What is the Purpose of Anthroposophy and the Goetheanum?

GA 84 — 9 April 1923, Basel

WAS WOLLTE DAS GOETHEANUM UND WAS SOLL DIE ANTHROPOSOPHIE?

Die schreckliche Brandkatastrophe der letzten Silvesternacht, welche das Goetheanum vernichtet hat, das vielen, die es lieb hatten, in so schmerzlicher Erinnerung bleiben wird, diese Katastrophe mag Veranlassung geben, daß ich die heutige Betrachtung über anthroposophische Welterkenntnis und Weltanschauung an dieses Goetheanum anknüpfe. Nur eine Anknüpfung soll damit beabsichtigt sein. Die Betrachtung selber, welche ich mir erlauben werde, hier vor Ihnen anzustellen, soll sich aber in ihrer Art nicht wesentlich unterscheiden von denjenigen Betrachtungen, die ich nun schon seit vielen Jahren hier in Basel auch in demselben Saale halten durfte. Gerade gelegentlich des schrecklichen Brandunglücks kam es wiederum zutage, welche abenteuerlichen Vorstellungen sich in der Welt knüpfen an alles das, was mit diesem Goetheanum in Dornach gemeint war, und was in ihm getrieben werden sollte. Es wird gesprochen von dem schrecklichsten Aberglauben, der dort verbreitet werden soll. Es wird gesprochen von allerlei Religionsfeindlichem, das dort getrieben werden soll, ja sogar von allerlei spiritistischen Geisterzitierungen, von nebulosem Mystischen, dem man sich dort hingeben würde, und dergleichen. Gegenüber all dem möchte ich heute wenigstens skizzenhaft die Frage beantworten: Was soll jene Anthroposophie, welcher das Goetheanum gewidmet war?

Schon an dem Namen Goetheanum nahmen ja zahlreiche Menschen Ärgernis. Man bedachte dabei nicht, aus welchen Untergründen dieser Name hervorgegangen ist, und wie er mit dem, was dort als Anthroposophie gepflegt wird, zusammenhängt. Diese Anthroposophie ist mir selbst lebendig hervorgegangen aus einer Hingabe an Goethes Weltanschauung und an Goethes ganzes Wirken seit eigentlich schon mehr als vier Jahrzehnten. Allerdings, wenn man Goethes Weltanschauung und Goethes Wirken so ins Auge faßt, daß man unmittelbar nur dasjenige nimmt, was in Goethes Werken steht, und gewissermaßen logisch ableiten will, was nun Goethisch heißen darf, dann wird man das nicht treffen, was Veranlassung gegeben hat, den Dornacher Bau gerade Goetheanum zu nennen. Allein es gibt, ich möchte sagen, eine Logik des Denkens und eine Logik des Lebens. Und derjenige, der sich nicht bloß durch eine Logik des Denkens in Goethe vertieft, sondern der die Goetheschen voller Impulse steckenden Anregungen lebendig nimmt und nun versucht, dasjenige aus ihnen zu gewinnen, was gewonnen werden kann, nachdem über die Menschheitsentwickelung so viele Jahrzehnte seit Goethes Tode hinweggegangen sind, der wird glauben, mag er sonst auch über den Wahrheitswert der Anthroposophie denken, wie er will, daß durch die lebendigen Anregungen des Goetheanismus - wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf - gerade diese Anthroposophie hat entstehen können durch Logik des Lebens, durch Erleben dessen, was in Goethe liegt, und durch Wachsenlassen in bescheidener Weise des von Goethe Angeführten.

Nun wurde dieses Goetheanum zuerst Johannesbau genannt, und zwar von denjenigen Freunden der anthroposophischen Weltanschauung, welche vor nun mehr als zehn Jahren die Veranlassung gegeben haben, einen solchen Bau aufzuführen. Der Name Johannesbau wurde keineswegs von dem Evangelisten Johannes genommen, sondern er wurde — nicht von mir, sondern von anderen - nach einer der Figuren in meinen Mysteriendramen, Johannes Thomasius, benannt, weil zunächst dieses Goetheanum neben der Pflege des übrigen der anthroposophischen Weltanschauung der Aufführung dieser Mysterien gewidmet sein sollte. Allein es war ja selbstverständlich, daß dieser Name «Johannesbau» zu dem Mißverständnisse führen konnte, daß damit ein Anklang gegeben werden soll an den Schreiber des Johannes-Evangeliums.

Daher sprach ich es oftmals aus, und ich glaube, auch hier an dieser Stelle im Laufe der Jahre, während welcher am Goetheanum gebaut wurde, daß für mich, der ich in lebendiger Weise meine Weltanschauung von Goethe abgeleitet habe, dieser Bau ein Goetheanum ist. Und dann wurde dieser Name auch offiziell von Freunden der anthroposophischen Sache diesem Bau gegeben. Ich habe das nie anders aufgefaßt als eine Art von Dankbarkeit gegenüber dem, was man aus Goethe gewinnen kann, als einen Akt der Huldigung gegenüber der alles überragenden Persönlichkeit Goethes. Nicht als ob etwa das, was unmittelbar in Goethe gegeben ist, am besten oder am schönsten im Dornacher Goetheanum gepflegt werden sollte, sondern weil an throposophische Weltanschauung für ihre Entstehung den tiefsten Dank fühlt gegenüber dem, was durch Goethe in die Welt gekommen ist.

Nimmt man so den Namen Goetheanum als hervorgehend aus einem Akt der Huldigung, hervorgehend aus einem Akt der Dankbarkeit, so wird man, wie ich glaube, keinen Anstoß daran nehmen können. Im übrigen ist es ja begreiflich, daß jemand, der unbekannt mit der anthroposophischen Weltanschauung dem Bau auf dem Dornacher Hügel entgegentrat, zunächst absonderlich berührt wurde von den beiden ineinandergefügten Kuppelbauten, von den befremdlichen Formen außen und innen und so weiter.

Allein dieser Bau ist mit einer inneren künstlerischen Konsequenz herausgeflossen aus dem, was anthroposophische Weltanschauung sein soll. Und daher werde ich an dasjenige, was der Bau wollte, am besten anknüpfen können, wenn ich zunächst versuche, heute in einer etwas anderen Weise als ich es hier schon durch viele Jahre getan habe, die Frage zu beantworten: Was soll Anthroposophie?

Anthroposophie will zunächst sein eine Erkenntnis der geistigen Welt, eine solche Erkenntnis der geistigen Welt, welche sich durchaus an die Seite stellen kann dem, was wir heute in einer so großartigen Weise als Naturwissenschaft haben. Sie will sich an die Seite stellen dieser Naturwissenschaft sowohl durch wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit, wie auch dadurch, daß derjenige, der in ernster Weise nicht bloß Anthroposophie in sein Gemüt aufnehmen, sondern sie aufbauen will, daß der vor allen Dingen durchgegangen sein muß durch alle die strengen und ernsten Methoden, welche die Naturwissenschaft heute übt.

Durch alles das will Anthroposophie das volle Gegenteil von dem sein, was ich Ihnen ja angeführt habe als die Meinung der Welt über sie. Und man kann eigentlich gegenüber diesen Urteilen, die ich ja nur zum Teil angeführt habe, nur erstaunt sein darüber, wie es möglich ist, daß sich in der Öffentlichkeit Ideen über eine Sache festsetzen können, die das genaue Gegenteil sind von dem, was eigentlich in Wirklichkeit mit der Sache beabsichtigt wird. Denn man könnte geradezu sagen: Alles das, was ich an Meinungen der Welt angeführt habe, ist Anthroposophie nicht, sondern sie will sein eine ernste Erkenntnis der geistigen Welt.

Nun wissen Sie, daß heute alles, was überhaupt Erkenntnis der geistigen Welt sein will, mit etwas verächtlichen Blicken oder wenigstens mit großem Zweifel angesehen wird. Die wissenschaftliche Erziehung, welche die Menschheit seit drei bis vier Jahrhunderten genossen hat, war ja eine solche, daß allmählich im neunzehnten und im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das Urteil heraufgekommen ist: Man kann durch die strengen Methoden, die heute die Naturwissenschaft hat, dasjenige erkennen, was den Sinnen in der Umgebung des Menschen gegeben ist, und was mit Hilfe der Experimentier- und Beobachtungsmethoden der menschliche Verstand aus der Sinnesbeobachtung machen kann. Dagegen wird überall, wo man gerade glaubt, auf dem strengsten Boden dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu stehen, die Erkenntnis des Geistigen abgelehnt, indem, sei es mit einem gewissen Hochmut, sei es mit einem gewissen Kleinmut, gesagt wird, dem Geistigen gegenüber seien eben dem Menschen in seiner Erkenntnis Schranken gegeben, dem Geiste gegenüber sei der Mensch lediglich auf Glaubensvorstellungen angewiesen.

Dadurch gerade ergibt sich aber für sehr viele Menschen, die ihre Erziehung genießen durch das, was heute ja überall popularisiert wird aus der Naturwissenschaft, ein ernster innerer Seelenzwiespalt. Die Glaubensvorstellungen sind aus alten Zeiten überliefert. Man weiß nicht, daß sie auch Erkenntnisvorstellungen entsprechen, die sich auf früheren Stufen die Menschheit errungen hat, und daß diese in der Tradition, in der Überlieferung geblieben sind. Wenn sie so hingenommen werden als Glaubensvorstellungen, so versetzt sich die Seele in einen Zustand, der sie in Widerspruch bringt mit allem, in das sie sich hineinarbeitet, wenn sie das aufnimmt, was heute in so strenger Weise durch naturwissenschaftliche Methode für die Menschheit und auch für das praktische Leben erobert wird.

