83. Beweise der Seelenunsterblichkeit

GA 46/46-04-83 · original · 14 passages · 1866 words
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Wer über die Seelenunsterblichkeit in dem Zeitalter der naturwissenschaftlichen Weltanschauung sprechen will, der muss einen Gesichtspunkt einnehmen, welcher Genüge leisten kann jener Vorstellungsart, welche auf dem Felde naturwissenschaftlicher Forschung die herrschende ist. Seine Betrachtungsweise darf nicht weniger streng sein, als diejenige der ernsten Wissenschaft ist. Das heißt, er muss Beweise beibringen, welche vor dem Forum der Naturwissenschaft beweisend sein können. Berücksichtigt muss dabei allerdings werden, dass diese Beweise trotzdem in unserem Zeitalter noch die heftigsten Widerstände finden können. Das ist nur natürlich. Denn gar mancher hat sich gewisse Gedanken gebildet, wie ein Beweis gegenwärtig aussehen muss, indem er glaubt zu wissen, wie Physik, Chemie, Biologie usw. ihre Erkenntnisse beweisen. Er findet dann, dass Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, keine wissenschaftlichen Beweise vorzubringen habe, sondern doch nur einen Glauben, wie er den Religionen eigen ist. Gerade demjenigen, der selber in dieser Geisteswissenschaft darin steht, ist eine solche Meinung durchaus begreiflich; und er wird nichts Sonderbares oder Überraschendes darin finden, wenn seine Ausführungen gegenwärtig noch als subjektive Glaubensvorstellungen kritisiert werden.

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Wie sich die Dinge auf diesem Gebiete verhalten, darüber wird erst die Zukunft allgemeineres Verständnis bringen. Zu diesem Verständnis ist notwendig, dass man sich in die Vorstellung finden lerne, wie anders das Gebiet des Geistes erforscht werden muss als dasjenige der Natur. Man wird anerkennen müssen, dass die Beweise für irgendeinen geistig zu erkennenden Tatbestand, z.B. für das selbstständige Leben der Seele nach dem Tode des Leibes, ganz andre Formen haben müssen als diejenigen für einen physischen Tatbestand. Eben dann, wenn jene Beweise auf ihrem Gebiete ebenso strenge sein sollen als diese auf dem ihrigen, müssen sie andre Formen annehmen. Nicht darum kann es sich handeln, dass man z.B. für die Unsterblichkeit der Seele Beweise vorbringt, wie sie in der Chemie gerechtfertigt sind, sondern allein darum, wie sich solche Unsterblichkeitsbeweise für das Erkenntnisbedürfnis eines Menschen gestalten müssen, welcher die Tragweite und Bedeutung der chemischen ‚oder biologischen Forschung recht zu würdigen vermag. Wer dieses nicht zugeben will, für den werden auch die im Sinne wahrer Geisteswissenschaft gehaltenen Erkenntnisse über die Seele ein bloßer Glaube sein. Und doch soll hier in keinem Sinne vom Gesichtspunkte eines Glaubens, sondern vom Standpunkte einer Wissenschaft gesprochen werden, welche dieses für das Geistgebiet ebenso ist, wie die Naturwissenschaft es für die Natur ist.

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Man kann nun durch manche Erscheinungen im geistigen Leben der Gegenwart den Eindruck erhalten, dass sich bei vielen Menschen, auch solchen, die auf dem Boden strengster Wissenschaft stehen, das alte Vorurteil verloren hat, welches als wahre Wissenschaft nur die Naturwissenschaft gelten lassen will. Strenge Forscher, ernste Denker nehmen Forschungen auf über die Fortdauer des Seelenlebens nach dem Tode. Gesellschaften sind für solche Forschungen gegründet worden, welche die Unsterblichkeitsfrage aus dem Gebiete des Glaubens in dasjenige strenger Wissenschaft hinüberführen wollen. Es gibt gegenwärtig schon genug Einsichtige, welchen derjenige nicht mehr als ein rückständiger Mensch gilt, der sich einer wissenschaftlichen Betrachtung solcher Fragen widmet.

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Doch zeigen gerade diese Forschungen zumeist in der klarsten Weise, dass man nicht in Betracht zieht, wie anders geartet geisteswissenschaftliche Beweise sein müssen als naturwissenschaftliche, wenn sie beide aus derselben wissenschaftlichen Sinnesart entspringen. Solche Denker, welche sich ihre Meinung über Wissenschaft an der Naturwissenschaft herangebildet haben, bemühen sich, der Geisteswelt auf dieselbe Art beizukommen, wie man der Natur beikommt. Sie wollen äußere Versuche anstellen, wie man sie im Laboratorium anstellt. Ich will hier nicht reden von den Versuchen der sogenannten Spiritisten. Personen sollen nicht in Betracht kommen, welchen ein ausreichendes Urteil über eine wissenschaftliche Kontrolle bei Untersuchungen nicht erwünscht ist. Doch dürfen ja gegenwärtig auf diesem Gebiete Persönlichkeiten genannt werden, welche Willen und Ernst für wissenschaftliche Forschung haben. Man kann selbstverständlich die Versuche und Beobachtungen von Gurney, Myers, Podmore, Hodgson, Oliver Lodge, James, Wallace und vielen andern für vorurteilsvoll, ja vielleicht sogar für kindlich halten: Wissenschaftliche Gesinnung kann diesen Männern doch nur derjenige absprechen, der selber gründlich vorurteilsvoll ist.

