What is the Purpose of Anthroposophy and the Goetheanum?

GA 84 — 15 April 1923, Dornach

II. Das Seelenleben des Menschen und Seine Entwickelung zur Imagination, Inspiration und Intuition

Ich habe gestern versucht, über die Wesenheit des Menschen und die Wesenheit des menschlichen Lebens einiges von dem Gesichtspunkte aus zu betrachten, der sich ergibt, wenn man das menschliche Leben in seiner Vollständigkeit vor die Seele hinstellt. Ich sagte, es verfließt dieses menschliche Leben nicht bloß während des Tagwachens, sondern ungefähr ein Drittel des menschlichen Gesamtlebens verfließt im Schlafe. Und wir stehen zunächst, wenn wir nur das gewöhnliche menschliche Bewußtsein ins Auge fassen, so vor diesem Menschenleben, daß, wenn wir erinnerungsgemäß ins Erdendasein zurückblicken, wir eigentlich nur immer die Tage, diejenigen Zeiten unseres Lebens, die wir wachend zubringen, im Gedächtnisse haben. Wir übersehen gewissermaßen immer dasjenige, was in der Zeit verläuft, die wir verschlafen haben. Nun muß ja allerdings gesagt werden: Für das, was wir äußerlich für die Erdenkultur, das Erdenleben zu schaffen haben, kommt unser waches Tagesleben in Betracht; es handelt sich aber darum, ob auch nach dem Innern,des Menschen hinein nur diejenigen Vorstellungen in Betracht kommen, die sich im wachen Tagesleben vor dem gewöhnlichen Bewußtsein abspielen.

Daß das nicht der Fall ist, kann schon eine oberflächliche Betrachtung lehren. Allein diejenigen Betrachtungen, die ich heute und in den letzten Tagen dieser Woche anstellen will, werden zeigen, daß allerdings die Ereignisse, die die menschliche Seele vom Einschlafen bis zum Aufwachen erlebt, verborgen bleiben, daß diese Ereignisse aber für das Innere des Menschenwesens auf Erden ungleich wichtiger noch sind als die Ereignisse, welche sich während des Tages abspielen.

Heute wollen wir zunächst in Fortsetzung des gestern Ausgeführten einiges betrachten, was sich wiederum aus einem Vergleiche des Schlafeslebens und des gewöhnlichen wachenden Lebens ergibt. Das Schlafesleben verläuft ja zum Teil in vollständigem traumlosen Schlaf. Da ist dann die Zeit, die wir mit unserem Erdenleben während dieses traumlosen Schlafes zubringen, falls sie Ereignisse für unser Leben enthält, ganz unbewußt. Aus dieser Unbewußtheit, aus dieser vollständigen Finsternis des Bewußtseins tauchen dann die Träume herauf, und aus den Träumen wachen wir entweder auf zum gewöhnlichen Bewußtsein, indem uns durch die Sinneswahrnehmung und durch die Verstandeskombination die irdische Wirklichkeit gegeben ist, oder auch wir schlafen aus dieser Wirklichkeit durch den Traum in das traumlose Bewußtsein hinein.

Machen wir uns noch einmal klar, worin eigentlich für die gewöhnliche äußere Beobachtung der Unterschied des Träumens von der äußeren Sinnesbeobachtung, die in Bildern und Verstandesbegriffen lebt, besteht.

Wir können sagen: Für viele Menschen enthält der Traum seinem Inhalte nach eine oftmals lebendigere Wirklichkeit, als diejenige ist, die im wachen Tagesleben abläuft. Aber es ist dies eine Bildwirklichkeit, der wir nicht mit unserem Willen, sondern zwangsmäßig mit der Seele folgen. Und wir können den Unterschied zwischen dem Verfolgen dieser Traumesbilder und dem Verfolgen der gewöhnlichen Wirklichkeitsbilder des wachen Tageslebens ganz genau angeben. Auf besondere philosophische Spekulationen wollen wir uns dabei nicht einlassen. Die könnten auch angestellt werden, wir wollen sie aber jetzt unterlassen. Wir wollen nur auf das hinschauen, was das ganz populäre Bewußtsein gibt. Da können wir sagen: Die Traumesbilder sind so, daß wir in ihnen leben. Wir leben in den Bildern selbst. Wir leben mit den Bildern. Beim wachen Tagesleben haben wir natürlich Farbenbilder, Tonbilder und so weiter in derselben Art vor uns wie im träumenden Erleben. Aber wir sind genötigt, diese Bilder, seien sie Gesichtsbilder, seien sie Tonbilder, Wärmebilder, Tastbilder und so weiter, gewissermaßen auf die harte Wirklichkeit zu beziehen. Wir sehen in der Tageswirklichkeit überall die Notwendigkeit, gewissermaßen auch mit unserem Willen auf das zu stoßen, was uns das Bild zeigt.

