Scientific Disciplines and Anthroposophy
## GA 73a — 13 March 1920, Stuttgart
### Fragenbeantwortungen Fragenbeantwortung
nach einem Vortrag von Eugen Kolisko über «Hypothesenfreie Chemie»
Vorbemerkung: Der Vortrag von Eugen Kolisko wurde nicht mitgeschrieben. Kolisko hat jedoch später, und zwar während des ersten Hochschulkurses im Herbst 1920, weitere Vorträge zu dem gleichen Thema gehalten. Diese wurden in einer von ihm überarbeiteten Form gedruckt in dem Sammelband «Aenigmatisches aus Kunst und Wissenschaft», Stuttgart 1922.
> Erste Frage: Wie verhalten sich eigentlich die verschiedenen Qualitäten Wärme, Licht, Elektrizität und die verschiedenen Zustände zu dem periodischen System und wie kommt das periodische System zustande? > Zweite Frage: In der alchemistischen Literatur finder man eine Gliederung der chemischen Stoffe so, daß hingewiesen wird darauf, wie die einzelnen Metalle zugeordnet sind den Planeten. Wie verhält sich diese Siebengliederung der Zuordnung der Metalle zu den Planeten zu der, die im periodischen System vorhanden ist?
Rudolf Steiner: Nun, Herr Dr. Kolisko hat ja in wichtigen Gesichtspunkten sehr schön darüber gesprochen, wie angestrebt werden könnte, die Chemie zu befreien von denjenigen Denkgewohnheiten, die von vornherein bei dieser Chemie zur atomistischen Hypothese oder sagen wir zum Aufbau der Chemie aus der atomistischen Hypothese geführt haben. Ich möchte im Hinblick auf die Fragen, die gestellt worden sind, zunächst auf eines aufmerksam machen. Mir erscheint die Auffindung des periodischen Systems nicht gerade als etwas unbedingt Neues. Natürlich ist es nicht möglich, in einer kurzen Betrachtung einzugehen auf die große Verschiedenheit, die da vorliegt zwischen unserer chemischen Interpretation der Erscheinungen und älteren Anschauungen über die Konstitution der Materie. Interessant wird das periodische System wohl ganz besonders dadurch, daß man versucht — der Versuch ist, glaube ich, öfter gemacht worden - das periodische System so anzuordnen, daß man die sieben Elemente aufträgt auf eine Kurve, und dann die nächsten sieben Elemente aufträgt auf eine darübergehende Kurve und so weiter, so daß, wenn man Zwischenzustände schafft, man den richtigen Aufbau in einer Spirale bekommt. Wir können das zeichnen: Hier das Lithium zum Beispiel, das Natrium gewissermaßen darüber, und darüber würde das Kalium sein. Es handelt sich darum, daß man ja wirklich mit dem alten Merkurstab etwas verbinden muß wie die Vorstellung eines Universalmittels der Natur: zu schaffen, um die Tatsachen der Natur hervorzubringen. Können wir uns nun vorstellen, daß die Elemente so übereinanderliegen, daß ich sie angeordnet habe nach dem periodischen System, und ich dann diese Elemente verbinde durch solche Linien, die eine Spirale darstellen, dann würde gewissermaßen das Entstehen eines jeden Elementes nur möglich sein unter gewissen Kräftezusammenhängen, die in einem Verhältnis stehen zu einer bestimmten Bewegung dieser Zustände.
Nun hat in interessanter Weise Crookes darauf aufmerksam gemacht in einem Cambridger Vortrag der Royal Society, daß gerade, wenn man die übereinanderliegende Spirale bekommen will, man gut tun wird, sich vorzustellen, daß ein Fortschreiten des Wärmezustandes stattfindet in der Richtung der Achse der Spirale, daß also gewissermaßen die Reihe der nächsten sieben Elemente gegenüber der Reihe der vorigen sieben Elemente auf eine ähnliche Weise zustande kam wie einfach ein höherer Temperaturgrad gegenüber einem niedrigeren Temperaturgrad. Aber es ist kein Fortschreiten bloß in einer Ausdehnung, sondern in einer Genesis. Wir würden da etwas Ähnliches haben in einem komplizierten Natursystem, wie wir es elementar haben bei der einfachen Ausdehnung durch die Temperatur. Und nun ist es selbstverständlich außerordentlich naheliegend, sich überhaupt nicht eine Spirale zu denken, die eine gerade Linienachse hat, sondern sich vielleicht etwas zu denken, was nun eine Kreisachse hat, dann würden wir eine Solenoidlinie bekommen. Aber auch diese können wir uns wiederum als Spirale denken. Dann würden wir bekommen eine dreifach im Raum fortschreitende Spirale.
