Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — Hamburg, 1908-05-22
## GA 266/1 — 1908-05-22, Hamburg
Hamburg, 22. Mai 1908 Aufzeichnung Α Das Erste und Hauptsächlichste bei der esoterischen Schulung ist Selbsterkenntnis. Der Lehrer sagt: Denke dir, daß du dein eigenes Spiegelbild sähest. Ein verzerrtes Bild wirst du sehen, wenn der Spiegel schlecht, ein richtiges, wenn er gut ist. Wenn du dich sehen willst, wie du bist, mußt du dir selbst den Spiegel gut und klar machen. Derjenige, der sich durch seine Begierden und Wünsche hinund herreißen läßt, der keine eigenen Entschlüsse fassen kann, der hinhorcht auf das, was andere Menschen ihm sagen, der ist wie einer, der in einem kleinen Kahn sich auf dem Meere befindet und von den Wogen und Winden auf- und niedergezogen wird. Derjenige aber, der Wünsche und Begierden beherrscht, der sich nicht beeinflussen läßt durch andere Menschen, der ist zu vergleichen mit einem, der stark und sicher das Ruder ergreift und den Kahn durch Wind und Wetter dem Ziele zuführt. Es gibt Hilfen im Okkultismus, um einen richtigen Entschluß fassen, ein richtiges Urteil fällen zu können. Das Zeichen, das Ihr erhaltet, seht so an, daß in der alten Mondenzeit die geistigen Wesenheiten, die die Weisheit des Mondes aus einem Zustand, der in der ersten Zeit des alten Mondes noch voller Irrtümer war, hinzuführen hatten zu einem Zustande, der Weisheit, schöpferische, irrtumsfreie, reine Weisheit war, daß diese Wesenheiten sich die reine Weisheit erarbeiteten an solchen Symbolen, Stellt Euch vor die Seele dies Zeichen:
Es ist immer von Einfluß auf uns, mit welchen Menschen wir in Beziehung kommen. Menschen zum Beispiel, die Milch genießen, sind anders als solche, die Alkohol zu sich nehmen, wenn das auch erst mit der Zeit nach außen zum Ausdruck kommt. Es gehen Strömungen durch den Raum, denen wir ausgesetzt sind, die von und zu den Menschen hin- und hergehen. Unfrei sind wir dadurch in uns, wenn diese Strömungen uns beeinflussen. Als wirkliche Esoteriker müssen wir frei werden davon. Machen wir uns das klar an vier Menschen. A ist ein sogenannter sensitiver Mensch, leicht zugänglich allem, was um ihn her geschieht, er faßt schnell alles auf. Selbst aber ist er schwach, nichts Eigenes kommt aus seiner Seele. Er steht in Beziehung zu B. Der hat Anlagen zu einer bestimmten Form des Wahnsinns, der aber nicht zum Ausbruch kommt. Er wird durch seine robuste, bäuerliche Natur hiervor bewahrt. C ist ein dritter Mensch, eine kräftige, geistige Natur, ein Genie. D, der vierte, ist wie A sensitiv, leicht empfänglich. Bei A, der leicht alles aus seiner Umgebung aufnimmt, bricht die bestimmte Form von Wahnsinn aus, die er durch seine Sensibilität von B in sich aufgenommen hat. Er wird wahnsinnig. Das ist aber nicht sein eigener Wahnsinn, sondern der von B. D, der auch sensitiv ist, nimmt nicht den Wahnsinn von B, sondern die Genialität des C in sich auf, er erscheint als genialer, geistreicher Mensch, obgleich er es eigentlich nicht ist. Er ist eine Art Abklatsch der Geistigkeit des C. Da ist er eine brillante Persönlichkeit. Er weiß zu allem etwas zu sagen, er kann über alles reden. Von sich aus hat er aber kein einziges richtiges Urteil. Eine starke eigene Persönlichkeit erscheint vielleicht nicht so brillant, fällt vielleicht nur zögernd wenige Urteile, diese aber aus sich selbst, aus innerer Überlegung, aus innerer Kraft heraus. Sicherlich wird uns dieser zweite Mensch als der wertvollere erscheinen. Der esoterische Schüler soll sich frei machen von allen äußeren Einflüssen um ihn herum, nicht dadurch, daß er die Welt flieht, sondern indem er sein eigenes wahres höheres Ich - das
