargestellt, hätte ihr zugeschrieben, dass sie den Genueser Kongress abgesagt habe, wozu sie nicht berechtigt gewesen wäre. Ich musste eine schwerwiegende Anklage zurückweisen, welche Mrs. Besant gegen mich gerichtet hatte. Denn ich habe niemals gesagt, dass Mrs. Besant den Kongress abgesagt hat. Ich habe mich im Gegenteil gegen die Meinung gewandt, als ob Mrs. Besant überhaupt habe diesen Kongress absagen können. Ich habe dies getan trotz des Telegrammes des italienischen Generalsekretärs, welches lautet: «Ich habe auf strikte Ordre vom Präsidenten Mrs. Besant und Sekretär Mr. Wallace gehandelt; bitte sich dahin zu wenden.» Niemals also hat die deutsche Sektion eine falsche Darstellung durch mich erhalten, sondern die Dinge sind so klar und korrekt als nur möglich dargestellt worden. Trotzdem beschuldigte mich Mrs. Besant: ich habe von ihr gesagt, sie habe unberechtigterweise den Kongress abgesagt. Warum musste ich diese Tatsache in Nr. XIV der «Mitteilungen» vorbringen? Weil sie eine der völlig unbegründeten Anklagen ist, die Mrs. Besant fortwährend gegen mich verbreitet. Wer meine Worte in Nr. XIV der «Mitteilungen» liest, der wird sich völlig klar über diesen Zusammenhang sein können. Denn diese Worte heißen: «Ich habe niemals gesagt, Mrs. Besant habe den Kongress abgesagt, sondern stets nur, dass sie ihn nicht abgesagt haben könne, weil sie dazu kein Recht habe.»

Was will nun der italienische Generalsekretär mit seinem Briefe vom 5. Januar 1913? Er bezieht sich in diesem Briefe auf einen andern, den er mir am 23. November 1912 geschrieben hat. Und dieser Brief war nun so recht im Stile des System Besant. Ich muss einige Worte voraussagen, bevor ich die entscheidenden Stellen dieses Briefes mitteile. Ich war genötigt, in einem ausführlichen Schreiben an einzelne leitende Persönlichkeiten der Theosophischen Gesellschaft bereits vor dem Erscheinen von Nr. XIV der «Mitteilungen» der deutschen Sektion den obigen Sachverhalt bezüglich des widerspruchvollen Verhaltens Mrs. Besants 1909 und 1912 zu besprechen. Dieses ausführliche Schreiben ist auch dem italienischen Generalsekretär zugegangen. Er wusste also durch dieses Schreiben, dass ich niemals Mrs. Besant den Vorwurf einer unberechtigten Absage gemacht habe; er wusste, dass ich nur genötigt war, die völlig unbegründete Anklage von Mrs. Besant gegen mich zurückzuweisen. Und was schreibt trotzdem der italienische Generalsekretär? Er schreibt am 23. November 1912: «Ich habe schon früher in den «Mitteilungen» der deutschen Sektion gelesen, wie bei Ihnen die Suspension des Genueser Kongresses unserer Präsidentin als ein Akt der Willkür zum Vorwurf gemacht wurde, und finde jetzt diesen Vorwurf in Ihrem Rundschreiben wiederholt.» So etwas muss wirklich erst geschehen, damit es jemand für möglich halten kann. Es bezeugt, dass man gegenüber den Helfern Mrs. Besants auch die sprechendsten Tatsachen vorbringen kann, und sie sind doch imstande, im Widerspruch mit diesen Tatsachen zu sagen: «Ich habe gelesen ..» und: ich «finde diesen Vorwurf wiederholt». Einen Vorwurf, der nie von mir gemacht worden und auch niemals wiederholt worden ist. - Und für diese seine Bekundung verlangt der italienische Generalsekretär «größtmöglichste Verbreitung und Öffentlichkeit».

In seinem Briefe vom 23. November 1912 schreibt der italienische Generalsekretär auch: «Ich habe seiner Zeit in unserem Bollettino della Soclietä] Teos[ofica] Italiana (Oktober 1911) den ganzen Verlauf der Aufhebung des Genueser Kongresses ausführlich dargestellt, und erlaube mir heute (da Sie augenscheinlich jene Darstellung nicht gelesen haben), Ihnen zur Kenntnisnahme eine deutsche Übersetzung des betreffenden Passus zu senden, welcher ich noch den Wortlaut der damals zwischen Genua und London gewechselten Telegramme zufüge.» - Über die ohne Weiteres gemachte Voraussetzung, dass ich «augenscheinlich» jene Darstellung nicht gelesen habe, will ich kein weiteres Wort sagen, sondern nur bemerken, dass die Veröffentlichung jener «Darstellung» für die deutsche Sektion ganz belanglos war, da doch eine korrekte Darstellung auf unserer Generalversammlung 1911 gegeben war.

