12. Theosophie, Sittlichkeit und Gesundheit

GA 34/12_theosophy_morality_and_health · original · 10 passages · 1908 words
p001

Die seit dreißig Jahren bestehende «Theosophische Gesellschaft» hat zu ihrem ersten Grundsatze gemacht: «den Kern einer allgemeinen Verbrüderung der Menschheit zu bilden, ohne Unterschied der Rasse, des Glaubens, des Geschlechts und des Standes». In ihrer öffentlichen Tätigkeit macht sich nun aber die Gesellschaft die Verbreitung gewisser Lehren über Wiederverkörperung und Menschenschicksal (Karma), über höhere Lebensstufen, Weltbildung, Menschenentwickelung und ähnliches zur Aufgabe. — Viele mögen sagen: bedarf denn die Pflege der allgemeinen Menschenliebe, wie sie der obige Grundsatz zum Ausdrucke bringt, einer Gesellschaft, die solche Ansichten zur Geltung bringt? Ist solche umfassende Liebe denn nicht das Ideal eines jeden wahren Menschenfreundes; und gibt es nicht viele Gesellschaften und Vereinigungen, welche ein gleiches Ziel anstreben, ohne von einem Bekenntnis zu den bezeichneten Lehren zu reden? Und mancher meint, man könne das Streben nach dem schönen Ziele dadurch nur schädigen, daß man es zusammenbringt mit der Ausbreitung gewisser Anschauungen. Zuweilen wird auch behauptet, jene Lehren könnten doch nur einer Minderheit von Menschen verständlich sein, während das genannte Ziel in jeder Menschenseele Wurzel fassen müsse.

p002

Diese Einwände gegen die Arbeit in der «Theosophischen Gesellschaft» haben viel Bestechendes für denjenigen, welcher die Sache nicht ganz genau betrachtet. Und es wäre in der Tat ein schwerer Fehler, den die Gesellschaft machen würde, wenn sie die Anerkennung gewisser Lehrsätze ihren Mitgliedern zur Pflicht machen wollte. Aber es wird von den Arbeitern innerhalb der Gesellschaft ja auch immer wieder betont, daß nicht Ansichten und Meinungen, sondern allein jenes Ziel die Mitglieder vereinigen solle.

p003

Man kann nun aber doch das öffentliche Eintreten für die angedeuteten Lehren sich deswegen zur Pflicht machen, weil man in ihnen die richtigen Mittel erkannt hat, das angestrebte Ziel zu erreichen. — Allgemeine Menschenliebe als solche zum Gegenstande einer Gesellschaft zu machen, ist zweifellos schön. Und wer sie fordert und predigt, wird in den weitesten Kreisen volle Zustimmung finden können. Denn diese Liebe ist eine Grundkraft der menschlichen Natur. Man könnte sie auch gar nicht dem menschlichen Herzen einpflanzen, wenn dieses nicht ursprünglich für sie veranlagt wäre.

p004

Wenn dies aber der Fall ist: warum ist diese Liebe im Leben nicht allgemein verbreitet? Warum begegnet man so vielem Kampf, Streit, Haß? — Der Theosoph gibt darauf heute die Antwort, die er aus dem wahrhaften Kern der großen Menschheitslehren empfangen hat, derjenigen, die stets vom Streit zur Eintracht, vom Haß zur Liebe, vom Kampf zum Frieden geführt haben. Es ist das Wesentliche der theosophischen Vorstellungsart, daß man durch sie zu der unerschütterlichen Überzeugung gelangt, in Seele und Geist seien die wahrhaftigen Kräfte und Ursachen von allem, was in der Welt geschieht, und nicht in dem, was die äußeren Sinne beobachten und verlangen. Wer zu einer solchen Überzeugung gelangt ist, dem ist auch klar, daß wahre Vorstellungen und Gedanken die edelsten Kräfte in den Seelen wachrufen, und daß Streit, Haß und Kampf die Folge sind von Irrtum und Verblendung. So lange man es für gleichgültig hält, was der Mensch denkt, so lange mag man auch auf die Verbreitung gewisser Lehren keinen besonderen Wert legen. Ist man sich aber klar darüber geworden, daß die Welt nicht blinden Kräften, sondern göttlicher Weisheit ihren Ursprung und ihre Einrichtung verdankt; daß Weisheit überhaupt die Ursache aller Entwickelung und alles Fortschrittes in der Welt ist, dann wird man sich auch zu der Erkenntnis durchringen, daß die Güte des Herzens aus dessen Zusammenstimmung mit dieser göttlichen Weisheit entspringen muß.

p005

Könnte der Mensch nicht irren: er wäre nicht Mensch. Dies ist er dadurch, daß er nicht als Sklave einer irrtumlosen Naturordnung, sondern aus eigener freier Wahl seine Handlungen vollbringen kann. Gibt ihm die Befähigung zum Irrtume seine Menschenwürde, so macht sie ihn auch zum Urheber unzähliger Übel. Je tiefer man in die Theosophie eindringt, desto mehr enthüllt sich einem der Zusammenhang zwischen Irrtum und Übel. So wahr es ist, daß alles Sinnliche und Materielle aus dem Geiste entspringt, so wahr ist es auch, daß alle Übel in der Sinnenwelt aus den Verirrungen des Geistes entspringen.

