25. Mann, Weib und Kind vom Standpunkte der Geheimwissenschaft

GA 68d/1908-11-18 · 1908-11-18 · original · 91 passages · 5581 words
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## GA 68d — 18 November 1908, Prague

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### 25. Mann, Weib und Kind vom Standpunkte der Geheimwissenschaft

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Theosophie oder Geisteswissenschaft tritt an den Menschen heran in erster Linie auf die Art und Weise, dass sie ihm Mitteilungen über eine transzendente Welt gibt, sichere Kunde davon, was seit der Urzeit, seit den ersten Anfängen des Seins in der Welt des Unsichtbaren existiert, verborgen hinter unserer Welt der Sinne.

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Am Anfang scheint Theosophie nur eine Theorie zu sein, wie viele andere auch. Vertiefen wir uns in sie, sei es auch nur für kurze Zeit, so ist sie keine bloße Theorie mehr; sie wird eine Tat, eine Wirklichkeit für den, der mit ihr umgeht, sie wird durch das Leben Wahrheit, Weisheit und Reichtum.

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Zu all dem wird sie nicht nur, weil sie den Menschen große Ideale der zukünftigen Entwicklung des Menschen vor die Seele bringt, sondern auch aus dem Grunde, weil es gleich von Beginn an, bevor die großen Ideale verwirklicht worden sind, bereits möglich ist, etwas zu bedeuten für die Seele, unserem ganzen Leben eine Wende zu geben.

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Ein großes, umfassendes Ideal, das die Theosophie vor dem Menschen entwickelt, ist, dass jeder in der Lage ist, die in ihm schlummernden Kräfte und Fähigkeiten zu entwickeln, sodass es — sei es auch nur in ferner Zukunft - ihm möglich sein wird, in die Geisteswelt, von der die Theosophie spricht, selbst zu schauen, so wie er heute in unsere sinnliche Welt schaut. Ja, es kommt der Moment, vielleicht in ferner Zukunft, dass die geistige Welt dem Menschen nicht mehr etwas Verborgenes, Unbekanntes, Geheimnisvolles sein wird, sondern vor seinem Seelenblick glänzt und strahlt wie die Welt aus Farbe und Licht für einen, der von Geburt an blind war und nach einer Operation mit einem Male sieht.

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Dieses Erwachen zum spirituellen Leben, die Einbeziehung der geistigen Welt in das Feld der menschlichen Erfahrung, jenes hohe Ideal, von dem die Theosophie spricht, gibt dem Menschen Hoffnung, ja Gewissheit, dass er es einmal erreicht. Es liegt bereits etwas darin, was für die menschliche Seele von großem Reichtum ist, etwas, was dem Menschen Kraft und Gewissheit für sein ganzes Leben gibt. Für viele, für die meisten Menschen ist es allerdings bis da noch ein weit entferntes Ideal.

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Allerdings, ungeachtet dieses fernen Ideals kann die Theosophie dem Menschen noch etwas anderes gewähren, und zwar auch dann, wenn man sich diesem Ideal fern fühlt.

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Die großen Wahrheiten über die übersinnlichen Welten, die die fortgeschrittenen Individuen, denen heute diese Welten bereits geöffnet sind, der Menschheit darreichen, diese Wahrheiten, welche die Menschheit von Anfang an nur als Theorie aufgreift, unterscheiden sich von anderen Theorien darin, dass sie dem Menschen den Weg zeigen zum Verständnis alltäglicher Phänomene und Erfahrungen in unserem Leben. Es sind dies Mitteilungen, die uns die wichtigsten Manifestationen des Lebens erklären und uns die Lösung der dunkelsten Geheimnisse der Natur und des Menschen geben.

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Ein solches Wissen zu erwerben, heißt, Kraft für das Leben zu gewinnen. Denn das Nichtverstehen dessen, was im menschlichen Leben geheimnisvoll ist, bedeutet Unruhe, Schwäche, Unfähigkeit zu leben; auf der anderen Seite gibt jedes Vestehen des Wesens und des Zwecks des Lebens dem Menschen Kraft, Zuversicht und Hoffnung, die ihn auch in den schwersten Momenten nicht verlassen werden, wenn er sie am nötigsten hat.

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Diese ausnehmend praktische Bedeutung der Theosophie erscheint uns am deutlichsten, wenn wir uns einer solchen Frage zuwenden, die der heutige Vortrag gerade zum Thema hat, nämlich dem Geheimnis von Mann und Frau und ihrer Verbindung mit dem Kind. In der Tat ist dies ein lebenswichtiges Thema, weil wir keinen Schritt in unserem Leben machen können, ohne auf diese Frage zu treffen.

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Es ist wahr, dass die moderne Wissenschaft, die aller Bewunderung wert ist, eine große Zahl von Antworten auf diese Frage liefert. Jedoch stützt sich diese Wissenschaft, hinweisend auf die Beobachtung dessen, was der physische Blick sieht, was der physikalische Apparat zeigt und die Vernunft zu einem logischen Ganze verknüpft, nur auf die äußere Beobachtung und die daraus abgeleiteten Schlüsse — die Naturwissenschaft versagt völlig unausweichlich genau dort, wo uns solche Fragen und Geheimnisse des täglichen Lebens begegnen.

