Goethe and the Present

GA 68c — 2 February 1905, Berlin

XVII. Goethes Evangelium II

Vor acht Tagen versuchte ich, Goethes Weltanschauung an seinem «Faust» darzulegen. Wir haben dabei gesehen, dass Goethe den großen Kampf des Universums, des geistigen Universums, zwischen Gut und Böse, wie er sich abspielt im Menschen und um den Menschen, in der Weise darlegt, wie es im Sinne der Mystik oder dessen, was wir Theosophie nennen, ist. Wir haben gesehen, dass Goethe, da, wo er die Menschen hinweist auf die Welten, die über das Sinnliche hinausgehen, so zu Werke geht, dass wir an seinen Ausdrücken ganz genau nachweisen können seine intime Bekanntschaft mit dem, was wir in der Theosophie als unsere Überzeugung vertreten. Wir haben das sehen können am «Prolog im Himmel» und an der Art und Weise, wie er den Erdgeist sprechen lässt, dann aber auch in dem, was wir als Hindeutung auf die geistige Welt und als Gegenüberstellung des niederen und des höheren Selbst betrachten können. Wir haben die Ansprache an den Erdgeist näher betrachtet und gesehen, wie Goethe seinen Faust einführt in die Welt, die wir die Welt des höheren Erkennens nannten, indem er durchführte, wie der Mensch zusammengesetzt ist aus Leiblichem, Seelischem und Geistigem. Wir haben es zeigen können an dem Hinabsteigen des «Faust» zu den «Müttern», an den charakteristischen Eigenschaften des Homunculus, der in anderer Weise nicht plausibel gemacht werden kann, und dann an der Wiedermenschwerdung der Helena in der «Klassischen Walpurgisnacht». Wir haben gesehen, wie er aufsteigt zur Erkenntnis, hinaufsteigt auf die Höhen eines geistigen Montserrat, auf die Höhen der Erkenntnis und des mystischen Erlebens, abschließt mit den Worten, die er den Chorus mysticus sagen lässt, und darin andeutet, in welchem Sinne er den Faust aufgefasst wissen will.

Das, was Goethe dabei zum Ausdruck gebracht hat, ist kein Spiel der Phantasie, auch nicht in bloß dichterischem Sinne gemeint, denn Goethe hat von jeher in der Kunst die Ausprägung geheimer Naturgesetze gesehen, was er ein anderes Mal so ausdrückte, dass er sagte: Die Kunst soll beruhen auf den tiefsten Grundlagen der Erkenntnis. Es ist ohne Zweifel, wenn wir Goethe verfolgen bis zu seiner Lebenshöhe, wenn wir aufschauen und aufblicken zu den geistigen Welten, dann werden wir eine fortwährende Steigerung zu wirklich mystischen Höhen bei Goethe selbst nachweisen können. Schon das letzte Mal habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass die Hinlenkung des Goethe-Blickes zum Geistigen nicht nur in der Anlage war, sondern vorhanden war, als er schon eine Weltanschauung sich begründet hatte, als er bei seinem Eintritte in Weimar versuchte, sich klarzumachen, wie die Dinge in der Natur zusammenhängen, als er da eine geistige Wesenheit suchte, die aller Natur zugrunde liegt. Ich habe das letzte Mal schon gesprochen von dem «Natur»-Hymnus, den er in Weimar gedichtet hat. Da spricht er unmittelbar die Natur an, aber so, dass sie ihm zum unmittelbaren Ausdruck wird für eine geistige Wesenheit. An jedem Wort können Sie in diesem Prosahymnus sehen, dass er die Natur als ein Wesen geistiger Art anspricht. Er sagt in dem Buche «Zur Naturwissenschaft» im Allgemeinen über die Natur:

Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen — unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen [...] Gedacht hat sie und sinnt beständig; aber nicht als ein Mensch, sondern als Naturf[...] Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen durch die sie fühlt und spricht [...] Ich sprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst.