p006

In unserer Zeit wird solches allerdings schwer verstanden. Was könnte dem gegenwärtigen Denken phantastischer erscheinen, als wenn jemand behauptet, physische Krankheit habe etwas mit Irrtum, Gesundheit aber mit wahren und richtigen Vorstellungen zu tun? Die Zukunft wird zeigen, daß wirklicher Aberglaube nicht in dem Bekenntnis zu dieser Behauptung, sondern in dem Leugnen derselben besteht. Wer die Seele und den Geist wahrhaft erkennt, der macht sie nicht zu Anhängseln des Materiellen, sondern er sieht sie als Beherrscher des letzteren an. Und das Wesen von Seele und Geist sind Wahrheit und Weisheit. Nicht bloß in äußerlicher Weise stiften Wahrheit und Weisheit das Gute und Vortreffliche, sondern sie schaffen als Kräfte der Seele und des Geistes das Vollkommene in der Außenwelt. — Nicht in einer kurzen Auseinandersetzung, wie sie hier gegeben werden soll, kann es bewiesen werden, wohl aber wird es durch das Eindringen in die Theosophie für jeden einleuchtend, daß Gesundheit des Körpers die Folge von Weisheit und Wahrheit der Seele, Krankheit aber die Wirkung des Irttums und der Unweisheit ist. Wer in diese Behauptung einen oberflächlichen Sinn legt, der muß sie verkennen, und kann sie dann nur phantastisch finden. Den billigen Einwand, daß es doch sehr weise Menschen mit schwacher Gesundheit, und robuste Menschen mit geringer Weisheit gibt, kann sich doch wohl auch derjenige selbst machen, welcher die obige Behauptung aufstellt. So einfach liegen aber die Dinge allerdings nicht, daß mit diesem Einwande etwas Erhebliches gesagt wäre. Ursache und Wirkung, Irrtum und Übel liegen oft weit auseinander. Und schon um in den Sinn einer solchen Behauptung einzudringen, muß man sich tiefer mit der theosophischen Geistesart einlassen.

p007

Moralische und physische Übel entspringen dem Irrtume: und wer sich zur Wahrheit und Weisheit hinaufarbeitet, der fördert das moralisch Gute und auch die physische Gesundheit der Welt. Darinnen liegt das Richtige der Behauptungen von geistiger Heilung. — Und es handelt sich darum, einzusehen, daß der Mensch das Gute und das Gesunde fördert, wenn er die göttliche Weisheit, aus welcher die Harmonie des Weltalls entsprungen ist, auch in seine Seele einfließen läßt. «Theo-Sophia» ist «göttliche Weisheit». Was sie verkündet, sollen eben die großen, die göttlichen Gedanken sein, nach denen der Urgeist die Welt lenkt, nach denen sich das Leben bildet und der Mensch entwickelt. Es sind die Gesetze vom Leben der Seele in dem Leibe, von deren Schicksal in der Welt. Mit diesen großen Wahrheiten in Einklang leben bedingt Güte und Gesundheit; ihnen widerstreben hat das Böse und die Krankheit zur Folge. Je mehr man in sie eindringt, sich ganz von ihnen durchdringt, desto mehr werden sie zu wirksamen Kräften in der Seele. — Versteht man die Theosophie recht, so meint man dieses, wenn man sagt, auf das bloße Wissen, auf die theoretische Erkenntnis komme es nicht an, sondern auf das Leben. Wer aber behaupten wollte, daß er sich deshalb überhaupt um die Lehren der Weisheit nicht zu kümmern brauche, der würde gerade die Wirksamkeit der Vorstellung, des Gedankens leugnen, das heißt dessen, was das Leben des Geistes und der Seele ausmacht. Soll eine Kraft wirksam werden, so muß sie erst vorhanden sein. Sollen die göttlichen Gedanken, die in den Tiefen des Weltdaseins die schaffenden Kräfte sind, auch in der Menschenseele die sittlichenden und gesundenden Mächte werden, so müssen sie erst ihren Einzug halten in diese Seele. Nicht um eine bloße Wißbegierde zu befriedigen, verbreitet die theosophische Geistestichtung gewisse Lehren, sondern weil sie damit den wahren sittlichen Menschheitsfortschritt, und nicht minder die wahre Gesundheit des Lebens herbeiführen will.

