Die Prüfung der Seele — Dreizehntes Bild

GA 14/ga014-2_scene13 · original · 6 passages · 1592 words
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Der Sonnentempel; die verborgene Mysterienstätte der Hierophanten. Lucifer, Ahriman, die drei Seelengestalten. Strader, Benedictus, Theodosius, Romanus, Maria. (Es treten zuerst Lucifer und Ahriman ein.) LUCIFER: Als Sieger steht vor dir der Wunschgebieter, - Er hat die Seele sich erobern können, Die auch im Licht der Geistessonne Noch unserm Reich verwandt sich fühlen mußte. Ich konnte noch im rechten Augenblicke Den Blick ihr blenden für den Lichtesschein Dem sie nur träumend sich ergeben hatte. Doch alle Hoffnung muß mir wieder schwinden, Daß uns der Sieg im Geistgebiet gelingen kann, Da jetzt ich mich zum Kampfgenossen wende. Du konntest dir die Seele nicht erobern, Die unser Werk zum Ziele führen müßte. - So kann ich nur für kurze Erdenzeiten Die Menschenseele, die sich mir ergeben, In unsren Reichen zwecklos mir erhalten Und muß sie dann den Gegnern wiedergeben. Zum vollen Siege ist die zweite nötig, Die deinem Wirken sich entzogen hat. AHRIMAN: Ungünstig meinem Wirken ist die Zeit, Ich finde keinen Zugang zu den Seelen. Schon nahet Eine, die ich stark durchwühlte. Noch ohne Geisteswissen ist sie hier, Doch führt Verstandeszwang sie kräftig weiter. So muß ich ihr an diesem Orte weichen, Den sie bewußtlos nur betreten kann. (Die drei Seelengestalten mit Strader.) PHILIA: Ich will erfüllen mich Mit Glaubenslichtgewalt, Ich will eratmen mir Vertrauensiebekraft Aus Seelenstrebenslust: Daß den Geistesschläfer Das Licht erwecken kann. ASTRID: Ich will verweben Erhaltnes Offenbarungswort Mit ergebner Seelenfreude. Ich will verdichten Die Hoffnungsstrahlen. Es soll im Finstern leuchten, Es soll im Lichte dämmern: Daß den Geistesschläfer Die Kräfte tragen können. LUNA: Ich will erwärmen Seelenlicht Und will erhärten Liebekraft. Sie sollen sich erkühnen, Sie sollen sich erlösen Und sich erhebend Gewicht sich geben wollen: Daß den Geistesschläfer Verlassen Weltenlasten Und ihn befreien kann Der Seele Lichteslust.

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(Es treten ein: Benedictus, Theodosius und Romanus.) BENEDICTUS: Berufen hab' ich euch, die ihr Gefährten Mir seid im Suchen nach dem Geisteslicht, Das zu den Menschenseelen strömen soll. Ihr kennt der Seelensonne Wesenheit: Sie leuchtet oft in vollster Mittagshelle Und dringt in andern Zeiten dämmernd nur In Seelentraumesnebel kraftlos ein. Und oft muß sie den Finsternissen weichen. Des Tempeldieners Geistesblick muß dringen In Seelentiefen, welchen kraftvoll strahlet Das Geisteslicht aus Weltenhöhenorten. Er muß jedoch auch dunkle Ziele finden, Die unbewußt in Seelenfinsternissen Des Menschen Werdekräfte lenken wollen. Die Geisteswesen, die der Menschenseele Aus Weltenmächten Geistesnahrung spenden, Sie sind im Weihetempel jetzt erschienen, Zu lenken eines Mannes Seelenziel Aus Geistesnacht ins Reich des Höhenlichts. Er ist vom Wissensschlafe noch umfangen; Doch schon erklangen ihm die Geistesrufe In unbewußten Wesensuntergründen. Was sie in seiner Seele Tiefen sprachen, Wird bald zum Geistgehör auch dringen können. THEODOSIUS: Es konnte diese Seele sich bisher Im Geisteslichte noch nicht wiederfinden, Das durch die Sinnesoffenbarung strahlet Und alles Erdenwerdens Sinn enthüllt. Sie sah den Gottesgeist naturentblößt Und gottentfremdet, was natürlich ist. So mußte sie durch viele Erdenleben Sich fremd dem Sinn des Daseins gegenüberstellen Und konnte stets nur solche Leibeshüllen Zum Werkzeug ihres Eigenwesens finden, Die sie von Welt und Menschenwesen trennten. Sie wird im Tempel sich die Kraft erwerben, Das fremde Sein als eignes zu empfinden, Und so sich auch die Macht gewinnen können, Die aus Gedankenlabyrinthen führt Und nach den Lebensquellen Wege weist. BENEDICTUS: Ein andrer Mann erstrebt des Tempels Licht; Er wird erst künftig unsren Pforten nahen Und diesen Weiheort betreten wollen. Er hat gepflanzt in ernstem Forscherleben Des Denkens Keime in die Seelengründe. So mußte sie das Geisteslicht erreichen Und außerhalb des Tempels reifen lassen. Er konnte schauen, wie sein Erdendasein Als Folge eines andern sich erweist, Das er in langvergangner Zeit erlebt. Er ist sich nun der Fehler jenes Lebens Und ihrer Wirkung vollbewußt geworden. Ihm fehlt die Kraft, die Pflichten zu erfüllen, Die er durch Selbsterkenntnis fühlen kann. ROMANUS: Capesius soll durch des Tempels Kraft Erkennen, wie in Einem Erdenleben Der Mensch mit Pflichten sich beladen muß, Die erst durch viele Lebenspilgerfahrten In vollem Maße sich erfüllen lassen.

