Zehnter Vortrag

GA 310/1924-07-24 · 1924-07-24 · original · 22 passages · 4615 words
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## GA 310 — 24 July 1924, Arnheim

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Meine sehr verehrten Anwesenden, zuerst lassen Sie mich, da ich jetzt diese Schlußworte für den pädagogischen Kursus sprechen darf, meine wirklich tiefe Befriedigung darüber ausdrücken, daß unsere Freunde in Holland, die sich die Pflege der anthroposophischen Weltanschauung zur Aufgabe gesetzt haben, diesen Kursus haben veranstalten wollen. Denn die Veranstaltung eines solchen Kursus bedeutet ja für die Veranstalter immer ein großes, schweres Stück Arbeit. Und am besten wissen wir selber, die wir manches in Dornach zu veranstalten haben, was es heißt, bei solchen Gelegenheiten hinter den Kulissen arbeiten zu müssen, wieviel Anstrengungen dazu notwendig sind. Daher werden Sie es ganz begreiflich finden, wenn ich jetzt vor meiner Abreise von Holland denjenigen, die zusammengewirkt haben, um diese ganze Tagung zustande zu bringen, meinen allerherzlichsten Dank sage. Es ist ein pädagogischer Kursus zustande gekommen, und ich darf vielleicht in diesen Schlußworten einiges sprechen über die Stellung der pädagogischen Kunst innerhalb der ganzen anthroposophischen Bewegung.

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Es ist pädagogische Kunst innerhalb der anthroposophischen Bewegung gewachsen, man möchte sagen wie etwas, das nicht durch eine abstrakte Absicht in diese Bewegung hineingekommen ist, sondern das mit einer gewissen Notwendigkeit sich aus der Bewegung heraus ergeben hat. So natürlich und selbstverständlich, wie die pädagogische Kunst, ist eigentlich weniges aus der anthroposophischen Bewegung bis jetzt herausgewachsen. In dieser selbstverständlichen Art herausgewachsen aus der anthroposophischen Bewegung ist lediglich die Eurythmie durch Frau Dr. Steiner, das Medizinische durch Frau Dr. Wegman, und eben die pädagogische Kunst selber, von der ich sagen darf, daß sie eben schicksalsmäßig sich aus der anthroposophischen Bewegung heraus ergeben hat, wie die beiden andern Dinge, man darf sagen, karmisch sich ergeben haben. Denn die anthroposophische Bewegung als solche ist ja selbstverständlich der Ausdruck von etwas, das einem menschlichen Streben entspricht, weil es eine Menschheit auf der Erde gegeben hat.

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Wir brauchen nur in der Entwickelung der Menschheit zurück zuschauen auf diejenigen alten Zeiten, in denen sich Mysterienstätten da und dort gefunden haben, in denen Religion, Kunst und Wissenschaft aus den Erfahrungen des Geistes heraus gepflegt worden sind, und wir werden gewahr, wie in jenen alten, ehrwürdigen Stätten die Menschen sozusagen mit den Wesen der übersinnlichen Welt verkehrt haben, um spirituelles Leben in das äußere physische Leben hineinzutragen. Wir können in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit weiterschreiten, und immer wieder und wieder finden wir den Drang, zu dem, was der Mensch mit seinen Sinnen wahrnehmen kann, das hinzuzufügen, was Übersinnliches ist. Das ist gewissermaßen diejenige Perspektive, die sich eröffnet, wenn wir die Entwickelungsgeschichte der Menschheit durchstreifen und sehen, wie das, was heute in der Anthroposophie lebt, ein Ewiges im menschlichen Streben ist. Aber als Anthroposophie lebt es eben aus den Sehnsuchten, aus den Bestrebungen der Herzen und der Seelen der Menschen der Gegenwart heraus. Und es darf schon gesagt werden: Um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert ist es möglich geworden, wenn man nur will, Offenbarungen aus der geistigen Welt heraus zu empfangen, die wiederum die ganze Weltanschauung der Menschheit vertiefen werden.

