Goethe and the Present

GA 68c — 21 January 1909, Heidelberg

XXV. Das «Märchen» von Goethe (Goethes Geheime Oöffenbarung Esoterisch)

Ich habe mich gestern bemüht zu zeigen, wie dasjenige, was hier vorgebracht werden soll über Goethes innerste, intimste Meinungen und Anschauungen über die Entwicklung der Menschenseele, dass das nicht willkürlich in seine Werke, und namentlich in dasjenige, was uns besonders beschäftigen soll, in sein Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie hineingeheimnisst ist, sondern ich habe zu zeigen versucht, wie die ganze Grundlage, auf welcher aufgebaut werden soll, die Erklärung dieses Märchens und der intimeren Weltanschauung Goethes gewonnen werden kann aus einer historischen Betrachtung von Goethes Leben, aus einer historischen Verfolgung der wichtigsten Vorstellungsimpulse Goethes. So darf ich wohl sagen, dass der Versuch gemacht worden ist zu fundieren dasjenige, was heute in freierer Ausführung über das Thema gegeben werden soll. Wenn wir jenes Märchen, von dem gestern die Rede war, vor unsere Seele treten lassen, so erscheint es in der Tat ganz und gar eingetaucht in Rätsel. Und man möchte sagen, entweder muss man voraussetzen, dass Goethe vieles in dieses Märchen hineingeheimnissen wollte, wie er vieles in den zweiten Teil seines «Faust» hineingeheimnisst hat, nach seinen eigenen Aussprüchen, oder aber, dass wir ansehen könnten dieses Märchen — was ziemlich ausgeschlossen ist — als ein bloßes Spiel der Phantasie. Wenn nicht schon durch die ganze Art und Denkweise Goethes das Letztere ausgeschlossen wäre, so müsste man sagen, es verbietet sich eine solche Annahme noch besonders dadurch, dass Goethe stellte dieses Märchen an das Ende seiner Erzählung «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter». Denn es ist im Grunde derselbe Gedanke, den wir gestern für Goethes ganzes Leben charakteristisch fanden, der auch in diesen «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter», die im letzten Jahrzehnt des achtzehnten Jahrhunderts entstanden sind, drinnen lebt. Und aus dem dem «Märchen» unmittelbar Hervorhergehenden können wir noch einmal das Thema dieses Märchens entnehmen.

Da sind uns vorgeführt die Unterhaltungen von Menschen, welche auswandern mussten durch Vorgänge in ihrer französischen Heimat, welche in der mannigfaltigsten Weise zurückblicken auf dasjenige, was sie an Traurigem erfahren haben. Da sehen wir, wie die ganze Erzählung sich zuspitzt darauf, zu zeigen, was Menschen, die in einer gewissen Weise herausgerissen sind aus ihren Verhältnissen, aus ihrer Umgebung, in der Einsamkeit des Lebens in ihrer Seele durchmachen können; was Menschen, die in solcher Lage sind, durch Nachdenken, durch Besinnen auf ihre seelischen Erlebnisse, durch Selbstbeobachtung gewinnen können. Wir brauchen nur ein paar Beispiele hervorzuheben, die uns zeigen, wie Goethe alles zuspitzt darauf, wie eine Seele, die in sich selbst zum Kämpfer wird, die sich durch verschiedene Veranlassungen oftmals frägt: Welche Art von Schuld habe ich auf mich aufgehäuft, wodurch habe ich Wege zu der Seelenentwicklung aufgehalten? Wie solche Seele Aufklärung über sich selbst versucht. Da tritt uns zunächst entgegen jene italienische Sängerin, welche ihr Schicksal dadurch vor uns darlegen soll in dieser Erzählung, weil uns an diesem Schicksal eine Menschenseele veranschaulicht werden kann, die in gewisser Beziehung an der Oberfläche der Weltenbetrachtung haften bleiben muss. Eine Menschenseele, die zwar aufmerksam verfolgt dasjenige, was um sie herum vorgeht, weil sie durch die Lebensverhältnisse gezwungen ist, aber noch nicht reif genug ist, auseinanderzuhalten dasjenige, was man in einem gewissen Sinne doch nennen darf einen Zufall — die geistige Notwendigkeit der Dinge. Die sich nicht recht auskennt, wie die Erscheinungen des Lebens verbunden werden müssen, damit wir Geist und geistige Gesetze in unserer Umwelt voraussetzen können. Diese italienische Sängerin hat sich gegen einen Mann so benommen, dass er durch ihre abstoßende Weise schwer krank geworden ist, und dass er eigentlich an ihrem Benehmen hinstirbt. So wird sie an sein Totenbett gerufen. Sie verweigert es, an sein Totenbett zu kommen. Er muss sterben, ohne sie gesehen zu haben. Nun tragen sich in der nächsten Zeit nach seinem Tode mancherlei Dinge zu, welche einer solchen Seele, die so charakterisiert werden müsste wie die der italienischen Sängerin, zu denken geben; so zu denken geben, dass sie nicht recht weiß, was soll ich machen aus dem, was da vorgeht, was doch immerhin betrachtet werden könnte, als ob es zusammenhänge mit meinem ganzen Benehmen, mit der ganzen Art, die über dem Toten in Bezug auf sein Schicksal gewaltet hat. Da ereignet sich nach dem Tode ganz Merkwürdiges. Da vernimmt sie allerlei Geräusche in ihren Räumen, da tanzen die Möbel, da werden ihr sogar Ohrfeigen verabreicht von unbekannter, unsichtbarer Hand, sodass sie wirklich durch das Sonderbare, Schauerliche dieser Ereignisse jeden Augenblick [daran ist zu] sagen: Ist nun der Tote irgendwie da, der sich geltend machen will, weil ich mich so gegen ihn benommen habe?

Da birst die Decke eines Schrankes, und man erfährt sonderbarerweise, dass in dem Augenblick, wo die Decke dieses Schrankes geborsten ist, in ihren Räumlichkeiten in Frankreich ein Schrank in Feuerflammen aufgegangen ist, der von demselben Tischler gemacht worden ist. Wohlgemerkt, meine Freunde, fällt mir nicht im Traume ein, etwa diese Dinge in das Licht einer spirituellen Weltanschauung rücken zu wollen, auch nicht hinweisen zu wollen darauf, dass Goethe hat ausdrücken wollen, dass in solchen Ereignissen irgendetwas liege, was Veranlassung geben könne, meinetwegen allerlei verborgene Geister oder das Rumoren der Toten anzunehmen.

Lediglich das wollte Goethe zeigen, dass es gewisse Seelen gibt, die so wenig geklärt sind, dass sie nicht wissen, was sie mit solchen absonderlichen Ereignissen anfangen können, die nicht genug aufgeklärt sind, sodass sie nicht dazu kommen zu sagen: Mit diesen Dingen ist es nichts; aber auch nicht abergläubisch genug sind zu sagen: Da rumort gewiss der Tote, sondern solche, die, weil sie nicht entwickelt sind, über solche Dinge nur ein unbestimmtes Gefühl haben können. Wir sehen, wie es der Seele ergeht in der Außenwelt, je nach ihrer Entwicklungsstufe, was Goethe schon vorführt, da, wo er die Erzählungen «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter» hinlenkt auf das «Märchen». Er zeigt uns, wie ein Mensch in die Lage kommt, eine Dame heilen zu müssen von ihrer Sinnlichkeit, ihrer Leidenschaftlichkeit. Er schlägt den Weg ein, sie fasten zu lassen, sozusagen durch Askese sie durchzuführen, um auf diese Weise zu dämpfen die glühende Leidenschaft. Wiederum ein Hinweis, was alles eine Seele durchmachen kann, um eine Entwicklung zu erleben. Weiter — und nun bemerken Sie, wie in der Tat Goethe stufenweise die Sache aufwärtsführt. Zuerst zeigt er eine recht im Unbestimmten wühlende Seele in der italienischen Sängerin; eine schon realere Sache zeigt er in der Dame, die ich eben erwähnt habe: Es ist in der Tat so, dass viele Menschen zu einer Reinigung ihrer Leidenschaften, zu einer Höherentwicklung ihrer Seele kommen durch Fasten. Da steigen wir schon mehr aus dem Unbestimmten ins Bestimmte, in die Realität hinein, und das ist vollends der Fall, dass wir aufsteigen in der Realität einer menschlichen Seelenentwicklung in der physischen Welt, wenn wir die dritte Geschichte anführen, die Goethe gibt. Er zeigt da, wie ein Mensch zunächst etwas gewissenlos ist, also auf einer untergeordneten Stufe der Seelenentwicklung steht, dass es so weit kommt, dass er sagt: Dasjenige, was meinem Vater gehört, das gehört auch mir. Wie sich das praktische Resultat da zeigt, dass er einen Diebstahl begeht an der Kasse seines Vaters. Er wächst gewissermaßen gerade durch diese Tat. Seine Seele steigt herauf, und er wird, gerade indem er diese unrechte Tat tut, zu einer Art von moralischem Mittelpunkt für das, was sich an Menschheit dann um ihn herum gruppiert. So weist uns Goethe schon in seinen Erzählungen, die hinführen zum «Märchen», wie er darstellen will Seelenentwicklung, Hinaufsteigen der Seele von gewissen untergeordneten Stufen zu höheren Stufen der Erkenntnis und Weltanschauung.