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Es genügt schon, die Literatur der heutigen Zeit anzuschauen: Wir finden hier, dass die heutige Literatur, die nichts von der Geisteswissenschaft weiß, gegenüber einem so wichtigen Problem, wie es das heutige ist, einen zweifachen Standpunkt einnimmt.

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Auf der einen Seite sehen wir aus der einen oder anderen dieser Bemerkungen eine materialistische Sicht durchblitzen, die über das Wesen von Mann und Frau die verschiedensten Annahmen aussprechen. Auf der anderen Seite sehen wir hingegen eine ganze Reihe von ernsthaften und denkenden Menschen, die von den vagen Vermutungen gar nicht befriedigt sind, die eine tiefere Natur des Widerspruchs zwischen Mann und Frau ahnen; diese Leute finden in der modernen Wissenschaft und Literatur nichts als eine einseitige und chaotische Sicht; aber sie sind noch nicht in der Lage, zur Geisteswissenschaft vorzudringen und da zur rechten Erleuchtung dieses Geheimnisses zu gelangen. Werfen wir einen Blick auf einige der Ansichten zu diesem Thema. Wie verwirrt ist das menschliche Wissen gerade hier!

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Die Schriftstellerin Rosa Mayreder, die sich mit dieser Frage beschäftigte, doch noch nicht in die Geisteswissenschaft eingedrungen ist, hat einige Meinungen gesammelt, die heute in allen Kulturländern, besonders über die Frau, üblich sind.

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Ein Überblick über diese verschiedenen Meinungen wirft ein scharfes Licht auf die völlige Verwirrung der heutigen Zeit. Schauen wir uns an, wie die Schriftstellerin verschiedene Ansichten vergleicht. Das Buch der erwähnten Schriftstellerin «Über das Problem des Weibes» verdient es auch sonst, gelesen zu werden, weil es gleichsam zur Theosophie zwingt, den Menschen zum Tor der Theosophie führt, obwohl sie selbst noch nicht in sie eingegangen ist. Hier können wir schen, wie ein großer oft genannter Naturforscher versucht, kurz die Natur der Frau zu erfassen und zusammenfassen darin, dass er ihr Zärtlichkeit zuschreibt. Ein anderer Naturwissenschaftler — sein Name tut nichts zur Sache — fasst alle Eigenschaften der Frau in dem Begriff der Hingabe zusammen. An anderer Stelle sehen wir wieder den aus der heutigen Zeit herausgewachsenen Menschen, der das Wesen der Frau am besten auszudrücken hofft mit dem Wort Zornmütigkeit.

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So kommt der eine zur Vorstellung der Zärtlichkeit, der andere ebenso aufrichtig und ehrlich zu dem Konzept der Hingabe, und ein dritter auf der Grundlage seiner Beobachtungen wiederum auf den Begriff der Zornmütigkeit. Ein weiteres Urteil, das wiederum von einem Manne ausgeht, der sich oft mit Psychopathologie beschäftigte, nennt die Frau verkörperten Konservativismus. Ein konservatives Element im sozialen Leben, das soll Frau sein. Wir müssen nicht weit gehen, und wir finden gerade die entgegengesetzte Ansicht: «Das eigentliche revolutionäre Element liegt in dem Wesen der Frau».

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Solcher Ansichten haben wir eine ganze Reihe. Ihre enorme Vielfalt, ja ihre Widersprüchlichkeit ist ein Beweis dafür, wie wenig die Menschen diese Dinge verstehen, wenn sie bei äußerlicher Beobachtung bleiben.

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Ein tiefer philosophischer Denker wiederum versucht, die Menschheit einerseits in analytisch denkende Menschen aufzuteilen, die alles, was sie sehen, analysieren, zerlegen, einteilen und in die Einzelheiten vordringen, andererseits in Menschen, welche wiederum das ganze Universum synthetisch verstehen - und nennt dann die Frau ein analytisches, den Mann ein synthetisches Wesen; aber sogleich treffen wir auf die Aussage eines anderen Philosophen, der erklärt, dass die Frau immer bereit ist zur Synthese, aber zum strengen analytisches Wissen, das zur Wissenschaft führt, ist angeblich nur der Mann in der Lage.

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All diese Denker, deren Ansichten hier angeführt worden sind, blieben einfach bei äußerlicher, oberflächlicher Betrachtung stehen; daher die ganze Verwirrung und Widersprüchlichkeit in diesen verschiedenen Aussagen.

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Trotzdem kann man sagen, dass in der Art, wie man sich mit dieser Frage befasst, etwas liegt, was die moderne Wissenschaft auf den Weg treibt, entlang welchem sie im Laufe der Zeit unbedingt zur Anerkennung des geistigen Lebens kommen muss, zur Anerkennung dessen, was jenseits der sichtbaren Welt der modernen Wissenschaft liegt.

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Auf besonders merkwürdige Weise fasste der junge, unglückliche Arzt Dr. Otto Weininger seine Ansichten in seinem Buch «Geschlecht und Charakter» zusammen, einem Buch, das auf einer Seite zeigt, wie die moderne materialistische Wissenschaft aus innerer Notwendigkeit zu höherer Erkenntnis angetrieben wird, aber auf der anderen Seite, wie diese Wissenschaft heute wegen ihrer Vorurteile und der Natur ihrer Methoden nicht in der Lage ist, eine endgültige Lösung für diese Frage zu finden.