geistige Ich -, den wahren Menschen in sich selbständig macht. Wir haben ja in Wahrheit nicht nur vier Glieder, sondern fünf: nämlich physischen Leib, Äther- und Astralleib und ein Hüllen-Ich, dahinter erst das wahre, das eigentliche Ich, den wahren Menschen. In das Hüllen-Ich hinein gießen wir alle Einflüsse, die von der Außenwelt kommen, die reißen und zerren an uns hin und her. Alle Einflüsse, die von Mensch zu Mensch gehen in der eben bezeichneten Weise, die treffen das Hüllen-Ich. Das wahre, das eigentliche Ich, das das andere weit, weit überragt, das müssen wir stark zu machen suchen. Dann sind wir gefeit gegen die äußeren Einflüsse. Wie machen wir das? - Dazu wird in der guten Rosenkreuzerschule gegeben solch ein Zeichen [siehe unten]. Und der Lehrer sagt dazu: du kannst zwar nicht bei allem, was dir am Tage vorkommt, anwenden die Methode, die du durch dies Zeichen erhältst, besonders in dieser raschlebigen Zeit, aber doch von tausend Fällen solltest du es einmal tun. Das eine Mal zaubere dir diese Form vor das geistige Auge, wenn du davor stehst, einen Entschluß fassen zu sollen. Dann denke dir, daß an der einen Linie entlang geschrieben stehe: Gebiete mir! - Dann lasse alles sinnend in deiner Seele vorüberziehen, was für die Tat, die in Frage steht, zu sagen ist. Alles muß gut und folgerichtig durchdacht werden: eine Tatsache, die aus der vorhergehenden folgt, muß wahrheitsmäßig, das heißt tatsachenmäßig durchdacht werden, bis am Schluß der Linie das, was als Ziel aus einem Entschluß, der in die Tat umgesetzt wird, erscheint, dir klar vor der Seele steht. Dann denke an die andere Linie. An der steht geschrieben: Verbiete mir. - Da mußt du ebenso aneinanderreihen alle Tatsachen, die gegen den Entschluß sprechen.
Ebenso klar, ganz nüchtern, ohne Sympathie und Antipathie muß das geschehen. Dann lasse den Blick schweifen der unbeschriebenen Linie entlang. Da, stelle dir vor, stehst du selber, aber dein wahres Ich, nicht dein Hüllen-Ich stehe da. Dann warte still und vergleiche dasjenige, was dir als Tatsachenbestand an der Linie «Gebiete mir» und an der Linie «Verbiete mir» erscheint, indem du vom einen zum anderen schaust. Und da wird der richtige Entschluß in dir auftauchen und den wird dir dein wahres Ich eingegeben haben. Ebenso mußt du es machen, wenn du ein Urteil zu fällen hast. Da steht an der einen Linie geschrieben «richtig», an der anderen «unrichtig». Dein höheres Ich steht an der unbeschriebenen Linie. Das ist unbewegt gegenüber den Strömungen, die durch den Raum ziehen, seien sie herrührend von anderen Menschen oder von geistigen Wesenheiten. Dies wahre, eigene, innere Ich, unbeeinflußt vom Hüllen-Ich, sagt dir dann, wenn du wiederum in Stille und vollkommener innerer Ruhe und Abgeschlossenheit hinhorchst auf dasjenige, was es dir sagt, das richtige Urteil. Solche Formen und Linien stammen aus dem Geistigen. Die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen haben sie uns gegeben, weil sie wissen, daß sie auf das Geistige in uns wirken. Solch eine Form wie diese ruft in dem Menschen das wahre Ich wach, erhebt es aus dem Unbewußten in das Bewußtsein. Aus Formen, Zahlen, Linien - Maß, Zahl und Gewicht sagt man im Okkultismus - ward einst der Mensch erschaffen von den Göttern. Zahlen, Formen, Linien haben Einfluß auf den Menschen. Das weiß auch die schwarze Magie. Sie verwendet sie so, daß sie den Menschen unselbständig macht, daß sie ihn macht zum Sklaven ihrer Willenseinflüsse durch Formen, Zahlen, Linien, die sie zu handhaben versteht. Die weiße Magie macht den Menschen selbständig. Ihr Ziel ist es, den höheren Menschen, den inneren Herrscher dem Menschen ins Bewußtsein zu heben und dadurch den Menschen zu einem freien, starken, selbständigen Wesen zu machen. *
