Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — München, 1908-01-16
## GA 266/1 — 1908-01-16, München
München, 16. Januar 1908 Handelte es sich in unserer letzten esoterischen Stunde"" um die großen Gesetzmäßigkeiten des geistigen Lebens, wie sie sich im Laufe der Menschheitsentwicklung offenbaren, handelte es sich um die großen geistigen Mächte, die alles, was auf dem physischen Plane geschieht, leiten und die sich gegenseitig in ihrer Wirksamkeit ablösen, so wollen wir heute in einer etwas intimeren Weise von den Gesetzen des geistigen Lebens sprechen, wie es sich im Innern des Menschen selbst abspielt. Derjenige, der in einer okkulten Schulung steht, ist in gewissem Sinne ein Wartender, ein Suchender. Er wartet darauf, daß sich ihm eines Tages eine neue Welt enthülle außer derjenigen, die er sonst wahrgenommen hat. Er wartet darauf, daß er sich eines Tages sage könne: Ich sehe eine neue Welt; zwischen allen Dingen, die ich bisher im Raume wahrnehmen konnte, sehe ich eine Fülle von geistigen Wesenheiten, die mir vorher verborgen waren. - Um Euch das ganz klar werden zu lassen, müßt Ihr Euch die sieben Bewußtseinszustände, die der Mensch im Laufe seiner Entwicklung durchläuft, noch einmal vor die Seele rufen. Der erste Bewußtseinszustand, den der Mensch durchmachte, war ein dumpfer, dämmeriger Grad des Bewußtseins, in dem sich der Mensch eins fühlte mit dem Kosmos; Saturndasein nennen wir diesen Zustand. Im Sonnendasein nahm der Umfang des Bewußtseins ab, aber es wurde dafür um so heller. Als dann der Mensch das Mondendasein durchlebte, war sein Bewußtsein ähnlich dem, was wir als letzten Rest in unseren Träumen erleben, es war ein dumpfes Bilderbewußtsein. Hier auf Erden haben wir das helle Tagesbewußtsein, welches bleiben wird, wenn der Mensch sich auf dem Jupiter wieder zum Bilderbewußtsein erhebt, so daß wir dann dort ein helles Bilderbewußtsein haben * Siehe die Stunde vom 5. Dezember 1907.
_______________ werden. Noch zu zwei höheren Zuständen, dem inspirierten und intuitiven Bewußtseinszustand, wird sich der Mensch dann noch weiterhin erheben. So steht also unser helles Tagesbewußtsein mitten zwischen dem dumpfen Bilderbewußtsein des Mondes und dem hellen Bilderbewußtsein des Jupiter. Und das, worauf der Esoteriker wartet, daß es sich ihm eines Tages enthülle, ist das Jupiterbewußtsein. Es wird an jeden von Euch einmal herankommen, beim einen früher, beim andern später, das hängt von seinen Fähigkeiten, vom Grade der inneren Reife ab. Nun ist aber das Jupiterbewußtsein in seinen ersten Keimen schon vorhanden bei einem jeden Menschen. In ganz zarter Weise ist das zukünftige Bewußtsein schon angedeutet, der Mensch vermag es sich nur nicht zu deuten. Darin besteht eben das esoterische Leben zu einem großen Teile, daß der Schüler lernt, die subtilen Vorgänge in sich selbst und in seiner Umgebung richtig zu deuten. Auch das alte Mondenbewußtsein ist noch nicht ganz verschwunden, sondern in seinen letzten Rudimenten noch da. Die zwei Zustände beim heutigen Menschen, in denen im einen noch das alte Mondenbewußtsein, im andern schon das neue Jupiterbewußtsein da ist, sind das Schamgefühl und das Angstgefühl. Im Schamgefühl, wo das Blut nach der Peripherie des Körpers gedrängt wird, lebt noch ein letzter Rest des Mondenbewußtseins, und im Angstgefühl, wo das Blut nach dem Herzen strömt, um dort einen festen Mittelpunkt zu finden, kündigt sich an das Jupiterbewußtsein. So schlägt also normales Tagesbewußtsein nach zwei Seiten aus.
