Zehnter Vortrag
## GA 343 — Dornach
### Zehnter Vortrag
Meine lieben Freunde! Ich werde am Ende der Stunde mir erlauben, auf die Verteilung des Stoffes einzugehen, wie wir ihn behandeln wollen in der Zeit, die uns zur Verfügung steht. Heute möchte ich zunächst einiges weitere von dem anführen, was ich gestern begonnen habe. Es wird dann leicht sein, über das Lehrwirken in einer verhältnismäßig raschen Weise zur Klarheit zu kommen, wenn die nötigen Grundlagen in dem Sinne, wie ich sie mir vorstellen muß, dazu gelegt sind. Wir brauchen, wenn dieses Grundlegende gediegen sein soll, etwas mehr Zeit.
Wenn es sich darum handelt, in den Sinn des Evangeliums hineinzukommen und im Sinne des Evangeliums zu wirken, so stellt sich uns zunächst vor allen Dingen eines vor die Seele hin, das ist die ganz eigentümliche Art, wie man zu den Evangelien stehen kann, und da ist es natürlich notwendig, daß gerade in bezug auf diesen Punkt jeder gewissermaßen von einer persönlichen Perspektive ausgeht. Man versteht dann schon das Allgemeine, was darinnen liegt, wenn eine solche persönliche Perspektive geltend gemacht wurde. Und deshalb gestatten Sie mir auch, daß ich gerade den heutigen Vortrag etwas persönlich gestalte. Ich bin dazu gedrängt, weil Sie dadurch das folgende am besten entgegennehmen können.
Wenn ich selbst an die Evangelien herankomme, es mag noch so oft sein, so habe ich immer eine ganz bestimmte Empfindung, nämlich diese, daß in den Evangelien, wieweit man sie auch verstanden haben mag, was man auch aus ihnen heraus und über sie gedacht und gesagt hat - und man mag eben, ich betone das ausdrücklich, noch so oft an sie herantreten —, immer einem etwas Neues entgegentritt. Über die Evangelien lernt man nie aus. Aber dieses Lernen an den Evangelien ist mit etwas anderem verbunden; es ist damit verbunden, daß man, je weiter man sich mit ihnen beschäftigt, um so mehr Bewunderung empfindet für die Tiefe des Gehaltes, gerade für, ich möchte sagen, das Unermeßliche, in das man untertaucht und das eigentlich die Empfindung hervorruft, daß es kein Ende gibt in dieser Möglichkeit des Untertauchens, daß diese Bewunderung mit jedem Mal der Vertiefung in die Evangelien größer wird. Man hat allerdings mit Bezug auf diesen Weg einige Schwierigkeiten, die darin bestehen, daß man, wenn man einige Schritte hinein in die Evangelien gemacht hat - ich sage ausdrücklich «hinein» —, daß man über die Überlieferung stolpert. Für den eigentlichen Geisteswissenschaftler bildet das weniger ein Hindernis, denn ihm stellt sich etwas vor Augen wie die Urevangelien mit ihrem, man möchte fast sagen, wortlosen Text, und das erleichtert dann das NichtStolpern über die Überlieferung. Die Bewunderung, die scheint mir aber ein unerläßliches Element zu sein, wenn das Evangelienlesen für den einzelnen Menschen die Grundlage abgeben soll für ein religiöses Lehrwirken. Denn immer wiederum muß ich betonen, hier kommt es gerade darauf an, nicht nur das religiöse Leben im allgemeinen zu charakterisieren, sondern die Grundlagen zu liefern für das religiöse Lehrwirken, überhaupt für das religiöse Wirken im ganzen.
Diese Bewunderung, die man bekommt für die Evangelien, schließt sich wirklich an alles, auch an das einzelne in den Evangelien an, und ihr folgt etwas anderes, das Sie wahrscheinlich außerordentlich überraschen wird, aber ich habe gesagt, ich rede von persönlicher Perspektive aus, es folgt dieser Bewunderung das, daß man eigentlich niemals völlig befriedigt ist an einem der Evangelien, sondern daß man erst befriedigt wird an dem Zusammenklang der Evangelien, der sich lebendig ergibt. So wird es zum Beispiel von einer großen Bedeutung sein, wenn man das 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums auf sich wirken läßt und so hineinzukommen sucht, wie wir es gestern versuchten und heute noch weiter tun wollen, dann aber die ganze parallele Stelle des Lukas-Evangeliums vor seine Seele treten läßt, diejenige Stelle, wo ungefähr dieselbe Situation gegeben ist, man hat dann einen ganz anderen Eindruck der Empfindung. Der Eindruck wird ein ganz anderer; aber man bekommt dann eine andere Synopsis heraus als die gewöhnliche ist, eine innerlich lebendige Synopsis.
Sehen Sie, wenn man sich mit solchen Dingen viel beschäftigt hat, hat man ja im Leben allerlei Erfahrungen gemacht, und für Sie könnten diese Erfahrungen gerade aus dem Grunde wichtig sein, insofern Sie als jüngere Leute darangehen, in die Lehrwirksamkeit hineinzukommen, und das wollen Sie ja eigentlich in Ihrer Majorität.
Es trat mir einmal ein Mann entgegen mit einem Neuen Testament. Er hatte sich zu diesem Neuen Testament vier Bleistifte von verschiedenen Farben angeschafft und hat nun mit dem einen Bleisuft, ich glaube, mit dem roten, alles das angestrichen, sorgfältig unterstrichen, was in allen vier Evangelien gemeinschaftlicher Inhalt ist. Das macht, wie er mir zeigte, sehr wenig aus. Er nahm das Johannes-Evangelium. Vier Bleistifte waren es; dann hatte er die drei anderen Bleistifte verwendet, um nun das anzustreichen, was nur im Matthäus-Evangelium, dann das, was nur im Markus-Evangelium und dann das, was nur im Lukas-Evangelium ist. Dadurch hatte er in seiner Art eine merkwürdige analytische Synopsis bekommen, auf die er außerordentlich stolz war. Ich wendete ihm ein, solche Versuche würden ja vielfach gemacht; wir kennen auch innerhalb der deutschen Literatur - es war ein Engländer, der mir diese Errungenschaft vorhielt - durchaus solche Versuche, wo man kolonnenweise die entsprechenden Stellen nebeneinandergestellt und weiße Zwischenräume gemacht hat da, wo nur in einem Evangelium eine Stelle ist. Aber er war a priori davon überzeugt, daß seine Synopsis die beste sei.