Dasjenige, was so erobert wird, ist ja wahrhaftig nicht etwa bloß etwas, was man Besitz einer kleinen gebildeten Menschenschar nennen konnte, sondern diese besondere Art des Denkens, die von der Naturwissenschaft herkommt, ist Ja bereits eingedrungen in unseren niedersten Unterricht. Und man möchte sagen: Immer weiter und weiter, bis in die äußersten, primitivsten menschlichen Ansiedelungen hinein, überall verbreitet sich, wenn auch nicht Naturwissenschaft, so doch eben die Art der Seelenverfassung, die von der Naturwissenschaft kommt. Das macht, daß viele zwar nicht wissen, daß ihre Sehnsucht, ihre Seelensehnsucht darnach geht, über das Geistige ähnliche Vorstellungen zu gewinnen wie über das Natürliche, daß aber dennoch bei sehr vielen Menschen heute dadurch ein Seelenzwiespalt zustande kommt, der sich in allerlei Unbefriedigtheiten des Lebens äußert. Man fühlt eine gewisse innere Unruhe und Unsicherheit. Man weiß nicht recht, wie man sich mit seinen Vorstellungen, mit seinen Empfindungen in das Leben hineinstellen soll. Man schreibt das mancherlei Dingen zu; aber die wirkliche Ursache ist in dem Gesagten gelegen.

Die Menschen verlangen heute eigentlich nach wirklichen Erkenntnis-, nicht nach Glaubensvorstellungen über die geistige Welt. Solche Vorstellungen strebt Anthroposophie an. Indem sie dies tut, muß sie allerdings einen ganz anderen Erkenntnisbegriflf geltend machen, als der ist, an den man sich heute gewöhnt hat. Und wenn ich charakterisieren soll, welches dieser Erkenntnisbegriff ist, so möchte ich das zunächst durch eine Art von Vergleich tun, der aber mehr sein soll als ein bloßer Vergleich, durch etwas, was direkt hineinführen soll in die Art und Weise, wie Anthroposophie das Übersinnlich-Geistige zu erkennen strebt.

Denken wir zunächst an die merkwürdige Welt, die jeder gewissermaßen als die andere Seite des menschlichen Daseins, des menschlichen Bewußtseins kennt, denken wir an die Traumeswelt. Jeder kann sich vor die Seele stellen die bunten, mannigfaltigen, farbenreichen Bilder, welche ihm auftauchen aus den dunklen Tiefen des Schlafzustandes. Man findet, wenn man vom wachen Zustande aus auf die Träume hinschaut, daß diese in irgendeiner Weise zusammenhängen mit dem, was der Mensch im wachen Zustande ist und vorstellt. Selbst wenn sie, was ja gar nicht abgeleugnet werden soll, zuweilen wie prophetische Träume wirken, es hängen diese Träume dennoch zusammen mit dem, was der Mensch erlebt hat. Nur wirkt eine, ich möchte sagen, natürlich gestaltende Phantasie in der ausschweifendsten Weise mit, um das, was der Mensch erlebt, umzugestalten. In anderer Weise hängen solche Träume zusammen mit den menschlichen leiblichen Zuständen; Atembeschwerden, zu schnelle Herzbewegung, Störungen im Organismus werden in der mannigfaltigsten Weise im Traume symbolisch erlebt. Denken wir uns einmal, nur um den Gedanken auszubilden, der hier nötig ist, der Mensch lebte in dieser Traumeswelt; er hätte keine andere Welt. Der Mensch wäre nicht imstande, aus dieser Traumeswelt jemals herauszukommen, er würde sie für seine Wirklichkeit halten. Wenn durch irgendwelche äußeren Kräfte das Menschenleben genau ebenso verliefe, wie es jetzt verläuft, wenn durch die Wirkung anderer geistiger Wesenheiten dieses Menschenleben genau ebenso verliefe, daß wir in den Städten herumgehen, unsere Arbeit tun, aber nicht mit Bewußtsein hinsehen auf diese Arbeit, sondern immer nur träumten, so würden wir als Menschen die Traumeswelt für die einzige Wirklichkeit halten, geradeso, wie der Träumer ja seine mannigfaltig ausstaffierte Traumeswelt in dem Momente des Träumens für seine Wirklichkeit hält. Wachen wir auf, dann können wir vom Standpunkt des Wachens durch die Art und Weise, wie wir dann zur Welt unserer Umgebung stehen, eigentlich erst ein Urteil über den Wirklichkeitswert und die Wirklichkeitsbedeutung des Traumes gewinnen.

Innerhalb des Traumes stehenbleibend, kann man kein solches Urteil über die Wirklichkeitsbedeutung des Traumes selbst gewinnen. Inwiefern der Traum mit den Lebensreminiszenzen zusammenhängt, inwieferne er zusammenhängt mit körperlichen Zuständen, darüber ein Urteil zu gewinnen ist nur möglich von dem Standpunkte des Wachens aus. Man muß erst aufwachen, um über den Traum ein Urteil zu haben.

Nun lebt ja der Mensch auch in seinem Willen, denn der Wille ist hauptsächlich eingeschaltet beim Aufwachen in die Vorgänge der äußeren Sinneswelt, er lebt nun in den Bildern, die ihm diese Sinneswelt für seine Seele überliefert. Ein anderes Urteil als das Sich-hinein-Fühlen in die Sinneswelt, das Sich-verbunden-Empfinden mit dieser Sinneswelt haben wir gar nicht über die Wirklichkeit. Und von diesem Gesichtspunkte des, ich möchte sagen, mit seinem ganzen Seelenwesen durch den Körper Eingeschaltetseins in die Sinneswelt, von diesem Gesichtspunkte aus beurteilen wir diese Sinneswelt zunächst als die Wirklichkeit, und das, was uns der Traum vorgaukelt, als nicht zu dieser Wirklichkeit gehörig. Nun aber taucht ja bei jedem Menschen einmal die Frage auf, namentlich wenn er alles das überblickt, was die Bilder der äußeren Sinneswirklichkeit ihm geben: Wie verhält sich dasjenige, was er selbst in seinem Innern als sein Seelisch-Geistiges erlebt, zu den Verwandlungen und zu der Veränderlichkeit dieser äußeren Sinneswelt? Die großen Fragen des Daseins tauchen auf, indem der Mensch vergleicht, was er in der äußeren Sinneswelt schaut, und was er als sein eigenes Wesen in seinem Denken und Fühlen und Empfinden in seinem Wollen aus den Tiefen seiner Menschlichkeit aufsteigen fühlt. Jene großen Fragen des Daseins, die sich einschließen etwa darin: Welchen Wirklichkeitswert hat das Seelische? - was sich dann erweitert zu der großen Frage der Seelenunsterblichkeit - die Frage nach der menschlichen Freiheit und zahlreiche andere Fragen tauchen auf. Denn der Mensch fühlt ja bald, wie ganz anders das Erlebnis ist, wenn er nach außen schaut und die Sinneseindrücke empfängt, und wenn er nach innen schaut und seine seelischen Erlebnisse hat. Und aus solchen Erfahrungen muß ja die Frage auftauchen: Ist es denn vielleicht in einer ähnlichen Weise möglich, durch eine Art zweiten Erwachens, durch ein höheres Erwachen auch von einem höheren Standpunkt aus Aufschluß über die Sinneswirklichkeit selbst zu erlangen, so wie man von der Sinneswirklichkeit aus, wenn man in natürlicher Weise erwacht am Morgen, ein Urteil gewinnt über die Traumeswelt?

Wenn man überzeugt ist davon, daß die Einbildung des Traumes ihrem Wirklichkeitswert nach nur beurteilt werden kann vom Standpunkte des Wachens, dann muß man danach streben, einen Standpunkt zu gewinnen, der nun wiederum über den Wirklichkeitswert, über den höheren Wirklichkeitswert der sinnlichen Erfahrung selber etwas aussagen kann. Und so geht die große Frage nach einer Geist-Erkenntnis danach: Können wir etwa in einem höheren Sinne aus unserem alltäglich wachenden Bewußtsein heraus noch einmal aufwachen, und ergibt sich durch ein solches zweites Aufwachen eine Erkenntnis über die Sinneswelt, so wie sich von der Sinneswelt aus eine Erkenntnis über den Traum ergibt? Nun kann man schon fühlen, aber eine genaue Betrachtung gibt Gewißheit darüber, wie der Traum eigentlich wirkt. Wenn man träumt, fühlt man gewissermaßen sein ganzes Seelenleben von unbestimmten Machten ergriffen. In dem Momente, wo der Mensch aufwacht, fühlt er, daß er gewissermaßen seinen physischen Leib nun in der Hand hat. Er fühlt, daß die ausschweifenden Vorstellungen des Traumes durch den physischen Leib diszipliniert werden. Und er fühlt auch, diese Vorstellungen des Traumes sind ausschweifend aus dem Grunde, weil im Aufwachen oder im Einschlafen ein Moment da ist, wo wir den physischen Leib nicht vollständig in der Hand halten. Kann in derselben Weise, wie wir durch die Kräfte unseres Organismus selbst aus dem Traum, aus dem Schlafe überhaupt herausgerissen werden zum sinnlichen Wachsein, kann in derselben Weise durch bewußte Seelentätigkeit ein höheres, ein zweites Aufwachen bewirkt werden?

Durch die Beantwortung dieser Frage, die nur beantwortet werden kann, indem man, ich möchte sagen, in einem höheren Sinne probiert, ob die Seele in sich Kräfte findet zu einem solchen höheren Erwachen, dadurch allein kann eine andere Gestalt des Erkenntnisbegriffes geschaffen werden als derjenige, den man heute gewohnt ist, und der ja nur dazu führt, daß man ein Ignorabimus, ein «Wir-werdennicht-Erkennen» gegenüber der geistigen Welt ausspricht. Nun wird man sich zunächst wenden müssen - und so verfährt die Anthroposophie - an diejenigen Seelenkräfte, die wir schon haben, und wird fragen müssen: Kann aus diesen Seelenkräften heraus ein Höheres, ein noch Kräftigeres entwickelt werden, so wie das wache Seelenleben kräftiger ist als das träumende? Man wird sich sagen, auch dieses wache Seelenleben des erwachsenen Menschen ist ja allmählich entwickelt worden aus dem träumerischen Seelenleben, das wir bei unserem Antritt des Seelenlebens als ganz kleine Kinder gehabt haben. Wären wir stehengeblieben bei dem Seelenleben, das wir etwa in den ersten drei Jahren unseres Seelenlebens, unseres Erdenlebens hatten, wir würden die Welt in einer Art Traumform betrachten. Wir sind herausgewachsen aus dieser Traumform.