Nun haben wir es, wie wir gestern gesehen haben, vollends zu tun mit Seelenkräften, die repräsentiert werden durch die Gestalten, die Wesen des «Märchens», und mit dem Spiel der Seelenkräfte, das allmählich sich läutern soll zur Harmonie, ja zur Symphonie der Seelenkräfte, indem die Seele höher steigt in den Taten, die die Gestalten und Personen des «Märchens» verrichten. In dem, was im «Märchens» vorgeht, haben wir zu tun mit Irrlichtern, die durch den Fährmann von der anderen Seite des Flusses nach der diesseitigen übergesetzt werden wollen. Sie sind zunächst mit Gold gefüllt, aber ihr Gold will der Fährmann nicht als Lohn haben, weil der Fluss in wilden Tumult kommen würde, wenn Goldstücke in den Fluss hineinfielen. Vielmehr muss er Früchte der Erde, drei Zwiebeln, drei Artischocken und drei Kohlhäupter, fordern. Die Irrlichter haben die Fähigkeit, Gold um sich herum zu schütteln, und wir haben gesehen, wie sie der Schlange begegnen, die sie als Muhme von der horizontalen Linie bezeichnen, während sie selber Wesen von der vertikalen Linie sind. Indem sie Gold hinstreuen, geben sie der Schlange etwas, was in ihr fruchtbar, segensreich wird, weil die Schlange, indem sie mit der eigenen Substanz die Goldstücke verbindet, innerlich leuchtend wird. Dasjenige, was sie früher nicht hat sehen können und das doch etwas zu tun hat mit den Geheimnissen der Seelenentwicklung, dass sie das an sich beleuchten kann.

Als ich vor mehr als reichlich zwanzig Jahren versuchte, auf alle mögliche Weise den Eingang zu gewinnen zu diesem Märchen, da war es vor allen Dingen ein lösender Gedanke in dem Gewirre der Fragen, die aus dem «Märchens» sich erheben, als sich zeigte, dass ich vor allen Dingen das Gold zu verfolgen habe. Das Gold spielt eine Rolle der verschiedensten Art in diesem Märchen. Zuerst in den Irrlichtern. Die Irrlichter streuen es um sich; da zeigt es sich in gewisser Weise als etwas, was wir als nicht segensreich in gewisser Beziehung ansprechen dürfen. In der Schlange wird das Gold segensreich. Dann wiederum im goldenen König, der besteht ganz aus Gold, dann finden wir es wiederum an den Wänden in der Hütte, in welcher der Alte mit der Lampe wohnt, und da lecken es die Irrlichter herunter und können sich selber dicker, inhaltsvoller machen, indem sie das Gold von den Wänden herunterlecken. So begegnet das Gold uns mehrmals, und einmal werden wir mit der Nase darauf gestoßen, mit welcher menschlichen Seelenkraft dieses Gold etwas zu tun hat, indem wir hingewiesen werden in dem Tempel, der zuerst unter- und dann überirdisch ist, dass der goldene König repräsentiert den Bringer der Weisheit. Es ist das etwas, was wir nicht unterlegen oder auslegen brauchen, sondern wo wir sagen können: Hier sagt Goethe selber: Der goldene König bezeichnet den Geber, den Bringer der Weisheit. Das Gold muss also etwas zu tun haben mit der Weisheit. Es ist das Gold, indem es ausfüllt die Wesenheit des goldenen Königs, dasjenige, was ihn zu einem weisen Wesen macht, was ihn dazu bringt, dass er den Jüngling begaben kann mit der Gabe des Erkennens

Erkenne das Höchste!

— das geht also vom goldenen König auf den Jüngling über, und der Jüngling wird dadurch belebt. Gold ist also etwas, was der Geber der Weisheit in den Menschen hineinzuleiten vermag. Die Irrlichter, wenn sie nun eine Seelenkraft darstellen, so müssen sie diejenige Seelenkraft darstellen, welche imstande ist, die Weisheit aufzunehmen, denn sie haben das Gold in sich, die Seelenkraft, welche die Weisheit auch von sich schütteln kann. Wie diese Weisheit aufgespeichert werden kann, erfahren wir dadurch, dass an den Wänden dieses Symbolum der Weisheit, das Gold, lange, lange Zeit aufgespeichert war, bevor es die Irrlichter abgeleckt haben. Wir werden nicht anders können als, da wir wissen, wie gut fundiert es ist, in den einzelnen Gestalten Seelenkräfte zu sehen, zu sagen: Die Irrlichter stellen dar die abstrakte Intelligenz, die reine Verstandeskraft, welche imstande ist, allerdings durch dasjenige, was man im gewöhnlichen Sinne äußere Wissenschaft, was man Spekulation, äußere Erfahrung nennt, eine gewisse Summe von Weisheit sich anzueignen. Und nun verstehen wir es auch, warum das Gold, die Weisheit, in der reinen Verstandeskraft bei den Irrlichtern eine solche Rolle spielt: Derjenige, der mit dem bloßen Verstande aufnimmt dasjenige, was Wissen, Wissenschaft, Weisheit ist, der nimmt es vor allen Dingen auf, um etwas Persönliches damit zu haben, um es persönlich wiederum verwenden zu können. Wir können in Goethes Seele schauen und die Art erkennen, wie er zu etwas sich stellte, wenn wir gewahr werden, wie er sich oftmals sozusagen selber beglückwünschte dazu, dass er niemals in die Lage gekommen war, offiziell als Lehrer die Wissenschaft, der er so hingebungsvoll seine Zeit gewidmet hat, zu vertreten, dass er in der Lage war, nur dann der Welt etwas von seiner Weisheit zu geben, wenn er innerlich dazu gedrängt war, nicht dazu berufen war, die Weisheit von sich zu werfen, wie man sie von sich wirft, wenn man zum Lehrberufe oder zum abstrakten Träger der Weisheit auserkoren ist.

