Siebenter Vortrag
## GA 343 — Dornach
### Siebenter Vortrag
> Emil Bock eröffnet die Diskussionsstunde und formuliert folgende Fragen: > 1. Wie kann man aus der heute vormittag beschriebenen sprachbildenden Kraft heraus, in die man irgendwie ja doch den Zugang suchen muß, auch eine neue Technik des Sprechens und vielleicht auch eine neue Technik der Geste und des Gestaltens überhaupt bekommen? > 2. Wie kommen wir tatsächlich jetzt real gesprochen zu einem neuen Bibelverständnis, zu einem neuen Bibeltext? Ferner bitten wir Herrn Dr. Steiner, gelegentlich etwas genauer zu besprechen zwei Kapitel aus den synoptischen Evangelien, Matthäus 13 und Markus 13. > 3. Was steht für eine Realität hinter der apostolischen Sukzession, der Tradition und der Priesterweihe im technischen Sinn, und wie ist etwa in Zukunft eine solche Realität wieder zugänglich zu machen?
Rudolf Steiner: Nun, bezüglich der ersten Frage: Sie werden schon gesehen haben, meine lieben Freunde, aus dem, was ich heute morgen gesagt habe, daß gesucht werden muß in der Veranschaulichung der auf das Übersinnliche bezüglichen Seeleninhalte auch dasjenige, was auf den Weg zur sprachbildenden Kraft führt. Sprachbildende Kraft: Wir haben heute eigentlich kein direktes Lautverständnis mehr, wir haben im Grunde genommen nurmehr ein solches Verständnis für die Worte, daß unsere Worte Zeichen bleiben. Nun muß ja der Mensch natürlich von demjenigen ausgehen, was, möchte ich sagen, das Geistesmilieu seiner Zeit ist. Es muß also der Mensch aus der gegenwärtigen Zeit gerade für solche intimen Dinge von dem ausgehen, was gegenwärtig vorhanden ist. Gerade eine solche Frage aber bringt natürlich zunächst auf Gebiete, die in das rein Technische hineinführen. Zunächst hat man nötig, das Verständnis für den Laut wiederum in sich rege zu machen. Man kommt nicht leicht zu einem freien Gebrauch der Sprache, wenn man nicht den Laut als solchen in sich rege macht. Ich möchte so vorgehen, daß ich Sie vielleicht zunächst auf gewisse Beispiele aufmerksam mache.
Sehen Sie, wenn wir im Deutschen sagen «Kopf», dann haben wir ja heute im Bewußtsein kaum etwas anderes, als daß wir die Gesamtperzeption, die wir durch das Ohr bekommen, nun eben auf den menschlichen Kopf beziehen. Wenn wir sagen «Fuß», haben wir kaum etwas anderes, als daß wir den Toninhalt, den Lautinhalt empfinden und beziehen auf irgendeinen Fuß. Nun brauchen wir ja nur, sagen wir, zu den romanischen Sprachen zu gehen, Kopf ist testa, tete, Fuß ist pedum, pied, da haben wir sogleich das Gefühl, daß da die Bezeichnung von etwas ganz anderem her genommen ist. Wenn wir das deutsche Wort «Kopf» aussprechen, so ist diese Bezeichnung von der Form her genommen, vom Anschauen der Form. Wir sind uns dessen heute nicht mehr bewußt, aber es ist doch so. Wenn wir sagen «Fuß», so ist das hergenommen vom Gehen, wo Furchen gezogen sind im Boden. Es ist also aus einem ganz gewissen Seeleninhalt heraus immer dasjenige zustandegekommen, was im Wort geprägt ist. Wenn wir eine Wortbildung wie, sagen wir, «Testament» nehmen und alle anderen Wortbildungen, die mit der romanischen Bezeichnung für Kopf, testa, zusammenhängen, so werden wir fühlen, daß die Bezeichnung «Kopf» im Romanischen hervorgeht aus dem Bekräftigen, also nicht aus der Bezeichnung der Form, sondern aus dem durch die menschliche Seele mit Hilfe des Kopfes, und zwar speziell der Mundwerkzeuge Bewirkten. «Pied» ist nicht vom Gehen, vom Furchenziehen, hergenommen, sondern es ist hergenommen vom Stehen, vom Aufdrücken im Stehen. Wir beurteilen heute gar nicht mehr die Motive, welche aus dem Seelischen heraus zur Sprachbildung führen. Wir können nur dann zu dem kommen, was man im echten Sinne ein Sprachgefühl nennen kann, wenn wir Wege einschlagen, die die Sprache viel gegenständlicher machen, als sie heute in ihrem abstrakten Zustande zumeist ist. Wenn heute jemand in der Terminologie lateinische Ausdrücke gebraucht, so sind bei manchem allerdings die lateinischen Ausdrücke noch gegenständlicher, bei manchem aber bezeichnen sie noch mehr. Zum Beispiel wird heute kaum klar empfunden der Zusammenhang zwischen «Substanz» und «subsistieren», weil der Begriff «subsistieren» im Grunde genommen ganz verlorengegangen ist. Von dem Vater-Gotte würde derjenige, der das ursprüngliche Gefühl der Substanz und des Subsistierens noch hatte, nicht gesagt haben: der Vater-Gott «existiert», sondern er «subsistiert».