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Weininger baut auf dem Boden ernster und exakter Wissenschaft, auf den Methoden moderner Forschung, dass es im männlichen und weiblichen Geschlecht eine Art von Polarität gibt, eine Art idealen männlichen und weiblichen Typus, die uns aber in der Praxis nie begegnen, denn in der Tat findet man beim Individuum immer, sowohl beim Mann einen verborgenen weiblichen als auch bei der Frau einen verborgenen männlichen Teil. Weininger stellt dieses Ganze jedoch auf eine stoffliche, materialistische Grundlage. Er erweckt geradezu die Ansicht, als ob in der weiblichen organischen Substanz ein Teil männlichen Stoffs beigemischt sei und umgekehrt.

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Auch in anderen Fällen finden wir bei Weininger neben Ideen, die zu wahrer Erkenntnis führen, ein breites Spektrum von völlig falschen Ideen und Schlussfolgerungen. Überhaupt zeigt dieses Buch eine wundersame Mischung aus tiefen Ideen und wieder regelrecht extremsten Vorurteilen gegen das Wesen der Frauen. Am besten ist das zu sehen an den Schlussfolgerungen, wo Weininger zur endgültigen Ansicht kommt, dass eine Frau weder Freiheit noch Individualität noch Intellekt noch Vernunft habe.

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Diese unterschiedlichen Ansichten über die Frau, voller Widersprüche, sie sind in der Lage, im menschlichen Inneren ein sympathisches Echo in der Richtung zu erwecken, dass man das Vorhandensein der Notwendigkeit erkennt, den Blick zu richten nicht nur auf die Beobachtung des Lebens durch die äußeren Sinne, sondern auch auf das innere, geistige Geschehen; nur dann, wenn wir Mann und Frau nicht nur so sehen, wie sie unseren Augen erscheinen, sondern wenn wir uns in das Innere des Menschen vertiefen, können wir die wahre Natur, Herkunft und die Gesetze der beiden Geschlechter des Menschen erkennen.

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In anderen Vorträgen wurde gezeigt, dass auf der Grundlage der großen Probleme von Wachen und Schlafen, Leben und Tod wir uns der unsichtbaren Teile des Menschen bewusst werden können.

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Es wurde gezeigt, wie die ganze unseren Sinnen zugängliche Welt, die sich tagsüber während des Wachbewusstseins um uns herum erstreckt, und dieses unser ganzes Wachbewusstsein am Abend beim Einschlafen in ein unbestimmtes Dunkel sinkt; und dass dann am Morgen beim Aufwachen alles das, was am vorangegangenen Abend ausgebreitet war vor dem Bewusstsein des Menschen, wieder aus dem Dunkel des Unbewussten heraustritt. Es ist das ein alltägliches Phänomen, und doch ist — vielleicht deswegen — dieses Prinzip nicht ausreichend untersucht worden, obwohl es eine der tiefsten, rätselhaftesten Fragen des Lebens ist, die den Menschen, wenn er sich ernsthaft damit konfrontiert, zu einer tiefen Erkenntnis bringen kann.

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Nach den Erfahrungen derer, die höhere Fähigkeiten entwickelt haben, kann man beobachten, dass der Mensch am Abend beim Einschlafen einen Teil seines Wesens im Bett zurücklässt, während der andere Teil aus dem physischen Leib heraustritt und dann mit ihm während der Zeit des Schlafes in der anderen, transzendenten Welt lebt.

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Aber warum kann der Mensch nicht mit jenem Teil, der in der Nacht aus dem physischen Körper herausgezogen wird, die Phänomene dieser höheren, übersinnlichen Welt mit vollem Bewusstsein wahrnehmen?

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Weil nur dort wahrgenommen werden kann, wo es Sinnesorgane gibt. Nur diejenige Welt ist wahrnehmbar, für die es Sinne gibt. In diesem seelisch-geistigen Teil des Menschen, der im Schlaf aus dem physischen Leib heraustritt, sind beim gewöhnlichen heutigen Menschen noch keine Organe entwickelt.

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Aus diesem Grunde ist der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen [taub] und blind für alles, was in dieser höheren Welt geschieht, in der er leben würde, wenn er heute nicht verwiesen wäre auf die rein sinnliche Welt, in welcher allein er einen entwickelten Wahrnehmungsapparat hat und wohin immer am Morgen sein seelischgeistiger Teil zurückkehrt, wenn er wieder in den physischen Leib eingefügt wird.

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Wir können noch weitergehen und auf einen anderen Umstand hinweisen, der uns zu einer wirklichen Beobachtung der Geisteswissenschaft führt. In dem, was beim Schlaf auf dem Bett liegt, können wir ein Zweifaches beobachten; der eine Teil, der physische Körper, kann beim schlafenden Menschen wahrgenommen werden durch den Tastsinn, er besteht aus den gleichen Kräften wie ein Stein, ist also mineralischer Natur.

