Goethe and the Present
GA 68c — 28 November 1906, Düsseldorf
XX. Die Esoterik in Goethes Werken
Meine lieben Freunde!
Am 29. Januar des Jahres 1827 sagte Goethe zu seinem Freunde Eckermann über den damals schon vorgeschrittenen zweiten Teil des «Faust»:
Aber doch ist alles sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, dass die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen, wie es ja bei der Zauberflöte und andern Dingen der Fall ist.
Damit brachte Goethe zum Ausdruck, dass er selber gestattet, in seinen Werken einen tiefen Sinn zu erkennen. Es ist bekannt, dass Ausführungen über Goethes tiefere Weltanschauung dem Einwand begegnen: Ihr legt selbst allerlei in die Werke hinein, was Goethe gar nicht gemeint hat. Dieser Einwand könnte leicht aus dem Felde geschlagen werden. Nur der kann das sagen, der nicht alle Seelenkräfte anwenden will, um hinter den Sinn der Dichtung zu kommen. Wir wollen allen diesen Einwänden damit begegnen, was Goethe in seinem Gespräch mit Eckermann gesagt hat. Goethe erscheint uns als eine der künstlerischen Gestalten, die sich nicht von der Willkür der Phantasie oder Zufälligkeit der äußeren Erfahrung haben anregen lassen, sondern er bemühte sich, die großen Rätselfragen des Daseins zu erkennen und zu erforschen. Ein ernst und tief Suchender war Goethe. In welcher Richtung sein Suchen ging, das zeigt sich bei ihm schon in seiner allerersten Kindheitsanlage. In nichts kann uns eine solche Richtung so kraftvoll entgegentreten wie in dem, was uns Goethe erzählte aus der Zeit, wo er sieben Jahre alt war. Er nimmt aus der Naturaliensammlung seines Vaters die besten Mineralien und Gesteine und legt sie in regelmäßiger Form auf ein Musikpult. Das ist der Altar, auf dem er dem Naturgotte seine Opfer darbringen will. Zuoberst legt er Räucherkerzchen, und diese entzündet er mit Hilfe eines Brennglases durch die aufgefangenen Strahlen der aufgehenden Morgensonne. Die Naturprodukte sind für ihn dasjenige, worinnen sich die göttlichen Urkräfte der Natur aussprechen. Durch die aufgefangenen Strahlen der Morgensonne hat er ein Naturfeuer, ein heiliges Feuer durch das Wesen der göttlichen Kräfte der Natur selbst entzündet. Damit wollte er dem Gotte der Natur ein Opfer darbringen; so wollte er dem großen Gotte der Natur näher kommen. In dieser kindlichen Art drückt sich das ganze geistige Verhältnis Goethes zum Kosmos aus. Auf höheren Stufen erscheint uns das Bekenntnis des jungen Goethe wieder da, wo er bereits in Weimar tätig ist, in seinem Prosahymnus «Die Natur»:
Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen — unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.
Dann spricht er alle Wesenheiten der Natur an, wie sie Offenbarungen des in der Natur schwebenden Geistes sind. Zum Schluss sagt er:
Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten. Sie wird ihr Werk nicht hassen. Ich sprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles ist ihre Schuld und alles ist ihr Verdienst.
Und vorher heißt es:
Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos.
Nach seiner Leipziger Studentenzeit hatte Goethe ein wichtiges inneres Erlebnis: Auf dem Krankenlager hat er den Ernst des Lebens fühlen gelernt. In Frankfurt unternahm er dann mit Freunden allerlei merkwürdige Studien und vertiefte sich in manches mystische und alchemistische Werk. Er kam mit Leuten zusammen, die mit Mystik beschäftigt waren, die den Gott, den Christus, in ihrem Innern suchten. Dann traf er in Straßburg jenen anderen großen Geist, Herder, an dessen Seite ihm gerade der große Blick für die Natur aufging, der dann zum Ausdruck kam in seinen naturwissenschaftlichen Studien und Schriften. Als Goethe nach Weimar übersiedelt war, da finden wir ihn oft wie einen Studenten drüben in Jena, hörend die Vorträge Loders und anderer Gelehrter, um der göttlichen Kraft in der Natur näher zu kommen. Immer sieht er in allem, was sich materiell darstellt, einen Ausfluss des Geistes. Schon in Straßburg war ihm ein Buch in die Hand gekommen von einem materialistischen französischen Enzyklopädisten. Es machte ihm einen großen Eindruck. Er sagt darüber in «Dichtung und Wahrheit»:
Allein wie hohl und leer ward uns in dieser tristen atheistischen Halbnacht zu Mute. [...] Eine Materie sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit her bewegt, und sollte nun mit dieser Bewegung rechts und links und nach allen Seiten, ohne weiteres, die unendlichen Phänomene des Daseins hervorbringen.
