What is the Purpose of Anthroposophy and the Goetheanum?
GA 84 — 27 April 1923, Prague
III. Die Seelenewigkeit im Lichte der Anthroposophie
Vom Gesichtspunkte der Anthroposophie sprechen, heißt heute noch in ganz begreiflicher Weise eine große Gegnerschaft haben, denn Anthroposophie will über Dinge des Lebens und der Wirklichkeit in einer Weise sprechen, wie es in unserer Zeit vielen als etwas ganz Absonderliches erscheint. Und insbesondere, wenn über ein Thema gesprochen wird, wie dasjenige, das für den heutigen Abend bestimmt worden ist, die Seelenunsterblichkeit, dann erheben sich ja sogleich gerade aus den mehr wissenschaftlich gebildeten Kreisen unserer Gegenwart heraus ganz gewichtige Stimmen, die da vermeinen, daß überhaupt vom Gesichtspunkte der Erkenntnis aus über solche Dinge gar nicht gesprochen werden könne, weil diese Dinge überlassen werden müßten den Glaubensvorstellungen, den Offenbarungen des ja nicht auf unmittelbarer Erkenntnis beruhenden menschlichen Fühlens, und weil in bezug auf sie nun einmal dem Menschen unübersteigbare Schranken seines Erkennens gesetzt seien.
Nun vermeint aber Anthroposophie, gerade über solche Dinge des Lebens sprechen zu können ganz in der Art, wie heute mit strengen Methoden und mit einer sich ihrer Verantwortlichkeit bewußt seienden Disziplin vom Gesichtspunkte der Naturwissenschaften aus gesprochen wird. Nur handelt es sich darum, daß Anthroposophie sich richten muß an Erkenntniskräfte, die zwar durchaus im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft vorhanden sind, aber vorhanden sind nur für die Ausgangspunkte ihrer Entwickelung, nicht aber für die weiteren Schritte. Und diese weiteren Schritte müssen gemacht werden, um gerade vom Gesichtspunkte einer wirklichen Erkenntnis aus, nicht von dem einer nebulosen Mystik, in die geistigen Gebiete des Lebens einzudringen. Der Ausgangspunkt muß dabei sein, was ich nennen möchte eine Vereinigung intellektueller Bescheidenheit auf der einen Seite und dem unbedingten Vertrauen in die Vervollkommnung der menschlichen Erkenntniskräfte auf der anderen Seite. Indem Anthroposophie zu einer Vereinigung dieser beiden Seelenimpulse führen will, kommt sie eben dazu, mit derselben Sicherheit über das sogenannte übersinnliche Gebiet etwas erforschen zu können, wie mit Hilfe der Sinne und der Naturwissenschaften heute mit so großem Glück und so sicherem Erfolg in das Gebiet der Sinnenwelt, des physischen Daseins, eingedrungen wird.
Was soll nun in diesem Zusammenhange intellektuelle Bescheidenheit genannt werden? Wir wissen ja, wir sind ausgegangen innerhalb unseres Seelenlebens von der kindlichen Seelenverfassung. Wir können ganz gut diese kindliche Seelenverfassung vergleichen mit einem Träumen, ja sogar in gewisser Beziehung mit einem Schlafe. Und ebenso, wie wir jeden Morgen erwachen aus dem gewöhnlichen Schlafe, so sind wir erwacht aus unserer kindlichen Seelenverfassung zu demjenigen, was uns Erkenntnisfähigkeit für die Wissenschaft und für die Zwecke des praktischen Lebens ist. Wenn man sich nun auf den Standpunkt intellektueller Bescheidenheit stellt, so sagt man sich: Diejenigen Kräfte, die du damals als kleines Kind gehabt hast, die hast du durch Erziehung und durch den Einfluß des Lebens und der Umgebung vervollkommnet, und du hast dich heranentwickelt zu demjenigen Gesichtspunkte, von dem aus du heute deine Erkenntnisse und deine Impulse für das menschliche Leben gewinnst. Man sagt das mit voller Intensität nicht ohne intellektuelle Bescheidenheit. Man sagt vielmehr: Von dem Gesichtspunkt, den ich mir einmal errungen habe, muß ich, wenn ich nur die richtigen, heute üblichen Methoden anwende, über alles Mögliche ein Ja und ein Nein sagen können. Ich muß auch entscheiden können darüber, was erkennbar ist und was in das Gebiet der bloßen Glaubensvorstellung zu versetzen ist. -— Dem tritt Anthroposophie gegenüber, indem sie geltend macht, daß ja vielleicht über das, was man sich an Seelenkräften als erwachsener Mensch errungen hat, ebenso hinausgeschritten werden könne, wie über die Erkenntnisfähigkeiten der träumerischen Seelenverfassung des kleinen Kindes. Natürlich kommt es ganz darauf an, ob ein solches Hinausschreiten wirklich gelingt, und von diesem Hinausschreiten möchte ich zu Ihnen heute abend mit Bezug auf das Gebiet der Seelenunsterblichkeit sprechen.
Andererseits hat aber Anthroposophie ein volles intensives Vertrauen eben dazu, daß die jeweilig vom Menschen errungenen Erkenntniskräfte immer mehr und mehr vervollkommnet werden können. Dadurch wagt sie sich auf einen solchen Weg der Vervollkommnung, und sie sagt zunächst etwa das Folgende: Wir haben nun einmal heute durch die großartigen Erfolge der Naturwissenschaften zunächst einen gewissen Erkenntnisbegriff errungen. Ist aber dieser Erkenntnisbegriff wirklich aus den vollen Tiefen des Lebens herausgenommen? Er ist gewiß berechtigt für alles dasjenige, was man für sein Gebiet anstrebt. Aber ist er aus den vollen Tiefen des Lebens herausgenommen, indem man gerade diejenigen Fragen des Menschendaseins betrachtet, die zusammenhängen erstens mit den tiefsten Sehnsuchten des menschlichen Lebens, zweitens aber mit alldemjenigen, was der Mensch das Bewußtsein seiner Menschenwürde nennt, drittens mit all demjenigen, woraus er herleitet, was den eigentlichen Sinn des Lebens bedeutet: die moralischen Impulse?
Das alles führt dennoch dahin, zu Hilfe zu nehmen auch gewisse Grenzgebiete und Grenzerscheinungen des Lebens, wenn es sich darum handelt, gerade über diese intimsten Bedürfnisse und Fragen namentlich des Seelendaseins Aufschlüsse zu gewinnen.
