Ansprache zur Eurythmie

GA 277b/1920-03-27 · 1920-03-27 · original · 18 passages · 2008 words
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## GA 277b — 27 March 1920, Dornach

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### Ansprache zur Eurythmie

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> «Himmelsnähe» von C. F. Meyer mit musikalischem Auftakt von Leopold van der Pals > «An die Cicade» von J. W. v. Goethe > Spruch aus dem Seelenkalender (48.) von Rudolf Steiner > Spruch aus dem Seelenkalender (49.) von Rudolf Steiner > «Die Harzreise im Winter» von J. W. v. Goethe > «Huttens Kerker» von C. F. Meyer mit musikalischer Beigabe von Leopold van der Pals > «Howards Ehrengedächtnis» von J. W. v. Goethe > «Stratus, Cumulus, Cirrus und Nimbus» von J. W. v. Goethe > Stabübungen mit musikalischer Begleitung von Leopold van der Pals (Kindergruppe) > Ballen und Spreizen, dazu Musik von Max Schuurman (Kindergruppe) > «Gleich und Gleich» von J. W. v. Goethe (Kindergruppe) > Taktieren (Kindergruppe) > «Frohsinn» von Louise van Blommestein mit Musik von F. Hiller (Kindergruppe) > «Die Freude» von J. W. v. Goethe > Auftakt «Frage und Antwort» mit Musik von Max Schuurman > «Das Göttliche» von J. W. v. Goethe > Spruch aus dem Seelenkalender (50.) von Rudolf Steiner > Spruch aus dem Seelenkalender (51.) von Rudolf Steiner > Hymnus zum Eingang der Vesper am Palmsonntag von Friedrich Wolters mit musikalischen Auftakt Tiaoait von Leopold van der Pals

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Meine sehr verehrten Anwesenden!

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Das Ihnen heute auch wiederum als eurythmische Kunst Vorgeführte ist nicht etwa eine Summe von willkürlichen, ausgedachten Gebärden und Bewegungen des Menschen, sondern es ist tatsächlich der Ausdruck einer wirklichen stummen Sprache, einer Sprache, die durch Bewegung zur Offenbarung kommt. Sodass diese Bewegungen, ob sie nun auftreten als Bewegungen der Glieder des einzelnen Menschen oder als Bewegungen dieses einzelnen Menschen im Raume oder als Bewegungen von Menschengruppen in ihrem Verhältnisse zueinander — immer sind diese Bewegungen streng gesetzmäßig geregelt, genau so streng gesetzmäßig geregelt, dass sie mit einem Sinn, zum Beispiel einem Gedichtsinn oder einem musikalischen Inhalt, so zusammenfallen, wie das gesungene oder gehörig gesprochene Lautwort - also eine wirkliche stumme Sprache im Gegensatz zu einem willkürlichen Gebärdenspiel.

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Die Grundlage zu einer solchen stummen Sprache kann nur auf dem Wege gewonnen werden, den man bezeichnen könnte als eine Fortführung dessen, was Goethe sinnlich-übersinnliches Schauen nennt. Sie wissen ja, dass, wenn wir die Lautsprache hervorbringen, unser Kehlkopf und seine Nachbarorgane in gewisse Bewegungen kommen. Wir wenden die Aufmerksamkeit auf das Gehörte, sehen ab von den Bewegungen des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane. Aber diese Bewegungen übertragen sich auch auf die Luft. Sie sind in einem Raum, in dem gesprochen wird, durchaus vorhanden. Durch sinnlich-übersinnliches Schauen kann man nun erstens diese Bewegungen sich zum Bewusstsein bringen, zweitens aber namentlich die Bewegungsanlagen. Und diese Bewegungsanlagen, sie kann man nach dem Prinzip der Metamorphose - im Goethe’schen Sinne gedacht — nun anwenden; wie sie in der Lautsprache aber eben angewendet sind auf das Spezialorgan des Kehlkopfes, [so kann man sie] anwenden auf den ganzen Menschen. So, wie beim lautsprechenden Kehlkopf und seinen Nachbarorganen Bewegungen wirken, so bringen wir in der Eurythmie nach demselben Prinzip der Sprache bewegte Menschen, den ganzen Menschen in Bewegung.