Damit stellt Goethe in den Irrlichtern menschliche Weisheit dar, die einseitig Intelligenz, Verstandeskraft ausgebildet hat, und es ist eine Eigentümlichkeit, dass — mag es auch noch so geleugnet werden — abstraktes Wissen, bloße Intelligenz, namentlich wenn sie immer mehr in die Weisheit hineinrückt — und die abstrakte Intelligenz kann Unsummen von Weisheit aufnehmen —, dass die zur Eitelkeit führt, überall mit Begriffen fertig werden zu wollen. Es ist durchaus in Goethes Sinn gesprochen, wenn wir uns klarmachen, wozu wir noch so weise Gedanken aushecken, noch so gescheit denken: Abstrakte Begriffe und Ideen, die nicht aus der Tiefe, aus dem Reichtum des Lebens geholt sind, sind doch ungeeignet, um uns zuletzt wirklich hineinzuführen in die Gemeinschaft mit den ewigen Rätseln des Daseins. Da, wo wir brauchen etwas, was unmittelbar uns ans Herz gehen soll von den ewigen Rätseln des Daseins, da brauchen wir etwas anderes als abstrakte Ideen und Begriffe, als Produkte der bloßen Intelligenz. Da, wo wir gegenüberstehen jener Grenze, welche die zwei Reiche voneinander trennt, das Reich der sinnlich-physischen Welt, in das wir uns versetzt fühlen, und das Reich der Geistigkeit, das Reich des Übersinnlichen, da, wo wir an dieser Grenze uns fühlen, da werden wir zurückgestoßen mit allen abstrakten Begriffen und Ideen, ja, diese abstrakten Begriffe und Ideen, sie sind nicht einmal imstande, uns sozusagen dasjenige begreiflich zu machen, was das Allernächste ist, denn es entfremdet uns dem Allernächsten. Wie fern steht der Abstraktling dem Begreifen auch des Alltäglichsten, was ihn umgibt; so ist er außerstande, in seinen Begriffe und Ideen etwas zu geben jenem Strom, an welchen wir gestellt werden, wenn wir hinüber wollen in die übersinnliche Welt. Denn dazu taugen Begriffe und Ideen nicht. Wenn man herankommen will an den eigentlichen Urquell des Lebens, dann bäumt er sich auf und lässt uns nicht herankommen. Daher kann der Fluss nicht gebrauchen das Gold, das die Irrlichter zu geben vermögen, und von den Irrlichtern wird uns gesagt, keines von ihnen habe jemals gestanden oder gesessen. Sie sind von der vertikalen Linie, während die Muhme Schlange von der horizontalen Linie ist. Dadurch ist angezeigt, wie der Mensch sich selbst vom Boden entfernt durch abstrakte Begriffe und Ideen und nicht hinlangen kann an den Boden des Alltäglichen, den er verstehen soll. Wir sehen, wie plastisch diese abstrakten Gestalten der Irrlichter dastehen. Aber sind Ideen und Begriffe, sind philosophische Ausführungen unter allen Umständen dasjenige, was uns trennt von dem wahren Quell des Daseins? Nein, das sind sie nicht, wenn der Mensch zugleich das Vermögen hat, so zu leben, dass er seine eigenen Lebenskräfte verbindet mit den Dingen. Nicht hinausgeht ins Reich abstrakter Begriffe und Ideen, sondern dass er richtig innerhalb der Dinge sich bewegt, dass er ein Geist wird, wie Faust einer geworden ist, da, als er sagte:

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.

Da, wo der Mensch wirklich innerlich Gemeinschaft schließt mit den Naturwesen, wo er sich nicht abtrennt mit seinen ganzen Seelenkräften von den Naturwesen, da dienen dann dieselben Begriffe, die beim Abstraktling von der Welt entfremden ihm, um immer tiefer und tiefer hineinzubohren in das Dasein. Wir dürfen nicht sozusagen die Sache umkehren und sagen: weil abstrakte Begriffe und Ideen den Abstraktling entfernen von der wahren Wesenheit der Dinge, so seien Begriffe und Ideen überhaupt etwas Wertloses. Nein, im Gegenteil, wo sie in diejenige Seelenkraft hineinfallen, die aufgeht, in einer gewissen Gemeinschaft lebt in und mit den Dingen, in einer solchen Seelenkraft sind sie zugleich lichtvoll. Daher wird das Gold, das in den Irrlichtern in einer gewissen Weise segenslos ist, das wird zu solchem Segen, zum Licht in der Schlange, die in den Klüften lebt, die die horizontale Linie hat, an der Erde haften bleibt. Wenn der Mensch an der Erde haften bleibt, wenn er alle Dinge liebt, in die Dinge sich versenkt, wenn er sich, um das verpönte Wort zu gebrauchen, «mystisch» in die Dinge vertieft, dann dienen ihm klare Ideen dazu, ihn durch die Dinge durchzuleiten. Daher können Sie auch sehen — ich weiß nicht, wie viele von Ihnen solche Erfahrung gemacht haben, aber sie kann gemacht werden —, dass zuweilen schulmäßig dargestellte Philosophien frostig und nüchtern anmuten, dass aber dieselben Ideen, wenn sie uns entgegentreten bei den einfachen Naturmenschen, die draußen leben als Kräutersammler, als Wurzelsammler oder dergleichen — und die in der Regel sich sehr interessieren für die Geheimnisse des Daseins —, zu welchen hohen Ideen zuweilen solche mit der Natur mystisch verbündete Menschen kommen. Wir werden sehen, wie in den Naturmenschen, die Gemeinschaft mit den Dingen schließen, Ideen lichtvoll werden, die bei den Abstraktlingen wertlos, nüchtern, frostig sind. So also werden wir gewiesen von den Irrlichtern, die uns die abstrakte Intelligenz darstellen, auf jene Seelenkraft, welche tief in uns begründet ist und welche den mystischen Drang hat, überall in die Dinge sozusagen unterzutauchen. Das wird uns recht anschaulich, plastisch dargestellt, wie die Schlange durch die Klüfte sich bewegt: Der Mensch kommt in der Tat, auch wenn er nicht durch Begriffe sich aufklärt, nicht in abstrakten Ideen lebt, nahe dem Herzen der Dinge, wie die Schlange an einen unterirdischen Tempel, wo sie, weil sie nicht leuchten kann, zuerst nur durch Tasten wahrnimmt gewisse Formen, die sie erst später im Lichte beschaut. Der Mensch kommt, wenn er nur Sinn hat für das geheimnisvolle Walten der Naturkräfte, er kommt zum Herzen der Natur, er kann etwas erfahren von dem, was da draußen um uns herum in den Dingen lebt. Das erfahren wir an der Schlange, die uns damit zeigt, wie sie ein Repräsentant ist jener Seelenkräfte im Menschen, die unter Umständen auch ohne Ideen leben können, nur dann nicht vom Lichte der Erkenntnis durchleuchtet sind, die aber doch liebevoll eintauchen in die Dinge, zu einem gewissen Erfassen der Welträtsel kommen. Wenn dann der Ausgleich dadurch stattfindet, dass Ideen und Begriffe in diese unsere mystischen Seelenkräfte eintauchen, dann kommt der Zustand, dass der liebevoll zu den Dingen geneigte Mensch auch findet dasjenige, was er früher nur tastete von den Quellen des Daseins; dass er das auch beleuchten kann durch sein eigenes inneres Licht — ja, er wird nur tiefer hineingeführt.

Sie erinnern sich vielleicht an einen bedeutungsvollen Ausspruch Goethes, wo er sagt:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?

Wo also Goethe unmittelbar darauf hinweist, wie wir entgegenbringen müssen das Auge dem Licht, das beleuchten soll die Geheimnisse der Natur, wenn es wiederum zurückleuchten soll, sich darinnen gleichsam spiegeln sollen die Geheimnisse der Natur. Daher müssen wir aufnehmen in uns die Erkenntnisvorbereitung, wie die Schlange Gold aufnimmt, dann dringen wir ein in das, was sonst dunkel bleibt, wie der Mensch, wenn er innerlich sich den Sinn, das offene Herz bewahrt für das Geistige, die Erkenntnisse näher sieht, wie er nur dann das Geistige auch in seiner Umwelt schauen kann.

Und so kommt die Schlange in den unterirdischen Tempel. Da wird uns nun in einer wunderbaren Weise von Goethe angedeutet, wie es für das menschliche Seelenleben unterirdische Orte gibt. Man kann solche Dinge, wie sie da von Goethe hingestellt werden, nur charakterisieren, wenn man etwas intimer eingeht auf das merkwürdige Walten der Menschenseele in ihrer Entwicklung. Es kann dann gefühlt werden, wie unsere Seele eigentlich, bevor sie imstande ist, draußen die Dinge der Welt zu erklären, überall das göttliche Leben und Weben des Geistes in allen Dingen nachzuweisen, dass sie, bevor sie dazu imstande ist, innerlich Gewissheit hat: Ja, es gibt einen solchen göttlichen Urquell, es gibt ein Übersinnliches hinter allem Sinnlichen. Sie kann in sich selber erleben die Gewissheit über dieses Übersinnliche und doch nicht imstande sein, dieses Übersinnliche im ganzen Universum leuchtend zu erblicken. Oh, das ist ein hohes Ziel, den Geist in seiner Gestalt zu erblicken, wie er der schöpferische Quell ist von allem, was uns in der großen Welt umgibt, wie all das, was uns in der großen Welt umgibt, hervorquillt aus dem Geiste. Da muss der Mensch erst die höchsten Seelenkräfte entwickeln in sich.