Gerade das Verfolgen der Sprachen in dieser Weise und in einer anderen Weise, die ich gleich erwähnen will, führt dazu, wiederum ein lebendiges Sprachgefühl zu entwickeln, und das führt dann zu dem, was ich nennen möchte ein Sprachgewissen. Wir brauchen ein Sprachgewissen. Wir reden ja heute wirklich nur so drauflos, indem wir uns als Menschen der Sprache gegenüber mehr zu Automaten machen als zu einem lebenden Wesen. Ehe wir nicht dazu kommen, die Sprache so lebendig mit uns zu verbinden, wie unsere Haut mit uns verbunden ist, eher werden wir nicht zum richtigen Symbolisieren kommen. Die Haut tut Ihnen weh, wenn Sie gestochen werden. Die Sprache hält man durchaus auch dann aus, wenn sie malträtiert wird. Man muß gegenüber der Sprache eben dieses Gefühl bekommen, daß sie malträtiert werden kann, weil sie ein in sich geschlossener Organismus ist wie unsere Haut. Wir können uns dadurch viel erwerben nach dieser Richtung, daß wir uns ein lebendiges Empfinden aneignen für den einen oder anderen Dialekt. Sehen Sie, wir haben hier des öfteren Weihnachtsspiele aufgeführt, und in diesen Weihnachtsspielen kommt auch der Satz eines Wirtes vor oder ein Satz, den mehrere Wirte aussprechen. Als Josef und Maria nach Bethlehem gehen und Herberge suchen, da werden sie zurückgestoßen von drei Wirten, und jeder der drei Wirte sagt: I als a wirt von meiner gstalt, hab in mein haus und logament gwalt. — Ja, was stellt sich der heutige Mensch da vor? Er versteht: Ich als ein Wirt von meiner Gestalt - und wird etwa denken, der Wirt sagt, er sei ein schöner Mann oder so irgend etwas, oder ein kräftiger Mann, der hat Gewalt in seiner Herberge, in seinem Haus. Das ist durchaus nicht gemeint. Wollten wir es ins Hochdeutsche übersetzen, müßten wir sagen: Ich als ein Wirt, der so gestellt ist, daß er reichlichen Zuspruch hat, der ist nicht angewiesen darauf, daß solche armen Leute ein Logament bei ihm finden; es heißt: Ich als ein Wirt in meiner sozialen Position, von meinem Gestelltsein. Das zeigt Ihnen, daß es notwendig ist, nicht bloß auf das hinzuhorchen, was man eben heute vielfach in der Sprache hört, sondern zugleich schon auf den Geist der Sprache einzugehen. Wir sagen im Hochdeutschen «Blitz». In der Steiermark heißt eine gewisse Form des Blitzes «Himmlatzer». In dem Wort «Blitz» haben Sie etwas ganz anderes gemeint als in dem Wort «Himmlatzer».
Sie kommen dazu, aufmerksam zu sein auf verschiedene Dinge, wenn Sie sich dieses Sprachgefühl aneignen. Sehen Sie, solches Sichaneignen von Sprachgefühl führt zuweilen noch zu etwas außerordentlich Wichtigem. Goethe hat einmal im späten Alter, ich glaube dem Kanzler von Müller, einen Satz gesagt, der viel zitiert worden ist und der viel gebraucht worden ist, um die ganze Entstehungsweise des «Faust» bei Goethe zu erklären. Goethe hat gesagt, daß ihm die Konzeption des «Faust» vor 60 Jahren «von vorne herein» klar war, die weiteren Partien weniger ausführlich. Nun ist Kommentar auf Kommentar geschrieben worden, und auf diesen Satz hat man sich fast immer berufen, denn er ist ja psychologisch außerordentlich wichtig, und die Kommentatoren haben immer folgendes verstanden: Goethe hätte gewissermaßen von vornherein eine Art Plan für den «Faust» gehabt und hätte seine sechzig Jahre Leben - seit seinen Zwanziger- oder Achtzehnerjahren ungefähr — dazu verwendet, diesen «von vorne herein» vorhandenen Plan auszuarbeiten. Ich lernte in Weimar August Fresenius kennen, der zuerst beklagte, daß dieses große Unheil, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, in die ganze Goethe-Forschung eingezogen war, und ich habe dazumal den sonst außerordentlich bedächtigen und langsamen Philologen dazu veranlaßt, so schnell als möglich die Sache zu veröffentlichen, damit es nicht so fortgeht, sonst hätte man noch ein paar Dutzend solcher Goethe-Kommentare bekommen. Es handelt sich darum, daß Goethe den Ausdruck «von vorne herein» nie anders gebrauchte als anschaulich, nicht im Sinne von «a priori», sondern «von vorne herein» in ganz anschaulicher Weise, so daß man strikte nachweisen konnte, daß Goethe nicht einen Gesamtplan hatte, sondern nur «von vorne herein», nur die ersten Seiten hingeschrieben hatte, von den weiteren Partien nur einzelne Sätze. Von einem Gesamtplan kann gar nicht die Rede sein. Es hängt sehr viel davon ab, daß man ein Wort richtig empfindet. Viele Menschen haben, wenn das Wort «von vornherein» ausgesprochen wird, überhaupt nicht mehr das Gewissen, daran zu denken, daß «vornherein» ein «vorn» und ein «herein» enthält, und daß man etwas im Geiste sehen sollte, wenn man es ausspricht. Dieses Nicht-das-Wort-einfach-Entlassen ohne Anschauung, das ist etwas, worauf ungeheuer viel ankommt, wenn man zu einer symbolisierenden Sprachweise kommen will. Und gerade nach dieser Richtung wäre ja außerordentlich viel zu sagen.
Sehen Sie, wir haben ja diese merkwürdige Erscheinung der Fritz Mauthnerschen Sprachkritik, wo alles Wissen und alles Erkennen in Frage gestellt wird, weil alles Wissen und alles Erkennen sich in der Sprache ausdrückt, und weil Fritz Mauthner in der Sprache nichts mehr findet, was auf irgendeine Realität hindeutet.
