43. Blut ist ein Ganz Besondrer Saft
## GA 68b — 11 January 1907, Leipzig
### 43. Blut ist ein Ganz Besondrer Saft
Sie wissen wohl alle, dass das Leitmotiv unseres heutigen Vortrages, «Blut ist ein ganz besonderer Saft», aus Goethes «Faust» entnommen ist. Sie wissen, dass Faust, dem Repräsentanten der strebenden Menschheit, Mephistopheles gegenübersteht, der Sendbote und Fürst der Hölle; der verlangt von Faust einen Vertrag, in dem dieser sich den bösen Mächten verschreibt, und verlangt die Unterschrift in Blut. Faust hält dies für Fratze, Schrulle, da bemerkt Mephisto: «Blut ist ein ganz besonderer Saft.»
Es gibt ganze Bibliotheken, die Faust erläutern, und auch dieser Ausspruch hat unendlich viele Erklärungen gefunden. Eine der Letzteren ist die höchst merkwürdige des Professors Minor aus Wien, welche lautet: Mephisto, der Sendbote der Hölle, kann Blut nicht leiden, er hasst es, deshalb verlangt er die Unterschrift mit Blut. Es mag Gelehrsamkeit in der Erklärung stecken, aber Vernunft steckt nicht darin. Mephistopheles würde die Unterschrift nicht in einem ihm verhassten Stoff verlangen. Im Gegenteil, Mephistopheles legt ganz besonderen Wert aufs Blut. Dieser Stoff hat schon eine lange Sagenentwicklung durchgemacht. Im sechzehnten [siebzehnten] Jahrhundert schon finden wir im Pfitzer’schen Faustbuch, dass Faust sich dem Teufel verschreibt mit Blut, und in älteren Gestaltungen dieser Sage wird genau beschrieben, wie die Ader an der linken Hand geöffnet wird, das Blut herausrinnt, gerinnt und im Gerinnen die Buchstaben bildet: «Oh Mensch, entfliehe!»
Blut tritt uns auch in anderen Sagen entgegen und hat immer eine besondere Bedeutung. Gerade an diesen sehen wir Tatsachen sich abspielen, die für die letzten Jahrhunderte bedeutsam waren. Märchen, Mythen finden alle ihre theosophische Begründung, und wer sich mit theosophischer Weisheit einlässt, sieht, dass sie den bildlichen Ausdruck für Geistiges enthalten, für tiefste Wahrheiten. Ein solcher Ausdruck ist die Faustsage, und insbesondere dieser Ausdruck, in dem Goethe theosophische Weisheit zugrunde gelegt hat.
Wir wollen hinweisen auf die ganze Bedeutung des Blutes in der Welt und der Menschheit und wir werden da sehen, dass der Ausspruch wörtlich zu nehmen ist. Wenn wir ihn nach dem Verstand herauszubekommen versuchen, sagen wir: Er wird Faust besonders in seine Gewalt bekommen, wenn er sein Blut im Namenszug hat. — Die Frage lautet nun: Hat man wirklich besondere Beziehung zu einem Wesen, wenn man etwas von seinem Blut hat?
Die Theosophie will hinweisen auf die nächste Zeit, wie kolonisiert werden, wie die Menschheit sich mischen soll. Um zu verstehen, was Blut bedeutet, muss man es aus der Theosophie heraus erklären.
Um den Zugang zu finden, muss man den alten Satz an die Spitze stellen, den hermetischen Grundsatz: Es ist oben wie unten und unten wie oben. - Erst unverständlich, enthält er eine ganze Weltanschauung. Alle, die dies Leitmotiv haben, sagen: Alles Stoffliche, alles Materielle ist der Ausdruck eines Geistigen. — Wer tiefer schaut, dem stellt es sich dar wie Eis und Wasser. Wenn Ihnen jemand sagt: Eis ist doch kein Wasser, so sagen Sie, er kennt eben den Zusammenhang nicht. Ebenso wie Eis nichts anderes ist als verdichtetes Wasser, so ist Materie nichts anderes als verdichteter Geist. In allen stofflichen Dingen können wir den ihnen zugrunde liegenden Geist finden. Der wahre Geistforscher nennt Geist das Obere, das Materielle gleichsam den physiognomischen Ausdruck, das Untere. Wenn Sie in ein Gesicht sehen, so können Sie aus dem Ausdruck schließen, was in der Seele dahinter vor sich geht an Freude oder Traurigkeit. Dem wahren Geistesforscher ist alles in der Welt, die ganze Natur, ein Ausdruck des Geistes. Dem Forscher ist zum Beispiel eine Blume der Ausdruck für die Freude des Erdgeistes, eine andere für den Schmerz.
So drückt sich in allem der Geist aus. Es gibt keine Materie, die nicht Geist ausdrückt, und keinen Geist, der sich nicht irgendwo in der Materie ausdrückt. Man versteht, warum ein Gesicht lächelt, warum es weint, wenn man das Dahinterliegende an Schmerz und Freude kennt; man versteht das Untere, wenn man das Obere kennt. So werden wir verstehen, was dem Blut im Geistigen entspricht, wenn wir verstehen, was das Blut für eine Bedeutung in der Welt hat.
