Drittes Bild, teilweise Prosa

GA 44/06_02 · original · 34 passages · 2474 words
p001

MARIA: Du, den ich im Reich des Sinnenseins Als Capesius kenne; so bist du denn Das erste Wesen, das mir hier entgegentritt. Gefährlich ist es doch, von dem Geiste Dieses Reiches, das Lucifer regiert, umweht zu sein.

p002

CAPESIUS: O sprich mir nicht von Capesius, der hat einst im Reich des Erdenseins ein Dasein durcherlebt, das er als Schattenbild nun längst erkannt. Er lenkte seinen Sinn auf das, was dort in langer Zeiten Lauf geschehen ist. Er glaubte die Kräfte zu finden, von denen dieser Erdenlauf getrieben wird. Und was er von diesen Kräften wissen konnte, das nahm er in seine Seele auf. Von diesem Orte kann man nach den Gedanken hinabblicken, die sein Inneres damals wie einen Geistesschatz pflegte. Er nannte sie Bilder der Wirklichkeit. Von hier gesehen, sind sie schwache Träume, gewoben von Geistern, die sie den Erdenseelen eingeben, weil diese in Furcht und Betäubung verfallen müßten, wenn ihnen sichtbar würde, was von Geistesorten aus die Welt in ihrem Laufe lenkt.

p003

MARIA: Ich höre dich sprechen, wie ich es nur von denen gehört habe, deren ganzes Dasein in diesen Geistesreichen verfließt.

p004

Sie schätzen das Erdenreich nur gering. Es ist ihnen eine kleine Insel im Weltenall, kaum würdig zu beachten.

p005

Doch wer mit diesem Erdenreiche wahrhaft verwachsen ist, wer in ihm die Kräfte sich geholt hat, der ist wahrlich andrer Meinung. Und ihm erscheinen stark die Fäden, die so zahlreich von andern Reichen zu dieser Erde hin führen. An Lucifers Throne stehen wir hier. Und das Wesen, das so gewaltig hier sein Sein behauptet, es kämpft um jede Tat, ja um jeden Gedanken, die in einer Erdenseele ihren Ursprung haben. Es weiß, daß es einst in finstre Abgründe stürzen muß, wenn es sich aus der kleinen Erdenwelt nicht so vieles erbeutet hat, als es im Lichtesreiche erhalten kann. Und wenn die Menschenseele dann vor sich hinstellt die Bilder des Weltenzieles, das Lucifer erstrebt, und jenes, dem die Geister dienen wollen, denen er widerstrebt, dann wird sie erfüllt von Schaffenslust und kann wissen, daß sie Edles erstrebt, wenn sie auf Erden Lucifers Gewalt vernichtet.

p006

CAPESIUS: Das Wesen, das hier vor dir steht, es bebt vor jedem Augenblick, der es zwingt den Leib um sich zu schließen, der aus Erdenkräften gewoben ist. Und leider lebt dieser Leib, und der hier steht, muß oft ihn aufsuchen und sich in ihn einschließen. Dann fühlt er, wie wenn alle Welten, die er schätzen kann, um ihn einstürzten und nur einen engen Kerker übrig ließen, der vom Nichts allseitig umschlossen ist.

p007

Erinnerung an alles, was hier der Geist erlebt, ist ausgelöscht. Gleichgültigkeit allein der ganzen Welt gegenüber erfüllt diesen Capesius dann allein. Er fühlt Menschenwesen um sich herum, doch ist ihm ihre Sprache fremd. Nur Worte hört er, zwischen denen andre klingen, die er nicht zu denken vermag. Die Worte, die er versteht, sie erinnern ihn an die Geistesheimat, und zu bedeutsamen schießen sie an. Dann ist er eine Weile in seiner Welt und muß doch bald wieder in den Kerker zurück. Nur durch manches Wort, das von Menschen gesprochen wird, erwächst ihm die Kraft, den Weg in Geistesreiche wieder zu finden. Ich lebe hier in steter Furcht vor den Zeiten, die mich auf die Erde zwingen. Und lechzen muß ich nach dem Augenblick, der meinen Zusammenhang mit dieser Erde lösen kann.

p008

MARTA: Es klingt in meiner Sprache wie Frevelworte, Was ich von dir hören muß. Der Leib, Mit dem uns Geister auf Erden umweben, er trägt in sich die Mittel, der Götter Schaffen in Bildern von hehrer Schönheit zu erdenken, und, wenn auch schattenhaft in Menschenseelen, so sind diese Bilder doch die Keime, die einst im Weltenwerden blühen und fruchten werden, um Göttern zur Daseinspflege zu dienen. Und Seelen, deren Zahl fürwahr recht groß, sie könnten nie des Innenseins Vollendung erreichen, wenn sie im Erdenleibe nicht das Leben erfühlen könnten; sie könnten nie erwerben das «Ich».