Das ist nicht der Fall bei der, nun, sagen wir Traumeswirklichkeit. Die Traumeswirklichkeit ist gewissermaßen, wenn ich mich grob ausdrücken darf, überall zu durchstoßen. Wir können den Gesichtspunkt, von dem aus wir die Wirklichkeitsbedeutung des Traumes beurteilen, nur innerhalb des wachen Tageslebens finden. Solange wir träumen, halten wir den Traum für Wirklichkeit, und wenn wir unser ganzes Leben träumen würden, so würde die Traumeswirklichkeit die einzige Wirklichkeit für uns sein. Wir brauchen uns gar nicht vorzustellen, daß dann das äußere Leben anders verliefe, als es jetzt verläuft. Wir könnten uns ja vorstellen, die einzelnen Menschen begegneten sich im Leben nicht durch ihren Willen, sondern durch Naturkräfte wie automatisch zueinander geschoben oder auch durch irgendwelche höheren Wesen zueinander geschoben. Wir könnten uns auch vorstellen, die Menschen würden an ihre Arbeit getrieben, von höheren Wesen oder von Naturkräften geschoben. Kurz, alles, was wir so im wachen Tagesleben vor uns haben, könnte geschehen. Wir brauchten nichts davon zu wissen. Wenn wir nur träumten, würden wir eine Traumeswirklichkeit vor uns haben. Wir würden gar nicht darauf kommen, irgendwie durch diese Wirklichkeit durchstoßen zu wollen auf eine andere Wirklichkeit. Wir wachen durch die naturgemäße Organisation unseres Organismus auf und gewinnen dann innerhalb der Sinneswirklichkeit den Gesichtspunkt, um den anderen relativen Wirklichkeitswert des Traumes zu beurteilen.

Also erst wenn wir diesen Lebensruck durchmachen vom Träumen zum Wachen, gewinnen wir den Gesichtspunkt, um den relativen Wirklichkeitswert des Traumes zu beurteilen.

Wir müssen uns nun aber fragen: Ist alles das, was wir während des Tagwachens erleben, wirklich wacher Zustand? Nun, ich habe gestern im einzelnen ausgeführt, daß das nicht der Fall ist. Ich habe im einzelnen ausgeführt, daß eigentlich nur unsere Vorstellungen, aber diese auch nur insofern sie die äußere Wirklichkeit abbilden, uns ins Wachen versetzen. So daß wir eigentlich nur in unseren Vorstellungen wachen. In unseren Gefühlen haben wir keine andere Wirklichkeit in bezug auf die Seelenverfassung vor uns als im Traume; nur daß der Traum uns in Bildern erscheint, die Gefühle in jener Unbestimmtheit, mit der sie eben aus den Tiefen des Seelenlebens heraufkommen.

Ist man aber nicht ein gewöhnlicher Psychologe, der alles nach irgendwelchen Vorurteilen zurechtschmiedet, sondern geht man unbefangen beobachtend auf den Gefühlsinhalt der Seele, so sieht man, wie die Gefühle, die ja allerdings gegen das Vorstellungsleben, wenn ich mich so ausdrücken darf, heraufschießen, eine Verschwommenheit, ein fluktuierendes Ineinanderübergehen zeigen wie die Traumbilder. Fühlend träumen wir auch, wenn wir wachen. Nur weil, ich möchte sagen, die Substanz, in der die Traumbilder erscheinen, anders ist als die Substanz der Gefühle, kommen wir nicht darauf, daß eigentlich alles Fühlen nur die Wirklichkeitsbedeutung hat, die der Traum auch hat. So daß, während wir wirklich wachend vorstellen, unsere Vorstellungen fortwährend durchflutet werden von den unbestimmten subjektiven Gefühlsinhalten.

Stellen Sie sich lebhaft vor, wie beim Aufwachen hereinspielen die Traumbilder in das wache Tagesbewußtsein, wie in den Traumbildern alles fluktuierend vergrößert, verkleinert ist — je nachdem -, so werden Sie sich sagen können: Da kommt, scheinbar natürlich, in Bildern etwas an den Menschen heran, was sonst im Gefühlsleben wiederum verschwommen, die Dinge subjektiv vergrößernd, verkleinernd, von innen heraus an den Menschen herankommt.

Und mit Bezug auf unser Wollen sind wir auch im Wachen im tiefen Schlaf. Wir wissen ja vom Wollen nur die Absichten. Das sind aber Gedanken, Vorstellungen. Wenn ich einen Spaziergang machen will, habe ich zunächst die Vorstellung, diesen Spaziergang zu machen. Dies ist meine Absicht. Wie nun diese Absicht stetig in meinen Organismus hineingeht, das zeigt ja das gewöhnliche Bewußtsein ebensowenig, wie es das zeigt, was vom Einschlafen bis zum Aufwachen verfließt. Den Erfolg kann ich wiederum erst an der Bewegung ermessen, die ich mache, an der Veränderung der Aspekte, die vor mir auftreten, wenn ich den Spaziergang mache - also wiederum an Vorstellungen. Was zwischen der Vorstellung der Absicht und der Vorstellung des Erfolges eigentlich im Organismus vor sich geht, das verschlafe ich für das gewöhnliche Bewußtsein ebenso, wie ich das verschlafe, was sich abspielt vom Einschlafen bis zum Aufwachen.

So können wir sagen, daß der Mensch wollend, auch wenn er wacht, im tiefen traumlosen Schlaf ist, daß er fühlend träumend ist, auch wenn er wacht, und daß er nur in einer gewissen Weise wach ist, wenn er in Vorstellungen lebt. Aber wenn der Mensch wirklich ehrlich nach seinem Innern hinschaut, so merkt er: diese Vorstellungen sind auch nur wach in bezug auf die äußere Natur, nicht in bezug auf ihr eigenes Leben. In bezug auf das eigene Leben der Vorstellung kann der Mensch nicht zu einem rechten Wachen kommen. Man muß sich nur klar sein darüber, wie ja für die meisten Menschen, wenn sie nichts Außerliches vorstellen können, eine vorstellende Tätigkeit überhaupt nicht mehr vorhanden ist. Aber das ist ja eigentlich nur deshalb, weil insbesondere in der heutigen Kultur der Mensch an die Außenwelt hingegeben ist, so daß wir dieses Hingegebensein vergleichen können mit dem Dasein in einer tosenden, brausenden Welt.

