Goethe and the Present

GA 68c — 18 March 1905, Cologne

XVIII. Goethes «Faust», Ein Bild Seiner Weltanschauung vom Gesichtspunkt des Theosophen

I. Bericht in der «Mühlheimer Zeitung» vom 20. März 1905

Am Samstagabend sprach Herr Dr. Rudolf Steiner, Berlin, Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, über «Goethes Faust im Lichte der Theosophischen Weltanschauung». Der Redner legte dar, dass man Goethe in diesem seinem Lebenswerke nicht in seiner ganzen Tiefe erfasse, wenn man im Faust nur den poetischen Ausdruck des uns umgebenden äußeren Lebens und des Seelenlebens in seinen äußeren Erscheinungen sehe. Der Faust biete unendlich viel mehr, er wolle ein Bild geben von der Entwicklung des Menschen und seiner Stellung innerhalb der Welt und des Alls. Goethe habe Einblick gehabt in die Lehren der Mystik, die mit denen der Theosophie übereinstimmen; er habe im Sinne der Mystik in seinem Faust ein Bild des Menschenwesens, seines Werdeganges und Aufschwungs gegeben. Er habe die alten Lehren wiedergegeben, wie sie uns nur ein Dichter wiedergeben könne, nämlich in der Darstellung eines Poeten, und sich dabei der mystischen Terminologie bedient. Goethe war die uralte Einteilung des Alls in eine physische, eine seelische und eine geistige Welt bekannt, ihm war es klar, dass auch der Mensch aus drei Teilen zusammengesetzt sei, aus einem physischen, einem seelischen und einem geistigen. Er verstand daher den Menschen als den Mikrokosmos, in dem sich das Bild des Alls, des Makrokosmos widerspiegelte. Wie die uralten Weisheitslehren der Inder, der Ägypter, Perser und Griechen den Werdegang des Menschen auffassten, so erschien er auch Goethe. Er huldigte der Anschauung, dass die menschliche Seele vom Uranfang an da war, dass sie sich hindurchentwickelt habe durch alle Reiche der Natur und zum Schöpfer dieser Reiche geworden sei, dass sie auf dieser Entwicklungsreise durch die verschiedensten Zustände den Menschen in seiner gegenwärtigen Gestalt geschaffen habe und ihn nun weiter zu vergeistigen strebe. Um diese seine Anschauung von dem Werke Goethes deutlich zu machen, wies der Redner auf die vielen im Faust verstreuten Ausdrücke mystischer Terminologie hin, so auf die Stelle im Prolog im Himmel, die anders gar nicht verstanden werden kann als in mystischem Sinne:

Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebene Reise
Vollendet sie mit Donnergang.

Diese Vorgänge, die nur in der Welt des Geistes wahrgenommen werden können, wo das Ohr des Geistes lauscht und das Auge des Sehers nicht mehr folgen kann, vom physisch-leiblichen Auge ganz zu schweigen — sie werden in der Mystik als tönende oder klingende bezeichnet. Im ersten Akt des zweiten Teils nennt Ariel das Organ, das in diesen Welten als Wahrnehmungsorgan aufzufassen ist, das «Geistesohr». Ariel spricht:

Horchet, horcht dem Sturm der Horen!
Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Felsentore knarren rasselnd,
Phöbus’ Räder rollen prasselnd;
Welch Getöse bringt das Licht!
Es trommetet, es posaunet;
Auge blinzt und Ohr erstaunet,
Unerhörtes hört sich nicht.

Der erste Teil der Tragödie, so legte Herr Dr. Steiner dar, stellt den Menschen vor uns hin im Kampf mit den niederen physischen Leidenschaften. Im zweiten Teil wird uns die Entwicklung seines Seelenlebens veranschaulicht und sein Aufstieg ins rein Geistige. Mephisto ist das Prinzip des Wünschens und Verlangens, bis die Seele zu höherem Leben anstachelt. Unter dem Reich der Mütter wird das Geistesreich verstanden, zu dem Faust hinabsteigt, um die geistigen Urbilder der Dinge zu erlangen (Helena als Symbol der Schönheit). Im Homunculus wird der Entwicklungsgang der Seele gezeigt durch die Reiche der Natur hindurch, im Euphorion der Augenblick höherer Erleuchtung, die uns in glücklicher Stunde wird und urplötzlich wieder verschwindet, usw. Die fesselnden Ausführungen, von denen wir hier nur einiges wenige wiedergeben konnten, fanden viel Beifall.

