Vorentwürfe: Nicht in das Drama aufgenommenes Bild
> Die folgenden, mit I bezeichneten, nicht in das Drama aufgenommenen Szenenbilder, die beiden Szenarien und die Prosaskizzen zu einzelnen Vorgängen bilden den Inhalt eines Notizbuches, auf welches Marie Steiner, wie bereits in den Vorbemerkungen erwähnt, in einer kurzen Orientierung hinwies. Sie hebt darin hervor, daß es sich dabei um «meditative Inhalte» handelt, «die wie VorentWürfe wirken für das, was im Drama später um-gegossen wurde zu Dialogen oder bewegten Szenen». > Die eigentlichen Entwürfe sind unter II und III zusammengefaßt.<
#### I
BENEDICTUS: Wie oft noch werde ich diesen Ort wohl noch betreten müssen; in sorgenvoller Seele die Ungewißheit bergend, ob Sieg ob Untergang meinem Wollen auferlegt. Für Euch, Ihr Geister des Weltenlaufs, zu kämpfen, ist mein Los. Ihr, die Ihr der Erde wahre Sendung Eurem Wege einverleibt. So oft ich diese Schwelle überschritt', hofft ich, daß Euer Sieg entschieden sei über die Wesen, denen Erdendasein wertlos ist und die sich in der Erdenmenschen Schicksal nur mischen, weil sie sie gewinnen wollen für Ziele, die in andern Welten liegen. O wie lange werd ich diesen Mächten selbst noch dienen müssen? Nur wenn meine Seele sich standhaft hält, kann es gelingen, daß meine Götter über diese Feinde siegen. Schon nahet der Vater; an seinen Kräftestrahlen erkenne ich, daß er sich unbesiegt noch fühlt.
AHRIMAN: Du hast ein kühnes Werk im Menschenschicksalslauf getan.
BENEDICTUS: Doch leider muß ich mir gestehn, daß deine Kräfte in meinem Werke wirkten.
AHRIMAN: Wird Gutes denn zum Schlechten, weil es meiner Kraft entstammt?
BENEDICTUS: Ob gut, ob schlecht, was ich durch dich vollbringe, gilt mir gleich dem Nichts.
AHRIMAN: Bedenke diese Rede und merke, wie du dir den Schleier noch nicht vom Auge weggebannt, den du drüben tragen magst, der hier doch nicht zum Orte paßt. Drüben im Erdenreich scheinen Gründe zu entscheiden, welche Erkenntnis braut. Hier jedoch entscheidet Kraft und Wille. Hier stehst du, Geist gegen Geist. Die Reden, die du drüben führst, sie müssen hier verstummen. Du zeigst es selbst, so oft du hier erscheinst. Denn lachen müßtest du über dich selbst, wolltest du zu uns mit Erdengründen sprechen. Hier widerlegt man nicht. Hier tauscht man Wirklichkeiten. Und Wirklichkeiten willst du stets erringen, wenn du uns nahst. Drum nenne dein Begehren; du sollst es haben und weiter siegen im Erdgebiet mit unsren Kräften.
BENEDICTUS: An deinem Worte erkenne ich, daß du mir auch diesmal geben mußt.
AHRIMAN: Du scheinst dir dieses Mal besonders stark; doch lassen wir den Schein; was heischest du?
Prosaentwurf
Aus den Reden, die im Volke gehalten werden, ergibt sich, daß Thomasius in weitem Umfange durch seine Darlegung der geistigen Wahrheiten gewirkt hat. Ungezählte Anhänger sind ihm geworden. Unter dem Volke erscheint der Führer einer geistigen Gemeinschaft, welcher diesen Sieg der Menschenwissenschaft feiert. Er spricht davon, daß dies ein Sieg sei, bedeutungsvoller als die einstigen Waffensiege. Eine Zeit der hoffnungsvollsten geistigen Entwickelung stehe bevor.
Strader im Gespräche mit Theodora, die seine Frau geworden. Er redet ihr davon, was der geistige Erfolg des Thomasius bedeutet für die Menschheit. Und wie er selbst dadurch neuen Lebensmut und neue Lebenshoffnung gewinne.
Maria mit Thomasius, dem sie sich wieder glaubt nahen zu dürfen, weil er einen Höhepunkt seines Lebens erreicht hat. Aus seinem Gespräche mit ihr jedoch wird klar, daß er selbst in dem Augenblicke allen Grund für seine Geistesarbeit verloren hat, in welchem für sie die andre Menschheit erobert ist. Er erkennt die Machtlosigkeit seiner Geistesarbeit. Und in ihr die Machtlosigkeit alles menschlichen Strebens. Er ahnt zunächst, daß er auf dem Grunde zerstörender Mächte hat arbeiten müssen. Diese Ahnung tritt vor seine Seele in Gestalt eines Schauens.
