What is the Purpose of Anthroposophy and the Goetheanum?

GA 84 — 30 April 1923, Prague

Die Menschenentwickelung und Menschenerziehung im Lichte der Anthroposophie

Wie eine tiefe geistige Mahnung tönt herüber aus dem griechischen Altertum das Wort, an den Menschen gerichtet: «Erkenne dich selbst!» Und man darf wohl dieses Wort beziehen auf die allgemeine Menschenerkenntnis, nicht so sehr auf die persönliche, und es wird damit die Menschenerkenntnis gewissermaßen als der Gipfel bezeichnet alles menschlichen Wissens und Strebens. Und wir können ja auch fühlen aus der Art und Weise, wie dieses Wort zu uns herübertönt, daß es nicht bloß im wissenschaftlich-theoretischen Sinne gemeint ist, sondern daß es durchaus gemeint ist als ein geistiges Mahnwort im moralisch-religiösen Sinne. Und man möchte sagen: Nach Ablauf einer vieles in sich schließenden geistigen Entwickelungsepoche der Menschheit steht heute vor unserer Seele eine Art Gegenwort. Dieses Gegenwort ist zwar schon vor nahezu fünfzig Jahren ausgesprochen und heute in einer gewissen Weise sogar vergessen worden, aus dem Bewußtsein der Menschen entschwunden. Dennoch lebt die ganze moderne Seelenverfassung, dasjenige, was man heute als die großen Seelenkonflikte in sich trägt, unter dem Einfluß dieses neueren Wortes. EsistdasWort, das Du Bois-Reymond ausgesprochen hat, das Wort: «Wir können nicht erkennen», das Wort: «Ignoramus, Ignorabimus». Wenn auch viele heute hinaus zu sein glauben über das Bekenntnis zu diesem Worte; in der Art und Weise, wie wir uns erkennend und glaubend als Menschen zur Welt verhalten, steckt noch heute intensiv dieses Wort dahinter. Es ist gewissermaßen das ausgesprochene oder unausgesprochen bleibende Bekenntnis zu den Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Forschung in ihrer Bedeutung für eine allgemeine Welterkenntnis und Lebensansicht.

Nun aber wird jeder, der das geistige Leben seit Jahrzehnten mitgemacht hat und der angesehen hat, wie sich dieses geistige Leben heraufentwickelt hat im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte, nicht anders können, als dasjenige, was heute als Erkenntnis angesehen wird, gewissermaßen zu rechtfertigen gegenüber der Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaft hat ja in bezug auf Erforschung der äußeren Sinnenwelt so Großartiges geleistet; sie hat so Großartiges geleistet in bezug auf Anwendung von Instrumenten, von Experimentiermethoden für die Erforschung dieser äußeren Sinnenwelt und ihrer großen Gesetze und sie hat erhärtet und bekräftigt dasjenige, was sie erkannt hat, durch die mannigfaltigen empirisch-technischpraktischen Anwendungen, ohne die wir uns ja unser modernes Leben gar nicht mehr denken können. Diese Naturwissenschaft geht davon aus, eine Erkenntnis von der Welt zu gewinnen, die so unabhängig wie möglich ist von dem, was der Mensch aus seinen Wünschen und aus seinen Vorurteilen und Vorempfindungen zu den Erkenntnissen des Wesens der Dinge und der Weltvorgänge hinzubringen kann. Und gerade durch die Ausschaltung alles persönlichen Wesens hat die Naturwissenschaft ihre ganzen Erfolge erzielt. Nun wird aber gerade derjenige, der ganz ehrlich auf dem Boden der Naturwissenschaft steht, der durchschaut, wie segensreich diese Naturwissenschaft eben für die Erkenntnis der äußeren Natur gewirkt hat, aus der Handhabung der angewendeten Methoden heraus sich immer mehr und mehr sagen müssen: Zu denjenigen Regionen, in denen das menschliche Seelisch-Geistige waltet, kann gerade die Naturwissenschaft, wie sie sich heute ausgebildet hat, nicht vordringen. Man möchte sagen, nicht wegen ihrer Mängel, sondern gerade wegen ihrer Vorzüge.

Überblickt man dasjenige, was auf den verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaft geleistet worden ist, so wird man sich sagen: diese Naturwissenschaft strebt ja natürlich auch darnach, wiederum zurückzukommen zum Menschen. Sie strebt darnach, ihre Methoden anzuwenden auf das Wesen des Menschen. Aber sie kann nicht mehr als das äußerliche, körperliche, leibliche Wesen des Menschen erforschen. Wir sehen das am besten dann, wenn die naturwissenschaftliche Methode an den Menschen herangeht, zur experimentellen Seelenkunde wird, und mit einer wirklich großartigen naturwissenschaftlichen Forschungsmethode heute zu Werke geht. Wir sehen da, wie die seelischen Äußerungen in der menschlichen Konstitution untersucht werden. Aber wir werden gewahr, daß wir durch alle diese Untersuchungen gerade an dasjenige nicht herankommen können, was das Ewige in der Menschennatur genannt werden kann, was dasjenige in der Menschennatur genannt werden muß, demgegenüber der Mensch die tiefe Sehnsucht in sich trägt, es in seiner wahren Wesenheit zu erkennen, und von dem er zunächst wenigstens Hoffnung hat, daß es sich für ihn ergibt als über die Grenze des irdischen Lebens, als über Geburt und Tod hinausliegend und hinauswirkend. Nichts soll hier gegen solche experimentelle Methoden, wie die der experimentellen Seelenkunde, eingewendet werden. Gerade der Boden jener Forschung, von dem aus ich mir erlaube, heute abend zu Ihnen zu sprechen, erkennt diese Methoden in ihrer vollen Gültigkeit an. Aber gerade weil sie von diesem Gesichtspunkte aus auch in ihren Grenzen durchschaut werden können, deshalb muß gesagt werden, daß diese Methoden an das eigentliche Wesen des Seelisch-Geistigen nicht herantreten können. Und das war es auch, was einzelne einsichtige Forscher zu dem Bekenntnisse nötigte, daß die Naturwissenschaft eben an das nicht heranreichen kann, was auf der einen Seite das Wesen der Materie selbst, auf der anderen Seite das Wesen des menschlichen Bewußtseins ist. Aber wenn der Mensch nicht erforschen kann, wie sein Bewußtsein, das heißt sein in ihm wirkendes Seelisches, die Materie ergreift, dann muß er Abschied nehmen von jener großen Forderung: «Erkenne dich selbst!» Dann hätten wir abgeschlossen jenen Zeitraum menschlicher Geistesentwickelung seit dem griechischen Altertum mit dem Mahnworte «Erkenne dich selbst!» als einer zwar schönen, gewaltigen — aber dennoch nur einer Illusion der Menschheit. Dann müssen wir bekennen: diese Forderung ist nicht zu erfüllen. Je tiefer man eindringt in den Geist der Naturforschung, desto mehr muß man vom Gesichtspunkt der Anthroposophie recht geben denjenigen, welche vom «Ignorabimus» der Naturwissenschaft sprechen, welche davon sprechen, daß der Naturforschung eben Grenzen gezogen sind, die sie ihrerseits nicht überschreiten kann. Es fragt sich aber, ob das menschliche Gemüt sich ohne weiteres bei der Feststellung solcher Grenzen beruhigen kann und ob es von vornherein dasjenige, was in dieser Beziehung das Menschenherz an Wünschen in sich trägt, als etwas besonders Vorurteilsvolles nicht zu berücksichtigen sucht.