Denken Sie sich einmal, hier spiele jemand Piano oder irgendein Instrument, und da draußen tosten die Maschinen in einer ganz außerordentlichen Weise. Sie würden die Maschinen hören. Das Piano würden Sie wenig wahrnehmen können, besonders wenn Sie etwas weiter weg davon wären. So ist es im Grunde genommen auch gegenüber dem, was eigentlich im Innern des Menschen von der Denktätigkeit lebt. Nur müssen wir da den Vergleich richtig gebrauchen. Wenn wir heute die äußere Naturwissenschaft lernen, wenn wir da alle die Begriffe aufnehmen, die in der äußeren Evolutionslehre dem Menschen gebracht werden, dann ist das im Grunde genommen ein Denkgetöse, ein Denklärm. Und dieser Denklärm, dem sich der heutige Mensch, insbesondere auch wenn er Wissenschafter ist, hingibt, stört ihm die feinere Wahrnehmung der inneren Denktätigkeit. Daher verschläft er auch die innere Denktätigkeit.

Ich habe in meiner «Philosophie der Freiheit» auf dieses reine Denken, das nicht etwas Äußerliches denkt, sondern das ganz im Innern des Menschen verläuft, hingewiesen. Aber ich bin mir auch bewußt, daß ich mit diesem reinen Denken eigentlich etwas geschildert habe, von dem viele unserer Zeitgenossen sagen, das gibt es ja gar nicht; so wie derjenige, der das Getöse von Maschinen da draußen hören würde und das Piano nicht, sagen würde, das gibt es ja gar nicht.

Aber wenn das so ist, können wir etwas außerordentlich Wichtiges daraus ersehen, nämlich dieses, daß wir eigentlich nur für das Denken, insofern es einen äußeren Naturinhalt hat, wachen, daß wir aber in bezug auf die innere Tätigkeit, die wir da vollbringen, schon höchstens träumen. Außerdem träumen wir die Gefühle und verschlafen den Willen. Also die Seelentätigkeit, dasjenige, was uns im Innern lebt, das ist im Grunde genommen nicht erwacht, wenn wir für die Sinneswelt wachen. Wir schlafen fort, auch während des Tagwachens, für unsere Denktätigkeit, für das Fühlen, für das Wollen. Wir wachen nur für die äußere Natur auf. Und dieses Aufwachen, das bilden wir ja noch durch Instrumente, durch Experimentiermethoden aus und gelangen dadurch gerade zu der bedeutungsvollen Naturwissenschaft der Gegenwart. Die muß entstehen, indem sich die äußeren Vorgänge gewissermaßen in den Vorstellungen spiegeln. Aber wir wachen nicht in demselben Maße für unser Denken, Fühlen und Wollen auf. Und wer unbefangen betrachten kann, wie sich eigentlich der Traum von der äußeren physisch-sinnlichen Wahrnehmungswelt unterscheidet, der wird das Seelenleben nach Denken, Fühlen und Wollen nichtähnlich finden demjenigen, was äußere sinnliche Wahrnehmungseindrücke sind, sondern er wird dieses Seelenleben höchstens ähnlich finden seinem bedeutsamsten Elemente, dem Träumen. Mit Bezug auf unseren Seeleninhalt träumen und schlafen wir eigentlich fortwährend. Wir wachen nur zum Naturinhalte auf. Wir wachen gar nicht zu unserem Seeleninhalt auf im gewöhnlichen Bewußtsein, da schlafen wir sanft fort. Und wir sagten ja: Die Traumesbilder sind gewissermaßen so, daß man sie durchstoßen kann, daß sie nicht auf einer harten äußeren Wirklichkeit aufliegen, die dem Willen unterliegt. So ist aber unser Seeleninhalt auch. Er lebt in Bildern. Und wer die Fähigkeit hat, Qualitäten zu vergleichen, nicht bloß Quantitäten, der wird schon finden, daß, wenn er dem Trauminhalt Bildcharakter beilegt, der zunächst nicht auf eine Wirklichkeit weist, er dem eigenen Seeleninhalt auch Bildcharakter beilegen muß.

Dann aber entsteht daraus gerade eine bedeutungsvolle Frage. Lebe ich in Träumen, so wache ich zu der physischen Wirklichkeit auf, fühle mich dann dadurch, daß ich mit meinem Willen in meinen Leib eingeschaltet bin, mit der physischen Wirklichkeit als mit einer Realität verbunden, und ich spreche vom Gesichtspunkte dieser physischen Wirklichkeit aus dem Traum höchstens eine relative, eine ganz andersartige Realität zu.

Kann ich nun - so ist die Frage - in derselben Weise für das Seelenleben aufwachen, wie ich für die Natur aufwache? Kann ich mich einschalten, wie ich durch meinen Willen, den ich in meinen Leib hineinrücke, die Traumesbilder einschalte in das, was die Struktur der Wirklichkeit ist, kann ich ebenso das Denken, Fühlen und Wollen durch ein höheres Erwachen einschalten in eine entsprechende Wirklichkeit? Das, sehen Sie, ist die Frage: Kann ich für das Seelenleben ebenso aufwachen, wie ich für die Natur aufwache? Der Naturinhalt, den ich als Mensch während des Erdendaseins mit der äußeren physisch-sinnlichen Wirklichkeit erlebe, erscheint mir bildhaft im’ Traume. Aber das ganze Seelenleben erscheint mir auch nur bildhaft wie im Traume. Also, kann ich für das Seelenleben aufwachen?