Wie herb ist es beurteilt worden, daß ich in meiner kleinen Schrift «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» den Satz ausgesprochen habe, daß früher alles Vokalisieren darauf ausging, das innere Erleben des Menschen zu bezeichnen, und alles Konsonantisieren darauf ausging, die äußeren Vorgänge, die man sieht oder sonst wahrnimmt, nachzubilden; immer dasjenige, was der Mensch perzipiert, drückt sich im Konsonantischen aus, und im Vokalisieren die inneren Erlebnisse, Gefühle, Emotionen und dergleichen. Damit hängt dann die eigentümliche Art und Weise zusammen, wie im Hebräischen der Konsonant verschieden vom Vokal in der Schrift behandelt wird. Damit hängt es auch zusammen, daß in Gegenden, in denen primitivere Völker wohnen, die kein stark entwickeltes Innenleben haben, vorzugsweise konsonantisierte Sprachen auftreten, nicht Vokalsprachen. Das geht sehr weit, diese Art und Weise des In-den-Konsonanten-Gehens der Sprache. Man denke nur, was afrikanische Sprachen an Konsonanten bis zu Schnalzlauten haben.
Sehen Sie, so kommt man dahinter, ein Verständnis zu gewinnen für dasjenige, was in der Sprache lautet. Man wird über das bloße Zeichen, das ja das Wort heute ist, hinausgeführt. Denn nur bei dem heutigen Sprachgefühl kann man das glauben, was Fritz Mauthner glaubt, daß alles Erkennen eigentlich auf der Sprache beruhe und die Sprache keinen Zusammenhang habe mit irgendeiner Realität. Nun kann man schon sehr viel dadurch erreichen, daß man gerade für diejenige Sprache, die man selber spricht, versucht, bis zum Mundartlichen zurückzugehen. Im Mundartlichen findet man noch sehr, sehr viel, wenn man sich dann wirklich etwas als Mensch benimmt, das heißt eingeht auf dasjenige, was man fühlen kann an der Sprache. Im Mundartlichen hat man noch reichlich Gelegenheit, das Sprachliche zu fühlen und zu empfinden im Lauten, aber auch in der Anlehnung an das Anschauliche, und man muß das soweit treiben, daß man wirklich, ich möchte sagen, in eine Art von Entsagungszustand kommt in bezug auf Ausdrücke, die nun ganz und gar abgesondert vom menschlichen Erleben irgend etwas ausdrücken sollen. Etwas, was unser Sprachgefühl gründlich ruiniert, ist die Physik, und in der Physik, so wie sie heute ist, wo bloß angestrebt wird, objektive Vorgänge zu studieren und abzusehen von allem subjektiven Erleben, da sollte überhaupt nicht mehr gesprochen werden. Denn wenn Sie in der Physik davon sprechen, daß ein Körper den anderen stößt, wie zum Beispiel in der Elastizitätslehre, dann anthropomorphisieren Sie, denn eine Erfahrung vom Stoßen, sobald Sie ein Lautgefühl haben, haben Sie nur von dem Stoßen, das Ihre eigene Hand ausführt. Dann vor allen Dingen im S-Laut hat man durchaus ein Gefühl, das nicht anders bezeichnet werden kann als etwa so (es wird an die Tafel gezeichnet: Wellenlinie). Nun hat das Wort «Stoß» zwei S, am Anfang und am Ende; das gibt dem ganzen Worte seine Färbung, so daß derjenige, der das Wort «Stoß» oder «stoßen» ausspricht, nun tatsächlich sich so fühlen muß, wie wenn sein Ätherleib gehen würde, aber nicht nur gehen, nach vorn drängen würde und fortwährend aufgehalten wäre.

Also es gibt schon Methoden, durch die man zur sprachbildenden Kraft kommt, die dann nicht mehr weit ist vom Symbolisieren, denn das Symbolum muß man eben auf diese Weise erhaschen, daß man die Sprache als lebendigen Organismus erlebt, daß man an der Sprache viel erlebt. Gewisse Dinge der Sprache, so sagte mir neulich jemand, brauchen nur ausgesprochen zu werden, und man ist überrascht, wie sie sich zeigen wie selbstverständlich. Die Griechen haben im Hexameter rezitiert. Warum? Ja, weil der Hexameter ein Erlebnis im Menschen ist. Der Mensch bringt die Sprache hervor, indem er, wie ich schon gesagt habe, seiner Atmung etwas einverleibt. Aber die Atmung hängt innig zusammen mit einem anderen Element des rhythmischen Menschen, mit dem Pulsschlag, mit der Blutzirkulation. Im Durchschnitt, natürlich nicht absolut, haben wir 18 Atemzüge und 72 Pulsschläge. 72 ist 4 mal 18. Viermal 18 Pulsschläge, das gibt einen Rhythmus, ein Zusammenschlagen im Innern. Und in einer Zeit, in der man noch ursprünglicher, noch elementarer gespürt hat, was im Innern vorgeht, empfand man, wenn es einem gelingt, im Sprechen ein solches Verhältnis herzustellen, wie es der Pulsschlag gibt im Verhältnis zum Atemzug, daß dann der Vollmensch sich ausspricht. Und dieses Verhältnis, nicht das absolute Zeitmaß, dieses Verhältnis kann herbeigeführt werden, die Zäsur muß man nur dazurechnen als vierten Fuß (Tafel 3, links oben), dann haben Sie in der griechischen Hexameter-Halbzeile das Verhältnis von 4 zu 1 wie im Pulsschlag zum Atemrhythmus. Aus der menschlichen Struktur heraus ist der Hexameter geboren, und andere Versmaße sind durchaus in ähnlicher Weise aus dem rhythmischen Menschen heraus geboren. Man kann schon, wenn die Sprache künstlerisch behandelt wird, auch fühlen, wie bei der wirklich künstlerischen Behandlung der Sprache der Mensch in der Sprache lebt. Das gibt die Möglichkeit, ein viel innigeres Verhältnis zur Sprache zu bekommen, aber auch ein viel objektiveres. Die verschiedenen chauvinistischen Gefühle im Verhältnis zur Sprache hören auf, weil die Konfigurationen der verschiedenen Sprachen aufhören und man für das Allgemeine des Lautens ein Ohr bekommt. Das sind solche Dinge, die auf dem Wege liegen zu einer Erlangung sprachbildender Kraft. Das führt aber zuletzt dahin, sich selber zu hören, wenn man spricht. Das ist eigentlich in gewisser Beziehung schwierig, aber es kann sogar unterstützt werden. Mir scheint, aus verschiedenen Gründen heraus, daß für denjenigen, der durch das Wort aufzutreten hat, auch notwendig ist, die Schrift nicht so zu behandeln, wie sie heute von vielen behandelt wird. Sie werden gleich sehen, warum ich dies sage.
