Abschluss

Frag.: Was kann von der Theosophie in der Zukunft erwartet werden?

Theos.: Wenn von Theosophie gesprochen wird, so ist zu sagen, dass sie in allen Zeiten existiert hat, und dass sie daher auch in aller Zukunft existieren wird, denn Theosophie ist gleichbedeutend mit ewig-währender Wahrheit.

Frag.: Wenn aber die Frage in Bezug auf die Aussichten der Theosophischen Gesellschaft gestellt wird?

Theos.: Deren Zukunft wird von dem Grade der Selbstlosigkeit abhängen, dem Ernst, und der Hingabe und, nicht zum wenigsten, von der Weisheit und Erkenntnis, welche sich ihre Mitglieder aneignen, die die Arbeit weiterführen sollen, nach dem Hingange der Begründer.

Frag.: Es ist wohl die Wichtigkeit der Selbstlosigkeit und Hingabe einzusehen, aber warum sollte Erkenntnis ein ebenso bedeutsamer Lebensfaktor sein wie die anderen Eigenschaften? Es ist doch die Literatur bereits da, und zu dieser werden beständig neue Dinge hinzukommen. Das könnte doch genügen.

Theos.: Es ist auch nicht die technische Kenntnis der esoterischen Lehre gemeint, obgleich diese sehr wichtig ist; es ist vielmehr davon zu sprechen, dass die Nachfolger in der Führerschaft der Gesellschaft Unbefangenheit und klares Urteil haben müssen. Jeder solche Versuch wie die Theosophische Gesellschaft einer ist, musste bisher scheitern, weil die Sache, früher oder später, in eine Sektenbildung aufging, das eine oder das andere feste Dogma aufstellte, und daher auch dem unaufhaltbaren Verfall der Lebenskraft entgegenging, die allein wirkliche Wahrheit geben kann. Man muss daran denken, dass alle Mitglieder der Gesellschaft geboren und erzogen worden sind in irgend einem Religionsbekenntnisse, und dass deshalb alle, mehr oder weniger Kinder ihres Zeitalters sowohl in physischer wie in geistiger Beziehung sind, und dass daher ihr Urteil leicht unbewusst durch alle daher rührenden Einflüsse befangen gemacht wird. Sind sie also nicht in der Lage, von solchen Einflüssen sich frei zu machen, oder wenigstens durch Einsicht in dieselben sich vor denselben entsprechend zu bewahren, so kann sich daraus nur ergeben, dass die Gesellschaft in Untiefen des Gedankenmeeres geführt wird, und dort zu Grunde gehen muss.

Frag.: Wenn aber diese Gefahr beseitigt werden würde?

Theos.: Dann würde die Gesellschaft das ganze zwanzigste Jahrhundert hindurch wirken. Sie wird nach und nach durchdringen die großen Massen der denkenden und intelligenten Menschen mit ihren weitgeistigen und edlen Ideen von Religion, Pflicht und Menschenliebe. Langsam aber sicher wird sie zerbrechen die Eisenketten der Bekenntnisse und Dogmen, der sozialen und KastenVorurteile; sie wird die Völker- und Rassen-Antipathien überwinden und den Weg frei machen zur praktischen Verwirklichung des Bruderbundes der ganzen Menschheit. Durch ihre Lehren, durch ihre dem gegenwärtigen Verständnis angepasste Philosophie wird der Westen lernen, den Osten in seiner Eigenart zu verstehen. Weiter, es wird heilsam und normal die Entwicklung der psychischen Kräfte und Fähigkeiten weiterschreiten, deren vorverkündende Symptome bereits in Amerika sichtbar werden. Die Menschheit wird der großen Gefahr entgehen, sowohl in geistiger wie körperlicher Beziehung, die unvermeidlich ist, wenn jenes Einleben in die psychischen Kräfte im Zeichen der Selbstsucht und der bösen Leidenschaften sich abspielte. Das geistige und psychische Wachstum der Menschheit wird im Einklange stehen mit dem moralischen Fortschritt, während die materielle Umgebung wiederspiegeln wird den Frieden und das brüderliche Wohlwollen, die den Geist beherrschen werden, statt des Missklanges und Streites, die heute überall in die Augen springen.

Frag.: Solch ein Bild ist in hohem Grade befriedigend. Kann man aber glauben, dass so etwas in einem Jahrhundert sich verwirklicht?

Theos.: Kaum; aber es muss gesagt werden, dass im letzten Viertel eines jeden Jahrhunderts von den erwähnten Meistern der Versuch gemacht worden ist, den geistigen Fortschritt der Menschheit in einer bestimmten Art vorwärts zu bringen. Gegen das Ende eines jeden Jahrhunderts wird man in irgendeiner Art ein Verbreiten von spirituellen, oder man möge es mystische Strömungen nennen, finden. Diese oder jene Personen treten in der Welt als die Gesandten der großen Seelen auf, und ein größeres oder geringeres Maß von okkulten Erkenntnissen wird in die Welt gesetzt. Wer darauf achtet, der kann solche Bewegungen zurückverfolgen, Jahrhundert für Jahrhundert, soweit als nur die menschliche Geschichtswissenschaft reicht.

Frag.: Wie aber hängt dies mit der Zukunft der Theosophischen Gesellschaft zusammen?

Theos.: Wenn der gegenwärtige Versuch, den diese Gesellschaft gemacht hat, ein besseres Gelingen findet, als dies bei seinen Vorgängern der Fall war, dann wird sie in dem Zeitpunkte des zwanzigsten Jahrhunderts, wenn die entsprechende Zeit gekommen sein wird, ein lebendiger und heilsamer Körper sein. Die Zustände der menschlichen Geister und Herzen werden durch die Verbreitung der theosophischen Lehren geläutert und gereinigt werden, und wie bereits gesagt, die dogmatischen Vorurteile und Illusionen werden hinschwinden. Und außerdem wird den Menschen eine große und bedeutsame Literatur zur Verfügung stehen, und dadurch wird die nächste Einströmung der Wahrheit innerhalb der Menschheit einen entsprechenden Empfang und das nötige Verständnis finden. Und ein neuer Sendbote der Wahrheit wird die Menschheit für seine Botschaft vorbereitet finden; es wird eine Ausdrucksform geben, in die er die neuen Wahrheiten wird kleiden können, eine Organisation, die in einer gewissen Beziehung seine Ankunft erwartet, um dann die materiellen Hindernisse und Schwierigkeiten von seinem Wege hinwegzuheben. Man denke doch nur, wie jemand wird wirken können, der in einer solchen Lage sein wird. Man vergleiche damit, was die Theosophische Gesellschaft in der letzten Zeit wirklich geleistet hat, ohne dass sie in der Lage eines solchen Führers gewesen wäre, da sie doch mit Schwierigkeiten auf allen Seiten zu kämpfen hatte. Man bedenke dies alles, und setze voraus, dass die Theosophische Gesellschaft richtig weiter bestehen werde, und dass sie ihrem ursprünglichen Ideale treu bleiben werde, und man erwäge dann, ob es zu sanguinisch ist, wenn gesagt wird, dass im einundzwanzigsten Jahrhundert die Erde ein Himmel sein werde im Vergleich zu dem, was sie gegenwärtig ist.

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