21. Das Gesundheitsfieber im Lichte der Geisteswissenschaft
## GA 68d — 27 February 1908, Munich
### 21. Das Gesundheitsfieber im Lichte der Geisteswissenschaft
Die gewöhnliche Volksmeinung ist, dass es so und so viele Krankheiten gebe, aber nur eine einzige Gesundheit. Dies ist aber eine unsinnige Meinung, denn in Wahrheit gibt es so viele Gesundheiten, als es Menschen gibt. Gesundheit ist nämlich etwas durchaus Individuelles und für jeden Menschen letztlich etwas anders. Man macht sich aber nur ein ganz allgemeines Bild von einem Gesunden, und was an diesem Bilde nicht stimmt, wird als Krankheit betrachtet. Man sollte darauf sehen, dass ein Mensch trotz der Abnormität der Krankheit das beste und bequemste Leben zu führen imstande wäre, so, als ob er jene Abnormität gar nicht hätte. Nicht aber soll man ihn zurückführen wollen auf jene allgemeine Schablone, die man sich irgendwie gestaltet hat und nun allem aufdrängen möchte.
Manche Menschen haben freilich eine gewisse Abnormität nötig. Damit ist zwar nicht gesagt, dass man nun den Krankheiten ihren Lauf lassen müsste. Wenn wir mit dem Begriff «Gesundheit» ernst machen wollen, müssen wir in aller Tiefe und Bedeutung einen anderen Begriff der Entwicklung berücksichtigen.
Tiere in ihren natürlichen Verhältnissen überessen sich niemals, wohl aber geschieht dies oft, wenn sie in die Zivilisation aufgenommen werden. In dieser Pflege ziehen sie sich mancherlei Krankheiten zu. Tiere bekommen auch gewisse Krankheiten, sobald sie in Gefangenschaft gelangen, während sie in der freien Wildnis nichts davon kannten. Gewisse Geisteskrankheiten sind geradezu Folgeerscheinungen der Kultur einer bestimmten Stufe.
Physikalisch und chemisch ist der tierische Leib eine unmögliche Mischung. Der Lebensleib ist daher zu ihrer Erhaltung ein notwendiges Glied. Der astralische Leib enthält die Ursachen für das, was im physischen und im ätherischen Leibe geschieht. Nur hat der astralische Leib im Tier keine so weit gespannte individuelle EntwickJungsmöglichkeit wie beim Menschen. Es besteht ein fest geschlossener Kreis von tierischen Trieben, Begierden und Leidenschaften. Das Tier passt völlig hinein in seine Verhältnisse, und zwar mit seinem physischen, ätherischen und astralischen Leib. Dem gefangenen Tier kann man bloß in Bezug auf physischen Leib und Ätherleib andere Verhältnisse beibringen, nicht aber vermag man, auf seinen Astralleib einzuwirken. Deshalb kann sich das Tier nicht in gesunder Weise in neue Verhältnisse eingliedern, weil dies vom Astralleib ausgehen müsste.
Auch beim Menschen haben tiefgreifende Veränderungen vom astralischen Körper auszugehen. Wenn wir gesund bleiben wollen beim Übergang von einfacheren Verhältnissen in kompliziertere, so müssen wir uns von innen heraus, vom Ich und vom Astralleibe her, zunächst jenen neuen Verhältnissen anpassen. Diese Anpassung ist eine Arbeit des Ichs am astralischen Leibe, und nur sie bringt Gesundheit auch im Ätherleibe und im physischen Körper.
Auf diese Entwicklung ist der Mensch durchaus angelegt bis in seinen physischen Leib hinein. Nicht irgendeine Erscheinung bedeutet in allen Naturreichen dasselbe, wie die materialistische Denkweise meint. So verhält es sich zum Beispiel mit der Knochenerweichung, der Rachitis. Der Mensch befindet sich mit allen seinen Teilen und Gliedern in einer fortschreitenden Entwicklung. Der Leib hat sich aus ganz anderen, früheren Formen zu seiner jetzigen Gestalt entwickelt. Das Ich und der Astralleib werden weiterhin den menschlichen Organismus umbilden. In seinem Knochensystem muss der Mensch immer noch die Möglichkeit der Erweichung erhalten, damit er sich auch da weiterentwickeln kann. Im Menschen sind einerseits Erweichungs-, andererseits Verhärtungstendenzen vorhanden, damit er nicht in einem stationären Zustande bleiben muss. Der innere Mensch, sein Ich und der von diesem richtig gelenkte astralische Leib müssen derartige Umbildungen dirigieren. Rachitis ist eine verfrühte Umbildung der Knochen, weil sie vom Ich nicht richtig geleitet wird.