p009

CAPESIUS: O sprich vor dem, der vor dir steht, Dies Wort doch niemals aus. Er haßt es, er möchte es fliehen, wenn sein Klang durch die Räume fließt. Es brennt in meinem Wesen gleich dem Feuer.

p010

MARIA: So schätzest du gering, was allen Menschen so wertvoll scheint. Wie kannst du hier in diesem Reiche sein, wenn du des Menschen Vollendung so verachtest. Es ist meiner Seele bekannt, daß Menschen nie an diesen Ort gelangen können, die das Wesen nicht fühlen, das diesem Worte entspricht.

p011

CAPESIUS: Der hier vor dir steht, oft erschien er An Lucifers Thron. Und der gewalt'ge Herrscher im Reiche des Lichts, er hat es ihm oft gesagt, wie gerne er hier gesehen werde, weil er mit diesem Worte nichts verbindet, was wesenhaft ist. Die andern Menschen, die hieherkommen, tragen mit diesem Wesenhaften Kräfte in diese Reiche, die hier wie Gift wirken. Der mit dir spricht, durchwandelt diese Reiche, ohne sie mit solchem Gift zu verletzen. So ist er sich und andern hier zum Nutzen.

p012

MARIA: Ich weiß, daß man in diesen Reichen Nicht durch Worte, sondern durch den Anblick des Geschehens lernt. Was ich in diesem Augenblicke erlebt, es wird in meiner Seele weiterleben und mir Weltverständnis erschließen.

p013

CAPESIUS: Doch Lehren empfängt man hier nicht allein, man übernimmt auch Pflichten. Daß du hier mit dem Wesen gesprochen, das man auf Erden Capesius nennt, es verpflichtet dich dem Capesius gegenüber. Wenn du mit Lucifer sprechen wirst, so sollst du ihm die Bitte vorbringen, daß er den Capesius auf Erden zu dir geleite, daß du ihn pflegen kannst. Deine Weisheit wird die Worte finden, die auch durch jenes Schattenbild noch wirken, das von ihm vorhanden ist. Du wirst in ihn die Triebe lenken können, die dich in einem spätem Erdenleben mit ihm zusammenführen. Dann wirst du jene Schuld vertilgen können, die dir Karma gezeigt hat, als du in der Seelenschau ihn im vergangnen Erdenleben kennen lerntest.

p014

MARIA: So soll ich eine Pflicht, die mir so heilig ist, durch Lucifers Gewalt erfüllen?

p015

CAPESIUS: Die Pflicht, du mußt sie erfüllen. Doch kannst du es nur, wenn Lucifer dir hilft. Doch schon nahet er selbst, der große Geist des Lichtes. (geht ab)

p016

LUCIFER: Maria, du strebtest, einen Menschen vor meinen Thron zu stellen. Er soll sich kennen lernen. Das kann er nur, wenn er mich erkannt hat. Er ist auch ohne dich auf diesem Wege. Wie kannst du glauben, daß du es sein darfst, der dem Freunde hier etwas erwirken kann. Du nennst Benedictus deinen Lehrer. Er ist mein Feind. Denn einer der stärksten ist er von denen, welche auf Erden mir entreißen, was ich für mich erkämpfen will. Er hat schon mehr für meine Gegner erobert als viele andre. Johannes aber hat sich von ihm entrissen. Er hat sich an mich durch sein Wort geschlossen. Zwar kann er mich in meiner Wahrheit so nicht schauen, wie er jetzt schon ist. Seine Erdenschau hindert ihn noch, die Geisteswesen in ihrer vollen Wesenheit zu erkennen. Doch wird er zur Geistesschau in einem Augenblicke kommen, in dem er mir ergeben ist. Und dann wird er mir gehören. Dir aber gebiete ich, hier über Johannes zu schweigen. Nach dem Gesetze, das hier herrscht, werde ich nie deine Worte über Johannes vor mir dulden. Von diesem Menschen spricht Lucifer nicht mit Maria. Ihn würden die Worte brennen, die von ihr über ihn gesagt werden. An diesem Orte sind Worte Taten.