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So wird er furchtlos sich gestehen können, Daß seine Seele alter Fehler Wirkung Noch durch die Todespforte tragen muß. Er wird als Sieger sich bewähren können Im Kampfe, der die Geistespforten öffnet, Wenn er dem Wächter kühn ins Auge schaut, Der vor des Geisterlandes Schwelle steht. Es wird ihm dieser Hüter offenbaren, Daß niemand zu den Lebenshöhen kommt, Den furchtsam macht des Daseins Schicksalsbuch. Er wird sich mutvoll zu der Einsicht wenden, Daß Selbsterkenntnis Schmerzen zeugen muß, Für die sie selbst nicht Trostesworte kennt. Es wird der Wille ihm Genosse werden, Der mutig sich der Zukunft übergibt Und, durch der Hoffnung Kräftequell gestärkt, Erkenntnisschmerzen sich entgegenstellt. BENEDICTUS: Ihr, meine Brüder, habt in dieser Stunde, Als unsres Tempels treu ergebne Diener, Die Wege euch in Weisheit vorgezeichnet, Auf welchen ihr die beiden Geistessucher Zu ihrer Seelen Zielen führen könnt. Noch andres Werk verlangt des Tempels Dienst. Ihr seht den Wunschgebieter uns zur Seite; Er durfte diese Weihestatt betreten, Weil ihm Johannes' Seele öffnen konnte Die Pforten, die ihm sonst verschlossen sind. Der Bruder, dem wir unsre Weihe gaben, Ihm fehlt in diesen Zeiten noch die Kraft, Den Worten mutig Widerstand zu leisten, Die aus den Finsternissen sich erschaffen. Ihm werden gute Kräfte erst erstarken, Wenn sie am Gegensatz sich recht empfinden. So wird er bald in unsrem Tempel wieder Von Bruderliebe warm umfangen sein. Doch muß sein Geistesschatz behütet werden, Da er in Finsternisse tauchen will. (Zu Lucifer sich wendend.) An dich muß ich mich wenden, der nicht lange Den Ort beherrschen darf, an dem er steht. Es kann in dieser Zeit des Tempels Macht Johannes' Seele dir noch nicht entreißen; Doch wird sie künftig wieder unser sein, Wenn unsrer Schwester Früchte reifen werden, Die wir als Blüten schon erkennen können. (Maria erscheint.) Sie durfte im vergangnen Erdenleben Erblicken, wie Johannes ihr verbunden. Er folgte ihren Spuren schon in Tagen, Da sie noch selbst sich widersetzen wollte Dem Licht, dem sie nun voll ergeben ist. Wenn Seelenbande sich so stark erweisen, Daß sie des Geistes Wandlung überdauern, Dann wird des Wunschgebieters Macht gewiß An ihrer Festigkeit zerbrechen müssen. LUCIFER: Es mußte Benedictus' eigner Wille Johannes' und Marias Seelen trennen. Und wo sich Menschen voneinander sondern, Da ist für meine Macht das Feld bereitet. Ich forsche stets nach Seelensondersein, Um freies Erdensein für Ewigkeiten Von aller Weltenknechtschaft zu erlösen. Marias Wesen hat im Mönchgewande Die Seele von dem Vater abgewandt,