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Diese Offenbarungen aus der geistigen Welt, die heute anders dastehen müssen als die alten Mysterienwahrheiten, die heute im Einklange stehen müssen mit dem, was der Mensch als Wissenschaft kennt, diese Offenbarungen bilden den Inhalt der Anthroposophie. Und wer sie kennt, der weiß, daß aus den Bedingungen unseres gegenwärtigen Zeitalters heraus viel, viel mehr Menschen zur Anthroposophie kommen würden, wenn nicht durch die ungeheuren Vorurteile und namentlich Vorempfindungen sich viele Menschen die Wege zur Anthroposophie verlegen würden. Aber das sind Dinge, die überwunden werden müssen. Aus dem kleinen Kreise der Anthroposophen wird immer mehr und mehr ein größerer Kreis werden müssen. Und wenn man an alles das denkt, was da wirkt und lebt, so darf man sich vielleicht gerade — ohne irgendwie behaupten zu wollen, daß Anthroposophie für sich eine religiöse Bewegung ist — ein Bild vorhalten von einem tief ins Herz einschneidenden geschichtlichen Vorgang.

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Stellen Sie sich vor, das Mysterium von Golgatha hat stattgefunden. Hundert Jahre noch nach dem Mysterium von Golgatha schreibt der brillanteste römische Schriftsteller, Tacitus, von dem Christus so, wie von einem fast Unbekannten, der drüben in Asien den Tod gefunden hat. Da, wo römische Bildung ist, wo damals tonangebendes römisches Geistes- und Kulturleben ist, da lebt man in den Traditionen der letzten Jahrtausende, da weiß man nichts vom Christus. Und man kann geradezu wörtlich sich ein bedeutsames Faktum ausmalen: Da oben ist die römische Zivilisation, in den Arenen, in mächtigen Aufführungen, in alledem, was da im römischen sozialen Leben, im römischen Staatsleben stattfindet. Unten, unter der Erde, sind diejenigen Räumlichkeiten, die als Katakomben eben da sind; da versammeln sich schon viele Menschen — viele Menschen bei den Gräbern derjenigen, die auch dem Mysterium von Golgatha angehangen haben, wie sie selber. Das müssen diese Menschen geheimhalten. Höchstens manchmal taucht das, was da unten unter der Erde lebt, dadurch oben auf der Oberfläche auf, daß eben in der Arena ein Christ mit Pech beschmiert und verbrannt wird, zur Schaustellung derer, die die Gebildeten sind. So haben wir da zwei Welten: oben die alte, den glänzendsten Traditionen des römischen Zivilisationslebens entsprechende; unten haben wir das, was im geheimen unter der Erde sich entfaltet. Nehmen wir den glänzendsten Schriftsteller dieser Zeit, er hätte schreiben können, was er nur wie eine kurze Notiz über die Entstehung des Christentums in seine Notizen hineingeschrieben hat, indem er in Rom seinen Schreibtisch über einer Katakombe gehabt hätte - er hätte nichts zu wissen brauchen von dem, was da unten geschieht!

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Nehmen wir die Zeit einige Jahrhunderte später. Was damals in Rom so glänzend sich ausgebreitet hatte, ist jetzt verschwunden; über die Oberfläche der Erde ist die christliche Zivilisation aufgetaucht, da, wo vordem römische Bildung war. Das Christentum beginnt sich in Europa auszubreiten. Wenn man sich ein solches Bild vor Augen hält, sieht man, wie die Dinge eigentlich in der Menschheitsentwickelung vor sich gehen. Und oft, wenn man die gegenwärtige Zeit ins Auge faßt, kann man sich etwa sagen: Die Anthroposophen - zwar graben sie sich heute nicht in die Erde hinein; das ist heute nicht üblich, sonst würden sie es schon tun müssen; sie finden sich in zwar äußerlich so glänzenden, schönen Räumlichkeiten, wie es hier der Fall ist, aber, fragen Sie nach, ob diejenigen Menschen, die heute draußen die übliche Zivilisation die ihrige nennen, von dem, was hier vorgeht, mehr wissen, als die Römer gewußt haben von dem, was unten in den Katakomben Roms vor sich gegangen ist. Man kann nicht mehr so wörtlich sprechen; die Situation ist mehr ins Geistige übertragen, aber doch sonst dieselbe. Und wenn man dann in Gedanken ein paar Jahrhunderte weiterdenkt, so darf man, wenn auch sonst nichts, doch die mutvolle Hoffnung haben, daß das Bild sich verändern könnte. Zwar werden diejenigen, die heute so wenig von der Anthroposophie wissen, wie die Römer vom Christentum gewußt haben, das alles sehr phantastisch finden; aber niemand kann in der Welt wirken, der nicht mutvoll auf den sich vor ihm eröffnenden Weg hinschauen kann. Und die Anthroposophen möchten mutvoll auf den sich vor ihnen eröffnenden Weg hinschauen. Deshalb steigen solche Bilder auf.