Darauf sucht Antwort zu geben dasjenige, was ich heute abend Ihnen charakterisieren möchte als anthroposophische Forschung. Sie sucht zu erkennen, inwiefern diese Forderung des Gemütes irgendwie berechtigt ist. Viele Menschen der Gegenwart sehen auf dasjenige, was die Naturwissenschaft auf der einen Seite Großartiges leistete, und sie fühlen andererseits: an das eigentliche Seelisch-Geistige kann Naturwissenschaft nicht heran. Und so wenden sich viele von denen, die beim Bekenntnis von den Grenzen des menschlichen Wissens nicht stehen bleiben wollen, zu der oder jener Art von Mystik, jener mystischen Anschauungsweise, welche versucht, dasjenige, was sich auf das Ewige des menschlichen Wesens bezieht, durch Versenkung in das eigene Innere zu erreichen. Und durch solche mystische Versenkung ist ja manches Schöne aus den Tiefen der Menschenseele, aus den Tiefen des sonst im Unterbewußten oder Unbewußten bleibenden Lebens heraufgeholt worden. Durch solche mystische Versenkung sind so manche Menschen dazu gekommen zu glauben, daß das, was da aus den Tiefen der Seele heraufgeholt wird, was im Menschen so vorhanden ist, unmittelbar im göttlich-geistigen Dasein wurzelt, so daß, indem man es heraufholt, man das Göttlich-Geistige im Erkennen des Menschen selbst zur Offenbarung brächte, und dadurch zur Erforschung des Ewigkeitscharakters des Menschen und zum Zusammenhange des Menschen mit dem Göttlichen vordringe.

So steht derjenige, der heute die großen Fragen des menschlichen Seelendaseins aufwirft, ich möchte sagen, zwischen zwei Klippen, welche der Erkenntnis unübersteigliche Grenzen zu setzen scheinen: die naturwissenschaftliche auf der einen Seite, die mystische auf der anderen Seite. So viel aber auch die Mystik verspricht, so Schönes und Großartiges auch von vielen Mystikern heraufgeholt wird aus der menschlichen Seele, vor einer wirklich an der Wissenschaft geschulten und disziplinierten Erkenntnis konnten die meisten mystischen Versuche eben nicht bestehen. Denn derjenige, der durch die gewissenhaften Methoden der Naturwissenschaft gewöhnt worden ist, alle Dinge zu beurteilen, auch die im Menschen selbst sind, der findet alsbald, wie dasjenige, was der Mystiker oft aus den Tiefen seiner Seele herausholt, dennoch nichts anderes ist, als dasjenige, was er vielleicht in irgendeiner Weise an Jahren weit zurückliegend in der Außenwelt an Vorstellungen, an Gefühlen erhalten, erworben hat, welche dann von ihm noch vielleicht durch eine schön wirkende Phantasie zu gewaltigen Bildern angewachsen sind, welche Vorstellungen und Gefühlsinhalte dann aber, indem sie sich in die Tiefen des Menschenwesens herabgesenkt haben, von dem Organismus des Menschen, der für die äußere Erkenntnis einen so geheimen sinnvollen Zusammenhang mit dem Seelischen hat, verändert worden sind. Und gerade dem tiefen Seelenkenner offenbart es sich, wie dasjenige, was man, auf mystische Weise gewonnen, für ewig hält, nichts anderes ist, als verändertes, ja, durch den menschlichen Organismus selbst verändertes Erinnerungsergebnis.

Und so gesteht man sich zuletzt, wenn man an tieferes Erleben, an die großen Fragen des Menschendaseins, herantreten will: Die Naturwissenschaft gibt keine Möglichkeit, in diese Frage irgendwie hereinzudringen. Sie schließt ihre Erkenntnisse in einem Gebiet ab, so daß man mit ihren Erkenntnissen nur das Äußerliche des Menschen erkennen kann, daß man mit ihr nicht an den Menschen herankommt. Das ist zuletzt das notwendige Geständnis, das man sich machen muß. Gerade ernste und ehrlich gemeinte Naturwissenschaft kommt nicht an den Menschen heran. Und Mystik, sie kommt so, wie sie zunächst meistens auftritt, nicht aus dem Menschen heraus. Die Naturwissenschaft kommt, indem sie in die Welt eindringt, von der Welt nicht zum Menschen; die Mystik kommt, indem sie in den Menschen eindringt, von dem Menschen nicht in die Welt hinaus. Wenn man dann empfindungsgemäß dasjenige, was sich der Seele ergibt aus diesen beiden Ausblicken, so recht auf sich wirken läßt, dann frägt man sich doch noch einmal: Ist es nicht vielleicht möglich, auch noch hinauszugehen über dasjenige, was Mystik auf der einen Seite gibt, und was Naturerkenntnis auf der anderen Seite gibt?

Nun habe ich mir schon erlaubt, in dem Vortrage, den ich vor einigen Tagen in der «Urania» halten durfte, darauf aufmerksam zu machen, wie Anthroposophie als Geistesforschung bestrebt ist, auf dasjenige genau hinzuschauen, was der Mensch sich aneignet in der Erinnerung. Und so stellt sich doch zuletzt die Erinnerung als dasjenige heraus, was vertieft werden kann. Auch heute möchte ich, gerade wie vor einigen Tagen, mich nicht in tiefe philosophische, erkenntnistheoretischeErörterungen einlassen, sondern beim populären Bewußtsein bleiben. Diese Erörterungen könnten gemacht werden; aber das, was von dem Gesichtspunkt, von dem hier gesprochen wird, gemeint ist, werden wir am besten verstehen, wenn ich beim Populären bleibe.

Was in unserer Erinnerung lebt, was den Inhalt unserer Person voll macht dadurch, daß wir in jedem Augenblick in der Lage sind, dasjenige, was wir durchgemacht haben, vor unsere Augen zu zaubern, ist ja hereingetragen in die Menschenseele durch die Eindrücke aus der Außenwelt. Es sind Sinneseindrücke, die wir aufnehmen und mit unseren Vorstellungen verarbeiten, und die unbekannterweise im Menschen sich verändern und die dann wieder heraufkommen; die freiwirkend heraufkommen, oder mit Mühe, wenn der Mensch sie braucht, vom Menschen aus der Seele heraufgeholt werden. Und wenn wir uns das vergegenwärtigen wollen, was da eigentlich für die menschliche Seele in der Erinnerung lebt, so können wir zu nichts anderem kommen, als uns zu sagen: Es ist wie etwas, was aus dem Spiegel der Seele, der tief und immerwährend in unserem menschlichen Sein liegt, wenn auch nach langer Zeit, zurückgespiegelt wird. Die Außenwelt spiegelt sich in unserer Seele, indem wir das Gedächtnis haben, indem wir Erinnerungsfähigkeit haben. Und wie gesagt, wenn ich der Kürze der Zeit und der Umstände halber jetzt auch nicht unmittelbar in der Lage bin, das Wesen dieses Seelenspiegels zu erörtern, so wird das Bild zu unserer Verständigung genügen. Wir gelangen mit unserer Erinnerung nicht auf den Grund des Wesens unserer Seele. Genau so, wie, wenn wir einen Spiegel vor uns haben, wir dasjenige, was vor dem Spiegel ist, aus dem Spiegel sehen, so bietet uns die Erinnerung in den mystisch heraufgebrachten Vorstellungen nichts anderes, als das Spiegelbild der äußeren Welt. Will man ansichtig werden desjenigen, was hinter dem Spiegel ist, dann muß der Spiegel entweder weggenommen werden, oder der Spiegel muß zerschlagen werden. In einem gewissen Sinne müssen wir diesen inneren Spiegel, diese Kraft des Erinnerungsvermögens in uns durchbrechen, um tiefer in unser Wesen hineinzuschauen. Und wir durchbrechen diesen Seelenspiegel, das heißt wir gehen auch über dasjenige, was uns dieser Spiegel als Mystik erscheinen läßt, noch tiefer in das menschliche Wesen hinein, wenn wir unser Denken, das wir sonst durch Experimente anregen lassen, innerlich zur Aktivität bringen, wenn wir meditierend und uns konzentrierend auf einen bestimmten Gedankeninhalt immer wieder die seelischen Kräfte stärken.