Ja, man kann aufwachen. Man kann dadurch aufwachen, daß man sich eben durch solche Übungen, wie ich sie angegeben habe in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft», zunächst das Denken verschärft, verinnerlicht, daß man nicht bloß sich anregen läßt zu einem Gedankeninhalt von . außen, sondern daß man sich einen überschaubaren Gedankeninhalt, der einem nicht suggeriert wird, von innen gibt, dann auf diesem Gedankeninhalt ruht, sich konzentriert auf einen solchen aktiv von innen der Seele gegebenen Gedankeninhalt. Dann kommt man auf diese Weise nach und nach zum wirklichen Bewußtsein des Denkens.

Man hat ja gar nicht das Bewußtsein des Denkens, wenn man sich für die Vorstellungen nur von außen anregen läßt. Nur wenn man immer wieder und wiederum sich von innen zum Denken anregt durch Meditation, durch Konzentration auf Gedankeninhalte, dann wird man sich gewahr innerhalb des Denkens. Dann geht einem auf, daß man eigentlich in diesem Denken lebt, aber daß man es nur nicht weiß, wenn man sich allein von außen anregen läßt. Das Denken wird auf diese Weise lebendig, während es sonst abstrakt und tot ist. Das Denken wird etwas, was nicht bloß in den Denkschatten besteht, die wir von außen bekommen, sondern etwas, was sich wie ein Seelenblut innerlich regt. Man wird wie ausgefüllt mit einer zweiten Menschlichkeit.

Die Gedanken werden lebendige Kräfte, Bildekräfte, wie ich sie auch in meinem Buche «Theosophie» genannt habe. Und man wird gewahr, daß man das Denken eigentlich als einen zweiten Leib in sich trägt, als den Ätherleib, als den Bildekräfteleib; denn man wird gewahr, daß dasjenige, was sonst nur abgeschattet in Gedanken besteht, eigentlich dieselben Kräfte sind, die unser Wachstum bewirken. Man zieht sich zurück in das Wachstum seines menschlichen Wesens, und man kommt darauf, wie das, was als die Prozesse, die sonst bloß chemisch verlaufen würden nach Maßgabe der Eigentümlichkeiten der Stoffe, die wir aufnehmen, wie das durch dieselbe innere Geistleiblichkeit, ätherische Leiblichkeit, die unsere Gedanken bildet, verarbeitet wird, wie wir ein einheitlicher innerer Mensch werden durch diese innerlich lebendigen, sich regenden Gedanken. Man lernt also in sich einen zweiten Menschen auf diese Weise kennen.

Aber man kommt noch auf etwas anderes. Dieser zweite Mensch, den man da kennenlernt, der ist nicht etwa bloß eine Wolke, die den räumlichen physischen Leib unbestimmt ausfüllt. Dieser zweite Mensch ist eigentlich in fortwährender Bewegung, und es ist gar nicht möglich, ihn in einem Momente festzuhalten. Sehen Sie, da ist es eigentlich so: Wenn wir den physischen Leib des Menschen in einem bestimmten Punkte des Lebens haben, dann können wir das, was wir so erleben, und was mit unserem Denken identisch ist — nur daß wir im gewöhnlichen Denken die Schatten der Gedanken haben, nicht die lebendigen Gedanken selbst — für einen Moment da hinzeichnen (siehe Zeichnung). Was als ein solcher zweiter Äther- oder Bildekräfteleib den Menschen durchzieht, ist eben nur für einen Augenblick festzuhalten. Im vorigen Augenblick war das ganz anders; im nächsten Augenblick wird es wieder anders sein, und so weiter zurück und weiter vorwärts.

Dadurch aber ergibt sich, wenn man im inneren, anschauenden Erleben darauf kommt, daß dieser Bildekräfteleib, der sich für das gewöhnlicheBewußstsein alsdie schattenhaften abstrakten Gedanken durchdrückt, überhaupt nichts Räumliches ist, daß er etwas ist, was in der Zeit verläuft. Das führt uns zurück als ein lebendiges Tableau bis zu einem gewissen Momente unserer ersten Kindheit. Ich will jetzt das schematisch zeichnen. \

Stellen wir uns vor, wir seien schon ein älterer Mensch in dieser Zeit; aber dieser Bildekräfteleib ist nicht auf eine Zeit beschränkt, sondern führt zurück bis in unsere Kindheit. Wir überschauen unser Leben nicht erinnerungsgemäß, sondern wie ein Tableau auf einmal. Was ich hier räumlich zeichne, ist zeitlich. Das führt jetzt zurück bis in unsere Kindheit, bis zu dem Zeitpunkt in unserer Kindheit, bis zu dem wir uns in der Regel erinnern.

Da ist jetzt auch dieser Ätherleib, dieser Bildekräfteleib. Aber wenn man durch sorgfältige Übungen die Fähigkeit erwirbt, bis dahin zurückzuschauen, dann kommt man bis zu dem Zeitpunkt, wo man als kleines Kind denken gelernt hat. Da ist es so, wie wenn man mit dem Denken, zunächst mit dem gewöhnlichen Denken, an eine Grenze käme. Für das gewöhnliche Bewußtsein, für die gewöhnliche Erinnerung kommt man an diese Grenze. In der Imagination kommt man weiter zurück an die andere Seite. Man schaut in denjenigen Seeleninhalt des Kindes hinein, den man gehabt hat, als man noch nicht hat denken können, als man als Kind sich hereingeträumt hat in die Welt. Denn in einem bestimmten Momente ist ja erst das Denken, und zwar nach dem Sprechen, aufgetreten.