Es ist dies genau der entgegengesetzte Weg, der sich ergibt, wenn man den Weg im Geiste geht. Da gliedern sich die verschiedenen Inhalte der Evangelien nicht auseinanderfallend und einander widersprechend, sondern sie schließen sich in der Tat zu einem Ganzen zusammen; und das Zur-Bewunderung-Kommen ist eine Erfahrung, die man machen muß, eine Erfahrung, die aber dem heutigen Zeitgeist im eminentesten Sinne widerstrebt, Für den Geisteswissenschaftler stellt sich dann allerdings noch das heraus, wovon ich gar nicht einmal verlangen kann, daß Sie es annehmen, es stellt sich hinzu heraus, daß es gar nicht anders möglich ist, dasjenige, was als Wahrheitsgehalt der Evangelien auftreten soll, anders als eben gerade durch den Zusammenklang der vier Evangelien zu bekommen. Es würde, auch wenn man im Sinne Tatians eine äußerliche Synopsis herstellen würde, die innerhalb gewisser Grenzen widerspruchslos wäre, sich doch nicht das ergeben, was sich gerade durch den konkreten Zusammenklang der vier Evangelien ergibt. Man muß sie schon alle vier auf sich wirken lassen und dann warten, was sich daraus ergibt, nicht zuerst vorschreiben, was die abstrakte widerspruchslose Wahrheit sein soll und dann erst suchen in den Evangelien, um alles das auszuschalten, was dieser abstrakten Wahrheit widerspricht. Die Wahrheit muß erlebt werden, und gerade die Evangelien sind eben ein Schriftwerk, an dem die Wahrheit erlebt werden kann; man muß aber Geduld haben, um diese Wahrheit an den Evangelien eben nach und nach zu erleben. Sie können da ja wiederum einwenden: Dann habe ich niemals eigentlich die Wahrheit, die in den Evangelien enthalten sein soll. - Ich muß Ihnen da in einer gewissen Beziehung recht geben, denn ich habe mich noch niemals vermessen zu glauben, daß ich die Wahrheit der Evangelien restlos habe; aber beim immer weiteren Fortschreiten habe ich das entschiedenste Gefühl, daß in geduldigem Warten verharrt werden kann, aus dem Grunde, weil die Wahrheitssicherheit nicht kleiner, sondern immer größer wird. Man kann also ruhig die Wahrheit als ein Ideal in unermeßlicher Entfernung vor sich hingestellt fühlen, man weiß, daß man auf dem Wege zu ihr ist. Das sind die Dinge, die sich beim Evangelienlesen auf die Seele legen und in das Herz prägen sollen, sonst wird man eigentlich doch mit den Evangelien nicht in einer ganz realen Weise fertig werden können. Es kann ja natürlich die Frage aufgeworfen werden: Soll man das? — Das wird sich in den nächsten Tagen zeigen, daß man es doch soll.
Nun muß ich sagen, es war für mich in gewissem Sinne ein innerliches Frohlocken, als mir aus den Evangelien heraus etwas entgegentrat, das ja ganz gewiß anderen auch schon gekommen sein wird, aber mir kam es entgegen gerade auf dem geistesforscherischen Weg in die Evangelien hinein. Da trat mir ein Bild entgegen, das recht genau ins Seelenauge gefaßt werden sollte, das Bild, wie die drei Weisen oder die drei Könige — Könige waren ja in der damaligen Zeit Eingeweihte, inspirierte Weise —, wie die drei Weisen nach der Kunde, die sie aus den Sternen gewonnen haben, worin sie gesehen haben, daß der Stern des Christus deutlich seine Schrift am Himmel gezogen hat, kamen, um den Christus anzubeten. Sie haben also aus der Sternprophetie gesehen, daß der Christus eben angekommen sein muß. Wer da weiß, was aus gewissen alten wissenschaftlichen Untergründen heraus Sternenweisheit genannt worden ist, der kann eigentlich dieses Bild erst im rechten Sinne würdigen, denn der weiß, daß diese Sternenweisheit im eminentesten Sinne verschieden war von dem, was wir heute Astronomie nennen. Das, was wir heute Astronomie nennen, das ist mathematischer und höchstens physikalischer Natur. Wir reden heute nur von der Astronomie, die eine rechnende Wissenschaft ist, und wir reden von der Astrophysik, die eine mechanisierende Wissenschaft ist; auch wenn wir als religiöse Menschen eine andere Empfindungsgrundlage gegenüber dem Kosmos einnehmen, reden wir aus dem Zeitbewußtsein heraus ebenso und denken und fühlen auch so. Aber Sternenweisheit, aus der hervorgegangen ist das prophetische Vorauswissen der drei Weisen, ist eben etwas anderes. Sternenweisheit wurde damals nicht genommen wie Erdenweisheit. Sternenweisheit wurde als etwas genommen, das man nicht bloß mathematisch oder physikalisch verzeichnet, sondern als etwas, das wie eine zu erlernende Schrift gelesen werden muß. Man ging aus von den feststehenden zwölf Zeichen des Tierkreises und beobachtete, welche Veränderungen die Planeten in ihrer Stellung erfahren, deren man sieben annahm, wie Sie wissen, im Verhältnis zu diesen feststehenden Zeichen des Tierkreises. Diese Bewegungskurven nahm man hin; und wie wir die Buchstaben lesen, so nahm man die Kurven hin und die Zeichen, die sich ergaben aus den Stellungen [der Planeten zu dem Tierkreis], und zu diesen an den Sternen selbst gemachten Beobachtungen fügte man hinzu die Ebene, die differenzierte Ebene, welche sich ergibt, wenn man das Weltall empfindet vom irdischen Gesichtspunkt aus: (es wird gezeichnet) Norden, Süden, Osten, Westen, wobei man die Tiefendimension als intensiv dachte, nichts hinzunahm, sondern alles dasjenige, was sich in der Tiefendimension ergab, auf diese Ebene projizierte. Dadurch, daß man gewissermaßen diese vierfach differenzierte Ebene als die Tafel betrachtete, auf der man dasjenige las, was sich aus der Sternenwelt zeigte, offenbarte, dadurch hatte man das Gefühl, man liest im Kosmos, und es waren ganz bestimmte Aufträge, die man gewissermaßen für das Lesen im Kosmos bekommen konnte. So war ein Auftrag der, daß man etwa sagte: Versetze dich genau in das Schauen, in das innere Schauen, verstehe dich darinnen zu empfinden, und indem du dich in dieser Weise innerlich empfindend einzustellen verstehst, verfolge dann den Gang des Mondes, verfolge also dasjenige, was hier so (es wird an der Tafel demonstriert) hingestellt werden kann, und du verstehst als Erdenmensch die Geheimnisse des Saturns. — Ich will zunächst nur andeuten, wie solche Dinge gegeben wurden. Das sind Dinge, die durchaus einmal lebendige Menschenbeschäftigung waren, und aus solch lebendiger Menschenbeschäftigung, aus dem Lesen am Himmel, stellte man sich ein gewisses Wissen zusammen. Heutige Astronomie und Astrophysik nimmt sich demgegenüber so aus, als ob jemand hergehen und unsere Buchstaben beschreiben würde, während diejenige Astronomie, von der hier die Rede ist, gar nicht die Buchstaben beschreibt, wohl aber nun den Text liest. Das ist der Unterschied. Nun, damit habe ich Ihnen nur charakterisiert, wie die Weisheit der Menschen beschaffen war, von der die Weisen aus dem Morgenlande ausgegangen sind, als sie den Christus suchten; diese Weisheit hat sie zum Suchen des Christus gebracht.