Während Crookes zunächst nur eine Abnahme des Wärmezustandes als ein Analogon für das Fortschreiten hier annimmt auf dieser Achse, würden wir - durch eine Erweiterung der Anschauungsweise von Crookes-schon bekommen ein Fortschreiten in der Achse zum Licht und zu den chemischen Effekten, die ja etwas anderes sind als die chemischen Kräfte, die in den Substanzen wirken. Wir würden also gewissermaßen in Wärme, Licht und chemischen Effekten, also in dem, was zugrundeliegt den chemischen Wirksamkeiten, Entitäten bekommen, die nun nicht in den einzelnen Körpern sind, sondern die in den inneren Wirksamkeiten zum Beispiel unserer irdischen Natur oder sonst vorhanden sind.
Nicht wahr, das, was ich hier zeichne, sind ja nur räumliche Versinnlichungen; es sind nicht Dinge im Raum, sondern die Raumbilder sind Raumversinnlichungen.
Wir würden ja in die Möglichkeit versetzt werden, uns zu denken, daß diese aufeinanderfolgenden Elemente und dann gleichsam die nächsten Potenzen derselben und Gegenpotenzen derselben zusammenhingen mit einem Durcheinanderwirken von Wärme, Licht und eben chemischen Effekten, so daß dieser dreifache schraubenförmige Aufbau der Elemente eben eigentlich nichts anderes wäre als eine gewisse Art von Zusammenwirken der verschiedenen Ätherpotenzen. Dann müßten wir aber annehmen, daß allerdings diese Ätherpotenzen radikal voneinander verschieden sind, daß nicht die eine in die andere in ihrer eigentlichen Wesenheit überführbar sind, sondern daß sie in ihrer eigenen Wesenheit aufeinander wirken und [daraus] Resultierende entstehen, nicht Umwandlungsprodukte.
Diese Andeutung nur zur Beantwortung der ersten Frage. Denn diese Frage schließt so viel ein, daß es nicht möglich ist, in kurzer Zeit die Frage ganz zu erschöpfen.
Nun die zweite Frage. Da müßte allerdings zurückgegangen werden auf sehr weit [zurück]liegende Prinzipien. Sehen Sie, Sie müssen sich klar sein darüber, daß dasjenige, was in irgendeinem Stoff heute wirksam ist, gestaltbildend ist, Kalium oder Natrium zum Beispiel, das muß nicht notwendigerweise auch heute im Weltall entstehen. Das kann etwas sein, welches irgendwann entstanden ist, gewirkt hat vielleicht vor sehr langer Zeit, und konserviert worden ist, so daß also die ursprünglichen Gestalten, die ursprünglichen Kristallgestalten unserer Elemente - ob es nun ausgesprochene Kristallgestalten sind oder etwas anderes - aus dem Kosmos hereingebildet worden sind in der Vorzeit, nehmen wir an während der Mondperiode, und daß in diesen Elementen die Tendenz geblieben ist, diese Gestalten zu konservieren. Wir müssen uns also klar sein: Auf der einen Seite haben wir es zu tun mit den heutigen, gleichsam in Abdruck erscheinenden Gestalten, die sich gebildet haben in einer sehr frühen Zeit der kosmischen Entwicklung, auf der anderen Seite wiederum mit den Wirkungen desjenigen, was nun aus den um die Erde herum befindlichen Faktoren geworden ist. Wir haben es also nicht etwa zu tun mit unseren Elementgestalten unmittelbar, so daß wir sagen könnten mit einer kosmischen Wirkung.
