Goethe and the Present

GA 68c — 23 September 1909, Basel

XXVII. Die Tieferen Geheimnisse in Goethes «Faust»

Goethe sagte nicht lange vor der Vollendung des zweiten Teiles seines «Faust» zu seinem getreuen Eckermann, dass er sich bemüht habe, gerade bei diesem Werke darauf zu sehen, dass er den theatralisch-künstlerischen Ansprüchen genüge, sodass der, welcher es bloß mit den Sinnen genießen will, auf seine Rechnung kommt. Und Goethe fügt selbst hinzu, dass derjenige, der in die Geheimnisse eingeweiht sei, hinter diesen Bildern das Tiefere wohl finden werde.

Aber doch ist alles sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, dass die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen, wie es ja bei der Zauberflöte und andern Dingen der Fall ist.

Das, meine verehrten Anwesenden, kann ein Hinweis darauf sein, wie berechtigt es ist, gerade gegenüber diesem reifsten Werke Goethes zu suchen nach tieferen Geheimnissen, die in demselben stecken. Und er wusste selber, dass nicht jedem so leicht gelingen könnte das Verständnis dieser tiefen Geheimnisse. Denn ein anderes Mal sagte er zu Eckermann:

ich will Ihnen etwas vertrauen, das Sie sogleich über vieles hinaushelfen und das Ihnen lebenslänglich zugutekommen soll, Meine Sachen können nicht populär werden; wer daran denkt und dafür strebt, ist in einem Irrtum. Sie sind nicht für die Masse geschrieben, sondern nur für einzelne Menschen, die etwas Ähnliches wollen und suchen, und die in ähnlichen Richtungen begriffen sind.

Allerdings auf jenem Wege, den wir hier gestern charakterisiert haben, den Goethe selbst von Jahrzehnt zu Jahrzehnt heraufsteigen musste zu einer gewissen menschlichen Vollendung, auf diesem Wege können [ihm nur wenige] folgen; und wenn jeder diesen langwierigen Lebensweg im Geiste durchmachen müsste, dann würden allerdings die Versteher des zweiten Teils des «Faust» dünn gesät sein. Aber es gibt durch die Theosophie, welche einzudringen sucht in die Untergründe des Lebens, die Möglichkeit, dass die Seele erst heraufholt ihre innersten Kräfte, um geistig zu schauen, was sie sinnlich erblicken kann. Wenn der Mensch eindringt in die Ergebnisse der Geistesforschung, dann gelangt er wohl zu einem schnelleren Verständnis von demjenigen, was Persönlichkeiten von so reichem Inhalte wie Goethe zu sagen haben.

Wir haben gestern gesehen, wie Goethe aufgestiegen ist zur Vollendung so, wie die Stufen davon uns erscheinen in seinem «Faust». Wir haben auch darauf aufmerksam gemacht, dass eigentlich erst 1808 der vollendete erste Teil des «Faust» erschien. Wir haben hingewiesen darauf, ein wie persönliches, individuelles Werk der «Faust» zunächst war und wie es immer unpersönlicher und unpersönlicher wird, immer mehr von solchen Angelegenheiten der menschlichen Seele redet, die mehr oder weniger für jeden Menschen Bedeutung haben.

So entrückt Goethe seinen Faust aus dem eng Individuellen hinein in den Kampf der objektiven Weltenmächte. Darum muss er auch veranstalten das, was Sie kennen als «Prolog im Himmel». Da sind es nicht nur bloß die inneren Seelenmächte, sondern die objektiven, hinter den Welten ruhenden Weltengeister, die um die Seele des Faust ihren Wettkampf beginnen. Da [zeigt Goethe uns, wie tief er eingedrungen ist in das Verständnis dessen, dass es ein Irrtum] ist, wenn der Mensch sich als ein abgegliedertes Wesen ansieht; wie es Täuschung ist. Unser Finger tut das nicht. Er würde sich sagen: In dem Augenblick, wo ich abgeschnitten werde, bin ich kein Finger mehr. Wollte er derselben Täuschung sich hingeben, wie der Mensch sich hingibt, so würde er zerfallen. Er würde zerfallen, wenn er — abgeschnitten — auf unserem Leib herumspazieren könnte. Der Mensch kann auf der Erde herumspazieren, darum gibt er sich der Täuschung hin, ein abgesondertes Wesen zu sein. Würde er nur mit ganzer Seele sich dem hingeben, dass er nur ein paar Meilen über der Erde physisch nicht mehr leben kann, so würde er sich dieser Täuschung nicht hingeben, würde fühlen, wie die Kräfte nicht nur der physischen, sondern auch der geistigen Welt in seine eigene Seele hineinspielen. Das ereignete sich für Goethe so zusehends von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. So wuchsen die Kräfte der Menschenseele zu Weltenkräften. Und er zeigt uns die Repräsentanten der guten Geister entgegenstehend den Repräsentanten der bösen Geister in seiner Dichtung. Und es scheint ihm, Goethe, der Mensch nicht nur wie ein «furchtsam weggekrümmter Wurm», sondern als derjenige, der begreift, wie von Jahrtausend zu Jahrtausend die menschlichen Angelegenheiten durch das Erdenwerden durchgehen und den einzelnen Menschen ergreifen. Daher jene wunderbare Ähnlichkeit mit der alten biblischen Urkunde da, wo er Gott sprechen lässt zu Mephisto: «Kennst du den Faust?» — Mephisto: «Den Doktor?» — Der Herr sagt: «Meinen Knecht», wie wir es wiederfinden im alttestamentlichen Buch Hiob, wo der Satan vor den Herrn tritt und der Herr ihn fragt:

Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob?