Das kann Mut geben, zunächst gewisse Seelenkräfte aufzusuchen, die nun noch weiter zu entwickeln sind, als sie sich seit der ersten Kindheit entwickelt haben. Und es wird sich derjenige, der es mit einer solchen Frage ernst nimmt, zunächst an eine seelische Kraft wenden, von der auch bedeutendere philosophische Geister der Gegenwart schon aus rein philosophischen Erwägungen heraus zugeben, daß sie auf eine geistige, vom Leibe mehr oder weniger unabhängige Betätigung des Menschen hinweist. Das ist unsere Erinnerungskraft, dasjenige, was in unserem Gedächtnisse lebt.

Vergegenwärtigen wir uns einmal, was in unserem gewöhnlichen Gedächtnisse lebt. Zunächst ist dieses Gedächtnis selbstverständlich keine Kraft, um in übersinnliche geistige Welten hinaufzudringen. Zunächst wissen wir auch von diesem Gedächtnisse, daß es in vollständiger Ordnung nur ist, wenn wir das Seelische in dem Leiblichen zum Ausdrucke bringen. Aber dennoch, etwas Eigentümliches liegt vor. Innerhalb der Erinnerungen treten auf die Bilder von Erlebnissen, die vielleicht jahrzehntelang hinter uns liegen. Je nachdem der Mensch organisiert ist, tritt in mannigfaltigen Bildern, die eigentlich den Traumbildern sehr ähnlich und nur disziplinierter sind, dasjenige auf, was wir durchgemacht haben in unserem Verhältnis zur sinnlichen Welt und zum gewöhnlichen Menschen. Und wenn unser Gedächtnis treu ist, so kommt aus den Seelentiefen heute ein lebendiges Wissen von dem herauf, was vor Jahren war, was heute nicht in sinnlicher Wirklichkeit vor uns steht. Das ist allerdings nur ganz populär gesprochen, aber man muß ja zunächst ausgehen von irgendeinem sicheren Gesichtspunkt. Und so können wir sagen: In der Erinnerung sind uns Vorstellungen gegeben, welche innerlich etwas abbilden, was zwar einmal da war, mit dem wir einmal gelebt haben, was aber zunächst nicht da ist.

Und so kann die allerdings zunächst noch vage Frage entstehen, die natürlich erst eine Bedeutung bekommt, wenn man sie beantworten kann - aber wir werden sehen, daß man sie beantworten kann -: Kann der Mensch vielleicht durch innere geistig-seelische Arbeit eine weitere Seelenkraft, gewissermaßen eine Umwandelung der Erinnerungskraft sich erringen, durch die er nicht nur dasjenige vorstellt, was jetzt nicht mehr da ist, aber einmal da war, sondern durch die er etwas vorstellt, was zunächst im Erdenleben überhaupt durch keine Sinneswahrnehmungen und durch keine Verstandeskombinationen da ist? - Diese Frage kann nur durch ernstliche innere Seelenarbeit entschieden werden, und diese Seelenarbeit besteht darin, daß der Mensch dasjenige, worauf ja zunächst das Gedächtnis abgestellt ist, das Vorstellungsvermögen selbst, ich möchte sagen, in eine innere Erziehung nimmt. Wie verlaufen denn die Vorstellungen, und wie vollzieht sich die Vorstellungstätigkeit im gewöhnlichen Leben? Nun, die äußeren Dinge machen auf uns einen Eindruck. Zunächst haben wir die sinnlichen Wahrnehmungen. Dann machen wir uns aus diesen sinnlichen Wahrnehmungen unsere Vorstellungen, die wir dann in der Erinnerung tragen. Und wir wissen ja, wenn wir etwas, was vor Jahren vor uns gestanden hat, in das wir hineinverwickelt waren, in der Vorstellung erinnerungsgemäß heraufrufen wollen, dann brauchen wir eine gewisse Kraft dazu. Aber wir wissen auch, daß der Mensch gerade, um treu die äußere Welt in seinen Vorstellungen zu haben, um nichts Phantastisches in die Bilder von dieser äußeren Welt hineinzubringen, sich passiv der äußeren Welt hingibt. Und dieses passive Sichhingeben, das noch dazu durch alle möglichen Experimentiermethoden unterstützt wird, ist ja auch das Richtige für die Naturwissenschaft. Aber man kann mit dem Vorstellungsleben noch etwas anderes anfangen. Man kann versuchen, mit innerlicher Aktivität, in innerlicher Tätigkeit Vorstellungen aufzunehmen, sie mögen einen Inhalt haben, welchen auch immer; nur müssen sie einen leicht überschaubaren Inhalt haben, der nicht suggestiv wirken kann. Schwer überschaubare Inhalte, solche Inhalte, die wir aus den Tiefen der Seele heraufholen, können leicht suggestiv wirken. Man kann nun versuchen, einen solchen einfachen Vorstellungsinhalt innerlich tätig zu verarbeiten, so daß man sich mit seinem ganzen Seelenleben diesem Inhalte immer wieder und wieder hingibt.

Ich habe die Technik, möchte ich sagen, einer solchen Hingabe an ein aktives Vorstellungsleben in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» genauer beschrieben; hier will ich das Prinzipielle angeben. Wenn man sich immer wieder und wieder diesem Inhalte hingibt, ganz unabhängig davon, ob die Vorstellungen, die man innerlich verarbeitet, auf denen man innerlich ruht, die man innerlich in Verbindung bringt, in denen man sein ganzes Seelenleben aufgehen läßt, ob diese Vorstellungen äußerlich dies oder jenes bedeuten, wenn man sich so diesem Inhalte hingibt, dann merkt man allmählich, daß in diesem innerlichen Arbeiten, im Denken und Vorstellen, eine merkwürdige Lebendigkeit sich entwickelt, eine Lebendigkeit, die man eben erst kennenlernen muß, um über sie ein Urteil haben zu können. Lernt man sie kennen, dann fängt man auch an, etwa in der folgenden Weise zu denken. Man sagt sich: Wie ein Muskel, mit dem man immer arbeitet, sich verstärkt, so verstärkt sich gerade die Denkkraft unseres Seelenlebens, wenn man in dieser Weise, indem man sich nicht den Eindrücken der Außenwelt passiv hingibt, sondern indem man innerlich arbeitet, wenn man in dieser Weise vorstellungsgemäß ganz lebendig innerlich sein Seelenleben immer wieder und wieder in eine gewisse Verfassung bringt. Auf diese Art gelangt man endlich dazu, daß in der Tat das Denken, das sich sonst auch für die Erinnerungsbilder schattenhaft ausnimmt, das sich eben in bloß angeschauten Bildern erschöpft, einen innerlich, aber geistig-seelisch erfüllt, so wie man sich mit seinem Atmen, mit seiner Blutzirkulation im Leben erfüllt empfindet. Es strömt, wenn ich so sagen darf, Lebenskraft in das aktiv gewordene Denken ein.

Ja, wahre Anthroposophie als Geist-Erkenntnis ist etwas, was auf innerlichen intimen Methoden der Seele beruht, nicht auf irgendwelchen Geisterzitationen, sondern darauf, daß die Seele selber ihre Erkenntniskräfte umkehrt, um sie zu etwas anderem zu machen. Und wenn der Mensch in dieser Weise immer mehr und mehr sein Denken erkraftet, so kommt er einmal, sei es auch nach Jahren, zu einem ganz besonderen inneren Erlebnis, zu dem Erlebnis, das man so schildern kann: Wenn man nur äußere Gegenstände oder äußere Handlungen erinnert, dann taucht man bis in eine gewisse Tiefe des Seelenlebens hinunter, und aus dieser Tiefe muß man dann die Erinnerungen herausschöpfen. Wenn man aber so, wie ich es geschildert habe, lebendig arbeitet an seinem Denken, dann kommt man endlich dazu, mit diesem Denkleben genau zu wissen, man taucht tiefer hinunter, als die Kraft der Erinnerung reicht.

Das ist ein wichtiges Erlebnis, wenn man dazu gekommen ist, die Erinnerungen gewissermaßen wie eine Art Niveau zu betrachten, bis zu dem man hinuntertaucht beim gewöhnlichen Bewußtsein, und von dem aus man die Erinnerungsvorstellungen heraufholt, und wenn man dann spürt, wie tiefer unten ein anderes Niveau liegt im Seelenieben, zu dem man jetzt hinuntergedrungen ist, und von dem man durch das erkraftete Denken nun Vorstellungen heraufschöpfen kann, die nicht dieselben sind, denen man sich zuerst hingegeben hat, sondern die nun ganz andere sind. Und während man durch die Erinnerung vorstellen kann das, was nicht mehr da ist, aber einmal da war im Menschenleben, so erfährt man jetzt, wie man von diesem tieferen Niveau aus, wenn man aus ihm heraufschöpft, zu Vorstellungen kommt über etwas, das man sonst im Leben niemals hat.

Jetzt ist man durch dieses Erkenntnistor in die geistige Welt eingedrungen. Und die erste Erfahrung, die sich da ergibt, ist diese, daß man einen wirklichen tableauartigen Rückblick auf sein gesamtes bisher verbrachtes Erdenleben gewinnt. Man möchte sagen: Wie in einem einzigen Augenblicke - das ist etwas radikal gesprochen, aber es ist fast so - liegt, indem förmlich die Zeit in Raum verwandelt ist, das bisherige Erdenleben vor dem Bewußtsein ausgebreitet in mächtigen Bildern. Aber diese Bilder unterscheiden sich doch von dem, was man etwa gewinnen würde, wenn man sich hinsetzen und in der Erinnerung alles heraufholen würde, was man aus seinem Erdenleben heraufholen kann, und nun sozusagen fortlaufende Vorstellungen bis nahe zu seiner Geburt hin aus diesem Erdenleben gewinnen würde. Das Tableau, das man auf die geschilderte Weise bekommt, unterscheidet sich ganz wesentlich von dem letzteren. Die in der gewöhnlichen Erinnerung doch passiv gebildeten Vorstellungen enthalten überhaupt mehr die Art und Weise, wie die Außenwelt an einen herangetreten ist. In der Erinnerung lebt man etwa in dem, wie ein Mensch einem begegnet ist, wie ein Mensch auf einen gewirkt hat, wie ein Mensch einem Freundschaft entgegenbrachte; oder man lebt darin, wie ein Naturereignis auf einen gewirkt hat, welchen Eindruck dieses Naturereignis auf einen gemacht hat, was man an Leid und Freude von diesem Naturereignis oder von dem Einflüsse des Menschen erfahren hat und so weiter.