Meine lieben Freunde, was ist damit eigentlich vor unsere Seele gestellt? Damit ist vor unsere Seele gestellt, daß die höchste Weisheit, die damals in der Welt zu erringen war, zum Mysterium von Golgatha hinleitete, die höchste Weisheit. Gewissermaßen liegt darin der Gedanke des Ausspruches: Ihr möget euch allerhöchste Weisheit erringen; die allerhöchste Weisheit, die ihr euch erringen könnt und die ihr auch aus den Sternen ablesen könnt, verkündet euch das Mysterium von Golgatha.
Dieses Bild tritt einem aus dem Matthäus-Evangelium, wenn man in der Lage ist, dieses Matthäus-Evangelium in seine Zeitepoche hineinzustellen, voll entgegen. Diese Empfindung formt sich einem so, daß sie wirklich Bewunderung wird gegenüber den Schilderungen des Matthäus-Evangeliums.
Nun läßt man dieses Bild zunächst stehen. Dann geht man an das Lukas-Evangelium heran und findet in dem Lukas-Evangelium die Sätze von den Hirten auf dem Felde. Im Gegensatz zu den drei Weisen aus dem Morgenlande, die höchstes Wissen haben, werden einem die einfältigen Hirten auf dem Felde entgegengeführt, die gar nichts haben von diesem Wissen, die gar nicht einmal etwas ahnen von dem, was Wissensbesitz der drei Weisen aus dem Morgenlande ist. Die Hirten haben aus einem durch die natürlichen Verhältnisse hergestellten Bewußtseinszustand lediglich ein innerliches Erleben, das ihnen die Verkündigung gibt: Es offenbaret sich das Göttliche in den Höhen, so daß Freude werden kann allen Menschen -, lediglich aus ihrem einfachsten, einfältigsten Empfinden, das sich bis zum Bilde ausgestaltet, nicht bloß zum Traumbilde, sondern bis zum Bild als Imagination einer höheren Realität, einer höheren Wirklichkeit. Wir werden geführt zu den Herzen dieser Hirten, die aus dieser Menscheneinfalt heraus, abgesehen von allem Wissen, nun auch den Beschluß fassen, hinzugehen und [das Kind] anzubeten. Nun stellen wir einmal diese beiden Bilder nebeneinander. Wir betrachten sie nicht als irgend etwas, wovon das eine dieses, das andere jenes sagt, sondern wir stellen sie nebeneinander als sich gegenseitig belebend und zur vollen Wahrheit werdend. Was bekommen wir dann? Wir bekommen dann die unmittelbar erlebte Überzeugung: Das Mysterium von Golgatha ist so aufgetreten, daß es sich offenbaren mußte den höchsten Höhen der Erkenntnis der damaligen Zeit und dem einfältigsten Herzen, wenn dieses sich in selbstloser Art hingab. Es strömten zusammen vor dem erlösenden Kindlein die höchsten Weisen der Erde und die einfältigsten Menschen. Und es kann kaum in einer auf der einen Seite lichtvolleren und auf der anderen Seite empfindungstieferen Art vor unsere Seele sich hinstellen dasjenige, was man nun erfühlen kann als das Mysterium von Golgatha.