Hier irgendwo wäre die Erde, hier die Planeten, und die Planeten bewirken etwas durch ihre Konstellation. Wenn wir hier meinetwillen Venus, Mars, Merkur haben, so wird nicht heute die Konstellation Venus, Mars, Merkur, wie sie in gegenseitigen Kräfteerscheinungen auf die Erde wirken, einen tetraedrisch gestalteten Körper unmittelbar bewirken, sondern diese Venus, Mars, Merkur werden etwa während der Mondperiode den Tetraeder gestiftet haben; und daß er heute erscheint, das ist, weil sich konserviert hat die Mondenwirkung. Während, wenn heute Merkur und so weiter wirken aus dem Kosmos, so wirken sie gewissermaßen gemäß den Gesetzen der Imponderabilien; sie wirken eigentlich den Ponderabilien entgegen. Die Gestaltung hat also schon ihren kosmischen Ursprung, aber jede Gestaltung, die auftritt auf der Erde, wird gewissermaBen entgestaltet durch dasjenige, was heute ausgeht von denselben kosmischen Planeten, die früher die Gestalten hervorgerufen haben; so daß wir also zum Beispiel eine Verflüchtigung als eine heute existierende kosmische Wirkung auffassen müssen, eine Kristallisation jedoch als eine solche, wo sich das Frühere wiederum herstellt gegen das Heutige. Da haben wir zeitliche Wirkungen, die auseinandergehen.
Nun brauchen Sie das, was ich jetzt gewissermaßen schematisch herausgerissen dargestellt habe, nicht so zu denken natürlich, daß gewissermaßen nur ein paar Konstellationen da sind, sondern es sind sehr viele Konstellationen da. Wenn Sie sich das vorstellen, so bekommen Sie natürlich ein kompliziertes System, etwa ein kompliziertes Kurvensystem, das Sie im Kosmos und in der Erde sich vorstellen können.
Wenn Sie in der Erde die ursprünglichen Stätten, wo sich die Metallgestalten bilden, zusammenfassen durch Kurven — diese Kurven müssen im Innern der Erde vorgestellt werden, weil da der Mittelpunkt ist; die Metalle kommen ja allerdings in späteren Epochen an die Oberfläche, aber es sind eigentlich im Innern der Erde die Kräfte, durch die die Konservierung stattfindet -, und draußen im Kosmos die Kräfte, die zu den Kristallgestalten führen, dann können wir diese Kräfte in der Umgebung ebenso durch Kurven fassen. Und da haben wir, wenn Sie sich dies jetzt bildhaft vorstellen, eine Kugel und sich in der verschiedensten Weise ineinander verschlingende Kugelschalen und die Resultierende, die daraus entstehen würde, wenn ich die Kräftedifferenz mir bilde zwischen dem, was da konserviert ist, und dem, was heute im Kosmos ist. Wenn ich mir nun die Differenzen der Kräfte in diesen beiden Kräftesystemen denke, bekomme ich eigentlich das, was den gegenwärtigen Zustand der kosmischen Wirkung auf der Erde vorstellt. Und in diesem drinnen muß alles das stecken, was dann im periodischen System zum Vorschein kommt. Das periodische System ist nichts anderes als ein Aufeinanderwirken eines vorirdischen Zustandes mit einem gegenwärtigen, die Erde umspielenden kosmischen Zustand. Es sind dies nur Andeutungen zur Beantwortung, aber ich glaube, man kann es verstehen.
> Eugen Kolisko: Was wir also als Metalle zuordnen den einzelnen Planeten, das hat nichts zu tun unmittelbar mit den Stoffen, die wir im periodischen System drinnen haben?
Rudolf Steiner: Nein. Warum Eisen dem Mars zugeordnet wird, Silber dem Mond und so weiter, das sind Dinge, die heute nicht mehr von der äußeren Wissenschaft verstanden werden können, ganz unmöglich, weil diese Zuordnung auf eine ganz andere Weise gewonnen worden ist, als heute vielfach sogar von Okkultisten geglaubt wird. Der ältere Okkultismus, der noch auf atavistischem Hellsehen beruhte, wußte, daß unsere Erde selbst innerlich gestaltet ist, aber nur latent gestaltet ist, und daß wir in der Erdensphäre als Überbleibsel der vorirdisch-kosmischen Wirkung auf die Erde sieben Sphären zu unterscheiden haben, die nicht ganz regelmäßig waren, sondern verschieden. Also hier gibt es drinnen sieben Sphären, das ist der innere Kosmos der Erde, das ist das Spiegelbild des äußeren Kosmos. Und mit dieser Partie der Erde, also der Marspartie der Erde, wird das irdische Eisen in Zusammenhang gebracht, mit der Merkursphäre der Erde wird das Quecksilber in Zusammenhang gebracht und so weiter. Also diese unsere Stoffe, wie wir sie heute haben, die würden eigentlich letzten Endes nun doch wiederum zurückgeführt werden müssen auf die sieben Metalle; das würden sie schon müssen. Aber wir müssen uns vorstellen, daß alle diese Stoffe im Grunde genommen doch recht komplizierte Dinge darstellen.