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Dieser physische Körper würde in seine eigenen Kräfte und Substanzen zerfallen, wenn er nicht von einem Prinzip durchdrungen wäre, das ihn sättigt mit Lebenskraft, dem sogenannten Lebensleib oder ätherischen Leib. Alles, was lebt, muss sich das Leben ständig erobern. Der Stein wird von seinen mineralischen Kräften erhalten; nur von außen können die störenden Kräfte kommen, die ihn zerstören. Aber der lebendige Körper bleibt nur bestehen, wenn er durch Lebenskraft aufrechterhalten wird; sich selbst überlassen, zersetzt er sich unter der Einwirkung von mineralischen Kräften in die einzelnen Stoffe, aus denen er zusammengesetzt ist, und wird zu einem Leichnam.

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Zwischen Geburt und Tod ist der physische Körper des Menschen mit dem Ätherkörper verflochten. Beim Tod jedoch tritt dieser Ätherkörper mit dem Astralleib heraus und lässt den physischen Leib tot zurück. Dies ist der Unterschied zwischen Schlaf und Tod. Im Schlaf bleiben der physische und der Ätherleib zusammen, im Tod aber zieht sich mit dem Astralleib und den höheren Prinzipien des Menschenwesens auch der ätherische Körper heraus, während der physische Leib, sich selbst überlassen, zum Leichnam wird. Was uns heute an dieser Angelegenheit am meisten interessiert, ist, dass der Mensch in der Nacht, wenn er sich in der geistigen Welt befindet, fast rein geistig ist, richtig gesagt, ein seelisch-geistiges Wesen, das aus dem Astralkörper und dem menschlichen «Ich» besteht.

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Im physischen und ätherischen Körper sind die Organe, die der Mensch tagsüber während des Wachens benutzt, wenn er sich in seiner physischen Hülle befindet, zum Zweck des Kontakts mit der Außenwelt. So verstehen wir das Wesen des Menschen nur dann richtig, wenn wir seine wechselnden Zustände während des Tages und der Nacht beobachten.

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Genau in einem ähnlichen Verhältnis befindet sich der Mensch in Bezug auf das Geschlecht. Diejenigen Zustände, die wir unter dem Begriff Mann und Frau zusammenfassen, finden wir nur in dem Teil des Menschen, der nachts als physischer und ätherischer Leib auf dem Bett bleibt. Das, was sich aus ihnen während des Schlafes herauszieht — der astrale Körper und das «Ich» des Menschen - und morgens zu ihnen zurückkehrt, das hat kein Geschlecht. Was in der Nacht aus dem Körper herausströmt, ist der über das Geschlecht hinaus erhobene Mensch.

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So verlässt der Mensch, wenn er aus dem Körper kommt, das ganze Gebiet des Geschlechts; am Morgen dann, wenn er erwacht, kehrt er wieder zurück und begibt sich wieder in die Geschlechtlichkeit hinein.

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Nur der physische und ätherische Körper scheinen uns geschlechtlich zu sein und zeigen uns das auf wunderbare Weise.

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Die Theosophie gibt uns dieses besondere Wissen, wunderbar und unerhört, aber doch wahr! Nur äußerlich ist ein Mensch Angehöriger des Geschlechts, das durch die Sinne beobachtet werden kann. Aber wenn wir den übersinnlichen Teil dessen beobachten, was beim Schlaf auf dem Bett liegen bleibt, nämlich den Lebensleib oder Ätherleib, da zeigt uns dieser Leib gegenüber dem physischen Körper etwas Überraschendes. Der ätherische Leib ist tatsächlich genau mit dem entgegengesetzten Geschlecht begabt wie der physische Körper; der ätherische Leib eines Mannes ist weiblichen Geschlechts und der ätherische Leib einer Frau ist männlichen Geschlechts.

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Hier ist der Schlüssel zum Geheimnis des Geschlechts! Der Mensch, der vor uns steht, besteht aus dem physischen, ätherischen und astralen Leib und dem Ich (Ego); das Ego und der Astralleib sind übergeschlechtlich und nehmen daher nicht am Geschlechtlichen teil, außer dass sie sich mit dem ätherischen und physischen Körper umgeben.

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Von dem physischen und ätherischen Leib sehen wir mit den gewöhnlichen Sinnen allein den physischen Leib; aber wenn wir die Aufmerksamkeit nach innen auf die übersinnliche Seite, den ätherischen Leib richten, da finden wir das entgegengesetzte Geschlecht. Wenn der Mensch das Leben von der Geschlechterperspektive aus beobachtet, wenn es der Mann oder die Frau erlebt und versucht, es daraus zu verstehen, doch die Geisteswissenschaft ihm dann solche Mitteilungen verschafft wie über die Entgegengesetztheit des Geschlechts des physischen und des Ätherleibes, da fallen dem Menschen wie Schuppen von den Augen; dann erst wird es ihm klar, wenn er sich das Leben als Mann anschaut, dass, obwohl die äußere Natur ihn zu männlichen Taten anregt, er diese männlichen Eigenschaften harmonisiert, ausgleicht mit anderen, fast weiblichen Eigenschaften. Ebenso zeigt uns die Frau eine ganze Reihe männlicher Züge. Wir finden dann, dass es nichts gibt, das wir, sei es als Vorzug, sei es als Mangel, nur dem Mann oder nur der Frau zuschreiben könnten, das nur an ein Geschlecht gebunden wäre.

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Wenn wir von diesem Standpunkt Weiningers Meinung betrachten, dann sehen wir eine gewisse Ähnlichkeit, aber es sind sicher nicht materielle Dinge in Mann und Frau entgegengesetzten Geschlechts, sondern dies hat seinen Sitz im ätherischen Leib.