In bezug auf das Schreiben gibt es zweierlei Menschen. Die Majorität lernt schreiben wie eine Art von gewohnheitsmäßigem Hinpfahlen der Worte. Man ist gewöhnt, die Hände in einer gewissen Weise zu bewegen und schreibt so; das ist die Majorität. Der Schreibunterricht wird sogar sehr häufig so erteilt, daß man dazu kommt. Die Minorität schreibt eigentlich nicht in diesem Sinne in Wirklichkeit, sondern sie zeichnet (es wird an die Tafel geschrieben: Kann). Sie schaut zugleich beim Zeichnen die Buchstaben an, die hingeschrieben werden, es ist eine künstlerische Behandlung des Schreibens, es ist ein viel innigeres Dabeisein. Ich habe Menschen kennengelernt, die sind zum Schreiben förmlich dressiert worden. Da war zum Beispiel einmal eine Schreibmethode, die bestand darin, daß die Menschen vollständig dressiert worden sind, Kreise, Kurven zu machen, zu drehen, um dieses Gelenkgefühl zu bekommen, und dann mußten sie daraus die Buchstaben formen; sie konnten dann auch nur in dieser Weise aus diesen Kurven heraus die Buchstaben zustandekriegen. Bei einer großen Anzahl davon habe ich dann gesehen, daß sie überhaupt, bevor sie anfingen zu schreiben, Bewegungen in der Luft machten mit der Feder. Das ist dasjenige, was das Schreiben in das Unbewußte des Körpers hineinholt. Nun geht aber unsere Sprache aus dem ganzen Menschen hervor, und wenn man sich durch das Schreiben verdirbt, verdirbt man sich auch für die Sprache. So daß gerade derjenige, der darauf angewiesen ist, die Sprache zu handhaben, eigentlich schon an diese Reflexion sich gewöhnen sollte, nicht nur aus der Hand heraus sein Schreiben fließen zu lassen, sondern es anzuschauen, es richtig anzuschauen, wenn er schreibt.
Das ist nun aber etwas, meine lieben Freunde, was in unserer gegenwärtigen Kultur ein Außerordentliches bedeutet. Denn wir sind ja überhaupt auf dem Wege, uns zu entmenschen. Ich habe schon eine große Anzahl von Briefen bekommen, die nicht mit der Feder geschrieben sind, sondern mit der Schreibmaschine. Nun denken Sie sich, was das anderes ist, wenn man einen Brief mit der Schreibmaschine geschrieben bekommt statt mit der Feder. Ich agitiere nicht gegen die Schreibmaschine, ich betrachte sie als eine selbstverständliche Notwendigkeit der Zivilisation, aber wir brauchen den Gegenpol doch auch. Indem wir uns in dieser Weise entmenschen, indem wir den Zusammenhang mit der Außenwelt auf diese Weise absolut in ein Mechanistisches, in ein Totes verwandeln, müssen wir dafür wiederum Lebenskraft in uns aufnehmen. Wir brauchen heute stärkere Lebenskräfte als in der Zeit, in welcher man von der Schreibmaschine noch nichts wußte.
Also derjenige, der das Wort handhaben soll, sollte sich auch ein gewisses Verständnis aneignen für das fortwährende Anschauen, während er schreibt, daß es ihm auch gefällt, was er schreibt, daß er einen Eindruck hat, daß die Sache nicht bloß ein aus dem Subjekt Hinausgeflossenes ist, sondern etwas, was man zu gleicher Zeit anschaut, so daß die gesamte Sache in einem lebt. Meistens liegen eben die Dinge, die man braucht, um irgendeine Fähigkeit auszubilden, nicht auf einem direkten, sondern auf einem indirekten Weg. Und ich mußte diesen Weg sagen, weil ich gefragt wurde, wie man zu einer Ausgestaltung der sprachbildenden Kraft kommt. Denn auf diesem Wege, von dem ich gesprochen habe, liegt die Sache zunächst. Ich betone nur nebenbei, die Sprache stammt aus dem gesamten Menschen, und je mehr der Mensch die Sprache noch fühlt, desto mehr bewegt er sich beim Sprechen. Es ist merkwürdig, wie zum Beispiel gerade in England, wo ja der Prozeß des Ahrimanisierens, des Loskommens des Menschens von der Verbindung mit der Umgebung, am weitesten fortgeschritten ist, wie es da gute Sitte ist, zu sprechen mit den Händen in der Hosentasche fest darinnen gehalten, damit sie ja nicht in Gefahr kommen, sich zu bewegen. Ich habe viele Engländer so sprechen gesehen. Ich habe mir seither die Taschen nie mehr vorn machen lassen, sondern immer rückwärts, solchen Abscheu habe ich bekommen vor diesem ganz unmenschlichen Nichtdabeisein bei dem, was man spricht. Es ist einfach ein materialistisches Vorurteil, daß die Sprache nur aus dem Kopf kommt; sie kommt eben aus dem ganzen Menschen, vor allen Dingen aber aus den Armen, und wir sind — ich sage hiermit einen Satz, der natürlich eingeschränkt gilt —, wir sind aus dem Grund keine Affen oder Tiere, die ihre Hände benützen müssen zum Klettern oder zum Sichanhalten, sondern sie frei haben, weil wir durch diese freien Hände und freien Arme gerade die Handhabung der Sprache haben. In dem, was wir mit den Armen greifen, mit den Fingern bilden, drückt sich dasjenige aus, was wir brauchen, um in der Sprache zu modellieren. So daß es eine gewisse Berechtigung hat, um wieder in die Menschheit diesen Zusammenhang der Sprache mit dem ganzen Menschen hineinzubringen, nun wirklich sachgemäß die Eurythmie auszubilden, die ja eben wirklich darin besteht, aus