Dann weiter:
Aber er mochte von der Natur so wenig wissen als wir: denn indem er einige allgemeine Begriffe hingepfahlt, verlässt er sie sogleich, um dasjenige, was höher ist als die Natur, oder als höhere Natur in der Natur erscheint, zur materiellen, schweren, zwar bewegten aber doch richtungs- und gestaltlosen Natur zu verwandeln, und glaubt dadurch recht viel gewonnen zu haben.
Das ist eine Kritik, die Goethe der heutigen materialistischen Wissenschaft gegenüber auch führen könnte. Wer sich in Goethe vertieft, wird bald merken, dass Goethe, wenn er über die Natur redet, aus großen Tiefen geredet hat, aus dem Geiste heraus, den wir die theosophische Weltanschauung nennen. Es war im vierzehnten Jahrhundert, als diese schon in der Rosenkreuzerströmung gepflegt wurde. Von außen Lebenden ist nichts davon berichtet worden, was zuverlässig ist. Das, was wirklich damit zu tun hat, war nur den Eingeweihten bekannt.
Es gibt ein Gedicht von Goethe, «Die Geheimnisse», wo eine Persönlichkeit zu einer Art Kloster kommt und dort eine Versammlung erleuchteter Persönlichkeiten trifft, zwölf an der Zahl. Ein Dreizehnter ist bei ihnen, der eben am Sterben liegt. Seine zwölf Brüder sprechen in den schönsten, anerkennendsten Worten über ihn. Es werden dann einige Züge erzählt von diesem Großen, der da steht als Erkenner der Welt. Da wird gesagt, als Knabe habe er schon die Otter getötet, das bedeutet das Überwinden der niederen Natur. Dann folgen nach vielen bedeutungsvollen Worten die Zeilen:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
Einer, der sich selbst überwunden hat, der wird in diesem Gedichte «Die Geheimnisse» hingestellt von Goethe. Die ganze Situation, in die der Bruder, dem man von diesem Großen erzählt, hineingeführt wird, erscheint dem Kundigen als die Grals- oder Parzifalsituation. Goethe konnte das Gedicht nicht vollenden, der Stoff war ein zu großer. Er hat einmal einem Studenten eine Erklärung dazu gegeben. Hingedeutet wird auf einen Bund Erleuchteter, die sich zu einem Bruderbund zusammengetan haben. Ein jeder vertritt eines der großen Religionssysteme der Welt. Die großen Abgesandten derselben werden in einem Bruderbunde vereinigt, wo einer der Führer sein muss, der die Einheit, den Weisheitskern in den Religionen sieht. Man könnte das, was Goethe hier sagt, zum Grundsatz der theosophischen Bewegung machen. Goethe deutet hier auf dasjenige, was jeder Eingeweihte kennt, dass es einen geheimen Bund gibt. Goethe lässt den Ankömmling am Tore schon das geheimnisvolle Symbolum schauen: das Kreuz mit den Rosen umwunden. Goethe wollte darauf hinweisen, dass es ein solches Mysterium gibt innerhalb der modernen Welt, wie es in allen Zeiten solche Eingeweihte gegeben hat.
Goethe suchte dann den Gott weiter als Künstler während seiner italienischen Reise. Er suchte den Gott in dem Weltall, in allen seinen Schöpfungen, welche die göttliche Größe atmen; er suchte ihn auch in den Schöpfungen der Menschen, in der Kunst, die ihm eine Fortsetzung der Natur war. Er schrieb am 6. September 1787 in das Tagebuch seiner italienischen Reise:
Diese hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke vom Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen, da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.