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Warum liegen diejenigen Menschen so falsch in ihren Meinungen über Frauen und Männer, die sich auf den äußeren Eindruck verlassen? Gerade weil sie geistiges Leben durch äußere Kennzeichen des Geschlechts beurteilen und vergessen, dass in jedem Mann etwas Weibliches und in jeder Frau etwas Männliches ist und deshalb immer in jedem Geschlecht etwas vom anderen Geschlecht ist, das es ergänzt.

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In all den oben erwähnten Charakterisierungen über die Frau, wo der Frau bald der Begriff «Zärtlichkeit», bald «Treue», «Giftigkeit», «Konservativismus» oder wieder «das revolutionäre Element im Menschen» zugeschrieben wurde, hier sehen wir überall, dass nur beurteilt wurde, was aus äußeren Sinnen gefunden wurde.

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Lasst uns tiefer schauen! Theosophie bringt Licht in diese Dinge, lehrt uns, die Sphäre zu verstehen, in der sich Männlichkeit und Weiblichkeit treffen. Dort, wo der Mensch über das materielle Leben erhaben ist, wie zum Beispiel im Schlaf, gibt es kein Geschlecht in seiner Bedeutung. Aber es wäre falsch zu urteilen, dass der Widerspruch, der bei beiden Geschlechtern auftritt, nur eine Bedeutung für die physische Welt hat. Man muss im Gegenteil in vollem Maße und Ernsthaftigkeit sich über die Natur der physischen Welt klar werden, nach dem Ausspruch von Goethe: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis»: Alles Physische ist nur ein Gleichnis des Geistigen!

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Wenn wir über diesen Geschlechtsunterschied nachdenken, werden wir die wahre Natur davon verstehen. Wir kennen diesen Unterschied nur in der physischen Welt, als Polarität zwischen Mann und Frau. Der Unterschied ist jedoch nur der Ausdruck eines viel tieferen Gegensatzes in der geistigen Welt. Zwei Manifestationen gehen Hand in Hand mit dem Leben, zwei Extreme, die wir gemeinhin Leben und Tod nennen.

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Im äußeren Leben kann das Bild dieses Widerspruchs am wachsenden Baum schön beobachtet werden. An der Oberfläche sehen wir die Rinde, die das innere Leben umgeben, eingesperrt hat, das von der Oberfläche zurücktrat. Im Innern sehen wir jedoch üppiges Leben, Ströme von Saft, die vom Stamm in alle Äste steigen, sie zum Leben stärkend, die Blätter, Blüten und Früchte ernährend. Im Inneren ist ein Baum voller Leben, aber es ist von einer festen Hülle bedeckt. Und doch benötigt dieser Baum dieses, in der festen Rinde gefangen zu sein, denn wie könnte ein Baum, der der Rinde beraubt wäre, die sein Leben scheinbar einsperrt, den Winter überleben, Sturm und Unwetter überstehen? Ein Baum, dessen Stamm verwundet, der Rinde beraubt ist, stirbt.

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In ähnlicher Art ist das ganze Leben durchdrungen von dem Gegensatz von Leben und Form.

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Was im Inneren des Baumes ist, will wachsen und gedeihen, aber es ist zurückgehalten von dem, dass es in die Form eingeschlossen ist, die ständig als etwas Bedrückendes, das Leben Ertötendes sich dem Leben entgegenstellt; das Leben selbst würde überborden, übereilen, wenn es nicht den Tod gäbe. Nur die Form, die zurückhält und bindet, schafft mit dem schnell voranschreitenden Leben die anzustrebende Harmonie und Ausgeglichenheit. Die Rinde des Baumes ist genau das Bild dessen, was einschränkt, zurückhält, ertötet.

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Tod und Leben greifen als die beiden Gegensätze in das ganze Leben ein, in alle Ereignisse. Wir finden überall das Leben - und die Form, die das Leben gleichzeitig in sich behält und zurückhält, damit es sich nicht übereilt, aber auch nicht gleich wieder verschwindet.

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Dieses Phänomen können wir im künstlerischen Schaffen beobachten: in den schönen Erzeugnissen der griechischen Plastik, wo der wissende Künstler uns in dem Bild der Statue verborgene Geheimnisse der geistigen Welt aufzeigt.

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Besonders deutlich zeigen uns das zwei Werke der griechischen Skulptur: Der Kopf des Zeus, der uns typisch anzeigt, wie man Zeus angesehen hat (Original im Nationalmuseum in Rom) und das der Juno (die sogenannte Juno Ludovisi). Zwei wunderbare Werke des menschlichen Schaffens; wer sie betrachtet, nicht gedankenlos, sondern tiefer, dem fällt auf die breite und flache Stirn der Juno, die dann auf einmal plötzlich zurückfällt, und demgegenüber die enge, nach den Seiten abgerundete Stirn des Zeus, deren Bogen an den Schläfen langsam zurücktritt.

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Wenn Sie das gesamte Antlitz des Zeus und der Juno betrachten, und wenn Sie sie miteinander vergleichen, dann werden Sie finden, dass das Antlitz des Zeus in Ihnen ein Gefühl weckt, dass, wenn in dieser Statue Leben wäre, dann würde sich in kurzer Zeit ihr gesamter Ausdruck verändern, verwandeln; in diesem Gesicht entwickelt sich enorme Lebenskraft, stark und üppig, die in der Lage wäre, das ganze Gesicht innerhalb kurzer Zeit umzuformen, umzuarbeiten.