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Deutlich aber zeigen die in dieser Richtung gemachten Versuche, wie wenig in der Gegenwart noch Verständnis dafür vorhanden ist, die naturwissenschaftliche Vorstellungsart so auszubilden, dass sie für das Geistgebiet ernstlich in Betracht kommen kann. - Der naturwissenschaftlich Denkende ist daran gewöhnt, dass sich sein Forschungsgebiet außerhalb seiner eigenen Seele ausbreitet. Er muss bestrebt sein, als Erkenntnis nur gelten zu lassen, was dieses Forschungsfeld offenbart, wenn die eigene Seele alles fernhält, was aus ihrem eigenen Erleben stammt. Als Naturgesetze kann er nur anerkennen, was durch die von ihm selbst und seinen Gedanken unabhängigen Tatsachen rechtfertigen, was überhaupt von menschlichen Vorstellungen unabhängig besteht. Er will deshalb auch über die Offenbarungen des Geistgebietes nur solche Ergebnisse, die aus keinem gewöhnlichen menschlichen Bewusstsein kommen. Er glaubt z.B. über die nach dem Tode etwa vorhandene Seele nur etwas erfahren zu können, wenn diese sich innerhalb der Tatsachenwelt so offenbart, wie sich eine physische Kraft offenbart. Das führt ihn zu seinen Versuchen mit den sogenannten Medien. Es sind dies Personen, bei welchen durch bestimmte Veranstaltungen das gewöhnliche menschliche Bewusstsein ausgeschaltet ist. Der physische Leib solcher Personen verhält sich wie derjenige eines Schlafenden, nur dass sie auf Fragen oder durch andere Veranlassungen eine Betätigung entwickeln, an welcher ihr eigenes bewusstes Seelenleben unbeteiligt ist. Es ist dann, als ob aus solchen Personen ein fremder Geist spräche, oder sich wie z.B. beim automatischen Schreiben sich ihrer Hand bediente, um sich kundzugeben. Könnte man dann in solchen Kundgebungen erkennen, dass sie von der Seele eines Verstorbenen herrühren müssen, so wäre damit der Beweis der Seelenfortdauer in einer Weise erbracht, welche der naturwissenschaftlich Denkende als objektiv gelten lassen möchte. Auf solche Art Beweise für die Fortdauer der Seele zu gewinnen, ist man in der Tat bemüht.

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Die viele Arbeit, welche auf solche Untersuchungen verwendet worden ist, kann nun aber dem Urteil des streng Denkenden doch nicht Befriedigung bieten. Die Einwände, die gemacht werden können, drängen sich auch allzu leicht auf, wenn man auch die ernstesten Arbeiten nur berücksichtigt. Zunächst sind die Kundgebungen, die man auf Verstorbene beziehen möchte, so, dass sie an Gehalt wenig Wertvolles bieten. Seelen, deren Träger im Leben scharfsinnig waren, sprechen sich nach dem Tode wenig scharfsinnig, oft kindisch, kleinlich usw. aus. Auch sind ihre Mitteilungen von solcher Art, dass man aus ihnen nicht die geringsten Aufschlüsse über eine Welt gewinnen kann, in welcher man sie nach dem Tode vermuten möchte. Man mag selbst zugeben, dass sie über Dinge sprechen, die sich ganz entfernt von dem Orte abspielen, an dem die Versuche gemacht werden, oder dass sie von Dingen handeln, von welchen weder das Medium noch die beteiligten Personen etwas wissen: die Dinge selbst sind unbedeutend. Man wird den Einwand nicht aus dem Felde schlagen können: Warum kommen auf diese Art nur Offenbarungen zum Vorschein, die für eine anspruchsvollere menschliche Intelligenz so wenig befriedigend sind? Warum unterscheiden sie sich so stark von demjenigen, dem man ein tieferes geistiges Interesse entgegenbringen könnte?

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Auch ein weiterer Einwand fällt schwer ins Gewicht. Warum sollten nicht bei solchen Versuchen Kräfte spielen, welche zwar außerhalb des Feldes der gewöhnlichen Natur liegen, die aber doch mit nach dem Tode fortbestehenden Seelen nichts zu tun haben? Man nehme an, durch ein Medium spräche sich ein Toter aus über eine Persönlichkeit, welche an einem entfernten Orte lebt, oder die selbst längst gestorben ist, über die weder das Medium noch eine der beobachtenden Personen etwas weiß. Es wird ja gewiss eine verführerische Tatsache sein, wenn es sich herausstellt, dass die bekundete Tatsache und die Person, auf welche sie sich bezieht, nur der angeblich Tote kennt.