Das Übersinnliche, das in einem verborgen als höheres Selbst im normalen Menschenbewusstsein schläft, das muss der Mensch erst hervorrufen, um aufzusteigen zur höheren Entwicklungsstufe seines Geistes. Man kann ahnen, dass es so etwas gibt. Dann kommt man aber auch noch zu einer anderen Ahnung: Der Mensch muss sich, wenn er überhaupt den Sinn für die Wirklichkeit, für wahres Dasein hat, sagen: Mein letztes Ziel kann ich doch nur erreichen, wenn ich sehe, wie alles das durchlebt und durchwebt vom Geiste ist, Geist in allen Dingen ist. Aber ich selber, wie ich stehe in der Welt mit meinem sinnlichen Leibe, so bin ich gleichsam herauskristallisiert, herausgeboren aus dem Geiste — aus dem bin ich herausgeboren, ohne dass ich beteiligt bin, was ich zuletzt durch die höchste Erkenntnis wieder erreichen kann. Auf geheimnisvolle, mir selbst unbewusste Weise, bin ich herübergekommen aus diesem Lande des Übersinnlichen, in das ich durch meine Erkenntnis wieder eindringen will. Darin haben wir gegeben das andere Ufer, von dem das «Märchen» spricht, das Land jenseits des Flusses, wo die schöne Lilie wohnt, welche repräsentiert die höchste Welt- und Lebensanschauung, welche repräsentiert die Seelenkraft, zu der der Mensch sich emporentwickeln kann. Dorther stammt das geheimnisvolle Wesen, der Fährmann, der vom jenseitigen Ufer die Irrlichter herüberbringt. Durch reale Mächte ist der Mensch hereinversetzt in diese Welt, wo er da steht wie umgeben von Finsternissen — daher das geheimnisvolle Wort, das der Fährmann sagt, der uns aus der übersinnlichen Welt herüberbringt in das Land diesseits des Flusses, der die Wesen nur herüberbringen darf, aber niemanden hinüber. Auf eine solche Weise wie durch die Geburt kann der Mensch nicht wieder zurückkommen dahin, woher er gekommen ist. Da müssen andere Wege eingeschlagen werden.

Da fragen die Irrlichter, wie sie in das Reich der schönen Lilie kommen können, das heißt, wie eine einzelne Seelenkraft in die Harmonie der Seelenkräfte so untertauchen kann, dass sie zum Höchsten hinaufkommt. Da gibt die Schlange zwei Mittel an: Das eine ist dasjenige, was durch sie selbst gegeben werden kann, wenn sie sich in der Mittagsstunde, wenn die Sonne am höchsten glänzt, von ihr überführen lassen. Die Irrlichter sagen: Das ist eine Zeit, in der wir nicht gerne reisen. Ja, warum? Es liegt eben ganz außerhalb des Bereiches des Abstraktlings, der nur in abstrakten Ideen und Begriffen leben will, alles nur durch Kombinationen und Schlussfolgerungen erreichen will, auf solche Weise hinüberzukommen, wie es durch die Schlange repräsentiert wird, durch mystische Hingabe an die Dinge, durch Suchen der mystischen Gemeinschaft mit den Dingen. Diese mystische Gemeinschaft kann auch nicht immer erlangt werden. Ich erinnere daran, dass ein großer Mystiker der alexandrinischen Schule im hohen Alter gestand, dass er nur wenige Male im Leben jenen großen Augenblick erlebt hat, in dem die Seele sich reif fühlt, so sich zu vertiefen, dass der Geist des Unendlichen wach wird und jener mystische Augenblick eintritt, wo der Gott in der Brust vom Menschen selber erlebt wird. Das sind Mittagsaugenblicke, wo die Sonne des Lebens am höchsten steht, in denen so etwas erlebt werden kann, und für diejenigen, die immer mit ihren abstrakten Ideen zur Hand sein wollen, dass sie sagen: Wer einmal richtige Gedanken hat, dann muss ihn das zum Höchsten führen, für die sind solche Mittagsstunden des Lebens, die man als Gnade des irdischen Lebens ansehen muss, keine Zeit, zu der sie reisen wollen. Für solche Abstraktlinge muss jederzeit der Augenblick da sein, die Welträtsel zu 1ösen. Da macht die Schlange aufmerksam auf eine andere Art, wie sie hinüberkommen können, nämlich über den Schatten des Riesen, jenes merkwürdigen Wesens, das für sich selbst nichts vermag, nicht das kleinste Gewicht tragen kann, nicht einmal ein Reisbündel auf der Schulter. In der Dämmerung, wo Halbdunkel sich ausbreitet, wenn der Riese den Schatten über den Fluss, der da trennt das Sinnliche vom Übersinnlichen, hinüberfallen lässt, da können die Menschen auch hinüberkommen. Was ist das für ein merkwürdiges Wesen, dieser Riese? Wenn wir diesen Riesen verstehen wollen, so müssen wir dessen gedenken, dass Goethe sehr wohl wusste von jenen Seelenkräften, die sozusagen unter der Schwelle des Bewusstseins liegen, die beim normalen Menschen nur beim Traum herauskommen, die aber, wenn wir im geisteswissenschaftlichen Sinne reden, zu den untergeordneten hellseherischen Kräften gehören, die nicht errungen sind durch eine Entwicklung der Seele, sondern gerade bei primitiven Seelen besonders auftreten in Ahnungen, im zweiten Gesicht, in alledem, was zusammenhängt mit einer noch wenig vorgerückten Seele, aus der hervorquillt ein gewisses unkontrollierbares und unkontrolliertes Hellsehen.

Durch solche hellsichtigen Kräfte — es ist nicht zu leugnen — gelangt der Mensch zu manchen Ahnungen von der übersinnlichen Welt, und vielen Menschen heutzutage ist es noch lieber, durch solche Ahnungen oder durch spiritistische Schattenbilder zu der übersinnlichen Welt zu kommen als durch Entwicklung, durch wirkliche Emporhebung der Seele in das Land des Übersinnlichen. Was zum Reich des Unterbewusstseins gehört, zum Reiche der Seele, das nicht beleuchtet ist von dem, was man klaren Verstand, was man das Licht der Einsicht, was man Selbstkontrolle nennen kann, was wie traumhafte Erkenntnis auch im Leben ist, ist uns repräsentiert in diesem Riesen. In der Tat erkennen kann man ja in Wahrheit nicht durch dieses Unterbewusstsein, denn es ist sehr schwach im Vergleich zur wirklichen Erkenntnis, etwas, was nirgends kontrolliert werden kann, worauf man nicht bauen kann sozusagen.

Wollte man dieses Unterbewusstsein personifizieren, so könnte man es nicht besser als durch einen Menschen, der nicht imstande ist, das geringste Gewicht zu tragen. Durch solche unterbewusste Erkenntnis ist der Mensch — wenn er sie allein entwickeln will — nicht imstande, das Geringste kontrolliert zu erkennen, was auf sicherer Basis steht, was Gewicht hat für unsere Weltanschauung. Aber es spielt eine große Rolle im gesamten Kulturleben, der Schatten dieses Unterbewusstseins. Oh, das zeigt sich durch alles hindurch — und es braucht nur ein Wort ausgesprochen zu werden; um den Schatten [zu charakterisieren], der tatsächlich für viele Menschenseelen sogar befriedigend hinüberführt ins Reich des Übersinnlichen, das Wort: Aberglauben. Hätten unzählige Menschen den Aberglauben, der der Schatten des Unterbewusstseins ist, nicht, der am liebsten nicht im Lichte klarer Ideen wirkt, sondern in der Dämmerung, sie würden keine Ahnung haben von der übersinnlichen Welt, und für unzählige Menschen ist heute noch der Aberglaube der Schatten des Unterbewusstseins, der sie in den Dämmerstunden des Seelenlebens hinüberführt in das Reich des Übersinnlichen. Man braucht nicht einmal verschiedene Offenbarungen des abergläubischen Wesens in der Kulturgeschichte aufzuzählen, man braucht nur zu betrachten, wie die Menschen kommen etwa zur Theosophie, zur Geisteswissenschaft, die uns irgendetwas nahebringen will von der übersinnlichen Welt, etwas, von dem nur jene Menschen etwas begreifen können, die viele Mühe anwenden können, um ihre Seele höher hinaufzubringen. Wir wollen da zu den höheren Wesen hinaufsteigen. Viele machen sich’s aber bequem, sie wollen, dass die Geister zu uns heruntersteigen, statt dass wir uns zu ihnen erheben. Sie sind froh, wenn irgendwo ein Medium getroffen wird, das aus dem Reiche des Unterbewusstseins heraus Zeugnis gibt von dem Dasein der übersinnlichen Welt. Nicht nur untergeordnete Geister huldigen dem, was da so reichlich blüht als «Spiritismus», sondern sogar Gelehrte, die nicht zugeben wollen, dass die Seele in die Geisterhöhen erhoben werden kann durch eigene Entwicklung. Es ist nicht gesagt, dass nicht die Dinge, die da spielen, wahr sind, aber unterscheiden zwischen Wahrheit und Irrtum ist außerordentlich schwierig, und nur für den Eingeweihten ist es möglich, die Kontrolle der Wissenschaftlichkeit zu üben.