der menschlichen Organisation herauszuholen, was im physischen Leibe sich nicht vollzieht, was aber im Ätherleibe sich immer vollzieht, wenn wir sprechen. Der ganze Mensch ist in Bewegung, und wir übertragen einfach, indem wir eurythmisieren, die Bewegung des ätherischen Leibes auf den physischen Leib. Das ist das Prinzip. Es ist wirklich das Eurythmisieren etwas, was so mit einer Notwendigkeit, mit einer Gesetzmäßigkeit aus dem Menschen herausgeholt wird wie die Lautsprache selbst. Es muß eben eine Art von Gegenpol da sein gegen alles das, was in der Gegenwart auftritt, um den Menschen fremd zu machen gegenüber der Außenwelt, kein Verhältnis mehr eintreten zu lassen zwischen dem Menschen und seiner Umgebung. Das Eurythmisieren bringt jedenfalls die Menschheit wiederum dazu zurück, bei der Sprache dabei zu sein und ist, aus den Gründen, die ich oftmals auseinandergesetzt habe, eben eine Kunst. Nun, wenn man die Dinge berücksichtigt, die ich gerade auseinandergesetzt habe, dann kommt die [heute übliche] Technik des Sprechens im Grunde genommen unter das Schema der Pedanterie. Dasjenige, worauf heute gerade so großer Wert gelegt wird in Rezitationsschulen und dergleichen, das ist wiederum nur eine Begleiterscheinung der materialistischen Weltanschauung. Sehen Sie, geradeso wie man in einer Bildhauerschule, in einer Malerschule, nicht eigentlich die Handgriffe lehrt, sondern korrigiert, ins Leben hineinführt, so sollte auch Sprachtechnik nicht so pedantisch gelehrt werden mit allen möglichen Nasen-, Brust- und Bauchresonanzen. Diese Dinge dürfen nur an der lebendigen Sprache, am Sprechen selbst entwickelt werden. Indem der Mensch spricht, darf er höchstens auf das eine oder andere aufmerksam gemacht werden. In dieser Beziehung wird ja heute außerordentlich Gräßliches geleistet, und die verschiedenen Gesangs- und Sprachschulen können einem eigentlich zum Ekel sein, denn es zeigt sich, wie wenig der Mensch noch Innerlichkeit hat. Die Gestaltung des Sprechens ergibt sich, wenn die Dinge beachtet werden, von denen ich gesprochen habe. Nun, wenn die Frage noch genauer beantwortet werden soll, bitte ich, mich entsprechend darauf aufmerksam zu machen.
Nun wurde gefragt nach einem neuen Bibelkommentar, überhaupt, wie man zu einem neuen Bibeltext kommt.
Sehen Sie, die Dinge liegen ja so, daß man zu einem Bibelverständnis erst wiederum wird vordringen müssen. Da muß manches vorangehen. Denn wenn Sie alles das nehmen, was ich gerade mit Bezug auf die Sprache gesagt habe, und dann sich überlegen, daß ja der Bibeltext hervorgegangen ist aus einem ganz anderen Erleben der Sprache, als wir es heute haben und auch, als man es Jahrhunderte vorher zu Luthers Zeiten hatte, dann können Sie gar nicht hoffen, daß nur durch kleine äußere Veränderungen irgendwie zu einem Bibelverständnis vorgedrungen werden kann. Zum Bibelverständnis gehört vor allen Dingen ein wirkliches Eindringen in das Christentum, und eigentlich kann nur aus einem solchen auch ein Bibeltext hervorgehen, der für uns etwas ähnliches sein kann, wie es die Evangelien einmal für die ersten Christen waren. In der Zeit der ersten Christen hatte man durchaus das Lautgefühl, und manches, was man in der Sprache erleben kann im Eingange des Johannes-Evangeliums, erlebte natürlich auch der Mensch der ersten christlichen Jahrhunderte noch ganz anders, als man es heute erleben kann. «Im Urbeginne war das Wort» —, ja, sehen Sie, heute ist in dieser Zeile nicht viel mehr gegeben als ein Zeichen, möchte ich sagen. Wir kommen schon dem Verständnis näher, wenn wir statt «Wort», was ja für uns schon furchtbar schattenhaft und abstrakt ist, «Verbum» setzen und wirklich auch unser Gefühl für das Verbum im Gegensatz zum Substantivum entwickeln. Im Urbeginne war das Verbum, nicht das Substantivum. Ich will es zunächst in dieser Abstraktion sagen. Verbum ist für uns ganz richtig das Zeitwort, das Tätigkeitswort; und es ist ein Unding, daran zu denken, in die Region, die man bezeichnet hat als «im Urbeginne», etwa das Substantivum hinzusetzen. Es hat nur einen Sinn, das Verbum, das Tätigkeitswort, hinzusetzen. Es liegt in diesem Satze schon das darin, daß im Urbeginne eine Tätigkeit war, welche aber nicht die Tätigkeit ist, die der Mensch mit Gebärden oder mit Handhabungen verrichtet, sondern die Tätigkeit, die aus dem Verbum, aus dem Tätigkeitswort herausströmt. Wir werden nicht wie durch die Kant-Laplacesche Nebularhypothese in einen Urnebel versetzt, sondern wir werden in eine tönende und lautende Urgeschehnismacht zurückgeführt. Dieses Zurückgeführtwerden in eine Urgeschehnismacht ist etwas, was in den ersten christlichen Jahrhunderten stark gefühlt worden ist; und stark wurde da auch gefühlt, daß es sich um das Verbum handelt, und daß es ein Unding wäre zu sagen: Im Urbeginne war das Substantivum. — Wir sagen «Wort», das kann jeder beliebige Redeteil sein. Das kann es natürlich nicht sein im Sinne des Johannes-Evangeliums.