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Aber warum sollte es nicht Kräfte geben, welche nichts mit der Seele nach dem Tode zu tun haben, und welche die Kunde von Tatsachen auf Wegen, welche dem gewöhnlichen Bewusstsein unbekannt bleiben, in die Seele des lebenden Mediums tragen? Wenn man keine andern Beweise für das Fortleben der Toten hat als die charakterisierten, so geziemte es sich wahrlich dem menschlichen Denken mehr, auf unbekannte Vermittlungen zwischen den Tatsachen und Seelen auf Erden zu schließen als auf Vermittler in einem fragwürdigen Jenseits.

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Auch das hat man eingewandt - und mit einem gewissen Rechte -, dass vertrauenerweckende Kundgebungen angeblich Verstorbener verhältnismäßig bald nach ihrem Tode aufhören. In der Tat wird die Fragwürdigkeit der Offenbarungen in dem Maße größer, als die Zeit länger ist, die seit dem Tode der betreffenden Personen verflossen ist, welche sich durch Medien kundgeben. Wohlmeinende, welche den Tatsachen dieser Beobachtungen Gewicht beilegen möchten, werden deshalb doch nicht umhin können, zuzugeben, dass diese Tatsachen eigentlich nur für ein kurzes Nachleben der Seelenäußerungen, gleichsam ein Nachschwingen, sprechen, nicht für eine wahre Unsterblichkeit.

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Man wird bei tieferer Besinnung auch denen nicht recht geben können, welche sagen, diese Untersuchungen werden doch erst seit einigen Jahrzehnten in wahrhaft wissenschaftlicher Art angestellt: man müsse hoffen, dass die gegenwärtig noch unbefriedigenden Ergebnisse später eine Befriedigung herbeiführen werden. - Diese tiefere Besinnung zeigt vielmehr, dass man durch diese Untersuchungen einen Weg in das Gebiet des Geistigen sucht, der keinen Erfolg versprechen kann.

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So wenig man vermuten sollte, dass Geister in ihrer wahren Gestalt in ein Haus hereinkommen, wenn man statt der Türen und Fenster andere Eingangspforten macht, so wenig sollte man glauben, dass durch Menschenleiber oder durch andere Wesenheiten der physischen Welt Geistiges sich offenbare. Es sollte ohne Weiteres einleuchtend sein, dass Kundgebungen geistiger Wesen nur an den Geist des Menschen selbst geschehen können. Dann aber darf man diese Kundgebungen nirgends anders suchen als in den Betätigungen der eigenen Seele. Auch selbst die wahre Wesenheit der Seele eines andern Menschen kann sich nur der eignen Seele des Beobachtenden enthüllen.

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Aus dieser Einsicht heraus sucht eine andre geisteswissenschaftliche Forschung gerade dort ihre Ergebnisse, wo sie der naturwissenschaftlich Denkende dann nicht suchen will, wenn er den Sinn des Forschens nicht dem Geistgebiete entsprechend modifizieren will. Diese andre Geisteswissenschaft frägt danach, ob die menschliche Seele das Geistgebiet durch ihr Innenleben finden könne, wie sie durch dieses Innenleben die Erinnerungen an vergangene Erfahrungen findet. Die Art, wie diese aus verborgenen Seelentiefen in das Bewusstsein hereintreten, ist eine rein innerliche. Kann nun nicht auch eine geistige Welt, wenn es eine solche gibt, in die Seele durch inneres Erleben eintreten? Ist es unmöglich, dass ein rein geistiges, körperloses Wesen unmittelbar zu der Seele spricht, wie ein in der Erinnerung auftauchender Gedanke zu ihr spricht?

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Selbst gegen die Möglichkeit eines solchen Tatbestandes sträubt sich zunächst der Mensch. Er ist ja der Meinung, dass alles, was auf diesem Wege in sein Bewusstsein kommt, nur Gedanken sein können. Er kann sich nicht vorstellen, dass in seine Seele Gedanken kommen können, die nicht darauf angewiesen sind, noch durch etwas anderes als durch sich selbst gerechtfertigt zu sein. Wenn er etwas gewahr wird, was bloß zu seinem Innern spricht, so wird er verlangen, dass es noch auf eine andre Art zu ihm spreche, damit er es nicht bloß für einen Gedanken halten müsse. Wie aber, wenn von allem, was der Mensch erleben kann, die Vorstellung, der Gedanke, das Innere Erlebnis das Einzige wäre, in dem sich eine körperlose Geisteswelt kundgeben könne?

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Nun das gewöhnliche innere Erlebnis, der gewöhnliche Gedanke ist allerdings nicht von solcher Art. Das bestreitet die hier gemeinte Geisteswissenschaft nicht. Doch kann sie in keinem anderen Erlebnis des Menschen ein geeignetes Mittel zur Erforschung des Geistigen finden. So muss sie denn fragen: Ist nicht das innere Erlebnis einer Entwicklung fähig? Trägt es nicht in sich die Möglichkeit, sich so zu entfalten, dass Kundgebungen der /Text bricht ab]

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Cite: GA 46/46-04-83 · edition original