Dasjenige, was man in dem Tableau hat, wie ich es geschildert habe, das man erlangt durch das erkraflete, verstärkte Denken, das ist: Man schaut sich selber, wie man durch seine eigenen Temperamentseigenschaflen, durch seinen Charakter, durch das, was in einem selber als Sehnsucht, als Liebe gelebt hat, sich einem andern Menschen genähert hat. Während einem die bloße Erinnerung dasjenige gibt, was von außen einem entgegengetragen wird, gibt einem dieses Erinnerungstableau mehr das, was man selbst beigetragen hat zu dem Erlebnis, was aus einem selber herausgekommen ist. Und wenn man bei der gewöhnlichen Erinnerung etwa einem Naturereignis gegenüber dasjenige hat, was dieses Naturereignis an Leid oder Freude gebracht hat, wie also die Außenwelt auf einen gewirkt hat, so hat man in dem Erinnerungstableau mehr, sagen wir, die Sehnsucht, sich irgendeiner Gegend der Erde zu nähern, auf welcher man dieses Erlebnis hatte. Das, was man selber dazugetan hat, das erlebt man in diesem Erinnerungstableau. Kurz, es ist, ich möchte sagen, abgelenkt von der Außenwelt dieser Totaleindruck, den man von seinem Leben hat, und es ist in diesem Totaleindruck alles das enthalten, was eigene Tätigkeit des Lebens war. Man sieht sich wirklich wie einen zweiten Menschen. Indem man dieses Erinnerungstableau hat, hat man nicht viel Eindruck von seinem physischen Raumesleib; aber man fühlt sich in alledem darinnen, was man zum Erlebnis gebracht hat, und man fühlt zu gleicher Zeit, wie alles, was man da zum Erlebnis gebracht hat, gewissermaßen eine ätherisch strömende Welt ist. Und man lernt zu gleicher Zeit erkennen mit dieser ätherisch strömenden Welt, welche in mächtigen Bildern wie in einem fortströmenden Flusse das eigene Leben enthält, wie diese ätherisch verlaufende Welt des eigenen Daseins zusammenhängt mit der allgemeinen ätherischen Welt. Wenn man als physischer Mensch mit seinen physischen Sinnen der Außenwelt gegenübersteht, so fühlt man sich selber innerhalb seiner Haut eingeschlossen. Man fühlt die anderen Dinge als äußere Dinge. Man fühlt einen strengen Kontrast zwischen Subjekt und Objekt, wenn ich mich philosophisch ausdrücken will. Das ist nicht der Fall, wenn man nun in ein verstärktes Denken, in die fluktuierende Welt, ich möchte sagen, des zweiten Menschen, des Zeitmenschen gegenüber dem physischen, leiblichen Raumesmenschen eintritt. Man kann wirklich von einem Zeitleib sprechen, denn man empfindet wie auf einmal dieses ganze bisher verbrachte Erdenleben, und man fühlt dieses bisher verbrachte Erdenleben sich bewegend in einer allgemeinen, ihm gleichen Welt. Einen Sinn bekommt es, zu sagen: Zu der harten, dichten physischen Welt tritt eine feinere Welt hinzu, in der man strömend sein Leben vollbracht hat, eine ätherische Welt. Man lernt jetzt erst erkennen, was eine ätherische Welt ist, und was man selber als zweiter Mensch, als zweites Menschenwesen in dieser ätherischen Welt ist. Aber damit hat man erst die erste Stufe des Übersinnlich-Geistigen beschritten. Man weiß gewissermaßen in unmittelbarer Anschauung nur deshalb, weil man sich selber fühlt als geistseelisches Wesen innerhalb einer geist-seelischen Welt, man weiß, daß die ganze Welt durchwellt und durchwebt ist von einer geistig-seelischen Wesenheit, welche man selber in sich hält. Aber mehr weiß man zunächst noch nicht. Und man weiß vor allen Dingen zunächst noch nicht von einer anderen geistig-seelischen Welt, als diejenige ist, die einen als Erdenmenschen verbindet mit der umgebenden, eben auch ätherischen Welt.

Aber man kann nun weitergehen. Hat man einmal diese Fähigkeit erlangt, im Ätherischen sich zu erleben, die ätherische Welt mit sich zu erleben, dann kann man aufsteigen zu einer anderen Art der Ausbildung der Seelenkräfte. Sie besteht darinnen, daß man, ich möchte sagen, den entgegengesetzten Vorgang des zuerst Charakterisierten in der Seele bewirkt. Zuerst versuchte man, das Denken innerlich recht aktiv, recht lebendig zu machen, so daß man statt des passiven Denkens ein innerlich regsames Strömen und Kräften und Wellen und Weben in sich hat. Nun muß man versuchen, dasjenige, was man als Gedanken, als frei in der Seele schwebenden Gedanken in diese Seele versetzt hat, mit derselben innerlichen Willkür und Willenskraft wieder zu unterdrücken.

Alles, was ich Ihnen schildere, muß sich bei den Seelenübungen, auf die ich hinziele, so ausführen lassen, wie der Mathematiker seine Probleme ausführt. So daß der Mensch mit voller Besonnenheit das alles ausführt, daß nichts von irgendwelcher falschen Mystik, von Träumerei oder gar von Suggestion oder dergleichen darinnen ist. Mit derselben, ich möchte sagen, nüchternen Kälte - denn die Wärme und der Enthusiasmus kommen durch das, was man dann sieht, nicht durch die Methode -, mit derselben nüchternen Kälte, mit der man geometrische Probleme löst, muß man in der Seele seine Übungen anstellen. Aber trotzdem stellt sich eines heraus. Wenn man dazu kommt, dieses erkraftete Denken zu haben bei den Vorstellungen, die man dann bekommt, namentlich bei den Vorstellungen des bisherigen Lebens, die einen ganz erfüllen können, wenn man auf ihnen ruhen will, dann kommt man schwer von ihnen los. Aber man muß die starke Kraft in sich entwickeln, ebenso die Vorstellungen wiederum zu unterdrücken, wie man sie selbst in eigener Tätigkeit hervorrufen kann. Man muß mit anderen Worten die Fähigkeit gewinnen, alles Vorstellen, alles Denken im Bewußtsein auszulöschen, nachdem man es in höchster Regsamkeit angefacht hat. Das Auslöschen der gewöhnlichen Vorstellungen ist schon sehr schwer; aber es ist verhältnismäßig leicht gegenüber dem Auslöschen von solchen Vorstellungen, die man zuerst durch eine gesteigerte Aktivität in sein Bewußtsein versetzt hat.

Daher bedeutet auch dieses Auslöschen etwas ganz anderes. Und gelangt man, wiederum durch lange Übungen aber man kann diese Übungen gleichzeitig mit den anderen machen, so daß beide Fähigkeiten auch wiederum gleichzeitig auftreten - gelangt man dahin, durch lange Übungen dieses herbeizuführen, daß man ebenso kraftvolle aktive Denkprozesse in das Bewußtsein bringen kann, wie sie wieder auslöschen, dann kommt über die Seele etwas, was ich nun nennen möchte - Ausdrücke muß man ja haben für diese Dinge - das innere Schweigen der Menschenseele. Dieses innere Schweigen kennt man in dem Bewußtsein des gewöhnlichen Lebens eben gar nicht. Das erste, was der Geistesforscher, der den anthroposophischen Weg forschend gehen will, braucht, ist das verstärkte Vorstellungs-, das verstärkte Denkleben, wodurch er in der angedeuteten Weise zur Selbsterkenntnis kommt. Das andere ist, daß er sich ausbilden muß ein vollständig leeres Bewußtsein, wodurch alles, was sonst an Denken, Fühlen und Wollen in der Seele ist, zum Schweigen gebracht wird; zum Schweigen gebracht wird aber erst, nachdem diese Seelentätigkeit vorher in der höchsten Weise gesteigert worden ist. Dann ist dieses Schweigen der Seele etwas ganz Besonderes. Und ich kann dieses Schweigen der Seele, das gewissermaßen die zweite Stufe der Geist-Erkenntnis darstellt, etwa in der folgenden Weise schildern.

Denken wir uns, wir seien in einer großen Stadt, wo furchtbarer Tumult ist. Ganz betäubt werden wir von dem Tumult. Wir gehen aus dieser Stadt weg, entfernen uns. Wenn wir eine Weile gegangen sind, so hören wir hinten noch die Geräusche, hören das Pfeifen und Dröhnen, aber es ist schon etwas stiller geworden. Und je weiter wir gehen, desto stiller wird es. Kommen wir endlich in die Stille des Waldes, so kann es sein, daß um uns herum Ruhe ist. Wir haben den ganzen Weg durchgemacht von tobenden Geräuschen bis zur äußeren Ruhe. Aber ich kann jetzt weitergehen. Das wird zwar in der äußeren Wirklichkeit nicht eintreten, aber der Begriff wird ein vollständig realer, wenn man zu dem kommt, was ich eben bezeichnet habe als Schweigen der Seele.

Ich will einmal einen ganz trivialen Vergleich gebrauchen: Man kann ein gewisses Vermögen haben und immer mehr und mehr davon ausgeben. Dann hat man immer weniger, und zuletzt gar nichts. Dann hat man «Null»- Vermögen. Man kann aber noch weitergehen, man kann Schulden machen. Dann hat man weniger als nichts. Das kennt man aus der Mathematik. Man hat weniger als nichts. So kann es nun auch mit der Ruhe werden, mit dem Schweigen. Es kann gewissermaßen von dem Geräusch der Welt aus hergestellt werden die vollständige Stille, gleich Null. Dann kann es aber noch heruntergehen, stiller werden als die Stille, die gleich Null ist, immer stiller und stiller werden, negative Stille, negative Ruhe, mehr als Ruhe. Und so wird es, wenn man dies verstärkte Seelenleben auslöscht, in der Seele schweigsamer als das bloße, wenn ich mich so ausdrücken darf, Null-Schweigen. Es wird eine nach der entgegengesetzten Seite hin zielende Ruhe im Seelenleben hergestellt, ein Schweigen, das mehr ist als das bloße Schweigen, wenn wir im gewöhnlichen Bewußtsein ruhig sind.