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Anders ist es bei der Juno. Die Seele, die in diesem Wesen sitzt, die von dem Künstler eingefangen wurde im Ausdruck dieser Statue, diese Seele hat sich ganz und gar in die Form verkörpert, wurde eine schöne und vollendete Form. Hier fühlen wir die Ruhe nach der Schöpfung, und wir können uns dieses Gesicht nicht anders vorstellen; im Gegenteil — wir fühlen, wenn dieses Gesicht für alle Ewigkeit vor uns lebte, würde es sich in seinem Ausdruck nicht ändern. Bei Zeus ist im Gesicht nur ein Augenblick eingefangen dessen, was in dieser Seele geschieht, während wir bei Juno die Ruhe der Seele empfinden, die ihren Ausdruck vollständig in der fertigen, vollendeten Form erreicht.

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Hier sehen wir nochmals den ganzen Gegensatz: das Leben, das den Tod mit sich gebracht hätte, wenn man es sich selbst überlassen hätte, denn es würde ständig eine Form nach der anderen auslöschen, es würde keinen Augenblick einer Festigung in der Form dulden; dieses Leben auf der einen Seite, auf der anderen Seite wiederum das Einschließen des Lebens, die Kristallisation, das Bewahren desselben im Rahmen, in der Form.

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Sobald Sie aus der physischen Welt in die geistige Welt aufsteigen, verschwindet der Unterschied der Geschlechter, aber wir finden dort den Gegensatz zwischen dem fließenden, wirbelnden Leben und jener Kraft, die das eilende Leben zurückhalten, kristallisieren will. Und die Manifestation dieser beiden Gegensätze der spirituellen Welt und ihre Entsprechung im physischen Leben ist gerade Männlichkeit und Weiblichkeit.

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Allerdings muss man hier beachten, dass man an den äußeren Merkmalen, nach welchen das Geschlecht im gewöhnlichen Leben bestimmt wird, das Männliche und Weibliche nicht festmachen kann, da ein Teil des Weiblichen auch im Manne enthalten ist, und umgekehrt.

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Der männliche Pol ist uns eine Manifestation dessen, was schnell voraneilen und sich bald zu schnell entwickeln würde, die Manifestation jenes üppigen Lebens, das, sich selbst überlassen, nicht einen Augenblick aufhören würde; dagegen ist die weibliche Manifestation jene Kraft in der Natur, die das Leben zurückhält, es zwingt, innezuhalten, und damit seine Manifestation ermöglicht, indem die Form entstehen lässt. So wirken Männlichkeit und Weiblichkeit in der Natur zusammen, sich gegenseitig ergänzend.

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Die Frau — das Prinzip der Form, der Mann — das Prinzip des Lebens.

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Wenn wir das, was hier gesagt worden ist, auch ins Empfinden bringen, wenn es uns nicht nur eine leblose Vorstellung des trockenen Verstandes ist, dann verstehen wir auch die Aufgabe der Geschlechter in der Natur und finden dadurch den Weg zum gegenseitigen Verständnis und zum Verständnis der beiden Geschlechter im menschlichen Leben.

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Darin liegt gerade der große Vorteil der Theosophie, dass sie die großen Fragen des menschlichen Geistes praktisch löst, und sie zeigt die Richtung auf, in der ein tieferes Verständnis dieser [Fragen] erreicht werden kann.

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In ähnlicher Weise gelangen wir auch zur Lösung [der Frage] des Verhältnisses zwischen Mann, Frau und Kind ...

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Es wird für uns nicht schwer zu verstehen sein, in welcher Art sich das Kind zu Mann und Frau verhält, wenn wir uns daran erinnern, dass selbst im Schlaf das, was als ein seelisch-geistiger Teil des Menschen aus dem physischen Prinzip heraustritt, geschlechtslos ist.

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Wenn wir den Tod mit dem Schlaf vergleichen, gelangen wir zum Verständnis der Natur des Kindes.

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Was geschieht im Tod? — Der Äther- und Astralleib und das Ich treten aus dem physischen Körper heraus, welcher den Kräften der physischen Welt übergeben wird.

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Mit dem Ätherleib ist das Ich nur für kurze Zeit, höchstens einige Tage verbunden; dann wird auch der Ätherleib, insbesondere jener Teil, der der Träger des Geschlechts ist, abgetrennt, und es bildet sich ein zweiter, ätherischer Leichnam.

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Jedoch geht aus dem ätherischen Leib das, was nicht geschlechtlich ist, mit den übrigen Prinzipien als eigenständiges Prinzip weiter.

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Wenn dann der Mensch in ein neues Sein eintritt, dann steigt der Keim des Menschen aus den übersinnlichen Welten herab und neigt sich wieder herab, um durch Mann und Frau wiedergeboren zu werden.

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Drei sind notwendig, wenn der Mensch wieder in das physische Leben eintreten soll: Mann und Frau in der physischen Welt und der zu ihnen sich neigende Menschenkeim, der einige Zeit in der rein geistigen Welt verbrachte und dort heranreifte und sich eine lange Zeit hindurch für eine neue Inkarnation vorbereitete.