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Was Sie also auf der Bühne hier sehen werden, sei es eben Bewegung des einzelnen Menschen in sich oder im Raume oder Bewegungen, die wechselweise durch die Personen der einzelnen Gruppen ausgeführt werden: Es sind immer solche Bewegungen, dass sie darstellen gewissermaßen Bewegungen eines Menschen oder einer Menschengruppe wie ein eben zum Menschen oder zur Gruppe gewordener Kehlkopf. Sie haben einen Vorgang ganz analog dem Sprachvorgang vor sich, nur dass Sie diesen Vorgang statt mit dem Ohre mit dem Auge beobachten.

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Ich hatte sonst, wenn ich mir erlaubte, diese einführenden Worte für die Vorstellungen zu sprechen, namentlich immer die künstlerische Seite dieser unserer Eurythmie hervorgehoben. Ich werde diese künstlerische Seite wiederum bei einer anderen Gelegenheit betonen. Heute, wo wir eine ganze Anzahl von Ärzten unter uns haben, möchte ich eben mehr die hygienische Seite unserer Eurythmie betonen.

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Gewiss, das Künstlerische ist daran zunächst die Hauptsache. Eurythmie stellt eine neue Kunstform dar, und sie wird als Kunstform tatsächlich befruchtend wirken können auf manches, das heute gesucht wird von ernstzunehmenden Künstlern, aber außerordentlich schwer gefunden werden kann, was gesucht wird unter den verschiedensten Masken, Expressionismus und so weiter, was immer eine Art von Stammeln ist, weil man zunächst mit unzulänglichen Materialien oder mit unzulänglichen Ausdrucksmitteln arbeitet. Also das Künstlerische will befruchtend wirken gerade auf den verschiedenen Sehnsuchten, die heute in der künstlerischen Entwicklung sehr gut wahrzunehmen sind und ein Suchen wahrnehmen lassen.

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Aber es hat diese Eurythmie noch eine wichtige pädagogische und eine wichtige hygienische Seite. Man könnte sagen: vom pädagogisch-hygienischen Standpunkte aus ist diese Eurythmie ein beseeltes Bewegungsspiel des Menschen, im Gegensatze zu dem mehr physiologischen Bewegungsspiel des Menschen, das vorliegt bei den verschiedensten Arten des Turnens. Nun wird man ja selbstverständlich heute noch schwer aufkommen, wenn man auseinandersetzt, dass solche bewegten, beseelten Bewegungsspiele, wie sie in der Eurythmie vorliegen, für die Entwicklung des ganzen Menschen vorzuziehen sind dem bloßen physiologischen Turnen.

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Aber man muss das Wahre ja doch aussprechen, und man muss nicht zurückscheuen, sich nicht zurückhalten lassen, dasjenige, was den Menschen mehr angeht, auch wirklich in die Praxis umzusetzen. Wenn auch viele Vorurteile hervorgerufen werden für das Eingewöhntsein in dasjenige, was ja durch lange Zeiten sich gerade in unserer pädagogischen Kunst und auch in unseren Volksbildungen, Volksentwicklungskunst so eingenistet hat wie das gewöhnliche physiologische Turnen. Dieses physiologische Turnen beruht ja gerade im Wesentlichen darauf, dass es ausgeht von dem menschlichen Leib und dass es den menschlichen Leib in solche Bewegungen, Stellungen, Handhabungen bringt, welche eben der Physiologie und ihren Forderungen entsprechen.