Auf diesen Schatten des Unterbewusstseins, auf dieses ganze weite Reich, das sich der weisen Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle entzieht, auf diese Seelenkraft will Goethe hinweisen. Aber er weist nicht darauf hin wie ein Polemiker — Goethe ist nie ein Polemiker gewesen —, sondern er ist sich klar, dass eine jede Seelenkraft auf ihrer Stufe, auch dann, wenn sie auf einer anderen Stufe unterdrückt werden muss, ihre Bedeutung hat, darum sagt er nicht: Hütet euch vor dem Riesen, sondern er findet es sogar nützlich hier, durch die Schlange den Irrlichtern den Rat geben zu lassen, sie sollen sich übersetzen lassen vom Schatten des Riesen in der Dämmerung. Dieser Rat wird merkwürdigerweise heute wiederholt, wenn Gelehrte nicht wollen anbeißen an das Theosophische. Dann kommen wohlmeinende Menschen und sagen: Lasst euch durch eine spiritistische Sitzung überzeugen von einer übersinnlichen Welt, dann werdet ihr auf eine plausible Weise hineingeführt. Aber es spielt eben für das Aufmerksam-Machen, für das Hinüberlenken des Menschensinnes zu der übersinnlichen Welt der Aberglaube eine große Rolle, und man muss sich klar sein darüber, dass Goethe, der das gesamte Gebiet der Seelenkräfte darstellen will wie in einem symphonischen Zusammenklang, zu zeigen hatte, wirklich der Meinung war, wie dieser Aberglaube dann, wenn er nicht in wüsten Aberglauben ausartet, seinen guten Grund hat in den Seelenkräften, die nicht alle gleich mit den nüchternen, klaren Begriffen kommen, sondern zunächst sich sagen: Wir können tief, tief eindringen in die Geheimnisse der Dinge - wir wollen aber lieber erst es mit Ahnungen ihrer Geheimnisse halten. Erst diese Geheimnisse wittern, nicht gleich in scharfe Konturen uns hineinfinden! Dieses ahnungsvolle Sich-Verhalten zu den Dingen ist sehr wichtig, da es hineinspielen soll in das gesamte Leben und Weben unserer Seelenentwicklung.

Goethe wollte zeigen, dass in den Seelenkräften in höherer Weise sich ausdrückte, was in der äußeren Natur so klar für ihn sich ausdrückte. Ich will nicht darauf hinweisen, wie Goethe, wenn er kein Gedicht, kein Drama geschrieben, keinen Wilhelm Meister, keinen Werther, durch seine naturwissenschaftlichen Entdeckungen eine leuchtende Persönlichkeit gewesen wäre für alle Zeiten. Dass er außer den sonst bekannteren, naturwissenschaftlichen Entdeckungen ein bestimmtes Gesetz gefunden hat, das nicht ausgedacht, ausspekuliert ist von ihm, sondern von dem wir sehen werden, dass es tief begründet ist in den Dingen selber, wie ein Leitmotiv in allem Naturwirken, und welches man nennen könnte das Gesetz des Ausgleichs, auch in allen äußeren Naturdingen. Dass die Natur für jedes Wesen ein bestimmtes Maß des Werdens hat, auf der einen und anderen Seite abändern kann, Vielheit und Mannigfaltigkeit da hervorgehen lassen kann. Seht die Giraffe an! Die Natur hat da ein gewisses Maß von Wirkungskräften für die Tätigkeit bei der Giraffe verwandt, mehr Kraft verwandt auf die Ausbildung des Vorderleibes, des Halses, daher der Hinterleib verkümmert ist! Sehet den Maulwurf an! Da wendet die Natur alle Kräfte auf den Leib, daher die Füßchen verkümmert bleiben. Goethe zeigte, wie man verstehen kann den Formunterschied eines Dromedars und Löwen und wie verschiedene Organe herauskommen dadurch, dass gleichmäßige Maße das eine Mal nach der einen Richtung, das andere Mal nach der anderen Richtung angewendet werden. Wie ein typisches Gebilde sich auslebt in der Mannigfaltigkeit, das eine Mal sehen wir, dass der Unterkiefer die Zähne ausbildet, das andere Mal der Unterkiefer von Zähnen leer bleibt und Hörner sich ausbilden. Als Goethe dieses Gesetz ausgesprochen hat, hielt man es natürlich für den Ausspruch eines Dichters, der nichts versteht von naturwissenschaftlichen Dingen, der ein Laie, ein Dilettant sei. Aber in der französischen Kammer machte ein französischer Naturforscher im Jahre 1830 bei seinem Streite mit Cuvier aufmerksam auf dieses Gesetz unter dem Namen «balancement des organes». Es wird die Zukunft noch vieles zu sprechen haben von diesem «balancement des organes», weil es tief in die Formeigenschaften der verschiedenen Wesenheiten hineinführt. Goethe hat dieses Gesetz auch angewandt auf das Geistesleben. Er erkennt, dass auch in der Seele sei ein solches, welches auf einer höheren Stufe in den einzelnen Seelenkräften das Einzelne zum Ausdruck bringt, sodass er sagt: Es gibt Menschenwesenheiten, die bilden die besondere Eigenschaft aus, die durch die Irrlichter repräsentiert wird. Sie stellen im Leben selber Irrlichter dar, falsche Propheten, die nicht anders können als das, was sie gelernt haben, anderen wieder mitzuteilen und ihr Gold auszuschütten. Andere Menschen, die ein mystisches Licht in die Natur hineinversetzen können, wie die Schlangen, die untertauchen in die Natur. Kurz, Goethe wollte zeigen, wie im allgemeinen normalen Leben in der Außenwelt Seelen sich so darstellen, dass sie einseitige Kräfte zur Ausbildung bringen. Wie also der Mensch zu der höheren Stufe der Erkenntnis hinaufgelangen kann dadurch, dass er innerlich in sich den Typus der Menschenseele darstellt, einen Ausgleich, ein richtiges Zusammenwirken aller Seelenkräfte, mit der nüchternsten Seelenkraft verknüpft das Ahnen. Nicht so, wie der Aberglaube es schon tut, der allein ins Ahnen sich verliert und die Intelligenzkraft unterjochen lässt von dem Ahnen der Natur der Dinge.

Stellt Goethe auf der einen Seite dar, wie der Mensch sich vereinseitigen kann, so zeigt er, wie er, wenn er zu höheren Erkenntnissen gelangen will, zu jenem Gipfel streben muss, der symbolisiert wird durch die schöne Lilie, die innerliche harmonische Ausgleichung und das Zusammenwirken der einzelnen Seelenkräfte.

Nun wissen wir, dass die Schlange, nachdem sie sozusagen innerlich das innerliche Leuchten empfangen hat, in den unterirdischen Tempel kommt. Jetzt kann sie unterscheiden, dass da sind diejenigen geistigen Welten, die an den Menschen herankommen, den Menschen inspirieren müssen, die Kräfte geben können, die die Menschenseele ordentlich in sich haben muss, wenn sie hinaufsteigen will zu einem höheren Dasein. Es gibt gewisse Kräfte in der Menschenseele, die muss sie haben, wenn sie hinaufsteigen will auf die höhere Stufe. Wenn der Mensch aber erlangen will diese höhere Stufe, ohne dass er gefunden hat den rechten Durchgang zu rechter Zeit durch die Inspiration dieser Weltenmächte, unreif erfassen will das Höchste, was an Erkenntnis, an Weltanschauung errungen werden kann — dann ist diese Weltanschauung etwas für ihn, was töten, in der Seele verwirren, lähmen kann. Daher wird der Jüngling, der mit der Lilie sich vereinigen will, bevor er reif ist, er wird zuerst gelähmt, ja getötet. Das heißt, Goethe hat anschaulich ausgedrückt, was er einmal in einem kurzen Ausspruch ausgedrückt hat:

Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich.