[Jetzt ist es uns so, als ob in Faust nicht bloß ein Mensch uns erscheint; jetzt erscheint uns Goethe als der, der begreift, wie von Stufe zu Stufe die menschlichen Angelegenheiten durch die Weltenentwicklung hindurchgehen.] So wird «Faust» nach und nach mit dem Goethe’schen Reifwerden ein Weltgedicht. Das konnte es nur dadurch werden, dass Goethe immer mehr und mehr durch seine eigene Entwicklung in seinem Innern erfahren konnte, wie die Kräfte, von denen er geahnt hatte damals in Frankfurt, dass sie aus dem Innern der Seele heraus sich entwickeln, wirklich da sein können. Er hat sie endlich in rastlosem Streben aus sich herausgeholt. Und so wusste er, dass der Mensch hineinschauen kann in die übersinnliche Welt, dass es Geistesaugen gibt, wie es sinnliche Augen gibt, dass es geistige Ohren gibt, wie es sinnliche Ohren gibt.

Schon 1808 spricht er wie ein Wissender von all den Dingen, die ihm noch verschlossen waren, als er zuerst vor dem Erdgeist stand: Er spricht wie ein Wissender von der Erscheinung, welche die Pythagoreische Schule erkennt unter dem Namen «Sphärenmusik». [Da erscheinen dem Menschen die Seelengründe als Harmonien. Es ist keine Musik, aber es ist etwas, was sich mit ihr vergleichen lässt, etwas Reales, das zur Inspiration der Seele wird.] Wenn die Seele aus der Tiefe herausholt, was da schlummert, dann erscheinen ihr die inneren Töne als Harmonien, als etwas, was mit Geistesohren gehört wird.

Es ist das, was in der Inspiration zum Ausdruck kommt. Da fühlt der Mensch, was diese geistige Musik ist. Dann schaut sie nicht mehr durch äußeres Sehen und bewundert die Erscheinung des Lichtes, sondern dann fühlt die Seele, dass hinter ihr etwas wie inspiriert ist. Das ist, was Goethe im Prolog ausspricht:

Die Sonne tönt nach alter Weise.

Und mögen diejenigen, die glauben, auf dem Boden einer realistischen Ästhetik zu stehen, sagen: Der Dichter gestattet sich solche Bilder. Ein Dichter wie Goethe, der nur Erlebtes gibt, schreibt keinen Unsinn, wie im äußeren realistischen Sinn es wäre, zu sprechen von der tönenden Sonne. Er spricht erst dann davon, [wenn er es als etwas Geistiges, Reales erlebt hat], wenn er weiß, dass es ein solches Tönen gibt für den Menschen, der eintritt in die höheren Sphären des Daseins. Daher bleibt er bei diesem Bilde, als er den Faust [nach dem Ungestüm und nach der Sünde im ersten Teil] hinaufsteigen lässt zu einem wirklichen Hineinschauen in die Untergründe dieser Welt. Als Faust im Beginne des zweiten Teiles in die geistige Welt tiefer hineinblicken soll, da lesen wir die Worte:

Horchet! horcht dem Sturm der Horen!
Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Felsentore knarren rasselnd,
Phöbus’ Räder rollen prasselnd,
elch Getöse bringt das Licht!
Es trommetet, es posaunet,
Auge blinzt und Ohr erstaunet,
nerhörtes hört sich nicht.

Da stellt Goethe seinen Faust bereits hin als einen solchen, der hineinhört in die tieferen Wesenheiten der Dinge. Und Goethe drückt wahrlich aus, dass er sagen will, dass der «Faust» aufgestiegen ist von dem Standpunkt, wo er sich sehnte nach diesen Dingen, aber sie nicht auffassen konnte. Da hatte er nur die Gewissheit:

Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
ein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird’sche Brust im Morgenrot!

Aber der «furchtsam weggekrümmte Wurm» war damals weit davon entfernt, die «ird’sche Brust im Morgenrot» zu baden.

Im zweiten Teile sehen wir, wie Faust erwacht; und wie wunderbar geschildert, wie dieser sich im Morgenrot badet, wie ihm die Offenbarung wird vom Untergrund der Dinge! So innerlich künstlerisch konsequent ist Goethe in der Fortführung seines «Faust». Und Faust soll nun eingeführt werden in die große Welt, in ihr noch alles das erkennen lernen, was herkommt von der mephistophelischen Macht. Da der Mensch ein Teil des gesamten Menschheitswesens ist, wird sich diejenige Macht, die - wie wir charakterisiert haben — sich einschleicht in die menschliche Seele und sie mit Täuschung und Lügen durchdringt, auch zeigen [nicht nur da, wo der Mensch alleine mit sich ist, sondern auch da], wo der Mensch schafft, ohne sich herausgehoben zu haben über die Alltäglichkeit des Daseins. Daher muss Faust geführt werden von der kleinen Welt an den Kaiserhof, muss hingeführt werden dahin, wo die großen Weltgeschicke entschieden werden für seine Zeit. Es muss gezeigt werden, wie die Mephisto-Macht auch da von Irrtum zu Irrtum führt. Daher erscheint Faust mit Mephisto am kaiserlichen Hof. Er greift in die weltgeschichtlichen Ereignisse ein. [Mit köstlichem Humor und gerade deshalb so] fein, schildert Goethe die Szene, wie Mephisto seine Hand im Spiele hat bei der Erfindung des Papiergeldes. In der Literaturgeschichte ist kaum jemals mit so feinem Humor geschildert, wie diese Mächte hineingreifen in die Weltgeschichte. Da ist auch dieser Mephisto darinnen.