Nicht um etwa damit irgend etwas für die Erkenntnis Gültiges von vornherein sagen zu wollen, sondern um einen vergleichsweisen Ausgang zu gewinnen, lassen Sie mich auf etwas hinweisen, das sich als ein dunkles Gebiet und dennoch als ein viele Rätsel herausforderndes Gebiet ins Leben hereinstellt. Es ist das Gebiet, das ja der Mensch gut kennt, das Gebiet des Träumens, wie es der Mensch schlafend erlebt. Ich möchte ausdrücklich betonen: Nichts soll für die Erkenntnis ausgemacht werden dadurch, daß ich den Traum und den Schlaf anführe, sondern nur ein Ausgangspunkt soll gewonnen werden zu unserer heutigen Verständigung. Stellen wir uns einmal vor die Seele diese mannigfaltigen und bunten Bilderwelten, die uns der Traum vorgaukelt. Wir können gewiß sein, sie kommen aus denselben Tiefen des menschlichen Lebens, aus denen sonst unsere 'Tagesvorstellungen heraufkommen. Allein wir sind uns auch während des Wachens durchaus bewußt, daß wir es bei dieser so außerordentlich interessanten 'Traumwelt höchstens mit einer relativen Wirklichkeit zu tun haben, die wir nur verstehen können, wenn wir sie vom Gesichtspunkte des wachen Lebens heraus auffassen. Man kann sich ja immerhin zunächst hypothetisch vorstellen, der Mensch träume das ganze Leben hindurch, er hätte niemals in seinem Bewußtsein etwas anderes als die bunten, mannigfaltigen Traumbilder erlebt. Könnte da nicht das Leben trotzdem in derselben Weise verlaufen, wie es heute verläuft? Wir könnten durch gewisse Naturmächte oder Geistesmächte, ohne daß wir ein waches Bewußtsein hätten, zu unserer täglichen Arbeit und — wenn es auch einigen Hörern tadelnswert erscheinen mag — vielleicht sogar zur wissenschaftlichen Tätigkeit getrieben werden; wir könnten diese unsere Tätigkeit gewissermaßen schlafwandelnd verrichten. In uns selbst aber könnte nichts ablaufen als dasjenige, was wir als Traumwelt kennen; es würde dann die Außenwelt sich vollständig unterscheiden von dem, was wir im innerlichen Bewußtsein haben.
Wenn man sich das recht überlegt, so kommt man darauf, sich zu sagen: Diese Welt des Traumes, wir kennen sie ja niemals, wenn wir in ihr selber sind. Als eben unsere Wirklichkeit würden wir die Traumwelt ansehen, die wir von unserem Lebensanfang bis zum Lebensende in der geschilderten Weise bei unserer Tätigkeit träumen würden. Daß wir den untergeordneten Wirklichkeitswert des Traumes einsehen, hängt davon ab, daß wir den Lebensruck vom Schlaf zum Erwachen durchmachen, daß wir uns dessen — ich spreche jetzt nicht in philosophischer Erwägung, sondern vom Standpunkte des populären Bewußtseins aus — durch diesen Lebensruck bewußt werden. Wir schalten durch ihn dasjenige, was unser Menschenwesen ist, namentlich dasjenige, was willensartiger Natur ist, in unseren physischen Leib ein. Wer genau zusieht, weiß auch, daß alles das, was uns im wachen Leben durch die Sinne vermittelt wird, durchaus auf der Entfaltung des wirklichen Lebens in dem physischen Leibe während des Wachens beruht. Durch diese Einschaltung unseres Willens in den physischen Leib kommen wir zu dem Gesichtspunkte, von dem aus wir den untergeordneten Wirklichkeitswert des Träumens unterscheiden von jenem Wirklichkeitswert, den die Sinnenwelt für unser erwachendes Bewußtsein hat. Wir wissen nunmehr, wir stehen durch den in unseren Leib eingeschalteten Willen mit einer äußeren Wirklichkeit in Verbindung. Ich will wiederum darüber nicht in philosophischen Erwägungen, sondern ganz vom Standpunkt des populären Bewußtseins aus sprechen.
Nun entsteht die Frage: Könnte es vielleicht aus diesem gewöhnlichen Tagwachen heraus auf einer höheren Stufe ein zweites Erwachen, einen zweiten Lebensruck geben, durch den wir unsere Lebenskräfte in ein neues Element einschalten, wie wir unseren Willen einschalten, wenn wir aus dem Träumen heraus ins gewöhnliche Wachsein kommen? — Natürlich ist das nur eine Frage, und ihre Beantwortung hängt ganz und gar davon ab, ob man sich auf einen Weg begeben kann, der erstens innerlich sicher ist und zweitens von jedem Menschen durch eigene Anstrengung gegangen werden kann. Kämen wir zu einem solchen zweiten Erwachen, dann würden wir ja durch dieses zweite Erwachen einen Gesichtspunkt gewinnen, durch den wir den Wirklichkeitswert unseres wachen Lebens, von einer höheren Warte aus beobachtend, erkennen, wie wir ihn beim Traum von der höheren Warte des gewöhnlichen Bewußtseins beobachten.
Anthroposophie wendet sich nun zunächst, um es zu einem zweiten Erwachen zu bringen, an Seelenkräfte, wie sie nun einmal im gewöhnlichen Leben vorhanden sind, aber die doch durch die gewöhnliche Natur, die sie haben, schon andeuten, daß sie einer Entwickelung fähig sind. Nun wird ja selbst schon von Philosophen zugegeben, daß, was wir menschliches Erinnerungsvermögen, Gedächtnis nennen, hinweist auf eine, ich möchte sagen, mehr geistige Natur des menschlichen Seelenwesens; daß wir das Gedächtnis nicht so behandeln können, wie wir diejenigen Seelenfähigkeiten behandeln, die unmittelbar an die Eindrücke der äußeren Sinnenwelt gebunden sind. Halten wir uns wieder nicht an philosophische Erwägungen, sondern, so wie wir es im gewöhnlichen Bewußtsein halten, an das, was als Erinnerung im Menschen eine Rolle spielt. Durch die Erinnerung können wir Bilder heraufrufen von Erlebnissen, die wir durchgemacht haben vor vielen Jahren. Je nachdem wir so oder so veranlagt sind, sind diese Bilder lebhafter oder schattenhafter, aber sie stehen eben vor uns. Wenn wir uns dem gewöhnlichen Sinnenbeobachten hingeben, muß dasjenige, was wir vorstellen, gegenwärtig sein; das, was die Erinnerung gibt, ist nicht gegenwärtig, es kann lange vergangen sein. Wir zaubern gewissermaßen durch unsere vorstellende Kraft aus unserem eigenen Inneren vor unsere Seele etwas, was zwar einmal da war, was aber jetzt nicht mehr da ist, was kein gegenwärtiges Dasein haben kann. Dadurch gewinnen wir die Erkenntnis, daß wir in der Lage sind, aus dem menschlichen Innern Erkenntniskräfte hervorzutreiben, welche etwas nicht in der Gegenwart Vorhandenes vorstellen. Und die Frage entsteht: Kann vielleicht durch eine gewisse Weiterentwickelung der Seelenkräfte, wie wir sie entwickelt haben seit unserer ersten Kindheit, dasjenige, was unserer Erinnerungskraft zugrunde liegt, weiterentwickelt werden? Kann es so entwickelt werden, daß wir nicht nur dasjenige vorstellen, was gegenwärtig nicht da ist, aber einmal da war während unseres Erdenlebens, sondern daß wir etwas vorstellen, was überhaupt gar nicht da ist? Da würden wir den Lebensruck machen in eine höhere Wirklichkeit hinein, in eine Wirklichkeit, von der aus das gewöhnliche Erdenleben so erscheint, wie das träumende Leben gegenüber dem wachenden Bewußtsein.