Nun sieht man dadurch in die Zeit hinein, sieht, wie es war in der Seele, bevor man die schattenhaften abstrakten Gedanken gehabt hat. Da hat man eben noch das lebendige Denken gehabt. Und das lebendige Denken hat wuchtig plastizierend gearbeitet an dem menschlichen Gehirn, an der ganzen menschlichen Organisation. Später, wenn vieles von diesem Denken in die Abstraktheit hineingenommen wird, in das Tote hinein, da sind auch nur noch Reste für die Bearbeitung der menschlichen physischen Organisation da. Während man als Kind träumt, noch nicht denken kann, da ist das Denken regsam. Eben weil man im späteren Leben durch das Getöse der Welt nicht auf solches Denken hinschauen kann, kommt es auch gar nicht vor, daß man da in das Denken, das noch regsam tätig war, zurückblickt. Jetzt kann man zurückschauen. Und dann erscheint dieses Denken als die Summe der Kräfte, die einen eigentlich menschlich aufgebaut hat, als Wachstumskräfte, als Ernährungskräfte und so weiter. Man merkt, wie aus dem Ather der Welt, denn darinnen liegen diese Kräfte, die menschliche Organisation herausgebaut wird. Man kommt an den Ätherleib immer mehr und mehr heran. Man weiß, wie dieser Atherleib am tätigsten ist von außen herein in das Kind in den allerersten Jahren, wenn das Kind noch nicht denken kann, wenn es das Leben noch träumend verbringt. So rückt man zur Imagination vor.

Aber etwas kann einem bleiben. Man merkt es nicht, wenn man eben nicht unserer heutigen, in ihrer Wissenschaftlichkeit tosenden Kultur gegenüber Übungen macht, wie ich sie in den genannten Büchern angegeben habe. Dann aber kommt man darauf, daß einem etwas geblieben ist von diesem Denken von der anderen Seite her, wie man es als kleines Kind gehabt hat. Dieses Denken, das aufbauend, bildend ist für den Organismus, dem man seinen äußeren physischen Organismus erst verdankt, dieses regsame Denken habe ich in meinen Büchern das imaginative Denken genannt. Aber es bleibt einem eben etwas von diesem imaginativen Denken, und durch Übung kann man es auch im späteren Leben wieder erforschen, so daß man an den Ätherleib heran kann.

Ich habe schon gestern darauf aufmerksam gemacht, aber da nicht alle da waren, möchte ich noch einmal darauf hinweisen: Nehmen Sie das menschliche Auge, von dem menschlichen Auge den Sehnerv, der nach innen geht, sich im Auge ausbreitet. Wenn Sie mit dem Bildekräfteleib (lilarot), der im wesentlichen den äußeren physischen Nervenvorgängen (gelb) folgt, so weit gehen, daß Sie herankommen an diejenigen Vorgänge (rot), wo sich durch das Auge die Außenwelt spiegelt, dann haben Sie Wahrnehmung der äußeren Welt. Und was dann im Nerv sich festlegt — ich will jetzt nur dieses approximativ bezeichnen, es würde zuviel Zeit in Anspruch nehmen, wenn ich den genauen Vorgang schildern würde — das, was sich durch den Nerv festlegt im Bildekräfteleib, das kann dann immer wiederum zur Tätigkeit angeregt werden. Da kommt man mit der Tätigkeit des Bildekräfteleibes, des Nervensystems, bis dahin, wo die Nerven endigen (gelb). Man durchstößt gewissermaßen nicht den Nerv bis hinein zu den Vorgängen, die die äußere Welt spiegeln, man gibt nur dem, was in ihnen lebt im Bildekräfteleib, einen Anstoß, stößt diesen Bildekräfteleib bis dahin, wo die Nervenstumpfe auslaufen, dann bekommt man den Erinnerungseindruck. Der Erinnerungseindruck besteht im wesentlichen darin, daß man mit der inneren Tätigkeit bloß bis zu den Nervenendigungen kommt; während man für die Sinneseindrücke die Nervenendigungen durchstößt und bis an die hauptsächlich durch das Blut bewirkten Vorgänge in den Sinnen vorrückt.

Da sehen Sie die lebendige Tätigkeit des Bildekräfteleibes. Aber alles das, was Sie da in die Erinnerung hineinschieben, das muß ja ins Nervensystem hineingegangen sein, also rührt es her erst seit jener Zeit, seit wir denken gelernt haben als ganz kleines Kind. Was vorher war, das ist nun so-und wenn man jetzt durch Übungen das Denken geschult hat und zurückblickt, so sieht man dieses im Rückblick durch den zeitlich verlaufenden zweiten Menschen -: Da wird man gewahr, wie auf denselben Wegen, auf denen sonst die außen hineingehenden Eindrücke wiederum umkehren durch das Gedächtnis im Erinnerungsvermögen, wie da gewissermaßen von hinten hereinkommt dasjenige, was nun auch Tätigkeit des Bildekräfteleibes ist. Fortwährend hat man eigentlich diese zwei Tätigkeiten. Nur weiß der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein nur von der einen, von der Erinnerung. Man hat aber diese zwei Tätigkeiten: Das, was herrührt von den äußeren Sinneswahrnehmungen, die zurückgeschoben werden, wiederum bis an die Nervenstumpfe vorgeschoben werden können, so daß eben die Erinnerungsbilder auftauchen; man hat aber auch etwas, was gewissermaßen menschenschöpferisch von derjenigen Seite her in das ganze Nervensystem sich ergießt, wo man eben nicht in derselben Stärke wie an der Vorderseite des Körpers sinnlich wahrnimmt.