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Allerdings muß man auch manchmal wiederum auf das hinschauen, was alles heute über Anthroposophie geurteilt wird. Es ist ja nach und nach so gekommen, daß kaum eine Woche vergeht, ohne daß irgendein gegnerisches Buch über Anthroposophie erscheint. Die Gegner nehmen Anthroposophie sehr ernst. Sie widerlegen sie alle acht Tage einmal, zwar nicht so sehr von verschiedenen Standpunkten aus, denn sie sind nicht sehr erfinderisch, aber sie widerlegen sie. Ja, interessant ist es, wie man nach dieser Richtung hin Anthroposophie behandelt. Da findet man sehr gelehrte Leute, oder Leute, die Verantwortlichkeitsgefühl haben sollten, auf irgendeinem Gebiete Bücher schreiben. Sie führen dann an, was sie über Anthroposophie gelesen haben: kein einziges Buch ist oftmals darunter, das von Anthroposophen selber herrührt, sondern aus lauter gegnerischen Werken unterrichten sie sich.

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Es hat zum Beispiel einmal eine Gnosis gegeben, von der eigentlich, außer der schwer verständlichen und wenig enthaltenden Pistis-Sophia-Schrift kaum etwas existiert. Alle die, welche heute über die Gnosis schreiben oder, da zur Zeit dieses Gebiet eine bedeutsame Rolle spielt, über sie urteilen, kennen die Gnosis wenig; sie glauben, daß sie etwas über die Gnosis erklären, wenn sie sagen, daß sie aus dem Griechentum hervorgegangen ist. Ich muß oft denken, wie es wäre, wenn das in bezug auf die Anthroposophie ebenso ginge, wenn sie nur durch die Gegner bekannt würde, und wenn es ginge, was manchmal viele wünschen, daß alle anthroposophischen Schriften verbrannt würden; dann würde man Anthroposophie so kennen, wie man heute die Gnosis kennt. Aber interessant ist es, daß heute von der Anthroposophie sehr viele Leute sagen, sie sei eine aufgewärmte Gnosis. Sie kennen die Anthroposophie nicht, weil sie sie nicht erkennen wollen, und sie kennen die Gnosis nicht, weil sie sie nicht erkennen können, denn es ist kein äußeres Dokument über sie da. Aber die Leute reden so. Es ist eine negative Instanz, die auch nach einer bestimmten Richtung deuten kann. Sie kann allerdings nur dahin deuten, daß der Mut und die Kraft da sein müssen, damit es der Anthroposophie einmal nicht so gehe, wie es der Gnosis geht, sondern daß es ihr so gehen möge, daß sie ihre Wirksamkeit entfalten kann. Wenn man das sieht, schaut man immer mit einer gewissen starken Befriedigung auf alle die Einzelunternehmungen hin, die so zustande kommen wie diese Tagung hier; denn aus solchen Dingen setzt sich dann das zusammen, was machen soll, daß Anthroposophie kräftig weiter wirkt. Anthroposophie hat ja nur, ich möchte sagen, durch kleine Fensterchen in diesen pädagogischen Kurs hineingeblickt. Auf manches ist hingewiesen worden, was zeigen konnte, wie Anthroposophie auf die Wirklichkeit geht, wie sie wirklich hineinschaut in das unmittelbar praktische Leben. Weil alles, was wirklich ist, auch durchgeistigt ist, kann man die Wirklichkeit nur erkennen, wenn man einen Blick für das Geistige hat. Aber es konnte doch nicht über Anthroposophie im eigentlichen Sinne hier gesprochen werden. Auf der andern Seite konnte jedoch gerade über ein Gebiet eben gesprochen werden, wo Anthroposophie fruchtbar werden kann: über das pädagogische Gebiet.