In das Gebiet der Krankheits-Dispositionen muss die Geisteswissenschaft eingreifen, hier die Medizin korrigieren und in die richtige Bahn lenken. Jeder Mensch hat seinen bestimmten Platz im Dasein und muss dementsprechend seine Organe in seiner individuellen Weise umbilden für seine persönliche Gesundheit.
Paracelsus hat diesbezüglich tiefe Wahrheiten gelehrt und ist damit seiner Zeit weit vorangeeilt. Gesundheit, meinte er, sei eine durchaus individuelle Angelegenheit und könne nicht in irgendwelcher schablonenmäßigen Art betrachtet und korrigiert werden, wenn eine Störung sich geltend macht.
Welchen Maßstab nimmt nun das Ich zur Erhaltung der Gesundheit? Empirisch studieren lässt sich dies nicht. Es handelt sich darum, dass der richtige Maßstab für die Gesundheit erkannt wird in dem in sich harmonischen Behagen, in der Lust am Dasein, in der ungetrübten und ungestörten Lebensfreude. Diese Gefühlsstimmung des Behagens ist viel mehr wert als alles äußerliche Salben und sich von der Sonne bräunen lassen. Wo man seine Freude an Blumen, an Bäumen, am Sonnenschein hat, wo seine Lebenslust erhöht wird, seine Liebe zum Leben sich stärkt, da bleibt man gesund oder kann gestörte Gesundheit wieder ins Gleichgewicht bringen. Die gesunde Seele schafft auch einen gesunden Leib. Durch äußerliche Mixturen und Prozeduren kann man den Menschen im Gegenteil um seine Gesundheit bringen. Es kommt also in erster Linie auf die Gesunderhaltung der Seele an. «Mens sana in corpore sano!»
Hiermit wird erst dieser Spruch richtig verstanden. Aus einem gesunden Körper kann man auch auf eine gesunde Seele schließen. Hingegen kann niemals durch äußere Umbildung des Körpers eine gesundere Seele erzeugt werden.
Wie aber verträgt sich diese Einstellung mit der Lehre von der Askese, wie man sie etwa der Theosophie vorwirft? Die Theosophie wird ganz falsch verstanden, wenn man meint, sie predige die Kasteiung. Der Theosoph kasteit sich nicht; im Gegenteil, er würde sich kasteien, wenn er all den gesellschaftlichen Rummel mitmachen müsste, zum Beispiel sich zum Diner setzen oder ins Tingeltangel gehen. Vor der richtig verstandenen Theosophie ist es Unsinn zu sagen, es werde dem Menschen dies und das vorgeschrieben, dass er so oder so leben müsse. Die Theosophie hat in diesem Sinne keine Dogmen und keine Agitation für den Vegetarismus. Indessen kommen einzelne Theosophen durch ihre Gefühle und Empfindungen dazu, kein Fleisch zu essen.
Für andere freilich ist es noch eine Notwendigkeit, Fleisch zu essen. Es kann einer auch dazu kommen, in noch höherem Sinne die Ansicht zu haben, kein Fleisch mehr zu essen. Ein Arzt, der gar kein Theosoph war, antwortete auf die Frage, warum er kein Fleisch esse, dass ihm einfach davor ekle, gerade wie den meisten Leuten ekelt, Katzen- oder Pferdefleisch essen zu sollen. Für denjenigen, welcher in der geistigen Entwicklung vorwärtskommt, stellt sich ganz von selbst die Lust zu verschiedenen Dingen nicht mehr ein. Der Instinkt für gewisse Nahrungsmittel hat sich bei ihm eben geändert. Wer noch am Tingeltangel hängt, den muss man eben dort belassen, und wer keine Lust daran hat, der soll auch nicht hingehen. Die Veredlung der Triebe und Begierden ist es, welche die physischen Organe gesund erhält und gesund macht.
So will die geisteswissenschaftliche Weltanschauung dem Menschen etwas geben, dass er den astralischen Leib so lenken kann, dass dieser in Harmonie kommt mit dem Gesetz der fortschreitenden Menschheit. Nicht bloß im Erkennen bleibt man gelegentlich stehen, sondern auch im Erleben seines Lebens.