Wir müssen dazu die viergliedrige Wesenheit des Menschen ins Auge fassen. Wer geistig schaut, dem ist der physische Körper bloß ein Teil des Menschen. Er besteht aus denselben Stoffen wie draußen die Natur. Nur seine Säfte bewegen, wachsen, verdauen, sich fortpflanzen kann der Stoff nicht für sich; dazu braucht er den Ätherleib, den er gemeinsam mit der Pflanze hat. Das dritte Glied, den astralischen Leib, den Träger von Schmerz, Freude, Lust, Unlust, Leidenschaften und niederen Vorstellungen, den haben die Pflanzen nicht, den hat der Mensch mit den Tieren gemeinschaftlich. — Das vierte Glied, wodurch der Mensch die Krone der Schöpfung wird, ist seine Fähigkeit, «Ich» zu sich zu sagen. Das ist, was allen Religionen zugrunde liegt. Im Ich spricht Gott zu der menschlichen Seele, und ein Schauer ging durch die Reihe der Juden im Tempel, wenn der Priester den Namen des unaussprechlichen Gottes «Jahve» aussprach.
Die höheren Glieder brauchen uns heute nicht zu beschäftigen, aus denen das geistige Gefüge des Menschen zusammengesetzt ist. Sie wissen, dass wir bloß den sinnlichen Leib sinnlich wahrnehmen können, die anderen übersinnlichen Teile heißen deshalb das Obere. Und jedes dieser oberen Glieder hat ein Werkzeug im sinnlichen Körper, dessen Teile alle verschiedener Art und nicht gleichbedeutend sind. Wir werden diesen Zusammenhang verstehen, wenn wir uns vorstellen, dass der physische Körper dieselben Stoffe enthält wie die leblosen Produkte der Außenwelt. Denken Sie sich einen Kristall. Er ist nur ein Stein, aber wenn man ihn sich genauer betrachtet, so sagt man sich: Dieser Stein könnte so nicht sein, wenn nicht alles in der Welt wäre, wie es ist. Jedes Einzelne ist ein Spiegel des Ganzen. Er bekommt durch die Kräfte der Außenwelt diese Form und könnte auf einem anderen Stern mit anderen Kräften so nicht bestehen.
Der geistvolle Franzose Cuvier sagt: Reicht mir einen Knochen eines Menschen, und ich will euch daraus die ganze Gestalt bestimmen. - Denn die ganze Gestalt bestimmt den einzelnen Knochen. So auch bei der Erde. Ebenso wäre der Mensch mit bloß physischem Leib ein Spiegel des Weltalls, aber ohne Bewusstsein; er könnte nichts darin zum Ausdruck bringen.
Nun betrachten wir aber nicht bloß das physische Wesen, sondern das Wesen, das lebt. Sie können keines finden, was nicht wächst und in einer gewissen Weise seine Säfte bewegt, individualisiert. Sie sehen in der Pflanze Wachstum, Fortpflanzung und so weiter als physiognomischen Ausdruck für den Ätherleib, sodass zwei Teile bestehen, erstens worin bloß chemische Vorgänge sind, zweitens die Tätigkeit des Ätherleibes, er bringt die Bewegung.
Nun steigen wir bis zum Tier. Es bringt nicht nur Stoffe in Bewegung, sondern hat außerdem die Möglichkeit, Lust und Leid in seinem Innern zu spiegeln. Wenn eine Pflanze bei Berührung ihre Blätter zusammenrollt, so ist das Reaktion auf einen Reiz, keine Empfindung; das ist es erst, wenn dem äußeren Vorgang ein innerer folgt. Dazu bedarf es eines Nervensystems; das leistet der astralische Leib, sodass, wenn Sie einen Menschen vor sich haben, Sie sagen: Der Mensch hat erstens das, woran bloß der physische Teil arbeitet; das sind die Sinnesorgane; sie werden zwar durchlebt vom Ätherleib, aber nicht von ihm aufgebaut. Sein eigentliches Werkzeug ist das Wachstum, und so weiter. Des astralischen Körpers Werkzeug ist das Nervensystem, vom Sonnengeflecht bis zu den feinsten Nerven des Rückgrates.
Ein Wesen, welches ein Nervensystem hat, wird zwar die Außenwelt in sich spiegeln, aber ohne das vierte Glied nie den Ausdruck für sein Ich kennen. Das findet sein Werkzeug im Blut. Dadurch, dass ein Wesen Blut hat, kann es Lust und Leid aus innerster Individualität, ureigenster Wesenheit empfinden. Die Vorstellungen muss ich erst im Blut auf mich beziehen, dann wird der Schmerz mein Schmerz, die Freude meine Freude. Daher der Zusammenhang zwischen inneren Vorgängen und dem Blutkreislauf. Erröten und Erblassen sind eine Sache der Seele.