Und wenn wir vorgedrungen sind zu diesem Schweigen, wenn die Seele fühlt, daß sie gewissermaßen der Welt entrückt ist, nicht nur indem die Welt um die Seele herum still ist, sondern indem die Seele fühlt, die Welt kann nur ruhig sein gleich Null; du aber selber, du Seele, bist in einer tieferen Schweigsamkeit, als die Schweigsamkeit der Welt ist dann, wenn dieses eintritt, wenn diese negative Schweigsamkeit eintritt, dann beginnt von der anderen Seite des Daseins her die geistige Welt zu sprechen, wirklich zu sprechen. Sonst unterbricht man selbst als Mensch mit den in der Luft nach außen geformten Worten die Ruhe der Welt. Indem man diese Ruhe, die tiefer ist als die Nullruhe, dieses Schweigen, das tiefer ist als das bloße Schweigen, in sich hergestellt hat, beginnt es aus der geistigen Welt heraus zu sprechen, eine Sprache aber, in die man sich erst hineingewöhnen muß, eine Sprache, die ganz und gar nicht etwa ähnlich ist der Wortsprache, eine Sprache, die sich einem so gestaltet, daß man sich nach und nach in sie hineingewöhnt, indem man dasjenige nimmt, was man gut aus der Sinneswelt kennt, Farben, Töne, kurz alles was man aus der Sinnes weit kennt. Das braucht man, um nach den Erlebnissen, die man mit diesen Sinneserfahrungen hatte, die besonderen Eindrücke der geistigen Welt zu schildern. Ich will auf einige Details aufmerksam machen. Nehmen wir an, wir haben in diesem innerlichen Schweigen der Seele etwas erlebt, was auf uns den Eindruck macht: Aus Geistestiefen heraus ist etwas da, was gewissermaßen aggressiv auf uns losgeht, was auf uns in einer gewissen erregenden Weise wirkt. Zunächst ist das ein geistiges Erlebnis, man weiß, daß das Geistige sich offenbart. Man vergleicht nun das, was man so erlebt, mit einem Erlebnis, das man in der Sinneswelt gehabt hat, und man bekommt dann heraus: Das Erlebnis, das man in der Sinneswelt hat, ist ungefähr dasjenige, was man bei der Wirksamkeit der gelben Farbe hat. Geradeso, wie man ein Wort prägt, um in der Sinneswelt etwas auszudrücken, so nimmt man jetzt die gelbe Farbe, um dieses Geist-Erlebnis auszudrücken, oder in einem anderen Falle nimmt man einen Ton, um dieses Geist-Erlebnis auszudrücken. Wie man die Sprache gebraucht, um sich über die Sinneswelt auszudrücken, so redet man von dem, was man an Sinnesqualitäten, an Sinneseindrücken hat, über dasjenige, was man aus der geistigen Welt auf geistige Art im Schweigen der Seele empfängt.

Und so schildert man die geistige Welt. So habe ich sie geschildert in meinem Buche «Theosophie» und in meinem Buche «Geheimwissenschaft», und man muß nur diese Schilderung in der richtigen Weise verstehen. Man muß verstehen, daß dem Schweigen der Seele gegenüber eine neue Sprache entsteht. Während man die äußere artikulierte Sprache hat, um nach außen als Mensch hinauszureden, tönt uns von der geistigen Welt etwas herein, was man gewissermaßen mit anschaulichen Worten belegen muß, was dann aber nur mit der entsprechenden Feinheit geschaut werden kann, was dann übersetzt werden kann in die Menschensprache, wenn man sie belegen will mit Worten, die eben aus der Sinneswahrnehmung gebildet sind.

Und gelangt man nun dazu, wenn man auf diese Weise die Erfahrungen der schweigenden Seele erlebt, zu erkennen: Was du da zuerst gehabt hast, diese Welt des verstärkten Denkens, das ist ja im Grunde genommen nur ein Bild, ein Bild von dem, was du jetzt erst schaust, wofür du jetzt erst eine Sprache hast, ein Bild, von dem du eingedrungen bist in das Schweigen der Seele. Jetzt spricht durch das Schweigen der Seele die Geisteswelt zu dir. Und jetzt kommt man auch in die Lage, dieses ganze Lebenstableau, das man sich erst gebildet hat, das das Erdenleben ätherisch vor uns hinzaubert, auch auszulöschen, so daß gegenüber dem eigenen Leben, wie wir es auf Erden führen, nun auch die innere Schweigsamkeit der Seele auftritt. Die Illusion jenes Ichs,das nur mit dem physischen Leibe leben kann, die hört jetzt auf. Derjenige, der zu stark durch einen theoretischen oder praktischen Egoismus an seinem Ich festhält, der kommt nicht dazu, dieses Schweigen der Seele gegenüber dem eigenen Lebenstableau herzustellen. Bekämpft man den theoretischen und praktischen Egoismus, wird man sich klar darüber, daß man zunächst ja dieses Ich dadurch hat, daß man sich im physischen Leben seines Körpers bedienen kann, daß der Körper uns die Möglichkeit gibt, zu uns Ich zu sagen. Kommt man dann von diesem körperlichen Ich- Empfinden in das, was ich als ätherische Welt geschildert habe, hinein, wo man zusammenströmt mit der Welt, wo die Welt ätherisch eins ist mit dem eigenen Ätherischen, dann kommt man schon dazu, an diesem Ich nicht mehr festzuhalten, und dann erlebt man dasjenige, von dem dieses Lebenstableau, zu dem man sich aufgeschwungen hat, ein Abbild ist. Man erlebt sein vorirdisches Dasein. Man erlebt dieses vorirdische Dasein, in welchem man in einer geistigen Welt war, bevor man durch die Empfängnis und Geburt in einen physischen Menschenleib herabgestiegen ist. Antroposophie redet nicht aus philosophischen Spekulationen heraus über die Unsterblichkeit, über die Ewigkeit der menschlichen Seele, sondern sie redet davon, wie man sich zunächst durch eine besondere Entwickelung der Seelenkräfte zu der Anschauung des Seelenwesens, bevor es heruntergestiegen ist auf die Erde, durchringt. Jetzt erscheint tasächlich der schweigenden Seele die ewig in der Geisteswelt daseiende Seele in unmittelbarer Anschauung. Wie man in der Erinnerung hinschaut auf das, was man auf Erden erlebt hat, wie da das Verflossene des Erdenlebens in der Vorstellung aufwacht, so wachen jetzt, nachdem man die Sprache der Geisterwelt, so wie ich es geschildert habe, in der schweigenden Seele kennengelernt hat, so wachen jetzt auf diejenigen Ereignisse, die überhaupt nicht im Erdenleben vorhanden sind, durch die sich der Mensch vorbereitet hat zu diesem Erdenleben, bevor er in dieses Erdenleben heruntergestiegen ist.

Und jetzt schaut man hin auf das, was man war, bevor man in das Erdenleben heruntergestiegen ist. Solange man noch das Lebenstableau angesehen hat, solange wußte man: Geistdurchwebt und geistdurchwellt bin ich selber, ist die Welt; aber es ist gewissermaßen ein zwar feiner ätherischer, aber noch eine Art Naturgeist, den man in der Welt findet, und als den man sich selber erlebt. Jetzt aber, indem man in das vorirdische Dasein hineinschaut und sich verbunden hat mit dem, was Vater und Mutter geben in der Geburt, indem man dieses sieht, sieht man die Einheit zwischen moralischer Weltordnung und physischer Weltordnung. In diesem vorirdischen Dasein liegen alle die Kräfte, die dann in Nachbildern während des physischen Erdenlebens sich ausgestalten. Da sieht man dann, wie auch im physischen Erdenleben die geistigen Kräfte am Menschenleibe walten und weben. Man bewundert den Bau des menschlichen Gehirns, wie er sich allmählich herausgestaltet. Man lenkt seine Aufmerksamkeit darauf, wie undifferenziert dieses Gehirn war, als das Kind geboren wurde, wie es geworden ist im siebten Lebensjahre, etwa in der Zeit des Zahnwechsels. Man lenkt seinen Blick hin auf die inneren plastischen Gestaltungskräfte. Man bleibt nicht stehen bei dem unbestimmten Worte der Vererbung. Man weiß, was das Kind allein in den ersten Lebensjahren herausarbeitet an plastischer Ausgestaltung seines Gehirns und seines ganzen Organismus, das ist die Nachwirkung, das Nachbild dessen, was als umfangreiche, universelle Ereignisse erlebt worden ist in der geistigen Welt, wo man ebenso inmitten geistiger Wesenheiten war, wie man inmitten der Wesen der Naturreiche und des Menschen auf Erden ist. Und man lernt jetzt erkennen, wie die geistige Welt in die physische Erdenwelt hereinwirkt, wie in alledem, was in uns innerlich organisierend tätig ist, die Nachwirkungen dieses vorirdischen Daseins enthalten sind. Da lernt man sich seelisch-geistig innerhalb des Physisch- Leiblichen kennen.

