18. Mann und Weib im Lichte der Geisteswissenschaft

GA 68d/1908-02-03 · 1908-02-03 · original · 31 passages · 3541 words
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## GA 68d — 3 February 1908, Mannheim

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Unter den mancherlei geistigen Bestrebungen der Gegenwart, die derjenige, der sich dafür interessiert, in der Literatur oder sonst in der Welt findet, ist auch die theosophische, die man auch wohl die geisteswissenschaftliche nennen kann. Sie hat die Aufgabe, menschliches Denken, Fühlen und Empfinden in einer besonderen Weise zu bilden. Einer, der von dieser Weltanschauung in Artikeln und Büchern etwas liest oder sonst etwas darüber hört, der kann leicht ein Vorurteil dagegen gewinnen. Manch einer glaubt, Theosophie sei nichts als die Aufwärmung eines alten Aberglaubens, sie widerspreche jedem gesunden wissenschaftlichen Sinn. Andere kommen mit einer gewissen Furcht zur Theosophie, weil sie glauben, hinter dieser Geistesrichtung stecke etwas von Religionsstifterei, eine Sektenbildung. Andere glauben, Theosophie führe die Menschen hinweg vom praktischen Leben, führe sie in ein träumerisches, phantastisches Gebiet, entfremde sie der vollen Alltäglichkeit. Andere wieder glauben, Theosophie wolle eine morgenländische Religion hier einführen.

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Das heutige Thema mag Veranlassung geben, an der Hand der Betrachtung einer die Menschheit im weitesten Sinne interessierenden Frage zu zeigen, wie Theosophie imstande ist, die Frage auf einen höheren Gesichtspunkt zu heben, aber auch, die Mittel an die Hand zu geben zur Lösung der Frage. Damit ist etwas berührt, das im tiefsten Sinne des Herzens unsere Zeitgenossen in Anspruch nimmt. Die Theosophie kann sich nicht mischen in all das Fanatische, das gerade bei der Betrachtung solcher Fragen so oft entfaltet wird. Freilich könnte man glauben bei der Betrachtung solcher Fragen, dass Theosophie hinwegführt vom Leben. Aber wer so denkt, zieht eines nicht in Betracht, das ist, dass der Gesichtspunkt, der über dem parteimäßigen Getriebe steht, jeder Lebensstellung, jedem Standpunkt des Lebens gewachsen ist.

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Wir müssen ein wenig hinweisen auf das, was Theosophie ins Genauere will, was sie anstrebt. Ganz anders als andere geistige Bestrebungen will Theosophie wirken, anders durch ihren Inhalt, anders durch ihre Art und Weise, wie sie an die Menschen herantritt. Die Theosophie ruht auf zwei festen Säulen. Die eine dieser Säulen ist die, dass es hinter der äußeren physischen Welt, die nur für die äußeren Sinne wahrnehmbar ist, eine übersinnliche, geistige Welt gibt, und die andere der Säulen ist die, dass im Menschen schlummernde Fähigkeiten liegen, durch die er, wenn sie entwickelt werden, die geistige Welt kennenlernen kann. Wenn dieses ausgesprochen wird, so hören wir vielfach auf der einen Seite den Einwand, dass die Vorstellung einer übersinnlichen Welt einer kindlichen Vorstellungsweise angehöre, welche die Menschheit in früheren Zeitaltern gehabt habe, weil man noch nichts wusste von der wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit überhaupt. Heute aber, wo die Menschheit dazu gelangt ist, die Welt der Gesetzmäßigkeit zu durchdringen, gezieme es den Menschen nicht mehr, zu glauben an eine Welt übersinnlicher Tatsachen. Es braucht dagegen nur ein einfacher Vergleich angeführt zu werden. Man sagt so leicht heute, die Wissenschaft hat uns gezeigt, dass bis zu einem gewissen Grade der Mensch nicht braucht geistige Wesen, die ihm entgegentreten. Die Wissenschaft könne zwar noch nicht alles erklären, aber das Ideal sei doch, diese Welt zu durchdringen mit ihren Methoden und Werkzeugen.