Wenn wir über irgend etwas Scham empfinden und uns die Schamröte ins Gesicht steigt, so erleben wir etwas, was an das Mondendasein erinnert. Stellt Euch einen Mondenmenschen vor. Er konnte noch nicht «Ich» zu sich sagen, sondern lebte in einem dumpfen, dämmernden Bilderbewußtsein, ganz eingebettet in astralische Kräfte und Wesenheiten, mit denen er sich eins und in Harmonie fühlte. Denkt Euch einmal, meine Schwestern und Brüder, bei einem solchen Mondenmenschen sei eines Tages plötzlich das Gefühl heraufgedämmert: Ich bin ein «Ich». Ich bin verschieden von den andern, bin ein selbständiges Wesen, und alle die andern Wesen in meiner Umgebung schauen mich an. - Da hätte den ganzen Mondenmenschen von oben bis unten durchglüht ein ganz ungeheures Schamgefühl, er hätte zu verschwinden, unterzugehen versucht vor Scham, wenn er ein solch verfrühtes Ich-Gefühl hätte fühlen können. So möchten auch wir, meine Schwestern und Brüder, wenn uns ein Schamgefühl ankommt, am liebsten verschwinden, gleichsam versinken unter den Boden, unsere Ichheit auflösen. Stellt Euch vor, wie der alte Mondenmensch eingebettet war in die Harmonie mit den Kräften und Wesenheiten seiner Umgebung. Wenn sich ihm ein feindliches Wesen nahte, so überlegte er nicht, sondern er wußte instinktiv, wie er ihm ausweichen müßte. Er handelte da in einem Gefühle, das er, wenn er bewußt gewesen wäre, etwa folgendermaßen hätte ausdrücken können: Ich weiß, daß die Gesetzmäßigkeit der Welt nicht so eingerichtet ist, daß mich dieses wilde Tier nun zerreißen wird, sondern die Harmonie der Welt ist so, daß es Mittel geben muß, die mich vor meinem Feinde schützen. So ganz unmittelbar in Harmonie mit den Kräften des Alls fühlte sich der alte Mondenmensch. Und wäre ein Ich-Gefühl in ihm erwacht, so hätte das sofort diese Harmonie gestört. Und das Ich-Gefühl hat tatsächlich, als es anfing, den Menschen auf Erden zu durchdringen, ihn mehr und mehr in Disharmonie gebracht mit seiner Umgebung. Der Hellhörer hört das All erklingen in einer gewaltigen Harmonie, und wenn er damit vergleicht die Töne, die aus den einzelnen Menschen zu ihm dringen, so
gibt das heute bei allen Menschen einen Mißklang, beim einen mehr, beim andern weniger, aber ein Mißklang ist es. Und Eure Aufgabe ist es, im Laufe Eurer Entwicklung diesen Mißklang immer mehr in Harmonie aufzulösen. Durch die Ichheit ist dieser Mißklang entstanden, aber weise ward er eingerichtet von den geistigen Mächten, die das Weltall beherrschen und leiten. Wären die Menschen immer in der Harmonie geblieben, so wären sie nie zur Selbständigkeit gekommen. Der Mißklang ward eingesetzt, damit der Mensch frei, aus eigener Kraft sich die Harmonie wieder erringen könne. Das selbstbewußte Ich-Gefühl mußte sich also zunächst auf Kosten der inneren Harmonie entwickeln. Ist dann die Zeit gekommen, wo das Jupiterbewußtsein aufleuchtet, und der Mensch wieder in harmonischen Zusammenhang kommt mit den Kräften des Kosmos, dann wird er sein selbstbewußtes Ich-Gefühl mit hinüberretten in den neuen Bewußtseinszustand, so daß der Mensch dann ein selbständiges Ich und doch in Harmonie mit dem All sein wird. Wir haben nun gesehen, daß sich im Angstgefühl schon das neue Jupiterbewußtsein ankündigt. Aber immer, wenn ein zukünftiger Zustand vor der Zeit aufzutreten beginnt, so ist er verfrüht und nicht recht am Platze. Das wird Euch an einem Beispiel klar werden. Wenn man eine Blume, die ihrer Art nach im August blühen sollte, in einem Treibhaus schon im Mai zur Blüte bringt, so wird sie dann im August, wenn ihre eigentliche Blütezeit gekommen ist, keine Blüte mehr entfalten können; ihre Kräfte werden erschöpft sein und sie wird in die Verhältnisse, in