Und im weiteren Verlaufe muß zu dem, was ich schon geschildert habe, noch ein Drittes hinzutreten. Ich habe ja schon aufmerksam darauf gemacht, daß man die Illusion des Ich zunächst überwinden muß, daß man überwinden muß, was der gewöhnliche alltägliche theoretische oder praktische Egoismus ist, daß man einsehen muß, dieses Ich des Erdenlebens ist ja an den physischen Leib gebunden, und in der Empfindung des physischen Leibes lebt zunächst das Ich auf. Aber es steht da schon im physischen Erdenleben etwas, das, wenn ich es nenne, vielleicht so ein leises erkenntnistheoretisches Gruseln dem einen oder dem andern verursachen könnte, weil es gewöhnlich gar nicht zu den Erkenntniskräften gerechnet wird, weil man es vielleicht horribel findet, das zu den Erkenntniskräflen zu rechnen. Aber es muß dennoch geschehen. Und daß es geschehen muß, das sieht derjenige ein, der in der Weise, wie ich es geschildert habe, erst zu dem denkenden Erkraften, dann zu dem Schweigen der Seele gekommen ist. Es muß als Drittes hinzutreten eine höhere Ausbildung, eine intensivere Ausbildung dessen, was im gewöhnlichen Leben da ist als die Liebe, die Liebe zu den Menschen, die Liebe zu der Natur, die Liebe zu allen unseren Werken, die Liebe zu unseren Taten; all das, was schon im gewöhnlichen Leben da ist, kann gerade angefacht werden dadurch, daß man in der geschilderten Weise den theoretischen und praktischen Egoismus wegbringt. Die Liebe muß sich steigern. Und indem sich diese Liebe steigert, indem sich die Liebekraft, das Aufgehen in anderes hinzugesellt zu dem verstärkten Denken und zu dem Schweigen der Seele, kommt man an ein Drittes. Man kommt jetzt zum erkennenden Eingreifen der wahren Gestalt des menschlichen Ich, indem man nicht nur das vorirdische Dasein kennenlernt, sondern indem man jetzt dadurch erkennen lernt, daß eine verstärkte Liebekraft die anderen ausgebildeten, verstärkten Erkenntniskräfte weiter energisiert. Man gelangt dazu, nun genau zu erleben: Alles, was du dir errungen hast, das hat ja nichts mehr mit dem physischen Leibe zu tun; du erlebst dich selber außer dem physischen Leibe, du erlebst die Welt so, wie du sie durch den physischen Leib nicht erleben kannst. Du erlebst statt Naturerscheinungen geistige Wesenheiten. Du erlebst dich selber nicht als eine natürliche Wesenheit zwischen Geburt und Tod, du erlebst dich als eine geistige Wesenheit im vorirdischen Dasein.

Hat man sich das errungen, und tritt dazu eine erhöhte, eine verstärkte Liebefähigkeit, die Möglichkeit, sich aufzuopfern in dem, was man da schaut, sich hinzugeben mit seinem ganzen leibbefreiten Sein, dann tritt die Erkenntnis von dem ein, was man in unmittelbarer Gegenwart hat, unabhängig vom physischen und auch ätherischen Menschenleibe. Man erlangt eine unmittelbare Anschauung desjenigen, was in einem ruht, und was durch die Pforte des Todes in das nachirdische Dasein geht, wo wir wiederum eintreten in eine geistige Welt. Dadurch, daß der Mensch kennengelernt hat, was er ist im leibfreien Zustande, dadurch lernt er auch dasjenige kennen, was leibfrei weiterexistiert, wenn der physische Leib mit dem Tode abgelegt ist.

Sie sehen, alles läuft darauf hinaus, zur Anschauung zu kommen über das Ewige der Menschenseele. Aber man gelangt dadurch überhaupt zu der Anschauung des wahren Ich, jenes Ich, das durch die Geburt, durch den Tod geht, das im Leibe, man kann nicht sagen wohnt, sondern im Leibe ruht. Aber dieses Ich lernt man zugleich erkennen, wie es sich bewegt, wie es tätig ist in der geistigen Welt im vorirdischen Dasein. Man lernt es so erkennen, wie man hier im sinnlich-physischen Dasein den Menschen durch sinnliche Anschauung kennenlernt. Wie der Mensch da herumgeht zwischen den Naturdingen, zwischen den Naturereignissen, zwischen anderen Menschen, so lernt man erkennen, wie die Seele im vorirdischen Dasein in der geistigen Welt, ich möchte sagen, sich herumbewegt. Aber man lernt auch erkennen, wie da ihr Bewegen, ihr Verhalten abhängig ist von einem früheren Erdenleben. Ich sagte, man lernt erkennen die Einheit des Moralischen und des Natürlichen, man lernt erkennen, wie der Mensch im vorirdischen Dasein nicht nur von Geistigem durchsetzt ist, sondern auch von moralischen Impulsen. Während man, wenn man das ätherische Lebenstableau vor sich hat, bloß dazu kommt, einzusehen, daß die ganze Welt von Geist durchwallt ist, lernt man nun erkennen, daß unser seelisch-geistiges Wesen im vorirdischen Dasein durchpulst war von den moralischen Impulsen, die dann im Gedächtnisse, die überhaupt in der moralischen Anlage während des physischen Lebens auftreten. Man lernt die Einheit der moralischen und der physischen Welt kennen. Aber man lernt auch erkennen, wie in dieser moralischphysischen Welt, die die Seele im Geistigen durchlebt hat die physische Welt nur in den Bildern, die in den Geist hinaufleuchten vom physischen Dasein —, wie die Seele, wie das eigentliche Ich des Menschen in der geistigen Welt in Gemäßheit des vorigen Daseins lebt. Ja, wenn man über die Illusion des gewöhnlichen Erden-Ichs hinauskommt, wenn man zu geistigem Anschauen kommt, dann kommt man dazu, das Ich zu erkennen, wie es schon hindurchgegangen ist durch die geistige Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wie es sich innerhalb dieser mit moralischen Impulsen ausgerüsteten Welt verhalten hat gemäß seinem vorigen Erdenleben, und wie es als eine innerliche Bestimmung zum Schicksal all das in dieses Erdenleben hereinträgt, was wir dann sehen, wie es sich in den Neigungen des Menschen auslebt, wie es sich auslebt in der besonderen Färbung jener Sehnsucht, durch die der Mensch im Erdenleben zu dem oder jenem getrieben wird. Das beeinträchtigt nicht die Freiheit. Die Freiheit ist in gewissen Grenzen geradeso vorhanden, wie wir frei sind, wenn wir uns ein Haus gebaut haben, es zu beziehen oder nicht zu beziehen; aber wir werden es beziehen, weil wir es ja aus einem gewissen Grunde für uns gebaut haben. Ebenso bleiben wir frei, auch wenn wir wissen, daß wir in unserem physischen Leibe bestimmte Triebe haben, da oder dorthin im Leben uns zu wenden oder so oder so unsern Aufenthalt zu nehmen. Auf der einen Seite können wir das betrachten als ein Schicksal, das wir uns gewoben haben aus früheren Erdenleben heraus, aus der Welt, die nicht nur Geistgesetze enthält, die auch moralische Gesetze enthält, durch die wir hindurchgegangen sind, und welche das, was wir in einem vorigen Erdenleben gewesen sind, durchsetzt haben mit bestimmten geistigen Impulsen und daraus unser Schicksal für unser Erdenleben gebildet haben. Ebenso aber bemerken wir, wenn wir in der vorher geschilderten Weise dasjenige anschauen, was aus dem vorherigen Erdenleben stammt, daß es das Ewige ist der Seele, was unser Schicksal während des Erdenlebens bestimmt hat. Das tragen wir hinaus in die Welt, nachdem wir die Pforte des Todes durchschritten haben, indem wir das, was seelisch, moralisch ist, mit unserem Seelischen vereinigt haben, um es weiter in Einklang zu bringen nach unserem Verhalten mit den Anforderungen der moralischen Welt, und dann wiederum, ich mochte sagen, mit dem resultierenden Ergebnis aus dem, was wir im Leben waren, und dem, was die geisti^eWelt zwischen Tod und neuer Geburt aus uns macht, in ein neues Erdenleben herunterzukommen.

So handelt es sich wirklich darum, ein gewisses Erkenntnisvermögen erst auszubilden, durch das man in die geistige Welt hinaufschauen kann. Bedenken Sie, nicht jeder Mensch ist durch seine Veranlagung ein Mathematiker. Sogar wird es den meisten Menschen sehr schwer, diese eigentlich nur in der Phantasie zu schöpfenden, sagen wir, geometrischen Vorstellungen zu haben. In der Natur ist ja die Geometrie nicht unmittelbar darinnen, aber wir verstehen die Natur durch die Geometrie. Wir müssen aber die Geometrie erst erschaffen in uns, und durch die Geometrie erschaffen wir Gebilde, die uns einführen in das Gebilde des Toten. In ebensolcher innerlichen Strenge erschaffen wir innerliches Anschauen, indem wir ausbilden das verstärkte Denken, das Schweigen der Seele, die zur Erkenn tniskrafl; gewordene Liebe. Nur daß wir dann das Lebendige ergreifen, das Empfindende, das Selbstbewußte. Wie wir durch die Mathematik das Leblose ergreifen, so ergreifen wir, indem wir ganz nach mathematischer Art vorgehen und streng und exakt eine Art von Schauen ausbilden, verständnisvoll das Lebendige, das Empfindende, das Selbstbewußte. So darf man sagen: Wer im Ernste Anthroposophie treibt, der treibt sie so, als ob er genötigt wäre, dem strengsten Mathematiker Rechenschaft zu geben über das, was er mit seinen Erkenntniskräften macht. Das Ausbilden mathematischer Vorstellungen ist, wenn man so sagen darf, die elementare Anthroposophie. Und wenn man für das Tote der Welt gelernt hat, dieses Selbstschöpferische der Mathematik auszubilden, dann bekommt man schon den Antrieb, auch weiterhin die Erkenntnisarten auszubilden, die dann zum Schauen dessen führen, was ich Ihnen angeführt habe. Man lernt die Welt in einem anderen Inhalte kennen: die tote Welt, wenn man sie mathematisch kennenlernt - Mathematik ist elementare Anthroposophie -, die lebendige, empfindende, selbstbewußte Welt, wenn man sie anthroposophisch verständnisvoll verfolgen kann. Daher darf nicht mit dem, was man im gewöhnlichen Leben Hellsehen oder dergleichen nennt, verwechselt werden, was in Anthroposophie auftritt zur Erkenntnis der geistigen Welt. Wenn man das, was in Anthroposophie auftritt zur Erkenntnis der geistigen Welt, Hellsehen nennt man kann ja den Ausdruck gebrauchen —, dann muß man ebenso, wie man bei der Mathematik von Exaktheit spricht, von exaktem Hellsehen, von exakter Clairvoyance sprechen gegenüber der verworrenen mystischen Clairvoyance, die man gewöhnlich im Auge hat, wenn man von Clairvoyance spricht.