Es gibt eine hohe Stufe menschlicher Entwicklung, durch welche die Menschenseele zusammenwachsen kann mit den Früchten aller Erkenntnisse. Sie steht uns wie eine ferne Perspektive vor Augen. Unser Streben muss darauf gerichtet sein, uns reif zu machen, uns so zu gestalten, dass wir in solcher richtigen Stimmung, in solch richtiger innerer Verfassung sind, nicht unreif das Höchste empfangen. So wird der Jüngling zunächst getötet und soll zunächst geführt werden durch die Begabung mit den Seelenkräften, die durch die Könige dargestellt werden. Bevor er sich verbinden kann mit der schönen Lilie, führt ihn die Schlange zu den drei Königen. Bedeutungsvolle Gespräche umgeben wie Geheimnisse diese Könige. Der goldene König ist diejenige übersinnliche Kraft, die in unserer Seele entzündet werden kann, die auf rechte Weise die Weisheit gibt, sodass die Kraft der Weisheit harmonisch zu den anderen Seelenkräften sich stellt. Der silberne König stellt dar die Frömmigkeit. Und bei Goethe bedeutet Frömmigkeit etwas ganz anderes als im gewöhnlichen Sinn.

Wer Goethe kennt, der weiß, dass für Goethe Kultus des Schönen, Kunst, mit dem religiösen Gefühl innig zusammenhing; daher ist das Schöne dasjenige was ihn immer fromm stimmt, sodass für ihn der König der Weisheit durch das Gold repräsentiert wird. Der König, der ausgestattet ist mit der Seelenkraft, die durch Schönheit Religion erzeugt, ist der silberne. Dasjenige aber, was unsere Willensimpulse durchkraften soll, was uns durchdringen will im geordneten Seelenleben als Kraft des Willens, wird dargestellt durch den ehernen König.

Unsere Seelenkräfte müssen unter unsere vollkommene Herrschaft gestellt sein, sodass wir sie sondern können, dass wir in der richtigen Weise die Welt weisheitsvoll sehen und uns da das Gefühl keinen Streich spielt. Dass das Gefühlsleben vom Weisheitsleben und das Weisheitsleben wiederum vom Willensleben und umgekehrt nicht übermannt wird, sondern dass die drei Seelenkräfte gesondert, spezifiziert auftreten im höheren Seelenleben. Was nun den vierten König anlangt, so ist zu sagen: Ein jeder Mensch hat Weisheit, Frömmigkeit, Willenskraft in sich, aber so, dass chaotisch untereinander gemischt sind Gold, Silber und Erz. Dann beginnt für die Seele ein höheres Zeitalter ihrer Entwicklung, wenn dieses chaotische Durchmischt-Sein der Seelenkräfte aufhört, und der Mensch nicht einmal hingedrängt wird durch einen Willensimpuls, ein andermal mit ihm durchgehen die Gefühle, ein anderes Mal er durch Weisheit allein geführt wird. Nein, wenn das Nicht-Chaotische, wie es durch den vierten König geschieht, gemischt ist, wenn der Mensch klar in sich abtrennt das Gebiet von Seelenkraft, das mit Weisheit, das von Schönheitsgefühl, von der religiösen Stimmung durchdrungene, dasjenige, welches von dem guten Willen zur Tugend durchdrungen ist, so, dass er dieses Gebiet beherrscht, nicht von jenem getrieben wird, dann wird er hinkommen zu jenem Zeitpunkt, wo man sagen darf: Es ist an der Zeit, ich muss etwas anderes vornehmen. Eine Seele, die unvorbereitet hingeführt wird vor das Gebiet der Weisheit, Schönheit und Kraft, würde kaum etwas von diesen Dingen sehen.

Eine Seelenkraft, die in gewisser Beziehung vorbereitet den Menschen für Weisheit, Schönheit und Kraft, repräsentiert der Mann mit der Lampe. Es ist die Eigentümlichkeit dieser Lampe, dass sie nur leuchten kann, wo schon ein anderes Licht ist. Was ist denn das für ein Licht, das von der Lampe des Alten kommt? Das gleiche Licht, das Licht der religiösen Weltanschauung, die der eigentlichen Weisheitserkenntnis vorangehen muss, das von unserem Herzen ausstrahlt, auch wenn wir noch nicht eingedrungen sind in die Dinge. Das ist ein Licht, das nur da leuchten kann, wo schon anderes Licht ist: Religionen können nur da Glauben erzeugen, wo sie durch diese oder jene Vorbereitung auftreten, oder wo sie angepasst sind demjenigen, was die Menschen unter dem Klima, bestimmten Kulturepochen und so weiter empfinden. Da also muss sich die Schlange, die durch bloß innere mystische Seelenkraft zu der Weisheit, Frömmigkeit, Kraft dringen will, begegnen vor den Königen, den Seelenkräften, mit dem Glaubenslichte, das die Seele hinführt zu der höheren Erkenntnis, das die Seele vorbereitet. So zeigt Goethe, wie die richtige Zeit herankommen muss. Wie sie vom Lichte des Glaubens zuerst geleitet werden muss und wie sie dann, wenn die Seele sich, durch das Glaubenslicht geleitet, vorbereitet hat, hinaufkommen kann in ein Zeitalter, wo sie mancherlei erlebt hat. [Wie sie] kommen kann zum unmittelbaren Ergreifen der Seelenkraft in ihrer Gesondertheit sowohl wie in ihrem harmonischen Zusammenwirken. Es wird gezeigt, wie der Mensch hier auf der physischen Welt diesseits des Flusses sich vorbereiten kann. Wie auf der anderen Seite, wenn sich der Mensch verbindet unreif mit den Spitzen des menschlichen Seelenlebens, er sozusagen in seiner Seele Schaden nimmt, zugrunde geht.

Und nun die merkwürdige Gestalt der Frau des Alten mit der Lampe. Diese Frau, die uns allzu menschlich geschildert wird, die ausersehen wird von den Irrlichtern, mit Früchten der Erde zu bezahlen — sie stellt dar die primitive Menschennatur, die sich nicht zum Wissen erheben kann, aber verbunden mit dem Mann mit der Lampe, mit dem Lichte, kann sie glauben. Zu was ist denn imstande das Licht des Glaubens? Steine zu verwandeln in Gold, Holz in Silber, tote Tiere in Edelsteine. Das alles wird dadurch gekennzeichnet, dass der Mops, der das Gold gefressen hat, das die Irrlichter von sich geschüttelt haben, durch die Lampe des Alten in Edelsteine verwandelt wird. Da wird gezeigt, welche Macht der Glaube hat, diese ganz wunderbare Macht des Glaubens, dies Vorwärts der höheren Erkenntnis. Oder wie es imstande ist, uns alle Dinge so zu zeigen, dass sie wirklich in einer gewissen Weise ihre göttlichen Seiten darbieten. Dass sie schon, bevor sie das Übersinnliche in ihnen durch Erkenntnis erreicht haben, zeigen, was an ihnen ist. Die toten Steine zeigen: Was mit Weisheit sich begabt [hat], verwandelt sich in Gold durch das Licht dieser Lampe. Das heißt, der Glaube ist imstande, schon zu ahnen in den Dingen, was später die Weisheit in vollem Lichte in ihnen erkennt, und wie alle Dinge nicht so sind, wie sie uns in der Sinnenwelt entgegentreten, sondern dass sie eine tiefere Seite haben. Das wird symbolisch angedeutet, wie das Glaubenslicht in der Lampe des Alten alle Dinge verwandelt. Der Mensch, wenn er bei seiner gesunden Natur bleibt, nicht zur Wissenschaft, zum Wissen gelangen kann, dann hat er eigentlich im Grunde genommen etwas in sich, was viel mehr im Zusammenhang steht mit den geheimnisvollen Kräften, die an der Grenzscheide stehen zum Übersinnlichen. Im Vergleich zu dem, der zu abstrakter Wissenschaft gekommen ist und gar leicht zum Zweifler und Skeptiker wird. Wie er den Boden unter den Füßen verliert, unsicher, nervös wird gegenüber aller Erkenntnis. Wie sicher steht manche ursprüngliche primitive Natur, wie sie repräsentiert wird durch diese alte Frau, die so mit der Natur in Verbindung steht, die geben kann, was die Irrlichter nicht geben können. Solche Menschen haben ein ursprüngliches Gefühl, durch das sie [sich] bewusst sind der Zusammenhänge mit dem Unendlichen, Göttlichen, was in aller Natur als das Übernatürliche lebt und webt. Daher kommt bei so manchen ursprünglichen Menschen, wenn gelehrte Leute mit ihren Zweifeln kommen, jenes mitleidige Lächeln, das besagen will: Ihr möget noch so gescheit sein, noch so viel mit eurer Gelehrsamkeit in der Natur wissen, wir wissen, was ihr nicht wisst; sicheres Wissen, das bringt uns zusammen mit dem, aus dem wir selber stammen. Die Frau kann bezahlen, was die Irrlichter nicht können.