Man muß schon die dreiste Stirn des modernen Intellektualisten haben, wenn man gegenüber den Empfindungen, die wohlbegründet sind in der Erkenntnis jetzt nicht bloß des äußeren Gehaltes alter Weisheit, sondern der Seelenverfassung der alten Weisen, wenn man sich so verhält, wie sich die moderne Wissenschaft zu diesen Dingen verhält. Denn geradeso, wie tiefbegründet ist im Kosmos das Lesen der alten Sternenweisheit, so ist tiefbegründet dasjenige, was sich den einfältigen Hirten auf dem Felde mit ebenso starker Gewißheit ankündigte. Man weiß eben heute nicht, wie sich die menschliche Seelenverfassung im Laufe der Menschheitsentwickelung verändert, man weiß nicht, wie dasjenige, was da in den Sternen äußerlich durch Erkenntnis abgelesen werden kann, innerlich in der menschlichen Seele sich in älteren Zeiten noch erleben ließ, wie astrale Wahrheit Herzenserlebnis war, und wie wir als Menschen, um unsere Freiheit zu erringen, aus diesem Stadium der Entwickelung herausgeführt worden sind, um nach Erringung des Bewußtseins der Freiheit zu diesem Stadium wiederum zurückkehren zu können. Dieses selbstische Gefühl, meine lieben Freunde, mußten wir uns aneignen können. Um unsere Freiheit zu erringen, mußten wir so weit auf den Menschen zurückverwiesen werden, daß wir heute, sagen wir, die Zeit vom 20.Dezember bis zum 6. oder 7. Januar ebenso abstrakt durchleben als Menschen mit unserer Seele, wie wir etwa die Osterzeit [abstrakt] erleben. Mir drückte sich das insbesondere einmal recht scharf aus — wie gesagt, die Dinge wurzeln eben auch in Erfahrungen des Lebens —, als ich einmal in einer kleinen Versammlung war, wo man beriet über eine Kalenderreform, eine Kalenderreform, die gegeben werden sollte aus den modernen Bedürfnissen heraus. Ein moderner Astronom, der ein großes Ansehen hatte in der astronomischen Gelehrtenschaft, war dabei. Er war selbstverständlich der Sachverständige, er plädierte dafür, daß das Osterfest zur Uniformierung des Jahres durchaus gesetzt wurde auf den ersten Sonntag des April, daß es also mindestens zunächst rein äußerlich, abstrakt fixiert werde. Dafür hatte er kein Verständnis, daß die Menschheit hinaufschauen sollte auf das Wechselverhältnis von Sonne und Mond, um das Osterfest zu fixieren. Und in jener Versammlung von so etwas zu sprechen, wäre natürlich eine völlige Narrheit gewesen. So weit sind wir ja mit unserem innerlichen religiösen Erleben des Kosmos weg von dem, was die heutige Menschheit, gerade wenn sie auf dem höchsten Punkt eines bestimmten Kapitels der Gelehrsamkeit steht, erfassen und nur als normal für den Menschen ansehen kann. Unter den Gründen, die dazumal angeführt wurden für eine solche Fixierung des Osterfestes, wurde auch angeführt die Unordnung, die in die Geschäftsbücher jedes Jahr gebracht wird, wenn man die Osterzeit als einen variablen Zeitpunkt jedes Jahr in einer anderen Weise in diese Bücher hineinstellen muß, die von dem alten Religiösen nichts anderes mehr bewahren, als daß auf der ersten Seite gewöhnlich steht «Mit Gott». Das steht ja in Geschäftsbüchern. Aber ich bitte Sie, sich selber anzuschauen, wieviel dann auf den folgenden Seiten im Sinne dieses Ausspruches verzeichnet steht.
Sie müssen solche Dinge durchaus als wirklich ausdrucksvoll für den ganzen Geist unserer Zeit auffassen. Denn wenn man nicht bis in die Einzelheiten hinein den Geist unserer Zeit versteht, wie soll man denn den wirklichen Impuls für eine religiöse Erneuerung in sich verspüren? Man muß sich mit einem gewissen Ernste sagen können, auch auf den übrigen Seiten des Hauptbuches und des Kassabuches oder des Journals müßte sich dieses «Mit Gott» bewahrheiten können. Denken Sie, was für eine Kraft dazu gehört, um gegenüber den Kräften, die im heutigen sozialen Leben wirken, heute Religion wirklich ins Leben hineinzutragen. Das muß man ja immer im Hintergrunde fühlen, sonst bleibt der Drang nach religiöser Erneuerung doch nicht der ernsthafte, der er heute sein soll. Also ein Gefühl muß man haben für die Veränderung der menschlichen Seelenverfassung. Man muß sich klar darüber sein, daß in älteren Zeiten diese menschliche Seelenverfassung so war, daß, wenn die Erde oben gefroren war und die Sterne mit jener eigentümlichen Aura erschienen, die sie in der zweiten Dezemberhälfte haben, das menschliche Innere sich dann so zusammenzog, daß es zu Gesichten kam, die [die Menschen] dasjenige in Realität erleben ließen, was äußerlich [in der Sternenschrift] lesend der Astrologe erkundete. Denselben Quell der Eingebung hatten die armen Hirten auf dem Felde wie die Astrologen, denn solche waren sie ja doch, die [drei Weisen, die] da kamen, um das Christus-Kindlein anzubeten. Sie kamen von verschiedenen Seiten her. Die einen von der Peripherie des Weltenalls, die anderen von dem Mittelpunkt des menschlichen Herzens, und sie fanden dasselbe. Wir müssen lernen, indem wir das eine und das andere tun, auch wirklich dasselbe zu finden, wir müssen es insbesondere tun als religiöse Lehrer, damit unser Wort Inhalt bekommt, Inhalt in einer solchen Weise, wie das Wort Inhalt hatte bei den drei Weisen aus dem Morgenlande. Und wir müssen auf solche Art vorgehen können wie die Hirten auf dem Felde, weil dadurch das Wort allein die Kraft bekommt, die es braucht. Wir brauchen zum Worte Inhalt, und wir brauchen zum Worte Kraft. Und wir bekommen den Inhalt des Wortes, wenn wir uns in so etwas vertiefen wie das Matthäus-Evangelium, und wir bekommen die Kraft, wenn wir uns in so etwas vertiefen wie das Lukas-Evangelium. Diese zwei Evangelien — auf die anderen werden wir noch zurückkommen - stehen in einem hohen Maße einander ergänzend gegenüber. Es ist, wenn wir dasjenige, was ein jedes geben kann, in unser Inneres aufnehmen, wie wenn wir dadurch erst durchbrechen würden zu dem, was uns den religiösen Lehrgehalt aus den Tiefen der menschlichen Seele heraus gibt.
Sehen Sie, so sprechen kann heute eigentlich wiederum nur Anthroposophie. Versuchen Sie es einmal, ob Sie die Möglichkeit, so zu sprechen, irgendwo finden. Wo Sie sie finden, ist eben doch unbewußt Anthroposophie vorhanden; sie braucht ja nicht immer dogmatisch genommen zu werden, sie ist auch so nicht gemeint.