Einen solchen Versuch zur Entwickelung dessen, was der Erinnerungsfähigkeit zugrunde liegt, macht nun die Anthroposophie, um durch die innere Lebenspraxis zu jenem zweiten Erwachen zu kommen. Sie wendet sich dabei an die menschlichen Gedankenkräfte. Sie sind es ja, die in Vorstellungen dasjenige heraufzaubern, was wir einmal erlebt haben. Und die anthroposophische Forschung verfährt dabei so, daß sie mit dem Gedanken etwas unternimmt, was eigentlich im heutigen Zeitalter mit dem Denken nicht unternommen wird. Das heutige Denken ist — und zwar von gewissen Gesichtspunkten aus mit Recht - mehr darauf ausgehend, sich hinzugeben an die Außenwelt. Die Eindrücke der Außenwelt zunächst auf die Sinne wirken zu lassen, sie zu verarbeiten durch Zählen, Messen, Wägen, sie mit dem Denken zu kombinieren, ist ein passives Denken, ein Denken, das der Mensch für um so sicherer hält in bezug auf die Erkenntnis, je mehr es passiv ist, je mehr es sich hingibt dem, was die äußeren Sinne und Organe aussagen. Ja, um dadurch nicht eine phantastische Erkenntnis zu gewinnen wie manche Philosophen, wendet sich die Anthroposophie derart an das Denken, daß sie dieses Denken weiter zu entwickeln sucht, als wie es im gewöhnlichen Leben ist. Dazu werden leicht überschauliche Vorstellungen, bei denen man zunächst gar nicht darauf sieht, was sie bedeuten, in den Mittelpunkt des gewöhnlichen Bewußtseins gerückt und man konzentriert das ganze Seelenleben auf solche Vorstellungen. Man zieht das Seelenleben von äußeren Eindrücken und dem Außenleben ganz und gar ab, indem man immer mehr sucht, dieses Seelenleben stärker und stärker zu machen auf einer oder einer Reihe überschaubarer Vorstellungen. Dabei kommt etwas heraus, was bei dem einen kürzer, bei dem anderen länger — je nach seiner Seelenanlage — dauert. Der eine braucht drei Monate, der andere viele Jahre. Wiederholt man diese Übungen in rhythmischer Folge, so kommt man in einiger Zeit dazu, etwas an seinem Seelenleben zu bemerken, was ich vergleichen möchte mit etwas im äußeren Leben: Wenn man einen Muskel immer wieder anstrengt, so erkraftet er, wird dadurch stark. Ebenso fühlt man das Seelenvorstellungsvermögen erkraften, indem es sich immer auf eine leicht überschaubare Vorstellung konzentriert; und man fühlt zuletzt, wie das ganze Denken in Aktivität kommt, wie wirkliches Leben, im wahren Sinne inneres Leben in dieses Denken einzieht. Man fühlt allmählich den großen Unterschied, der nicht nur ein bildlicher, sondern ein realer ist, zwischen dem toten und abstrakten Denken und jenem, zu welchem wir hinstreben und welches wir aufnehmen wollen zu einem innerlichen Leben im denkerischen Elemente.
Ich sagte, man muß von einer überschaubaren Vorstellung ausgehen. In dem, was ich Ihnen heute über die Übungen des Seelenlebens anführen werde, handelt es sich darum, daß jeder Schritt mit voller menschlicher Besonnenheit so verfolgt wird, wie sonst nur der Mathematiker seine Schritte verfolgt oder der Geometer, der sich bewußt ist, wenn er das eine aus dem anderen hervorholt, wie Figur an Figur sich schließt, wie Zahl auf Zahl folgt. Dieses Bewußtsein, welches der anthroposophische Forscher empfindet wie der strenge Mathematiker: Rechenschaft schuldig zu sein als Forscher — dieses Bewußtsein muß walten.
Dabei müssen natürlich ausgeschlossen sein alle Selbstsuggestionen, alles irgendwie Subjektive. Das kann aber niemals ausgeschlossen werden, wenn wir uns beliebige Vorstellungen aus unserem Seelenleben heraufnehmen; die haben viele Anklänge an das Leben in sich, die suggerieren uns vielfach irgend etwas. Wenn wir uns aber Vorstellungen zusammenstellen, die vielleicht gar keine äußere Bedeutung für uns haben, wie «Licht — Weisheit» — und immer wieder auf eine solche Vorstellung, deren Wirklichkeitswert uns dabei gleichgültig bleibt, uns mit dem ganzen Seelenleben konzentrieren, so erstarkt die denkerische Fähigkeit in uns. Dadurch gelangen wir dazu — wie gesagt, bei dem einen dauert es kürzer, bei dem andern länger -, zu wissen, was das heißt: Leben im Denken; denn es findet in der Tat nach und nach eine Art Loslösung eines höheren Menschen statt von demjenigen Menschen, von dem wir wissen, er wohnt in unserem physischen Leibe. So wie wir uns in unserem physischen Leibe bewußt werden, es ist etwas Lebendes, wenn wir die Beine bewegen, die Hände bewegen, so werden wir uns durch eine solche Übung bewußt: Es ist etwas Wirkliches, Lebendes, Reales, Lebenswirkliches, wenn ich mich in dem erkrafteten Denken bewege.