Der Mensch muss erlangen nicht nur die Gefühlsgewissheit. Er hängt zusammen mit einem Übersinnlichen, wie es dargestellt wird durch das Walten des Tempels mit den Königen, wo nicht nur innerliches, mystisches Sicherheitsgefühl ist, sondern der Mensch muss aufsteigen, dass er wirklich in das Reich des Übersinnlichen eingeführt, das geistige Leben und Weben sieht. Der Tempel muss vom Unterirdischen ins Oberirdische befördert werden. Der Tempel der Erkenntnis muss selber über der Grenzlinie, über dem Flusse sich erheben zwischen der übersinnlichen und der sinnlichen Welt. Und es ist denkbar eine Seele, die so gearbeitet hat an sich, so die Stufen der Entwicklung hinaufgegangen ist, dass sie jene heiligen Mittagsaugenblicke des Lebens in einer gewissen Weise in der Hand hat, durch sie hinübergehen kann in die geistige und herüber in die sinnliche Welt. Dass sie aufmerksam machen kann, wenn ein Vorgang der äußeren Natur gezeigt wird, wie Göttlich-Geistiges waltet und wieder hinweisen kann auf das reine Göttlich-Geistige, das im übersinnlichen Reiche ist, sodass erreicht wird, dass nicht nur auserlesene, besonders bevorzugte Geister über den Fluss gehen können. Das soll durch die Geisteswissenschaft in der neueren Kultur erreicht werden. Goethe ist ein Prophet der Theosophie in seinem «Märchen», indem er zeigt, dass nicht nur die bevorzugten mystischen Naturen, die angeborene Mystik haben, Mittagsaugenblicke des Lebens haben, wo sie beim hellen Sonnenschein des Lebens hinübergehen können über den Fluss und das Reich des Übersinnlichen finden können, sondern, dass es eine Seelenentwicklung gibt, die jeder durchmachen kann. Jede Seele naturgemäß, wenn auch mühevoll und entsagungsvoll, alle können herüber und hinüber wandern, vom und zum übersinnlichen Reich, wenn das eingetreten ist, was das Glaubensgeheimnis ist.

‹Wieviel Geheimnisse weißt du?› — ‹Drei, versetzte der Alte.› ‹Welches ist das wichtigste?› fragte der silberne König. ‹Das Offenbare,› versetzte der Alte.

Diese Redensart [des offenbaren Geheimnisses] tritt oft bei Goethe auf, weil Goethe wie alle wahren Mystiker der Anschauung war, dass es nichts Geistiges gibt, was nicht äußerlich, materiell, irgendwie sich erlebt, dass man überall Zusammenhänge des Materiellen mit einem Geistigen finden kann. Es gilt nur den richtigen Punkt, den richtigen Ort im Universum zu finden, wo das Geistige äußerlich, physiognomisch sich ausdrückt. Das Geheimnis offenbar! Nicht so sehr, wie auf Schleich- und Umwegen das Geistige zu suchen, sondern sich mit den Dingen zu verbinden, wie die Schlange. Und man findet durch die Gemeinschaft mit der materiellen Welt auch einen Weg ins Geistige. Das offenbare Geheimnis ist dasjenige, das überall zu finden ist und zu dem nur gehört eine gewisse Reife der Seele. Die drei Geheimnisse sind keine anderen als diese, wie Weisheit, wie Schönheit und Frömmigkeit und Tugend in uns leben soll, nicht getrennt. Charakteristisch ist dazu ein viertes notwendig, das kann der Alte nicht wissen. Aber er kann es wissen, dass er sagen kann, es ist an der Zeit! Was sagt die Schlange dem Alten ins Ohr? Dass sie bereit ist, sich zu opfern, dass sie bereit ist, ihren eigenen Leib hinzuopfern, nur aus dem, was aus ihr entsteht, eine Brücke über den Fluss zu schlagen.

Das große Geheimnis vom Opfer der niederen Seelenkräfte, die nur der Weg sein sollen zum höheren Selbst: Ich will all dasjenige, was verbunden ist mit den niederen Wesenheiten der Natur, was ich, gehorsam den Weltgesetzen, gesucht habe — ich will mich opfern. Wer das nicht hat, dieses Stirb und Werde, der bleibt nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.

Erst muss der Mensch durchgehen durch all dasjenige, was ihn hineinführt über die Naturereignisse und Naturtatsachen, um dann das, was er also gewonnen und erlebt hat, mit dem niederen Selbst als sinnliches Wesen hinzuopfern, und aufzusteigen.

Jakob Böhme hat in schöner Weise dieses Geheimnis ausgedrückt:

Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
der verdirbt, wenn er stirbt.

Wer in die übersinnliche Welt eingeht durch das Tor des Todes, ohne dass er die niederen Seelenkräfte getötet hat, in sich gestorben ist für das niedere Selbst, bevor er durch das physische Tor des Todes geht, der würde in dieser Verkörperung sich nicht vorbereiten, um das richtige geistige Wesen vor dem Tode zu sehen!

Die Seele bewahrt sich vor dem Verderben in dem niederen Selbst, wenn sie wird wie die Schlange, die nicht bloß in den Klüften bleibt, sondern sich hinopfert, das heißt: In uns ist eine Seelenkraft, die sich verbinden kann mit allen Naturwesen. Die da sein muss, zuerst aber hingeopfert werden muss zum Zwecke der höheren Erkenntnis, dass alles dasjenige, was als niederer Egoismus, als niedere Selbstsucht, die zuerst notwendig sind zum Erreichen der höheren Freiheit, absterben muss. Daher wird dasjenige, was zuerst uns geführt hat ins Reich des Diesseits, das wird selbst der Weg ins Jenseits. Wir gehen über das nur, was wir selber hingeopfert haben, in die übersinnliche Welt hinauf. Die Irrlichter sind nur imstande aufzuschließen die Pforte. Sie haben die Schlüssel. Die Wissenschaft hat die Schlüssel, wie Mephisto die Schlüssel hat zum Reiche der Mütter; aufschließen, aber nicht hineinführen, kann er in die wirklichen Geheimnisse. Wir können die Wissenschaften in ihrem Werte einsehen, das Intelligente, Abstrakte im Menschenleben würdigen, denn es führt sie zur Pforte. Dann aber müssen die höheren Seelenkräfte beginnen, wenn wir in den Tempel aufgenommen werden wollen. So sehen wir, wie tatsächlich diese Irrlichter ihre Rolle bis zu Ende durchführen, und wie Goethe in der Ausgestaltung seiner Märchendichtung den Sinn der Seelenkräfte festhält bis in die Einzelheiten. Das «Märchen» ist so, dass mit dieser Art der Erklärung jedes Wort, jeder Satz ein Beleg ist, dass ein tieferer Sinn in das Märchen hineinkommt. Durch die Wirkung der Lampe wird das Haus des Alten ausgekleidet mit Gold. Was bleibt von der Religion, von den verschiedenen Religionen zurück? Die Tradition!

Versuchen wir einmal, uns das ganze konkret vorzustellen in unserem Kulturprozess. Gehen wir in unsere Bibliotheken, suchen wir in den historischen Werken über diese und jene Religion nach. Wie viel da aufgespeichert ist von dem Golde, wie viel das Licht der Lampe beleuchtet, beschienen hat, wie die Abstraktlinge hinkommen, die das Gold herunterlecken, die die Geschichte der Religionen aus den Büchern auflesen und aus alten Büchern neue machen. Selbst da, wo die Weisheit zur Historie wird, die bibliothekarisch aufgespeichert wird — die Irrlichter können sich nähren von dem, sie gehen sogar vollsaftig strotzend von Gelehrsamkeit herum mit dem, was zuerst aus diesen Quellen stammt. Dem Mops, dem Naturwesen, dem ungelehrten, dem bekommt es schlechter, der stirbt an dieser Weisheit und muss erst dann belebt werden. Zunächst wird er durch das Licht der Lampe verwandelt in Edelsteine und kann aus Edelstein verwandelt werden durch die Berührung mit der Lilie. Die Lilie kann alles beleben, was durch den Tod hindurchgegangen ist, was das durchgemacht hat — was dies nicht hat, dieses Stirb und Werde — ein heller Gast muss dieser geworden sein auf dieser Erde. Wer die Berührung aushalten will mit der Lilie, der muss durch den Tod des Niederen hindurchgegangen sein.