Nun, wenn wir von solchem Fühlen und Empfinden aus gerade an das 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums herantreten, meine lieben Freunde, dann kommt man vor allen Dingen — nehmen Sie die Worte, wenn sie ausgesprochen werden, jetzt durchaus so, daß sie nach ihrem Empfindungsgehalt nicht das sind, als was sie sich gegenüber dem heutigen Zeitbewußtsein leicht ausnehmen —, man kommt vor allen Dingen in eine hohe Bewunderung hinein gegenüber der ganzen Komposition des 13. Kapitels des Matthäus-Evangeliums. Die ganze Komposition ist etwas, was sich nur bewundern läßt. Wir haben zuerst vor uns das Gleichnis vom Sämann. Nach diesem Gleichnis vom Sämann haben wir drei andere Gleichnisse, das vom Aussäen des Krautes und des Unkrautes, die da wachsen sollen bis zur Ernte, wir haben das Senfkorn-Gleichnis und das Sauerteig-Gleichnis. Zwischen diesen Gleichnissen haben wir eine gewisse Unterweisung der Jünger, die anders zuhören sollen, als das Volk zuhört. Wir haben dann die Entlassung des Volkes, und dann die weiteren Gleichnisse, die nur den Jüngern gesagt werden. Wir werden im Verlaufe des Kapitels geführt zu Gleichnissen, die dem Volke gesagt werden, und zu Unterweisungen, die den Jüngern gegeben werden über diese Gleichnisse, die dem Volke gesagt wurden. Wir haben dann das Hereinnehmen der Jünger, ich möchte sagen, in die Heimlichkeit, Gleichnisse, die nur den Jüngern gesagt werden, und dann die Frage: Habt ihr diese Gleichnisse verstanden? — und die Antwort: Ja, Herr. — Dies ist eine wunderbare Komposition, und sie wird noch wunderbarer, wenn wir auf die Einzelheiten eingehen. Wir haben erst das Gleichnis vom Sämann einfach hingestellt. Nachdem die einleitenden Worte gesprochen sind, wird von dem Sämann erzählt, der da aussät; [es wird erzählt], daß auch die Vögel das Ausgesäte fressen, daß anderes auf steinigen Boden fällt, dort nur schwache Wurzeln fassen und zuwenig innere Kraft bekommen kann, anderes auf gutes Land fällt. Wir haben das einfach hingestellt; und nachdem dieses hingestellt ist, beginnen die folgenden Gleichnisse schon damit, daß gesagt wird: «Das Himmelreich gleichet ...». Die folgenden Gleichnisse werden mit diesem Anfang eingeleitet: «Das Himmelreich gleichet...», auch vor dem Volke. Das Volk wird also so sorgfältig vorbereitet, indem erst bloß Tatsachen hingestellt werden, dann wird es sanft dazu hingeleitet, daß dasjenige, was da als Tatsache gesagt wird, auf das Wirken der Himmelreiche hinzielt. Mehr wird dem Volke nicht gesagt; dann wird es entlassen. Die folgenden Gleichnisse werden den Jüngern beigebracht: das Gleichnis vom Schatz im Acker, das Gleichnis von der kostbaren Perle, und das Gleichnis von den Fischen, die im Netz gefangen werden; viele werden verworfen, und die brauchbaren werden gesammelt als Nahrung. Diese Gleichnisse werden nur den Jüngern selber gesagt, und sie werden gefragt, ob sie sie verstehen. Sie antworten mit einem «Ja», das aber in diesem Evangelium-Zusammenhang dasselbe bedeutet, wie wenn wir heute, wenn wir überhaupt noch dabei das Richtige fühlen, sagen: Ja, Amen. — Darin liegt eine wunderbare Komposition, die aber nicht gesucht ist, denn sie ergibt sich eben auf naturgemäße Art.
Der Skeptiker kann ja sagen: Ihr legt nicht aus, ihr legt unter. — Aber, meine lieben Freunde, wenn man sich eben hineinlebt in die Evangelien, so kann man nicht anders, als diese Dinge so empfinden; und es wird schon seine Gründe haben, daß man so empfinden muß, daß man in diese wunderbare Komposition sich einleben muß, daß man wirklich nötig hat, auf alle Einzelheiten des Evangeliums zu schauen. Sie sind eine wunderbare Komposition.
Versuchen wir jetzt einmal, etwas einzudringen in diese wunderbare Komposition. Gehen wir aus von den drei Gleichnissen, welche den Jüngern nur gesagt werden in der Heimlichkeit. Diese würde also nach dem ganzen Sinn des 13. Matthäus-Evangelium-Kapitels, aus dem Geiste des Matthäus-Evangeliums der Christus Jesus dem Volke nicht sagen. Bitte auch das zu hören, daß ich deutlich sage: aus dem Geiste des Matthäus-Evangeliums würde er sie dem Volke nicht sagen. Versuchen Sie aber, sich einmal zu erinnern, was gerade in diesen Gleichnissen gesagt wird, die nur den Jüngern gegeben werden. Im ersten, dem Gleichnis vom Schatz im Acker, entdeckt ein Mann den Schatz im Acker, er verkauft alles, um jenen Acker zu kaufen, in dem der Schatz ist, damit er ihn habe. Darauf kommt es im wesentlichen an, daß er alles verkauft, um diesen Schatz zu bekommen, daß er alles hingibt, um diesen Schatz zu haben. Das dürfte so, wie das Verhältnis des Jesus und das seiner Jünger zum Volke aufgefaßt wird, dem Volke nicht gesagt werden. Warum? Weil eine gewisse Gefahr vorliegt, die Gefahr des Egoistisch-Werdens, die Gefahr der Lohn-Ethik. Man darf nicht, ohne dadurch dem Volke zu schaden, ohne weiteres zum Egoismus sprechen. Man spricht aber zum Egoismus, wenn man denjenigen, den man anhalten will Gutes zu tun, auf den Lohn des Ewigen verweist. Lohn-Ethik, die im Grunde genommen doch in starkem Maße der Sinn des Alten Testamentes ist, Lohn-Ethik wird abgewiesen durch den Christus Jesus. Darum spricht er ein solches Gleichnis, das einem Unvorbereiteten einen Hinblick geben könnte auf die Belohnung, nur zu denjenigen, die schon so weit vorgeschritten sind, daß sie nicht mehr in die Gefahr kommen können, dieses Gleichnis im egoistischen Sinn auszudeuten. Die Jünger, die durch ihr Zusammenleben mit dem Christus Jesus über den Egoismus hinaus sind, ihnen erst darf man so etwas sagen, wie in diesem Gleichnis gesagt ist, ihnen erst darf man das Himmelreich mit einem Schatz vergleichen. In den Jüngern wird nicht der Drang nach dem Egoismus aufgeregt. Zum Volke dürfte man im Sinne des Matthäus-Evangeliums nicht in diesem Gleichnis sprechen, ebensowenig wie in dem folgenden, das ganz nach diesem Schema