Nun, man wird vielleicht den Eindruck empfangen haben von meiner Schilderung, daß Sie sich sagen werden: Ja, das ist schwierig. - Ja, es ist schwierig, es ist nicht leicht! Daher unterlassen es auch sehr viele Leute, die sich ein Urteil bilden wollen über das, was in Dornach vorgeht, die ihnen schwierige Sache kennenzulernen, und beurteilen sie, wie Sie das triviale, verworrene Hellsehen und dergleichen beurteilen. Und es kommt dann alles das zustande, was ich im Anfange meines Vortrags gesagt habe. Diejenige Anthroposophie aber, um die es sich handelt, ist eine exakte Erkenntnisart, die aber jeder geradeso verstehen kann mit seinem gesunden Menschenverstand, wie man ein Bild verstehen kann, ohne daß man selber Maler zu sein braucht. Um Anthroposophie zu bekommen, muß man anthroposophischer Forscher sein, um ein Bild zu malen, muß man Maler sein; aber alles, was ich geschildert habe, kann man mit dem gesunden Menschenverstand einsehen, wenn man sich nur nicht selber Hemmnisse und Hindernisse in den Weg legt. Um ein Bild zu malen, muß man Maler sein. Um es zu beurteilen, muß man die gesunde menschliche Natur walten lassen. Um Anthroposophie aufzubauen, muß man Geistesforscher sein. Um Anthroposophie zu verstehen, muß man nur sein gesundes, von naturwissenschaftlichen und ähnlichen Vorurteilen ungetrübtes freies Menschengemüt demjenigen entgegenhalten, was dann als Schilderung, mehr oder weniger gut natürlich, herauskommt. Aber Anthroposophie ist ja erst in ihrem Anfange, und was ich heute vielleicht nicht gut geschildert habe, es wird schon mit der Zeit immer besser und besser geschildert werden. Und dann wird die Zeit kommen, die ja schließlich für alles, was als Neues in der Menschheit aufgetreten ist, einmal gekommen ist. Wie lange hat es gedauert, bis man die kopernikanische Weltanschauung akzeptiert hat! Sie hat nicht minder alle Begriffe, die man bis dahin gehabt hat, umgewälzt. Heute ist sie eine Selbstverständlichkeit und wird in den Schulen gelehrt. Was heute für die Leute der Ausbund der Phantastik, des Unsinns und vielleicht der Tollheit ist - so war es ja auch bei der kopernikanischen Weltanschauung -, das wird nachher eine Selbstverständlichkeit. Anthroposophie kann warten, bis sie eine Selbstverständlichkeit ist. Im Dornacher Goetheanum sollte zunächst diese Anthroposophie gepflegt werden. Daher haben, lassen Sie mich das am Schlüsse anführen, vor mehr als zehn Jahren Freunde unserer Sache den Plan gefaßt und mich mit der Ausführung dieses Planes beauftragt - ich war nur der Ausführende -, um dieser Anthroposophie eine Stätte zu bauen. Diese Stätte wurde eben das Goetheanum. Wäre Anthroposophie eine theoretische Weltanschauung oder auch ein bloßer Reformgedanke, was würde geschehen sein in dem Augenblicke, wo der Gedanke aufgetaucht ist, der Anthroposophie ein Heim zu bauen? Man würde zu einem Baumeister gegangen sein, der hätte in einem antiken, oder Renaissance- oder gotischen oder Rokoko-Stil oder dergleichen eben ein Haus aufgebaut. Aber Anthroposophie ist nicht irgend etwas, was bloß theoretisch, bloß als wissenschaftliche Erkenntnis wirkt, Anthroposophie geht in den ganzen Menschen über, nimmt den ganzen Menschen in Anspruch. Das merkt der anthroposophische Forscher sehr bald.

Sehen Sie, man braucht seinen Kopf, wenn man sich Gedanken über die äußere Natur machen will, oder wenn man philosophische Spekulationen machen will, erst recht. Dasjenige, was man in der Weise schaut, wie ich es Ihnen für die geistige Welt geschildert habe gegenüber der schweigenden Seele, das ist etwas, was sich flüchtiger darstellt. Man braucht Geistesgegenwart, um es rasch aufzufassen. Aber man braucht auch seinen ganzen Menschen dazu. Der Kopf reicht nicht aus. Der ganze menschliche Organismus muß sich in den Dienst des Geistes stellen, um das nun in das Gedächtnis, in die Erinnerung hereinzubringen, was man ohne den Leib geistig schaut. Lassen Sie mich, um das zu illustrieren, eine persönliche Erfahrung, etwas Persönliches anführen. Ich habe zum Beispiel niemals die Gewohnheit, irgendeinen Vortrag so vorzubereiten, wie man eben Vorträge vorbereitet, sondern ich habe die Gewohnheit, die Gedanken, die sich zu einem Vortrag als notwendig erweisen, eben geistig zu erleben, wie man auch dasjenige, was man als Ergebnisse der geistigen Forschung haben will, geistig erleben muß. Aber das bloße Denken, in das ja herübergetragen werden muß, was man im verstärkten Denken und in der menschlichen Seele erlebt hat, das bloße Kopfdenken reicht dazu nicht aus. Man muß inniger verbunden werden mit dem ganzen Menschen, wenn man dann aussprechen will, was man im Reiche des Geistes erlebt. Da gibt es verschiedene Anhaltspunkte, um das auch wirklich in das gewöhnliche Bewußtsein hereinzubringen, daß man davon reden kann. Ich habe im Gebrauche, eigentlich alles das, was sich mir ergibt aus der geistigen Welt, immer mit dem Stift in der Hand aufzuschreiben, zu formulieren, entweder in Worten oder in irgendwelchen Zeichnungen. Dadurch ist die Anzahl meiner Notizbücher viele Wagenladungen. Ich habe sie aber nicht wieder angeschaut. Sie sind da; sie sind nur dagewesen, um mit dem ganzen Menschen das zu verbinden, was im Geiste erforscht wird, so daß es sozusagen nicht bloß mit dem Kopf aufgefaßt ist, um in Worten mitgeteilt zu werden, sondern mit dem ganzen Menschen erlebt ist. Anthroposophie ergreift eben den ganzen Menschen. Dadurch wird sie noch in einer anderen Beziehung ein Ausdruck der Goetheschen Weltanschauung. Sie ist zunächst ein Ausdruck der Goetheschen Weltanschauung, indem sie angeregt worden ist durch die Art und Weise, wie Goethe das Pflanzenleben, das Tierleben betrachtete in seinen Metamorphosen, in seinen Verwandlungen. In dieser Goetheschen Betrachtung wird der Gedanke so lebendig, daß dann versucht wird, ihn so zu verstärken, wie ich es geschildert habe. Aber Goethe war auch diejenige Persönlichkeit, welche die Brücke hinübergebaut hat von dem Erkennen zur Kunst. Goethe hat ja aus seiner künstlerischen Überzeugung heraus das schöne Wort ausgesprochen: Die Kunst ist eine Offenbarung geheimer Naturgesetze, die ohne diese Kunst niemals offenbar würden.-Das heißt, Goethe wußte, in der wirklichen Erkenntnis ergreift man geistiges Walten und Weben, das man dann dem Stoff einpflanzt, sei es als Plastiker, sei es als Musiker, sei es als Maler. Goethe wußte, wie die Phantasie eine Art willkürlicher Projektion desjenigen ist, was der Mensch in seiner reinen Gestalt mit dem Geiste erleben kann.

Solche Erkenntnis, die so im Leben des Geistes wurzelt, wie die Anthroposophie, die strömt von selbst auch in das künstlerische Schaffen ein. Sie wirkt in das künstlerische Schaffen hinein, wenn man den Menschen auf die Art erkennt, wie ich es dargestellt habe, daß man die vorirdischen Kräfte hereinspielen sieht in sein irdisch-leibliches Dasein. Dann hat man das Gefühl: Mit den bloßen Begriffen, mit dem bloßen Verstände, da fassest du den Menschen nicht. Du mußt in einem bestimmten Punkt übergehen lassen deine abstrakten Begriffe in künstlerisches Anschauen, damit du fühlst: Der Mensch ist von der Natur als ein Kunstwerk geschaffen. Selbstverständlich kann darüber leicht gespottet werden, denn nichts ist den Menschen heute greulicher, als wenn man sagt, es solle etwas, um erkannt zu werden, künstlerisch aufgefaßt werden. Aber man mag noch so lange deklamieren darüber, daß der Mensch logisch sein soll und nicht künstlerisch, wenn er erkennen soll-wenn die Natur künstlerisch wirkt, so kommt man ihr eben mit der Logik nicht bei. Da muß man übergehen in die künstlerische Anschauung, um die eigentlichen Geheimnisse der Natur zu erkennen. Das meinte Goethe, wenn er sagt: Die Kunst ist eine Manifestation geheimerNaturgesetze, die ohne sie niemals offenbar würden. -Das meinte Goethe auch, als er nach langer Sehnsucht Italien erreichte und sein Ideal der Kunst erlangt zu haben glaubte und sagte: Sehe ich diese Kunstwerke an, so habe ich den Gedanken, daß die Griechen bei der Schaffung ihrer Kunstwerke nach denselben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur schafft, und denen ich auf der Spur bin. - Goethe ist eine Persönlichkeit, die immer das, was bloß Erkenntnisverfassung der Seele ist, übergehen lassen will in das Kunstwerk. Weil Anthroposophie dieser Gesinnung auch ist, konnte nicht einfach zu einem Baumeister gegangen und gesagt werden: Baue uns eine Hülle für die Anthroposophie - und dann hätte der sie gebaut in Renaissance- oder antikem oder in Rokoko-Stil und so weiter -, sondern es mußte eine ganz andere Anschauung und Lebensauffassung und Kunstauffassung zugrunde liegen.