p017

BENEDICTUS: Du mußt sie hören. Weil hier Worte Taten sind, werden sie auch durch Taten, die bereits geschehen, notwendig herbeigeführt. Und die Tat, welche dich zwingt, hier Johannes zu hören: sie ist geschehen. Er ist mein Schüler; und ich konnte ihn bis zu jener Stufe führen, auf welcher seine Erkenntnis höchste Geistespflicht so verstehen konnte, daß er sie sicher erfüllen wird. Und diese Erfüllung, sie wird Johannes dir im Zeitenlaufe entreißen. Blicke hin, durch das Gefühl gezwungen, das ich jetzt errege, in künft'ge Zeiten: du wirst Johannes nicht an deiner Seite sehen. Und weil Maria ihn von dir reißen wird, so mußt du nach deines Reiches unabänderlichem Gesetz jetzt vor dir geschehen lassen, was Maria für Johannes tun will.

p018

MARIA: Johannes wird hier erscheinen; doch nicht allein in der Gestalt, die er im Erdensein an sich trägt. Er wird mit jenem Wesen vor dich treten, das als sein stärk'res Ebenbild der Mensch in sich trägt. Wenn nur der irdische Johannes deine Wesenheit erkennen würde, es würde ihm nicht helfen können.

p019

Sein Ebenbild wird vor dir stehen. Ihm wirst du einpflanzen, was es haben muß, damit er die Bahnen wandlen kann, die ich ihn geleiten soll.

p020

LUCIFER: So muß Johannes denn erscheinen. Ich fühle schon die Kraft, die von euch beiden strömt und die mir so feindlich ist. Doch ist sie auch vorhanden: es ist doch noch nicht bewiesen, ob sie stärker als die meine ist. Dies wird sich nun entscheiden, wenn die Kräfte sich messen können.

p021

THOMASIUS: 0 du mein Ebenbild, das mir bisher nur erschienen ist, mich über mich selbst zu schrecken. Du bist ein Wesen, von dem ich recht wenig weiß, doch muß ich immer fühlen, wie du es bist, der in mir handelt. So bist du meines freien Daseins Hindernis, der Grund, warum ich nicht erkennen kann, was ich bin. Und du wirst jetzt vor Lucifer für mich sprechen, du wirst mich ihm zeigen. Und ich werde nur dadurch erkennen, was ich in Zukunft tun werde, daß ich hier zu sehen vermag, was zwischen dir und Lucifer vorgeht.

p022

DER DOPPELGÄNGER DES THOMASIUS: O großer Herrscher in dem Lichtgebiet,...

p023

DER DOPPELGÄNGER DES THOMASIUS: Ich konnte Thomasius bisher öfter zwar erscheinen und ihm zeigen, wie er in Wahrheit ist; doch konnte er mich bisher nicht verstehen. Ich wirkte noch in dem unbewußten Teile seines Wesens. Ich wollte ihm zeigen, wie ich in seinen Tiefen lebe. Doch hat sich dieses Leben seit lange gewaltig geändert; vor Jahren stand Maria an seiner Seite; er glaubte ihr im Geiste verbunden zu sein, ich machte ihm klar, wie Leidenschaft und Sinnlichkeit in mir leben. Von mir war dies ein Vorwurf für ihn. Doch du, erhabner Wunschgebieter, verwandeltest das Sinnliche in Geistiges. Er ward von Maria getrennt. Doch er hat durch viele Jahre strengem Denken obgelegen. Und reines Denken hat Kräfte, die läutern. Was aus der Reinheit seines Denkens strömte, hat auch mich beeinflußt. Ich fühle diese Reinheit in mir. Und deshalb darf ich auch Johannes wieder mit meinem Wesen beleben. Doch steht er selbst noch immer in deiner Gewalt. Der Hüter der Schwelle Ich fordre ihn von dir. Ich möchte wieder in sein Bewußtsein drängen alles, was an Seelenwärme, was an Herzenskräften in ihm ist. Er soll sich wieder gewinnen.

p024

LUCIFER: Dein Streben ist gut. Doch kann es so nicht zum Ziele führen, wie du vermeinst. Denn gäbe ich dich an Johannes zurück, wie du warst, als du dich ihm vor Jahren zeigen konntest, so würdest du in ihm Liebe nur in geistiger Art. Und diese Liebe strömte nur in sein Denken ein. Er liebte nur Vernunft und kaltes Wissen. Und seine Persönlichkeit, das warme Erfühlen seiner Eigenheit müßte verloren gehen. Das kommt mir nicht zu. Ich bilde Persönlichkeiten. So wie du vor Jahren warst, taugst du nicht für die starke Persönlichkeit, die Johannes werden soll. Ich muß dich selbst verwandeln. Und ich habe mein Werk schon vorbereitet. Du weißt es selbst noch nicht, du bist ein andrer geworden. Johannes wird Maria schätzen, doch wird er sie nicht mehr lieben; aber er wird lieben mit all jener Leidenschaft, mit welcher er einst Maria geliebt hat.