So stellt er sich in diese von ihm durchaus geistig gedachte Natur hinein und spricht von der Natur als von dem äußeren Ausdruck einer geistigen Wesenheit. Da Goethe die Natur in dieser Weise angesprochen hat, musste er ja aufsteigen. Denn so stellt er sich die leibliche Menschwerdung dar: Er stellt sich vor, dass das Seelische steht über der Natur. Es gehört zwar zum großen Weltganzen, und er spricht daher auch von einer höheren Natur. Aber indem er von der niederen Natur spricht, von den verschiedenen Veränderungen, von den Metamorphosen des Natürlichen, da baut er die Weltanschauung im Sinne des Mystischen auf. Um ein Beispiel zu geben, erwähne ich Paracelsus. Ohne ihn ist Goethe nicht denkbar. Durch Paracelsus ist Goethe verständlicher. Ich will nicht behaupten, dass des Paracelsus Lehren in Bausch und Bogen übernommen werden können. Glauben Sie nicht, dass ich denen das Wort reden will, welche heute wieder so sprechen möchten, wie Paracelsus gesprochen hat. Aber wir könnten von einem so auserwählt hohen Geiste noch unendlich viel lernen. Goethe hat von ihm auch unendlich viel gelernt. Nur ein einziges Wort, um zu zeigen, wie Goethe im Sinne des Paracelsus gestrebt hat: Paracelsus stellt sich vor die wahre Wesenheit des Menschen seelisch-geistig, sich verkörpernd in den Urformen des Naturwesens, im Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich, wo sie überall in einseitiger Weise zum Ausdruck kommt, um zuletzt im Menschen in allseitigster Weise sich auszuprägen. In den verschiedenen Mineralien, Pflanzen und Tieren sind Buchstaben geschaffen, mit denen der große Allgeist zuletzt den Menschen geschrieben hat. Es zeigt dies, einen wie tiefen Blick Paracelsus in das Menschenwesen getan hat. Als Goethe sich auf den Weg begibt, den Gang der Weltwesen von den unvollkommenen bis zu den vollkommenen zu studieren, drückt er sich in ähnlicher Weise aus wie Paracelsus. Frau von Stein bekam tagtäglich Antwort auf die Frage, wie seine Gedanken reiften. Da sagte er einmal zu ihr, als er glaubte, einer besonders wichtigen Entdeckung auf der Spur zu sein: Mein Buchstabieren hat mir geholfen. Er meinte, er habe versucht, kennenzulernen die Pflanzen und Tiere, die ihm, wie Paracelsus, Buchstaben waren zur Lösung des großen Rätsels, das der Mensch für den Menschen darstellt. In dieser Weise wollte Goethe vom Anfange seines Naturstudiums an vorgehen, um den großen geistigen Zusammenhang in allen Wesen zu suchen. So suchte er von Anfang an, was er die «Urpflanze» nannte, die in allen Pflanzen leben sollte und die im Grunde genommen der Geist des Pflanzendaseins ist. Dann stieg er auf zu dem «Urtier» und suchte das «Urtier» in den Tieren nachzuweisen. Metamorphose der Pflanzen und Metamorphose der Tiere — Sie brauchen sie nur zu lesen, und Sie werden die schönste theosophische Abhandlung über die Pflanzen und Tiere haben, die Sie nur finden können. Gerade durch diese Gesinnung wurde Goethe seinerzeit, und zwar bald nach seinem Eintritt in Weimar, zu einer wichtigen naturwissenschaftlichen Entdeckung geführt. Bis in die Zeit, in der Goethe sich auf die Naturstudien eingelassen hat, musste man die Tatsache, dass der Mensch höher steht als die Tiere, in dem Vorhandensein besonderer einzelner Organe finden. Dass sich der Mensch in seiner Leibesbeschaffenheit von den höheren Tieren unterscheide, dagegen hat sich schon Herder in seiner «Geschichte der Menschheit» gewendet. Herder war der Lehrer von Goethe in einem bedeutenden