Von der Kunst der Griechen sagt Goethe:
Ich habe eine Vermutung, dass sie nach eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfährt und denen ich auf der Spur bin.
Schön drückt er den Zusammenhang des Menschen mit der Natur aus in seinem Buche über Winckelmann:
Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt — dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern. Denn wozu dient alle der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewusst seines Daseins erfreut?
Das, was im Menschen lebt, im Innern des Menschen, als seelisch-geistige Wesenheit, das ist die Natur selbst, die wird für den Menschen bewusst in des Menschen Seele. Diese Empfindung war es auch, die Goethe leitete, als er die Faustsage in einer neuen Form zu gestalten versuchte. Diese Sage drückte aus, was eine Anzahl von Menschen damals fühlte. Im Faust des Mittelalters wird dargestellt ein Mensch, der in der Natur selbst das Göttliche erkennen will. Im Mittelalter empfand man das Suchen des Göttlichen in der Natur als einen Abfall vom Göttlichen. Man sucht das Göttliche nur in der religiösen Urkunde der Bibel. Gegenüber standen sich die Faustsage auf der einen Seite, Faust, der das Göttliche in der Natur sucht und einen Pakt mit dem Teufel schließt, und auf der anderen Seite Luther, der dem Teufel das Tintenfass an den Kopf wirft, wie die Sage berichtet. Faust fällt dem Teufel anheim; er wurde ein Weltmensch und Mediziner, der den großen Gott in der Natur erkennen will. Solche bezeichnet man im Mittelalter als «Teufelssöhne». Goethe bringt ein Neues in die Faustidee hinein; sein Leitmotiv 1st:
Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!
Ein strebender Mensch, der die Quellen der Natur sucht, der den Geist der Natur sucht, der muss zum Ziele kommen. Es ist Goethe Ernst mit der Auslegung. Wo der Mensch nicht nur in sich ein Seelisches und ein Geistiges sucht, sondern wo er sich erhebt zur Erkenntnis, dass alles um uns beseelt ist, da ist er auf dem rechten Wege. Wenn wir den Menschen betrachten, so [müssen wir sagen, es ist zum Beispiel] unser Finger [nur] denkbar als Glied unseres ganzen Organismus. Der Mensch lebt unter der Illusion des persönlichen Selbst, weil sich der Mensch hingibt der Anschauung, dass er unabhängig und selbstständig ist, und nicht ein Glied des ganzen Erdenorganismus. Aber mehrere Meilen über die Erde erhoben könnte der Mensch [schon nicht mehr] leben; er müsste [kläglich ersticken], verdorren, wie der Finger meiner Hand, wenn man ihn abschneiden würde. Goethe erkennt den Erdorganismus an. Es liegt ein tiefes Erkennen darin, wenn er den Faust zu den Quellen des Lebens vordringen lassen will und den Geist der Erde charakterisiert mit den Worten:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Wie Goethe sich hineingestellt hat in den Geist des Kosmos, wie er im Kosmos den Geist fühlt und spürt, wie er auch im Menschenherzen lebt, das zeigt er, wo er an anderer Stelle Faust mit demselben Erdgeist reden lässt. Da erkennen wir, dass Goethe in jedem Baum, jeder Pflanze, dasselbe Wirken sieht wie im Menschen:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Wir werden in Goethe die theosophischen Ideen wiederfinden, zwanglos.