Aufzeichnung B Um frei zu werden, müssen wir erst wissen, wie unfrei wir sind. Wir sind stets umgeben von Geistern aller Art. Geistige Wesenheiten arbeiten an unsern Körpern. Wir wissen nicht, wie unsere Haut in fortwährender Tätigkeit ist, was alles durch sie aus- und eingeht. Menschen der verschiedensten Art umgeben uns, beeinflussen uns. Vier Menschentypen wurden uns vorgeführt, um uns Geheimnisse des Daseins zu offenbaren: A empfänglich, sensitiv; B Anlage zum Wahnsinn. Nahe Beziehung der beiden. B hat eine robuste Natur, der Wahnsinn bricht bei ihm nicht aus; dagegen bricht bei A der Wahnsinn von B aus. C ist ähnlich dem A. C wird Kräfte und Talente von D in sich aufnehmen. D ist ein gesunder, energischer, tatkräftiger Mensch. Beide stehen miteinander in enger Beziehung. C bleibt gesund. Wäre A an C's Stelle gewesen, so wäre er gesund geblieben. Anderes Beispiel: Ein Mensch kann erscheinen wie ein geistreicher Mann; er sprudelt über von Witz und Kenntnissen. Der Geistesforscher aber erkennt, daß er im Grunde schwachsinnig ist. Aber er ist empfänglich für alles um ihn herum, und er spiegelt alles wieder. Das lieben die Menschen. Es wird ihnen da alles konserviert gebracht, was sie sich sonst mühsam zusammensuchen müßten. Daher gilt ein solcher Mensch für ein großes Licht. Forscht man näher, so merkt man, daß er gar kein eigenes Urteil hat etc. Wenn er in einem Dorfe geboren wäre, würde er für schwachsinnig gelten. Da gibt es nichts, was er widerstrahlen kann. Ein anderer, der sich selbst über alles ein Urteil bildet und zurückweist, was nicht mit seiner inneren Überzeugung übereinstimmt, ist in den Augen der Okkultisten stark. Wir müssen lernen, von allen Einflüssen frei zu werden. Dazu ein Mittel. Das einzige Mittel ist, selbständig zu sein im Denken und Urteilen, nicht abhängig von dem Urteil der Familie, Welt etc. Dazu eine Hilfe:
Kraftkeime von den Meistern durch Erkennen des anderen Wesens. Wenn die Esoterik die eigene Freiheit beeinträchtigen würde, so wäre das schwarze Magie. Nicht zurückziehen von der Welt. Der Esoteriker soll in der Welt leben und wirken. Niederes und höheres Ich. Das niedere Ich ist sozusagen ein Kleid, eine Haut. Es besteht aus allem, was aus der äußeren Welt auf es zuströmt. In Wenigen ist das höhere Ich bemerkbar. Die große Masse ist Spiegel der Umgebung. Wie können wir das höhere Ich zur Tätigkeit und Tatkraft bringen? Die esoterische Schule gibt ein einfaches Mittel an, anzuwenden erstens in bezug auf das Tun, zweitens auf das Verständnis. Stelle dir einen Kreis vor, in drei Teile geteilt. Dann den Kreis fort. Winkel ca. 120°. Das hält den Geist frei von fremden Einflüssen, und das höhere Ich wird sich vernehmen lassen.
Einfaches Mittel - nicht verachten. Gewöhnung, in Linien und Punkten zu denken. So machten es die geistigen Wesenheiten, die zum Beispiel den Kristall geschaffen haben; auch als sie dich schufen. So werden wir unser höheres Ich beleben und uns seiner bewußt werden. Und im Denken und Handeln werden wir dem folgen, was es uns vorschreibt. Wir fühlen und werden fortfahren zu fühlen die Einflüsse der Außenwelt auf unser Inneres, aber wir wachsen darüber hinaus. Wir betrachten sie nicht als zu uns gehörig. Wir müssen sie in uns ertragen als einen Teil unserer Arbeit in der Welt. Es ist Gift, aber wir müssen dieses Gift in uns einträufeln lassen, um es umbilden zu können.
ESOTERISCHE STUNDE