Man könnte grob sagen: Wir kommen endlich durch diese Krafterscheinungen, durch die man geistig tastet, wie man sonst mit seinen Fingern physisch tastet, dazu, einen höheren Menschen an uns zu erleben. Dadurch erfährt man nach und nach, wie man einen höheren Menschen, der in diesem Denken erlebt ist, losreißt vom physischen Menschen; und man ist beim übersinnlichen Erlebnis angekommen, beim Erlebnis des übersinnlichen Menschen, insofern er zwischen Geburt und Tod durchs Erdenleben geht. Dadurch, daß man sich da in der innerlichen Denkfähigkeit zur Beobachtung aufgeschwungen hat, kommt man dazu, daß man durch jene Denkfähigkeit den Raum überwindet, die Gegenwart überhaupt überwindet und zu einem Erleben in der Zeit kommt. Ja, man fühlt dasjenige, was man als den zweiten, losgelösten Menschen erlebt, nicht eigentlich als Raumesmenschen. Der ist der physische Mensch. Man findet, daß man den zweiten so erlebt als einen nur in der Zeit fluktuierenden Menschen. Und dasjenige, was man da erlebt, gliedert sich zu einer Art T’ableau zusammen, das in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit einen überschauen läßt das Erdenleben von allererster Kindheit bis zu dem Zeitpunkt, den man eben erreicht hat.
Es ist ein großer Unterschied zwischen den zwei Dingen: dem Lebenstableau und meinen Erinnerungen. Man könnte sagen: Ich kann mir ja auch dieses Erdenleben zusammenstellen aus meinen Erinnerungen. Ich kann mir aus meinem Gedächtnis zusammenstellen, was ich erlebt habe vor kürzerer oder längerer Zeit. Und wenn ich mir die Mühe gebe und wenn ich mir Zeit lasse, dann werde ich ein Gesamterinnerungsbild meines Erdenlebens haben. Und es könnte sein, daß ich mich darüber selbst täusche, daß ich bei einer solchen Überprüfung in meinem Lebenstableau, das überschaubar ist in kurzer Zeit, etwas habe, was mit Hilfe unterbewußter Seelenkräfte mir etwas ähnliches wie ein bewußtes Erinnerungsbild vor meinen Geist brächte. - Aber man bemerkt nach und nach, daß ein großer Unterschied ist zwischen dem, was man im Gedächtnis zusammenstellt, und einem solchen Seelenlebenstableau, das als eine erste übersinnliche Erkenntnis, zunächst als eine Selbsterkenntnis vor der Seele dasteht. Denn wenn man sich als Erinnerungsbild die Erlebnisse zusammenstellt, dann sieht man eigentlich immer dasjenige vor sich, was von außen auf einen gewirkt hat. Man sieht Menschen, Naturereignisse, die äußeren Dinge, die für einen Interesse haben.
Bei diesem Lebenstableau ist es ganz anders. Da hat man sozusagen viel weniger im Auge dasjenige, was von außen an einen herangekommen ist, sondern man hat dasjenige im Auge, was von innen heraus gewirkt hat. Habe ich einen Menschen im Leben kennengelernt, so erinnere ich mich durch dieses Lebenstableau viel weniger daran, wie er mir entgegengetreten ist, sondern welche Sehnsuchten in meiner eigenen Brust erregt worden sind, um gerade an diesem Menschen etwas Besonderes zu finden. Habe ich in diesem Lebenstableau irgendeine Naturerscheinung, so machen sich dabei nicht so sehr die interessanten Seiten der Naturerscheinung geltend, sondern diejenigen Impulse, die aus dem eigenen Menschenleben diese Naturerscheinung mit besonderer Sympathie oder Antipathie verfolgen. Dasjenige, was sich in diesem Tableau vor meine Seele hinstellt, das bin ich selbst, wie ich mich verhalten habe zu dem, was ich durchgemacht habe. Man könnte sagen, wenn man grobe Vergleiche ziehen will: Dieses Erinnerungstableau, das ich geschildert habe, das erst nach einer solchen Überprüfung erlangt werden kann, unterscheidet sich von einem gewöhnlichen, durch das Gedächtnis zustande gebrachten Erinnerungstableau so, wie der Eindruck im Petschaft vom Eindruck im Siegellack. Es ist wie das Negativbild zu dem Positivbild desjenigen, was wir durch das gewöhnliche Erinnerungsbild zusammenstellen können.
So sind wir zunächst, wenn wir die erste Stufe des seelischen Übens durchgemacht haben, zu einer wahren Selbsterkenntnis unseres Erdenlebens gekommen. Denn eine solche Selbsterkenntnis ist da. Immer mischen sich Nuancen hinein. In diesem Erinnerungstableau sieht man, was einen vorwärts gebracht hat; dann sagt man sich: Da ist etwas, was dich unvollkommen gemacht, zurückgebracht hat. -— Man stellt sich mit Menschenwert und Menschenwürde in dieses Erinnerungstableau, und man erlangt durch die erst geweckte Erkenntnis eine Vorstellung desjenigen, was man gegenüber der äußeren Wirklichkeit und den sinnlichen Kräften eigentlich erst jetzt berechtigt ist, den «Ather» der Welt zu nennen. Den Äther der Welt, der nur im Zeitlichen lebt und der uns in gewissem Maße ein Stück gibt zu dem, was ich jetzt als die erste Gestalt des vom physischen losgelösten höheren Menschen geschildert habe.
Aber man hat nicht vielerlangt mit diesem ersten Schritte. Willman mehr, so muß man eben unternehmen, diese Seelenübungen fortzusetzen. Die nächsten Seelenübungen bestehen darin, daß man einen stark aktivierten inneren Willen aufwendet, um die Vorstellungen aus dem Bewußtsein wieder fortzuschaffen, wie man einen Willen aufgewendet hat, um solche Vorstellungen zur Kräftigung des Wesens ins Bewußtsein hineinzustellen und sich darauf zu konzentrieren. Wie gesagt, es muß volle Besonnenheit herrschen wie beim Mathematiker. Denn es muß gesagt werden: Wir werden in einer gewissen Weise hingenommen mit unserem ganzen Seelenleben von der Vorstellung, die bald in den Mittelpunkt des Bewußtseins rückt. Und namentlich dann, wenn das Denken schon so lebendig geworden ist, daß wir nur diese Vorstellung selbst im Bewußtsein haben, und daß nicht nur solche Vorstellungen da sind, sondern daß auftritt wie in mächtigen Bildern in dem geschilderten Tableau das eigene innere Erleben — da wird man stark hingenommen von dem, was man in einem solchen bis zur Lebendigkeit gesteigerten Bilde vor der Seele hat. Es ist eine höhere Kraft notwendig, um solche Vorstellungen wieder fortzuschaffen aus dem Bewußtsein, als notwendig ist, um gewöhnliche Vorstellungen aus dem Bewußtsein wegzubringen. Man weiß ja übrigens, was es heißt, gewöhnliche Vorstellungen aus dem Bewußtsein wegzubringen. Man versuche sich das ehrlich zu gestehen.