die sie dann kommen sollte, nicht mehr hineinpassen. Und auch im Mai wird sie, sobald man sie aus dem Gewächshause nimmt, zu Grunde gehen müssen, weil sie eben in die natürlichen Verhältnisse dieser Jahreszeit nicht paßt. Geradeso ist es mit dem Angstgefühl. Es ist auch heute nicht am Platze und noch viel weniger in der Zukunft. Was geschieht beim Angstgefühl? Das Blut wird ins Zentrum des Menschen, ins Herz gepreßt, um dort einen festen Mittelpunkt zu bilden, um den Menschen stark zu machen gegen die Außenwelt. Die innerste Kraft des Ich ist es, die das bewirkt. Diese Kraft des
Ich, die auf das Blut wirkt, die muß immer bewußter und kräftiger werden und auf dem Jupiter wird der Mensch dann ganz bewußt sein Blut nach dem Mittelpunkt leiten und sich stark machen können. Das Unnatürliche und Schädliche daran ist aber heute das Gefühl der Angst, das mit dieser Blutströmung verbunden ist. Das darf in Zukunft nicht mehr sein, nur die Kräfte des Ich, ohne Angst, müssen da wirken. Immer feindlicher stellt sich im Laufe der menschlichen Entwicklung die Außenwelt um uns. Immer mehr müßt Ihr lernen, Eure innere Kraft der herandrängenden Außenwelt entgegenzustellen. Aber die Angst muß dabei verschwinden. Und ganz besonders für den, der eine esoterische Schulung durchmacht, ist es nötig, unumgänglich nötig, daß er sich freimache von allen Angst- und Furchtgefühlen. Nur da hat die Angst eine gewisse Berechtigung, wo sie uns aufmerksam macht, daß wir uns stark machen sollen, aber alle unnatürlichen Angstgefühle, die den Menschen quälen, müssen ganz und gar verschwinden. Was sollte geschehen, wenn der Mensch noch Angst- und Furchtgefühle hat und das Jupiterbewußtsein stellt sich ein? Dort wird die Außenwelt sich dem Menschen viel, viel feindlicher und schrecklicher gegenüberstellen als heute. Ein Mensch, der hier nicht die Angst sich abgewöhnt, wird dort von einem schreckensvollen Entsetzen ins andere fallen. Schon jetzt bereitet sich immer mehr dieser Zustand in der Außenwelt vor. Und deutlicher noch wird das sich dem Menschen zeigen in jener schrecklichen Zeit, die hereinbrechen wird unter der Herrschaft des Oriphiel, von dem ich Euch das letztemal gesprochen habe. Da muß der Mensch gelernt haben, festzustehen! Unsere heutige Kultur schafft selbst jene entsetzlichen Ungeheuer, die den Menschen auf dem Jupiter bedrohen werden. Schaut Euch die riesenhaften Maschinen an, welche die menschliche Technik heute mit allem Scharfsinn konstruiert! In ihnen schafft sich der Mensch die Dämonen, die in Zukunft gegen ihn wüten werden. Alles, was der Mensch heute an technischen Apparaten und Maschinen sich erbaut, wird in Zukunft
Leben gewinnen und sich dem Menschen in furchtbarer Weise feindlich entgegenstellen. Alles, was aus reinem Nützlichkeitsprinzip, aus Einzel- oder Gesamtegoismus heraus geschaffen wird, ist in Zukunft des Menschen Feind. Wir fragen heute viel zu viel nach dem Nutzen dessen, was wir tun. Wenn wir die Entwicklung wirklich fördern wollen, so dürfen wir nicht nach dem Nutzen fragen, sondern vielmehr danach, ob etwas schön und edel ist. Wir sollen nicht nur aus dem Nützlichkeitsprinzip heraus handeln, sondern aus reiner Freude am Schönen. Alles, was der Mensch heute schafft, um sein künstlerisches Bedürfnis zu befriedigen, aus reiner Liebe am Schönen, auch das wird sich in Zukunft beleben, und es wird zur Höherentwicklung des Menschen beitragen. Aber furchtbar ist es, heute sehen zu müssen, wie viele Tausende von Menschen schon von der frühesten Kindheit an dazu angehalten werden, keine andere Tätigkeit zu kennen als die um des materiellen Nutzens willen, abgeschnitten zu sein zeitlebens von allem Schönen und Künstlerischen. In