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Auf dem Gebiete der Eurythmie zum Beispiel hat wirklich mehr oder weniger das Schicksal gesprochen. Heute könnte jemand die Sache so anschauen, als ob eines Tages der Gedanke gekommen wäre, es müsse eine Eurythmie geben. Das war nicht der Fall, sondern es war eine Familie da, die den Vater verloren hatte. Eine Anzahl Kinder waren da, und die Mutter hatte Sorgen, wie sie die Kinder versorgen würde. Es sollte aus den Kindern etwas werden. Damals war die anthroposophische Bewegung noch klein. Es trat an mich die Frage heran, was aus den Kindern werden könnte. Da hat man in diesem Zusammenhange die ersten Schritte getan, um zu etwas Eurythmischem zu kommen. Im allerengsten Sinne hat man das getan. So waren denn die ersten eurythmischen Anweisungen da. Das Schicksal hatte gesprochen: Es war herausgekommen aus dem, daß es eine Anthroposophie gab, und daß jemand innerhalb des anthroposophischen Bodens einen Lebensberuf gesucht hat. Und bald darauf, es hat gar nicht lange gedauert, da wurden die ersten, die damals Eurythmie gelernt haben, Lehrerinnen und haben sie weiterverbreitet. Und so ist die Eurythmie — Frau Dr. Steiner hat sich ihrer angenommen — das geworden, was sie heute ist. Da kann man schon zu dem Urteil kommen: man hat die Eurythmie nicht gesucht — die Eurythmie hat die Anthroposophie gesucht.

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Und nehmen Sie das Medizinische. Frau Dr. Wegman ist so lange Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, als die Gesellschaft eigentlich besteht. Sie hat aus ihren heilkünstlerischen Anfängen heraus die Tendenz bekommen, innerhalb der anthroposophischen Bewegung medizinisch zu wirken. Sie hat sich als echte Anthroposophin dem Medizinischen zugewendet. So ist wiederum das Medizinische herausgewachsen aus dem Anthroposophischen und steht deshalb nur heute so darinnen, weil gerade dieses Herauswachsen durch eine Persönlichkeit so gekommen ist.

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Und weiter. Als die Wogen des Weltkrieges verbrandet waren, da dachten Menschen an alles mögliche: Jetzt müsse einmal etwas ganz Großes kommen; jetzt müßten die Menschen, weil sie so viel Elend erfahren haben, den Mut bekommen, etwas ganz Großes zu tun, sich ganz umzukrempeln. Riesenideale wurden gefaßt. Alle Schriftsteller, die sonst etwas anderes geschrieben haben, schrieben über die «Zukunft des Staates» oder über die «Zukunft der sozialen Ordnung» und so weiter. Alles wendete sich dem Gedanken zu, was nun aus dem Menschen werden sollte. Es ist auch auf anthroposophischem Boden viel von dieser Sache heraufgekommen und wieder verschwunden. Nur auf dem Gebiete der Pädagogik war bis dahin eigentlich wenig vorhanden. Mein kleines Schriftchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft», das ziemlich im Anfange der anthroposophischen Bewegung entstand, war da, mit allerlei Anweisungen, aber eigentlich ein ganzes System der Pädagogik schon enthaltend. Es wurde nicht besonders als etwas anderes genommen, als daß die Mütter ihre Kinder im Sinne dieses Büchelchens erziehen wollten. Man wurde immer wieder gefragt: Soll man dieses Kind blau anziehen, soll man jenes rot anziehen; soll man diesem eine gelbe Bettdecke geben, jenem eine rote? -— Man wurde auch gefragt, was das eine Kind essen solle und so weiter. Ein schönes Bestreben in pädagogischer Beziehung, aber es ging nicht besonders weit.

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Da wuchs aus all diesen verwirrenden Idealen in Stuttgart bei Emil Molt die Idee heraus, für die Kinder, die den Arbeitern der WaldorfAstoria-Zigarettenfabrik entstammten, eine Schule zu begründen. Und Emil Molt, der ja auch hier ist, hatte den Einfall, mir die Leitung dieser Schule zu übergeben. Da konnte sie nicht anders werden als anthroposophisch. Das war das Gegebene. Das Schicksal konnte es eben nicht anders machen. Mit 150 Kindern, die der Waldorf-Astoria-Fabrik entstammten, wurde die Schule begründet. Sie wurde mit Lehrern versehen, die aus der anthroposophischen Bewegung herausgeholt wurden. Durch das württembergische Schulgesetz war es möglich, die, welche man für geeignet hielt, als Lehrer aufzustellen; denn man machte keine andere Bedingung, als daß die, welche Lehrer werden sollten, nachweisen sollten, daß sie im allgemeinen zu so etwas taugen. Es war das alles noch vor der großen Befreiung der Menschheit durch die weimarische Nationalversammlung. Seit jener Zeit hätte man nicht mehr in dieser freien Weise vorgehen können. Aber so konnte man einmal anfangen, und es wird ja möglich sein, wenigstens durch ein paar Jahre auch die unteren Klassen zu haben.