Er wird in die finstre Seelenwelt geführt. An dem, was er da sieht, merkt er, daß die Menschheit in der Erkenntnis, welche sie gewinnt, ihre ihr ursprünglich gegebenen Kräfte aufzehrt, so daß sie keine weiteren Kräfte hat, das zu leben, was sie erkennt. Die Erkenntnis wäre nur wahr, wenn die Kräfte zu ihrer Verwirklichung nicht durch diese Erkenntnis er-sterben müßten. So wird die Erdenarbeit vernichtet, damit Lucifer nicht sein Ziel erreichen könne.
Maria wird von Bened. in seine Geheimnisse eingeweiht. Er sagt ihr, wie er die Kräfte, die er in Thomasius' Seele gelegt hat, von Ahriman hat erkaufen müssen. Er habe für diese Kräfte einen Teil der eignen Seelenkräfte als Pfand geben müssen. Diese seien verfallen, wenn Thomasius in seiner Ohnmacht verharrt. Nur Maria könne Rettung bringen, wenn sie Thomasius selber in das Reich der finstern Seelenwelt führe.
DER HÜTER DER SCHWELLE: Wenn dein Herz beschließen kann, Diese Schwelle zu überschreiten, So mag es geschehen. Doch wisse, daß du in diesem Reiche finden wirst, Wozu deines Lebens Früchte dir verhelfen. Du kennst sie nicht Die Kräfte, welche diese Früchte reifen ließen. Ich kann sie dir nicht enthüllen. Denn nie vermag mein Geist zu schauen, Was der Welten Fürsten in Menschenherzen pflanzen. Nie begehrte ich zu schauen In dieser Fürsten unheilvolle Werkstatt. Doch seh ich an deinem Wesen, In das meine Blicke dringen können, Was von deinem Lebensinhalt Abfallen muß wie dürres Laub von Bäumen, Wenn du das Reich betreten willst, Dem ich zum Hüter bin bestimmt. Ich schau in deiner Seele, Wie sie ihr Selbst bewahren will. Hier wird dies Selbst in Nichts verschwinden, Und Glied nur darfst du sein In höherer Wesen Leben. Im Erdenleben ward dir teuer Der Spruch, dem man Wunderkraft verheißt, Erkenne dich selbst —. Hier leben Wesen nur Die dienen andrem Selbst Und wirken aus andrem Denken. Dein Selbst erkenne ich als Wesen nur, Das ich zertreten muß, Wenn es sich meinem Wesen naht. Und gelernt hast du Durch vieler Erdenleben Lauf, Den Blick zu richten In Reiche, die dem Blick begegnen Mit ihrem gleißnerischen Offenbarungsschein. Mir ist Pflicht, in Nebeldunst zu wandeln Alles, was du je so sehen konntest, Und rückwärts nur darf Deine Seele schauen In ihres Wesens Wurzelkräfte. Es gab nie Zeiten, Wo Geister meinesgleichen Andres schauten. Was dir je schön und groß gedäucht, Verlassen mußt du es. Dies Flammenschwert Es muß bei deinem Eintritt Dir aus der Erinnrung löschen, Woraus du Freude oft getrunken, Worin du in Seligkeiten schwelgtest. Und was am schwersten dir wird dünken: Es wird kein Wechsel im Geschehen Deiner Seele Lust entsprechen. Der Ewigkeiten wandelloses Sein Wird, geburt- und todentblößt, In gleicher Art dir stets vor Augen stehn.
THOMASIUS: So wird von mir genommen Alles, was ich bin, Und aus der Seele mir getilgt, Was ich je für sie erworben habe? Und auch Erinnerung an Erlebtes, Soll auch sie mir ausgetilget sein.
DER HÜTER DER SCHWELLE: Wie weit Erinnerung dir verbleiben kann, Ich weiß es nicht. Doch seh ich an Deiner Seelenart Daß alles, was Dir so verbleibt, In unsren Reichen Ärgernis Und Zorn erregen muß. Den Frieden, den du hier Durch solches Wesen rauben mußt, Er kann als Bitternis Für Ewigkeit nur auf Dich selber fallen.
THOMASIUS: ...
THOMASIUS: Erhabner Herrscher im Schönheitsglanz, Der du erstrahlst in einer Würde, Die im Sonnenauge offenbart Der Welten allertiefste Gründe Und zu deiner Offenbarung nichts bedarfst Als nur deines eignen Willens Wesen: Von deinen Lippen sprechen nicht Gebote, Denen zu folgen als Pflicht erscheint. Im Innern muß sich regen der Seele, Die zu dir sich verständig wendet, In Freiheit jeder Trieb, Zu sein wie du selbst. Denn solches Wesen wird Ein Bild in sich ruhender Vollendung. Hier, wo des Erdenschleiers Trübnis Von mir genommen ist, Versteh ich erst dein wahres Wesen. In Menschenwirrnis mußt Du dich anders zeigen, Als du in Wahrheit bist. Dort scheinen zu widersetzen sich Deine Triebe des Menschen höherm Wesen, Und würdig scheint das Leben Erst zu sein, wenn es bekämpft, Was von dir stammt. Doch wenn in Edelmetall Umgeformt diese Triebe werden, Wie sie hier in deiner echten Gestalt erscheinen So bilden sie ein höchstes in der Welt. Sie sichern den Wesen, Die sie besitzen, hehren Lichtesglanz, Daß es der Welten Schönheit In selbsteigner Kraft Sich würdig eingeselle.