konstruiert ist, dem Gleichnis vom Kaufmann, der alles verkaufte, um das Himmelreich zu erringen. Und weil der Christus Jesus weiß, daß er so zu seinen Jüngern sprechen kann, darf er ihnen dann auch das letzte, das gefährlichste Gleichnis sagen. Es ist dasjenige Gleichnis, das auf den unvorbereiteten Menschen einfach furchtbar wirken muß, das Gleichnis, [in dem es heißt], daß alles dasjenige, was auf der Erde an Ärgernis, an Bosheit und an Sünde ist, zuletzt im Feuerofen verbrennt, und daß das Gute für den Himmel gesammelt wird. Das verträgt nur das Gemüt, das unegoistisch fühlen gelernt hat; sonst müßte das menschliche Gemüt ärgerlich werden über ein solches Gleichnis. Was ist es denn eigentlich, was vermieden werden soll durch eine solche Unterweisung, wie sie der Christus Jesus in einem solchen Gleichnisse gibt? Vermieden werden soll das Ärgerlichwerden, vermieden werden soll, daß der Mensch ärgerlich wird über den Gang der Welt und über das Menschensein. Das ganze 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums ist eine Anweisung dazu, den Menschen geduldig gegenüber dem Schicksal zu machen; darum kann erst zuallerletzt enthüllt werden, wie es am Ende der Welt zugeht. So sind diese letzten Gleichnisse diejenigen, die erst in der Heimlichkeit zu den Jüngern gesprochen werden können, bei denen gewiß ist, daß sie, was der Christus Jesus auch sagen wird, auch das Furchtbarste, in diesem Augenblick, in dieser unmittelbaren Gegenwart, drinnenstehen in der Selbstlosigkeit. Daher sagen sie: Ja, Amen.
Nachdem wir versucht haben zu empfinden, was in diesen bloß für die Jünger bestimmten Gleichnissen gesagt ist, gehen wir zurück zu den anderen. Der Mensch kann nur vorbereitet werden für die egoismuslose Auffassung von irgend etwas, wenn er an demjenigen, was ja in gewisser Weise außer ihm steht, ohne Erregung des Urteils, an der Natur sich dazu vorbereitet. Indem man im Anschauen der vier Vorgänge mit den Samenkörnern verweilt - wenn man gar nichts anderes zunächst denkt als diese Vorgänge: die Samenkörner, die da auf den Weg fallen und von den Vögeln gefressen werden, die da auf steinigen Boden fallen, die unter die Dornen fallen, und die auf gutes Land fallen —, indem man einfach in diesem Anschauen verweilt, kann man eigentlich nicht bei sich sein; man wird erzogen, etwas selbstlos anzuschauen. Und nachdem man auf diese Weise das sonst gewissermaßen zur Selbstsucht hindrängende Gemüt auf diese Weise gestählt hat an der Außenwelt, darf erst etwas anderes eintreten. Was darf eintreten?
Nun, sehen Sie, hier kommen wir wiederum an eine wichtige Einzelheit dieses 13. Matthäus-Evangelium-Kapitels. Ich kann schon nichts dafür, wenn jemand das Eingehen auf solche Einzelheiten vielleicht pedantisch finden mag; für mich ist es nicht pedantisch, für mich ist es durchaus eine Realität. Es wird der aus dem Zeitbewußtsein der Epoche des Mysteriums von Golgatha heraus bedeutsame Unterschied gemacht zwischen Ohren, die irrtümlich hören, und Augen, die schlummern, die schlafen, die nicht erweckt sind. Es wird die Erklärung gegeben, daß herausgefunden werden soll durch die Entwickelung des Menschen aus dem irrtümlichen Hören, und daß aufgeweckt werden sollen die Augen.
Sehen Sie, das führt uns darauf, wie in der damaligen Zeit — was man durchaus auch aus anderen anthroposophischen Untergründen heraus wissen kann - ein deutlicher Unterschied gemacht worden ist zwischen der Organisation des Hörens und der Organisation des Sehens. Darüber wissen ja die heutigen Menschen gar nichts. Sie wissen zum Beispiel nicht, daß die Gesamtorganisation, die vom rhythmischen Menschen ausgeht und nach der Kopforganisation hinstrahlt, eine innere organische Harmonie zwischen Hören und Sprechen umfaßt. Hören und Sprechen gehören nämlich auch organisch zusammen. Hören und Sprechen ist gewissermaßen an einen einzigen Organkomplex gebunden, den nur die heutige Physiologie nicht aufführt. Wenn ich Ihnen meine Holzgruppe zeigen werde, werden Sie an dieser praktisch vorgeführten Physiologie — die aber keine sein will - sehen, wie da zutage tritt, aus anthroposophischen Untergründen heraus, daß durchaus eine Einheit ist: Atmen, Sprechen, Hören. Aber diese drei sind auch im Sehen darinnen. Nehmen Sie das, was hier vorliegt. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
> Atmen > Sprechen > Hören.
Ich könnte auch schreiben: Sprechen, Atmen, Hören — auf die Reihenfolge kommt es hierbei weniger an. Nehmen Sie diese drei, sie sind die Glieder eines gemeinsamen Aktes. Diese drei Glieder sind auch im Sehen vorhanden. Auch im Sehen ist auf der einen Seite das vorhanden, was durch den Atem ins Gehirn getrieben wird, der Atemprozeß ist beteiligt am Sehen. Das alles ist aber so leise nur in der menschlichen Organisation angedeutet, daß wir sagen können: Dieses hier (siehe Tafel 6: Atmen) ist völlig verkümmert im menschlichen Bewußtsein; was wir noch wahrnehmen, indem wir sprechen, wobei wir den Atem berücksichtigen müssen, das nehmen wir nicht wahr beim Sehakt, es ist völlig verkümmert. (Es wird an die Tafel neben das Wort «Atmen» geschrieben:)
> — völlig verkümmert
Dann ist auch beim Sehakt halbverkümmert dasjenige, was dem Hören entspricht. (Es wird an die Tafel neben das Wort «Hören» geschrieben:)
> — halbverkümmert
Das ist halbverkümmert, das bleibt ganz unten im Schatten des Unterbewußten. Dasjenige, was beim Sehen allein ausgebildet herauskommt, das ist dasjenige, was dem Sprechen entspricht. (Es wird an die Tafel neben das Wort «Sprechen» geschrieben):
> — ausgebildet
Und indem wir die Bilder der Umwelt durch das Auge vor uns hinzaubern, sprechen wir ätherisch. Aber die anderen beiden Glieder, die sich sonst deutlich auseinanderlegen, die auseinanderklaffen beim Hören und Sprechen, die sind beim Sehen zwar vorhanden, aber verkümmert; da überwältigt uns das bloße Bilden des Bildes.
