Goethe and the Present
GA 68c — 6 March 1908, Amsterdam
XXIII. Theosophie, Goethe und Hegel
I. Bericht aus einer niederländischen Broschüre
Obenstehende Überschrift war der Titel eines Vortrages, gehalten von Rudolf Steiner in Amsterdam, Donnerstagabend in dem Gebäude «Van het Nut».
Der Redner, eingeführt bei seinen Zuhörern als der Generalsekretär (Vorsitzende) der Deutschen Abteilung der Theosophischen Vereinigung, begann damit, den Begriff Theosophie zu beschreiben. Theosophie will eine Bewegung sein, um unser Geistesleben zu vertiefen. Und man darf wohl sagen, dass die Theosophie in unserer Zeit dasjenige repräsentiert, was wir als eine große Bewegung in der ganzen Kulturwelt wahrnehmen.
Der Redner weist dann auf den wachsenden Internationalismus hin und auf das fortwährend mehr Wegfallen im Laufe der Jahrhunderte der Scheidewände zwischen Menschen und Menschen, zwischen Völkern und Völkern. Auf stofflichem Gebiet sehen wir hier den Bankier, den Industriellen, den Kaufmann eine wichtige Rolle spielen. Aber dies alles als stoffliche Erscheinungen sind Folgen des Bestehens von gemeinschaftlichen Ideen, Internationalisierung der Ideen.
Was wir in früheren Jahrhunderten (und auch jetzt noch) auf religiösem Gebiet den einen Menschen von dem andern und das eine Volk von dem andern trennen sahen, das wird durch die Theosophie auf großartige Weise überbrückt, und dieses ist allein möglich dadurch, dass die theosophische Geistesströmung sich erstreckt bis in die tiefsten Grundlagen des Geisteslebens.
Es ist nicht die theosophische Gesinnung, die sagt: «Wie ist es möglich, dass wir es so herrlich weit gebracht haben», und die mit einem gewissen Mitleid zurückschaut auf die alte «kindliche» Glaubensvorstellung.
Wir in der Theosophie haben uns vollkommen von dem Wahn abgewandt, dass wir herabsehen dürfen auf das, was die Menschheit in früheren Zeiten zustande gebracht hat.
Um die Beziehungen von Goethe, dem Dichter, und Hegel, dem Philosophen zu der theosophischen Lebensanschauung zu zeichnen, will der Redner diese Letzteren in ein paar Grundlinien darstellen:
Ein erstes Prinzip ist, dass dieser sichtbaren Welt eine unsichtbare Welt zugrunde liegt; zweitens, dass der Mensch eine übersinnliche Welt hinter der sinnlichen Welt kennenlernen kann. Aber: nicht mit der gewöhnlichen sinnlichen Wahrnehmung ist die übersinnliche Welt zu erreichen. Nicht mit Zauberei, mit Aberglauben, mit Zurückfallen in alte Phantasien hat die Theosophie es zu tun. Derjenige der nicht allein die Tatsachen der stofflichen Welt wahrnimmt, sondern der von dem allen die geistigen Ursachen wahrnimmt, er wird sich bewusst einer höheren Anlage in sich selbst.
Dr. Steiner bringt dann ein Lieblingsbeispiel vom Menschen, der blind geboren ist und operiert wurde. Für ihn eröffnet sich eine Welt der Wahrnehmung. In sein Auge, das nun sieht, strömt eine Unendlichkeit von Licht und Farbenpracht, wovon der Mensch früher keinen Begriff hatte und sich keine Vorstellung bilden konnte. Als Bürger der niederen Naturreiche durch seine niedere Art, gehört der Mensch auf der anderen Seite durch seine höhere Art zum Reiche der höheren Welten, aus denen sein Wesen aufgebaut ist. Und so steht der Mensch mit seinem Inneren zwischen zwei Gebieten.
Nun sehen wir äußerlich das Leben des einzelnen Menschen sich abspielen zwischen Geburt und Tod, und wir sehen, wie er durch die Wahrnehmung der äußeren Welten stets reicher und reicher an Erfahrung wird. Und wir fragen uns: Was ist es und wo bleibt es, was der Mensch in all dieser Zeit in sich aufgenommen hat? Das, was wir aufgenommen haben, wandelt sich durch den Tod in einen Keim einer anderen Entwicklung. Die Summe der Lebenserfahrungen hat unsere Seele erreicht, und im Augenblick des Todes ergibt sich die Frucht des Lebens als ein Keim. In einem neuen Leben, in einer neuen Verkörperung entfaltet sich der Keim. Das können wir wahrnehmen in der Entwicklung eines Menschen vom Augenblick der Geburt an.
