Goethe and the Present
GA 68c — 31 January 1906, Leipzig
XIX. Goethes Evangelium
Lessing hatte den Glauben an die Wiedergeburt.
In Herder finden wir die Ideen der Wiederverkörperung in seiner Schrift zur Entwicklung des menschlichen Geistes.
Bei Schiller finden wir sie in seinem Briefwechsel: Julius und Raphael (Schiller und Körner), Theosophie des Julius, und in den Briefen zur Förderung der ästhetischen Erziehung des Menschen.
Novalis hatte den Glauben daran.
Goethe stellt die Entwicklung des Menschen von den niederen zu den höheren Seelenkräften in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie dar. Seine Anschauung war: Nur derjenige, der durch die Stufen der Entwicklung gegangen ist, der sich hineingezogen gefühlt hat, der durch Zweifel hindurchgegangen ist, der hat die große Überzeugung, den großen Glauben errungen, und sich durch Disharmonie zur Harmonie durchgerungen. Sein «Faust» ist ein Lied der menschlichen Vervollkommnung. Wir brauchen es nicht erst in der «Bhagavad Gita» zu suchen. Das große Problem finden wir auch im Faust. Er stellt sich die Aufgabe, das Geheimnis des Bösen zu lösen.
Faust [Erster] Teil Hier sehen wir den jungen Menschen voll der Empfindung der Disharmonie. Erdgeist ist kein Symbol, ist ein wirkliches Wesen für Goethe. Er nahm an, dass in den Planeten planetarische Wesen seien, und jene ihre Körper seien, wie wir unsere Körper von Fleisch haben.
Sein, das heißt Goethes, Glaubensbekenntnis: der Erdgeist habe ihn gelehrt, das einheitliche Wesen von Stein, Pflanze, Tier, bis zum Menschen, nicht nur zu betrachten, sondern zu fühlen und zu empfinden. Er habe ihn die Brüderlichkeit gelehrt von allem Geschaffenen bis zum Menschen, der Krone der [Schöpfung]. Sein Glaubensbekenntnis sprach er als Achtzigjähriger aus in «die Geheimnisse» — Pilger wandert zum Kloster, das Rosenkreuz ist Zeichen für die drei Reiche der Natur; Stein, Pflanze, Tier ist Kreuz. Rosen ist Liebe.
Goethe sagt später selber, jede der zwölf Persönlichkeiten stelle eines der großen Weltbekenntnisse oder Weltreligionen dar. Zweck war, den wahren innerlichen Kern der Weltreligionen zu suchen.
Drei Welten: erstens Traumwelt, zweitens Astral- oder seelische Welt, drittens mentale oder geistige Welt.
Das Aufleben des geistigen Auges bringt zuerst im Traumleben gewaltige Veränderungen hervor. Wenn das neue Schauen, die neue Welt sich erschließt, erhält es große Regelmäßigkeit. Auf das, was der Mensch da erfährt, darf freilich keine Wissenschaft gegründet werden.
Der Schüler oder Chela muss lernen, durch den Traum das Bewusstsein der zweiten, der Astralwelt, mit in sein Tagesbewusstsein hinüberzunehmen. Später dann erfährt er im traumlosen Schlaf Erlebnisse, mit denen er die geistige, die mentale Welt wahrnimmt. Das Bewusstsein der Astralwelt drückt sich in fertigen Bildern aus. Das Bewusstsein der geistigen Welt in geistigem Hören. Die Pythagoreer nannten das Sphärenmusik.
Prolog im Himmel — geistige Welt.
Im Mephistopheles schuf Goethe das Bild für eine uralte Idee, die in aller tiefen Geistesweisheit enthalten ist. Er versuchte das Geheimnis des Bösen zu lösen. Böse ist die Summe aller derjenigen Kräfte, die sich dem Fortgang der menschlichen Vervollkommnung entgegenstellen. Wenn Wahrheit in der Fortentwicklung besteht, dann ist jedes Hemmnis Lüge. Der durch Lügen Verderbende heißt Mephistopheles.
Zweiter Teil
Faust musste als Mystiker schließen. In «Gespräche Eckermanns mit Goethe» sagt Goethe: Für den Eingeweihten wird bald ersichtlich sein, dass viel Tiefes in diesem Faust zu suchen ist. Die Hauptidee des «Faust» stellt dar die drei Hauptglieder der menschlichen Natur: Geist, Seele, Leib.
Geist ist das Ewige, war vor der Geburt und wird nach dem Tode sein. Seele ist das Bindeglied zwischen Geist und Leib; neigt sich in der Entwicklung erst mehr dem Leibe zu, dann dem Geist, und mit diesem dem Bleibenden, dem Ewigen. Die Entwicklung des geistigen Auges hilft dazu.
Das Reich der Mütter stellt den Urgrund aller Dinge dar; aus diesem stammt der Geist.
Um in das geistige Reich — Devachan in der Theosophie — einzugehen, dazu gehört eine moralische Qualifikation. Das Streben der Theosophie ist, die Menschen hinaufzuführen. Der Mensch muss sich erst dazu fähig, würdig machen. Als Faust zum ersten Male die Helena heraufführt, entbrennt er in wilder Leidenschaft, und damit zerstiebt die Helena.
Helena stellt die verschiedenen Inkarnationen dar.
Homunculus ist eine Seele. In der klassischen Walpurgisnacht wird gezeigt, wie man als Seele entsteht. Goethe sieht da die allmähliche Entwicklung vor sich. Homunculus soll einen Leib bekommen. Mit dem Mineralischen muss er den Anfang machen; dann folgt das Pflanzenreich. Goethes Ausdruck: «Es grunelt so».
Fausts Erblindung stellt dar: Die physische Welt stirbt für ihn ab; jetzt geht ihm die innere Sehkraft auf. Großartiges Bild! Wer das nicht hat, dieses Stirb und Werde ...
Jakob Böhme drückt es so aus: Und so ist der Tod die Wurzel alles Lebens. Und an anderer Stelle:
Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt
Chorus mysticus:
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.
In aller Mystik ist die strebende menschliche Seele als etwas Weibliches bezeichnet. Die Vereinigung der Seele mit dem Weltgeheimnis: geistige Vereinigung bei den Mystikern ausgedrückt als Hochzeit des Lammes. Diese Anschauung brachte Goethe noch tiefer in dem oben genannten Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie.
Euphorion verkörperte die Poesie.
Von der letzten Partie in Goethes «Faust» hat Goethe selbst gesagt, er habe im Schluss den Aufstieg Fausts im Bilde darstellen wollen — Montserrat.
Im Gedicht: Geheimnis ist angedeutet: Parzival-Talwanderer. Als Faust erblindete, war ihm die Möglichkeit gegeben, sich rasch emporzuentwickeln. Da kam er in die höheren Regionen; Devachan oder Suschupti würden wir sagen. Goethe brachte aber katholische Ideen. So ließ er Pater Marianus in der reinlichsten Zelle erscheinen. Das deutet an: die Befreiung von jeglichem Geschlechtlichen, also über Mann und Weib stehend. Deshalb legte er ihm auch den Frauennamen mit männlicher Endung bei. Nun trat an Stelle des Zweigeschlechtlichen das Eingeschlechtliche. Er war ganz in Budhi erwacht. Budhi, das sechste Grundteil, hatte über alles andere die Oberhand gewonnen.