Nun liegt aber in weiter zurückliegenden Zeiten die Sache wieder anders. Da liegt sie so, daß man für gewisse Wesenheiten, für gewisse Perzeptionen von Wesenheiten das Gefühl hatte, man muß sie mit heiliger Scheu behandeln, und man darf sie nicht so einfach in den Mund nehmen und aussprechen. Daher hat man einen Umweg gesucht zum Aussprechen, und diesen Umweg kann ich Ihnen veranschaulichen, wenn ich etwa folgendes sage: Denken Sie sich irgendwo eine Kinderschar mit den Eltern, sie wohnen in einem Hause ziemlich einsam; alle paar Wochen kommt der Oheim, die Kinder sagen aber nicht: der Oheim kommt — sondern: der «Mann» kommt. — Sie meinen ja den Oheim, aber sie generalisieren, es ist eben der «Mann». Der Vater ist aber nicht der «Mann», den kennen sie zu genau, als daß sie «Mann» zu ihm sagen. Und so verbarg man im früheren religiösen Sprachgebrauch manches, was man nicht auszusprechen willens war, weil man es nur innerlich erleben wollte, weil man es profaniert fand im Aussprechen, man setzte dann etwas Generelles, und so auch in der ersten Zeile des Johannes-Evange liums «Im Urbeginne war das Wort». Aber man sagte nicht das Wort, das da eigentlich stand, sondern man nannte etwas Herausgegriffenes, Herausgegliedertes «Wort». Das war noch etwas besonderes, das «Wort». Es gibt viele Worte, wie es viele Männer gibt, aber die Kinder sagen «der Mann», und so sagte man im Johannes-Evangelium nicht dasjenige, was man meinte, sondern man sagte «das Wort». Und das «Wort» war in diesem Falle Jahve, so daß das Johannes-Evangelium beginnt: Im Urbeginne war Jahve. Aber man spricht «Jahve» nicht aus, man sagt «das Wort».
Man muß solche Dinge durchaus durch das Hineinleben in das Christentum und wiederum in das, was das Christentum aus dem Kultusgebrauch des Alten 'Testamentes aufgenommen hat, gewinnen. Es gibt nicht eine kurze Anweisung, um das Evangelium zu verstehen, sondern das lebendige Hineinleben in die christliche Urzeit ist notwendig zum Evangelien-Verständnis. Und das ist etwas, was ja im Grunde genommen wiederum so recht lebendig geworden ist durch die Anthroposophie, weil solche Dinge überhaupt nur herauskommen durch anthroposophische Forschung. Wir haben dann: Im Urbeginne war das Wort - im Urbeginne war Jahve -, und das Wort war bei Gott - und Jahve war bei Gott. Und die dritte Zeile: Und Jahve war einer der Elohim. — Das ist eigentlich der Ursprung, der Anfang des Johannes-Evangeliums, in dem hingewiesen wird auf die Mehrheit der Elohim, und Jahve als einer - in Wahrheit waren es sieben — herausgehoben wird aus der Reihe der Elohim. Und weiter liegt dem zugrunde das Verhältnis, das besteht zwischen Christus und Jahve. Nehmen Sie das Sonnenlicht; das Mondenlicht ist dasselbe, es ist auch Sonnenlicht, nur ist es vom Monde zurückgeworfen; es kommt nicht von dem ureigenen Wesen, es ist eine Reflexion. In dem Urchristentum war durchaus noch ein Verständnis vorhanden für das Christus-Wort, wo Christus seine Wesenheit selbst bezeichnet, indem er sagt: «Ehe denn Abraham war, bin Ich» und noch manches andere. Es war durchaus ein Verständnis dafür vorhanden: So wie im Raume das Sonnenlicht sich verbreitet und vom Monde zurückgestrahlt wird, so strahlte die Christus-Wesenheit, die erst später erschien, schon zurück in der Jahve-Wesenheit. Wir haben eine der Christus-Wesenheit in der Zeit vorangehende Erfüllung in der Jahve-Wesenheit. Da wird das Johannes-Evangelium von den ersten Zeilen bis zu der Zeile «Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt» wirklich gefühlsmäßig vertieft. Wir glauben eben heute nicht, daß das kindliche Verständnis des Bibelwortes ausreicht, wenn wir die Übersetzung der Bibel aus einer alten Sprache weiter zurück verfolgen, bis wir zu demjenigen kommen, was in dem Bibelworte liegt. Natürlich kann man sagen, da ist ja zu einem Bibeltext nur zu kommen durch lange, lange geisteswissenschaftliche Studien. — Das ist zuletzt auch meine Überzeugung.