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Die Theosophie hätte keine Aussicht, wirklich einzugreifen in das Geistesleben der Menschheit, wenn sie gegen die Tatsachen der Wissenschaft Front machen wollte. Wenn aber auch die Tatsachen der Wissenschaften wahr sind, so widerspricht das dem nicht, dass hinter diesen Tatsachen geistige Vorgänge stehen. Eine Uhr kann auf Grundlage mechanischer Vorgänge erklärt werden, aber ist deshalb, weil wir die Uhr aus sich selbst erklären können, der Uhrmacher entbehrlich, die geistige Potenz, die dahintersteht? Keine wissenschaftliche Erklärung kann die hinter den Erscheinungen steckenden geistigen Wesen erklärlich machen. Der Hinblick auf die geistigen Hintergründe, auf Übersinnliches in der Welt, kann durch keine wissenschaftliche Erklärung überflüssig werden.

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Auch der Einwand, das menschliche Erkenntnisvermögen reiche nicht aus, in die übersinnliche Welt einzudringen, kann nicht ernst genommen werden. In genau demselben Sinne spricht die Theosophie von einer übersinnlichen Welt, wie der große deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte im Jahre 1813 zu seinen Zuhörern sprach von einer geistigen Welt. Er sagte, die[se] Welt setze voraus ein ganz anderes Sinneswerkzeug. Dann vergleicht er die Erkenntnis der geistigen Welt mit der Welt von Farben und Licht, die dem Blindgeborenen unzugänglich ist, weil ihm das Organ dafür fehlt.

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Wir können das Beispiel Fichtes vom Blindgeborenen ausdehnen. Wir denken uns, ein Blindgeborener würde in diesem Raume operiert und würde plötzlich sehend. Eine neue, ihm bis dahin unbekannte Welt von Farben und Licht würde für ihn aufgehen. Nun sagt die Theosophie: Ebenso, wie hier eine neue Welt für den operierten Blindgeborenen auftritt, nachdem er das Organ dazu erhalten hat, ebenso ist es möglich, dass dem Menschen die Organe, die Goethe geistige Augen genannt hat, erweckt werden.

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Wenn wir heute Umschau halten in unserer Literatur, tritt uns etwas entgegen, was man nennen könnte den Man-Standpunkt oder den Wir-Standpunkt. Wie oft lesen wir da die Behauptung: Man kann erkennen, wir können erkennen, oder man kann das nicht wissen, wir können darüber nichts wissen et cetera, et cetera. Die Menschen merken nicht, welche tiefe Unlogik darinnen steckt, Derartiges zu behaupten. Ein jeder sollte logischerweise nur behaupten, dass er etwas auszusagen vermag über das, was er weiß. Über das, was vorhanden ist, entscheidet nur die Wahrnehmung, entscheidet nur das Erlebnis.

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Immer hat es unter den Menschen solche gegeben, die hineinschauen konnten in die geistigen Welten. Man nannte sie Eingeweihte oder Seher. Es gibt etwas, ein Erlebnis, was sich vergleichen lässt mit dem, was der Blindgeborene, wenn er glücklich operiert wird, erlebt, nur in viel großartigerer Weise, wo dem Menschen Organe erweckt werden für die geistigen Welten, die er dann selbst wahrnimmt. Zum Erforschen dieser geistigen Welten gehört Sehergabe, die Einweihung, die Erweckung.