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Die jetzt Johannes' Leibesform belebt. Auch dies hat mir die Keime zubereitet, Die ich zur Reife sicher bringen kann. MARIA (an Lucifer gewendet): Es gibt im Menschenwesen Liebequellen, Zu denen deine Macht nicht dringen kann. Sie öffnen sich, wenn alte Lebensfehler, Die unbewußt der Mensch auf sich geladen, In spätem Erdenleben mit dem Geist Geschaut und durch den freien Opferwillen In Lebenstaten umgewandelt werden, Die wahrem Menschenheile Früchte bringen. Mir haben Schicksalsmächte schenken wollen Den Blick, dem Vorzeittage sichtbar sind; Und auch die Zeichen sind mir schon gegeben, Die mich den Opferwillen lenken lehren, Daß Heil erwachse jenen Menschenseelen, Mit deren Lebensfäden sich die meinen Im Erdenwerden stets verbinden müssen. Ich sah in ihrem frühern Erdenleibe Johannes' Seele sich vom Vater wenden Und sah die Mächte, die mich selbst getrieben, Den Sohn dem Vaterherzen zu entfremden. So steht mir jetzt der Vater gegenüber, Mich mahnend an die alte Lebensschuld. Er spricht in jenen Weltenworten deutlich, Die sich in Lebenstaten Zeichen schaffen. Was zwischen Sohn und Vater ich gestellt, Erscheinen mußt' es, nur in andrer Form In diesem Leben, das Johannes' Seele Der meinen wieder eng verbunden hat. In jenen Schmerzen, die ich tragen mußte, Als ich Johannes von mir trennen sollte, Erkenn' ich eigner Taten Schicksalsfolgen. - Wenn meine Seele Treue halten kann Dem Licht, das ihr die Geistesmächte spenden, Wird sie sich Kräfte schaffen durch die Dienste, Die sie Capesius vermag zu leisten Auf seiner schweren Lebenspilgerfahrt. Sie wird mit Kräften, die sie so erwirbt, Gewiß Johannes' Stern auch dann erschauen, Wenn er, von Wunschesfesseln abgelenkt, Den Weg nicht wandelt, den das Licht bestrahlt. Erkennen wird sie aus der Geistesschau, Die sie geführt in ferne Erdentage, Wie sie gestalten soll die Seelenbande In dieser Zeit, so daß die Lebenskräfte, Die aus der Dumpfheit sich bereitet haben, Im Sinn des Menschenheiles weiter wirken. BENEDICTUS: Es formte sich in alten Erdentagen Ein Knoten aus den Fäden, Die Karma spinnt im Weltenwerden. Ihm sind verwoben dreier Menschen Leben. Es strahlet jetzt auf diesen Schicksalsknoten Der Weihestätte hohes Geisteslicht. An dich, Maria, muß ich mich jetzt wenden: Von jenen Seelen bist nur du allein In dieser Stunde an dem Opferorte. Es möge dieses Licht in deinem Selbst Die Kräfte heilerschaffend weiter wirken, Die deine Lebensfäden einst den andern Zum Lebensknoten fest verbunden haben. Der Vater konnte in dem frühern Sein Des Sohnes Herz nicht finden; doch jetzt wird Der Geistessucher deines Freundes Selbst

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Auf dessen Weg ins Geistesland begleiten. Und dir erwächst die Pflicht, Johannes' Seele Durch deine Kraft dem Lichte zu erhalten. Wie du sie einst an dich gekettet hast, So konnte sie dir nur in Dumpfheit folgen. Du hast sie ihrer Freiheit überliefert, Als sie im Wahn dir noch ergeben war. Du sollst sie wiederfinden, da sie selbst Sich ihre Eigenheit gewinnen will. Wenn deine Seele Treue hält dem Licht, Das dir des Geisteslandes Mächte spenden, Dann wird Johannes' Seele nach der deinen Auch in des Wunschgebieters Reichen dürsten Und durch die Liebe, die sie dir verbindet, Den Weg zum Höhenlichte wiederfinden. Denn lebend dringt durch Licht und Finsternis Ein Wesen, welches Geisteshöhen durfte Aus eignen Seelentiefen wissend schauen. Es hat geatmet aus den Weltenfernen Die Luft, die für die Ewigkeit belebt — Und lebend alles Menschensein erhebt Aus Seelengründen zu den Sonnenhöhen. — (Vorhang fällt.)

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