Goethe and the Present
GA 68c — 25 October 1909, Berlin
XXVIII. Über «Pandora»
Wir werden heute von Goethes Dramenfragment «Pandora» noch einiges hören. Wollte ich Ihnen Erschöpfendes darüber sagen, so müsste ich schon mehrere Vorträge halten. [Gerade bei diesem Werk Goethes wird es immer nur möglich sein, einige Bemerkungen darüber zu machen, wie der Dichter in sich als lebendige Kräfte diese Gestalt der Pandora erlebt hatte.] Ich kann bloß leise darauf hindeuten, welchen Sinn die einzelnen Gestalten haben, die der Dichter in sich selber gleichsam als lebendige Kraft spürte. Wer sich von dieser Seite in das Drama vertieft, der wird eine Ahnung davon bekommen, dass es gar nicht anders sein kann, als dass die betreffenden Kräfte in der Seele des Dichters selber wirkten. Wir haben im letzten Vortrag gesehen, wie Goethe in gewaltiger Weise die zwei Gestalten des Prometheus und des Epimetheus kontrastiert hat. [Schöpferische Mächte waren in der vorirdischen Zeit, geistige Mächte, diese zwei Gestalten, wie sie als Menschen der Dichter hingestellt hat.] Schon in einzelnen Worten des Dramas kann man sogar herausspüren, dass in Goethe schöpferische Mächte gelebt haben. Geistige Mächte waren sozusagen an die Stelle der menschlichen getreten, solche, die aus der vorirdischen Mondenzeit stammen. Sie können sich denken, dass jene Wesenheiten, die Angeloi, unter ganz anderen Verhältnissen ihre Menschheitsstufe durchgemacht haben. Um die Stufe durchzumachen, wie wir sie heute durchmachen, gehören eben Verhältnisse, wie sie jetzt auf der Erde da sind. Sie mussten auch einen ganz anderen Bewusstseinszustand durchmachen, als wir ihn jetzt haben. Es wäre aber recht schwierig, jene eigenartigen Stürme des Bewusstseins zu schildern, welche jene Wesen durchgemacht haben, die auf dem alten Monde lebten und dort ihre Menschheitsstufe absolvierten. [Es war eine ganz eigenartige Form des Bewusstseins, das jene Wesen auf dem alten Monde als Menschen hatten.] Der Mensch hatte damals nur ein dämmerhaftes Bilder-Bewusstsein. Jene Wesen, die damals Menschen waren, hatten freilich eine höhere Stufe des Bewusstseins als wir, und dieses unser jetziges Bewusstsein lässt sich nicht vergleichen mit dem einstigen Mondenbewusstsein. [Das Bewusstsein dieser Wesen auf dem alten Monde ist festgehalten in Bewusstseinszuständen der Wesen, die dann oben geblieben sind.] Es war auch ein Gegenstandsbewusstsein, aber auf viel höherer Stufe. Hätten jene Wesenheiten auf dem alten Monde an ihrem Bewusstsein festgehalten und wären damit in die irdischen Verhältnisse hineingegangen, so hätten sie da gar nicht leben können. Deshalb mussten sich jene Wesen in eine höhere Sphäre zurückziehen, als die eigentliche Erdenentwicklung begann. Sie mussten sozusagen auf die Erdenentwicklung verzichten. Hätten sie es nicht getan, so wäre ihnen passiert, dass sie auf der Erde die irdischen Verhältnisse gar nicht hätten sehen können. Sie hätten bloß erlebt, was als Erbschaft aus den alten Mondverhältnissen in ihnen noch vorhanden war. Sie hätten auch nicht eingreifen können in den Gang des Erdgeschehens. Dass sie wirklich da eingreifen konnten, haben sie dem Umstande zu verdanken, dass sie auf die Früchte der Erdenentwicklung verzichteten und auf einer höheren Stufe geblieben waren. Ihr Bewusstsein hatte sich radikal verwandelt in ein nachdenkendes Bewusstsein. Wären die Elohim nicht oben geblieben, sondern herunter auf die Erde gestiegen, so wären sie Epimetheusnaturen geworden. Der Mensch bewahrt immer noch einen Teil von dem auf, was er auf höherer Ebene geworden war. Dieses Stück seiner Entwicklung zeigt sich überall in seinem Leben. Der Mensch unterliegt gewissermaßen der Tragik, hinterher Dinge zu sehen, die anders ausgefallen wären wenn er sie vorher hätte sehen können.
Es ist längst ruchbar geworden, dass zum Beispiel Ibsen, der heute als ein großer Dichter verehrt wird, beim Abiturexamen durchgefallen ist. Das ist nur ein Fall merkwürdigen Geschehens. Oder Sie brauchen bloß das grandiose Beispiel jener Ironie vom Hochschullehrertag auf sich wirken zu lassen, dann werden Sie sehen, dass dieses epimetheische Moment kein einzelner Fall ist. Soll man Gymnasiasten wohlwollend unterstützen oder nicht? Jene Professoren gestanden, dass sie gar keine Mittel hätten, die Gaben solcher Menschen vorauszuerkennen.