Es wird gesprochen von einer pythagoreischen Sphärenmusik. Es gibt auf höheren Entwicklungsstufen des Menschen Erlebnisse, die für ihn ähnlich sind wie für den Blindgeborenen, der glücklich operiert wird, ein Sehendwerden, nur viel großartiger und gewaltiger. Es gibt eine solche geistige Operation. Da erfahren wir von Dingen und Wesenheiten, die um uns herum sind in der Welt. Es tut sich dann für uns auf die Welt des Geistes, von der Fichte im Jahre 1813 zu seinen Zuhörern gesprochen hat. Er sagt: Es gehört ein neuer Sinn dazu. Wenn man von diesen Welten zu den Menschen spricht, so ergeht es vielfach denen, die da reden, so, wie es einem Sehenden ergeht unter einer Schar von Blindgeborenen, denen er von Farbe, Glanz und Licht spricht. Alles, was theosophisch über diese geistige Welt gesagt wird, ist ganz im Sinne Fichtes gesprochen. Nicht von einem Jenseits spricht der Theosoph. Wie viele Welten wir um uns wahrnehmen, das hängt davon ab, wie viele Organe wir zum Wahrnehmen dieser Welten haben. So viele schlummernde Fähigkeiten in uns erweckt werden, so viele neue Welten gehen für uns auf. Es gibt zunächst für den Menschen der heutigen Zeit eine Bewusstseinsstufe, durch die er die sinnlichen und äußerlich wahrnehmbaren Dinge aufnimmt. Dann gibt es eine andere Bewusstseinsstufe für den, der die Fähigkeit des höheren Schauens erlangt. Da tut sich vor seinem geistigen Auge auf eine neue Welt von Farbe, Glanz und Licht. Diese Welt bezeichnet man als die astrale Welt. Eine noch höhere Welt kann man wahrnehmen, wenn man die Kontinuität des Bewusstseins erlangt, wo sich kundgeben die Manifestationen einer höheren Welt in einer Weise, die man Töne nennt. Die devachanische Welt ist eine tönende Welt. Diese Welt wird dann hinübergenommen in das Alltagsbewusstsein, sodass man sie auch wahrnehmen kann, wenn man zwischen alltäglichen Dingen, zwischen Tischen und Stühlen einherschreitet. So spricht die theosophische Weltanschauung von einer Welt der Seele, der astralischen Welt, und von einer devachanischen Welt, der Welt des Geistes, die wahrnehmbar sind für den, dem die Geistesaugen und -ohren geöffnet sind. Da, wo Goethe den Faust hineingestellt werden lässt zwischen die Kräfte von Gut und Böse, da lässt er die Worte erklingen:
Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschrieb’ne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Wenn die meisten Menschen sagen, das sei ein dichterisches Bild, so verstehen sie den Dichter schlecht, wenn sie glauben, er stelle eine Phrase hin. Ein wirklicher Dichter tut das nicht. Die physische Sonne tönt nicht. Wenn wir aber die Sonne ansehen als den Ausdruck eines geistigen Organismus, dann können wir davon sprechen, dass die Sonne tönt. Im zweiten Teil des «Faust» lässt Goethe ihn wieder in eine ähnliche Situation kommen. Da heißt es:
Horchet! horcht dem Sturm der Horen!
Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Felsentore knarren rasselnd,
Phöbus’ Räder rollen prasselnd,
Welch Getöse bringt das Licht!
Es trommetet, es posaunet,
Auge blinzt und Ohr erstaunet,
Unerhörtes hört sich nicht.
Es sind die Tiefen der Lebensweisheit, aus denen heraus Goethe schöpft. Wer nicht weiß, dass Goethe aus den Quellen der esoterischen Weisheit heraus zu schöpfen suchte, der versteht Goethe schlecht. Er selbst hat gesagt, dass bei seiner Dichtung der tiefe Sinn nicht verborgen bleiben würde.
Ein großes Problem ist für die Menschen der zweite Teil des «Faust» geblieben, auch, dass dem Faust zugesellt wird Mephistopheles, der Repräsentant der bösen Mächte. Die Goetheforscher haben unendlich viel auch über Mephistopheles geschrieben. Das Wort ist zusammengesetzt aus «Mephis» — ist gleich Verderber — und «Tophel» — ist gleich Lügner. Damit werden wir zu gleicher Zeit darauf hingeleitet, dass Goethe aus Quellen schöpfen konnte, wo gerade diese Bedeutung des Mephistopheles zu finden war. So recht den esoterischen Goethe lernen wir aus dem zweiten Teil des «Faust» kennen. Besonders viel haben die Menschen nachgedacht über den Homunculus. Bei manchen Faust-Erklärern kann man finden, dass Homunculus die humanistische Forschung darstelle. Ebenso kann man die Faustforscher knacken sehen an dem, was als die «Mütter» vorkommt.