Wenn die Sinne schweigen, überdies das sinnlich Wahrgenommene schweigt, wenn die Denkkombination schweigt und die Vorstellungen und Empfindungen gewissermaßen aus dem Bewußtsein fortgeschafft werden, dann schläft der Mensch ein. Wenn nicht die Anregung da ist durch das Vorstellungsvermögen, hat er nicht die Stärke, den wachenden Zustand aufrecht zu erhalten. Hat man aber jene Seelenstärke, die notwendig ist zu dem, was ich geschildert habe, dann hat man auch die Stärke, die erworbenen Vorstellungen, die auf diese Art durch ein inneres verstärktes Leben dann in uns hereinkommen, wiederum fortzuschaffen, das ganze Bewußtsein leer zu halten vom Vorstellen und dennoch wach zu bleiben. Nur wach sein, nichts vorstellen, das ist dasjenige, was als zweiter Zustand angestrebt werden muß: Inhaltleeres wachendes Bewußtsein! Aber dieses inhaltleere wachende Bewußtsein, man kann es innerlich gewahr werden, es bleibt aber nicht lange so. Hat man es jedoch einmal hergestellt, so tritt die zweite Stufe geistigen Erkennens ein. Dann wird man nicht nur gewahr das vorhin Geschilderte, das im Menschen lebt, dann drängt herein in dieses wache, inhaltsfreie Bewußtsein, in dieses leere Bewußtsein, der geistige Inhaltunserer Weltumgebung. Und der zweite Mensch, der sich erst losgelöst hat vom physischen, körperlichen Menschen, der seiner selbst bewußt war im Verlaufe seines ganzen Erdenlebens, der wird jetzt nicht nur seiner selbst bewußt sein, sondern er nimmt durch dieses höhere Selbstbewußtsein eine Geisteswelt seiner Umgebung auf. Wieder taucht vor unserer Seele etwas auf, was dem gegenwärtigen Menschen absonderlich und fremd erscheint, was aber doch in dem enthalten ist, was ich die zweite Stufe der geistigen Erkenntnis des Menschen, die Inspiration genannt habe. Eine exakte Inspiration tritt da auf; wie überhaupt alles dasjenige, was ich hier geschildert habe, nicht verwechselt werden darf mit dem, was man oft in einer nebulosen Mystik das sogenannte Hellsehen nennt. Will man diesen Ausdruck gebrauchen, so darf man nur sprechen von einer exakten Voyance, die nur beruht auf der Entwickelung der Seelenkräfte, so wie das mathematische Denken, das ja keine äußere Wirklichkeit in sich hat, sondern nur eine, welche innerlich geformt ist, und der nur das mathematische Denken hinzugefügt werden muß, wenn es sich auf die Sinneswelt erstreckt, wie beim Messen, Zählen, Wägen und so weiter.
Diesem, was man sich in einem innerlich lebendigen Denken gedacht hat, das nachgebildet ist dem besonderen mathematischen Denken, diesem lebendigen Denken muß hinzugefügt werden, was ich Ihnen hier geschildert habe. Und man kommt durch diese geistige Arbeit so zu einer Erkenntnis, wie wir durch das Messen, Zählen und Wägen zu einer Erkenntnis gelangen. Und dasjenige, was eintritt, ist ein Zustand des Seelenlebens, den man im gewöhnlichen Bewußtsein nicht kennt, weil man ihn nicht nötig hat. Ich möchte klarmachen, welcher Zustand des Seelenlebens eintritt, wenn waches leeres Bewußtsein erreicht ist.
Wir denken uns zunächst in einer modernen Weltstadt, mit allem ihrem Getöse, ihrem Lärm; wir kommen selbst nicht zur Ruhe, wir gehen selbst auf in diesem Lärm, in diesem Getöse. Dann entfernen wir uns vondieser Weltstadt— das Getöse, der Lärm werden immer stiller; wenn wir uns noch weiter entfernen, noch stiller. Wir stellen uns vor, wir kommen in die Einsamkeit des Waldes. Da ist eine Stille erreicht, die wir gegenüber dem Getöse der Stadt mit Null bezeichnen können in bezug auf das Lautsein. Stille um uns, Stille in uns. Aber nun kann noch etwas anderes eintreten, obwohl es im gewöhnlichen Leben nicht beobachtet wird. Da müssen wir uns eines zweiten Vergleiches bedienen. Sie wissen ja, wenn jemand ein bestimmtes Vermögen hat, so kann dieses Vermögen nach und nach ausgegeben werden; er besitzt immer weniger und weniger. Wenn er nichts dazuverdient, wenn er weiter ausgibt, dann ist er heruntergekommen bis zu Null. Wenn er gar nichts mehr hat und er noch weiter ausgibt, macht er Schulden; dann hat er weniger als Null. Die Mathematiker bezeichnen das mit negativen Größen, mit Minus. Nun stellen Sie sich vor: Wir sind heruntergestiegen von dem lauten Getöse, dem Lärm der Großstadt zur Stille Null und steigen weiter hinunter, und es wird stiller und ruhiger als Stille und Ruhe Null, so daß wir weniger um uns haben als bloß Stille, daß es stiller ist, ruhiger als ruhig. Das ist der Seelenzustand, der nach und nach eintritt, wenn wir hindurchgehen durch das leere aber doch wache Bewußtsein. Wir fühlen nach und nach ganz klar dasjenige, was ich nennen möchte: das tiefe Schweigen der menschlichen Seele. Dieses tiefe Schweigen ist nicht nur Ruhe, es ist mehr oder weniger, wie Sie wollen, als Ruhe. Es geht in bezug auf das Ruhigsein noch unter die Ruhe Null herunter. Dann aber tritt, wenn dieses tiefe Schweigen der Seele wirklich erlebt wird, alles dasjenige aus diesem tiefen Schweigen der Seele hervor, was um uns herum von geistiger Wesenheit ist. Und die volle Inspiration tritt ein.