II. Bericht in der «Kölnischen Zeitung» vom 22. März 1905

In der Theosophischen Gesellschaft hielt am Samstagabend im Isabellensaale des Gürzenichs Dr. Rudolf Steiner — Berlin — einen Vortrag über «Goethes Faust, ein Bild seiner Weltanschauung vom Gesichtspunkte des Theosophen». Eigen ist dem Redner sehr häufig eine mystischundurchsichtige Ausdrucksweise; in die innerlich vergeistigte Darstellung, die in großen Zügen eine Wanderung durch das Lebenswerk Goethes, aus dem theosophischen Gesichtswinkel heraus betrachtet, entwickelte, flocht der Redner in etwa einstündiger Rede auch Betrachtungen über die Geschichte und über das Wesen der Theosophie. Wenn die Theosophische Gesellschaft als solche auch erst 30 Jahre bestände, so wäre der Geist der Weltanschauung doch schon zuerst im esoterischen Buddhismus und später in den bedeutendsten Geistern des Morgen- und Abendlandes zu allen Zeiten rege gewesen. Aus einzelnen Grundgedanken der theosophischen Lehre verbreitete sich der Redrier wie in früheren Vorträgen über die drei Welten der Theosophie, Leben, Seele und Geist. Über das Thema selbst äußerte er sich dahin, dass in das Lebensgedicht Goethes nur dann Verständnis hineinzubringen sei, wenn man es damit durchleuchte, was die theosophische Weltanschauung bedeute, die er in den Geheimnissen und im Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie zum besondern Ausdruck gebracht habe. Mit dem zunehmenden Alter habe er sich immer mehr in diese Welt hineingeheimnisst und erkannt, dass, wenn wir die Welt erkennen, wir auch die zerstückelten Einzelheiten unserer Wesenheit erkennen; es gebe kein Ende des Erkennens, nur Stufen. Darum habe Goethe den Faust als Mystiker schließen lassen müssen, nachdem er in der Jugend gesagt habe: «Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst.» Nachdem der Redner den Prolog vom Standpunkt des Mystikers betrachtet hatte, schilderte er Faust im ersten Teil als überdrüssig der sinnlichen Welt; alle Wissenschaften des Verstandes befriedigten ihn nicht, in seinem Innern war ein Hindrängen nach einer geistigen Welt im Sinne der Mystik. Darum lasse Goethe den Faust zum Erdgeist in der Flamme gelangen und am Schlusse des ersten Teiles erkennen, dass wahre Selbsterkenntnis Welterkenntnis sei. Im zweiten Teile lasse er Faust die drei Welten des Theosophen kennenlernen. Der Kaiserhof verkörpere die große sinnliche Welt - Mephisto, «der Impuls der Entwicklung», ziehe ihn immer wieder in diese zurück — die Mütter seien das seelische Prinzip, das befruchtet wird, damit der höhere Mensch in dem Menschen geboren werde. Auch der Mystiker sagte zum Materialisten: «In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden.» Der Homunculus, der auch nur mystisch verstanden werden könne, sei der Repräsentant des mystischen Hellsehens, Geburt und Untergang des Euphorion seien die mystischen Feieraugenblicke, die schnell verschwänden. Zum Schluss wurde dargelegt, wie Faust gänzlich von der sinnlichen Welt unabhängig, wie er blind werde, wie um ihn das Dunkel sei, aber in ihm helles Licht. Der «Chorus mysticus» sei ein Goethe’sches Glaubensbekenntnis. An den sehr beifällig aufgenommenen Vortrag schloss sich eine anregend verlaufene Diskussion.

German original of Goethe's “Faust”, A Picture of His World View from the Point of View of the Theosophist · ← Previous · Next →