Ich habe es im Urania-Vortrag genau beschrieben, ich habe es in meinen Büchern besprochen, wie man durch eine besondere Betätigung des Denkens noch unter den Erinnerungsspiegel herunterkommen kann, wie man tiefer in sein Wesen hineinschauen kann. Da könnte man vermuten, daß man dann hereinschauen würde in dasjenige, was unsere physische Organisation ist. Denn zweifellos: Für das gewöhnliche Bewußtsein dringen wir seelisch nur bis zum Erinnerungsspiegel vor, und dabei verändern die Vorgänge der physischen Organisation das Bild von außen, das wir im Seelenspiegel erblicken, zu einem Zerrbild. Schaffen wir uns aber ein immer mehr aktiviertes Denken, mit dem wir innerlich leben wie mit unserem Blute und unserem Atem, so daß sich unser ganzer Mensch beteiligt an diesem innerlich lebendigen Denken, dringen wir tiefer in unser Menschenwesen ein, dann enthüllt sich uns nicht ein physischer Mensch, dann enthüllt sich uns ein Geistig-Seelisches, das nur durch dieses erkraftete, erstarkte Denken offenbar werden kann. Dann enthüllt sich uns dasjenige am Menschen, was durchaus geistig-seelischer Natur ist, was dem Bewußtsein unbewußt bleibt, was aber durch sein eigenes Wesen zeigt, daß es vorhanden war, bevor der Mensch durch die Geburt, ja durch die Empfängnis, sein irdisches Dasein angetreten hat.

Daß dies der Fall sein kann, macht man sich begreiflich, wenn man sich sagt, wie ja die Erinnerung durch ihren eigenen Inhalt uns anzeigt, daß wir es nicht zu tun haben mit der Vorstellung eines gegenwärtigen Ereignisses, sondern mit einem vergangenen, so haben wir dieselbe Gewißheit über den Charakter unseres Erlebens, wenn wir an das gekennzeichnete Erlebnis herantreten, das uns tiefer führt als die mystische Versenkung. Dann erlangen wir ein Geistesbild von alledem, was das eigentlich Schaffende ist in jener ersten Lebensepoche des Menschen, in der ja am Sinnes-Nervensystem, am Gehirn und an der übrigen Organisation des Menschen eine so wunderbare plastische Tätigkeit ausgeübt wird. Aber wir verfolgen durch eine solche Versenkung das menschliche seelisch-geistige Wesen über Geburt und Tod hinaus, wir schauen hinein in eine geistige Welt, in der wir waren als geistig-seelische Menschenwesen mit unserem Wesenskern, bevor wir hinabgestiegen sind in diese Erdenwelt und uns umkleidet haben mit demjenigen, was uns unsere Vorfahren gegeben haben, mit einem physischen Menschenleibe.

Es ist durchaus so, daß man zu dieser Anschauung kommt, nicht nur durch jene nebulose Begabung des Menschen, die man heute als «Hellsehen» bezeichnet. Wenn man auch für das, wovon ich jetzt gesprochen habe, das Wort «Hellsehen» verwendet, so muß man dieses ansprechen als exaktes Hellsehen. Denn derjenige, der sich auf den Boden der geistigen Forschung begibt wie ein exakter Wissenschaftler, aktiviert das Denken so, daß dieses Denken aus dem Menschen nicht nur hervorholt die Erinnerungsvorstellungen, sondern Dinge, die unter dem Erinnerungsvermögen liegen, die schaffend im Menschen waren, bevor das Erinnerungsvermögen sich entwickelt hatte, bevor der Mensch sein irdisches Dasein angetreten hat.

Das ist die eine Seite, zu der sich anthroposophische Forschung wendet, wenn sie vor den beiden charakterisierten Prinzipien steht. Sie sucht das Geistige durch exakte Gedankenverarbeitung zu vertiefen und gelangt nach der einen Seite hin über die Geburt hinaus zur Erkenntnis des ewigen Wesenskernes des Menschen. Aber ebenso, wie man das, was der Mystiker so schön als seine Versenkung ausbildet, was ihn zu Illusionen führt, wie man das erkennen muß, wenn man zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis gelangen und nicht stehen bleiben will bei denjenigen Punkten, bei denen der Mystiker oft stehen bleibt, wie man gewissermaßen in der Fortsetzung des Mystischen die Erkenntnis des vorgeburtlichen Menschen erstreben muß, ebenso muß man auf der anderen Seite durch die Vertiefung der naturwissenschaftlichen Forschung versuchen, einen weiteren Schritt in der geistigen Erkenntnis zu machen. Und das ergibt sich in der folgenden Weise.

Ja, wir kommen zu Grenzen, gerade wenn wir in ehrlicher Weise die naturwissenschaftlichen Methoden auf die Welt anwenden; wir kommen zu Grenzen, gerade wenn wir sie in realer Weise auf die Naturvorgänge anwenden, wir kommen da zu Grenzen, die wir in dem Begriff «materielles Bewußtsein» und so weiter formulieren. Aber es ist etwas anderes, in diesen Grenzen zu stehen und zu sagen, darüber kann das Menschenwesen nicht hinaus, da muß man sich beruhigen, oder aber zu beginnen, gerade an diesen Grenzen aus seinem ganzen Menschen heraus zu ringen, indem man sagt: Vielleicht rühren diese Grenzen davon her, daß man die Fähigkeiten, die man in sich trägt, hier begrenzt, um die Naturwissenschaft vollkommen zu machen — dann aber eben doch, wenn man weiterringt, seine ganzen menschlichen Fähigkeiten einsetzt, um mit diesen Vorstellungen, die nun Grenzen gewinnen werden, zu ringen; vielleicht kommt man dann über diese Grenzen hinaus. — Ich weiß, daß sich leicht ein Einwand ergibt; man wird sagen: Ja, es ist ja so gut, so segensreich, daß die Naturwissenschaft es verstanden hat, das Menschliche auszuschließen von den naturwissenschaftlichen Methoden, sich an Messen, Zählen, an die Ergebnisse der Waage zu halten und so weiter, also dasjenige, was man als Forschungsmethoden bezeichnet, was man erkennt, loszulösen von dem Menschen. Es ist gefährlich, den Menschen wieder hineinzumischen.

Wenn man dies in der Art tut, wie die anthroposophische Forschung es will, nämlich daß man zuerst voll stehe auf dem Gesichtspunkte der Naturwissenschaft, daß man sich vollständig durchgerungen hat, in objektiver Weise losgelöst zu haben die Forschungsmethoden vom Menschen und das persönliche Ringen eingeführt zu haben in das Losgelöste, dann kommt doch etwas anderes heraus. Dann achtet man die Forderung der Naturwissenschaft und führt zugleich das Menschliche ein in das Objektive der Naturwissenschaft. Und da muß man schon sagen: Hat man sich durchdrungen mit der Erkenntnis der Naturwissenschaften seit den letzten Jahrhunderten, besonders des neunzehnten Jahrhunderts, indem man sich gewissermaßen seelisch durchaus erfüllt hat mit dem, was der Geist der Naturwissenschaften ist, und kann man dann dennoch mit seiner ganzen Persönlichkeit sich hingeben, gerade an die Dinge, die die Naturwissenschaft schildert, dann wird eine Gabe der menschlichen Natur, die sonst durchaus nicht als eine Erkenntniskraft betrachtet wird, zu einer Erkenntniskraft. Diese Hingabe an etwas, was als etwas Objektives errungen ist, sie wird zuletzt auch zu einer objektiven Ausgestaltung der menschlichen Liebe. Wenn man mit voller Achtung der naturwissenschaftlichen Denkweise, nachdem man vom naturwissenschaftlichen Gesichtspunkte aus, soweit es möglich ist, die Welterscheinungen überschaut hat, sich dieser Denkweise entäußern kann, wenn man so viel Heroismus beim Forschen aufbringt, daß man sich in das naturwissenschaftlich Gegebene mit einer solchen Hingabe versenkt, wie man sich sonst nur versenkt, wenn man in der Welt Liebe, besonders menschliches Lieben, entwickelt, dann wird die Liebe selbst zur Erkenntnis, und dann dringt man mit der Liebe, die die Metamorphose durchgemacht hat, um zur Erkenntniskraft zu werden, hinter dasjenige, was die Naturwissenschaft zu geben vermag.