Maßstabe. Man sagte damals: Alle höheren Tiere haben die oberen Schneidezähne in einem besonderen Zwischenkieferknochen. Nur der Mensch hat keinen solchen Zwischenkieferknochen. Goethe sagte: Der Unterschied des Menschen von den übrigen Wesen ist seelisch-geistiger Art. Aber nicht in einer solchen Einzelheit kann der Unterschied gefunden werden, deshalb muss der Mensch auch einen Zwischenknochen haben. Die Forscher haben sich lange gesträubt, diese Entdeckung Goethes anzuerkennen. Aber heute ist es selbstverständlich, dass die Entdeckung auf einer vollen Tatsache beruht. So hat Goethe damals schon diese große naturwissenschaftliche Entdeckung aus seiner Gesinnung heraus gemacht. In Italien verfolgte er die Pflanzen- und Tierwelt in dem Sinne, Mittel und Wege zu finden, um die Wesen überblicken zu können. In der «Metamorphose der Pflanzen und Tiere» hat er ein Kabinettstück dafür gegeben. Der Gedanke, den Goethe durchgeführt hat, ist ein Gedanke, der sich schon bei Giordano Bruno in großem Umfange findet. Giordano Bruno ist nämlich, so wie es sich für jedes wirklich in die Tiefen der Natur und des Universums hineinsehende Wesen von selbst versteht, einer derjenigen, welcher das Durchgehen des Menschen durch die verschiedenen Inkarnationen annimmt, der annimmt, dass der Mensch oftmals schon da war und oftmals noch wiederkommen wird. Der Leib des Menschen, wie wir ihn vor uns haben, zeigt uns, wie Seele und Geist sich ausbreiten im Raum. Und wenn der Mensch stirbt, dann ziehen sich Seele und Geist zusammen, sie werden gleichsam punktuell, um sich wieder auszudehnen und dann wieder zusammenzuziehen. So wechselt das Dasein zwischen Ausdehnung und Zusammenziehen. Der Mensch steigt auf, indem er sich immer mehr und mehr steigert, vollkommener wird bei jeder neuen Ausdehnung, um sich wieder zusammenzuziehen und durch das rein geistige Reich zu gehen. Diese Gedanken hat Giordano Bruno gedacht, und sie wurden von Goethe auf das Pflanzen- und Tierleben ausgedehnt. Die ganze Metamorphose zeigt uns, dass die Pflanze von der Blüte und von der Wurzel aus im Zusammenziehen und Auseinanderfalten besteht. Das ist auch bei Swedenborg zu finden in den Büchern, wo er die grundlegenden Entdeckungen, die er gemacht hat, aufnotiert hat, die dann bei Goethe fruchtbar geworden sind und bei diesem uns wieder entgegentreten. Jetzt haben sich einige Gelehrte der nordischen Akademien zusammengetan, um die Schriften Swedenborgs herauszugeben, und man wird sehen, welche große Summe von Wissenschaft auf allen Gebieten der Naturwissenschaft bei Swedenborg zu finden ist. Goethe hat sich mit Swedenborg beschäftigt, und es gibt eine interessante Doktordissertation der Berliner Universität, von Hans Schlieper, worin der Zusammenhang der Schriften Goethes mit Swedenborg nachgewiesen ist. Wollen Sie einen Einblick gewinnen, wie Swedenborg diese Gedanken ausgeführt hat, dann brauchen Sie nur in Emersons «Repräsentanten des Menschengeschlechts» den Artikel über Swedenborg nachzulesen, und Sie werden die Gedanken finden, die bei Goethe so außerordentlich fruchtbar geworden sind. Sie werden aber auch finden, dass die verschiedenen Naturreiche zuletzt ihre Krönung finden müssen im Menschen, dass zuletzt sich zeigen muss, wie aus der kleinen Welt die Seele herausgeht, um in der großen Welt, im Kosmos, ihre Einheit zu finden. Schiller hat das auch in grandioser Weise zum Ausdruck gebracht. In seinem Briefwechsel mit Goethe schreibt Schiller am 23. August 1794:

Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuerter Bewunderung bemerkt. Sie suchen das Notwendige der Natur, aber Sie suchen es auf dem schweresten Wege, vor welchem jede schwächere Kraft sich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf. Von der einfachen Organisation steigen Sie, Schritt vor Schritt, zu den mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen. Dadurch, dass Sie ihn der Natur gleichsam nacherschaffen, suchen Sie in seine verborgene Technik einzudringen. Eine große und wahrhaft heldenmäßige Idee, die zur Genüge zeigt, wie sehr Ihr Geist das reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer schönen Einheit zusammenhält. Sie können niemals gehofft haben, dass Ihr Leben zu einem solchen Ziele zureichen werde, aber einen solchen Weg auch nur einzuschlagen, ist mehr wert, als jeden andern zu endigen — und Sie haben gewählt, wie Achill in der Ilias zwischen Pythia und der Unsterblichkeit.

Ich könnte noch weiterlesen, und Sie würden finden, wie jedes einzelne Wort Schillers treffend in Bezug auf Goethe ist. Goethe selbst hat sich über dieses Verhältnis des Menschen als eines Mikrokosmos zu der übrigen Natur in einer sehr schönen Weise ausgesprochen, indem er mit ungeheurer Kraft der Worte zeigt, wie im Menschen nicht eine Einzelheit, sondern der ganze Geist der Natur lebt, wie dieser ganze Geist zur Anschauung seiner selbst gelangt. Wer sich erinnert an die schönen Worte, die die deutschen Mystiker gesprochen haben, der wird unter anderen das Wort kennen: Im Menschen lebt die Gottheit, und im Menschen hat sich Gott ein Organ geschaffen, um sich selbst anzuschauen. Goethe sagt in seinem Buche über Winckelmann, da, wo er über Antikes spricht:

Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt — dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.

Was sagt Goethe da anderes, als was er in seinem «Faust» als den Durchgang aller Reiche durch die Natur darstellt. Goethe war nie zufrieden mit der materialistischen Auffassung der Natur. Und als Holbach in dieser Beziehung einen besonders krassen Ausdruck geschaffen hatte, da wendete er sich schon als junger Mann gegen ihn. Goethe sagt darüber, er [habe] nichts darin finden können als eine öde Spekulation, nicht aber eine wirkliche Naturerklärung. Und ferner, eine Materie sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit sollte sie bewegt sein, und dadurch sollte sie die Phänomene des Daseins hervorbringen. So fertigt Goethe den Materialismus ab. Goethe hat immer gestrebt, den Einklang zu finden zwischen dem, was er geistige Natur nennt, und dem, was die Verleibung der geistigen Natur darstellt. Daher war er ein Anhänger der Lehre, die in unserem Leiblichen, in den äußeren Gestalten der Natur die Verkörperung des Geistes sieht. Goethe stand zeitlebens auf diesem Standpunkte und erhöhte diesen Standpunkt zu immer klareren Formen. Nun bedingt aber dieser Standpunkt etwas anderes. Er bedingt, dass wir anerkennen, dass es mit dem Menschen nicht abgeschlossen ist. Die Reiche der Vollkommenheit müssen sich fortsetzen über den Menschen hinaus. Das ist theosophische Weltanschauung. So stehen wir als Theosophen nicht auf dem Standpunkte, dass das menschliche Wesen irgendwie abgeschlossen ist. Aber so, wie nebenbei auch unvollkommenere Wesenheiten sind, so erkennen wir auch an, dass wir vollkommenere und unvollkommenere Menschenbrüder haben, ja, dass es welche gibt, die weit über das Maß der übrigen Menschen hinausgeschritten sind. Das sind die großen Lehrer, die bemüht sind, die Menschen hinaufzuführen zu immer höheren und höheren Welten. Das ist ein Reich von den niedersten Wesen bis zu den Göttern. Wir erkennen an, dass der Mensch sich seinerzeit zur Göttlichkeit erheben wird, und wir erkennen heute schon eine Ordnung, die beginnt bei den niederen Geistern und endigt nicht eher, bis das physische Dasein erschöpft ist und wir hinaufblicken in Höhen und Wesen, die die Kluft ausfüllen zwischen den Menschenwesen und den Wesen, von denen die Menschen nur eine Ahnung haben. In diesem Sinne, dass er hinaufgeblickt hat zu höheren geistigen Wesenheiten, hat Goethe gesprochen sein Gedicht aus der ersten Weimarischen Zeit, das bekannte Gedicht «Das Göttliche»:

Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch!
Sein Beispiel lehr’ uns
Jene glauben.