Das Ich vieler Menschen folgt häufig den Irrlichtern und erzeugt so den Egoismus, den Geist der Lüge und des Irrtums, erzeugt so die irrenden Temperamente und Leidenschaften. Wenn das Ich nicht mit der Weltenordnung in Harmonie steht, so irrt es eben unstet umher und folgt allen auftretenden Irrlichtern. Es ist wichtig, sich bekannt zu machen mit den irrenden Temperamenten und Charaktereigenschaften. Wenige Menschen der heutigen Zeit können mehr ganz aufrichtig und wahrheitsliebend sein. Dieser Mangel aber erzeugt Krankheit und Siechtum. Einzelnen ist deshalb in mancher Beziehung nicht mehr zu helfen, weil sie in zu sehr komplizierten Zusammenhängen mit Gemeinschaften verfangen sind, sodass sie sich nicht daraus zu lösen vermögen. Oft liegen nämlich in einer Gemeinschaft, wo Kranke neben Gesunden weilen, die eigentlichen Krankheitsursachen bei den Gesunden und nicht bei den Kranken. Und die empfänglicheren Naturen nehmen diese Krankheiten in sich auf, welche im Grunde die starken Naturen verschuldet haben. Das Sich-gesund-Erhalten ist also eine Pflicht gegenüber allen Mitmenschen. Manch einer trägt eine Krankheit von dem Nebenmenschen in sich, ohne dass er die Ursache dieser Krankheit in sich verschuldet hat.
Durch die Gesunderhaltung unseres Ichs ist die Möglichkeit gegeben, sich in Einklang zu bringen mit den großen Weltgesetzen und damit eigene und fremde Krankheiten zum Verschwinden zu bringen. Dazu bedarf es aber eines richtigen Zusammenarbeitens zwischen den Menschen. Einzig darin liegt die Möglichkeit, eine allgemeine Gesundheit zu garantieren.
Kurzsichtigkeit zum Beispiel beruht darauf, dass in unserem gegenwärtigen Erziehungssystem das Auge sich zu viel passiv verhalten muss, dass es immer nur von außen Eindrücke erhält, nicht aber von der Seele her veranlasst wird zum Schauen und Betrachten in der freien Natur draußen, wo es nahe und ferne Gegenstände zu schen gibt. Diese Anpassung muss durch die Seele bewirkt werden. Wo dies nicht geschieht, da verliert eben das Auge seine Fähigkeit der Anpassung.
Eine Weltanschauung, welche sich alles von außen diktieren lässt, ist in höchstem Grade ungesund, hingegen eine solche, die von innen heraus antreibt und schaffend wirkt, ist eine wahrhaft gesunde Weltanschauung. Die stets nur von außen erfolgende Aufnahme von Eindrücken bewirkt dasselbe, was wir vom Auge als Kurzsichtigkeit geschildert haben.
In aufschließender Liebe muss man sich seine Weltanschauung bilden. Unsere heutigen Bücher sind vielfach so geschrieben, dass die Wahrheiten den Leuten gleichsam in den Mund geschmiert werden. Jene Bücher jedoch, an denen man lange studieren und nachdenken muss, um ihren Inhalt zu erfassen, das sind die wahrhaft guten Bücher in theosophischem Sinne. Sie sind so angelegt, dass durch sie die innere Produktivität angeregt wird.
Für die Kinder kann man in der Schulstube die Pflanzen zerlegen, draußen in der Natur aber soll man den jungen Leuten die ganze lebendige Natur dem Gemüte näherbringen. Da wäre ein Analysieren und Zerstören unangebracht. Die Liebe, in welcher Form sie immer auftrete, wirkt gesundend auf den Menschen, weil sie edle Gefühle produziert und etwas aus sich heraus gibt. Gesund ist auch das Produzieren in Kunst und Wissenschaft oder in ähnlichem Verhalten. Alles, was den Menschen zur Selbsttätigkeit anregt, das ist gesund. Die Theosophie will in den Menschen das innere Gefühlsleben veredeln und harmonisch gestalten, indem sie ihnen die Entwicklungen in der Außenwelt aufzeigt und auf die darin waltende Harmonie hinweist. Das macht unseren Geist produktiv und erzeugt Gesundheit in Seele und Leib. Eine solche Weltanschauung macht den Menschen geeignet, gegen alles Äußere in seinem Innern Gegengewichte zu bilden, mit denen er sich wappnet gegen Hypochondrie und Hysterie. Wo dieser feste Punkt im Innern entwickelt wird, da ist der Mensch dann gefestigt für jede äußere Lage. Er kann sich dann auch der Lust überlassen, ohne dass er dabei zu Schaden kommt. Sie wird ihm ein Ausfluss tiefer und wahrster Gesundheit.
Wenn die Theosophie so ins Leben eingeführt wird, so bewährt sie sich in unserem Leben, und damit ist dann auch ihre Berechtigung bewiesen, ohne dass Einwände dagegen logisch widerlegt zu werden brauchen.