Das ist die Arbeit nicht eines Tages, sondern langer Epochen des Menschenlebens, hindurchzudringen zu denjenigen Wesenheiten, die hinter den Grenzen des Naturwissenschaftlichen liegen. Was sich aber dann ergibt, ist Folgendes: In dem Augenblicke, wo man gewissermaßen jene Grenzen durchbricht und hinter die Kulissen schaut, die aufgerichtet sind durch die naturwissenschaftliche Erkenntnis, wird | einem an dem Menschen selbst merkwürdigerweise etwas durchsichtig, was vorher immer undurchsichtig geblieben ist: Wir wachen des Morgens auf, verbringen unser Tagewerk mit wachendem Bewußtsein aus den Kräften des Erdenfühlens und unserer Seele heraus, wir schlafen des Abends ein. Dasjenige, was geschieht mit dem Seelisch-Geistigen im Physisch-Leiblichen, das entzieht sich dem menschlichen Bewußtsein. Was da hereinspielt in das menschliche Leben, sind die verworrenen Träume ohne Erkenntniswert. So daß wir sagen können: Die gesamte Entwickelung des menschlichen Lebens setzt sich zusammen aus demjenigen, was wir wachend durchleben und demjenigen, was wir schlafend verbringen. Und wir achten nicht darauf, daß, wenn wir zurückschauen, wir immer den Morgen an den Abend anstückeln, und dasjenige aus dem Bewußtsein herausfallen lassen, was wir mit ihm nicht erreichen können, was sich dem Bewußtsein entzieht, daß wir ausschalten die Strecken, die wir verschlafen haben. Nun fragt es sich, ob denn für den Menschen dasjenige, was ihm seelisch-geistig der Schlaf gibt, nicht ebenso wichtig sein könne wie dasjenige, was ihm der Wachzustand gibt.

Gewiß, für das äußere Leben kann nur der Wachzustand in Betracht kommen, und je mehr sich die Zivilisation zugewendet hat der bloßen Beachtung des äußeren Lebens, desto mehr gibt sie etwas auf die Beobachtung des wachen Zustandes. Aber für das Leben der Menschen selbst — das haben auch schon besonnene Philosophen zugestanden - ist dasjenige, was geschieht in dem reichlichen Drittel des Erdenlebens, das wir verschlafen, nicht minder wesentlich als das, das wir durchwachen. Aber es zeigt sich anschaulich erst dann, wenn wir die die Dinge bezeichnenden Grenzen nach dem Ringen mit der Natur durch letzte Vorstellungen . durchbrochen haben. Dann geschieht das, daß der leere Erlebnisraum, den wir sonst durchschlafen, der sonst außer dem Träumen ein Nichts für uns enthält, daß sich dieser leere Erkenntnisraum mit Inhalt anfüllt, daß wir lernen, auf dasjenige hinzuschauen, was sich sonst in die Finsternis des Schlafes hüllt. Wie wir zurückschauen können auf das, was sich im Wachen als jene Erkenntnis gibt, die wir als physisch-sinnliche Menschen mit der Erde und ihren Erscheinungen erlebt haben, so ergibt sich jetzt die Erkenntnis geistig-seelischer Art von jenem Zustande, in dem der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen steht. Es erhellt sich die Finsternis zwischen Einschlafen und Aufwachen, dieses Drittel unseres Lebens wird uns durchsichtig, und das, was wir erblicken, das ist dann unser wahres Ich, die Gestalt von Denken, Fühlen und Wollen. Wir erblicken dasjenige, was in uns, ohne daß es unser Bewußtsein weiß, fortwährend arbeitet an unserem geistig-seelischen Menschenwesen, und wir durchschauen den Inhalt als dasjenige, was durch die Pforte des Todes von uns getrennt ist, wenn wir den physischen Leichnam ablegen. Indem uns der Schlaf durchsichtig wird, lernen wir erkennen die wahre Natur der menschlichen Unsterblichkeit. Wenn wir durch das Mystische hindurchschauen, wenn wir weitergehen als die gewöhnliche Mystik, lernen wir das vorgeburtliche Wesen des Menschen kennen, wenn wir Naturwissenschaft ehrlich nehmen, aber zu ringen anfangen an der Grenze, lernen wir kennen, was der Mensch an unsterblichem Dasein in sich trägt. Und so setzt sich für uns das Menschenwesen in seiner Entwickelung zusammen, indem wir gewissermaßen in dieser Art sehen, wie ein vorgeburtliches Menschenwesen hineindringt in die physische Menschenorganisation, ich möchte sagen, immer mehr und mehr in dieser physischen Menschenorganisation untergeht, wie die physische Menschenorganisation immer mächtiger und mächtiger wird, wie dasjenige, was durch die Geburt eingezogen ist in den Menschen, im physischen Menschendasein in der weiteren Entwickelung des Menschen immer mehr und mehr schwindet, wie sozusagen der Mensch von dieser Seite aus immer mehr und mehr ein physisch-leibliches Wesen wird. Aber in demselben Maße, in dem diese Entwickelung verläuft, in demselben Maße, in dem der uns angeborene Geist, die uns angeborene Seele in dem physischen Leibe untertauchen, so taucht auf dasjenige, was uns, wenn wir den Schlaf betrachten, als das zukünftige Wesen des Menschen erscheint.

Indem wir immer mehr hinsehen gegen das Ende des normalen Menschenlebens, sehen wir, wie andererseits auftaucht gegenüber dem untergehenden geistigen Menschenleben des vorgeburtlichen Daseins, das geistig-seelische Wesen des geistigen nachtodlichen Menschendaseins. Da sehen wir in jedem einzelnen Zeitpunkte des Erdenlebens ein Maß dessen, was der Mensch sich mitgebracht hat aus den Ewigkeitswelten ins Erdendasein, was er sich zimmert, um es hindurchzutragen durch die Pforte des Todes in eine geistige Welt; erkennend dringen wir zur Unsterblichkeit vor. Der Weg, den ich Ihnen schildere, um durch Überschreitung der Mystik, der Naturwissenschaft zur Erkenntnis des Menschen zu kommen, ist keiner, den man abtun kann, indem man ihn obenhin als «hellseherisch» bezeichnet; das ist ein Weg, bei dem man weiß, wie jeder Schritt auf den vorhergehenden so folgt, wie der Mathematiker weiß, wie eine mathematische Ableitung auf die andere folgt. Der Weg, den ich Ihnen skizzieren konnte — wobei ich auf die genannten Bücher verweise -, ist der Weg der Anthroposophie, jener Weg, welcher erkenntnismäßig, so daß man über jeden Schritt dem strengen Mathematiker Rechenschaft ablegen könnte, zum Ungeborensein und Unsterblichsein der Menschenseele hinführt, und der zeigt, wie man dann nicht mit der Naturwissenschaft innerhalb der Welt stehen zu bleiben hat, um in den Menschen hereindringen zu können, wie man nicht in der Mystik beim Menschen stehen bleiben muß, um an die Welt heranzudringen, sondern wie man erkenntnismäßig Weltendasein mit der Erkenntnis des Menschendaseins verbinden kann. Wenn so genügend Naturwissenschaft, wenn so genügend Mystik weitergeführt wird, dann wird sich für die künftige Geisteszivilisation der Menschheit wiederum die Möglichkeit bieten, das Wort, das an den Menschen so gewaltig mahnend herantritt, das Wort «Erkenne dich selbst!» zu erfüllen.