Dann werden wir in die Lage versetzt, wenn wir dieses tiefe Schweigen der Seele erlebt haben, tatsächlich auch jetzt geistig zu hören dasjenige, was in der geistigen Welt lebt. Und es wird die gewöhnliche sinnliche Welt für uns zum Mittel, um das anzudeuten, was in dieser geistigen Welt lebt. Ich möchte ganz konkret von wirklicher geistiger Erkenntnis sprechen. Es tönt aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus etwas, was auf mich den Eindruck macht: es erregt mich, es geht mit einer gewissen Lebendigkeit auf mich los. Ich sage, das ist etwas, was auf mich den Eindruck macht, wie bei einem lebhaften Seelenleben die gelbe Farbe auf mich Eindruck macht. Dann habe ich in der Sinneswelt etwas, wodurch ich ausdrücken kann, was ich in der geistigen Welt erlebt habe. Ich bezeichne diese Erkenntnis, indem ich sage: Es wirkt auf mich wie die gelbe Farbe der Sinneswelt, oder wie der Ton c oder cis, wie Wärme oder Kälte. Kurz, es wird für mich dasjenige, was ich in der Sinnenwelt erlebt habe, ein Material, wie in gewöhnlichen Worten das zu beschreiben ist, was mir in der geistigen Welt erscheint. Die ganze Sinnenwelt wird so etwas wie eine Sprache, um das auszudrücken, was man in der geistigen Welt erlebt. Das verstehen diejenigen nicht, die allzuschnell vorankommen wollen und deshalb beim oberflächlichen Urteil stehenbleiben. Ein Erlebnis tritt dem Forscher entgegen, das den gleichen Eindruck auf ihn macht, wie die sinnliche Farbe, und deshalb bezeichnet er dasjenige, was er geistig erlebt, durch Farben, Töne und so weiter. Geradeso, wie jemand nicht verwechseln sollte das Wort «Tisch» mit dem wirklichen Tische, so sollte jetzt nicht verwechselt werden mit demjenigen, wodurch sie beschrieben wird, die geistige Welt selbst, die aus dem tiefen Schweigen ersprießt.
Hat man diesen Standpunkt erreicht, so kommt man dazu, dieses ganze Lebenstableau, das man zuerst heraufgezaubert hat, in sich auszulöschen; nicht nur einzelnen Vorstellungen gegenüber leeres Bewußtsein hervorzurufen, sondern dem ganzen Erdenleben des Menschen gegenüber, und zwar gerade in seiner innerlichen Gestalt. Man löscht sich dann gewissermaßen selbst als Erdenmensch aus. Dadurch aber, daß man jetzt die Möglichkeit hat, nach dem Auslöschen des Erdenselbst, das an den physischen Leib des Menschen gebunden ist, das tiefe Schweigen der menschlichen Seele zu erleben, dadurch erlebt man nun dasjenige, was man als geistig-seelischer Mensch geworden ist, bevor man aus der Geisteswelt heruntergestiegen ist und den physischen Leib um sich herumgekleidet hat. Man erlebt aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus das Geistig-Seelische, das man war im vorirdischen Dasein. Und ebenso, wie man im physischen Leibe zu seiner physischen Umgebung gelangte, so gelangt man, indem man sich in dasjenige hereinversetzt, was man in der geistig-seelischen Welt war, dazu zu erkennen, wie man im vorirdischen Dasein in der Umgebung von geistig-seelischen Wesen war, selbst als ein seelisch-geistiges Wesen, als ein gleichartiges Wesen. Man gelangt vollständig anschauend in jene Geisteswelt hinein, aus der man herabgestiegen ist zum Erdendasein.
Man kann gewahr werden, daß im gewöhnlichen Leben die Ewigkeit der Menschenseele nur nach der einen Seite hin erforscht wird, der Seelenunsterblichkeit. Aber diese Seelenunsterblichkeit hat eine andere Seite, für welche die ältere Sprache noch ein Wort hatte, doch nicht mehr die moderne Sprache. Diese Seelenewigkeit hat nicht nur die eine Seite, die der Unsterblichkeit, sondern auch die der Ungeborenheit, und erst aus der Ungeborenheit und Unsterblichkeit setzt sich die volle Seelenewigkeit zusammen. So gelangt man nicht durch metaphysische Spekulationen, sondern indem man die Seele selbst weckt, und aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus zu dem, was ewig ist in der menschlichen Seele, ewig war und geistig dagewesen ist, bevor der Mensch heruntergestiegen ist zum irdischen Dasein, und ewig bleibt, indem es wohnt zwischen Geburt und Tod im physischen Menschenleibe.
Aber nur stufenweise können wir uns dem Ewigkeitscharakter nähern auch durch anthroposophische Geistesforschung. Als die dritte Stufe muß ich etwas erwähnen, was insbesondere denen, die hier mit den gewohnten wissenschaftlichen Vorstellungen sitzen, vielleicht ein leichtes Gruseln verursacht, vielleicht einen innerlichen Hohn. Ich kann das sehr gut verstehen, wie überhaupt alle gegnerischen Einwendungen gegen Anthroposophie. Etwas, was man im gewöhnlichen Leben schon hat, kann weiter entwickelt werden zu einer höheren Erkenntniskraft, wie die Kräfte des Kindes zu dem, was wir im erwachsenen Zustande weiterentwickelt haben, und das ist die Kraft des Liebens. Lieben ist etwas ganz anderes, wenn es an den menschlichen Leib gebunden ist, wenn dieser sich den Leidenschaften hingibt, die sich im Lieben ausleben, als wenn es, nachdem so, wie ich es geschildert habe, das physische Ich, ja sogar das Erden-Ich von der Geburt bis zum Tod, abgestreift ist, wenn sich der Mensch hineinlebt aus dem physischen Dasein in den Zustand, in dem er rein Geistigem gegenübersteht. Wenn er dabei die Kräfte des Liebens, des völligen Hingegebenseins entwickelt, da gestaltet sich dasjenige, was er anschauend erkennend erlebte, was er im vorirdischen Zustande war, was er jetzt voll einsieht, um in der Erkenntnis. Er erfährt, was es heißt, außerhalb seines physischen Leibes mit Realität ein volles Bewußtsein zu erleben. Und wenn er dieses Hingegebensein an das geistige Erleben so erfährt, dann wird ihm sein Ich in einer neuen Weise zurückgegeben. Das Ich, welches im Erdenleben in Selbstsucht und Egoität lebt, welches überwunden wird, indem man solche Selbsterkenntnis erwirbt, wie sie erworben wird dann, wenn dieses Ich zweimal ausgelöscht ist, entwickelt so auf einer seelischgeistigen Stufe das volle Lieben, und es tritt einem dann etwas entgegen, was zunächst einem erscheint wie ein völlig fremder Mensch, wie eine völlig fremde Persönlichkeit. Wenn man dies anstrebt, so kommt es am allerwenigsten. Anstreben soll man jene Liebe, die ich geschildert habe. Dann tritt, weil man ganz aus sich herausgehen kann, einem das entgegen, was man selbst ist, aber wie eine fremde Persönlichkeit, und man sieht dann erst ein, wie dieses Selbst war im vergangenen Erdenleben, das man durchgemacht hat, bevor man zu diesem Erdenleben gekommen ist; man sieht erst dann ein, wie das Ich vorhanden war in früherer Daseinsstufe auf der Erde, wenn man in der Lage ist, durch erhöhte, erkraftete Liebe sich wie ein zweiter Mensch zu fühlen. Man sieht zurück bis zu einem gewissen Punkte der Zeitenentwickelung, wo das Ich als Ich einen Anfang genommen hat, wo die wiederholten Erdenleben einen Anfang genommen haben. Aber davon kann jetzt nicht gesprochen werden. Es kann nur davon gesprochen werden, daß auf eine Reihe von Erdenleben, die durchgemacht werden zum vollen Menschenleben, zurückgeblickt werden kann, zwischen denen immer Leben liegen in voroder nachirdischem Dasein zwischen Tod und einer neuen Erdengeburt.