Weil man in diesen Zusammenhang nicht hineinsieht, haben wir die heutige vertrackte physiologische Grundlegung der Erkenntnistheorie. Alle Erkenntnistheorien, oder wenigstens sehr viele, gehen aus von einer physiologischen Grundlegung des Wahrnehmungsaktes, den sie für alle Sinne gleich beschreiben; sie haben aber eigentlich gar nichts im Sinn als den Sehakt. Was Sie da in den physiologischen Grundlegungen finden, das paßt eigentlich nur auf den Sehakt und ist deshalb undeutlich, weil die Leute nicht sehen, daß da etwas Verkümmertes darin ist. Man kann schon sagen, diese physiologischen Anschauungen, die da in bezug auf die Sinnesphysiologie herrschen, sind das Schauderhafteste, was heute das Menschengemüt bedrücken kann; man wird da immer belästigt mit Dingen, die über die Sinne im allgemeinen gesagt werden, während jeder Sinn konkret für sich behandelt werden müßte. Es ist in vielfacher Beziehung so, daß eine Sinneseinheitslehre zugrundegelegt wird.
Solch eine Wissenschaft, wie wir sie heute in der Anthroposophie ausbilden, hatte man natürlich in der Zeit des Mysteriums von Golgatha nicht. Daß wir heute auf die Wahrheiten der Sache kommen, das trägt wesentlich bei zur Bewunderung des Inhaltes der Evangelien. Man redete damals so, daß man heute nur mit aller Mühe des Geistesforschens daraufkommt, daß über das Sehen anders gesprochen werden muß als über das Hören. Beim Hören muß man sagen: Man kann eigentlich nur irrtümlich hören, denn es ist vollkommen ausgebildet als Einzelakt. Daher haben wir auch im Schlafe die Ohren offen, wir haben keinen willkürlichen Einfluß auf das Bilden der Gehörvorstellungen. Unser Ich fließt nicht so in sie hinein, daß es sie bildet, sondern nur so, daß es sie mit falschen Urteilen durchdringen kann. Unrichtig kann das Hören werden. Das Sehen hat ja gerade dasjenige, was im Hören funktioniert, halbverkümmert. Das Sehen hat ja nur das ausgebildet, was dem Sprechen entspricht. Dazu muß man wach sein, die Augen müssen aufgeweckt werden, geradeso wie der Mensch zum Sprechen erzogen werden muß.
Ohne daß das explizite im Wissen zur Zeit des Mysteriums von Golgatha vorhanden war, wurde einfach aus der inneren Seelenverfassung des Menschen heraus richtig gesprochen und das auch verstanden. Ich sage nicht, daß etwa der Christus Anthroposophie gelehrt hätte — das klingt ja sogar sehr lächerlich -, oder auch diejenigen, zu denen er gesprochen hat, Anthroposophie gelernt hätten. Er hat so gesprochen, weil er eben wußte, daß die anderen im Anhören es verstanden haben. Aber auch da mußte er so sprechen, wie man in der damaligen Zeit sprach über das Sehen und über das Hören aus der innersten Seelenverfassung heraus. Meinetwegen gebrauchen Sie den heute vielfach unfüglich gebrauchten Ausdruck: «Aus dem Unterbewußtsein» heraus kam das richtige Sprechen über diese Dinge. Und indem das in der richtigen Weise verstanden wird, kann man auch das dritte verstehen, das wir auch im Matthäus-Evangelium drinnen haben: das Verstehen mit dem ganzen Menschen und seiner Konzentration, dem Herzens-Verstehen. Denn das Verstehen mit dem ganzen Menschen ist ein ganz anderes Verstehen; zum Herzen muß man sprechen, wenn man die Gleichnisse auslegen will. Aber zum Herzen kann man nicht anders sprechen, als wenn das Herz so funktioniert, daß es die Augen sehend und die Ohren richtig-hörend macht. So muß man unterscheiden: Man muß das Sehvermögen aufwecken und die Ohren richtig-hörend machen. Die Ohren braucht man nicht aufzuwecken, man muß nur richtig hinhören.