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Ja, da kam die Anthroposophie über die Schule; man könnte auch sagen, die Schule über die Anthroposophie. Und in wenigen Jahren wuchs diese Schule so, daß sie nun Kinder aus allen Ständen hat, Kinder auch aller Klassen; alle möglichen Leute möchtern gern ihre Kinder in die Waldorfschule hineinbringen, Anthroposophen und Nichtanthroposophen. Merk würdige Ansichten entwickeln da die Leute. Den Eltern sind ja natürlich ihre Kinder das Allerliebste, und sie wollen sie selbstverständlich in eine ausgezeichnete Schule schicken. Da kann man zum Beispiel folgendes erleben. Es leben in Stuttgart Gegner der Anthroposophie, heftige Gegner, Gegner aus Begründung heraus, denn es sind wissenschaftliche Gegner, und die wissen, daß Anthroposophie so ein dummes, unwissenschaftliches Zeug ist: sie schicken ihre Kinder in die Waldorfschule. Sie finden sogar, daß die Waldorfschule für ihre Kinder ausgezeichnet ist. Kürzlich einmal besuchten zwei solcher Leute die Waldorfschule und sagten: Aber diese Waldorfschule ist doch wirklich gut, wir merken es an unseren Kindern; schade nur, daß sie von der Theosophie aus begründet worden ist. - Nun wäre die ganze Waldorfschule nicht da, wenn nicht die Anthroposophie da wäre. Aber Sie sehen, das Urteil mancher Menschen ist so, wie wenn man sagen würde: Das ist ein ausgezeichneter Tänzer, schade nur, daß er auf zwei Beinen stehen muß. — So ist die Logik der Gegner. Man kann gar nicht anders, als sagen, die Waldorfschule ist gut; denn alles, was in dieser Schule ist, ist nicht etwa daraufhin angelegt, sie zu einer Weltanschauungsschule zu machen. Denn mit Bezug auf den Religionsunterricht zum Beispiel halten wir es so, daß die katholischen Kinder von dem katholischen Pfarrer unterrichtet werden, die evangelischen Kinder von dem evangelischen; und nur, weil es in Deutschland eine große Anzahl Dissidentenkinder gibt, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, mußten wir, weil diese Kinder sonst ohne einen Religionsunterricht geblieben wären, für sie einen freien Religionsunterricht einrichten. Ich kann dafür sehr schwer Lehrer finden, denn dieser freie Religionsunterricht ist überfüllt; man veranlaßt auch kein Kind, dahinein zu kommen, denn wir wollen nur eine moderne Schule sein. Wir wollen nur praktische Grundsätze für den Unterricht und die Erziehung haben. Wir wollen nicht Anthroposophie in die Schule hineintragen, weil wir keine Sekte sind, weil wir das ganz Allgemein-Menschliche wollen. Aber wir können gar nichts dafür, die Kinder laufen aus dem evangelischen und dem katholischen Religionsunterricht fort und kommen in unseren freien hinein. Es ist nicht unsere Schuld, aber sie kommen. Und so muß immer von neuem dafür gesorgt werden, daß gerade dieser freie Religionsunterricht immer weiterkommt.

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Und so wächst uns nach und nach die Waldorfschule - sie hat jetzt etwa 800 Kinder mit 40 bis 50 Lehrkräften — zwar nicht über den Kopf, aber über die Kasse. Sie ist heute in finanzieller Beziehung wirklich in großer Not. Und es ist noch nicht 6 Wochen her, da konnte man noch nicht wissen, ob über den 15. Juni hinaus die Waldorfschule noch die Möglichkeit hat, überhaupt finanziell zu bestehen. Wir haben an . ihr gerade ein Beispiel, wie schwer es heute ist, mit dem, was sich in so eminentem Sinne als geistig berechtigt erzeigt, durchzukommen gegenüber den furchtbaren wirtschaftlichen Verhältnissen, die namentlich in Mitteleuropa herrschen. Und wir haben immer wieder und wieder, jeden Monat, die heftigste Sorge gerade für die wirtschaftliche Existenz der Waldorfschule. Das Schicksal läßt uns so arbeiten, daß über uns immer, wie ein Damoklesschwert, die finanzielle Not hängt. Aber wir müssen aus dem Prinzip heraus arbeiten, wie wenn die Waldorfschule für die Ewigkeit begründet wäre. Es erfordert sogar eine sehr starke Hingabe von seiten der Lehrerschaft, die gar nicht wissen kann, ob sie nicht nach drei Monaten auf der Straße liegen wird, so mit aller inneren Intensität zu arbeiten.