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Wenn aber derjenige, der etwas weiß von den höheren Welten, die Tatsachen erzählt, dann kann sie jeder verstehen, der nur ein gesundes Wahrheitsgefühl mit sich bringt. Heute ist schon die Zahl derer groß, die aus geistiger Ahnung, aus gesundem Menschheitsgefühl, aus dem Wahrheitsgefühl erkennen die Wahrheit dieser theosophischen Weltanschauung. In diesem Sinne spricht Theosophie von den geistigen Welten, dass diese geistigen Welten rings um uns herum sind, wie Licht und Farbe und Glanz sind um den Blindgeborenen, der sie nur nicht sehen kann. Aus dieser geistigen Welt heraus sind die Tatsachen geschöpft, die der Seher heute der Welt mitteilt. Nichts von Agitation, nichts von irgendeinem Lehrberuf will der Theosoph sich hier sichern. Die Theosophie tritt nicht so der Welt entgegen wie manchmal eine Weltanschauung es tut, dass sie meint, der, welcher sie nicht einsehen kann, ist ein dummer Mensch, nein, der theosophische Forscher will nur Erzähler sein, und er ist sich klar darüber, dass es am besten ist, wenn er so wenig wie möglich Überredungskunst anwendet. Wer zur Theosophie überredet wird, hat für die Theosophie keinen Wert. Die Wahrheit muss aus der menschlichen Seele selbst entspringen. Wenn die Theosophie die Wahrheit bringt, muss eine jede Seele ihr zustimmen aus ihrem eigenen freien Entschluss heraus.

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Nach diesen Voraussetzungen wollen wir zuerst das Wesen des Menschen im Allgemeinen betrachten, um dann aus der geistigen Tatsachenwelt heraus das Wesen von Mann und Weib zu erkennen. Was die Sinne vom Menschen erkennen, ist nur ein Glied der menschlichen Wesenheit. Wenn wir dies anwenden auf Mann und Frau, dann können wir uns fragen: Erkennt denn das materialistische Denken alles an Mann und Frau? Könnte es denn bei ihnen nicht auch etwas Verborgenes geben, was äußerlich nicht beobachtet werden kann?

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Gerade bei einer solchen Frage muss uns die Lebenspraxis der theosophischen Weltanschauung vor Augen treten. Wer möchte leugnen, dass im letzten Jahrhundert die Erforschung der sinnlichen Dinge auf einen Höhepunkt gelangt ist, der auch von der theosophischen Weltanschauung nur bewundert werden muss? Aber lassen wir ein wenig Revue passieren, was diejenigen, die Anspruch machen auf wissenschaftliche Bildung, im letzten Jahrhundert, als Urteil aussprechen über das Verhältnis von Mann und Frau. Es sollen nur ein paar Urteile angeführt werden als Beispiel dafür, wozu man kommt, wenn man das Geistige nicht kennt.

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Ein Naturforscher sagte: Wenn wir alles bei der Frau in Erwägung ziehen, dann ist der Grundcharakter der Frau Sanftmütigkeit. — Ein anderer sagte: Wenn man alles weiß, was uns in der Frau entgegentritt, dann muss man das zusammendrängen in einem Wort — das ist Zornmütigkeit. — Ein anderer, ein Anthropologe, fasste seine Anschauung über die Frau zusammen in das Wort: Der Frau eignen die Ergebenheitsgefühle. — Ein anderer sagte: Wer die Frau wirklich versteht, der weiß, dass das Hervorstechendste im Frauencharakter die Herrschsucht ist. Ein anderer versucht, alles zusammenzudrängen in ein Wort: Die Frau bildet das konservative Element in der Menschheitsentwicklung. - Ein anderer sagt: Wer die Geschichte wirklich versteht, der wird finden, dass alles Revolutionäre von den Frauen ausgeht. - In der Philosophie nennt man ein solches Denken, dass alles zusammenfasst, einzelne Gesichtspunkte zusammennimmt, ein synthetisches Denken. Ein Philosoph sagt: Alles beschränkt sich bei der Frau auf das synthetische Denken. — Ein englischer Philosoph dagegen sagt: Die Frau besitzt nur das analytische Denken.