Was wird aber durch diese «Darstellung» klar? Nun, was klar wird, ist betrüblich genug. Es wird nämlich klar, dass damals, als der italienische Generalsekretär den Kongress angesetzt hatte, und viele Mitglieder sich gerüstet hatten, dorthin zu gehen, Mrs. Besant an diesen italienischen Generalsekretär Telegramme sandte, mit denen er nichts Rechtes anzufangen wusste, sodass er, was rechtswidrig war, das erste Telegramm für eine «strenge Ordre» hinnahm, und dann später den ganzen Kongress absagte, weil Mrs. Besant nicht kam. Man könnte nun sogar noch fragen: was ist betrüblicher, was schlimmer: wenn Mrs. Besant in dem Glauben, sie könne dies, den Kongress abgesagt hätte, oder aber dies, was der italienische Generalsekretär anführt: dass er den Wink von Mrs. Besant einfach als Grund der Absage hinnimmt, und noch dazu diese Absage in solcher Art begründet, wie er es in jener «Darstellung» (die unten abgedruckt wird) getan hat? Die sämtlichen anderen Mitglieder, alle Angelegenheiten der Theosophischen Gesellschaft werden da als eine gleichgültige Sache behandelt; das Stattfinden des Kongresses wird allein davon abhängig gemacht, ob Mrs. Besant kommt oder nicht kommt!!!

Nun, weil es der italienische Generalsekretär durchaus will, so werde ich seine «Darstellung» und auch sein Begleitschreiben vom 23. Nov. 1912 in diesem Hefte der Mitteilungen zur Charakteristik des Systems Besant abdrucken lassen. Dass ich diese Schreiben in einzelnen Logen einer nicht ganz «größtmöglichen Verbreitung und Öffentlichkeit» übergeben habe, dürfte ihm «augenscheinlich» nicht genügen. —

Eine andere leitende Persönlichkeit der Theosophischen Gesellschaft, die durch das den Mitteilungen vorangegangene ausführliche Schreiben unterrichtet war, wie die Aussagen Mrs. Besants vom Jahre 1912 in absolutem Widerspruche stehen mit dem, was 1909 geschehen war, überraschte mich, indem sie tatsächlich in der Lage war, das folgende Urteil zu fällen. Sie sagte, Mrs. Besant müsse rein vergessen haben, was 1909 geschehen sei, und das sei doch zu entschuldigen bei der Fülle dessen, was sie zu tun habe. Nun, mir scheint, ein System, das ein solches Urteil möglich mache, müsste unmöglich in der Theosophischen Gesellschaft sein. Der betreffende Herr musste wissen, dass Mrs. Besant nicht nur - vergessen haben könne, was 1909 geschehen ist, sondern dass sie 1912 nicht nur in Abrede stellt, was 1909 geschehen ist, sondern, dass sie in diesem In-Abredestellen einen Generalsekretär der unwahren Darstellung einer Angelegenheit beschuldigt. Man sollte glauben, dass die Unmöglichkeit einer solchen Handlung bei einem Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft einleuchtet, was auch immer für Gründe bei diesem Präsidenten vorliegen mögen. Ich will mich jeder Charakteristik der trüben Erfahrung enthalten, dass ein Helfer Mrs. Besants es für möglich findet, nach solcher Tat Mrs. Besants die Möglichkeit zu finden, zu sagen, sie müsse die Sache «vergessen» haben. Ist gegenüber solchen Dingen noch eine Steigerung der Unmöglichkeiten des Systems Besant möglich?