LUCIFER: Wenn du mich so erkennst Und als Frucht in dir erzeugst, Was du an mir erschaust, Wirst du meiner Herrschaft Reich In Menschheitsphären gründen Und mit meinem Siege Den eignen Sieg dir sichern. Denn wisse, ich will dich nicht Zum Diener machen meiner selbst Oder zum Gliede eines andern Wesens. Ich bin des starken Weltenfürsten Freier Sohn und brauche zu des eignen Wesens Vollendung nichts als den Anblick Solcher Wesen, die durch eignes Begehren In meiner Art mir selber gleichen.
THOMASIUS: Ich fühle, wie die Weisheit, Die meinem Menschenwesen eignet, Dich verleumden muß. Ich fühle hier mich in klarer Wesenheit Und weiß, daß ich durch nichts Mir selbst gehören kann, Als durch die Nachbildung deines Wesens.
LUCIFER: Solches Fühlen gibt mir die Kraft, Dich vor meines ältern Bruders Thron Zu führen. Ich bin ihm nicht verbunden, Wie auf Erden verbunden ist Der Sohn dem Vater Oder der Bruder dem Bruder. Wir haben uns im Weltenall gefunden, Weil des Einen besondre Art, Wenn sie im vollen Glanze Sich zur Offenbarung bringt, Vollendung gibt dem Andern. So folge mir zu ihm, Der sich des Chaos echten Sprossen nennt.
AHRIMAN: So wälz ich denn im ewigen Lauf Des Menschenlebens Feuerräder Den steilen Abhang hinan. Ich fühle im Innern, Wie Menschenseelen jauchzen, Wenn ich bergan das Element hebe. Es tönt in mir der Festesjubelklang, Wenn fortschreitend Menschengeister Von Stufe zu Stufe geführt sich fühlen. Doch wie oft ich auch nun schon Das Werk begonnen und vollendet glaubte, Es ward stets andres nicht Als Anfang eines neuen Schaffens. So fühl ich Ungewißheit mich quälen, Ob je ein Ziel sich finden läßt. Und wissen kann ich Eines nur: Das Ende wird erreicht, Wenn in EINER Menschenseele nur, Titanenwerk, durch mich verrichtet, Ein Fünklein nur entfacht, Das dort dann weiter flammen kann. So groß mein Werk auch ist, Dies Fünklein braucht es, Wenn es zum Ziele kommen soll. Schon mancher faßte den Entschluß, Doch bald ertötete seinen Feuerkeim Die Furcht vor jenen Welten, Die mich gefesselt halten.
THOMASIUS: Hier steht der Mensch, Dem der Funke sich entzünden soll. Wer wie ich im Menschensein Gelernt hat, wie Vernichtung Des stärksten Erdengeistes Los muß sein, Dem muß Furcht und Schrecken ferne sein, Auch wenn er vor dem Bilde Ewigen Schreckens sich gestellet sieht. Ich will in deiner Sphäre wirken Und wirkend deines Bruders Bild Im Weltenall an mir vollenden.
MARIA aus der Ferne: Thomasius
THOMASIUS: Oh, was will dieser Laut. Er tönt nicht nur, er zwingt. Er drängt in meines Wesens Tiefe sich. Er reißt mich aus dem Sein. (Verfinsterung)
Thomas. Maria:
MARIA: Es war, Johannes, meines Lebens schwerster Gang, Der jetzt zu dir mich führte. Ich brauchte den Beistand aller guten Wesen, Denen mich Benedictus' Weisheit je verbunden, Zu besiegen alle Widerstände, Die sich mir entgegenstellten. Was ich als Schwäche je gefühlt, Was ich begehren konnte in meines Lebens Lauf, Es rang sich los aus meinem Wesen Und wurde eigne Wesenheit. So stand ich vor tausenden Seelen, Die ich zu bekämpfen hatte. Sie kämpften nicht als Feinde, Sie lockten als Verführer; Sie verhießen Seligkeiten, Und wenn ich mich von ihnen wandte, Dann verfinsterten sie mein Gedankenlicht, Daß mir die Erinnerung schwinden sollte An alles, was aus Weisheitquellen Mir geworden, mich zu entwinden Den Feinden eignet Wesenheit. Sie konnten meines Führers edle Gaben Mir doch nicht entwinden. So fand ich mich denn stets In meines Wesens bestem Teil Und konnte deine Seele finden. In jenem Wesensgliede Mußt ich sie fassen, Das sich zwar verlieren kann, Doch im Verluste Sich ewigem Tode weiht. Ich mußt es dir erretten. Du hättest jenen Funken, Der in jedem Menschen schläft, In des Chaos furchtbarem Reich Entzünden können, doch hättest Du ihn ewiglich der Welt entzogen, Für die du ihn erhalten hast. So bald du hier dich wiederfindest, Ist's unmöglich dir, zu denken, Daß du dich von deinem Ursprung lösest Und dem Bau von andern Welten weihst.