Was wir da wahrnehmen, kann nicht allein aus diesem einen Leben erklärt werden. So wie der Pflanzenkeim uns zu einer früheren Pflanze führt, so führt uns dieser geistige Seelenkeim zu einem früheren geistigen Leben. Das ist: das, was man gewöhnt ist, Reinkarnation zu nennen.
Jedes Leben macht die Seele reicher mit den Früchten des Lebens, und in jedes Leben tritt der Mensch reicher hinein: Alles, was wir in uns haben, haben wir in früheren Leben erworben. Und wir wissen auch, das, was an Gedanken in dieser Welt lebt, die Frucht ist von früherer Menschheitsentwicklung. Aber wir sehen, dass sowohl die alten Märchen und Mythen sowie das, was wir gegenwärtig unsere Wissenschaft nennen, nur Formen sind der menschlichen Entwicklung — und dass wir später andere und höhere Formen dieser Entwicklung erreichen werden.
Wenn wir dies alles überschauen, dann sind wir imstande, die Brücke zu schlagen zu dem Dichter Goethe und zu dem Philosophen Hegel. Im ganzen Wesen von Goethe finden wir von Anfang an einen Grund von theosophischen Gefühlen. Der Knabe Goethe versucht bereits aus seinen geistigen Erfahrungen seine eigene göttlich-geistige Natur zu finden.
Der siebenjährige Knabe kann die äußeren Religionsformen seiner Zeit nicht als die seinen anerkennen, errichtet sich selber einen Altar auf einem Lesepult, und darauf legt er Steine und Pflanzen aus seines Vaters geologischer Sammlung: Naturprodukte, die er als Äußerungen des göttlichen Lebens empfindet. Und dann will er ein Opferfeuer entzünden, und er lässt die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne durch ein Brennglas fallen und die Opferkerze entzünden auf dem von ihm selbst errichteten Altar.
Auch als Künstler sucht er — z.B. auf seinen italienischen Reisen — nichts anderes als das große Leben der übersinnlichen Welt. Er spricht es dann auch aus, dass die Kunst der würdigste Dolmetscher der geistigen Welt ist. Man schaue auch in seinen Briefen an Winckelmann nach, wo er seine Ansicht beschreibt, dass alles, was in der Natur da ist an Ordnung, Harmonie und Maß, im Menschen widergespiegelt ist, wo es aufjauchzt zu der höchsten Spitze der Vollkommenheit.
Schiller schreibt an Goethe: Schon lange habe ich, erachtetster Freund, dem Gang Ihres Geistes, obzwar aus der Ferne, zugesehen. — Sie suchen es auf einem schwierigen Wege, aber Sie finden es sicher... usw. Vom Anfang an fühlt Goethe sich geboren aus der geistig-kosmischen Natur.
Dass Goethe das Geistige im Menschen erkannt hat, zeigt nicht allein ein Gedicht aus den Dreissigerjahren des 18. Jahrhunderts, «Die Geheimnisse», in welchem er über das Rosenkreuzersymbol spricht: das schwarze Kreuz mit den roten Rosen; noch schöner gibt er sein Glaubensbekenntnis in dem Märchen von der schönen Lilie und der grünen Schlange und in seiner Faust-Dichtung. Der Redner weist auf Goethes Briefe an Eckermann, Wwo er sagt, dass sein Faust von zwei Gesichtspunkten aus betrachtet werden kann: Erstens ist es etwas für die Menschen im Theater, aber dann auch ist darin etwas für den Eingeweihten, der hinter dem sinnlichen Leben des Menschen das Geistesleben sieht. Wer das nicht hat, das Stirb und Werde, er bleibt nur ein trüber Gast auf dieser dunklen Erde.
Dann weist der Redner noch auf anderes hin; den meisten so wohlbekannt, aber von so wenigen, auch nicht von den meisten Goethe-Kommentatoren begriffen: auf den Prolog, wo Goethe spricht von der «Sphärenharmonie» und den himmlischen Chören; auf das Wiedererscheinen der Helena-Gestalt im zweiten Teil, Helena, die doch bereits gestorben war; und schließlich auf den Homunculus, womit er nichts anderes andeuten will als dasjenige vom Menschen, was von Verkörperung zu Verkörperung geht: die Seele: Er wurde gar zu gern verkörperlicht.