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Dies soll uns zeigen, wie viel Einklang und Sicherheit herrscht im Urteil der Wissenschaft. Diese sich widersprechenden Urteile können die Menschen nicht befriedigen. Aber die Menschen lechzen in Wirklichkeit nach den Antworten der Geisteswissenschaft auf die großen Fragen des Daseins. Es treten bei manchen heute schon gewichtige Ahnungen auf von dem, was hinter den äußeren Tatsachen steckt. Vor kurzer Zeit hat ein Buch eines jungen Mannes großes Aufsehen erregt: «Geschlecht und Charakter» von dem unglücklichen Weininger. In der Tat gibt es wesentlich gute naturwissenschaftliche Forschungen schon heute, die Weininger etwa tumultuarisch und dilettantenhaft herausgebracht hat. Eine merkwürdige Ansicht tritt uns da entgegen, die eine Ahnung vom Richtigen enthält. Weininger sagt: Eigentlich ist jedem Frauencharakter beigemischt etwas Männliches und jedem Manne etwas Weibliches. — Das ist eine Ahnung von etwas Richtigem, die sich allerdings ganz und gar dadurch verdorben hat, weil sie in eine materialistische Weltanschauung getaucht ist. Weininger unterscheidet eine männliche und eine weibliche Substanz, die in allen Menschen durcheinandergemischt sei. Er kommt da zu einem merkwürdigen Urteil über das Weibliche. Weininger charakterisiert das Weib genau so, dass er sagt: «Die Frau hat kein Ich, keine Individualität, keine Freiheit, keinen Charakter.» Er sieht aber in jeder Frau zur Hälfte das Männliche und in jedem Mann zur Hälfte das Weibliche. Es sind also diese Dinge bei allen untereinandergemischt. Wir sehen also, dass es hier zugeht wie bei Münchhausen, der sich selbst am Schopfe fasst; es ist eine Ansicht, die sich selber auflöst.

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Durch die Theosophie sehen wir, dass das, was beim Menschen die Sinne wahrnehmen, nur ein Teil des Menschen ist; es ist der physische Leib, den der Mensch gemeinschaftlich hat mit allen sichtbaren Wesen um uns her. Strenger als irgendeine Wissenschaft steht die Theosophie auf dem Boden, dass das, was der Mensch im physischen Leibe an Stoffen und Kräften hat, dasselbe ist wie die Stoffe und Kräfte der ganzen physischen Natur. Aber diese Stoffe und Kräfte sind im Menschen so zusammengesetzt, dass sie in sich selbst zerfallen würden, wenn sie sich selbst überlassen wären. Der Kristall erhält sich durch seine eigenen Stoffe und Kräfte. Aber im Menschen und in jedem Lebewesen lebt als zweites Glied seiner Wesenheit der Ätherleib oder Lebensleib. Was ist er? Er ist ein fortwährender Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Leibes. In dem Augenblick, wo der Mensch schreitet durch die Pforte des Todes, da ist der physische Leib den chemischen und physischen Stoffen und Kräften überlassen. Gemeinschaftlich mit allen Pflanzen und Tieren hat der Mensch das zweite Glied seiner Wesenheit, den Äther- oder Lebensleib.

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Aber es gibt noch ein drittes Glied der menschlichen Wesenheit, was die Geisteswissenschaft durch ihre Methoden erkennt. Viel näher als die Knochen, Muskeln und Nerven, die in der Haut des Menschen eingeschlossen sind, steht ihm eine Summe von Freude und Schmerz, Trieben, Begierden, Leidenschaften und Empfindungen, bis zu den höchsten Idealen. Den Träger alles dieses nennt die Geisteswissenschaft den Astralleib. Diesen Astralleib hat der Mensch nur noch gemeinschaftlich mit der tierischen Welt.