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Aber es ist eben anthroposophische Pädagogik auch da schicksalsgemäß aus der anthroposophischen Bewegung herausgewachsen. Gerade das, was wir innerhalb der anthroposophischen Bewegung am wenigsten gesucht haben, das gedeiht am allerbesten. Ich möchte sagen: Was uns die Götter gegeben haben, nicht das, was von Menschen gemacht worden ist, das gedeiht am besten. Und begreiflich wird es sein, daß gerade so etwas wie die pädagogische Kunst dem Anthroposophen besonders ans Herz gewachsen sein muß. Denn, was ist eigentlich das innerlich Schönste auf der Welt? Es ist doch der werdende Mensch. Diesen Menschen aus den geistigen Welten in der physischen Welt durch die Geburt ankommen zu sehen, wie er in der unbestimmten Weise das, was in ihm lebt, heruntergetragen hat, wie immer bestimmter und bestimmter das wird, was in den Zügen, in den Bewegungen liegt; dieses Hereinwirken göttlicher Kräfte, göttlicher Offenbarungen durch die Menschengestalt in die physische Welt, das in der richtigen Weise anzuschauen, hat etwas allertiefst Religiöses. Kein Wunder daher, daß da, wo man echteste, wahrste, intimste Menschlichkeit will, wie auf anthroposophischem Boden, man gerade das Rätsel des heranwachsenden Menschen mit heiliger, religiöser Inbrunst betrachtet und ihm mit all der Arbeit, die man leistet, entgegenkommen möchte.

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Das ist etwas, was aus den tiefsten Seelenregungen heraus die Begeisterung gibt für die pädagogische Kunst innerhalb der anthroposophischen Bewegung. Daher darf man schon sagen: So steht die pädagogische Kunst innerhalb der anthroposophischen Bewegung drinnen wie ein Gebilde, das gar nicht anders gepflegt werden kann innerhalb dieser Bewegung als mit der hingebendsten Liebe. - Und so wird sie gepflegt. Sie wird mit der hingebendsten Liebe gepflegt. Deshalb darf man auch sagen, die Waldorfschule ist schon allen denjenigen, die sie kennen, ans Herz gewachsen; und alles, was da gedeiht, das gedeiht in einer Weise, daß man eine innere Notwendigkeit sieht. Da möchte ich auf zwei Tatsachen hinweisen.