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Nun will ich durchaus nicht dasjenige, was nur einseitig gedacht ist [Lücke in der Textvorlage] - Eurythmie soll auch von dieser Seite her nicht etwa das Turnen ersetzen, sondern nur dem Turnen an die Seite treten, gewissermaßen halbpart machen auch in den Schulen mit dem, was durch das Turnen angestrebt wird. Es soll also angestrebt werden, dass künftig etwa die Hälfte der Zeit, die heute dem Turnen gewidmet wird, diesem gewidmet werden soll, was wir in der Eurythmie geben - also die Hälfte der Zeit nur müsste der Eurythmie gewidmet sein. Denn diese Eurythmie strebt an, dass in jeder Bewegung, die der Mensch ausführt, die das Kind ausführt, dass in jeder Bewegung das Beseelte liegt, dass also keine Bewegung ausgeführt wird, ohne dass das seelische Erleben in diese Bewegung hineingelegt wird. Geradeso wenig, wie ja die Lautsprache gesprochen werden kann, ohne dass das seelische Element überall in den Lauten darinnen ist, die Laute selbst hervorbringt oder den Zusammenhang der Laute konfiguriert und so weiter - dasselbe muss eintreten für diese bewegte stumme Sprache der Eurythmie. Jede einzelne Bewegung, jeder Bewegungszusammenhang, also alles dasjenige, was die einzelne Bewegung, auch die Bewegungsartikulation ist, was gewissermaRen der Satz in der Bewegung ist, das muss durchseelt sein. Es liegt seelisches Erleben zugrunde.

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Wenn nun für den Menschen angestrebt wird gewissermaßen eine Loslösung seiner Körperbewegungen von dem seelischen Erleben, so wird ja ganz gewiss zunächst in rein körperlicher, in physiologischer Beziehung vielfach eine Stärkung des menschlichen Leibes hervorgerufen. Allein, meine sehr verehrten Anwesenden, diese Stärkung des menschlichen Leibes ist nicht überall auch eine Stärkung des ganzen Menschen. Eine Stärkung des ganzen Menschen bedeutet nämlich durchaus, dass der Mensch in die Lage komme, in seinen Bewegungen immer mehr einen Ausdruck seines eigenen Willens zu schaffen, dabei zu sein bei allem, was in seinen Bewegungen liegt.

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Und man kann schon sagen, wenn man unbefangen genug dazu ist und sich nicht vor wichtigen Tatsachen, die eine soziale Psychologie bedeuten, verschließt, man kann schon sagen: Gewiss, in der neueren Zelt ist viel geturnt worden und auch viel dem Turnen Ähnliches getrieben worden, aber ob man die Frage unmittelbar bejahen kann, dass dadurch - wenn vielleicht auch Einzelnes am Menschen physisch stärker geworden ist und vielleicht auch in physiologischer Beziehung manches gesund geworden ist -, ob man auch bejahen kann, dass dadurch der Mensch als ganzes Wesen, als physisch-seelisch-geistiges Wesen stärker geworden ist, mehr mit Initiative ausgerüstet ist, mehr dabei ist bei den Weltangelegenheiten als in den ersten turnlosen Zeiten, das kann nicht unmittelbar behauptet werden. Diese Frage wird man nicht bejahen können. Denn schließlich zeigt ja doch gerade unsere Zeit, dass wir in der Epoche der schlafenden Seelen leben, dass wir zwar viel getrieben haben von Turnen, auch noch manches andere, was über das Turnen hinausgeht - was hat der Sport nicht alles hervorgebracht! Dass aber das Ergebnis von dem allem eine Erkraftung des ganzen Menschen wäre, namentlich eine Erkraftung der Initiative der Menschen, das darf nicht bejaht werden. Denn es ist nur allzu deutlich, dass die Menschen immer mehr und mehr in sich verschlossen geworden sind, immer innerlich träger und träger geworden sind und dass mit diesem Innerlich-verschlossenSein und mit diesem Träge-geworden-Sein, mit diesem Verschlafensein der Seelen das Unglück, das sich so gräulich ausgedrückt hat in den letzten fünf bis sechs Jahren, zusammenhängt. Herauskommen wird man aus dem, worauf da hingedeutet werden muss, erst dann, wenn man die Erkraftung des Menschen nicht nur anstrebt durch das physiologische Turnen, sondern durch die psychologische Eurythmie, durch das beseelte Sich-Bewegen.