Eine solche Erkenntnis, wie ich sie eben geschildert habe, unterscheidet sich allerdings von der Erkenntnis, die an das Nervensystem gebunden ist, die im wesentlichen eine Kopferkenntnis ist. Und gestatten Sie mir, daß ich eine persönliche Bemerkung mache, die aber vollkommen sachlich ist. Indem man als Geistesforscher versucht, in dieses Gebiet einzudringen, das ich bezeichne als Welten, die man vor der Geburt und nach dem Tode zu durchlaufen hat, ist man sich bewußt: Du kommst nicht aus mit demjenigen Denken, das dir sonst im Leben dient, du mußt ein erkraftetes Denken entwickeln, das den ganzen Menschen in Anspruch nimmt. — Man wird nicht zum Medium dadurch; aber es muß doch der ganze Mensch von einem solchen Denken in Anspruch genommen werden. Ein solches Denken dringt in das Empfinden, in das Gefühl ein, beansprucht sogar, daß der Mensch sich ihm mit seinem ganzen Willensinhalt ergibt. Dabei ist das Denken über geistige Inhalte wiederum so, daß man es nicht in gewöhnlicher Weise dem Gedächtnis einverleiben kann wie ein anderes. Auch da mache ich eine persönliche Bemerkung: Sehen Sie, wenn der Geistesforscher einen solchen Vortrag hält, wie ich hier, dann kann er einen solchen nicht wie sonst wissenschaftliche Vorträge vorbereiten. Dann würde er nur an das Gedächtnis appellieren. Aber was durch eine solche Vertiefung entstanden ist, das läßt sich nicht dem Gedächtnis einverleiben, das muß in jedem Augenblick immer wieder erlebt werden. Es kann zwar heruntergebracht werden in jene Regionen, wo wir über unsere Erkenntnis Worte machen, aber man muß sich mit seinem ganzen Menschen darum bemühen. Und deshalb ist es von mir tief erlebt, daß ich nun nur in der Lage bin, dasjenige, was mir gelingt in der geistigen Welt zu forschen, der menschlichen Sprache einzuverleiben, — und indem man es der menschlichen Sprache einverleibt, so verleibt es sich auch dem Gedächtnis ein; es gelingt mir nur, wenn ich einige Striche zeichne oder aufschreibe, so daß nicht nur der Kopf, sondern auch die ganzen anderen Organsysteme beteiligt sind. Man muß das Bedürfnis fühlen, das eine oder das andere zu Hilfe zu nehmen, denn man kommt nicht zurecht, es fluktuiert, wenn man es mit dem Kopfe fassen will. Das Wesentliche daran ist, daß ich dem Gedanken durch Striche Ausdruck verleihe und ihn so fixiere. So kann man bei mir ganze Wagenladungen von alten Notizbüchern finden, die ich nie wieder ansche. Sie sind auch nicht dazu da, sondern damit dasjenige, was ich mit Mühe aus dem Geiste herausgeholt habe, so weit gebracht werden kann, um es in Worte einzukleiden und es damit an das Gedächtnis heranzubringen. Hat man es geschrieben, hat man mit etwas anderem in seinem Organismus an der geistigen Produktion teilgenommen als bloß mit dem Kopfe, mit den Gedanken, dann ist man imstande, dasjenige, was einem entfliehen will, festzuhalten. Die übrige Organisation des Menschen ist ja zunächst unbeteiligt, unbewußt schlafender als die Kopfvorgänge, und wenn wir irgend etwas unserem Willen einverleiben, so nehmen wir jene Organe in Anspruch, die in einem solchen Zustande befindlich sind, den wir im Wachzustand als schlafend bezeichnen. Wir wachen ja eigentlich nur in unseren Gedanken, in unseren Vorstellungen, denn wie dasjenige, was wir vorstellen, als Willensentschluß hinunterdringt in unseren Organismus, um ganz zur Hand- oder zur Fingerbewegung zu werden, bleibt im gewöhnlichen Bewußtsein ganz in Finsternis getaucht. Was zwischen dem Vorgang im Gehirn bis zur Bewegung geschieht, das wird nur der Geistesforscher erkennen. Und so vertraut man eben die geistige Erkenntnis, die nicht gewöhnliches Kopfwissen ist, der ganzen menschlichen Organisation an. Dadurch, daß man sich aus dem ganzen Menschen heraus Menschenerkenntnis erwirbt, ist man imstande, diese Menschenerkenntnis, die das Vorgeburtliche und Nachtodliche dinghaft nehmen kann, in ganz anderer Weise auf das praktische Leben anzuwenden, als man ohne diese wahre Erkenntnis des Menschenwesens dazu imstande ist.

Nun wagen diejenigen, die auf dem Boden der anthroposophischen Forschung stehen, ich möchte sagen, durch eine Schicksalsfügung, die allerdings auch auf die anderen Gebiete der Menschenerziehung sich erstreckt, Pädagogik und Didaktik, Menschenerziehung ins praktische Leben einzuführen. Derjenige, der sich mit einer Menschenerkenntnis durchdringt, die hervorgeholt ist aus solcher Forschung, wie ich angeführt habe, der eignet sich einen feineren Instinkt, einen vergeistigten Instinkt an für alles dasjenige, was im Menschen sich entwickelt durch die verschiedenen Lebensalter hindurch von der Geburt bis zum Tode. Wir müssen dann nur den Mut haben, die Menschenentwickelung, deren Erkenntnis wir brauchen, auf einer höheren Stufe so anzusehen, wie wir sonst irgend etwas mit strengen wissenschaftlichen Methoden, was innerhalb der wissenschaftlichen Welt liegt, anschauen.

Da ergibt sich zum Beispiel Folgendes: Wir denken ja immer nach, wie eigentlich die Schicksalswirkung des Seelisch-Geistigen im Physisch-Leiblichen des Menschen sein könnte. Aber wir beachten nicht, daß wir ja für solche Fragen nicht die Methoden der Spekulation anwenden sollen, sondern auch auf solche Fragen die Methoden der Beobachtung anwenden sollen. Wenn wirkliche Menschenbeobachtung menschlich entwickelt ist, dann sehen wir — ich spreche da vom populären Gesichtspunkte —, wie in dem ersten Lebensalter des Kindes, von der Geburt bis zum Zahnwechsel, in einer wunderbaren Weise gerade die bedeutendsten Fähigkeiten des Menschen sich herauslösen aus unbestimmten Tiefen seines Wesens. Wir sehen, wie jene Dynamik sich entwickelt, durch die der Mensch sich als ein aufrecht gehendes Wesen in seinem Gleichgewicht in die Welt hineinstellt, wie die Sprache, wie das Denken herauskommt aus der Tiefe des Seelenwesens und sich körperlich auslebt. Aber das, was wir sehen, es gipfelt organisch im Zahnwechsel. Dieser hat ja das Eigentümliche an sich, daß er ein einmaliges Ereignis im menschlichen Leben ist. Es wiederholt sich nicht, was im Zahnwechsel geschieht. Gewissermaßen ein Schlußpunkt wird mit einer Summe von Kräften in die menschliche Organisation gemacht. Nur derjenige, der diese menschliche Organisation nicht kennt, kann glauben, daß der Zahnwechsel für sich allein dasteht. Nein, er steht nicht für sich da, er steht da als der äußerlich wahrnehmbare Ausdruck für das, was im ganzen menschlichen Organismus vor sich geht. Der Mensch macht etwas durch, was er im späteren Leben nicht mehr durchmachen wird, sonst würde er ja in periodischer Reihenfolge immer die Zähne wechseln. Aber derjenige, der den Menschen beobachtet, kennt diese bedeutende Verwandlung des geistig-seelischen Wesens des. Menschen in jenem Zeitabschnitt. Aber man beachtet jenen Umschwung nicht, der sich in dieser Lebensepoche des Menschen vollzieht. Sollte ich das darstellen, was die Pädagogen und Didaktiker wissen sollten, was der Menschenerkenntnis, von der ich hier sprechen will, zugrunde liegt, so würde das weit über den Rahmen eines Vortrages hinausgehen, und daher will ich bloß skizzieren.