Man hat oft gespöttelt über die Maskenspiele, die da aufgeführt sind im zweiten Teil. Wenn man sich die Zeit nehmen könnte und jede einzelne Figur da deuten aus Goethes Sinn heraus, so würde man sehen, wie jeder Gedanke bis aufs Kleinste hineinverwirklicht ist, so würde jedes uns zeigen das Hineinspielen der Mächte in alles. [Sie zeigen uns die Spiegelung der mephistophelischen Macht.] Das kann man da handgreiflich realistisch zeigen. Daher zeigt es Goethe in einem Maskenspiel. Da hat Goethe gezeigt, wie die mephistophelischen Mächte wirken. Er will das noch weiter führen, zeigen, wie Faust und Mephisto zueinander stehen, indem er weiter vorrückt, immer mehr die schlummernden Kräfte seiner Seele weckt. Er will zeigen am Hof, dass nicht nur äußerlich Sinnliches auftrete in den Maskenspielen [sondern Uraltes, nicht der sinnlichen Gegenwart Angehörendes]: Man verlangt zu sehen die uralten Gestalten von Paris und Helena. Da werden wir geführt aus einem Reiche, das der sinnlichen Gegenwart angehört, in etwas, was in keinem Sinne in der Gegenwart da ist.

Aber Goethe zeigt ganz klar, dass er Einsicht hat in die Verhältnisse des Daseins. Er weiß, dass in dem Menschenleben nicht nur ein Vergängliches, sondern ein Ewiges ist, und dass von dem, was als Mensch in noch so alten Zeiten gelebt hat, etwas vorhanden ist in der Welt: dass der Geist in der geistigen Welt zu finden ist. Und Goethe will uns in seinem Bilde sagen, dass diejenigen Menschen, die sich mit ihrem eigenen Ewigen in der Seele verbinden, hineindringen können in das Reich, das hinter dem liegt, was Augen sehen, Ohren hören können. [Dieses geistige Reich ist nichts Theoretisches.] Dieses Reich ist für die, welche sich in entsprechender Weise vorbereiten, ein Erlebnis. [Es ist] durchaus [wirklich]. Und es war auch für Goethe da, durchaus vorhanden.

Dieses Reich unterscheidet sich allerdings ganz wesentlich für den Schüler von dem, was draußen die Augen sehen können. Einen Unterschied wollen wir zunächst mal angeben zwischen den beiden Welten: In unserer Welt erscheinen die Dinge mit scharfen Konturen, dass wir sozusagen recht bequem Zeit haben, uns ein Bild davon zu machen, wie die Dinge sind. Anders ist es, wenn die Seele hineindringt in die geistige Welt. Dann erscheint uns ein Reich, das uns die Wesenheiten, die da sind, in fortdauernder Verwandlung zeigt. So wie sich in unserer eigenen Seele von Augenblick zu Augenblick unsere Gefühle, von Stunde zu Stunde unsere Leidenschaften ändern, so ist in der geistigen Welt eine fortwährende Umgestaltung.

Gestaltung, Umgestaltung,
Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung,

wie Goethe [es charakterisiert]. Er weiß, dass das Sinnliche herausgeboren, herauskristallisiert ist aus der geistigen [Welt], die hinter unserer Welt liegt. Er sucht nach einem verständlichen Ausdruck für das, was die Seele hinter dieser Sinneswelt sieht. Er fand den Ausdruck.

Er las einmal im Plutarch. Er las von jener Stadt, die im Besitze der Karthager war und die Nikias wieder zurückgewinnen sollte für die Römer. Daher sahen ihn die Karthager für einen Verräter an, und er sollte gefangen gesetzt werden. Da stellte er sich — so erzählt Plutarch — wie besessen; da lief er durch die Straßen und rief aus: Die Mütter, die Mütter verfolgen mich! Darauf wagte keiner, Hand an ihn zu legen. Der Ausdruck «die Mütter» machte einen besonderen Eindruck bei den Alten. «Die Mütter» waren Göttinnen, die repräsentieren sollten jene Kräfte der Seele, die hineinführen sollten in die geistige Welt, herauskristallisieren aus ihr wie aus der Mutterlauge den Kristall. Daher fand Goethe die Bezeichnung und nannte dieses Reich «das Reich der Mütter».

Wo ist nun dasjenige, was von Paris und Helena geblieben, nachdem ihre irdische Persönlichkeit gesunken in das Reich des Vergehens? Im Reiche der übersinnlichen Welt, im Reiche der Mütter. Daher muss Faust, wenn er heraufbringen will, was von ihm verlangt wird, das Unsterbliche, das Unvergängliche von Paris und Helena heraufbringen. Darum muss er heruntersteigen in das Reich der Mütter. Er weiß es, dass dieses Reich der Mütter existiert und dass er dort finden kann das Unsterbliche der Menschen. Aber, wie hingelangen? Er ist noch nicht so weit, dass er alle mephistophelischen Kräfte aus sich verbannt hat; Mephistopheles muss ihm daher Rat geben, wie er den Zugang findet, aus der äußeren Welt hineinfindet in das Reich der Mütter. [Faust kann auf seiner Entwicklungsstufe noch nicht hinein ins geistige Reich, von dessen Existenz er sicher weiß.] Mephisto gehört ja der geistigen Welt an, ist ja in Wirklichkeit keine äußerlich sichtbare Wesenheit. [Allerdings beherrscht er zunächst nur die äußere Verstandeswelt, aber er ist nicht ein «sinnlicher Mensch», wie Schiller sagen würde.] Er herrscht in der sinnlichen Welt, gehört ihr aber nicht an. Daher hat er Verständnis und den Schlüssel sogar, den Faust hinzuführen; aber er weiß nicht, wie es da aussieht. Da, wo er herrscht, hat man kein Verständnis für die übersinnliche Welt. Mephisto ist die Macht, die uns die äußere Welt als Trugbild darstellt: In der realistischen Welt herrscht er. [Diese mephistophelische Macht herrscht auch heute in der materiellen Gesinnung. Der Irrtum, dass die materielle Welt die einzig wahre ist, ist ein Einfluss des Mephisto, der die Seele hindert, das Walten des Übersinnlichen anzuerkennen.] Realist ist man daher nur, wenn Mephisto in der Seele herrscht. Und er kann nur so weit gehen, wie der äußere materielle Mensch kommen kann. Doch liefert er den Schlüssel zu der übersinnlichen Welt, kann aber selbst nur zu dem Tore kommen. [So kann man durch die äußere Wissenschaft weit kommen, bis zum Tore der übersinnlichen Welt, aber hinein kann man durch sie nicht.] Weil er keinen Sinn hat für die übersinnlichen Kräfte, liefert Mephisto nur den Schlüssel. Dadurch kann Faust hineinkommen in das Reich der Mütter. Für jeden, der das Reich erlebt, das hinter unserer Sinneswelt ist, ist das eine sachgemäße Darstellung.