Wir haben im Grunde die Bibel nicht mehr, wir haben ein Derivat, das wir uns immer mehr und mehr für unsere abstrakt gewordene Sprache zurechtlegen. Wir brauchen einen neuen Ausgangspunkt, um zu versuchen, dasjenige, was wirklich lebendig in der Bibel liegt, wiederum zu finden. Damit habe ich den Gesichtspunkt angegeben, den ich dann morgen einhalten werde, indem ich versuchen werde, Ihnen Matthäus 13 und Markus 13 zu interpretieren. Sie werden allerdings dabei festhalten müssen, daß auch das Kommentieren der Bibel schon notwendig macht, daß man unbefangen auf die Bibel eingeht. Wer zum Beispiel sagt, da oder dort stehe etwas, was erst im Jahr 70 stattgefunden hat, also könne die betreffende Stelle nicht früher gesagt worden sein, als nachdem dieses Ereignis geschehen ist, der mag das sagen, aber man möchte dann nur, daß er an die Spitze seiner Bibelerklärung schreibt, er wolle die Bibel ganz materialistisch erklären; dann mag er es nur tun. Aus der Bibel selber folgt aber nicht, daß man sie materialistisch erklärt. Die Bibel macht schon notwendig, daß das Voraussehen kommender Ereignisse vor allen Dingen dem Christus Jesus selber, und auch den Aposteln zugeschrieben werde. Also wie gesagt, auf diesen Gesichtspunkt möchte ich morgen lieber anhand des Beispieles eingehen, wenn ich Ihnen Matthäus 13 und Markus 13 ein wenig interpretieren werde, wie es gewünscht wurde.
Dann ist die Frage aufgeworfen worden, welche Realität hinter der apostolischen Sukzession und hinter der Priesterweihe steht. Die Frage ist kaum in Kürze so schnell zu beantworten, denn mit dieser Frage hängt ja viel von dem zusammen, was doch einen tiefen Abgrund zwischen dem heutigen evangelisch-protestantischen religiösen Verständnis und dem katholischen Verständnis aller Schattierungen darstellt. Es handelt sich durchaus darum, daß in dem Augenblick, wo man auf diese Dinge zu sprechen kommt, man auch versuchen muß, sich ein wirklich über das Rationelle oder Rationalistische und über das Intellektualistische hinausgehendes Verständnis zu erwerben. Das erwerben sich sogar diejenigen, die wenig Recht dazu haben, dann im Sinne eines solches Verständnisses zu leben. Ich habe in früherer Zeit eine große Anzahl hervorragender theosophischer Koryphäen kennengelernt, unter anderen auch Leadbeater, von dem Sie einiges werden gehört haben, und noch andere Leute, die in der Theosophischen Gesellschaft gewirkt haben. Ich hatte neulich Gelegenheit — sonst habe ich mich nicht weiter darum gekümmert —, die Erfahrung zu machen, daß ein Teil von diesen Leuten katholische Bischöfe sind; es fiel mir das außerordentlich auf, daß ein Teil von diesen Leuten katholische Priester sind. Leadbeater jedenfalls hat, nach den verschiedenen Dingen, die von ihm bekannt geworden sind, nicht gerade die Qualifikation, ein katholischer Bischof zu sein. Aber es hat mich die Sache doch interessiert, wie die Leute eben katholische Bischöfe werden. Eines wird dort mit aller Strenge eingehalten, [das ist die Sukzession]. Und damit ich sehe, daß die Leute ein Recht haben, katholische Bischöfe zu sein, wurde mir eine Schrift gegeben, aus welcher hervorgeht, daß in einem bestimmten Jahre ein katholischer Bischof aus der richtigen katholischen Kirche ausgetreten ist, also einer, der die Weihen hatte, der hat dann einen anderen wiederum geweiht, und bis zu Herrn Leadbeater geht heute das Weihen durchaus im richtigen Fortgang, im absolut richtigen Fortgang, sie haben absolut einen «Stammbaum» darin. Also vom Anfang des «Stammbaumes» will ich nicht reden, aber nehmen Sie an, das sei der natürliche Fortgang, daß einmal ein wirklich von Rom geweihter Bischof abgefallen war, der aber dann die anderen alle geweiht hat, so können alle diese theosophischen Koryphäen hinweisen auf eine wirkliche richtige Abstammung ihres Priestertums von dem, was einmal war. Also ein Bewußtsein der [Sukzession] ist schon durchaus vorhanden, und solche Dinge werden von denjenigen, die sie in ihrer Bedeutung verstehen, durchaus als Realitäten genommen.
So etwas muß als Realität genommen werden innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Die altkatholische Kirche hat das mehr oder weniger nicht mehr im Gefühl, aber innerhalb der römischkatholischen Kirche muß es durchaus so genommen werden, daß der Priester in dem Augenblick, wo er die Stola kreuzt, nicht mehr die einzelne Persönlichkeit vorstellt, auch nicht gehalten sein kann dazu, seine persönliche Überzeugung oder Meinung geltend zu machen, er ist nur ein Glied der Kirche und redet als Vertreter, als Glied der Kirche. Die römisch-katholische Kirche betrachtet sich durchaus als einen in sich geschlossenen Organismus, in dem der Einzelne seine Individualität durch die Priesterweihe verliert; immer mehr und mehr betrachtet sie sich so.