Das ist das Gedicht, in dem Goethe die Stufenfolge hinauf zu höheren Wesen ausgesprochen hat. Diejenigen, welche hier theosophische Vorträge schon früher gehört haben, werden wissen, dass wir in der Theosophie eine ununterbrochene Folge von Wesen, vom heutigen Durchschnittsmenschen bis zu den höheren Wesen, anerkennen, dass wir wissen, dass unter uns Menschenbrüder sind, die hohe Stufen erlangt haben, die unsere Lehrer sind, sich aber von dem Getriebe der Menschen abgezogen haben, weil sie Freiheit haben müssen. Nur einer Anzahl von Schülern ist es möglich, sie zu sehen. Diejenigen, die sich zur Inbrunst tiefer Wahrheiten, zu einer entsprechenden Erkenntnis erheben, die eine freie sein muss, können diese erhöhten menschlichen Individualitäten hören. Goethe spricht dann von diesen höheren Individualitäten. Nur das Gedicht «Symbolum» brauche ich zu zitieren. Darin spricht er von dem heiligen Schauer, der uns durchdringen muss gegenüber der Wahrheit und gegenüber der geistigen Welt. Goethe spricht also hier von den Stimmen der Geister und der Meister. Das wird Ihnen die tiefe Übereinstimmung Goethes mit dem, was wir die theosophische Weltanschauung nennen, zeigen. Nun möchte ich Ihnen auch zeigen, dass eine solche Übereinstimmung bei Goethe wirklich sehr weit geht. Sie wissen, wir sprechen in der theosophischen Weltanschauung davon, dass die Menschen nicht nur den physischen Körper haben. Dieser physische Leib ist ein untergeordneter Leib des Menschen. Dann haben wir den Äther-Doppel-Leib. Der kann gesehen werden von dem, dessen seelische Organe offen sind. Er wird dann gesehen, wenn man sich den physischen Körper absuggeriert. Dann ist derselbe Raum, den der Mensch einnimmt, ausgefüllt von dem Ätherleib. Er sieht aus wie die Farbe der Pfirsichblüte. Dann kommt der Astralleib, der Ausdruck der Empfindungen, Triebe, Begierden und Leidenschaften. Diesen Leib nennt die theosophische Weltanschauung «Kama-Rupa». Von diesen drei übereinanderstehenden Körpern spricht man heute. Man spricht davon, dass ein Gleichnis vorhanden ist in unserer physischen Natur. Der sogenannte Okkultist spricht davon, dass der physische Leib ein äußeres Gleichnis hat in dem, was wir feste Körper nennen, dass dasjenige, was wir Ätherkörper nennen, eine Ähnlichkeit hat mit dem Flüssigen, und dass der Astralleib ein sinnliches Gleichnis hat in allem, was sich gas- und luftförmig ausnimmt. Alles, was sich gestaltet im sinnlichen und Triebleben, spricht man als Gleichnis an für den astralischen Leib. In mystischer Form spricht man von einer Gottheit, die diese Gestaltungen schafft. Das ist nichts anderes als «Kama». Goethe hat, als er die Wolkengebilde studierte, ganz im Sinne dieser Weltanschauung davon gesprochen, dass sich auch für ihn in der Ausprägung der Gestaltung des Wassers ein Abbild ergibt für das eigentlich Seelische, ein Kama-Rupa:

Wenn Gottheit Camarupa, hoch und hehr,
Durch Lüfte schwankend wandelt leicht und schwer,
Des Schleiers Falten sammelt, sie zerstreut,
Am Wechsel der Gestalten sich erfreut,
Jetzt starr sich hält, dann schwindet wie ein Traum,
a staunen wir und traun dem Auge kaum;