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Wie tritt ein Mensch in das physische Leben ein?

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Es wurde häufig und tief darüber nachgedacht, was wir im gewöhnlichen Leben die Liebe zwischen Mann und Frau nennen. Welch ein Meister des Lebens müsste der Mensch sein, um die Bedeutung dieses Wortes, in dem es so viele Geheimnisse gibt, vollständig zu verstehen! Von der höchsten Wonne bis zur elendesten Erniedrigung, von der höchsten Erhöhung bis zur schrecklichen Zerstörung alles Lebens ist all das im Wort «Liebe» enthalten.

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Alle tiefsinnigen Denker, die über die Liebe und ihr Wesen nachdachten, stimmten darin überein, dass da etwas sehr Intimes und Zartes ist, was jenseits der direkten Beobachtung liegt; bei Schopenhauer treffen wir direkt auf die Aussage, dass jede Handlung, jede Entzündung der Liebe zwischen Mann und Frau, einen besonderen, individuellen Charakter hat, sodass ein Ehepaar seit vielen Jahren zusammen sein kann, und doch ist jeder Akt der Liebe, ist jede eheliche Annäherung etwas Besonderes, Neues, Individuelles.

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Schopenhauer hat recht. Was bedeutet dieser Akt der Liebe, was geschieht bei der Liebe zwischen Mann und Frau? Es spielt nicht nur das eine Rolle, was im «physischen Leben» zwischen dem männlichen und weiblichen Individuum, lebt, sondern hinzu tritt auch etwas Drittes. Es gibt immer ein menschliches Wesen in der höheren Welt, das in die physische Inkarnation eintritt, und es flammt zu diesem Zweck die Liebe zwischen den beiden Wesen auf.

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Das, was wir nennen Liebe zwischen Herz und Herz, dieses glühende Gefühl, welches zwei Seelen verbindet, ist ein Abglanz jener geistigen glühenden Wolke der Liebe, mit welcher das Ich, hinabsteigend zur Geburt, zwei Wesen umgibt, ist dieser Ruf an den Mann und die Frau, die es diesem Menschen ermöglichen können, in das physische Leben einzutreten.

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Die Liebe selbst, die die Geschlechter zueinanderführt, kommt nicht nur von ihnen, sie ist ein Schatten, eine Projektion eines Wesens, das sich verkörpern will.

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So muss man die Individualität betrachten, die Eigentümlichkeit jedes Aktes der Liebe, denn in jeder solchen Vereinigung will eine menschliche Individualität durch die in Erscheinung treten, welche sie zu ihren Eltern und Erziehern erwählt hat.

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Auf diese Art des Betrachtens lernen wir zu unterscheiden zwischen dem, was individuell ist, und dem, was vererbt wird. Da der Vater und die Mutter bei der Fortpflanzung mitwirken, kreuzen sich auf verschiedene Weise Männliches und Weibliches von Vater und Mutter — ihres physischen und ätherischen Leibes —, zusätzlich aber erscheint uns als individueller Aspekt das, was das menschliche Ego, das sich da verkörpern will, mit sich bringt aus den höheren Welten und von seinen früheren Leben.

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Man muss also unterscheiden zwischen dem, was individuell ist, und dem, was von Vater und Mutter vererbt ist. Wir sehen es gut in Familien, in denen es viele Kinder gibt: Was sie von Vater und Mutter geerbt haben, das tritt bei allen Kindern auf, aber bei jedem Kind können wir vor allen Dingen etwas Besonderes, Individuelles beobachten, dasjenige, was der Geist selbst mitgebracht hat, was nicht in Vater oder Mutter ist, sondern was da war in dem Menschenwesen schon vor der Geburt.

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Dann können wir auch richtig einschätzen, was wirklich vom Wesen eines Elternteils geerbt wurde und auf was für eine wunderbare Weise es geschieht. Wir erfahren, warum so oft die Töchter nach den Vätern, die Söhne nach den Müttern gehen, warum wir bei Biografien von großen Männern uns auch mit dem Studium der Eigenschaften und der Art ihrer Eltern befassen. Auf der anderen Seite lernen wir, wie das, was im Menschen urwüchsig ist, in die ererbte Hülle eintaucht und teilweise mit ihr verschmilzt.

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Trotzdem sehen wir, wie die heutige materialistische Wissenschaft immer und immer wieder darauf hinweist, wie sich oft Eigenschaften der Eltern und sogar spirituelle Qualitäten vererben. Wir werden oft daran erinnert, wie das Genie seine Eigenschaften von den Eltern und der Familie erbt. Es wird auch hier nur von vererbten Eigenschaften gesprochen. Die Begabung des Menschen, sagt man, der ganze seelische Mensch bestehe aus dem, was sich in mehreren Generationen angesammelt hat. Der höchste Höhepunkt, sagt man, komme immer am Ende, denn da haben wir eine Art Anhäufung, Ansammlung. — Eine besondere Logik ist das! Es müsste die logisch richtige Argumentation hier zu den Toren der Geisteswissenschaft führen. Hier müsste das Genie am Anfang stehen. Gerade die Tatsache, dass das Genie oft am Ende vieler Generationen steht, ist ein unmissverständlicher Beweis dafür, dass es hier keine bloße Vererbung gibt. Dass das Genie tingiert mit Vererbung auftritt, das ist nicht verwunderlicher, als dass, wenn jemand — um einen ziemlich trivialen Vergleich zu verwenden — ins Wasser gefallen ist, er nass herauskommt. Aber es gibt etwas, das sich über Generationen angesammelt hat, aber das sind nur die äußeren Eigenschaften, jene Hüllen, die sich von Generation zu Generation entwickeln. Diese Dinge müssen in der richtigen Art und Weise angesehen werden, dann zeigt sich uns die innerlich kohärente, geschlossene Individualität, die ihren ersten Ausdruck im Gefühl der Liebe zwischen den künftigen Eltern wie als vorausgeworfenen Schlagschatten findet und sich verkörpert in völliger Verschiedenheit und unterschieden von dem, was vererbt werden wird.