Nun, dem steht einiges andere gegenüber. Sie mögen über das, was ich Ihnen jetzt sage, denken wie Sie wollen, aber ich kann ja nur von meinem Gesichtspunkt, vom Gesichtspunkte meiner Erfahrung aus sprechen. Ich habe viel beobachtet die Transsubstantiation. Nun ist heute innerhalb der katholischen Kirche allerdings eine starke Differenzierung vorhanden, je nachdem, ob der eine oder der andere Priester die Transsubstantiation bewirkt, aber immerhin habe ich doch gesehen, namentlich während meiner letzten Reise in Italien, wie während der Wandlung, während der Transsubstantiation, die Hostie eine Aura bekam. Also ich habe den objektiven Vorgang, der sich, wenn die Wandlung würdig vollzogen wird, vollzieht, durchaus als eine Realität kennengelernt. Ich sage, Sie mögen darüber denken wie Sie wollen, ich sage Ihnen eben dasjenige, was auf der einen Seite beobachtet werden kann, und was auf der anderen Seite auch als eine Grundüberzeugung der Kirche galt in denjenigen Zeiten, als die Kirche noch eine einige katholische war, und die evangelische Kirche noch nicht als eine Abzweigung da war. Also wir kommen schon zu Realitäten zurück, wenn wir diese Dinge anschauen, und da muß dann eben gesagt werden, es ist allerdings das Meßopfer, indem es zelebriert wird, etwas, das eine reale Handlung ist, das nicht bloß ein äußeres Zeichen ist, sondern eine reale Handlung. Und wenn Sie alle Messen zusammennehmen, die jemals gehalten worden sind, so bilden sie alle wiederum ein zusammenhängendes Ganzes, und das ist etwas, was als solches unmittelbar eben als eine Tatsache dasteht. Es ist etwas, wo man allerdings an Dinge rührt, wo das evangelische Gemüt sagt: Ja, dann liegt ja in der katholischen Messe etwas Magisches. — Das liegt auch darin. Das liegt eben auch darin, und das Magische darin empfindet dann das evangelische Gemüt vielleicht als ein Heidnisches. Gut, darüber ließe sich diskutieren. Aber jedenfalls begründet das, daß man es durchaus mit einer Realität zu tun hat, daß man nicht ohne weiteres, ohne heranzugehen an den Träger dieser Realität, eine Messe heute zelebrieren kann. Ich sage zelebrieren; man kann sie demonstrieren, man kann alles mögliche zeigen, aber man kann sie nicht zelebrieren mit dem Anspruch, daß durch die Messe dasjenige geschieht, was am Altar geschehen soll, ohne daß sie gelesen wird [von einer Persönlichkeit] mit dem absoluten Auftrag. Sehen Sie, so ist es überall da, wo mit Mysterien gearbeitet wird; es ist einmal so, wo mit Mysterien gearbeitet wird. Und ebensowenig, wie im Bewußtsein des Freimaurers eine freimaurerische Zeremonie von einem Nichtfreimaurer vollzogen werden darf, ebensowenig darf im Bewußtsein der katholischen Kirche von einem Nichtgeweihten eine richtige katholische, aus dem Katholizismus heraus gearbeitete und gewordene Zeremonie zelebriert werden, ausgeführt werden mit voller Geltung.
Das ist dasjenige, worauf wir da geführt werden, was durchaus eingesehen werden muß. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß in dieser Beziehung ja die katholischen Regeln eigentlich sehr streng sind. Bitte fassen Sie die Dinge nicht so auf, als ob ich pro Katholizismus reden würde, sondern ich will nur auf das hinweisen, was ist, Es handelt sich nicht darum, dem Katholizismus pro oder contra zu reden, sondern um etwas ganz anderes. Gerade gewisse Gebräuche werden in der katholischen Kirche — jetzt gar nicht aus dem heraus, was heute in Rom Stimmung und Vorgehen ist - sehr streng eingehalten. Wenn ein Priester sich so unwürdig erweist, daß er exkommuniziert werden muß, dann wird ihm die Haut abgezogen, abgeschabt hier an den Fingern, mit denen er die geweihte Hostie in der Hand gehabt hat; die Haut wird ihm abgeschabt. Es wird manchmal über solche Dinge hinweggesehen, aber rechtlich ist es so, und ich kenne solche Vorgänge durchaus, daß nach der Priesterexkommunikation die Haut von den Fingern, die die geweihte Hostie berührt haben, abgeschabt worden ist. Sie können ja an die Stelle der Sukzession, die von den Aposteln durch die Priesterschaft bis zum heutigen zelebrierenden Priester geht, durchaus das Objektive setzen. Sie können dasjenige setzen, was durch die Weihe und durch die Sakramente selbst geht. Sie können ja ausschließen die Priesterschaft, aber Sie können sie gerade dadurch ausschließen, daß Sie die Sache objektiv nehmen, bis zu einem gewissen Grade objektiv nehmen, da der Priester gar nicht mehr die Fingerhaut haben darf, wenn er nicht mehr befugt ist, das Meßopfer zu zelebrieren.
Nicht wahr, wenn Sie katholisches Gefühl haben, dann würde Ihnen das etwas sein, was ungefähr so sicher ist wie daß zwei mal zwei vier ist. Es ist eben etwas, was gefühlsmäßig religiös sicher ist. Wenn Sie das nicht haben, dann müssen Sie aber als moderne Menschen das Gefühl einer gewissen Pietät haben, das Ihnen sagt, die katholische Kirche hat eben bewahrt das Zelebrieren der Messe, und wird das ausgeführt außerhalb des Kreises, dem sie es selbst überträgt — andere Kreise haben ja das Meßopfer nicht bewahrt —, wird es ausgeführt in anderen Kreisen, dann ist es Diebstahl, richtiger Diebstahl. Man muß in solchen Sachen durchaus auch von solchen Begriffen auszugehen verstehen. Ich glaube, es wird manches sehr schwer verständlich erscheinen, was ich sage, aber schließlich hat es ja doch insofern einen Wert, als es ganz nützlich ist, wenn man sich für solche Dinge ein Verständnis aneignet. Uns braucht es hier nicht zu stören, denn Sie können über die Messe eben dasjenige erfahren, was darüber zu erfahren ist. Und was die Ausbildung eines neuen Kultus betrifft, das wird gar nicht dadurch gestört, daß man in der katholischen [Kirche die] Messe als etwas so Reales ansieht, daß es ganz gewiß nicht aus dem Gebiete der Katholizität herausgenommen werden darf.
Das ist zunächst dasjenige, was ich in der beschränkten Zeit zu sagen habe. Wenn ich über die Messe selber spreche, und das werde ich tun, werde ich noch einiges darüber zu ergänzen haben.
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GA 343/speech_formation · edition original