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Vor einiger Zeit, es ist noch nicht lange her, fand in Stuttgart eine Tagung der Anthroposophischen Gesellschaft statt. Dabei wurden von den verschiedensten Seiten her die verschiedensten Wünsche vorgebracht, was man auf diesem, was man auf jenem Gebiete tun solle. Und da andere Menschen heute so gescheit sind in der Welt, so sind natürlich auch die Anthroposophen gescheit; sie nehmen manchmal teil an der Gescheitheit der Welt. So war manche Interpellation eingebracht worden, Aber eine war doch interessant, sie kam von denjenigen, die gerade in der letzten Klasse der Waldorfschule waren; eine richtige Interpellation an die Anthroposophische Gesellschaft. Sie war von allen Schülern der 12. Klasse unterschrieben und hatte etwa den folgenden Inhalt: Wir sind jetzt in der Waldorfschule so erzogen, daß dies die echte menschliche Erziehung ist; jetzt graut uns davor, nun in eine gewöhnliche Hochschule hineinzukommen. Könnte die Anthroposophische Gesellschaft nicht auch eine anthroposophische Hochschule machen? Denn wir möchten in eine Hochschule kommen, wo wir ebenso naturgemäß erzogen werden wie jetzt in der Waldorfschule. - Diese Interpellation hat damals in jener Versammlung idealistisch gewirkt, und die Menschen haben sogar den Beschluß gefaßt, eine anthroposophische Hochschule zu errichten. Es ist auch einiges Geld zusammengekommen, das dann in der Inflationszeit von Millionen Mark auf Pfennige zusammengeschmolzen ist. Aber es hat Leute gegeben, die glaubten, man könne so etwas tun - so etwas tun, bevor die Anthroposophische Gesellschaft so mächtig geworden ist, daß sie Urteile abgibt. Wir könnten ja gut Mediziner, Theologen und so weiter ausbilden, aber was sollen denn diese dann machen? Kein Mensch erkennt sie an. Aber es ist doch ein ganz interessantes Zeugnis, das da die innere Notwendigkeit zeigt, die von den kindlichen Herzen schon gefühlt wird. Es war nicht unnaturgemäß, was in dieser Interpellation auftrat. - Aber weiter. Als unsere Schüler und Schülerinnen zum ersten Mal die letzte Klasse zu absolvieren hatten, waren wir zu folgendem genötigt. Damit die jungen Menschen nun den Anschluß finden an die tote Kultur — wir hatten ihnen nur lebendige Kultur geben können, nun mußten sie den Anschluß an die tote Kultur finden, das heißt, sie mußten ein Abiturientenexamen ablegen -, so mußten wir die letzte Klasse so gestalten, daß unsere Schüler und Schülerinnen das Abiturientenexamen ablegen konnten. Das hat aber unseren Lehrplan ganz durchkreuzt, und wir empfanden es in der Lehrerschaft als etwas ungeheuer Schwieriges, in der letzten Klasse so zu stehen, daß wir unseren ganzen Lehrplan auf die Examensarbeit hin einrichten mußten. Wir haben es getan. Wenn ich die Klasse besucht habe - es war mir wirklich gar nicht leicht, denn da gähnten die Schüler auf der einen Seite, weil sie lernen mußten, was sie im Examen später kennen mußten; auf der andern Seite wollte man dann manchmal etwas einfügen, was sie nicht zu kennen brauchten, aber was die Schüler wissen wollten. Da mußte man ihnen immer sagen: Das müßt Ihr aber nicht beim Examen sagen. Es ist schon eine Schwierigkeit. Und dann kam es zum Examen. Es ging leidlich ab. Aber wir hatten — verzeihen Sie, wenn ich das triviale Wort gebrauche - im Lehrerkollegium und in den Lehrerkonferenzen den Katzenjammer. Wir sagten uns: Nun haben wir die Waldorfschule eingerichtet; jetzt, wo wir sie krönen sollten durch das letzte Schuljahr, da können wir unsere Intentionen, das, was die Schule sein sollte, nicht durchführen. Und so haben wir dann trotz alledem den Beschluß gefaßt, bis zum letzten Schuljahre, bis zum Ende der 12.Klasse streng den Lehrplan durchzuführen und daneben den Eltern und Schülern den Vorschlag zu machen, nachher noch ein Jahr dranzustückeln, damit die Schüler dann ihr Examen machen können. Namentlich die Schüler und Schülerinnen unterziehen sich diesem mit der größten Hingabe, daß sie wirklich nun mit dem, was in der Waldorfschule intendiert, gewollt wird, auskommen wollen. Wir haben eigentlich keinen Widerspruch erfahren. Das einzige, worum wir gebeten worden sind, ist, daß nun Waldorfschullehrer diese Trainierung zum Examen vornehmen sollten.

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Man sieht, wie schwierig es ist, etwas, was aus bloßer Menschenerkenntnis hervorgehen sollte, tatsächlich in die heutige sogenannte Wirklichkeit hineinzustellen. Wenn man kein Phantast ist, der das nicht einsieht, daß man mit der Wirklichkeit rechnen muß, dann hat man es erst ganz besonders schwer. Und so steht auf der einen Seite, ich möchte sagen als etwas, was selbstverständlich geliebt wird, die pädagogische Kunst innerhalb der anthroposophischen Bewegung drinnen; so steht aber wiederum die anthroposophische Bewegung mit ungeheuren Schwierigkeiten in der allgemeinen heutigen sozialen Ordnung drinnen, wenn sie dasjenige verwirklichen will, gerade auf dem geliebten Gebiete der Pädagogik, wovon sie die innerste Notwendigkeit einsieht. Auch das muß lebensvoll ins Auge gefaßt werden. Denn glauben Sie nicht, daß es mir einen einzigen Augenblick einfällt, denjenigen zu belachen, der irgendwie innerlich sagt: Es ist doch nicht so schlimm; das alles ist doch eine Mache, denn es geht doch an andern Schulen auch ganz ordentlich zu. — Nein, darum handelt es sich nicht! Ich weiß schon, wieviel Arbeit und Mühe und auch Geist im heutigen Schulwesen drinnensteckt. Ich kann es durchaus einsehen. Aber die Menschen denken heute leider zu kurz. Man sieht nicht die Fäden zwischen dem, was Erziehung im Laufe der letzten Jahrhunderte geworden ist, und dem, was im sozialen Leben zerstörend, vernichtend, verheerend uns entgegenstürmt. Daß Anthroposophie weiß, welches die Bedingungen eines Kulturwachstums in die Zukunft hinein sind, dies allein zwingt sie, solche Methoden herauszuarbeiten, wie Sie sie auf pädagogischem Gebiete finden. Um die Menschheit handelt es sich, um die Möglichkeit, fortzuschreiten, nicht zurückzukommen.