Ganz in diesem Stil wird [im 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums] zunächst darauf aufmerksam gemacht, daß der Mensch als ganzer Vollmensch beziehungsweise mit der Konzentration des ganzen Vollmenschen im Herzen durch seine Sinne wahrnehmen muß, wenn er an die Auslegung der Gleichnisse herankommen soll. Deshalb macht der Christus Jesus seinen Jüngern begreiflich: Nachdem sie hindurchgegangen sind durch das ganz objektive Auffassen desjenigen, was mit dem Sämann-Gleichnis gegeben ist, kann er nun weitere objektiv wirkende Gleichnisse hinstellen und diese hinzielen lassen auf die Funktionen des Reiches der Himmel. Da ist vor allen Dingen das Gleichnis vom Kraut und Unkraut, das darauf zielt, daß ja das Gute nicht gedeihen könnte, ohne daß das Böse neben ihm wäre. Wiederum möchte man sagen, es ist das mit einer wunderbaren, geradezu naturwissenschaftlichen Erkenntnis gesagt. Denn heute kann man schon wissen, daß wir sogar in einem gewissen Sinne schaden können, wenn wir in unrichtiger Weise das Unkraut ausjäten. Ebenso würden wir der Menschheit schaden, wenn wir die Sünde etwa dadurch ausrotten würden, daß die sündigen Menschen nicht seelisch zum Gerechten geführt würden, sondern ausgerottet würden vor «der Ernte», das heißt vor dem Erdenende. Also bis dahin kann gegangen werden vor dem Volke, daß vor seine Seele das hingestellt wird, was da wirkt im Kraut und Unkraut. Auch noch soweit kann gegangen werden vor dem Volke, daß an einem Objektiven hingestellt wird, wie die Welt in den Weiten ausgebreitet ist, und wie hingekommen werden muß zu dem, was die Welt trägt, zu dem himmlischen [Reich. Das Reich der Himmel] ist wie ein Senfkorn, das klein ist gegenüber den anderen Samenkörnern, dann aber ein großer Baum wird gegenüber den anderen Kräutern. Also darauf muß hingewiesen werden vor dem Volke, wie gesehen werden muß, daß so, wie der Keim zunächst weniger in die Augen fällt [als die ausgewachsene Pflanze, auch] das Himmlische weniger ins Auge fällt als das Weltliche. Dann wird auch noch darauf aufmerksam gemacht, wie [das Reich der Himmel] so wirkt wie der Sauerteig, der klein ist, aber alles durchdringt, also wirkt — und das ist nach den Vorstellungen der damaligen Zeit noch viel deutlicher — als ein Geistiges. Man konnte im Sinne der damaligen Vorstellungen ohne Vorbereitung sagen: Seht den Sauerteig, den das Weib nimmt und damit das Brot durchsäuert, er durchgeistigt das Brot; seht das Himmelreich, es durchgeistigt die Welt. Aber man würde nicht dem Volke sagen dürfen: Verkauft alles! Man muß das Volk bei dem halten, auf das es hingewiesen wird, sonst würde es, gerade wenn man ihm sagte: verkauft alles! —, in seinem Egoismus darauf aus sein, wirklich die ganze Welt zu verkaufen, um damit dasjenige zu erkaufen, was das Himmelreich ist.
Also wir sehen in dem 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums die Konstruktion und Komposition der Wahrheit, indem dort nicht die Wahrheit einfach hingestellt ist als eine abstrakte, sondern so, daß man in der Wirkung der Wahrheit bewußt als Mensch unter Menschen wirkt, daß man überall empfinden muß, wie man zu sprechen habe. Das ist nicht das Aufrichten einer Hierarchie, das ist einfach das Folgen dem, was durch die Wirklichkeit notwendig ist. Es ist durch die Wirklichkeit notwendig, meine lieben Freunde, daß ich zu Ihnen anders spreche, da Sie Seelsorger werden wollen, als zu jenen gesprochen werden müßte, die nicht Seelsorger, sondern bloß Gläubige sind. Das ist es aber auch, was diesen Wahrheitsgehalt, wie er uns etwa im 13. Matthäus-Kapitel entgegentritt, zum unmittelbaren Leben in uns macht; das ist es, was bis in unsere Zeit hereindringen kann, und was in unserer Zeit ein starkes Gefühl von etwas hervorruft, das doch eigentlich einen religiösen Charakter hat.
Sehen Sie, derjenige, der empfindet: es muß ein Weg gesucht werden zu der Wahrheit, die Wahrheit muß dann in innerlicher Komposition so sein, daß sie unter den Menschen ist und die Menschen in der Wahrheit leben können, der empfindet eben jene Uniformierung, die heute in unserem Bücherschreiben lebt, eigentlich als etwas Antipathisches. Heute lebt etwas in unserem Bücherschreiben, daß wir uns, wenn wir Bücher schreiben, nicht so recht als Mensch unter Menschen fühlen, sondern dasjenige, was wir abstrakt erfaßt haben, ins Buch hineinschreiben, ohne Rücksicht darauf, wer das Buch bekommt. Das bringt eben das Bedürfnis hervor, gerade wenn von geistig-übersinnlichen Dingen geredet wird, zu dem, was im Buch allein stehen kann, und das, weil es uniformiert ist, der unbekannten Menge der [Menschen] doch nur etwas sehr Mangelhaftes geben kann, auch wiederum gemeinschaftlich mit den Menschen die Wahrheit zu erleben, nach der Art und Weise, wie diese Menschen sind, wie sie vorbereitet sind zur Wahrheit, und viel zu geben auf die Vorbereitung zur Wahrheit und weniger auf die uniformierte Formulierung des Wahrheitsgehaltes. Das gibt einem eine deutliche und starke Empfindung von dem, was ich gestern genannt habe den Lebensgehalt des Evangeliums. Aber der Lebensgehalt des Evangeliums soll auch nicht abstrakt gefaßt werden, wie ihn heute viele fassen. Die Menschen glauben leicht, wenn sie als religiöse Unterweiser ihre Worte gewissermaßen so zusammenfügen, daß sie gefühlsmäßig durchströmt sind, daß sie hart herandringen an dasjenige, was man sakramental nennt, sie glauben dadurch dasjenige zu finden, was aus dem Abstrakten herausführen soll.
Das ist aber nicht das Wesentliche, sondern das Wesentliche ist das Sichfühlen als Mensch unter Menschen, indem man die Wahrheit mit den Menschen erlebt. Das ist zuletzt doch eben das Christliche. Deshalb ist es nötig, zu glauben an die christliche Gemeindebildung, nicht bloß an die christliche Verkündigung. Deshalb ist es notwendig zu glauben, daß alles dasjenige notwendig ist, was zur wirklichen Gemeindebildung führt, das heißt, nicht bloß zum Denken darüber zu kommen, was der andere äußert, sondern zum gemeinsamen Fühlen und zum gemeinsamen Wollen. In der Gemeindebildung muß gewissermaßen schon [der Grund]* liegen zum gemeinsamen Fühlen und zum gemeinsamen Wollen. Es muß sich ein wirklicher geistig-seelischer Organismus aus der Gemeinde bilden können, Davon wollen wir dann weiter reden.
(Es folgt die Angabe der Verteilung des zu besprechenden Stoffes)
> 1. Die Vorbedingungen > 2. Die Grundlegung des Lehrwirkens > 3. Der Weg zum Wahrheit-Erleben > 4. Das Wesen des Breviers, der Predigt > 5. Das Erbauen des Kultus > 6. Die Behandlung der Gemeinde
(Vgl. die Notizbucheintragung NB 127 auf Seite 48 der Dokumentarischen Ergänzungen
Cite:
GA 343/composition_of_the_gospels · edition original