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Viele Menschen haben Angst, wenn sie diese Lehren hören, dass das Gefühl der Liebe für die Kinder und die Eltern auf diese Weise leiden, erkalten könnte. Das ist aber nicht richtig. Diese seelische Verbindung zwischen Eltern und Kindern würde, im Gegenteil, weiter befestigt und verstärkt werden. Warum sollten bestimmte Eltern gerade dieses Kind bekommen? Weil es dieses Kind ist, das zu diesen Eltern will und bei ihnen und von ihnen geboren werden möchte.

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Daher auch die Individualität in den Gefühlen der Liebe, dieser Morgenröte der Liebe, die der Geburt eines Kindes vorausgehen: Die Liebe geht sogar voraus, schon vor der Geburt liebt das Kind die Eltern, noch vor dem Geschlechtsverkehr und der Empfängnis durch die Mutter, den Eltern zum Ausdruck gebend, dass es geboren werden will.

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Daraus folgt für uns auch die Notwendigkeit der Liebe der Eltern zu den Kindern, die eigentlich nur die Rückzahlung der Liebe des Kindes ist, die dieses vor der Geburt schon zu den Eltern hatte.

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Und so ist es mit vielen Begriffen, die uns im Alltagsleben begegnen und auf welche Theosophie, wenn wir tiefer in sie eintauchen, ein [immer] helleres Licht wirft.

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Hier sehen wir bei Vater, Mutter und Kind eine wunderbare Harmonie dieser Dreiheit, welche die Grundlage des Lebens überall in der Natur und beim Menschen ist, hier begegnen wir ihr in überaus anschaulicher und verständlicher Form.

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Der Mann ist das immer noch fließende Leben, die Frau ist das Symbol der Form, die dieses Leben aufnimmt und einschließt und es in Schönheit kristallisieren lässt; diese beiden Prinzipien vereinen sich dann ineinander, Mann und Frau vereinigen sich in der Liebe, um den Abstieg des geistigen Wesens aus den geschlechtlich neutralen Welten zur Form der physischen Welt zu [ermöglichen] und somit mit ihrer ganzen Liebe dieses Tor zwischen der höheren Welt, der Geisteswelt und der Welt des Stoffes zu öffnen.

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Wenn uns solche Begriffe, wie bereits erwähnt, nicht trockene Abstraktionen bleiben, sondern wir sie in mächtige Eindrücke und Gefühle verwandeln und dann durch sie bereichert ins Leben gehen, dann sehen wir, wie Theosophie alle Rätsel und Geheimnisse des Lebens, denen wir auf Schritt und Tritt begegnen, erklärt und löst.

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So kommen wir auch zur Erklärung zahlreicher Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens, zur Lösung der Widersprüche zwischen Konservativismus und Fortschritt; wir sehen, wie auf der einen Seite die Kräfte des Lebens wirken, die nach vorne eilen, und auf der anderen Seite die Kräfte der Form, die pflegen und bewahren.

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Bei tieferem Studium erfahren wir, dass sogar der Fortschritt schädlich sein kann, wenn er dem zweiten Pol des Lebens nicht gibt, was zu ihm gehört, wenn er der Form nicht gerecht wird, die das Leben pflegt und durch Widerstand kräftigt.

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Wenn wir uns so vom Standpunkt der Geisteswissenschaft an das Leben annähern, finden wir, dass uns dieses Leben nicht belasten wird, sondern es wird uns verständlich und uns mit Ehrfurcht erfüllen, es macht uns frei und ungebunden; Theosophie, richtig verstanden, zeigt uns die Richtlinien, die wir aufgreifen können, öffnet uns die Tiefen des Lebens und als Weltanschauung Wege, dass sich unsere Ansichten und Ideen verwandeln in Gewissheit, Kraft und Hoffnung. Dann werden wir uns in den schwierigen Augenblicken nicht verlieren, in den dunklen Momenten nicht in unserer Trauer ertrinken, wenn uns einmal beschieden war, tiefer hineinzublicken in die Grundlagen des Lebens und der Welt.

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Aber für eine solche Aufnahme der theosophischen Lehre braucht es keine anderen Beweise als die, welche uns Schritt für Schritt das Leben selbst gibt. Wer sich mit diesen Lehren sättigt und dann an alle Fragen des Lebens tritt, der versteht, dass Theosophie nicht nur eine Theorie, sondern auch praktische Lebensweisheit ist und letztlich ein kostbarer Lebensreichtum von unschätzbarem Wert.

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Cite: GA 68d/1908-11-18 · edition original