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Damit ist auf der einen Seite charakterisiert, wie pädagogische Kunst in der anthroposophischen Bewegung drinnensteht, wie aber auf der andern Seite gerade dadurch, daß sie diese pädagogische Kunst in ihrer Mitte hat, die anthroposophische Bewegung wiederum Schwierigkeiten hat in der Öffentlichkeit des heutigen Lebens. Wenn daher einmal das vorliegt, daß immer mehr und mehr sich ein größerer Kreis findet, wie es hier der Fall ist, der auf das hören will, was Anthroposophie auf dem Gebiete der Pädagogik zu sagen hat, dann ist man, ich möchte sagen, dem Zeitgenius dafür dankbar, daß es möglich ist, über etwas zu sprechen, was einem so sehr auf dem Herzen liegt. Man kann ja immer nur einige Anregungen geben. Besonders in diesem Kursus konnte ich nur einige Anregungen geben. Und im Grunde genommen ist mit diesem Anregungengeben auch nicht allzuviel getan, denn unsere anthroposophische Pädagogik ist Erzieher- und Unterrichtspraxis. Sie lebt erst, wenn sie ausgeführt wird; denn sie will nichts anderes sein als Leben. Sie will im Grunde genommen nicht bezeichnet werden, sondern sie will erlebt werden. Deshalb versucht man, wenn man die Absicht hat anzuregen, was ins Leben übergeführt werden soll, alle mögliche Sprachkunst aufzuwenden, um gerade zu zeigen, wie anthroposophische pädagogische Kunst lebensvoll wirken will. Gewiß, das mag mir vielleicht in diesem Kursus sehr schlecht gelungen sein; aber ich habe es versucht. Und so ist gerade das Pädagogische schicksalsgemäß aus dem Anthroposophischen herausgewachsen. Viele Menschen leben heute noch in dem Anthroposophischen so, daß sie nur eine Weltanschauung für ihr Herz, für ihre Seele haben wollen, so eine Art religiöser Vertiefung für die Seele, und sie sehen es mit scheelen Augen an, daß Anthroposophie nach den verschiedenen Gebieten, dem künstlerischen, medizinischen, pädagogischen und so weiter ihre Kreise zieht. Aber man kann nicht anders, denn Anthroposophie will Leben sein. Sie will aus dem Leben heraus wirken und wiederum in das Leben hinein. Und wenn es ein wenig gelungen ist, gerade mit diesen Vorträgen über pädagogische Kunst, zu zeigen, wie Anthroposophie keine sektiererische Phantastik ist, sondern etwas, was gewissermaßen mit mathematischer Nüchternheit auftreten möchte sobald man ins Geistige hineinkommt, wird eben die mathematische Nüchternheit begeistert, denn Begeisterung ist ein Wort, das mit Geist zusammenhängt, und man kann gar nicht anders, als begeistert zu werden, auch wenn man ganz mathematisch nüchtern ist, wenn man vom Geiste zu reden und zu handeln hat; wenn also Anthroposophie heute noch von manchen wie eine Schwärmerei angesehen wird — man wird schon sehen, daß sie durchaus auf realen Grundlagen fußt: sie will im weitesten Sinne des Wortes Lebenspraxis sein. Und das kann man vielleicht auf solchem Gebiete, wie dem pädagogischen, heute noch am allerbesten zeigen.

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Ist es möglich gewesen, nach dieser Richtung hin mancher Seele, die hier war, einige Anregungen zu geben, so bin ich schon zufrieden. Und das beste Zusammenarbeiten wird sich dann ergeben, wenn im Zusammenwirken aller derer, die ein wenig angeregt worden sind, dasjenige eine lebenspraktische Fortsetzung findet, was diese Vorträge anregen wollten.

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Cite: GA 310/1924-07-24 · edition original