Kürzer ist der Redner in Bezug auf Hegel, namentlich wegen der bereits vorgeschrittenen Zeit der Versammlung. Hegel ist ein Zeitgenosse und in vielen Hinsichten der Schüler von Goethe. Alles verstand er bei Goethe, nur nicht die theosophische Grundlage. Hegel zeigt, wie weit jemand kommen kann, der nicht die oben genannten Grundlagen der Theosophie kennt.
Nehmt ein Glas Wasser: Sie können daraus nur Wasser schöpfen, wenn es darin ist. Und der Mensch kann nur Weisheit schöpfen aus einer Welt, die selbst von der Weisheit aufgebaut ist. Dieses zu beweisen hat Hegel erstrebt.
Hegel erkennt die Ideenwelt als eine zusammenhängende geistige Welt, unabhängig von der Natur, und er nennt diese Welt die reine Logik. «Logos» hat für Hegel die Bedeutung von: der große Urplan der Welt, die Summe der Ideen, die dieser Welt zugrunde liegen.
Der Redner weist dann auf die bekannte Systematik von Hegel hin und verfolgt, wie dieser spricht von den drei Seiten der Ideen: — die Idee an sich — die Idee in der Natur, ausgebreitet nach Raum und Zeit, wo sie sich selbst bewusst werden wird, hinabsteigend in verschiedene Formen, bis zu den Menschen und weiter - dann die Idee, zurückkehrend in ihr eigenes reines Wesen, sich in sich selbst bewusst geworden.
Doch, sagt der Redner, trägt Hegel in sich all die Beschränktheit seiner Zeit. Wir müssen nicht allein die philosophischen Linien sehen, nicht die «Ideenwelt» betrachten als etwas Absolutes. (Der Redner machte den Eindruck zu meinen: nicht als ein konkretes Ding).
Für Hegel war die wissenschaftliche Weltbetrachtung etwas Absolutes geworden, und man hat immer das Gefühl, dass Hegel meint, dass wenn der Mensch die Ideenwelt begriffen hat, die Menschheit an ihr Ende gekommen ist. Hegel wusste nichts von der Unendlichkeit von Formen, wodurch die Ideenwelt sich allmählich in aufeinanderfolgenden Leben bewusst wird, und dass der Mensch den Logos des Gefühls sowie den Logos der Idee lernen muss zu leben und zu erleben. Aus der Hegel’schen Philosophie entstand eine Art Materialismus.
[Nachdem er] beinahe zwei volle Stunden unermüdlich mit großer Geisteskraft gesprochen [hatte], schloss dieser außergewöhnliche Redner seinen Vortrag mit den so treffenden Worten von Goethe:
Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
wie könnte uns die Sonne entzücken?
Wär nicht die Seele götterhaft,
wie könnte uns Göttliches entzücken!
II. Bericht im «Algemeen Handelsblad» vom 7. März 1908
Theosophie, Goethe und Hegel.
Über das obenstehende Thema wurde gestern Abend im «Nutsgebouw» in einer von der Niederländischen Abteilung der Theosophischen Gesellschaft einberufenen zahlreichen öffentlichen Versammlung das Wort geführt von dem Generalsekretär der Deutschen Abteilung, Dr. Rudolf Steiner.
Der Sprecher — eine interessante Figur: scharf abgegrenzter, asketischer Denkerkopf mit tiefliegenden, funkelnd-schwarzen Augen und langes, nach hinten gestrichenes matt-schwarzes Haar; obendrein ein Redner von großem Talent — fing seine Verhandlung an mit einer Zusammenfassung vom Wesen der Theosophie und deren Lehre.
Er sprach dabei von [der] — für diejenigen die in den theosophischen Ideen eingelebt sind — so vertrauten und ermunternden, aber für Novizen immer noch so erschütternden, imposanten, um nicht zu sagen furchterregenden Möglichkeit, dass der Mensch der ihn direkt umringenden, physischen, sinnlich-wahrnehmbaren Welt entwächst und sich bewegen und entwickeln geht auf einer übersinnlichen Daseinsstufe; so sich selber über sich selber erhebend; die Möglichkeit, dass der Mensch — nicht durch Zauberei oder mit Hilfe allerhand Aberglaubens, aber durch Kultivierung von in ihm schlummernden Seelenfakultäten — sucht und findet die geistigen Grundlagen, worauf sein sinnliches Dasein gegründet ist.