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Dann gibt es ein viertes Glied der menschlichen Wesenheit, wodurch der Mensch die Krone der Erdenschöpfung ist. Es gibt in der deutschen Sprache ein Wort, was der Mensch nur von sich selber sagen kann, was kein anderer zu ihm sagen kann. Zu dem Stuhl kann jeder «Stuhl» sagen, zu dem Tisch jeder «Tisch», aber eines kann jeder Mensch nur zu sich selbst sagen: Das ist das Wörtchen «Ich». Dieses ist etwas so Wichtiges, dass alle Schulpsychologie keine Ahnung hat von der Wichtigkeit dieser Tatsache. Zu mir kann von außen dieser Name nicht gesprochen werden wie der Name irgendeines anderen Dinges in der Welt. Jeder kann den Namen nur selbst aussprechen. Das ist das Besondere bei dem Namen, der mit dem Wörtchen «Ich» bezeichnet wird. Niemals kann der Name «Ich» an unser Ohr klingen, wenn er uns selbst bezeichnet. Das haben sinnige Naturen immer empfunden. Jean Paul erzählt, wie ihm zum ersten Mal als Kind der Gedanke aufgegangen ist: «Ich bin ein Ich». Er sagt, er habe da in das verhangenste Allerheiligste seines Wesens hineingeblickt. Alle Religionen, alle Weltanschauungen, die hineingeschaut haben in das Wesen der Dinge, haben die Gewichtigkeit dieser Tatsache eingesehen. Deshalb haben die Religionen diesen Namen genannt den unaussprechlichen Namen Gottes. Der Gott selbst lebt auf in der Seele, wenn der Mensch zu sich «Ich» sagt; Schauer von Ehrfurcht gingen durch die Versammlung der Hebräer, wenn der alttestamentliche Priester diesen Namen aussprach: «Ich bin in innerster Seele, der Ich bin, Jahve.»

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Leicht kann man der Theosophie vorwerfen: Da macht ihr ja den Menschen zu einem Gott. - Aber wer behauptet, dass der Tropfen, der aus dem Meere genommen ist, das Meer selbst sei, der sagt etwas Unsinniges. Der Tropfen ist nicht das Meer, aber er enthält Meeressubstanz. Wir machen daher das Ich des Menschen nicht zu einem Gott, sondern zu einem Tropfen oder Funken der göttlichen Wesenheit.

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Wenn dieses Ich arbeitet an den anderen Gliedern der menschlichen Wesenheit, dem Astralleib, Ätherleib und physischen Leib, so entstehen daraus höhere Glieder des Menschen. Durch das, was sich zusammendrängt in dem Mittelpunkt des Wesens, was die Seele befähigt, das Wort «Ich bin» aus des Menschen Brust ertönen zu lassen, das macht den Menschen zur Krone der anderen Wesenheiten.

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Betrachten wir nun den Zustand, in dem wir alle während der Nacht sind, den Schlafzustand. Man nennt den Schlaf auch den Bruder des Todes. Es geht mit allen Wahrheiten, die neu in die Welt treten, wie Voltaire sagt, wie mit den Gesandten gebildeter Staaten an den Höfen der Barbaren. Sie erwerben sich erst nach und nach Anerkennung. — Vergleichen wir den Tageszustand mit dem Zustand des Schlafes, wo alle Lust und alles Leid in ein unbestimmtes Dunkel versinken. Das rührt davon her, dass, wenn der Mensch einschläft, der Astralleib mit dem Ich herausgehoben ist aus dem Menschen. Die vier Glieder der menschlichen Natur sind getrennt im Schlafe in zwei und zwei. Im Tode ist es anders, da trennt sich nicht nur das Ich mit dem Astralleib, sondern auch noch der Ätheroder Lebensleib vom physischen Leibe. Der verlässt im Tode auch den physischen Leib, der dann Leichnam ist. Der Ätherleib oder Lebensleib ist der Kämpfer gegen den Verfall des physischen Leibes. In der Nacht ist herausgehoben das Ich mit dem Astralleibe. Worauf beruht es, dass der Mensch am Tage durch die Augen sicht, durch die Ohren hört? Augen und Ohren sind die Instrumente des Astralleibes. In dem Augenblick, wo der Mensch erwacht, da tauchen der Astralleib und das Ich unter in den Ätherleib und physischen Leib. Des Morgens, wenn er aufwacht aus dem Dunkel heraus, da erkennt er die Welt, die uns umgibt, in Form, Ton, Farbe, Glanz und Licht.