Und jetzt entspinnt sich jener Dialog zwischen Faust und Mephistopheles, der anzeigt, wie weit Goethe schon hineinleuchten konnte in die Beziehung der sinnlichen zur übersinnlichen Welt. Mephisto schildert das Reich der Mütter, wo die ewigen Wesenheiten von Paris und Helena sind, so, dass er sagt: Du magst so weit du willst das Meer durchschwimmen, du siehest ziehen Sonne, Mond und Sterne; wenn du aber eindringst in das Reich, das du jetzt betreten willst, so siehst du nichts, leer erscheint dir der Raum, leer die Zeit. Das Nichts sieht Mephisto in dem Reich der Mütter, so wie der Materialismus nichts sieht, wo die übersinnliche Welt ist. Faust aber erwidert dem Mephisto, wie immer dem Materialisten der Geistesforscher:

In deinem Nichts hoff ich das All zu finden.

So stehen sich beide gegenüber: die ewige Frage des Materialismus und derjenigen Weltanschauung, die zum Übersinnlichen vordringen will — formuliert in diesem Dialog. Faust deutet es sogar an, wie Mephisto — gerade weil er die Kraft ist, die wir gestern charakterisiert haben — auch zu Lug und Trug gegenüber der übersinnlichen Welt führen muss, und Goethe lässt daher den Faust zu Mephisto sagen:

Du sprichst als erster aller Mystagogen,
Die treue Neophyten je betrogen
Nur umgekehrt.

Ich habe gezeigt, wie leicht in Irrtum verstrickt wird und Lüge, wer eintritt in die geistige Welt, solange er von Mephisto umfangen ist, wie er zum Scharlatan statt zum Geistesforscher wird. Wie berechtigt daher die Furcht, wo nah der Scharlatan dem Geistesforscher ist. «Mystagogen» nennt ihn Faust, weil überhaupt der Ausdruck, der für den Führer der eleusinischen Mysterien gebraucht wird, mit Recht für den Scharlatan gebraucht wird, der, ohne den Weg gemacht zu haben, hineinweisen möchte in die geistige Welt. [Das ist die Scharlatanerie, die nur durch ein feines Spinnwebchen von der edelsten Geistesforschung getrennt ist.] So also nennt Faust Mystagogen den, der da vorredet Irrtum von den geistigen Mächten, die er nicht erkennen kann — nur umgekehrt redest du, sagt er zu Mephisto. Während sie doch reden von dem vielen, was sie gesehen, redest du von dem Nichts. [Mephisto redet gerade umgekehrt lügnerisch wie jene betrügenden Mystagogen von der geistigen Welt. Er spricht von ihr als von einem Nichts; sie phantasieren von irgendeiner geistigen Welt.]

So genau drückt sich Goethe aus, weil er aus dem innersten Erleben heraus spricht. Daher zeigt er uns aber auch, was nötig ist, um in diese Welt einzudringen. Man kann ja, wenn man unwürdig eindringt — wenn man noch nicht alles das, was als Selbstsucht und Egoismus wirkt, von seiner Seele verbannt — man kann ja zwar mancherlei sehen in der geistigen Welt und eindringen, wie jetzt Faust eindringt; aber Goethe will anschaulich machen, dass er doch noch nicht innerlich reif ist, will zeigen, wie schwer der Weg ist, alles Mephistophelische aus der Seele herauszuschaffen, will zeigen, wie in Faust immer noch egoistische Leidenschaften walten. Wer würdig sein will, braucht eine von Egoismus ganz geläuterte Seele. Bei Faust macht sich noch persönliche Leidenschaft geltend. Er will Helena für sich besitzen; in dem Augenblicke aber wird ihm die Erscheinung zur Gefahr. Es wird ihm sogar das Bewusstsein getrübt — es verschwindet die [Helena-]Gestalt ins Reich der Mütter.

Faust muss einen andern Weg suchen, sich frei machen von mephistophelischen Mächten, muss seine Seele so entwickeln, dass er nicht im Sturmschritt [wie im ersten Teil] die geistige Welt erobern will. [Und selbst nicht in dem Schritt, wie er jetzt in das geistige Mutterreich ging, darf er dort eindringen.] Er muss sie in langsamem innerem Seelenleben erobern, so, dass er Schritt für Schritt verfolgt die inneren Geistesverhältnisse. Will er wirklich zu Helena hin, dann muss er erst selbst volle Erkenntnis erlangen, wie einer wieder heraufsteigen kann, wenn er hinuntergestiegen ist, und muss hineinschauen in die Geheimnisse, wie der Mensch wirklich ins Dasein tritt. [Er muss hineinschauen in jene Vorgänge, die den Eintritt des Menschen ins Leben begleiten.]