Nicht wahr, wir reden von den Atomgewichten dieser Stoffe. Aber diese Atomgewichte gibt es ja in Wirklichkeit gar nicht. Sie haben das Atomgewicht von Blei aufzufinden: 207. Das ist schon richtig, daß das Atomgewicht von Blei 207 ist, aber wenn Sie es suchen, finden Sie eigentlich nicht 207 in Wirklichkeit, sondern Sie finden eigentlich eine Zahl: 207 + x in unbestimmter Weise. Das, was man wirklich findet, das schwankt hin und her, und die Atomgewichtszahl für unsere Elemente ist eigentlich so, daß man sagen kann: Würde man den Zustand, der die Atomgewichtszahl repräsentiert, festhalten wollen, so müßte man hier eine pendelnde Bewegung, nicht einen Punkt zeigen. Und wir dürften das periodische System auch nicht so beschreiben, wie es ist, sondern in Zitterbewegungen müßten wir es haben, in innerer Zitterbewegung. Es ist so, daß wir durchaus nicht sagen können, aus dem Atomgewicht gehe hervor, daß wir es nun wirklich zu tun haben mit festen Elementen. Diese Vorstellung eines starren Atoms - denken Sie, was das bedeutet, was Herr Dr. Kolisko eben gesagt hat: Wasser ist nicht mehr Wasser bei einer bestimmten Temperaturhöhe. Der Atomist von heute ist aber genötigt, Wasserstoff und Sauerstoff, die im Wasser sind, wenn das Wasser nicht mehr da ist, unverändert vorzustellen, wenn er richtig Atome vorstellt. Also man kommt dazu, solch eine Eigenschaft der Materie als das eigentlich Maßgebende zu betrachten: diese Starrheit, die schon da, wo das Element entsteht, nicht vorhanden ist. Das Element ist noch nicht vorhanden, sondern das Element ist etwas, was einem schon aus der Hand fällt, wenn man es fassen will. Denn Atomgewichte strikte festzustellen, ist ein Unding. Es gibt kein Atomgewicht, sondern es gibt Mittelzustände, um die herum das Atomgewicht variiert, und man sage: im Mittelzustand ist das Atomgewicht so und so. Es gibt geradeso wenig Atomgewichte, wie es beim Weizenkorn eine bestimmte Größe gibt. Es gibt natürlich für das Weizenkorn eine mittlere Größe, aber die Größe schwankt hin und her. So ist es auch mit dem Atomgewicht; es ist nur ein Mittelzustand.
Diese Betrachtungen, die heute Herr Dr. Kolisko angestellt hat, sind außerordentlich fruchtbar und sollten gerade für die Chemie weiter ausgebildet werden. Dann würde man allerdings sehen, daß der Gang der Entwicklung so ist, daß man in alchemistischen Vorstellungen, auch in dem Merkurstab, den man da besonders pflegte, gewisse, den Wirklichkeiten doch angemessene Begriffe erzeugte, daß dann die Zeit kam der atomistisch-mechanistischen Denkweise, die alles mit einer Schicht von Unverständlichkeit bedeckt hat. Wir müssen uns wiederum durcharbeiten zu einer Betrachtung, die eine der Wirklichkeit angemessene ist. Dazu ist aber notwendig — das ist dasjenige, was ich an den Vortrag von Herrn Dr. Kolisko noch anknüpfen möchte, namentlich, um auch diese beiden Fragen ganz exakt zu beantworten -, dazu ist notwendig, daß wir dahin kommen, auch Herrn Blümel möchte ich das sagen, daß wir dazu kommen, das Intensive ins Auge zu fassen, und die Extension, das Extensive auffassen zu lernen als eine Funktion des Intensiven, und umgekehrt, das Intensive als eine Funktion des Extensiven, so daß man also wirklich diese beiden Dinge, die so nebeneinander stehen, auseinander ableiten kann. Wenn es möglich sein wird, Intensives und Extensives in einen Funktionszusammenhang zu bringen, wird es auch möglich sein, diese Symbolik, die man braucht, um dieses periodische System ganz zu durchschauen, zu entwickeln, sonst bleibt immer ein unverstandener Rest.
Verzeihen Sie, aber diese Dinge sind so undeutlich, weil sie ein so großes Gebiet umfassen, daß man nichts anders sagen kann, als mit den Begriffen nur so hinzuhusehen. Da können sich auch die Begriffe nicht so scharf konturieren.