Von rückwärts — es ist das natürlich nicht ganz genau gesprochen — kommen die schöpferischen Kräfte in den Menschen herein: In der ersten Kindheit, wo man noch nicht denken kann, ganz mächtig, später schwächer. Das ist das Denken, das nicht aus der Sinneswelt, das aus dem gesamten Weltall genommen ist, das aus dem Weltenäther genommen ist, das wir uns aneignen, indem wir vom vorirdischen Dasein in das irdische heruntersteigen, das wir noch übermenschlich behalten bis zu dem Momente, wo wir denken lernen. In dem Momente, wo wir denken lernen, machen wir gewissermaßen nach dem fortlaufenden Strom unseres Lebens hin das Tor zu für dieses regsame Denken, für diese Entwickelung der menschlichen Bildekräfte im Bildekräfteleib, im Ätherleib. Für die äußere Sinneswelt denken lernen heißt: das Tor für die universellen weltenbildenden Gedankenkräfte zumachen.

Wir haben also, als wir in der Kindheit waren, das Tor für die weltenbildenden Gedankenkräfte zugemacht. Sie bleiben aber in uns, denn wir brauchen diese Bildekräfte in der ersten Zeit unseres Lebens fortwährend, solange wir wachsen als Wachstumskräfte, später als die Verarbeitungskräfte für das, was wir als Ernährung und so weiter in uns aufnehmen. Aber wir bemerken sie nicht. Wir bemerken nur dasjenige, was der Bildekräfteleib spiegelt aus den aufgenommenen Eindrücken, die dann in den Erinnerungen bis an die Nervenendigungen stoßen.

Aber wir können durch Übungen der Konzentration und Meditation dasjenige gewahr werden, was uns nun selbst aus dem Weltenätherischen herein bildet. Da werden wir in unserer Selbstwahrnehmung Vorgänge gewahr, welche auch in der Zeit verlaufen, die wir nicht aufgenommen haben durch äußere Eindrücke, sondern die nur den Strom nach der einen Seite haben. Wenn wir diese dann verfolgen bis zu dem Punkt, wo die Nerven auslaufen, wo wir sonst die Erinnerungen von äußeren Eindrücken haben, dann bekommen wir nicht nur das Bild unseres Ätherleibes, sondern das Bild davon, wie wir als Mensch im ganzen Weltenäther drinnen enthalten sind. Wir werden uns als zweiter Mensch gewahr. Wir lernen erkennen, wie die Ätherkräfte aus- und einziehen, und wie alles, was da als universelles Spiel der Weltenkräfte überall draußen ist und in uns hineinzieht, wie das dasselbe ist, was im Schattenbild das Weben der Gedanken in uns ist. Wir werden gewahr, wie die Gedanken in uns das Schattenbild des Ätherleibes sind, wie der Atherleib eigentlich ein Lebendiges ist, wie er ein Glied im ganzen Weltenäther ist. Wir haben die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis erstiegen.

Man könnte sagen: Was im Denken zum Vorschein kommt, ist eigentlich wie durch einen Spiegel gebildet (siehe Zeichnung). Da ist der Belag des Spiegels. So ist der Spiegel nach vorn, nach den Sinnen gerichtet (roter Pfeil). Das, was durch die Sinne aufgenommen wird, wird zurückgeworfen, kommt zum Bewußtsein, wenn es eben an die Nervenstumpfe kommt. Aber es gibt eben auch eine innere Tätigkeit, welche nicht so verläuft, sondern welche durch den Spiegel durchgeht (lila Pfeile). Verfolgen wir diese, dann haben wir einen Bildekräfteleib, der ein Teil der Bildekräfte des ganzen Universums ist. Dadurch aber sind wir gewissermaßen für das Denken an die andere Seite gekommen.

Was ist denn eigentlich dieses Üben, damit man zum imaginativen Denken kommt? Es besteht darin, daß, während man sonst immer bloß bis zum Spiegel seines Innern sieht, zu dem, was innen herausgespiegelt ist, was aber nichts anderes ist als die äußere Natur, man sich jetzt die Fähigkeit erwirbt, hinter den Spiegel zu sehen. Da ist nicht dasselbe, wie in der äußeren Natur; da sind die menschenschöpferischen Kräfte. Das ist die andere Seite des Denkens. Hier ist das tote Denken, auch abstraktes Denken genannt. Da ist das lebendige Denken. Und im lebendigen Denken sind die Gedanken Kräfte.

Das ist eben das Geheimnis bezüglich des Denkens, daß dasjenige, was man im gewöhnlichen Denken eigentlich in sich hat, nur das Schattenbild dessen ist, was das wahre Denken ist. Aber das wahre Denken durchzieht die Welt, ist als Kräftestruktur in der Welt, nicht bloß im Menschen.

Es ist gar nicht sehr gescheit, wenn der Mensch glaubt, das Denken sei nur in ihm. Das ist ungefähr so, wie wenn er Wasser aus einem Bache schöpft und das trinkt und nun die Meinung hat: Ja, meine Zunge, die hat fortwährend das Wasser hervorgebracht. Wir schöpfen das Wasser aus dem gesamten Wasservorrat der Erde. Wir geben uns dabei natürlich nicht der Illusion hin, daß unsere Zunge das Wasser hervorbringe. Nur beim Denken tun wir das. Da reden wir davon, daß das Gehirn das Denken hervorbringt, während wir bloß aus dem Gesamtdenken, das in der Welt universal ausgebreitet ist, schöpfen, was wir dann in uns als Gedankensumme haben.