Da zeigt Theosophie, dass es berechtigt ist, den Menschen als dreifache Wesenheit hinzustellen. [Wie der Mensch aus drei Leibern besteht: dem physischen Leib, dem seelischen Leib und dem geistigen Leib. Der, der wirklich würdig in die geistige Welt schaut, sieht, wie sich diese drei Teile des Menschen zusammengliedern.] Und da stellt sich zunächst das dar, was wir mit Augen sehen, mit Ohren hören können: seine Körperlichkeit. Dann zeigt sich seine Seele. Sodann gliedert die Geisteswissenschaft weiter und höher hinauf. Heute interessiert uns nur noch der Geist; also diese drei: Leib, Seele, Geist. Diese drei sind zusammen hier. Wer aber hineinschaut in die geistige Welt, muss wissen, wie sie sich aus dem Übersinnlichen herausgliedern, diese drei. Erst wenn das gezeigt ist, wie der unsterbliche Geist der Helena sich mit einer Seele verbindet und die Verbindung von Seele zu Leib geschieht, dann erst kann Faust sich nähern der wieder in die Menschheit eintretenden Helena, [dann ist er würdig für die geistige Welt]. Und daraus kann der Mensch sehen — denn die Geistesforschung zeigt es ihm, was Goethe aber wusste: die Anschauung von der Wiederverkörperung der innersten menschlichen Wesenheit.

Es mag ganz sonderbar erscheinen, wenn heutzutage als von etwas ganz Gewissem gesprochen wird, dass Goethe zu eigen war die Idee der Wiederverkörperung. Aber so ist es in der Tat, dass das, was in uns lebt, nicht einmal, sondern oft und oft wiederkehrt. Allmählich nähert sich unserer Zeit, was einstmals unserer Zeit die höchste Befriedigung sein wird, die höchste Befriedigung gewähren wird, [wo diese Idee, die den Menschen den höchsten Trost geben wird, als Wahrheit ihnen erscheinen wird, wo sie populär werden wird. Nur allmählich kommen die Wahrheiten]. Der Welt zu Goethes Zeit gegenüber musste der Mensch eine solche Wahrheit noch tief in seine Seele verschließen, aus diesem und noch einem andern Grunde: weil er wusste, wie unendlich vielgliedrig, und vieldeutig die Wahrheit ist [sobald wir uns der geistigen Welt nähern], und wie menschliche Worte so leicht geeignet sind, diese Wahrheit mit zu scharfen Konturen darzustellen. Daher konnte Goethe nicht anders als in Andeutungen aussprechen, was in der Tiefe seiner Seele lebte. Andeutend sprach er es aus im zweiten Teil des «Faust». Auch in seinem «Wilhelm Meisters Wanderjahre» spricht er es aus, was des Menschen innerste Wesenheit ist, das Wiedererscheinen, um den Urenkeln zum Nutzen in dieser Welt zu sein:

[... wir hoffen, dass eine solche Entelechie,

das heißt die innerste Wesenheit des Menschen,

sich nicht ganz aus unserm Sonnensystem entfernen, sondern, wenn sie an die Grenze desselben gelangt ist, sich wieder zurücksehnen werde, um zugunsten unsrer Urenkel in das irdische Leben und Wohltun wieder einzuwirken].

Er spricht es schon bedeutungsvoll aus, nur verbirgt er seine tiefste Überzeugung, weil die Menschen noch nicht reif waren, [zu dieser Idee, die sich konsequent allmählich auch aus der Naturwissenschaft ergeben wird].

Dichterisch hat er diese Idee im zweiten Teil des «Faust» ausgedrückt. Er zeigt, dass ein Glied der menschlichen Wesenheit da ist, das zusammen-, hinzutreten muss mit, respektive zu dem Körperlichen, um den ganzen Menschen in die Sinneswelt hineinzustellen: dass es ein Seelisches gibt. Und er war vertraut mit der Bezeichnung für dieses, was zwischen Geist und Leib steht. Die alte Bezeichnung kannte es. Man nannte es in der mittelalterlichen Literatur den «kleinen Menschen» in dem großen Menschen, dasselbe, was man in der indischen Literatur «purusha» nennt, das, was als kleine Wesenheit in unzähligen Persönlichkeiten den Menschen durchsetzt - Homunculus nannte man es. Es ist die Seele, noch nicht der Geist. Daher kann zu dieser Seele vordringen auch [derjenige, der] noch nicht zum Geiste sich erhebt. [Um dies symbolisch zu verhüllen, lässt Goethe den Wagner, der

mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet,

den Homunculus finden.]

Goethe spricht sehr genau, viel genauer, als die Menschen gewöhnt sind zu lesen. Es soll ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass man [es bei dem Homunculus] nicht mit etwas zu tun hat, was der Sinnenwelt angehört, sondern zu ihr hinzukommt. Daher prägt er ein besonderes Bild für die Entstehung des Homunculus. Alles Entstehen nennt man ein Erzeugen. Da prägt er selbst ein Wort, [wie er schon einmal im «Faust» für den über sich hinausstrebenden Menschen in der Erdgeist-Szene das Wort «Übermensch» geprägt hatte]: «Überzeugung» und meint mit Über-zeugung, was sich erstreckt über den gewöhnlichen Menschen hinaus. Das ist es, um was es sich in der Szene mit Wagner handelt. Lesen Sie die Stelle:

Es wird! die Masse regt sich klarer,
Die Überzeugung wahrer, wahrer.

[Lesen Sie nach, was darüber gewöhnlich in den Kommentaren steht.] Goethe wollte darauf hinweisen, dass die Seelenzeugung eine Über-zeugung ist. Solche Schriften, die aus der Inspiration hervorgehen, muss man genau lesen; sie halten es aus.

[Jetzt haben wir nun also erst die Seele.] Helena soll dem Faust auf der Erde erscheinen. Faust will sie auf der Erde in seinem Besitz haben. Im Homunculus haben wir erst die Seele der Helena. Diese Seele muss sich erst mit dem Körper vereinigen, dann kann der Geist erst hineintreten.