So wird der Jüngling erst reif, mit der schönen Lilie in Berührung zu kommen, nachdem er zuvor getötet worden ist. In den Tempel der Weisheit kann er erst eingehen, nachdem die Schlange sich hingeopfert. Wenn das alles geschehen ist, dann kann der Jüngling zunächst geführt werden zum Tempel. Wenn das Opfer getan ist, wird die Seele hinaufgeführt aus ihrem unterirdischen Sein zur Erkenntnis, dass alles vom Geiste durchlebt, durchwebt ist; dann wird der Tempel von unten nach oben geführt, dann wird der Mensch begabt mit demjenigen, was die einzelnen Seelenkräfte ihm geben können. Weisheit gibt ihm das, was ausgedrückt wird im Satz des goldenen Königs:

Erkenne das Höchste.

Das Symbolum ist der Eichenkranz. Der silberne König gibt ihm das Zepter und spricht:

Weide die Schafe

als Zeichen der Begabung mit der Kraft der Frömmigkeit. Der eherne König übergibt ihm Schwert und Schild und sagt ihm:

Das Schwert an der Linken, die Rechte frei!

Die rechte Tugend ist nicht aggressiv im Angriff, aber stark und fest steht sie auf den Beinen, und wenn es sich handelt um Menschenwürde und Menschenbestimmung, ist sie bereit, diese zu verteidigen und zu wirken in der Welt in Menschenliebe und heilsamer Menschentat. Nun verbindet sich der Jüngling mit der schönen Lilie. Die einzelnen Seelenkräfte werden durchleuchtet von der wahren Liebe. Das kann aber die Seele erst fühlen, wenn sie über die gewöhnliche Liebe hinweggekommen ist, wenn sie aufgeht in der Liebe zum Geistigen. Weisheit, Schönheit, Frömmigkeit, Tugend, sie entwickeln, sie fördern die Entwicklung der Seele. Liebe muss nicht nur wachsen, sie belebt, sie formt, sie harmonisiert alles. Sie hebrt die Seele eine Stufe hinauf. Da sehen wir dann, wie der Mensch, wenn er hinaufsteigt, wenn er sich befindet in jenem Tempel, wo er Erkenntnisse erleben kann, wie er dazu kommt, aber jetzt in heiliger Scheu, wie der kleine Tempel in dem großen Tempel das Höchste zu sehen, das Geheimnis der Geheimnisse, der Mensch selber, wie er hinübergeht als Geisteswesen aus der Geisteswelt zur Hütte des Fährmanns, der herüberbringt die Wesen von der jenseitigen in die diesseitige Welt - wo der Mensch als kleine Welt, als kleines Tempelchen in den größeren Tempel versetzt wird, so schön zeigend, wenn die Seele heraufrückt bis zu den Stufen höherer Erkenntnis, dann erlangt er an sich durch Weisheit, Frömmigkeit, Tugend die Geheimnisse der Welt. Was Goethe so schön empfunden hatte als die spinozistische Gottesliebe, die Ausbildung höchster Seelenkräfte, kommt zu den Rätseln, den Geheimnissen der Welt, aber als das höchste der Geheimnisse, was wir erst wiederum als kleinen Tempel im großen erblicken, das Geheimnis des Menschen selber und seines Zusammenhangs mit dem göttlichen Sein. Der Riese kommt zuletzt, tappt auch herum und wird dann der Stundenzeiger der Zeit. Unsere Erkenntnis wird geistig, sie streift ab, wenn wir also aufsteigen in unserem Seelenleben, was äußerem Materialismus ist das Bewusstsein von jenen Gesetzen, die mechanisch wirken. [Der Riese] steht im Grunde genommen für das Unterbewusstsein, für alles dasjenige, was von den Kräften der Seele kommt, die auch im Unterbewusstsein wirken. Das darf nur in einem noch bleiben, wenn wir hinaufschauen auf das, was für unsere Innerlichkeit das Äußerste ist, wie die Zeiten aufeinanderfolgen, wie der äußere Zeitenrhythmus ist. Das hat seine letzte Berechtigung, da hat die bloß mechanische Erkenntnis eine Berechtigung. Man möchte sagen: Goethe könnte im Auge gehabt haben, als ihm diese Idee vom Riesen kam, der zuletzt zum Stundenzeiger der Welt wird, was alles für Aberglaube getrieben worden ist mit der Zahlenkunst, der verschiedenen Gebilde im Raum, was da doch nur wie ein abergläubischer Schatten einer größeren Erkenntnis zurückgeblieben ist aus der alten Zeit der alten Weltanschauungen. Aber eines bleibt als berechtigt zurück: dadurch das, was erkannt worden ist, eine Art Chronometer für die Vorgänge, die den Menschen umgeben, zu bilden.

So finden wir in gewisser Beziehung alles in plastische Bilder umgesetzt, was Goethe empfand als Notwendigkeit in der Entwicklung der Seelenkräfte. Willst du zum Höchsten hinaufsteigen, dann musst du die Seelenkräfte so entwickeln, wie man es nur symbolisch in reichen, inhaltsvollen Bildern ausdrücken kann. Dann musst du nahekommen demjenigen, was Goethe sagen wollte, wenn du versuchst, aus der ganzen Goethe’schen Weltanschauung heraus eine Anschauung von diesen Bildern zu gewinnen. Aber du musst dir bewusst sein, dass dasjenige, was im Märchen enthalten ist, noch unendlich reicher ist, als ich es gesagt, und alles das eigentlich nur Anregung ist, in welcher Art gesucht und gefühlt werden soll über das Goethe’sche Märchen. Aber vielleicht ist es möglich, das Gefühl zu erhalten, aus welchem inneren Reichtum, aus welcher inneren Größe heraus, mit welch unermesslicher Produktionskraft Goethe geschaffen hat. Wie recht er hat, wenn er sagt, das Wahre, Schöne, wahrhaft Künstlerische darf und kann nur sein eine Ausgestaltung der allgemeinen, die Welt durchwebenden und von den Menschen zu erkennenden Wahrheit. Und das war es auch, was als Überzeugung in Goethe lebte, was ihn selbst von Stufe zu Stufe in rastlosem Streben führte; das ist es, was uns sozusagen so hinzieht zu Goethe. Goethe ist einer derjenigen Geister, die so wirken wie nur die allergrößten.

Man liest einmal im Leben ein Werk von Goethe. Man glaubt es verstanden zu haben. Nach fünf Jahren liest man es wieder und findet: Damals habe ich es gar nicht verstanden, sondern jetzt erst. Dann nach fünf Jahren wieder, und man merkt, wie unendlich viel man entdeckt hat, was man früher nicht sehen konnte, weil man nicht reif war. Jetzt erst, nachdem du selber so viel erlebt hast, jetzt erst kannst du das Werk verstehen. Nach fünf Jahren liest du es wieder, und dann bist du vielleicht glücklich soweit, dass du dir sagst: Damals hast du es noch nicht verstanden; du musst, kannst ruhig warten, bis du reif und reifer wirst, um völlig zufrieden zu sein, wenn man immer mehr hineinwächst. Das ist nur bei den auserlesensten Geistern der Menschheitsentwicklung der Fall, dass man dieses Gefühl hat. In solchen Menschen hat man Führer der menschlichen Kultur zu sehen. Eine Ahnung von der Unendlichkeit seines Seeleninhaltes bekommt man, indem man immer tiefer hineindringen kann. Dann rechnet man ihn zu denjenigen Geistern, über die wir, die heutige Betrachtung zusammenfassend, sagen können:

Es leuchten gleich Sternen
am Himmel des ewigen Seins
die gottgesandten Geister.
Gelingen mög’ es allen Menschenseelen
im Reich des Erdenwerdens,
zu schauen ihrer Flammen Licht!

German original of The “Fairytale” of Goethe (Goethe's Secret Revelation Esoteric) · ← Previous · Next →