Man betrachte zum Beispiel das Gedächtnis. Betrachtet man es oberflächlich, dann sagt man sich, das Gedächtnis tritt in einer gewissen Weise auf bis zum Zahnwechsel, dann verändert es sich etwas. Aber es ist etwas anderes, das Gedächtnis vor dem Zahnwechsel und das Gedächtnis nach dem Zahnwechsel. Für solche intime Kraftäußerungen des menschlichen Wesens haben wir heute eben aus der wissenschaftlichen Gesinnung heraus nicht die richtige Beobachtungsbegabung. Für eine richtige Beobachtung zeigt sich, daß das wunderbare Gedächtnis vor dem Zahnwechsel nichts anderes, als die Vollziehung von innen heraus sich äußernder Gewohnheiten ist. Aus den Kräften, der Macht der Gewohnheit baut sich das Gedächtnis bis zum Zahnwechsel auf. Wenn es sich handelt um eine Erinnerung, die man mit einer gewohnheitsmäßigen Bewegung vergleichen kann, dann kann man sagen, daß für das Gedächtnis eine Vorstellung die andere nach sich zieht.

Kurz, dasjenige, was wir Gedächtnis nennen, macht eine Metamorphose durch, indem das Kind den Zahnwechsel um das siebente Lebensjahr passiert. Es macht eine Metamorphose durch von dem mehr physisch-leiblichen Erleben zu dem geistig-seelischen Erleben. Wer einmal einsetzt mit einer solchen Beobachtung, dem ergeben sich weitere, die ungeheuer charakteristisch sind für die weitere Menschenentwickelung. Da sieht man zum Beispiel, wenn man Beobachtungsinstinkt sich erworben hat, wenn man sich einverleibt die Erkenntnis der geistigen Forschung, daß das Kind bis zum Zahnwechsel ein nachahmendes Wesen ist. Natürlich, man darf solche Dinge nicht grob nehmen, aber das Kind ist in dem ersten Lebensabschnitt gewissermaßen ein einziges großes Sinnesorgan. Wir können das ganze Leben des Kindes im ersten Lebensabschnitt vergleichen mit einem einzigen Sinnesorgan, wir können es vergleichen mit der innerlichen Organisation des Auges. Wie das Auge aufnimmt das ÄAußereund durch Aufwendung der Willenskraft, durch das Werkzeug des Organischen innerlich aufbaut das Bild von dem, was als Eindruck auf das Organische ausgeübt wird, so ist das Kind fortwährend bestrebt, in Nachahmung, die herauskommt aus der inneren Wesenheit, das wiederzugeben, was in seiner Umgebung vorhanden ist. Das Kind ist ganz Sinnesorgan, ganz wirkendes Sinnesorgan. Weil eben das ganze Wesen des Kindes als Sinnesorgan wirkt, wird von dem Kinde nicht nur dasjenige aus seiner Umgebung nachgeahmt und innerlich durchlebt, in träumerischem Zustande, ganz unbewußt, was äußerliche Bewegung, Geste, was Sprachlaut ist, was Gedanke im Sprachlaut ist, sondern es ergibt sich immer — und das ist das Eigentümliche - von diesem Ausgangspunkte: Das nachahmende Kind beobachtet die moralische Bedeutung der Geste, die Vater und Mutter machen. Die moralische Bedeutung zum Beispiel des Gesichtsausdruckes hat ihre Gegenäußerung im Sinne des Kindes, sie gräbt sich ein in das Kind, in die physische Organisation. Bis in die Gefäße hinein organisiert sich das Kind, indem es mitfühlt, was in seiner Umgebung geschieht. Erst wenn man die Tragweite dessen ins Auge fassen wird, wird man in Wirklichkeit unterscheiden können, was ererbt ist und was in dieser Weise in der ersten kindlichen Lebensepoche nachahmend aus der Umgebung erworben wird. Dann wird man jene wunderbare Wechselwirkung sehen zwischen der Umgebung und dem Kinde, und der wirkliche, für den nüchternen Erkenner mystische Begriff der Wissenschaft von der Vererbung wird auf eine ganz andere Grundlage gestellt werden können. Da zeigt sich aber auch, welche besondere Natur der Mensch hereinbringt, indem er als geistig-seelisches Wesen durch die Geburt in das Erdendasein hereintritt mit einem Ätherleib, womit man etwas bezeichnet, was dem heutigen Vorstellungsleben ungewohnt ist. Dasjenige, was das Kind charakterisiert, ist ein leiblichreligiöses Wesen. Es ist tatsächlich so, daß das Kind mit seinem Leibe an die physische Außenwelt und deren moralischen Inhalt hingegeben ist, wie wir in der religiösen Stimmung an etwas, das sich uns als göttlich erweist, hingegeben sein können. Es ist in einer leiblich-religiösen Stimmung; weil diese Stimmung lediglich leiblich-religiös ist, hat sie natürlich nicht die Stimmung der Frömmigkeit und dergleichen Zustände in sich, die dann später zur seelischen Religiosität werden. Aber können wir die Entwickelung des Menschen verfolgen, so sehen wir, wie dasjenige, was im Leibe west bis zum Zahnwechsel, dann verändert erscheint, wie dasjenige, was in der ersten Epoche ganz im Leiblich-Physischen beschlossen ist, in Fühlens- und Willensimpulse einzieht. Und wenn wir das Kind in die Volksschule bringen, müssen wir uns klar werden: da macht das innere Leben des Kindes eine Metamorphose durch. Da wird das, was leiblich-physisches Erleben war, nach dem erwähnten Schlußpunkte, den der Zahnwechsel bildet, was in der leiblich-physischen Entwickelung aufgetreten ist, zum Teil zurückgelassen und tritt in anderer Form als Seelisch-Geistiges auf, tritt auf als Seele und Gefühl. Dasjenige, was zuerst in den Wachstumskräften war, in den plastisch gestaltenden Kräften, was als Geistig-Seelisches im Leibe gewirkt hat im Zahnwechsel, von dem löst sich ein Teil los und verwandelt sich in das freie Seelisch-Geistige nach dem Zahnwechsel. Und was wir als das Wachstum bezeichnen, was im Leibe gewirkt, stufenweise wandelt es sich um in das Geistig-Seelische. Wenn wir dies beachten und wenn wir ausgerüstet sind mit dieser Erkenntnis, dann stehen wir als Lehrer und Erzieher mit unserer ganzen Gesinnung und unserem ganzen Wissen dem zu erziehenden Kinde richtig gegenüber. Dann wissen wir, daß in diesem physisch-leiblich-sinnlichen Wesen, das für seine Umwelt in einer religiösen Hingabestimmung ist, wie in dieses hereinwächst einem Leiblich-Religiösen gegenüber das geistig-seelische Wesen, das im vorirdischen Dasein da war. Versetzen wir uns einmal in die Seele eines Erziehers, der dem Kinde so gegenübersteht. Er wird sich seiner Verantwortung bewußt sein, er weiß, daß ihn die Geisteswelten heruntergeschickt haben, um ein Wesen, das er durch seine leiblichen Äußerungen zu erraten, zu enträtseln hat, zu leiten. Er wird so vor dem Wesen stehen, daß er sich in Hingabe hergibt, mitzuhelfen, daß alles dasjenige, was im Kinde mitgebracht ist aus geistigseelischen Welten, wirklich zur Erscheinung kommen kann. Und mit Ehrfurcht vor seinem Berufe wird der Erzieher vor dem Kinde stehen, da er mit jedem Monat, mit jedem Jahr sieht, daß das alles, was es sich mitgebracht hat aus der geistig-seelischen Welt, sich verwandelt zum Physisch-Leiblichen. Und er wird hinschauen auf die Art und Weise, wie er auf das Kind wirken kann, und er wird gewahr werden können dasjenige, was leiblich-physisch war vor der Umwandlung, in der ersten Epoche bis zum Zahnwechsel; in der zweiten Epoche, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, wandelt es sich als Übergang in das Seelische, und erst mit der Geschlechtsreife wandelt es sich um in das Geistige. Der Mensch tritt uns dann so entgegen, daß, was in seiner Organisation in den ersten Kindesjahren erlebt worden ist, sich nun auslebt in seiner geistigen Erfassung der Welt: das Leiblich-Religiöse wird geistig-religiös. Jetzt merken wir den Zusammenhang, wie dasjenige, was leiblich ist, seelischgeistig wird. Jetzt spekulieren wir nichtmehr über Physisch-Leibliches, über Geist und Seele, jetzt sehen wir, wie in den verschiedenen Lebensaltern in der Menschenentwickelung das eine Mal das Geistig-Seelische sich unmittelbar offenbart, das andere Mal sehen wir, wie das geistig-seelische Ewigkeitswesen im Leiblich-Physischen wirkt. Jetzt gewinnen wir Menschenanschauung auf Grundlage der Wechselwirkung zwischen Leib und Seele, auf Grund einer Menschenbeobachtung, die zur Grundlage einer richtigen Menschenerziehung wird.