Jetzt wird gezeigt, wie das Körperliche dem Seelischen eingelagert ist. Zu diesem Zwecke muss der Homunculus geführt werden in eine Welt, wo man weiß, wie das Seelische hineingegliedert werden kann.

[Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,

— Geistig ist trivial-seelisch gebraucht.

Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften. Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht, Doch wär’ er gern zunächst verkörperlicht.]

Er sollte verkörperlicht werden dadurch, dass er den naturgemäßen Weg nimmt, wie der Mensch sich entwickelt; sich dazu entwickeln im Sinne der Weisheit, die zum Beispiel Thales gelehrt hat. Der führt ihn zum Proteus. Er muss das gelehrt werden und dahin geführt werden, wo die Elemente walten, damit sie sich eingliedern in seine Seele. [Er muss geführt werden in die klassische Walpurgisnacht, wo die Elemente walten, damit in sie sich seine Seele eingliedern kann.] Thales gibt ihm den Rat,

von vorn die Schöpfung anzufangen

— durchzumachen —, gibt dem Homunculus den Rat, mit dem mineralischen Reich zu beginnen, dann weiter durch das Pflanzenreich. [So kommt er zunächst zu Anaxagoras. Dann sucht er sich die Gesetze des Pflanzenreiches einzuordnen.] Goethe findet einen Ausdruck für das Durchgehen durch das Pflanzenreich:

Es grunelt so.

Dies bezeichnet das Durchgehen der Seele durch das pflanzliche Element; denn

bis zum Menschen hast du Zeit

wird gesagt. [Von vorne an durch die Reiche der Natur hindurch muss Homunculus sich verkörperlichen.]

Das Ganze, was sich da in der Walpurgisnacht vollzieht, ist die Eingliederung des Körperlich-Leibhaftigen in die Seele, sodass wir am Schlusse die Verbindung vor uns haben der Seele mit dem Leibe. Die Seele oder Homunculus wird charakterisiert so, dass, als Faust, [noch paralysiert durch Helena], im Bette liegt, er einen Traum hat. Da kann Homunculus hineinschauen in den Traum des «Faust» und die Vorgänge beschreiben. [Weil er noch der Seelenwelt angehört, da konnte er ihn sehen.] Jedes Wort im zweiten Teil des «Faust» könnte zum Hinweis werden für das Zusammenschließen der Seele mit dem Leibe. Sobald diese Verbindung geschlossen ist, kann der Geist aufgenommen werden, der in früheren Verkörperungen dagewesen ist. [Am Ende des zweiten Aktes ist die Seele verbunden mit dem Körper.] Im dritten Akt erscheint uns die Reinkarnierung der Helena, [nachdem Faust in allen Einzelheiten erkannt hatte, wie Leib, Seele und Geist sich zusammengliedern]. Jetzt hat der «Faust» sie so vor sich, wie er sie vor sich haben kann als äußeren Menschen.

Gleichzeitig wird uns aber in diesem Gedicht gezeigt, wie die Seelenkräfte des Faust immer mehr sich regen. [Indem sich ihm das gewaltige Ereignis einer Reinkarnation darstellt, sodass er es erkennt, wachsen seine Seelenkräfte.] Die Eigenschaft einer solchen Dichtung ist, dass neben dem, was äußerlich gezeigt wird, gleichzeitig ein inneres Seelenerlebnis steht. Indem er erkennt und schaut, wachsen seine Seelenkräfte. Was sich abspielt, wird zum Hinaufentwickeln seiner Seele. Er kommt mystisch weiter. Da wird uns ein Spiegelbild dargestellt von dem, was Faust in seiner Seele erlebt.

Aus der Verbindung des Faust mit der Helena kommt hervor der Euphorion, das Kind des Faust und der Helena. Dargestellt soll werden, wie Fausts Seele gleichsam eine Ehe eingegangen ist mit der geistigen Welt. Indem sie ihre Kräfte hinaufsteigert, fühlt die Seele etwas wie eine geistige Ehe. Und das, was heraufsteigt dann in ihm, erscheint ihm wie ein Bild der äußeren geistigen Welt. [Da fühlt die Seele die übersinnliche Erkenntnis wie ein Kind von sich mit dem Universum. So ist Euphorion wie ein Bild der mystisch innerlichen Erkenntnis.]

So wird uns gezeigt ein Bild der geistigen Erfahrung des Faust selbst. [Und zugleich soll nun die Stufe angegeben werden, auf der Faust jetzt steht]. Er ist noch nicht so weit wie der, der seine übersinnliche Erfahrung dauernd festhalten kann; nur gewisse Blicke hineintun kann er in die geistige Welt, dann muss er wieder zurückkehren in das gewöhnliche äußere Leben. Und diese Erfahrung macht der sich entwickelnde Mystiker. [In einem Festesaugenblick schließt sich ihm die geistige Welt auf.] Er weiß, wie das Wieder-Heruntersinken aus den geistigen Erfahrungen die Seele berührt, kennt jene Seelenstimmung, wo das, was Erkenntnis war, wieder heruntersinkt und die Seele dem nachruft. Das klingt wider aus den Worten des Euphorion, der jung stirbt und der [aus dem Schattenreiche] ruft:

Lass mich im düstern Reich,
Mutter, mich nicht allein!

Das ist jene Stimmung, die unsere Seele empfindet: Sie muss nach ihren Erkenntnissen, die ihr wieder entschwunden sind.