Man spricht von der Blutsverwandtschaft. Der Name ist nicht ganz richtig. Was ihm zugrunde liegt, versinnbildlicht Ihnen die neulich erzählte Geschichte von Anzengruber und Rosegger. Anzengruber hatte Bauern zu Vorfahren, deshalb kann er sie schildern. So bildlich dies erscheint, ist es doch die tatsächliche Wahrheit. Das Blut selbst vererbt sich nun nicht, das wird immer neu gebildet. Das Blut und alle seine Organe sind dasjenige, was sich beim Tier- und Menschenkeim am allerletzten bildet. Was sich vererbt, ist das, was hinter dem Blut liegt, die Formen, die Struktur zum Beispiel der Nase, des Gehirns sogar und so weiter. Wir verbinden das Geerbte mit dem innersten Selbst, indem wir es auf das Blut wirken lassen; dadurch wird es unser Eigentum. So durchpulst das Blut ganze Generationsreihen, obwohl es immer ein neues Blut ist.
Gewisse Dinge in der Bibel sind unmöglich zu verstehen, ohne die Bedeutung des Blutes zu verstehen. Gleich im Anfang des Alten Testamentes finden Sie, dass Adam, Abraham und so weiter 800, 900 Jahre alt werden. Damals war eben eine andere Art der Namengebung, eine andere Bedeutung des Wortes.
Ich muss da eine Tatsache erwähnen, die ein wichtiges Ereignis für die Menschheitsentwicklung war, der Übergang der Nah-Ehe zur Fern-Ehe. In allen Völkern findet sich ein Zeitpunkt, wo dies alte Gesetz durchbrochen wird. Wenn das geschieht, spielt sich jedes Mal in der geistigen Entwicklung etwas ab. Bei der Nah-Ehe lebten die Vorfahren in viel erheblicherem Maße im Gedächtnis fort. Jeder behielt die Erinnerung an das, was Genenationen vorher getan hatten. In dem Moment, wo die Fern-Ehe auftritt, wird das Gedächtnis beschränkt auf die Zeit zwischen Geburt und Tod. Früher finden Sie einen großen Ahnenkultus für einen Stammhalter, auf den der ganze Stamm zurückgeht. So lange Blut zu Blut kommt, erinnert sich der Einzelne, und so lange bleibt derselbe Name. So lange die Erinnerung von Adam dauert, bleibt sein Name. So sehen Sie, dass das Blut ist wie eine Tafel; was sich vererbte, ist die innere Struktur des Leibes, die in das Blut sich einschreibt. Das gleiche Ich bleibt, wo in das Blut dasselbe eingeschrieben wird.
Wir haben da die Gruppenseele und sprechen auch beim Tier von einer solchen. Daher bezeichnen wir nicht den einzelnen Löwen als ein Ich; und je weiter wir beim Menschen zurückgehen, desto mehr stoßen wir auf die Gruppenseele.
Erst durch die Fern-Ehe entwickelt sich das einzelne Ich. Je ferner die Menschen sich stehen, die sich mischen, desto mehr wird alte Anschauung ertötet und die Außenwelt strömt ein; das frühere Sich-mit-den-Vorfahrenidentisch-Fühlen wird in den Hintergrund gedrängt. Je mehr von außen einströmt, desto mehr entwickeln sich die Unterschiede der Persönlichkeit; denn die Außenwelt ist überall verschieden. Das sehen Sie zum Beispiel in den verschiedenen Ländern.
Was nun den Menschen vor allen Dingen bestimmt, muss auf sein Blut wirken. Was Sie zum Menschen sprechen, wird erst Eindruck machen, wenn sein Blut erregt wird. Nicht zum Verstand, nicht zu seinem Nervensystem müssen Sie den Zugang haben; Sie müssen sein Blut pulsieren lassen, dann berühren Sie sein Ich, denn dessen Werkzeug ist eben das Blut.
Alle alte Schulung besteht nicht in Theorie, sondern im Einwirken auf das Ich selber. So ist auch Faust zu verstehen. In dem Augenblick, wo man sich des Blutes eines Wesens bemächtigt, knüpft man ein Band zu demselben. Wer seine Macht in unberechtigter Weise geltend machen will, tut dieses; wer im guten Sinne Einfluss auf ein Wesen gewinnen will, darf nur so viel tun, dass dieses in jedem Augenblick seine Selbstständigkeit behält, — darf ihm nichts geben, was der andere nicht bereit ist aufzunehmen.
Es ist klar, dass da, wo man ein Geistesleben pflanzen und fördern will, man auf das Blut wirken muss.
In Bezug auf Kolonisation können sich Kulturen nur entwickeln, wo die Blutmischung der Völker einen guten Ton zusammen geben. Wo dies nicht der Fall ist, die Blutmischungen sich nicht vertragen, wird die Kultur, die schon vorhanden, vernichtet. Wer da hineinblickt, dem erscheint somit das Bringen der europäischen Kultur in ferne Länder oft als Schein und Trug. Es wird in Zukunft eine Kultur kommen, die nach diesem Gesetz fragen wird. Dann wird nicht mehr nach blindem Ungefähr, sondern nach der theosophischen Bedeutung für mittelbares Leben kolonisiert werden.
So sehen Sie, dass Mephistopheles Faust durch das Blut wirklich in seine Gewalt bekommt, und der Wunsch nach der Unterschrift mit Blut nicht Schrulle oder Fratze ist.