Durch Schicksalsfügung hat sich die Möglichkeit ergeben, dasjenige, was sich aus solcher Beobachtung ergibt, praktisch didaktisch und pädagogisch anzuwenden in den Jahren, in denen man imstande ist, die Schicksale des Kindes zu lenken. In Stuttgart wurde durch Herrn Emil Molt die «Waldorf-Schule» als freie Volksschule gegründet, zu der später noch die unteren Klassen der Mittelschule hinzukamen. Die Leitung wurde mir übergeben. Ich konnte nun diejenigen Methoden bringen, die sich aus der geschilderten Menschenerkenntnis ergeben. Da handelt es sich darum, daß man zunächst beiseite läßt, was man sonst «Lehrziel» nennt, daß man das abliest von der Menschenentwickelung selbst.

Ich habe das, was ich geschildert habe, nur skizzenhaft dargestellt, aber es nimmt sich so aus, daß man von Tag zu Tag in neuer Gestalt an dem Kind beobachten kann durch den pädagogischen Instinkt, der durch die Arbeit mit dem Kind, am Kind entsteht, daß man dadurch ablesen kann, wie das kindliche Leben verläuft; daß man ablesen kann, was man in jeder Woche, in jedem Monat zu tun hat, daß man es sich von der Wesenheit des Menschen diktieren läßt, was man als Erzieher an das Kind heranzubringen hat: zum Beispiel, daß zunächst, wenn man das Kind in die Volksschule gibt, das Kind in dieser Entwickelungsphase einen ganz selbstverständlichen Widerwillen hat gegen das unmittelbare Schreiben- und Lesenlernen. Und das kann man begreifen. Bedenken Sie, daß ja diese sonderbaren Zeichen, die wir Buchstaben nennen, durch die wir lesen und schreiben, die ja etwas dem Menschen ganz Fremdes sind, entstanden sind aus den ursprünglichen Schriftzeichen in einer langen Kulturentwickelung. Die ursprüngliche Schrift ist ja entstanden aus den Bildern und Zeichen von dem, was sie darstellte; sie war noch näher im Ausdruck dem, was sie bedeutete; da war sie noch ähnlich dem, was man unmittelbar wahrnahm. Das Kind, das zur Schule kommt und die abgeleiteten Schriftzeichen lernen soll, fühlt keine Verwandtschaft mit den seinem Empfinden fremden Zeichen. Dieses Verständnis erwacht erst mit der Geschlechtsreife und ist ein ganz anderes als das zwischen dem sechsten und achten Jahre und zwischen dem vierzehnten, fünfzehnten, sechszehnten Lebensjahre. Das Kind, weil es erst seelisch da ist, ist angewiesen auf das Bildhafte, das sich ihm so ergibt, wie die Sinneswahrnehmung und Sinnesanschauung. Erkennt man dies, dann wird man für dieses Lebensalter die richtigen Erziehungsimpulse hereinbringen; dann muß man aber zu jenen Dingen übergehen, zu denen wir übergingen in unserer Schulpraxis in unserer Schule in Stuttgart. Es handelt sich darum, das Kind zu einem malenden Zeichnen, zu einem zeichnenden Malen zu bringen. Man muß sie sich nicht nur mit dem Kopfe, den Augen betätigen lassen,sondern mit dem ganzen Menschen beschäftigen lassen, und es ist wunderbar, was herauskommt an merkwürdiger Bildhaftigkeit, was die Kinder zeichnend malend, malend zeichnend erreichen. Lenkt man das in richtiger Weise, so kann man herausentwickeln aus dem, was den Kindern nahe liegt, die Buchstaben, das Schreiben, das Lesen. Wir lassen das Lesen nach dem Schreiben lernen, weil beim Lesen der Mensch nur kopfmäßig beteiligt ist, beim Schreiben jedoch mit dem ganzen Menschen.

Das ist ein Beispiel, wie wir versuchen, aus Menschenerkenntnis heraus in praktischer Pädagogik und Didaktik dasjenige zu erreichen, was Menschenerziehung erreichen soll. Derjenige, der da schaut, wie der Mensch veranlagt ist in bezug auf sein religiöses Leben, der findet auch die Möglichkeit, die sittlich-religiösen Impulse hereinzubringen. Auf diese Weise enthüllt sich dann das Folgende: Es ist merkwürdig, wie Kinder, die zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr stehen, im ersten Drittel des zweiten Lebensabschnittes, wie solche Kinder in diesem Lebensabschnitte etwas durchmachen. Das alles spielt sich unbewußt ab. Wir sehen, wie das Kind, indem es den Zahnwechsel überschritten hat, den Übergang findet vom nachahmenden Wesen zu demjenigen Wesen, das auf die Autorität des Erziehers und Lehrers hin sich alles aneignet. Sie werden demjenigen, der vor dreißig Jahren die «Philosophie der Freiheit» geschrieben hat, glauben, daß er nicht an Sie herantreten wird als ein Anwalt für die Autorität, aber gerade, wenn man aus jener «Philosophie der Freiheit» erkannt hat, was Freiheit bedeutet, dann kann man auch ermessen, daß es aus der Gesetzmäfßigkeit des Menschen heraus ist, daß das Kind vom Zahnwechsel an bis zum Zeitpunkt der Geschlechtsreife ein Wesen ist, das vollkommen nachahmt dasjenige, was es beim Lehrer oder Erzieher sieht. Wir sehen, daß es nicht nur durch die Sprache sich nach ihm richten will, aus seiner inneren Gesetzmäßigkeit heraus, sondern daß es nach der ganzen menschlichen Lebensäußerung sich nach ihm richten will. Wenn das Kind sich in dieses notwendige, selbstverständliche Autoritätsgefühl hereingelebt hat, sieht man, wie es zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr ein Art Krisis durchmacht. Alles geschieht gefühlsund empfindungsgemäß, es gibt sich nicht Rechenschaft darüber; aber das Kind kommt an den Erzieher heran und will etwas Besonderes. Und wenn wir es in Worte kleiden wollen, so meint das Kind: Bis dahin war das Schöne schön, weil der Lehrer und Erzieher es für schön gehalten hat, bis dahin war das Wahre wahr, weil der Lehrer und Erzieher es für wahr gehalten hat. - Von diesem Zeitpunkte an aber empfindet es: Wer rechtfertigt diese Autorität vor der gesamten Welt, woher hat sie das Wahre und Schöne als wahr und schön? Das Kind macht eine Krisis durch, es weiß nichts von dem, was ich hier formuliert habe, empfindet nur so etwas. Und wir müssen als Lehrer und Erzieher diesen Moment beobachten, daß das rechte Wort, wenn nötig, fort und fort gesprochen werde vom Erzieher zum Kinde. Denn es handelt sich darum: Von demjenigen, was wir da tun in diesem Krisisaugenblicke, hängt das ganze spätere Leben ab, ob es lebensfreudig und sicher ist oder ob es fremd und innerlich wie gelähmt ist.