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Warum nimmt der Mensch die Welt nicht wahr während der Nacht, in der er während der Nacht lebt? Es ist heute schon für einzelne Menschen möglich, diese Welt wahrzunehmen, die eigentliche Heimat der Seele, in der sie in der Nacht lebt. Aus dieser Welt kehrt der Mensch am Morgen zurück in die physische Welt.

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Im alltäglichen Leben nimmt der Mensch sich so aus, dass sein Ich und das Glied seiner Wesenheit, welches der Träger ist von Lust und Leid, untertaucht in die zwei Hüllen, die ihm eine Summe von Instrumenten geben zum Wahrnehmen der physischen Welt. So erscheint uns der Mensch auch, wenn wir von diesem Gesichtspunkte ausgehend die Frage nach der Wesenheit von Mann und Weib betrachten. Wenn wir den Menschen betrachten, wie er vor uns steht, mit dem physischen Leib, Ätherund Astralleib und dem Ich, dann stellt sich für die Geisteswissenschaft die Sache so dar, dass der physische Leib nur nach außen die bestimmten Eigenschaften bei Mann und Weib hat. Der Ätherleib hat die polaren, entgegengesetzten Eigenschaften. Für den Mann hat der Ätherleib weibliche Eigenschaften; für die Frau hat der Ätherleib männliche Eigenschaften.

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Wenn wir gute Beobachter sind, sehen wir bei dem Manne, der für die sinnliche Anschauung männliche Eigenschaften zeigt, gerade auch entgegengesetzte Eigenschaften auftreten. Wenn bei der Frau die entsprechenden Eigenschaften sich zeigen, dann treten sie mit einem bestimmt männlichen Charakter auf. Weil bei jedem Manne im Ätherleib weibliche Eigenschaften sind und bei jeder Frau männliche Eigenschaften, so sind diese Bezeichnungen, «männlich», «weiblich», ihrer sinnlichen Bedeutung nach nicht erschöpfend. Wer glaubt, dass, wenn man den physischen Leib des Menschen kennt, man alles vom Menschen weiß, der wird es nicht erklären können, warum man bei der Frau bald Zornmütigkeit, bald Ergebenheit findet.

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Betrachten wir nun den ganzen Menschen, so sehen wir, dass das Geschlechtliche nur an den physischen und Ätherleib geknüpft ist, dass er es morgens beim Aufwachen ebenso als sein Werkzeug aufnimmt wie die übrigen Organe des physischen Leibes. Wir können hineinschauen in das Wesen des Menschen mithilfe der Geisteswissenschaft und sehen, wo das Geschlechtliche beginnt. Es ist nur vorhanden im physischen und Ätherleib. Es verlässt den Menschen während des Schlafes in der Nacht.

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In dem Moment, wo das Ich mit dem Astralleib den Menschen verlässt, verliert die Bezeichnung männlich und weiblich ganz und gar ihre Bedeutung. Da ist der Gegensatz, der sich in der physischen Welt abschattiert als männlich und weiblich, nicht vorhanden. In der geistigen Welt ist dieser Gegensatz der Gegensatz von Leben und Form, ja, von Leben und Tod. Wenn wir hinaufdringen in die geistigen Welten, so ist dieser Gegensatz fortwährend da, der Gegensatz des immer fortschreitenden Lebens und der fortwährenden Hemmung des Lebens; der sprießende Baum ist das eine und die Rinde oder Borke das andere.