p008

Die allgemeine Verbrüderung der Menschheit wird aus einem idealen Ziele zu einem umfassenden, schaffenden Gefühle, zu einer Fortschritt, Eintracht und Verständnis stiftenden Kraft werden, wenn die echte 'Theosophie ihr die Bahnen vorzeichnet. Gewiß kann jemand einwenden: aber wer bürgt denn dafür, daß in der Theosophie wirklich die heilende Wahrheit enthalten sei; haben denn nicht alle möglichen Geistestichtungen die besten Wirkungen von sich versptochen? Antwort darauf kann nur geben, wer sich mit dem theosophischen Streben bekannt. gemacht hat. Er wird dann finden, wie diese Geistesart gerade dadurch den Weg zur Wahrheit sucht, daß sie keiner einseitigen Meinung huldigt, oder eine solche jemandem aufdrängen will. Sie kann die wahre Toleranz jeder solchen Meinung gegenüber haben, ohne dadurch in Gleichgültigkeit zu verfallen. Denn echtes eigenes Wahrheitsstreben lehrt ein gleiches auch im anderen unbedingt schätzen. Keine Meinung ist so falsch, daß bei wahrer Redlichkeit aus ihr heraus sich nicht die Wahrheit finden ließe. Und wer einer fremden Meinung gegenübertritt, der kann in dieser entweder das suchen, was sie von der seinigen unterscheidet, oder aber dasjenige, worinnen sie, wenn auch entfernt, doch der seinigen ähnlich ist. Wer das erstere sucht, wird zur inneren Trennung von Mensch und Mensch, wer aber nach dem letzteren bestrebt ist, der wird zur Einigung beitragen. Echte Theosophie sucht selbst im ärgsten Irrtume das sicher vorhandene Körnchen Wahrheit, ohne auf der unbedingten Richtigkeit der eigenen Meinung zu bestehen. Und so wird im Zusammenwirken der Meinungen die Wahrheit im allmählichen Fortschritte sicher zutage gefördert. Daraus aber entsteht eine innere Brüderlichkeit, eine solche der Gedanken, von der alle äußere das Abbild sein muß.

p009

Aber, so wird eingewendet, ist denn alles das bei den Theosophen wirklich zu finden? Zweifellos nicht. Nicht aber darum kann es sich handeln: ob dieser oder jener, der sich Theosoph nennt, ein Ideal erfüllt, sondern einzig und allein darum, ob die Sache selbst geeignet ist, dieses Ideal zu fördern. Um aber darüber zu entscheiden, muß man sich mit dieser Sache selbst, und nicht bloß mit dem, was von ihr da oder dort zutage tritt, bekannt machen. Man fördert das Richtige viel mehr dadurch, daß man es selbst tut, als dadurch, daß man das Unrichtige beim anderen tadelt. Das wird man bald als eine der schönsten Früchte des eigenen theosophischen Strebens erkennen, daß dieses eine innere Überzeugungskraft hat, die nicht abhängig ist von den augenblicklichen äußeren Erfolgen. Bei solcher Gesinnung wird man bald klar darüber werden, daß, wo schlechte Früchte zutage treten, wohl auch nicht die rechte Theosophie zugrunde liegt.

p010

Ein anderes, das gegen die «Theosophische Gesellschaft» vorgebracht wird, ist das Schwerverständliche ihrer Lehren, die nur für Menschen mit einer gewissen Vorbildung zugänglich sein sollen. Wer, so sagt man, kann sich, ohne besonderes Studium, hineinfinden in die fremdländischen Ausdrücke, in all die verwickelten Theorien. Nicht geleugnet soll werden, daß nach dieser Richtung noch vieles zu leisten ist, um es der Theosophie möglich zu machen, das Herz und den Verstand eines jeden zu finden. Aber diese Arbeit muß eben geleistet werden. Was diese Geistesrichtung zu verkünden hat, das kann aber wirklich, wenn die rechten Ausdrucksformen gefunden werden, einem jeden verständlich sein. Ja, nirgends ist es in so hohem Grade wie hier möglich, für einen jeden Grad von Schulung oder Lebenserfahrung die rechte Ausdrucksform zu finden. Der Gelehrteste und der Ungelehrteste, beide können finden, was sie für das Heil und den Frieden ihrer Seele brauchen. Geistesrichtungen, die Großes wollen, können sich nicht im engen Kreise abschließen; und wo es bisher die Theosophie getan hat, da ist es geschehen, weil sie selbst erst im Anfange ihrer Laufbahn steht, und daher erst die rechten Wege auf den verschiedenen Gebieten des Lebens suchen muß. Je weiter aber die Kreise werden, über die sie sich verbreitet, um so geeigneter werden die Mittel sein, die sie anwendet. Daß sie dadurch an Tiefe und Ernst verlieren könnte, wenn sie größere Verbreitung gewinnt, ist kein Gedanke, dem sich jemand hingeben sollte. Denn die Verbreitung gewisser hier in Betracht kommender Lehren ist heute Pflicht; und man hat, wenn man das erkennt, für die Erhaltung des Echten in denselben zu sorgen, trotz der Ausbreitung, nicht aber durch die Furcht vor Entstellung sich von dieser Ausbreitung abhalten zu lassen.

Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/34/12_theosophy_morality_and_health.json
Cite: GA 34/12_theosophy_morality_and_health · edition original