Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft VII
Die erste Veranstaltung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft fand noch während der Weihnachtstagung und im unmittelbaren Anschlusse an diese statt. Sie ging aus der Sektion hervor, deren Leiter Dr. med. Ita Wegman ist. Diese Veranstaltung zerfiel in zwei Teile. In den letzten Tagen der Weihnachtsversammlung vereinigten sich die praktizierenden Ärzte, die als Mitglieder der Gesellschaft anwesend waren, und es wurden aus ihrem Kreise sie interessierende Fragen formuliert, die ich zum Gegenstande entsprechender Auseinandersetzungen machte. Die Leitung der Freien Hochschule wird versuchen, eine Fortsetzung dessen, was damit eingeleitet worden ist, nach den Möglichkeiten zu finden, die ihr gegeben sind. Sie wird, sobald sie dazu in der Lage sein wird, in einem Schreiben an die Interessenten die Art angeben, in der sie das ihr Mögliche bewerkstelligen möchte.
Im Anschlusse an die Weihnachtstagung fand im Bereiche derselben Sektion ein Kursus für jüngere Ärzte und Medizinstudierende statt. Hier wurde namentlich über die innere Orientierung in der Seele dessen gesprochen, der sich dem Medizinischen widmen will. Aus den an das Goetheanum herankommenden geistigen Bedürfnissen von Medizin-Studierenden ist dieser Kursus gegeben worden. Er wollte eine andeutende Darstellung dessen geben, was der im medizinischen Beruf Stehende von Welt und Mensch zu wissen erstrebt; aber er wollte ebenso die Quellen des wahren ärztlichen Ethos, der «medizinischen Gesinnung» aufdecken. Bei der Kürze der Veranstaltung war nur möglich, Andeutungen für eine Wegleitung zu geben. Aber es darf die Hoffnung leben, dass auch, was damit eingeleitet worden ist, seine Fortsetzung in dem oben angegebenen Sinne finden werde.
Die Versammlungen der ersten Klasse der Freien Hochschule haben für die allgemeine anthroposophische Sektion begonnen.
Es lag nun eine innere Notwendigkeit vor, in der Sektion für die redenden und musikalischen Künste, deren Leiter Frau Marie Steiner ist, einen Kursus über 7onEurythmie zu veranstalten. Die in Dornach lebenden ausübenden Künstler und Lehrer der Eurythmie und diejenigen von auswärts, denen dieses möglich war, ferner die Vorstandsmitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft und einige für Musik und Eurythmie sich interessierende Persönlichkeiten haben daran teilgenommen.
Der Inhalt wird in entsprechender Weise, sobald dies möglich ist, auf geeignete Art bekannt gemacht werden. Hier soll nur in einigen Sätzen über Absicht und Haltung gesprochen werden. Die eurythmische Kunst hat bisher die «Laut»eurythmie in einem bestimmten Maße ausgebildet. Wir sind selbst unsere strengsten Kritiker und wissen, dass auf diesem Gebiete alles, was schon jetzt geleistet werden kann, nur ein Anfang ist. Aber das Angefangene muss eben weiterentwickelt werden.
Für die Ton-Eurythmie, den «sichtbaren Gesang», waren wir bisher nicht so weit gekommen wie für die Laut-Eurythmie, das «sichtbare Wort». Wenn die Anfänge, die wir bisher hatten, auf dem rechten Wege fortgeleitet werden sollen, so musste gerade jetzt - in dem Stadium, in dem die Ton-Eurythmie praktiziert worden ist — eine Weiterbildung stattfinden. Das sollte durch diesen Kursus geschehen. Dabei musste aber auch auf das Wesen des Musikalischen selbst hingewiesen werden. Denn in der Eurythmie wird Musik sichtbar; und man muss ein Gefühl dafür haben, wo diese ihre wahre Quelle in der Menschennatur hat, wenn man ihr Grundwesen sichtbar machen will.
In der Ton-Eurythmie wird anschaulich, was in der Musik im Unanschaulich-Hörbaren lebt. Es ist gerade da die größte Gefahr vorhanden, unmusikalisch zu werden. Ich hoffe, in den Vorträgen dieses Kursus den Beweis erbracht zu haben, dass dann, wenn Musik in Bewegung überströmt, das Bedürfnis entsteht, alles Unmusikalische in der «Musik» abzustoßen und nur «reine Musik» in das Reich des Sichtbaren hinüberzutragen. Wer allerdings der Ansicht ist, dass mit dem Hinübertragen des Hörbaren in die sichtbare Bewegung und Form das Musikalische aufhöre, der wird gegen die ganze Ton-Eurythmie seine Bedenken haben. Allein eine solche Anschauung ist doch wohl nicht im tiefsten Wesen eine künstlerische. Denn wer Kunst in sich erlebt, der muss Freude an jeder Erweiterung der künstlerischen Quellen und Formen haben. Und es ist nun einmal so, dass Musik wie jede wahre Kunst aus dem Innersten des Menschen hervorquillt. Und dieses kann sein Leben auf die mannigfaltigste Art offenbaren. Was im Menschen singen will, das will sich auch in Bewegungsformen darstellen; und nur, was als Bewegungsmöglichkeiten in dem menschlichen Organismus liegt, wird in Laut- und Toneurythmie aus ihm herausgeholt. Es ist der Mensch selbst, der sein Wesen da offenbart. Die menschliche Gestalt ist nur als festgehaltene Bewegung verständlich; und die Bewegung des Menschen offenbart erst den Sinn seiner Gestalt. Man darf sagen: Wer die Berechtigung von Ton- und Lauteurythmie bestreitet, der lehnt damit ab, den ganzen vollen Menschen zur Erscheinung kommen zu lassen. Nun der Materialismus lehnt es ab, in der menschlichen Erkenntnis den Geist zur Erscheinung kommen zu lassen; die Ablehnung der Eurythmie als einer neben den andern Künsten und in Verbindung mit ihnen berechtigten Kunst wird wohl in einer ähnlichen Gesinnung ihren Ursprung haben.
Es steht zu hoffen, dass die Eurythmiker einige Anregung durch diesen Kursus empfangen haben und dass damit zur Weiterbildung unserer eurythmischen Kunst einiges hat beigetragen werden können.
(Fortsetzung in nächster Nummer.)