p025

BENEDICTUS: Das schöne Werk, das uns gelungen, Lucifer will es zu seinem Nutzen wandeln. Er hat Johannes durch Herzenskräfte an sich gebunden. Doch der ist ihm fast entwachsen. Sein Herz will den Bund mit seinem Geiste schließen. Dann wird das Werk, das Johannes im guten Sinn geleistet, Drittes Bild auch im guten Sinne wirken. Und was er geleistet, kommt der Geisteswelt zu, deren Gegner Lucifer ist. Gelingt es jedoch dem Träger des Lichtes, die Liebe für Maria in eine andere Leidenschaft umzuwandeln, so muß Johannes, was er als Gutes geleistet, in ein Böses für die Erdenwelt verwandeln.

p026

MARIA: So muß Johannes nicht für lange Zeiten Den finstern Mächten verfallen, wie es an seinem Wesen im Erdensein gezeigt. So kann dies noch alles anders werden.

p027

BENEDICTUS: Es kann anders werden, wenn du zur rechten Stunde dein Gelöbnis in rechter Art wirken läßt.

p028

LUCIFER: So wirket, Zwangsgewalten, Erfühlet meine Kraft Und ebnet den Weg, Daß aus dem Erdgebiet Sich wende zu mir, Was mein Wunsch ersehnt, Was mein Wollen wirket.

p029

THEODORA: (erscheint) Was zwinget ihr mich, ihr bösen Mächte. Mein Wesen ist wenig eurem Reich verwandt. Ich liebe nur, wenn Götterwelten Sich meiner Seele erschließen, Wenn Liebewellen mein Herz durchrieseln.

p030

DER DOPPELGÄNGER DES THOMASIUS: Du wandelst mich im Sturme um, Du bist erschienen, und schon bin ich ein andres Wesen. An dich werde ich Johannes fesseln. Er wird zu dir wenden alles, was an Liebe in seinem Herzen ist. Was sich ihm erwählt vor Jahren, als du in seine Nähe tratst, und was in ihm lebte, ohne daß er es kannte: es wird alles aus den Seelentiefen emporsteigen. Und Johannes wird sein ganzes Wesen erfüllen mit dem einen Wunsche nur, dich zu besitzen. Und er wird die Kraft haben, sich seinen Wunsch zu erfüllen.

p031

BENEDICTUS: Dies ist die stärkste Macht, Die Lucifer hier gegen uns entfalten konnte. Maria, deine Seelenschülerschaft, sie suche den Sieg.

p032

MARIA: Du Träger der Lichtgewalten; du hast dereinst der Menschen Sinn vom Dienste deiner Gegner abgewendet. Erkenntnis hast du ihnen in einem Augenblicke gegeben, da die guten Götter ihnen nur Liebe geben konnten. Seit jener Zeit ist Kampf zwischen euch, und euer Kampfesfeld ist die Erde. Schon aber droht der Untergang deinem Reiche. Ein kühner Denker hat dem Menschen den Geist durch Wissenschaft erschlossen. Erkenntnis kann deiner Macht entnommen und zu den guten Göttern geführt werden. Du aber willst sie dir sichern. Du willst in Theodora, Johannes, dem Wissensgründer, Liebe geben, die so das Menschenlicht bekämpfen soll, wie einst dein Licht die Götterliebe bekämpfte. Doch wisse, in meines Wesens Tiefen hat ein göttlich Gelöbnis zu Herzensdasein sich empor-gerungen, Maria, die jetzt vor dir steht, wird die Kraft finden, ihr Seelenauge für immer allem Erkennen der Erde zu verschließen. Sie wird in sich nur aufnehmen, was ihr ohne irdisches Streben aus Götterhöhen ins Wesen durch Gnade gewährt wird. So wird ihr niemals nahen können, was auf Erden von deinem Geist durchsetzt ist. Und was mir selbst dann durch Gnade sich offenbaret; es wird als Liebe zu Johannes fließen. Und wenn er je den Blick auf Erdendinge lenkt, und in ihnen dein Versucherwort vernimmt, dann wird, was ich ihm geben durfte, zu dir dringen. Du wirst oft zu ihm sprechen: Dein Menschenwesen wird in Liebe gedeihen; und Dein Herz wird Selbstheit leben. Er aber wird dir dereinst antworten: Ich werde die Liebe leben, die der Gott für Erdensein sterbend lebte; ich werde die Selbstheit leben, die ich nicht durch mich erfühle, die ich fühle, weil er in mir sich offenbart.

p033

LUCIFER: Ich werde kämpfen.

p034

BENEDICTUS:Und kämpfend fallen.

Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/44/06_02.json
Cite: GA 44/06_02 · edition original