den ärmsten Volksschulen sollten die herrlichsten Kunstwerke hängen, das würde unendlichen Segen bringen in der menschlichen Entwicklung. Der Mensch baut sich selbst seine Zukunft. Man kann einen Begriff davon bekommen, wie es etwa auf dem Jupiter sein wird, wenn man sich klar macht, daß es heute nichts absolut Gutes und nichts absolut Böses gibt. In jedem Menschen ist heute das Gute und das Böse gemischt. Der Gute muß sich immer sagen, daß er nur ein wenig mehr Gutes als der Böse in sich hat, aber durchaus nicht gut an sich ist. Auf dem Jupiter wird aber Gut und Böse nicht mehr vermischt sein, sondern die Menschen werden sich spalten in ganz Gute und ganz Böse. Und alles, was wir heute an Schönem und Edlem pflegen, dient zur Verstärkung des Guten auf dem Jupiter, und alles, was nur vom Gesichtspunkte des Egoismus und der Nützlichkeit geschieht, verstärkt das Böse. Damit der Mensch den bösen Mächten der Zukunft gegenüber ganz gewachsen sei, muß er die innerste Kraft seines Ich in die Hand bekommen, er muß das Blut bewußt so regulieren können, daß es ihn stark mache dem Bösen gegenüber, aber ohne jede Angst. Die Kraft, die das Blut nach innen treibt, muß er dann in seiner Gewalt haben. Aber auch jene andere Fähigkeit, das Blut vom Herzen zur Peripherie strömen zu lassen, darf ihm nicht verlorengehen. Denn der Jupiterzustand wird in einer gewissen Weise auch die Rückkehr zum alten Mondenbewußtsein bedeuten. Der Mensch wird wieder in Harmonie kommen mit den großen Weltgesetzen und sich eins mit ihnen fühlen. Er wird wieder die Fähigkeit erlangen, zusammenzuströmen mit den geistigen Weltenmächten, aber nicht wie auf dem Monde unbewußt und dämmerhaft, sondern auf dem Jupiter wird er sein helles Tagesbewußtsein und selbstbewußtes Ich-Gefühl immer beibehalten und doch in Harmonie leben mit den Kräften und Gesetzen der Welt. Der Mißklang wird sich dann in Harmonie auflösen. Und um sich so einfließen lassen zu können in die Harmonie des Alls, muß er bewußt die innerste Kraft seines Ich vom Herzen hinausstrahlen lassen lernen. Er muß also bewußt die inneren Kräfte seines Blutes zentralisieren können, wenn ihm ein Feind gegenübertritt, und er muß sie auch bewußt ausstrahlen können. Dann nur wird er den zukünftigen Verhältnissen gewachsen sein. Derjenige nun, der eine innere Entwicklung anstrebt, muß heute schon anfangen, diese Kräfte allmählich immer mehr in seine Gewalt zu bekommen. Er tut es dadurch, daß er bewußt seinen Atem aus- und einziehen lernt. Wenn der Mensch seinen Atem einzieht, so treten damit die Kräfte des Ich in Tätigkeit, die ihn in Zusammenhang bringen mit den Kräften des Kosmos, diejenigen Kräfte, die vom Herzen nach außen strahlen. Und wenn der Mensch den Atem ausgibt und wenn er sich des Atems enthält, so treten diejenigen Kräfte des Ich in Tätigkeit, die nach dem Mittelpunkte, nach dem Herzen drängen und dort ihm ein festes Zentrum schaffen. So lernt der Schüler schon heute, wenn er bewußt seine Atemübungen in diesem Sinne macht, allmählich Herr zu werden über die Kräfte seines Ich. Niemand darf aber glauben, selbständig solche Übungen unternehmen zu dürfen, wenn er noch keine Anweisung dazu erhalten hat. Ein jeder wird sie bekommen zu rechter Zeit. Aber auch für den, der noch keine solchen Übungen macht, ist es nie zu früh, sich schon mit dem Sinn dieser Übungen bekannt zu machen und Verständnis dafür zu erlangen. Sie werden ihm dann später nur um so fruchtbarer werden. So sollt Ihr, meine Schwestern und Brüder, immer mehr Verständnis bekommen auch für die subtilen Vorgänge in Euch und im Weltganzen und allmählich hineinwachsen in die zukünftigen Perioden der menschlichen Entwicklung.
ESOTERISCHE STUNDE