Bis auf den Ausdruck «Camarupa» können Sie bei Goethe die theosophische Weltanschauung wiederfinden. Die Frage ist nun: Wie hängt Goethe mit dem zusammen, was wir wirklich theosophische Bewegung nennen und wie sie nicht etwa erst durch die Theosophische Gesellschaft geschaffen worden ist. Die Theosophische Gesellschaft [unternimmt] bloß eine Popularisierung der alten theosophischen Lehren, die immer vorhanden waren. Vor dem Jahre 1875 hat man streng an dem Grundsatz festgehalten, dass die theosophischen Lehren Geheimnis sein müssen, dass nur derjenige sie lernen kann, welcher sich zu ganz bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen bekennt. Sie finden in meiner Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» etwas besprochen, das Sie selbst zu Höherem hinlenken kann. In früheren Zeiten wurden die theosophischen Lehren nur in engsten Kreisen, in den sogenannten Geheimschulen betrieben. Nur diejenigen konnten bestimmte Lehren empfangen, die bestimmte Grade erreicht hatten. Ein bestimmter Grad von Geheimnissen wurde dem Menschen nur dann übermittelt, wenn er bestimmte Grade erreicht hatte. Die bedeutsamste Gesellschaft war die der Rosenkreuzer, eine streng geheime Gesellschaft. Was Sie davon in Büchern finden, können Sie meinetwegen als Schwindel bezeichnen. Was in der Literatur zu finden ist und was der Gelehrsamkeit zugänglich ist, das ist keine Rosenkreuzerei. Die Brüder kannten sich nur untereinander. An der Spitze standen zwölf Eingeweihte. Nur der Dreizehnte war der Führer. Das äußere Symbolum war das Kreuz mit Rosen. Die Gesellschaft hatte, trotzdem sie eine Geheimgesellschaft war, einen großen Einfluss auf den Gang der geistigen Entwicklung. In der Zeit, als der Materialismus noch nicht die großen Kreise beherrschte, konnte noch ein sehr großer geistiger Einfluss ausgeübt werden. Diese Rosenkreuzergesellschaft ist nun diejenige, deren Tradition und innere Bedeutung auch Goethe kannte. Er lernte sie frühzeitig kennen. In der Zeit, wo er nach einer sehr schweren Krankheit, nach seiner Leipziger Studienzeit, in Frankfurt sich aufhielt, wurde er durch eine gewisse Persönlichkeit in die Geheimnisse der Rosenkreuzer eingeweiht. Mehr und mehr vertiefte sich diese Mystik in Goethe. Nun hat er das, was er in dieser Beziehung zu sagen hatte, in einem sehr tiefen Gedichte niederlegen wollen. Er hat gerade in der Zeit, als er dieses Gedicht geschrieben hat, sich insofern als praktischer Mystiker erwiesen, als er das Leben als praktische Mystik aufgefasst hat. Nur unter bestimmten Voraussetzungen ist ihm das Vertrauteste gelehrt worden. Frau von Stein war eine seiner Vertrautesten. Er konnte sich diese Verbindung nicht anders vorstellen, als dass er zu ihr gehört hat schon in früheren Leben. Das ist das Wichtige. Nicht das Dogma von der Wiederverkörperung; das Leben unter diesem Gesichtspunkte aufzufassen ist die Hauptsache. So sagte Goethe einmal, um sich seine tiefe Verbindung, sein Verhältnis mit Frau von Stein klar zu machen: Du warst in abgelebten Zeiten sicherlich einmal meine Schwester oder meine Frau. Das ist die Art und Weise, wie er hier und auch in anderer Weise die Reinkarnation deutet. Selbstverständlich betrachtet Goethe dies als sein Geheimnis. Er spricht davon nur zu seinen Vertrauten. Deshalb können Sie manches von Goethe anführen, was scheinbar diesem widerspricht. Das können Sie auch bei anderen Mystikern finden. Dass es so ist, weiß man. Nun hat Goethe etwas von einem Aufstieg, von einer spirituellen Ordnung in der Rosenkreuzerei in dem genannten Gedicht zum Ausdruck gebracht. Dieses Gedicht ist Frau von Stein so sehr lieb geworden, es heißt «Die Geheimnisse». Es ist nicht fertig geworden. Die Größe des Gedichts hätte viel umfangreicher sein müssen. Er hätte sich vielleicht aussprechen können, wenn es so viele Strophen gehabt hätte wie das Jahr Tage. Klar hat er aber zum Ausdruck gebracht: erstens diese Grundidee und zweitens die Anschauung, dass ein Wahrheitskern in allen Religionen zu finden ist, dass alle großen Religionen eine Grundlehre, die sogenannte Weisheitsreligion, enthalten, und dass die verschiedenen Weisheitsreligionen verkörpert sind in einzelnen großen Eingeweihten, die zu einer Bruderschaft miteinander verbunden sind, dass sie verschieden sind nach deren Anlagen, nach der Landesbeschaffenheit und so weiter. Der Brahmanismus, der Buddhismus, der Konfuzianismus, die Lehren des Hermes, des Judentums, des Christentums; sie alle enthalten einen gemeinschaftlichen Wahrheitskern. Verschieden sind sie, weil diejenigen, welche wirklich den Menschen in seiner spirituellen Wesenheit erfassen, wissen, dass es sich nicht darum handelt, ein abstraktes Dogma durchzuführen, sondern dass man zu jedem Menschen in seiner Weise sprechen muss. Man muss nur den Wahrheitskern besitzen, dann kann man ihn in die Sitten jedes Landes kleiden. Sie finden, dass unsere theosophischen Lehren innerhalb der Hindu-Religion wieder aufgebaut haben die alten Lehren der Rishis, ebenso in Europa. Da sogar in einer Form, die der Wissenschaft wieder gewachsen sein wird. So kann zu jedem Volke in seiner besonderen Sprache gesprochen werden. Aber ein gemeinschaftlicher Wahrheitskern lebt in allen diesen Sprachen. Das war auch die Anschauung der Rosenkreuzer, die auch Goethe in dem Gedichte «Die Geheimnisse» ausgesprochen hat. Sie werden sehen, wie viel von Mystik und Theosophie in Goethe lebt, wenn wir seine geheimen Offenbarungen im Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie betrachten. Jetzt aber lassen Sie uns einmal diese rosenkreuzerische Färbung in seinem Gedichte, das ein Fragment geblieben ist, [betrachten]. Goethe weiß, dass nicht viele da sein werden, welche dieses Gedicht «Die Geheimnisse» werden verstehen können. Er weiß auch, dass dieses Gedicht so viel enthält, dass keiner sich vermessen darf zu glauben, es vollständig zu verstehen. Aber er drückt es klar aus, dass er uns in seine tiefste Seele sehen lässt:

Ein wunderbares Lied ist euch bereitet;
Vernehmt es gern, und jeden ruft herbei!
Durch Berg’ und Täler ist der Weg geleitet;
Hier ist der Blick beschränkt, dort wieder frei,
Und wenn der Pfad sacht in die Büsche gleitet,
O denket nicht, dass es ein Irrtum sei;
Wir wollen doch, wenn wir genug geklommen,
Zur rechten Zeit dem Ziele näher kommen.

Dann zeigt er, wie Bruder Markus hinwandelt zu einem einsamen Kloster. In diesem wohnen zwölf Einsiedler, die Eingeweihten, geführt von dem Dreizehnten, den Goethe Humanus nennt, der alle umfasst. In jedem dieser Zwölf ist eine der großen Weltreligionen verkörpert. Je nach der Verschiedenheit der Länder und Zeiten sind die verschiedenen Religionen verschieden, in jedem der Eingeweihten ist jede der Religionen verschieden. In einem Kollegium wirken sie aber für die ganze Menschheit. Der Führer Humanus heißt deshalb so, weil er eine so späte Inkarnation ist, dass in ihm auf eigentümliche Weise der höchste Wahrheits- und Erkenntnisgehalt zum Ausdruck kommt. Diejenigen Menschen, welche verhältnismäßig in frühen Inkarnationen sind, die noch wenige Verkörperungen durchgemacht haben, bekommen die Lektionen des Lebens und steigen so weit auf, dass sie wie eine Selbstverständlichkeit den tiefsten Wahrheitskern in sich tragen. Dann brauchen sie in der neuen Verkörperung nicht zu studieren, dann sind sie so — durch gewisse Zeichen ihrer Geburt wird das symbolisch vorherverkündigt —, dass sie, wie das von den großen Initiierten der Menschheit gesagt werden muss, die Weltenweisheit ausströmen. Ein solcher ist Humanus. Nachdem er den Geist ausgeströmt hat in seine Umgebung, steigt er in höhere Sphären hinauf. Bruder Markus ist wieder eine solche Inkarnation. Von ihm sagt Goethe, als er erschienen war, dass er, wie aus höheren Ursachen den Eindruck gemacht habe, dass eine höhere Weisheit in die Welt kommen muss. Scheinbar einfach ist Bruder Markus. Aber er ist eine späte Wiederholung des Menschendaseins. Dieser Bruder Markus wird in demselben Momente hingeführt, wie Goethe sagt, in die Bruderloge, in der die Zwölf vereinigt sind, als Humanus die Zwölfe verlassen darf, wo nur sein Geist in ihnen bleibt, wo der Geist in die höheren Sphären hinaufsteigt. Bruder Markus nimmt seinen Platz ein. Diese Menschheitsregierung hat Goethe hier darstellen wollen.

Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet,
Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht,
Zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet,
Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht,
Das die Gewalt des bittern Tods vernichtet,
Das in so mancher Siegesfahne weht:
Ein Labequell durchdringt die matten Glieder,
Er sieht das Kreuz und schlägt die Augen nieder.