Das ist das eine, was man vom Ewigkeits- und Unsterblichkeitscharakter der Seele erlebt, wenn man sich zu dem erkennenden Anschauen durchgerungen hat. Das andere aber, was man erwirbt durch die zur Erkenntnis gesteigerte Liebe, ist, den höheren Menschen außerhalb seines physischen Leibes erleben zu können. Dasjenige, was man sich weiter erwirbt, ist, daß man anschaut, wie dieses Wesen ohne Leib ist, und die Erkenntnis, wie der Leib zum Leichnam wird im Tode, wie dieser Leib abfällt, wie der Mensch in das nachirdische Leben hineingeht. Ebenso, wie man Anschauung hat vom vorirdischen Leben, von der Ungeborenheit, so hat man jetzt ein Schauen in die Unsterblichkeit, in das nachirdische Leben. Was man als Erdenmensch sich angeeignet hat an moralischen Impulsen, die man durch die Pforte des Todes trägt, und wie man im Erleben mit der geistigen Welt zusammen ein neues Erdendasein sich vorbereitet, um als Erdenmensch auf die Erde herabzusteigen, das tritt jetzt in lebendiger Anschaulichkeit vor die Seele, die ausgegangen ist von der intellektuellen Bescheidenheit, aber auch von einem gewissen Vertrauen in die Seelenkräfte des Menschen.
Das führt die Erkenntnis heran an jenes Lebensgebiet, das den Sehnsuchten und Lebensbedürfnissen des Menschen so naheliegt. Wir schauen hin auf diejenigen, die wir im Leben liebgewonnen haben, die uns durch Blutsbande oder Seelenbande nahestehen; wir schauen hin auf die Pforte des Todes und fragen: Was wird aus den Banden, die das Blut gesponnen hat, und aus den Banden, die Seele und Geist gewoben haben, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist? Hat man dieses Anschauen, so weiß man, wie von dem, was der Mensch als ewiges Wesen ist, die äußere körperliche Hülle des physischen Leibes abfällt, wie der Mensch mit denjenigen Gesetzen sich in die geistige Welt erhebt und dort mit den Kräften lebt, die er schon heruntergebracht hat und mit denen er in seinem physischen Erdenleben gelebt hat. Wir erfahren dann, wie das, was wir mitanderen Menschen als Blutsbande, als Freundschaftsbande, als Liebesbande gemeinsam haben, ebenso abfällt von unseren Gemeinschaften, wie der physische Leib des Menschen selbst abfällt; und wir wissen aus der Erkenntnis, daß wir wiederbegegnen den Seelen, mit denen uns ein Band verbunden hat, in reiner Gemeinschaft der geistigen Welt, weil die physischen Hindernisse nicht mehr da sind. Dasjenige, was die Menschen nicht aus einem neugierigen Triebe heraus zu wissen verlangen, das, was menschliche Würde war, das Schicksal der Seelen, das wird auf diese Art eine wirkliche Erkenntnis.
Und noch anderes wird eine wirkliche Erkenntnis. Es entzieht sich ja die Wirklichkeit der äußeren physischen Welt dem Traume, weil der Wille nicht eingeschaltet ist in den physischen Leib. Der Mensch hält im Traum die Bilderwelt für Wirklichkeit; so halten wir vieles für Wirklichkeit, bevor wir in der geschilderten Weise zu dem tiefen Schweigen der Seele, zum geistigen Leben aufwachen. Wenn wir da zum wachen geistigen Leben aufwachen, nachdem wir den zweiten Lebensruck durchgemacht haben und uns die wach erlebte physische Wirklichkeit als bloßes Träumen erscheint, dann erscheint uns auch manches, was uns im physisch-leiblichen Leben Realität war, im höheren Sinne, im Sinne des physisch-geistigen Lebens als ein Traum. So wie die Traumeswirklichkeit gefangengenommen wird von der physisch erschaubaren Wirklichkeit, so wird jetzt dasjenige, was wir im physischen Leben als moralische oder religiöse Menschen erleben, gefangengenommen durch das, wozu wir durch den zweiten Lebensruck erwachen. Und wir werden gewahr, was eigentlich gemeint haben Menschen wie Knebel, Goethes Freund, der als alter Mann sagte: Wenn man alt geworden ist, so findet man, daß gegenüber den entscheidenden Ereignissen des Daseins alles so scheint, wie wenn es von langer Hand vorbereitet gewesen wäre. Alles erscheint planvoll vom Menschen selbst veranstaltet, was auf ihn einen tiefen Einfluß genommen hat als Mann oder als Jüngling. Und alle seine Schritte als Jüngling scheinen auf dieses Erlebnis hinzudeuten. — Diese Vorstellung bildet sich immer weiter aus und bewahrheitet sich im Ausbilden. Wenn man diese Vorstellung weiter durchdringt mit der Erkenntnis, die man auf die geschilderte Art gewinnt, so sieht man, daß es in der Tat so ist im Leben. Man erlebt etwas ganz Entscheidendes. Man wird hingeführt zu einem Menschen, mit dem die weitere Lebensbahn gemeinschaftlich durchwandelt werden soll. Man schaut auf die Schritte, die einen hingeführt haben zu dem Menschen. Sie kommen aus der Sehnsucht, gerade so etwas zu erleben, wie man es mit diesem Menschen erleben kann, bis man zu dem Ziele kommt, das einer Sehnsucht der Seele, einer Prüfung der Seele in der richtigen Weise entspricht. Dasjenige, was im Menschen lebt, wodurch er wie aus sich selbst heraus sein Schicksal zaubert, muß man anschließen an die Anschauung von den durchlebten Erdenleben, in denen man ein moralisch so und so gearteter Mensch war, das und jenes getan hat. Und man sieht, daß das, was man jetzt tut, in diesem Leben instinktiv, wie Zufall erscheint; es ist schicksalsmäßig daran geknüpft, was man im vorhergehenden Erdenleben war.