So wunderbar schildert Goethe in den Vorgängen das, was als innerliches Seelenerlebnis des Menschen bei seinem Fortschreiten in die geistige Welt erscheinen kann. Faust muss aber weiter, wenn das, was er erlebt, wieder schwindet. [Die Seele muss wiedererlangen, was sie einmal geschaut.] Dargestellt ist das darin, dass ihm, dem Faust, der Schleier und das Kleid der Helena zurückbleiben. So bleibt einer solchen Persönlichkeit die Erinnerung nur von dem Geist-Erlebnis. Faust muss weiter. Auch diese Schritte werden voll charakterisiert von Goethe. Da wird zunächst gezeigt, wie schwierig es ist — selbst für den, der tiefere Blicke hineingetan hat in das Geistige —, sich zu hüten vor dem, was noch als letzte mephistophelische Kräfte in der Welt wirken: Faust wird im [vierten] Akt Heerführer, soll eine menschliche Tat entfalten. Er ist noch nicht so weit, dass er rein geistige Kräfte ins Feld führen kann. Es mischt sich immer noch in dem, was um ihn ist, das Mephistophelische. [Es ist noch nicht durchscheinbar, was für Kräfte Faust in die Welt führt.] Da werden vorgeführt die Rüstungen aus alten Rüstkammern. [Nicht nur das Natürliche, auch die Geschichte], das Historische tritt hier auf. Der Weg ist weit, den der Mensch zu machen hat, um reif zu werden und der Natur gegenüberzustehen. In die Anschauung der Natur können sich da die Mächte der Täuschung hineinmischen. [Ja, mit Natur- und Geschichtserkenntnis kann man sehr weit kommen]. Die mephistophelischen Mächte mischen sich hinein in das, was als Rüstungen dargestellt wird. Wir stehen nicht mit reiner Erkenntnis den Erscheinungen gegenüber, das soll der vierte Akt auch noch zeigen.

Faust muss immer mehr geläutert werden, dass er frei werde von alledem, was unseren Begierden von mephistophelischer Macht noch anhaftet. Das ist schwer. Dass er sie nicht sieht, macht es dem Menschen so schwer, sich frei zu machen von diesen Mächten. [Immer wieder treten Dinge an uns heran, in denen sich der Mephisto verbirgt.] Faust durchschaut noch nicht, wie die Elemente, die zum Trug führen können, sich hineinmischen in die Taten des Bergvolkes. Solange man nicht hineinschauen kann in diese Mächte, so lange kann man nicht frei von ihnen werden. Man muss es dahin bringen, dass man ihm — dem Mephisto — leibhaftig gegenübersteht, dann erscheint er in der Gestalt, wie er uns in allen religiösen Urkunden dargestellt wird, dann erscheint er als der Versucher. Dann wissen wir, was in uns Gewalt hat. So muss sich als Versucher der Mephisto dem Faust darstellen, muss aus der Unbewusstheit in die Bewusstheit herauftreten. [Dann erst weiß Faust, was die mephistophelische Kraft ist. Er muss sich jener Macht als einem Versucher gegenüberstellen.] Goethe deutet auch das genau an, dass Faust im Laufe seiner übersinnlichen Entwicklung dem Mephisto in Gestalt des Versuchers gegenübertritt, indem er ihn sagen lässt:

Doch, dass ich endlich ganz verständlich spreche,
Gefiel dir nichts an unsrer Oberfläche?
Du übersahst, in ungemessnen Weiten,
Die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten.
Doch, ungenügsam, wie du bist,
Empfandest du wohl kein Gelüst?

Die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten: Den Versucher in demselben Sinne, wie er in den Evangelien spricht, lässt Goethe dem Faust gegenübertreten und die Herrlichkeiten der Welt anbieten. [Der Mensch will sie besitzen, solange die mephistophelische Kraft in ihm Macht hat.] Der Mensch muss verzichten auf das, was die Dinge sind. [Auch das geht nur stufenweise.] Faust lernt verzichten. Er ist so weit, dass er sie ausschlägt, diese Herrlichkeiten [als unmittelbaren Besitz; er nimmt sie zu Lehen, nicht, weil er sie besitzen will, sondern weil er sie fruchtbar machen will]. Er möchte ein Stück Land, das er dem Meere abgewinnen kann, er will

auf freiem Grund mit freiem Volke stehn,

will verwirklichen:

Die Tat ist alles.

Er will arbeiten selbstlos, nicht für seinen persönlichen Besitz, nicht für seinen Egoismus. Das ist die Antwort, die er dem Mephisto gibt, der ihm anbietet

die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten.

Er schlägt sie aus, selbst in der Gestalt des kleinen Stücks Landes.

Aber [erst eine Stufe auf dem Weg zum Abstreifen des Egoismus ist dadurch überschritten, noch immer haftet ihm etwas von Selbstsucht an]. Verzichten kann er noch nicht auf den freien Ausblick. Das, was er dem Meere abgewinnen will, will er noch so, dass es ihm frei vor dem äußeren Blick erscheine. Es behindert ihn an diesem freien Ausblick die Hütte von Philemon und Baucis. Das ist ein Zeichen, dass er die letzte Stufe des Egoismus noch nicht überschritten hat. Dazu aber, nochmals solchen Irrtum zu begehen, [muss sozusagen der letzte Rest von mephistophelischer Kraft in ihm eingreifen], muss Mephisto die Hand im Spiele haben: Der ist es, der die Hütte abbrennt, die den alten Leuten gehört.