Von Anfang zeigt sich uns in diesem Gedicht, wie Goethe die spirituelle Lenkung der Menschheit von den Zwölfen ausgeführt sein lässt. Dreißig Jahre nachher hat sich eine Anzahl Studenten an ihn gewendet mit der Bitte, dass er einige Erklärungen abgeben möchte. Er hat auch versucht, einiges über dieses Gedicht zu sagen. Nur Einzelnes will ich Ihnen anführen. Er sprach sich ganz in theosophischem Sinne aus:

Um nun die weitere Absicht, ja den Plan im allgemeinen und somit auch den Zweck des Gedichtes zu bekennen, eröffne ich, dass der Leser durch eine Art von ideellem Montserrat geführt werden und, nachdem er durch die verschiedenen Regionen der Berg-, Felsen- und Klippen-Höhen seinen Weg genommen, gelegentlich wieder auf weite und glückliche Ebenen gelangen sollte. Einen jeden der Rittermönche würde man in seiner Wohnung besucht und durch Anschauung klimatischer und nationaler Verschiedenheiten erfahren haben, dass die trefflichsten Männer von allen Enden der Erde sich hier versammeln mögen, wo jeder von ihnen Gott auf seine eigenste Weise im stillen verehre.

Nun führt er uns vor, wie Bruder Markus in den Vorhof geführt wird. Das eigentliche Innere darzustellen, dazu ist Goethe nicht gekommen. Es wird uns aber dann gezeigt, wer der Bruder Humanus ist:

Und fragst du mich, wie der Erwählte heiße,
Den sich das Aug’ der Vorsicht ausersah?
Den ich zwar oft, doch nie genugsam preise,
An dem so viel Unglaubliches geschah?
Humanus heißt der Heilige, der Weise,
Der beste Mann, den ich mit Augen sah:
Und sein Geschlecht, wie es die Fürsten nennen,
Sollst du zugleich mit seinen Ahnen kennen.

Er zeigt hier auch, wie ein solcher Führer hinaufgekommen ist zu solchen Stufen. Das niedere Selbst muss sich hingeopfert haben. In der Opferung der Schlange werden wir das sehen, wenn wir von dem «Märchen» sprechen. Aber hier sehen wir, wie der Führer der zwölf Auserwählten sein höheres Selbst, seine Seele rettet. Wie er es durchgemacht hat, dieses Stirb und Werde, und nicht ein trüber Gast geblieben ist auf der dunklen Erde, sondern den Gottmenschen in sich erweckt hat. Er sagt uns klar und deutlich, dass er dieses höhere Selbst als ein Weibliches ansieht. Zur Rettung muss das Niedere abgetötet werden. In schöner Symbolik spricht Goethe in dem Gedicht «Die Geheimnisse» die Hinaufentwicklung eines Wesens, wie des Dreizehnten, aus. Das spricht er so aus:

Als dritter Mann erzählt’ ich mehr und freier,
Wie ihn ein Geist der Mutter früh verhieß,
Und wie ein Stern bei seiner Taufe Feier
Sich glänzender am Abendhimmel wies,
Und wie mit weiten Fittichen ein Geier
Im Hofe sich bei Tauben niederließ;
Nicht grimmigstoßend und, wie sonst, zu schaden,
Er schien sie sanft zur Einigkeit zu laden.
Dann hat er uns bescheidentlich verschwiegen,
Wie er als Kind die Otter überwand,
Die er um seiner Schwester Arm sich schmiegen,
Um die Entschlafne fest gewunden fand.
Die Amme floh und ließ den Säugling liegen;
Er drosselte den Wurm mit sichrer Hand:
Die Mutter kam und sah mit Freudebeben
Des Sohnes Taten und der Tochter Leben.

Die Schwester ist das Innerste der Seele, dasselbe wie das Ewig-Weibliche, das uns hinanzieht. Die Otter ist das, was abgestreift werden muss. Zu dem Symbolum fügt er die Erklärung:

Wenn einen Menschen die Natur erhoben,
Ist es kein Wunder, wenn ihm viel gelingt;
Man muss in ihm die Macht des Schöpfers loben,
Der schwachen Ton zu solcher Ehre bringt:
Doch wenn ein Mann von allen Lebensprobe
Die sauerste besteht, sich selbst bezwingt;
Dann kann man ihn mit Freuden andern zeigen
Und sagen: ‹Das ist er, das ist sein eigen!›

Wenn der Gottmensch in der Seele geboren wird, dann dringt alle Kraft vorwärts in die Weite:

Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,
Zu leben und zu wirken hier und dort;
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite
Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort:
In diesem innern Sturm und äußern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
‹Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.›

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