Ich habe oftmals das, was da zugrunde liegen mußte, verglichen in einer etwas banalen Weise mit dem Verhältnis der Nußschale zu dem Nußkern. Der Nußkern, den wir essen, ist nach bestimmten Gestaltungsgesetzen gebildet, aber die Nußschale auch nach denselben Gestaltungsgesetzen. Sie können sich nicht denken, daß von außen eine Schale der Nuß angepaßt wäre. Aus denselben Bildungsgesetzen entsteht die Schale wie der Kern. So mußte der äußere sichtbare Bau in seinen Formen, in dem, was gemalt wurde in den Kuppeln, in dem, was sonst plastisch hineingestellt wurde, nach denselben Gesetzen, gewissermaßen wie die Schale dessen gebildet werden, was darinnen durch das Wort, durch die gesprochene oder gesungene Kunst verkündet worden ist. Wie die Nußschale zur Nuß, so mußte sich dieser Bau verhalten zu dem, was drinnen gepflegt worden ist. Das hat sich auch nicht nur nach meiner Überzeugung, sondern nach der Überzeugung von vielen wirklich ergeben. Wir haben Eurythmie-Vorstellungen gehabt, Vorstellungen aus der Kunst, die in der Bewegung eine besondere Sprache hat, wo das Bühnenbild in bewegten Menschen oder Menschengruppen besteht, und die Bewegungen nicht Tanzbewegungen und nicht mimische Bewegungen sind, sondern eine wirklich sichtbare Sprache, wir haben da eine ausdrucksvolle Bewegungskunst entwickelt auf der Bühne des Goetheanums. Die Linien, in denen die menschliche Seele sich ausgelebt hat in der eurythmischen Kunst, sie harmonisierten sich in einer schönen Weise mit den Linien an den Architraven, den Linien an den Kapitalen der Säulen, mit der ganzen Form des Baues, mit der Malerei des Baues. Was darinnen gepflegt wurde, und die äußere Umhüllung waren eines. Wenn vom Podium aus gesprochen wurde, wenn dasjenige, was in geistiger Anschauung erkannt worden war, in Worte geprägt wurde und in den Zuschauerraum hineintönte, so war das, was man vom Podium aus sprach, der Kern; das, was im Innern lebte. Die künstlerische Form mußte dem Kern entsprechen. Der Baustil in allen seinen Einzelheiten mußte aus demselben Impuls, aus denselben Quellen hervorgehen wie die Anthroposophie selbst. Denn die Anthroposophie ist keine abstrakte theoretische Erkenntnis, sondern ein Ergreifen des Lebens, des vollen Lebens. Sie wird daher von selbst zur Kunst. Sie erfüllt, was wiederum Goethe gesagt hat: «Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion, wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.»

Ich möchte sagen: Als etwas, in dem zusammengefaßt ist alles das, was an Formen lebte, und was jemals gesagt oder künstlerisch hätte dargestellt werden können im Goetheanum, sollte dienen eine neun Meter hohe plastische Gruppe aus Holz, in der der Menschheitsrepräsentant als Christus dargestellt war in der Versuchung von Ahriman und Luzifer. Nicht als ob Anthroposophie mit irgendeiner Sektenbildung etwas zu tun hätte. Anthroposophie ist weit davon entfernt, irgendeiner religiösen Überzeugung gegnerisch gegenüberzutreten oder etwa gar eine neue Religion begründen zu wollen. Aber Anthroposophie hat die Möglichkeit, zu zeigen, wie nach dem Höhepunkte der religiösen Entwickelung, nach dem Menschheits-Repräsentanten Christus hin, nach dem im Leibe des Jesus von Nazareth verkörperten Christus-Gotte, wie nach dem hin auch die wirkliche Geist-Erkenntnis hintendiert, wie man das Bild dieses Mittelpunktes aller Erdenentwickelung, das Bild des Geheimnisses von Golgatha, in der Geist-Erkenntnis braucht. Religiös gestimmt wird der Mensch ganz gewiß durch Anthroposophie, eine Religionsgründung aber ist Anthroposophie nicht. Was Anthroposophie künstlerisch im Goetheanum hat leisten wollen, das sollte eben hervorgehen aus denselben Impulsen, aus denen auch das gesprochene Wort, der Gesang hervorgeht. Und man kann ja sogar das sagen: Trat man auf das Podium - ich möchte in aller Bescheidenheit das aussprechen -, so waren die Formen der Säulen, die ganze Form der Innenarchitektur, der Innenplastik und der Innenmalerei, alles das war wie eine Mahnung, die Worte in einem Sinne zu halten, der an das Wesen des Menschen wirklich heranging. Es war wie eine fortwährende Aufforderung an den Redner, in würdiger Weise sein Wort hineinzustellen in diesen Bau. Also eine äußere Umhüllung für die Anthroposophie, die ganz aus dem Geiste der Anthroposophie heraus, aber für das sinnliche Anschauen da war, sollte der Bau sein. Da war nichts Symbolisches, nichts Allegorisches. Der ganze Bau war so geschaffen in seiner Architektur, in seiner Plastik, in seiner Malerei, in allem, was an ihm war, daß dasjenige, was lebendig in Geistesschau ergriffen wurde, sich auslebte; nicht indem man verstandesmäßig symbolische Formen brachte, sondern was man an lebendigen Ideen, an bewegten innerlichen Gedanken über die geistige Welt hatte, das lebte sich aus in der unmittelbaren künstlerischen Empfindung, in der unmittelbaren Anschauung. Im ganzen Bau war kein Symbolum, und wenn man sagt, der Bau hätte etwas Symbolisches gehabt, so redet man eben so wie diejenigen, die über Anthroposophie reden, ohne sie kennenzulernen. Und so war der Bau für das Auge, was Anthroposophie für die Seele des Menschen sein soll. Anthroposophie soll ja sein diejenige Geistesart, welche erkennt, wie die Sehnsucht nach einer Erschließung des Übersinnlich-Geistigen die gegenwärtige Menschheit durchzittert und durchzuckt, wie die gegenwärtige Menschheit durch ihre wissenschaftliche Erziehung, die ganz allgemein populär werden will und schon in gewissem Grade geworden ist, nicht mehr stehenbleiben kann bei überlieferten Glaubensvorstellungen, wie Erkenntnisvorstellungen kommen müssen, die auch in die übersinnliche Welt hinaufstreben, und wie Unruhe und Unbefriedigtheit der Seele aus dem Nichtvorhandensein solcher Erkenntnisvorstellungen hervorgehen.

Anthroposophie will der Gegenwart dienen, um in der rechten Weise dem zu dienen, was die Menschen von dieser Gegenwart aus in die nächste Zukunft hinein brauchen. Was Anthroposophie unsichtbar den Menschenseelen sein will, als Hülle, als Heim, das hat das Goetheanum für das Auge sein wollen. Wäre das Goetheanum nur ein symbolischer Bau gewesen, der Schmerz um seinen Verlust wäre kein so großer, denn man könnte ja in der Erinnerung die Sache immer wieder wachrufen. Aber das Goetheanum war nichts für die bloße Erinnerung. Das Goetheanum war etwas, was, wie jedes Kunstwerk sich unmittelbar der Anschauung, sich unmittelbar der Sinnenwelt hinstellen will, was vom Geiste für die Sinnenwelt künden wollte. Daher ist mit dem Niederbrennen des Goetheanums alles das verloren, was das Goetheanum hat sein wollen. Aber es hat vielleicht doch gezeigt, daß Anthroposophie nichts einseitig Theoretisches sein will, nicht eine bloße Erkenntnis sein will, sondern ein Lebensinhalt nach allen Seiten sein kann und sein soll. Deshalb mußte sie in einem eigenen Stil ihr Heim erbauen.

Es wollte das Goetheanum den Geist vor das Auge stellen, den die Anthroposophie vor die Seele stellt. Und es soll die Anthroposophie vor die menschliche Seele stellen, was diese Seele eigentlich aus dem innersten Bedürfnis der Neuzeit heraus für eine Anschauung, eine Erkenntnis, ein künstlerisches Erfassen der geistigen Welt verlangt, was die Seelen verlangen, weil sie immer mehr und mehr fühlen, daß sie nur dadurch, daß sie die volle Menschenbestimmung erleben, die volle Menschenwürde erfühlen können. Das Goetheanum, es konnte abbrennen. Eine Schicksalskatastrophe hat es hinweggenommen. Der Schmerz derjenigen, die es lieb gehabt, ist wegen seiner Größe nicht zu schildern. Dasjenige, was aus denselben Quellen, aus denen die Anthroposophie fließt, und durch sie der Menschheit dienen will, für das sinnliche Auge geschaffen werden mußte, das mußte aus physischem Stoff geformt werden. Und wie der menschliche Leib selber gerade nach meiner heutigen Schilderung das sinnliche Abbild und die sinnliche Wirkung des ewigen Geistigen ist, dann aber mit dem Tode abfällt, so daß sich das Geistige in anderen Formen entwickelt, so konnte auch dasjenige - lassen Sie mich jetzt die Betrachtung schließen, indem ich sozusagen das Dornacher Unglück vergleiche mit dem, was sich auch sonst im Weltenlaufe vollzieht -, so konnte dasjenige, was aus Stoff geprägt werden mußte, um fürs Auge hingestellt zu werden, von den physischen Flammen verzehrt werden. Das aber, was Anthroposophie soll, das ist aus dem Geiste heraus gebaut; über das können nur Flammen des Geistes kommen. So wie das menschliche Geist-Seelische über das Leibliche siegt, wenn dieses vernichtet wird im Tode, so fühlt sich Anthroposophie lebendig, trotzdem sie ihr Dornacher Heim, das Goetheanum verloren hat. Und gesagt werden darf: Physische Flammen, sie konnten, was für das Auge aus dem äußeren physischen Stoff auferbaut werden mußte, zerstören; was als Anthroposophie da sein soll zur Weiterentwickelung der Menschheit, das ist aus dem Geiste heraus gebaut, das wird durch die Flammen des geistigen Lebens nicht aufgezehrt, nicht getötet. Die Flammen des geistigen Lebens sind nicht verzehrende Flammen, sie sind verstärkende Flammen, sie sind Flammen, die erst recht Leben geben. Und dasjenige Leben, das als Erkenntnisleben der höheren Welt durch Anthroposophie sich offenbaren soll, das muß durch die Flammen höchster menschlicher, seelischer und geistiger Begeisterung gehärtet werden. Dann wird Anthroposophie sich weiter wandeln.

Wer so im Geistigen lebt, der empfindet zwar nicht minder den Schmerz über den Hingang des Irdischen, allein er weiß auch, daß das Erheben über all das darin liegt, daß man weiß, gerade durch die Geist-Erkenntnis gelangt man zu der Überzeugung: Der Geist wird doch immer über den Stoff siegen und sich immer neuerdings in Stoff verwandeln.

German original of What was the Purpose of the Goetheanum? · ← Previous · Next →