Jetzt tritt an Faust etwas heran, was aus Erfahrung auch der kennt, der fortgeschritten ist. [Er verfällt einer letzten Gefahr.] [Der, der so auf sinnlichen Besitz verzichten kann, aber noch nicht den Ausblick vermissen kann.] Ihm können die Dinge der Außenwelt nichts anhaben; nichts anhaben Mangel, Not, Schuld. Von den Fesseln dieser Dinge ist er befreit. Dasjenige aber, was am Letzten sich wegbegibt von unserer Seele und was haftet, bis der letzte Rest von Egoismus geschwunden ist, das ist die Sorge. [Die wird er nicht los, bis der letzte Rest von Egoismus geschwunden.] Die Sorge! Von ihr gibt es eine weit, weit höhere Gestalt, eine weit, weit himmlischere Gestalt, als die uns im gewöhnlichen Leben entgegentritt. Wenn der Mensch in der Nacht sich im Bett wälzt und nicht schlafen kann vor Sorge, [so ist das auch ein Zeichen, dass er nicht in die geistige Welt eingetreten ist, in der er nachts sein sollte]. Im Sinnbild erscheint sie: wie er nicht hereingelassen wird in die geistige Welt, die höhere Gewalt der Sorge. Die Sorge gibt es, solange er verkettet ist mit der sinnlichen Welt. Der Mensch kann den Schlüssel finden und versperren sich den Weg von der geistigen Welt in die sinnliche hinunter. Wenn er noch nicht sich getrennt hat von allem in der sinnlichen Welt, dann schleicht die Sorge in sein Leben. [Sie verstopft ihm den Zugang zur geistigen Welt. Und so geschieht es auch mit Faust.] Dann zeigt sich auch, dass der Mensch noch etwas zu überwinden hat in seinem Wesen. Das drückt Goethe aus dadurch, dass er den Faust physisch erblinden lässt. Jetzt kann er nicht mehr diesen Egoismus zum Ausdruck bringen, äußerlich ist er erblindet. Doch

im Innern leuchtet helles Licht

— helleres. Jetzt ist Faust so weit, in der geistigen Welt drinnenzustehen.

Weil Goethe diese Geheimnisse wusste, sprach er das Wort bei der Zusiegelung seines Paketes, das den zweiten Teil des «Faust» enthielt, welches Goethes Testament an die Menschheit enthält. Er war befriedigt, weil er sich sagen konnte: Ich habe die Fähigkeiten, die ich mitgebracht in dieses Leben, so weit zum Ausdruck gebracht, wie ich in dieser Inkarnation konnte. — Er hatte es so weit gebracht. — Da die meisten schwer verstehen werden dieses Wort vom inneren Seelenwerden des Menschen herauf vom physischen zum geistigen Schauen und von den Möglichkeiten, die die Seele durchleben muss, um hinaufzukommen zu solchem geistigen Schauen, musste Goethe in Bildern darstellen, was heute erst in Worten dargestellt werden kann: was er wusste über die Geheimnisse des Daseins, über die übersinnlichen Kräfte des seelischen Lebens.

Jetzt hatte er so viel von dem, was er begehrte in der Frankfurter Zeit. Aber er konnte es nur darstellen für die Menschheit in Bildern, weil er wusste, wie wenige Worte geeignet sind, das auszudrücken. Weil erst die Menschen ihre Worte prägen müssen — wie es jetzt die Geisteswissenschaft versucht —, um den ungeheuren Inhalt der übersinnlichen Welt zum Ausdruck zu bringen.

Des inneren Fortschrittes der Seele war sich Goethe bewusst. Er drückte es in Bildern aus. Wenn man den Ausdruck «mystisch» richtig versteht, dieses Erleben der Seele nennt man «mystisches Leben». Und weil Goethe dieses mystische Leben in diesem seinem gewaltigen Testament an die Menschheit zum Ausdruck bringt, lässt er ausklingen in dem «Chorus mysticus» das, was er der Menschheit zu bieten hat. Dass die Seele in sich schlummernde Kräfte hat, um dadurch ansichtig zu werden des Ewigen. Dadurch erhärtet sich für Goethe das Wort, dass alles Sinnliche der Welt ein Bild, ein Gleichnis ist für das Unvergängliche. Dasjenige, was Goethe fühlte, dass man mit Worten nur schwer die umfassenden Dinge der Seele charakterisieren kann, das wollte er andeuten dadurch, dass er in Bildern darstellt, was die Menschen nicht fassen können. Das, was sich nicht beschreiben, nur schauen lässt, stellt er als die innere Seelentat ganz realistisch hin. Was für äußere Sinne veranschaulicht werden kann, hier wird es im zweiten Teil des «Faust» getan. [Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis für das Unvergängliche, alles Sinnliche nur ein Bild für das Übersinnliche. Er fühlte, dass man mit Worten diese übersinnlichen Erscheinungen in ihren flüchtigen Bewegungen nur schwer darstellen kann. Was für das gewöhnliche Leben unzulänglich ist, das machte er zum Ereignis im «Faust».]

Die Seele ist sich gewiss, dass es ein solches Reich gibt und dass sie sich hinaufarbeiten kann. Das fühlt sie: dass sie ist etwas wie ein Weibliches, das sich befruchten lässt von geistigen männlichen Kräften des Universums. Wenn sie sich verbindet mit allen solchen Schaffenskräften des Universums, dann fühlt sie sich diesen Kräften gegenüber in sich als das Ewig-Weibliche. Es ist Versündigung an der großen Natur Goethes, wenn man da profane Erklärungen dieses Satzes annimmt. [Das ewig Weibliche der Seele lässt sich in kosmischer Ehe von den Weltenkräften befruchten.] Das, was das Befruchtende des Universums heranzicht, ist das Weibliche, das ist, was Goethe sagen will. Das ist es, was uns erst durch Erlebnisse dargestellt ist, was er selbst erlebt hat — was der Mensch erleben kann in seinen mystischen Erfahrungen. [So klingen uns gewaltig jene Worte erst dann, wenn wir den Goethe-Faust ganz verstanden und erlebt haben.] Goethes «Faust» klingt aus in der Darstellung dieses Erlebens in dem mystischen Chor. [Was der Mensch erreichen kann in mystischer, geistesforscherischer Entwicklung, ist zusammengefasst in die grandiosen Sätze, die für jede strebende Seele gelten.]

Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis Das Unzulängliche, Hier wird’s Ereignis; Das Unbeschreibliche, Hier ist’s getan;

Das Ewig-Weibliche Zieht uns hinan.

German original of The Secret Secrets in Goethe's “Faust” · ← Previous · Next →