Dr. Steiner sprach weiter von der Lehre der Reinkarnation, nach welcher Lehre die Menschenseele, in Lebensreihen Lebenserfahrung sammelnd, wächst in Fähigkeiten, Fakultäten und Aspekten, immer wieder in einem neuen Leben sich entfaltend als Wirkung, als Folge, als Konsequenz von vorigen Leben, um sich dann wieder, bereichert durch neue Erfahrung, zur Zusammenfassung, zur Kondensierung und Konzentration zurückzuziehen, um endlich sich aus der Welt unbewussten Fühlens, woraus sie geboren wurde, durch die Welt der Ideen oder des bewussten Fühlens, hinaufzukämpfen zu jenem Weltenplan, wo aus der Bewusstheit der Ideen die Einheit von Wissen und Willen geboren werden wird und die Menschenseele zurückkehren wird zu dem ewig-geistlichen Daseinskern, woraus das All ist hervorgekommen.
Dieses ewig-geistlichen Daseinskerns war der Knabe Goethe sich schon bewusst. Er baute sich aus Pflanzen und Mineralien einen Altar zur Verherrlichung alles Geschaffenen, und die Weihrauchkerze darauf entzündete er an der Sonne, der ewigen größten Manifestation des ewigen Gottes.
Auch zur männlichen Reife gekommen, hörte er nicht auf, von all dem Seienden die übersinnlichen Grundlagen zu suchen. Reisend in Italien und da alte Kunstschätze bewundernd, schrieb er an seine Weimarer Freunde, wie er entdeckte «Schaffensnotwendigkeit-Gott».
Und auch: «Ich vermute, dass die alten Griechen ein Kunstwerk schufen nach denselben Gesetzen, nach welchen auch die Natur ihr Schaffenswerk verrichtet, Gesetzen [denen] ich auf der Spur bin.»
Und später schrieb er noch wieder in seinem Werk über Winckelmann: Im Menschen ist alles zusammengefasst, was die Natur besitzt an Ordnung, Harmonie und Maß.
Auch andere große Grundgedanken, welche der Theosophie zugrunde liegen, beherrschten Goethe und [kommen] in seinen Werken zum Ausdruck.
So ist sein unvollendetes, aus 1780 datierendes Werk «Die Geheimnisse» eine treffende Zusammenfassung theosophischer Ideen, wo die Lehre der Reinkarnation Anerkennung findet in diesem schönen Bild: Vom Munde dieses Pilgers strömt die Weisheit, wie von Kindes Lippen.
Und wieder finden wir im Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, aber vor allem im zweiten Teil von «Faust» Anerkennung dieser Lehre und andere treffende Deutungen von Goethes theosophischen Ideen.
Ohne ausführlich zu werden, könnten wir dem Sprecher nicht in seinen Zitaten folgen. Nur erwähnen wir noch seine überraschende Erklärung der rätselhaften «Homunculusfigur» aus dem zweiten Faustteil als eine Menschenseele auf dem Wege nach Reinkarnation.
Die großen Weltengrundgedanken, welche Goethe in [die] «Dichtung hineingeheimnisst hat», spürte Dr. Steiner auch in der Philosophie Hegels. Auch dieser erkannte Gott, den Logos — dieses Wort in seine ursprüngliche Bedeutung zurückgeführt —, im «Ideenhaften Urplan der Welt», sah die Summe der Ideen zugrunde liegen am sinnlich-wahrnehmbaren Dasein, das also ein Abbild wird von dem «Geist-an-sich». Und in dem alleinstehenden subjektiven Geist des Menschen sah und ehrte Hegel den als Mikrokosmos widerspiegelten Makrokosmos.
Hier aber verhinderte Hegels Absolutismus, entstanden aus den Weltanschauungsgrenzen seiner Zeit, ihn, weiter zu gehen. Die fortwährende Entwicklung der Menschenseele als Mikrokosmos, bis wieder die Einheit mit dem kosmischen Kern erreicht ist, findet bei ihm keine Erkennung. Dies beeinträchtigt aber nicht die Größe — die jetzt meistens unverstandene Größe seines Grundgedankens, der rein theosophisch war, wie der Goethes, als dieser dichtete:
Wär nicht das Auge sonnenhaft, Wie könnt’ uns da das Licht entzücken. Läg nicht in uns des Gottes Kraft, Wie könnt’ uns Göttliches entzücken.
Mit diesem Zitat endete Dr. Steiner seinen, in großem Interesse von dem zahlreichen Auditorium von Damen und Herren angehörten Vortrag.