Dieses epimetheische Element ist das, was die Menschen mitbekommen haben als Erbstück von dem, was die Elohim gehabt haben. Nun haben aber die Menschen auch die andere Seite sich erobert, nämlich die Möglichkeit errungen, mehr oder weniger aufzusteigen im vorschauenden Bewusstsein, das die Impulse von dem erhält, was man als das Zukünftige schon vorausergreift. In der Schule ist dieser Fall recht selten vertreten, wie Sie aus der Erfahrung wissen. Dieses prometheische Moment konnte nur langsam in unser Wesen einfließen, und das epimetheische versiegt(e) allmählich. [Durch das prometheische Element haben wir nun zwei Strömungen. Eine die langsam versiegende, die epimetheische, und eine langsam aufsteigende, die prometheische.] In der ersteren Fähigkeit sind die Menschen aber heute noch nicht sehr weit gekommen. Doch sind diese zwei Geistesströmungen für uns wesentlich. [Als Beispiel, wie diese langsam aufsteigende Strömung sich gestalten wird in der Menschheit, wird gezeigt, wie es heute schon Dinge gibt, wozu die Menschen sich objektiv ohne persönliche Emotionen stellen können:] In der Wissenschaft können Sonnen- und Mondfinsternisse zum Voraus berechnet werden. Es ist der Mensch also prometheisch in Bezug auf mathematische Dinge. Da schweigen eben die Leidenschaften, und die Wahrheit allein spricht. In allem Mathematischen ist also Voraussehung möglich. Das Mathematische ist der klare, unzweideutige und lichtvolle Anfang des prometheischen Elements. Dieses musste sich in einem bestimmten Tempo entwickeln, und das wurde dadurch herbeigeführt, dass der Leiter dieses Elements nicht zu früh auf unsere Erde herabstieg. Er musste auf höchste Weisung bis zu jenem Zeitpunkte warten, als die Verhältnisse so waren, dass er als Prometheus heruntersteigen konnte. Jener Prometheus, von welchem die Mythe spricht, ist zu früh zu den Menschen heruntergestiegen; deshalb wurde er auf Weisung der Götter an den Felsen geschmiedet. Er kannte aber das Geheimnis, dass ein anderer nach ihm kommen werde, der dann der richtige Prometheus sein würde. Prometheus kannte auch das Geheimnis, dass Zeus dereinst gestürzt werde. Derjenige Prometheus aber, welcher nach und nach den Impuls des vorausschauenden Bewusstseins in die Menschheit hineinwirken lässt, ist der Christus. [Christus ist auch derjenige, der den Zeus dann stürzt.] Prometheus verschweigt sein Geheimnis vor Zeus, der ihn hatte an den Kaukasus schmieden lassen. [In der Gegenwart wirken die beiden zusammen.]
So steht Goethes Drama mittendrin in alldem, was wir über die Weltentwicklung kennen. Das eine Element bringt einen vorwärts, das andere verknüpft einen mit dem, was vorwärts gebracht werden soll.
[So können wir sagen: Ja], es ist ein Wesen zu den Menschen heruntergestiegen, das man immer mehr in seine Seele einziehen lassen muss, [das ist der Christus]. Nur muss man sich dazu Zeit lassen und stets dessen gedenken, was einem von oben noch kommen kann. [Ein anderer Teil der Menschheit aber wird sich Zeit lassen mit der Aufnahme des Christus, er wird ihn aufnehmen mehr als eine Gabe von oben, wo diejenigen Wesen geblieben sind, die nicht Epimetheuse geworden sind.] So muss zusammenfließen das, was der Mensch in sich selber aufnehmen darf, mit dem, was aus höheren Regionen kommt. In diesen Worten klingt die «Pandora» aus!
So sehen Sie, wie tief die Schächte sind, aus denen wir die Gefühle holen müssen, um solche Dichtungen verstehen zu können. Erst die theosophische Geistesrichtung lehrt uns, die größten Schätze der Menschheit richtig zu verstehen. Diese Bewegung zeigt uns aber auch, dass das, was wahrhaft vorwärts führt, bei den Göttern in der geistigen Welt liegt, woher es geholt werden muss, um es mit dem, was in der Menschenseele schlummert, zu verbinden.
Was uns die Dichter bringen, ist eine Gabe von oben, und mit ihr müssen wir das verbinden, was wir in uns selber haben. Der Dichter gibt uns das Epimetheische, und wir bringen ihm andererseits das Prometheische aus der Geisteswissenschaft heraus entgegen. [Prometheuse werden die Menschen werden, die die Theosophie aufnehmen. Epimetheuse diejenigen, die sich von oben begnaden lassen wollen. Eigentum der Menschheit muss das prometheische Element geworden sein, wenn in dreitausend Jahren von der Gegenwart an gerechnet der Maitreya Buddha auf der Erde erscheinen wird.]