Der Mensch gibt sich ja noch einer anderen Illusion hin, wenn er an sein Vorstellen denkt, einer Illusion, die ich mit folgendem vergleichen kann. Denken Sie sich einmal, hier wäre ein Weg, wie jetzt ungefähr der nach Arlesheim und Dornach hinunter, so ein weicher Weg! Da gehe ich nun drüber. Sie sehen dann die Spuren meiner Füße (siehe Zeichnung, rot). Jetzt kommt einer vom Mars, hat niemals so etwas auf der Erde gesehen, sieht da die Spuren. Menschen kennt er nicht, denn er kommt eben vom Mars, und es ist zu einer Tageszeit, wo noch keiner gegangen ist. Da sieht er die Spuren. Aha, denkt er, da ist die Erde, da sind die Spuren; da unten ist Erde, das da ist Substanz — das weiß er schon vom Mars her -, da unten in der Erdensubstanz sind allerlei Kräfte, schwingende Kräfte, oder was immer, meinetwillen Ionen oder Elektronen, was es halt sein kann. Diese Kräfte, die spielen unten, und die bewirken hier die Spuren, und deshalb sieht man die Spuren.

Der gute Marsbewohner irrt sich aber, er beachtet nicht, daß ich da drüber gegangen bin und die Erde gar nichts getan hat, diese Erde bis hinunter nach Arlesheim höchst unschuldig ist an diesen Spuren. Da unten sind keine Kräfte, die das bewirkt haben, daß sie konfiguriert worden ist, sondern das kam von außen.

Der Mensch gibt sich auch diesen Illusionen hin in bezug auf das Gehirn. Es sind auch solche Strukturen da, und er meint, daß von innen heraus diese Strukturen bewirkt werden, und daß das dann in den Gedanken erscheine. Aber es sind die von außen gemachten Spuren. Wir finden wirklich in dem Gehirn einen vollständigen Abdruck des Denkens. Man kann gar nichts Besseres tun als zu verfolgen, wie das Denken eines Menschen bis ins kleinste hinein in den Formen des Gehirnes abgebildet ist. Aber ebensowenig, wie die Fußspuren in der Erde da von unten herauf entstanden sind, ebensowenig sind diese Formationen des Gehirns von etwas anderem als von Eindrücken entstanden, die das lebendige Denken, das aus dem Weltenäther stammt, das im Weltenäther west und lebt, hineingegraben hat.

Das, was ich Ihnen jetzt sage, wird eben lebendige Anschauung, wenn man zu diesem imaginativen Denken vordringt. Und ebenso, wie man das Denken gewissermaßen von der anderen Seite erfassen kann, so kann man jetzt ein anderes Element, das man im normalen Menschenleben etwas früher erlebt, das Sprechen, auch gewissermaßen von hinten, von der anderen Seite erfassen.

Denken Sie sich einmal, Sie lassen die Luft durch Ihre Lunge, durch den Kehlkopf und durch die anderen Sprachorgane nach innen strömen. Durch die Formation des Kehlkopfes, durch die Formation der Zunge, des Gaumens und so weiter bilden sich nach außen die Laute. Wenn Sie diesen ganzen Vorgang von einem bestimmten Punkte des Organismus an verfolgen, so haben Sie nach außen gehend das Sprechen. Aber denken Sie sich, Sie verfolgen das Sprechen nicht von den Sprachorganen nach außen, sondern Sie verfolgen die Sache rückwärts (siehe Zeichnung, rot) bis zum Sprechen hin. Das kann man wieder nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, das muß man durch Übungen erreichen, daß man bis zu dem Punkt, wo das Sprechen des irdischen Lebens nach außen hin sich bildet, daß man bis zu diesem Punkte hin, wo die Sprache sich erst bildet, das Innere verfolgt. Das findet man nicht im physischen und nicht im ätherischen Leib, das findet man nun in einem noch höheren Gliede des menschlichen Organismus, als der Ätherleib oder der Bildekräfteleib ist, das findet man in dem, was ich in meinen Büchern den astralischen Leib genannt habe.

Was nach außen gesprochen wird, ist Sprache für das Erdenleben. Was gewissermaßen von hinten an den Menschen herankommt, was bis zu den Sprachorganen kommt, was nicht als Sprache nach außen tönt, sondern was da hereinspricht, das also, was nicht vom Kehlkopf nach außen als irdisch hörbare Sprache entsteht, sondern was von hinten kommt, am Kehlkopf aufhört, da stumm wird, statt daß da die Sprache beginnt, die eben irdisch hinausgeht: das ist eine geistige Sprache. Das ist etwas, was man die geistige Sprache nennen kann, die zu uns aus der geistigen Welt gesprochen wird.

Die Beeindruckung, die man dadurch erhält, das ist die Inspiration, in ganz rationellem Sinne jetzt gemeint. Diese Inspiration muß man dadurch herbeiführen, daß man das Bewußtsein, wiederum durch die Übungen, die ich in den genannten Büchern geschildert habe, abzieht von dem Hingegebensein an die äußeren Worte. Besonders stark war wiederum das, was da bis an den Kehlkopf beziehungsweise die Sprachorgane herandringt, und was aus der Welt zu uns spricht, während wir sonst durch unsere Sprachorgane zur Welt sprechen — besonders stark war dieses Inspirierende in der Kindheit, bis wir sprechen gelernt haben. Indem wir die äußere Sprache gelernt haben, haben diese Kräfte aufgehört, so zu wirken. Die sind jetzt nur noch in uns vorhanden, und wir erlangen sie, wenn wir uns zu der Gabe der Inspiration aufschwingen.

Dann werden wir ein drittes Element in uns gewahr, einen dritten Menschen, der nun nicht dem Raum und der Zeit angehört, der aber in uns kräftig und bildend ist. Das ist der astralische Leib. Das ist der astralische Leib, in dem die Vorgänge Inspirationen sind, wo wir erfahren, was eigentlich in Wirklichkeit hinter unserem Gefühlsleben sitzt. Das Gefühlsleben ist das Träumen von dem, was da inspirierend in uns einfließt. Und dieses Gefühlsleben hängt innig zusammen mit dem Atmungs- und Sprechprozeß.