Immer hat die okkulte Lehre am Menschen unterschieden die physische, seelische und geistige Natur. Die physische Natur betrachtet auch die heutige, materialistische Wissenschaft. Die Seelenwelt gehört dem an, was wir als die astralische charakterisiert haben. Der Geist gehört der devachanischen Welt an. Wie in aller Mystik ist auch für Goethe der physische Leib das Vergängliche. Die Seele ist das, was die Verbindung bildet zwischen dem, was vergänglich ist in der Zeit, und dem geistig Ewigen. Für Goethe setzt sich auch der Mensch zusammen aus drei Gliedern: Leib, Seele und Geist. Für den, der also die Gliederung der Menschennatur betrachtet, was geschieht für ihn, wenn der Mensch in diese Welt eintritt? Er kommt aus der ewigen Sphäre des Devachans. Vom Urgrund des geistigen Daseins spricht man als von den «Müttern». Bei den Müttern ist der dreifache Urgrund des Menschen. Dem Geiste entspricht das Ewige. Die Seele hat auch ein ewiges Urbild. Die Theosophie hat das bezeichnet mit den Sanskritworten: Atma, Budhi, Manas. Das wird als die göttliche Urdreiheit bezeichnet, die bei den Müttern ist, von der der Mensch ein dreifaches Abbild ist. Goethe will das darstellen, die Art, wie die dreifache Natur des Menschen zusammengesetzt ist aus Geist, Seele und Leib. Ein längst vergangener Mensch soll vor Faust dastehen: Helena. An dem Beispiel der Helena soll die Menschheitsentwicklung dargestellt werden. Das Wiederauftreten des Geistes in einer neuen Form soll da gezeigt werden. Die drei Glieder des Menschen sollen da wieder zusammenkommen.
Die Seele selbst stellt Goethe durch den Homunculus dar, er ist der Astralleib des Menschen; er sehnt sich nach Verleiblichung. Da muss der Geist dazukommen; der ist bei den Müttern. Nun beschreibt Goethe tatsächlich den Gang zu den Müttern in sehr sachgemäßer Weise. Mephisto sagt zu ihm, als Faust sich in das Reich der Mütter begibt:
Versinke denn! Ich könnt’ auch sagen: steige!
Es ist kein Unterschied zwischen dem Oben und Unten im Devachan. Dann weist er ihm den Dreifuß, der ihm den Weg zu den Müttern zeigt, die dreifache Natur des Menschen. Es gelingt Faust, den Geist der verstorbenen Helena wieder heraufzuholen. Faust ist erst noch nicht reif, dies ganz zu verstehen. Als er Helena leidenschaftlich umarmen will, folgt eine Explosion.
Homunculus wird erzeugt; das ist genau der menschliche Astralleib. Dieser astralische Leib soll einen physischen Leib bekommen. Goethe lässt ihn hinuntergeführt werden zu den alten griechischen Philosophen. Er will das «greiflich Tüchtighafte» für die Astralseele haben. Nun soll er bei den griechischen Philosophen lernen, wie man entstehen und werden kann. Da wird dann geschildert die ganze Entwicklung durch Steine, Pflanzenwelt hindurch hinauf bis zu dem Menschen. Das Hindurchgehen durch das Pflanzenreich wird durch einen treffenden Ausdruck gezeichnet: «Es grunelt so». Schließlich sehen wir die Möglichkeit entstehen, dass der Leib sich mit der Seele verbindet, als Eros kommt. Homunculus zerschellt an dem Muschelwagen der Galathea; als Geist ist er nicht mehr, er hat sich mit den Elementen verbunden.