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Wir können dies an einem Beispiel des künstlerischen Schaffens betrachten. Wir stellen uns vor die Juno Ludovisi, jenes wunderbare Frauenbild. In der wunderbar breiten Stirn, in dem eigentümlichen Ausdruck, in all dem, was an Flächenhaftigkeit im Antlitz dieser Juno sich findet, da prägt sich etwas aus, dass wir sagen müssen: In dieser Form ist der Geist ausgestaltet. Aber er ist ganz Form geworden. Alles ist ausgeflossen in die Form. Der Geist, der sonst fortströmt, das Leben, musste in einem Moment festgehalten werden. Das ist das eine Extrem des Daseins, wo die Form so fest wird, dass sie das Leben in einem Moment festhält. Das andere ist das plastische Kunstwerk, das in der Nähe dieser Juno Ludovisi steht, der Zeus, mit der eigentümlichen Stirn, dem eigentümlichen Munde. Es ist eine charakteristische Form, keine eigentlich schöne Form. Wir können uns sagen, das Leben ist noch darin; die Form kann zu jeder Zeit anders sein.

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Diese beiden Gegensätze des fortströmenden Lebens und des sich entfaltenden Lebens, das in der Form erstirbt, das sind in der höheren Welt das Männliche und Weibliche. Aus dem Weiblichen stammt die Form, die zur Plastik drängt; im Männlichen liegt die Form, die die Veränderung möglich macht. Da sehen wir, wie dasjenige, was uns bei Mann und Frau im Außen entgegentritt, ein Abbild des Übersinnlichen ist. Wenn das eingesehen werden wird, erst dann kann volles, durch keine Gegensätzlichkeit getrübtes Verständnis zwischen den beiden Geschlechtern auftreten. Dieses übergeschlechtliche Verständnis wird erst durch eine Anschauung gegeben wie die theosophische.

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Unsere bisherige Kultur ist eine Männerkultur. Warum sind wir in die heutige Wissenschaft hineingeraten, in der alles aus der äußeren Sinnesanschauung herrührt, aus dem passiven sich Hingeben an die äußere Erfahrung? Man verbietet heute den Menschen die eigene innere Geistigkeit. Das rührt daher, weil diese Kultur eine Männerkultur ist, weil die Wissenschaft so weiblich geworden ist. Es war das, was entstand durch den weiblichen Ätherleib des Mannes. In der Theosophie haben wir eine Weltanschauung. Wir müssen den starken Quell der Gewissheit in den inneren Fähigkeiten finden. Männlich ist die Theosophie. Und das Merkwürdige ist: Heute interessieren sich hauptsächlich Frauen für die Theosophie. Das liegt daran, dass die Frau einen aktiven männlichen Ätherleib hat. Auf einen höheren Boden will die Theosophie die Menschheit heben als den, auf dem gewöhnlich diese Fragen nach Mann und Weib verhandelt werden. Heute spricht man von diesen Fragen gewöhnlich nur von allerniedrigstem Standpunkt aus. Und das wird noch auf die Spitze getrieben werden, je mehr die sinnlichen Vorstellungen Einfluss gewinnen. Erlösung, Wahrheit kann auf diesem Gebiet nur die Theosophie den Menschen bringen. Echtes Zusammenwirken der Geschlechter wird sie herbeiführen.

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Wirkliche Einsicht, wirkliche Erkenntnis kann nur die Erhebung über das Alltägliche geben. Theosophie will sein ein Heilmittel für die menschliche Kultur. Bewährt und bewiesen ist sie, wenn sie den Menschen hilft. Im wirklichen Leben muss sich die Theosophie bewähren. Schiller drückt in schönen Worten jenes Hinaufheben des Menschen über das Alltägliche aus:

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> Nur der Körper eignet jenen Mächten, > Die das dunkle Schicksal flechten; > Aber frei von jeder Zeitgewalt, > Die Gespielin seliger Naturen > Wandelt oben in des Lichtes Fluren > Göttlich unter Göttern die Gestalt.

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