Ich hätte viel zu schreiben, wollte ich alles verzeichnen, was in dem charakterisierten Stil geschehen ist. Ich will nur noch das Folgende sagen: Mrs. Besant beschuldigt mich in einem Rundschreiben, das sie an einzelne Persönlichkeiten gerichtet hat, und das sie als Unterlage für die Verhandlungen auf der Adyar-Versammlung 1912 ausgearbeitet hat, der «Invasion in andere Sektionen». Die infrage kommenden Mitglieder anderer Sektionen mögen urteilen, in wie starkem Grade diese Behauptung Mrs. Besants den objektiven Tatsachen widerspricht. Mrs. Besant kommt in obig erwähntem Rundschreiben auf den Zweig Lugano zu sprechen. Er soll ein Beispiel dafür sein, wie durch mich Zweige, die zu anderen Sektionen eigentlich gehören müssten, widerrechtlich zur deutschen Sektion hinzugefügt worden seien. Und Mrs. Besant sagt in ihrem Rundschreiben: «Here lies the root of the difficulty. Dr. Steiner invaded the territories of the French and Italian Sections and thus caused the trouble.» Das heißt deutsch: «Hier liegt die Wurzel der Schwierigkeit. Dr. Steiner drang in die Bereiche der französischen und italienischen Sektionen ein und verursachte so die Störung.» Nun, was ist hier die objektive Wahrheit? Der Zweig Lugano ist gegründet worden, bevor ich als Kandidat für den Posten des deutschen Generalsekretärs auch nur genannt worden bin, ist von vorneherein so begründet worden, dass seine Begründer nur daran dachten, ihn für die deutsche Sektion zu begründen. Er wurde ohne mein Zutun auf die Liste derjenigen Zweige gesetzt, welche anfangs die deutsche Sektion begründen sollten. Als ich später zum Generalsekretär dieser Sektion bestimmt wurde, war der Zweig Lugano rechtmäßig der deutschen Sektion bereits eingefügt. Bei der Begründungsversammlung der deutschen Sektion, bei welcher dieser Zweig der deutschen Sektion eingefügt worden ist, war Mrs. Besant anwesend. Sie übergab mir damals mit ihren eigenen Händen die Urkunde, auf welcher der Zweig Lugano der deutschen Sektion eingefügt worden ist. Das alles sind Tatsachen, und ihnen entgegen schreibt nun Mrs. Besant: «Dr. Steiner drang in die Bereiche der französischen und italienischen Sektionen ein und verursachte so die Störung.»

Wie die deutsche Sektion von Mrs. Besant und ihren Helfern behandelt wird, dafür liegt unter anderem wieder eine schöne Probe vor, in dem Berichte, der in dem von Mrs. Besant redigierten «Theosophist» (Dezemberheft) von den Versammlungen gegeben wird, die im August 1912 von Mitgliedern der deutschen Sektion in München abgehalten worden sind. Man müsste viel schreiben, wenn man alle die Unrichtigkeiten aufzählen wollte, die sich in diesem Berichte finden. Man muss aber sagen, der Bericht ist so unrichtig, dass Haltung, Inhalt, Ziel der deutschen Sektion und noch manches andere in ganz irrtümlicher Weise dadurch vor die Vorstellung der ganzen Theosophischen Gesellschaft kommen. Hat der Berichterstatter, der so im System Besant arbeitet, denn gar keine Empfindung dafür, welche unrichtigen Vorstellungen durch solchen Bericht über die deutsche Sektion verbreitet werden? Hat Mrs. Besant gar keinen Begriff davon, dass sich ein Redakteur erst überzeugen müsse von der Richtigkeit eines Berichtes, den er bringt? Was ist doch solch ein Bericht für ein Angriff! Was für einer, der doch gewiss zu den Unmöglichkeiten der Theosophischen Gesellschaft gehören sollte!

Wenn die Dinge nicht so schlimm lägen: ich hätte gewiss von ihnen nicht gesprochen. Zwang, nur äußerster Zwang musste vorliegen, dass die Zeit mit solchen Ausführungen in Anspruch genommen wird, die für andere Dinge so nötig wäre. Wie sollen wir ruhig, sachlich arbeiten, wenn diese ruhige Arbeit in solcher Art gestört wird? Fragen darf man so doch wohl, und wenn die Präsidentin angesichts der oben angeführten Tatsachen zu schreiben wagt: «Dr. Steiner drang in die Bereiche der französischen und italienischen Sektionen ein und verursachte so die Störung», so darf wohl auch gefragt werden: wer verursacht in der Theosophischen Gesellschaft die Störungen in den Augen derjenigen, die Tatsachen ansehen und nicht die diesen Tatsachen absolut widersprechenden Behauptungen? Meine theosophischen Freunde mögen sich diese Frage beantworten und mir dann nachfühlen, was ich empfinde gegenüber der Tatsache, dass jetzt kostbare Zeit vergeudet werden muss angesichts von Dingen, von denen so offenkundig ist, dass sie nicht sein sollten.

Dr. Rudolf Steiner.

German original of A Letter From Dr. Rudolf Steiner To The Members Of The Theosophical Society · ← Previous · Next →