In dem großen Weltengedichte sehen wir, wie Goethe darinnen seine Anschauung verkörpert hat. Noch anders schildert Goethe seine Anschauung in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Schon durch die Art und Weise, wie das «Märchen» entstand, sollte man erkennen, dass so etwas möglich ist, wie hier ausgesprochen wird. In der Zeit der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller erscheinen, wie eine Art Morgengabe, die «Briefe über die ästhetische Erziehung». Schiller bat Goethe, er möchte einen Beitrag leisten. Goethe schrieb ihm, er könne nicht auf philosophische Art das darstellen, was er zu sagen habe, aber bildlich wolle er es zur Darstellung bringen. Da schrieb er jenes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Wollen wir verstehen, was Goethe mit dem «Märchen» gemeint hat, so brauchen wir nur zu lesen, was Schiller damals an Goethe geschrieben hat. Schiller sieht im Reiche des schönen Scheins, im Reiche des künstlerischen Scheins ein Zwischenreich, welches den Menschen erhebt aus dem Reich der Notwendigkeit, der sinnlichen Natur, in die innere Freiheit. Er sieht im Künstler den Menschen, der das Geistige findet im Physischen, sodass das Sinnliche vergeistigt wird. So kann der Mensch sich durch die Kunst über die sinnliche Welt erheben. Sie ist ihm ein Mittel, um die Triebe des Menschen zu läutern und zu vergeistigen. Den Trieben darf der Mensch dann folgen, wenn sie so geläutert sind, dass sie nicht mehr dem Geiste widerstreben, dass der Mensch gar nicht anders kann, als das Ideale zu wollen. Goethe stellt das dar in einem großen Bilde, das aber aus unendlichen Tiefen herausgeschöpft ist. In den Irrlichtern im «Märchen», die über einen Fluss kommen und dem Fährmann versprechen müssen, ihre Fahrt mit drei Zwiebeln, drei Artischocken und drei Kohlköpfen zu bezahlen, haben wir zu erkennen das niedere Selbst des Menschen, die Ich-Natur, die in der Anlage besitzt die dreiteilige, höhere, zukünftige Natur, nämlich die Weisheitsnatur oder Manas, die gütige Natur oder Budhi, Frömmigkeit und die Kraftnatur oder Atma, Stärke. Die Entwicklung des Menschen zu dieser höheren Dreiheit nennen wir Initiation oder Einweihung, die in den Mysterien vollzogen wird. Nach und nach im großen Entwicklungsgang der Menschheit werden alle Menschen Eingeweihte werden.
Mit dem Wasser bezeichnet man in aller Esoterik die astrale Welt.
Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser!
sagt Goethe. Es gibt zweierlei Menschennaturen: die eine, die sich die Weisheit aneignet in Selbstsucht, die andere, die sich arbeitend von Erlebnis zu Erlebnis die Weisheit aneignet. Wenn das Astrale — der Fluss — das Gold annehmen soll, die in Eitelkeit aufgenommene Weisheit, dann wird er aufbrausen. Das Ursprüngliche wird in der Esoterik dargestellt durch die Lotosblumen, durch etwas Schalenhaftes, was man ablösen kann, sodass ein Keim bleibt. Die Irrlichter stellen dar das Ich des Menschen, welches nur glänzen will; die Schlange stellt dar das Ich des Menschen, das sich selbst mit der Weisheit identifiziert. Goethe sagt einmal:
Wär nicht das Auge sonnenhaft
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Als die Schlange von innen leuchtet, da kann sie eintreten in den Tempel, wo die Menschheit die drei höchsten Güter erlangt, die dargestellt werden durch drei Könige: Weisheit, Frömmigkeit oder Schönheit und Stärke. Der Alte mit der Lampe stellt dar diejenige Art, wie jetzt die meisten Menschen erleuchtet werden. Die Religion ist symbolisiert durch die Frau des Alten. Die schöne Lilie bedeutet das Ewige, was der Mensch erst dann erlangen kann, wenn er geläutert ist. Das Höchste tötet alles Lebendige, was unreif an dasselbe herantritt. Aber durch den mystischen Tod gelangt der Mensch zu den höchsten Geistesgaben. In diesem Märchen hat Goethe die tiefsten Wahrheiten der Esoterik hineingeheimnisst. Wie der Mensch durch das Opfer seiner niederen Natur zu den höchsten Gütern der Menschheit gelangt, hat er darin gezeigt. Derselbe Gedanke liegt in dem Spruche ausgedrückt, welcher steht in dem West-östlichen Diwan, in dem Gedicht, welches beginnt:
Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet.
Da spricht er am Ende von dem Hinopfern der niederen Natur und der geistigen Wiedergeburt des Menschen:
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.