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Daher werden wir einfügen in die heutige Vorstellung neben dem Künstlerischen, auf das ich dann morgen in ein paar einleitenden Worten noch besonders zurückkommen möchte, wir werden insbesondere Kindereurythmie einfügen, durch die Sie sich überzeugen können, wie schon im Kinde dadurch, dass überall beseelte Bewegungen vorliegen, etwas angestrebt wird, was dann mit vollem Nutzen für den ganzen Menschen in diese menschliche Entwicklung eingefügt werden kann.

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Es kommt ja überhaupt etwas, was gesundend ist für den Menschen, durch diese Eurythmie zum Vorschein. Ich brauche nur daran zu erinnern, dass wir ja finden, wie am Ausgangspunkte aller menschlichen Arbeit der Rhythmus liegt, nicht die ungeordnete, chaotische Arbeit, sondern der Rhythmus liegt: Primitive Arbeiten werden im Rhythmus ausgeführt. Das ist natürlich in der hastenden neueren Zeit, in der Zeit des Industrialismus, vollständig zurückgegangen. Dieser Rhythmus wird nun wieder eingeführt durch die Bewegungsspiele des Menschen.

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Daher werden Sie sehen, dass herauskommt alles dasjenige, was im Menschen schon veranlagt ist, allerdings innerlich zusammenhängt mit den seelischen Anlagen, an innerlichem Rhythmus, innerlichem Takt und so weiter. Wenn ich anführen darf: In Bezug auf das künstlerische Auffassen zeigt sich ja das in einem Mangel der ästhetischen Gegenwartsauffassung sehr deutlich. Die Gegenwart hat zum Beispiel eine Art von Rezitierkunst ausgebildet, welche namentlich auf den Prosainhalt des zu Rezitierenden den großen Wert legt. Diese Rezitationskunst, die man gerade in der Gegenwart als etwas besonders Beliebtes hat, die ließe sich in der Eurythmie ja nicht verwenden. Die Eurythmie muss begleitet werden von einem Rezitieren, das wiederum zurückgeht auf alles dasjenige, was das eigentlich Künstlerische, auch in Bezug auf Poesie ist, auf das Taktmäßige, Rhythmische, auf das Musikalische oder Plastische in der poetischen Kunst zurückgeht. Während man heute auch in der Rezitation den größten Wert darauf legt, dieses wirklich Poetische ganz zurücktreten zu lassen und nach dem Prosainhalt zu rezitieren, sodass die Form, auf die es in der Kunst eigentlich ankommt, in dem heutigen Rezitieren gar nicht zur Geltung kommt. So muss auch zurückwirken dasjenige, was die Eurythmie fordert, wiederum auf die Kunst der Rezitation.

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Das alles, was wir da anstreben, ist selbstverständlich so, wie wir es Ihnen heute als Probe darbieten können, erst im Anfange; doch werden diejenigen, die immer von Zeit zu Zeit sich dasjenige anschauen, was wir hier als eurythmische Kunst bieten, schon sehen, dass wir tatsächlich etwas vorwärtsgekommen sind, verglichen mit demjenigen, was wir vor sechs Monaten leisten konnten. Diejenigen Beobachter, die beides miteinander vergleichen - das vor sechs Monaten Vorgeführte und das Heutige — werden einen Fortschritt vielleicht doch bemerkbar finden. Und wir glauben eben durchaus, dass, trotzdem wir mit dieser eurythmischen Kunst noch am Anfange stehen, mit ihr aber ein Anfang zu etwas gegeben ist, was sich als Kunst und auch als Menschheitserziehungsimpuls neben andere, ältere Kunst- und Erziehungsimpulse vollberechtigt wird hinstellen können. Aber ich bitte um Ihre Nachsicht dahingehend, eben unsere Vorführungen, unsere Proben mit Nachsicht zu behandeln, weil sie ja zunächst ein Versuch sein sollen. Wenn diese eurythmische Kunst weiter ausgebaut sein wird — entweder durch uns selbst, aber wahrscheinlich durch andere -, so wird sich allerdings sehr wahrscheinlich diese menschliche Erziehungs- und Kunstmethode vollwertig neben andere, ältere Schwesterkünste hinstellen können.

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Cite: GA 277b/1920-03-27 · edition original