Das scheint ein niederschmetternder Gedanke zu sein. Aber geradesowenig, wie es die Freiheit, die Würde, die volle Verantwortlichkeit des Menschen beeinflußt, daß wir blonde oder schwarze Haare, blaue oder braune Augen, magere oder volle Hände haben, so wenig beeinträchtigt es dasjenige, was wir als freie, verantwortungsvolle Menschen sind, wenn wir wissen, daß es die Seele ist, die uns konfiguriert, daß wir uns als freie Menschen unser Lebensschicksal auf schicksalsmäßig gegebener Grundlage zimmern müssen. Aber das Leben wird dadurch verständlich, indem der Mensch es anschauen lernt, durchdrungen von dieser mit Freiheit durchaus zu vereinbarenden Schicksalsidee, daß er nicht im Leben so darinnensteht, daß jeder Augenblick ihm wie Zufall begegnet, sondern daß er sich hineinversetzt fühlt in die Welt der Naturnotwendigkeit, wie in die Welt einer wirklichen Geistigkeit, in der er als höherer Mensch mit seinen moralischen, schicksalsmäßigen Kräften darinnensteht. So führt eine solche Erkenntnis den Menschen heran vom äußeren Leben an die Unsterblichkeit der Seele.
Man kann noch etwas einwenden: Ja, das können einzelne Geistesforscher allerdings erkennen, aber was bedeutet es für den gewöhnlichen Menschen? — Es bedeutet ebensoviel wie ein künstlerisch gemaltes Bild für denjenigen, der nicht Maler geworden ist. Es wäre traurig, wenn man Maler sein müßte, um ein malerisches Kunstwerk zu verstehen. Man braucht nur ein gewisses gesundes Empfinden, um das Künstlerische zu erleben, und nur gesundes Menschenurteil, um dasjenige zu erleben, was der Geistesforscher schildert. Nur wenn man sich die leider so zahlreichen Vorurteile selbst in den Weg wirft, dann stellt man sich vor die Bilder, die der anthroposophische Geistesforscher entwirft, wie man sich vor ein Bildnis hinstellt, in dem man, statt eine Welt zu erschauen, nichts erblickt als nebeneinandergestellte Farbenkleckse. Auch für denjenigen, der im einfachen, gewöhnlichen Leben steht, ist diese Welt aus der Schilderung des anthroposophischen Geistesforschers voll verständlich, obwohl er durch Bücher, wie zum Beispiel «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» immer in der Lage ist, soweit sich auf den Weg der Geistesforschung zu begeben, ohne sein äußeres Leben zu beeinflussen, daß er prüfen kann, was der anthroposophische Geistesforscher ihm sagt, daß er nachprüfen kann, ob dieser anthroposophische Geistesforscher aus der Phantasie heraus spricht oder ob seine Ansicht etwas ist, was fest errungen ist, wie die mathematischen Urteile, das Messen, Zählen, Wägen und so weiter selbst fest errungen sind.
Das ist es, was die Geisteswissenschaft einfügen möchte in das gegenwärtige Geistesleben der Menschheit. Es ist dasjenige, wovon sie glauben muß, daß es den zahlreichen innersten Seelenbedürfnissen entspricht. Denn so ist es, daß heute instinktiv, unbewußt, viele Menschen eben durch das, was man geworden ist durch Bildung, aus den naturwissenschaftlichen Voraussetzungen heraus, die Sehnsucht gewinnen, in ähnlicher, die Erlebnisse umfassender Weise etwas zu wissen über dasjenige, was der Seele so naheliegt und wovon ich heute nur gesprochen habe als von einem Beispiele der Seelenunsterblichkeit und dem, was mit der Unsterblichkeit zusammenhängt.
Damit aber ist natürlich in die Welt etwas hineingestellt, was so ist, wie einstmals die kopernikanische Weltanschauung gegenüber der damals gewohnten. Aber es ist so, daß dasjenige, was eine menschliche «Narrheit» scheint, nach und nach zu einer Selbstverständlichkeit wird. Die kopernikanische Weltanschauung hat sogar sehr lange warten müssen, bevor sieselbstverständlich wurde. Anthroposophie kann warten. Aber sie muß aus einer Kultur- und Zivilisationsverpflichtung heraus schon sagen, daß es ihr voll verständlich ist, wenn die gewöhnliche Naturwissenschaft, die sich für souverän hält mit ihren Mitteln, durch ein gewöhnliches Verfolgen des Seelenlebens mit den äußern Mitteln des Rechnens, Zählens, Wägens, zu einer Seelenlehre gekommen ist ohne Seele, und daß sie geradezu darinnen ein Ideal findet. Anthroposophie möchte aber zu demjenigen, dem sie die Berechtigung auf der einen Seite nicht abstreitet, zu einer aus der Naturwissenschaft heraus gewonnenen Lehre, hinzufügen durch entwickelte volle Erfassung des innersten Wesens der Menschenseele, was seelisch-geistig ist im Menschen als ewiges Leben, was seelisch-geistig ist in der ganzen Welt, im ganzen Kosmos als ewiges Leben, so daß der Mensch sich selbst erkennen kann als Ewiges, innig verbunden mit dem Ewigen im Kosmos, als unsterblich im Kosmos. Die Anthroposophie möchte also geben Erkenntnis des gegenwärtigen Menschenlebens und des Menschenlebens der nächsten Zukunft, so daß sie dadurch entgegenkomme einer Zeitnotwendigkeit, daß sie hinzufüge zur heutigen Seelenlehre ohne Seele eine lebendig aus der Menschenseele heraus erweckte Seelenlehre, der dann aus einer solchen Lehre heraus wieder folgt eine von Seele durchdrungene, von Geist durchsetzte Weltenlehre. Und die wird man immer mehr und mehr brauchen.