Darauf weist uns eine solche Erziehungsmethode des Menschen, daß wir dasjenige tun müssen als Erzieher, was dem ganzen Leben frommt. Dann werden wir, wenn wir in eine solche Lebensbeobachtung eindringen, sehen, wie etwas, was im kindlichen Lebensalter richtig in das Kind hereingebracht wird, erst im späteren Leben zur Reife kommt. Ich will Ihnen hier ein Beispiel anführen. Wir kennen Menschen, welche, wenn sie älter geworden, vielleicht wenn sie schon sehr alt geworden sind und in irgendeine Gesellschaft hereinkommen, so brauchen sie gar nicht viel zu reden, sie sind etwas, was Ruhe, Frieden, was etwas Segnendes in die Gesellschaft hereinbringt. Das sind Menschen, die oftmals nur durch die Nuance der Worte, durch die Art und Weise wie sie sprechen, in großartiger Weise mit moralischen Impulsen, Gnade spendend auf ihre Mitwelt wirken können. Gibt man sich nicht zufrieden mit der Beobachtung des Lebens in kürzeren Zeiträumen, und gibt man sich die Mühe und kann man das ganze Menschenleben beobachten, dann weiß man, daß solche Menschen, die so segensbringend wirken, als Kinder das Glück hatten, zu anderen Menschen oder zu etwas, was ihnen entgegengebracht wurde, verehrend aufzuschauen. Aus dieser Verehrung zwischen dem zehnten und vierzehnten Lebensjahr entwickelt sich dasjenige, was uns zu Wohltätern macht im späteren Lebensalter, was ich, bildlich ausgedrückt, so sagen will: Keine Hand kann sich segnend erheben im späteren Lebensalter, die nicht gelernt hat im kindlichen Lebensalter, sich zum Gebet zu falten. Das soll nur bildhaft darauf hinweisen, wie eine wahre Menschenerkenntnis solches an das Kind heranbringt, daß wachse und lebe das Gefühl für das moralisch Gute, die Antipathie für das Böse, daß es wachse, wie der menschliche Leib selbst wächst. Man hat das Gefühl, wenn man scharfe Konturen in Definitionen an das Kind heranbringt, daß das so wäre, wie wenn man dem kindlichen Organismus Fesseln anlegen würde. Wir müssen dem Kinde Begriffe, Impulse geben, die wachsen können wie der Organismus, die geistig-seelisch wachsen können, die geistig in sich tragen die innere Möglichkeit, immer reicher und reicher zu werden, auf daß man später in der Erinnerung froh zurückblickt, daß das kindliche Leben aufsprießt in dem altgewordenen Menschenkörper. Durch wenige Bilder möchte ich Ihnen zeigen, wie eine wirkliche Menschenerkenntnis, die so errungen wird, wie ich es gleich zu Anfang meines Vortrages geschildert habe, auf die Pädagogik und Entwickelung des Kindes Anwendung findet. Man wird ja sehen an der Schule von Stuttgart, wie Ihnen diese wird beweisen müssen, was ich Ihnen hier geschildert habe, wie sie gewissermaßen den lebenspraktischen Beweis erbringt, der ingewissem Grade vorliegt, wenn wir in bezug auf die Ergebnisse auch bescheiden sein wollen.

Es könnte nun eingewender werden, daß nur derjenige Interesse haben kann für eine solche Menschenerkenntnis, der durchgemacht hat, was zum Hineinschauen in die geistige Welt befähigt. So ist es aber nicht. Obwohl, wer den Erkenntnisweg durchgemacht hat, der geschildert ist zum Beispiel in dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» selbst nachprüfen kann, was die Geistesforschung sagt, so ist das zur Beurteilung nicht einmal notwendig, wie jeder, der nicht selbst Maler ist, die Schönheit eines Bildes beurteilen kann. Zwar kann allein nur der Forscher die geistige Welt schildern; diejenigen aber, die sich gesunden Menschensinn bewahrt haben, können durchaus durchschauen die Wahrheit oder Unwahrheit desjenigen, was aus der geistigen Welt erforscht wird. Deshalb darf man nicht diejenigen, die sich zu dieser Geistesforschung bekennen, als eine Sekte darstellen oder als blind schildern.

Das will Anthroposophie nicht sein, sie will eine Fortsetzung sein der wissenschaftlichen Forschung, die sich durch Jahrhunderte hindurch bis zur Kulmination im neunzehnten Jahrhundert entwickelt hat, in deren Entwickelung wir heute noch stehen. Nur in diesen Richtlinien kann sie zur wirklichen Menschenerkenntnis werden und dadurch zur Grundlage einer menschheitsgemäßen und der Menschenwürde gemäßen Menschenerziehung. Denn nicht aus der Erkenntnis der Welt allein kommen wir im Leben zurecht, da weder Naturwissenschaft noch Mystik den Menschen zur vollen Erkenntnis seines Menschenwesens führen können. Denn es ist mit ihr wie mit dem Atmen: sie muß eine Wechselwirkung sein, gewissermaßen ein Einatmen und Ausatmen, zwischen Welterkenntnis und Menschenerkenntnis. Solche Erkenntnis allein kann aber nur die Grundlage sein einer Erziehung, die das Geistig-Seelische bis zu seiner Umwandlung ins Physisch-Leibliche verfolgt, eine Grundlage für das, was am Zustand der menschlichen Kultur einer Umwandlung bedarf. Denn derjenige, der das heutige Leben betrachtet, wird sich sagen können: Durch äußere Umwandlung kann nicht umgewandelt werden dieser Zustand, durch sie allein kann nicht herbeigeführt werden, was wir zum Fortgange unserer Zivilisation, die bedroht ist, wünschen, sondern allein durch dasjenige, was aus dem Geiste kommt, und nur diejenigen Menschentaten, Menschenhandlungen werden sich dem sozialen Fortschritte einfügen, die vom Geiste getragen sind.

Lassen Sie mich kurz zusammenfassen: Geist-Erkenntnis gibt dem Menschen, in Geist getaucht, die Ideen, die sein ganzes Wesen erfüllen können, die zu geisterfüllten Taten, zu geisterfüllten Handlungen und zu einem geisterfüllten sozialen, zu einem geistig in Liebe getränkten menschlichen Zusammenleben führen können. Und das ist dasjenige, was wir für die nächste Zukunft am allernotwendigsten haben werden.

German original of The Development and Education of the Human Being in the Light of Anthroposophy · ← Previous · Next →