11. Goethes Denkweise im Verhältnis zu Kant, Fichte, Schelling und Hegel

An diesen Zeilen wird der tiefgehende Gegensatz der Goethe’schen Denkweise und der Kantischen Philosophie anschaulich. Mit Urteilen wie: Goethe war für die Philosophie nicht empfänglich u. dergleichen ist es da durchaus nicht abgetan. Das Richtige ist, dass der Goethe’schen Denkweise eine wesentlich andere Philosophie als die Kantische immanent war. So kam es, dass Goethe die Kant’schen Feststellungen stets missverstand und wenn er von Kant’scher Philosophie zu sprechen glaubte, etwas ganz anderes als diese selbst im Sinne hatte. Nicht die Dichtungsgabe und nicht der gesunde Menschenverstand hinderten ihn, sondern nur das, dass seine Weltansicht gerade der entgegengesetzte Pol der Kantischen ist.

Auch an der Kritik der Urteilskraft sind es ja nicht die Feststellungen Kants selbst, die den Dichter anziehen, sondern Dinge, die für Goethes Denken wesentlich waren, im Sinne der Kantischen Philosophie aber entweder unbeträchtliche Äußerlichkeiten oder gezwungene Annahmen Kants sind. Von der letzteren Art ist die Nebeneinanderstellung der ästhetischen und der teleologischen Urteilskraft in der Kritik der Urteilskraft. Was bei Goethe Prinzip alles Forschens, ja überhaupt Prinzip aller geistigen Tätigkeit: die innere Genügsamkeit, die in sich geschlossene Totalität der in Betracht kommenden Naturwesen, Kant fand es ja nur in einem [unleserliches Wort] menschlichen Wirkens in der ästhetischen Hervorbringung und Betrachtung eines Kunstwerkes [und] der teleologischen Naturbetrachtung. Und das nur, indem er — wie schon Hegel bemerkt - das strenge Gerüste seiner Philosophie durchbrach und eigentlich in inkonsequenter Weise eine Ästhetik und Teleologie begründete.

Fichte gegenüber verhielt sich ja Goethe durchaus nicht einfach ablehnend. Wer Fichtes Philosophie kennt, muss auch zugestehen, dass Letzterer mit Goethe weit mehr Berührungspunkte hat als Kant. In den Annalen empört sich Goethe über ihn:

Es war eine der tüchtigsten Persönlichkeiten, die man je gesehen, und an seinen Gesinnungen in höherm Betracht nichts auszusetzen; aber wie hätte er mit der Welt, die er als seinen erworbenen Besitz betrachtete, gleichen Schritt halten sollen?

Und was er, g., zum Jahre 1797 vor dem Tor der Universität Jena spricht: wo «das Zusammenwirken von talentvollen Menschen und glücklichen Umständen wäre der treusten und lebhaftesten Schilderung wert», nennt er an erster Stelle Fichte, der «eine neue Darstellung der Wissenschaftslehre im philosophischen Journal» gab. Bedeutsam ist auch, was er am 24. Juni 1794 an Fichte schrieb, nachdem ihm dieser die ersten Bogen der Wissenschaftslehre übersendet hatte:

Das Übersendete enthält nichts, das ich nicht verstände oder wenigstens zu verstehen glaubte, nichts, das sich nicht an meine gewohnte Denkart willig anschlösse.

Wenn von einem Verhältnis Goethes zu Schelling die Rede ist, so kann wohl nur des Letztern erste philosophische These in Betracht kommen. Denn was die mystische Periode Schellingischen Philosophierens betrifft, so finden sich wohl weder historische Berührungspunkte noch auch sogleich Übereinstimmungen. In Schellings Naturphilosophie liegt wohl etwas von Goethe’scher Denkweise. Das schöpferische Prinzip, das Sch[elling] der Natur zugrunde legt, welches die ganze Natur als ein Tätiges durchdringt, ist ja auch Goethe eigen. Somit dürfte feststehen, dass sich Goethes Ideen im Gespräche mit Schelling klärten, dass vieles eine bestimmtere Gestalt annahm. Derjenige deutsche Philosoph, der Goethe am besten verstanden hat, dürfte aber Hegel sein. Er hat Goethes naturwissenschaftliche Denkweise nicht allein als eine berechtigte angesehen, sondern, wenn man von Hegels eigentümlicher Geistesanlage absieht, der vor allem die Fälle abgeht, sodass in ihr alles sich nach der logischen Seite hin entwickelt, dürfte Hegels philosophische Denkweise der Goethe’schen wohl näher stehen als die eines andern deutschen Philosophen. Die Gebrüder Humboldt, besonders Wilhelm v. Humboldt, hatten ebenfalls in ihrer Denkweise viele Berührungspunkte mit Goethe’schem Forschen. Wir brauchen da nur zu denken an die Worte, mit denen Goethe 1806 Alexander v. Humboldts Physiognomik der Gewächse begrüßte: «Nachdem Linné ein Alphabet der Pflanzengestalten ausgebildet und uns ein bequem zu benutzendes Verzeichnis hinterlassen; nachdem die Jussieu das große Ganze schon naturgemäßer aufgestellt, scharfsinnige Männer immerfort mit bewaffnetem und unbewaffnetem Auge die unterscheidenden Kennzeichen aufs Genaueste bestimmen und die Philosophie uns eine belebte Einheit einer höhern Ansicht verspricht: So tut hier der Mann, dem die über der Erdfläche verteilten Pflanzengestalten in lebendigen Gruppen und Massen gegenwärtig sind, schon vorauseilend den letzten Schritt und deutet an, wie das einzeln Erkannte, Eingesehene, Angeschaute in völliger Pracht und Fülle dem Gemüt zugeeignet, und wie der so lange geschichtete und rauchende Holzstoß durch einen ästhetischen Hauch zur lichten Flamme belebt werden könne.»

Mit einer anderen Ansicht A. v. Humboldts, mit dessen Vulkanismus, konnte sich Goethe freilich nicht befreunden. Wir werden daran noch zu /unleserliches Wort] haben. Wie sehr Goethes Denken dem W. v. Humboldts verwandt war, ersehen wir [Text bricht ab]

German original of Goethe's way of Thinking in Relation to Kant, Fichte, Schelling and Hegel · ← Previous · Next →