Daher hat man in älteren Zeiten, wo man auf andere Weise in die geistige Welt hinaufwollte, auf diesen Atmungsprozeß, den innerlichen Atmungsprozeß eingewirkt durch Übungen. Und die alten Yoga-Übungen waren darauf berechnet, eben die Aufmerksamkeit hinzulenken auf das, was hinter der Sprache sitzt. Dadurch, daß man ein künstliches Atmen an die Stelle des natürlichen setzte, wurde man das gewahr, wie man überall etwas gewahr wird, wenn man vom Gewöhnlichen abweicht.

Denken Sie nur einmal, daß Sie in verschiedener Weise das Wasser in einem Flusse um sich herum wahrnehmen, wenn Sie mit der Schnelligkeit des fließenden Wassers schwimmen, oder wenn Sie langsamer oder schneller schwimmen. Wenn Sie mit der Schnelligkeit des fließenden Wassers schwimmen, so nehmen Sie einen gewissen Gegendruck nicht wahr. Wenn Sie langsamer schwimmen, nehmen Sie ihn wahr. Dadurch, daß der indische Yogi das Atmen in einer anderen Weise gestaltet, als es natürlich verläuft, dadurch nimmt er dasjenige wahr, was da im Atmungsstrom als Geistiges darinnen ist, jenes Geistige, wodurch wir unseren astralischen Leib haben, und wodurch wir wiederum in eine höhere Welt, als die Ätherwelt ist, hineinragen.

Für uns sind diese Übungen die richtigen — denn die Menschheit schreitet vorwärts —, die ich in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert habe. Aber Sie sehen, überall kann man hinweisen auf die konkreten Vorgänge, welche dem zugrunde liegen, was die Außenwelt so phantastisch findet, wenn in der Anthroposophie davon gesprochen wird, der Mensch bestehe nicht aus dem physischen Leib allein, sondern aus physischem Leib, ätherischem Leib, astralischem Leib und Ich. Wir werden davon dann das nächstemal reden. Aber diese Dinge sind nicht aus den Fingern gesogen, diese Dinge sind auch nicht erspekuliert, sondern durch ein sorgfältiges Forschen, das gerade die naturwissenschaftliche Methode weiterführt bis an den Menschen heran, bis an das Gesamtwesen des Menschen, zustande gekommen - allerdings ein Forschen, das davon abhängig ist, daß man die menschlichen Erkenntnisfähigkeiten immer mehr und mehr erhöht.

Worin besteht also die Imagination, durch die man in die Ätherwelt und in das eigentliche Atherleben eindringt? Diese Imagination besteht darin, daß man nicht nur bis in die Sinne hineinverfolgt die Vorgänge, die durch die Sinne erst nach rückwärts gestoßen sind und dann wiederum bis an die Nervenendigungen nach vorne gestoßen werden können, sondern daß man dasjenige, was aus dem Universum, aus dem Kosmos, von gleicher Art wie die Sinneswahrnehmungen ist, aber jetzt der übersinnlichen Welt angehört, daß man das gewahr wird, wie sonst nur die Erinnerungen.

Wird man die weltschöpferischen Kräfte gewahr, wie man sonst die Erinnerungen wahrnimmt, dann hat man imaginatives Wesen, dann erlebt man das Ätherwesen der Welt. Wird man gewahr hinter der Sprache dasjenige, was nun nicht vom Kehlkopf nach vorne hinausgeht, sondern von der anderen Seite aus dem Universum, aus dem Kosmos hereinspricht, aber an dem Kehlkopf verstummt, dann wird man durch Inspiration eine weitere Welt gewahr, der wir mit unserem dritten menschlichen Organismus, mit dem astralischen Leibe angehören.

Dabei zeigt sich allerdings eines. Hier in der physischsinnlichen Welthaben wir auf der einen Seite die physischen Vorgänge und auf der andern Seite die moralischen Impulse, die aus unserem Innern aufsteigen. Die stehen so nebeneinander, daß heute schon die Theologie gerne möchte, daß die Sinnenwelt nur sinnlich aufgefaßt werden sollte, und für die moralische Welt eine ganz andere Erkenntnisart da wäre. In dem Augenblick, wo man bis zur Inspiration vorrückt, wo man nicht nur in der Welt lebt, in der man spricht vom Kehlkopf vorwärts, sondern wo man in der Welt lebt, die da durch unseren ganzen Menschen hindurch spricht, aber am Kehlkopf verstummt, weil wir da das Tor vorschieben, wenn wir die äußere Sprache erlernen, so daß wir die äußere Sprache als ein Ersatzmittel gegen die Himmelssprache erleben — in dem Augenblick, wo wir uns in diese Welt hineinleben, die nun am Kehlkopf aufhört, dann erleben wir den Inspirationsinhalt der Welt, dann erleben wir die Geheimnisse der Welt, und dann erleben wir nicht bloß eine Natur, an die die moralischen Impulse nicht herankönnen, sondern wir erleben hinter dem natürlichen Dasein eine Welt, wo Naturimpulse, Naturgesetzmäßigkeiten und moralische Gesetzmäßigkeiten ineinander verwoben sind, wo sie eins sind. Wir haben den Schleier gehoben und haben eine Welt gefunden, in der Moralisches und Physisches ineinanderklingt. Und wir werden sehen, daß das die Welt ist, in der wir im vorirdischen Dasein waren, bevor wir zur Erde heruntergestiegen sind, in die wir wieder eintreten, nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen sind.

German original of The Soul Life of Man and its Development Towards Imagination, Inspiration and Intuition · ← Previous · Next →