Dreizehnter Vortrag

GA 343/sacraments_evolution_and_involution · 1921-10-02 · original · 50 passages · 5017 words
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## GA 343 — Dornach

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### Dreizehnter Vortrag

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> Emil Bock: Es liegen die verschiedensten Fragen vor, zum Beispiel über die Bedeutung der sieben Sakramente, dann über den Unterschied zwischen der Lutherschen Erlösungsidee und der Erlösungsidee der Anthroposophie, sowie über das Christus-Erlebnis des Paulus. > Constantin Neuhaus bittet Herrn Dr. Steiner, einiges auszuführen über die Bedeutung der Sakramente und bittet, über die Weihe weiterzusprechen; er wäre dankbar, etwas zu hören über Weihwasser, die Eucharistie, die Bedeutung der Seelenmesse und der Gebete für die Verstorbenen und über Zölibat und Ehe. > Ein Teilnehmer fragt, bezugnehmend auf die Erzählung Dr.Steiners, daß er geschen habe, wie die Hostie bei der Wandlung eine Aura bekam: wie würde es sein, wenn der Priester nicht die volle Würdigkeit hat? > Ein anderer Teilnehmer möchte gern etwas wissen über den Verkehr des Priesters mit den Toten.

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Rudolf Steiner: Diese Fragen sollen ja alle berührt werden. In welchem Sinne meinten Sie diesen Verkehr?

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> Ein Teilnehmer: Wie ihn die katholische Kirche auch hat, zusammenhängend mit der Priesterhilfe beim Tode, mit dem Sterbesakramente. > Ein anderer Teilnehmer erwähnt, daß mehrfach die Frage aufgeworfen ist, was zu sagen wäre über die kosmische Bedeutung des Stillestehens der Sonne und des Mondes bei Josua. > Ein anderer Teilnehmer teilt mit, daß er etwas aus dem Vormittagsvortrag nicht verstanden habe und zwar: «Der Mensch hat immer mehr die Fähigkeit verloren, das Göttliche in sich zu gestalten», und möchte wissen, worin dieses DasGöttliche-in-sich-Gestalten besteht.

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Rudolf Steiner: Das ist nur eine Satzerklärung, die so zu nehmen ist, daß in älteren Zeiten der Erdenentwickelung der Mensch bis in seine Gestalt herein gefühlt hat, er ist eigentlich, wenn ich mich so ausdrücken darf, mit seiner Haut eine Umschließung der göttlichen Wesenheit. Es kam das ja ganz besonders dadurch stark zum Ausdruck, daß der Terminus gebraucht wurde, der wirklich eine Art Mysterien-Terminus war: Der Mensch ist ein Tempel Gottes. — Also dieses Innewohnen einer unmittelbar aus dem Göttlichen hervorgehenden Wesenheit im Menschen, das wurde in älteren Zeiten gefühlt. Dann kamen Zeiten, in denen man nur noch einzelnen Auserwählten die Möglichkeit zugeschrieben hat, daß sie so etwas Göttliches in sich haben. Und im wesentlichen waren gerade die Mysterienangehörigen zur Zeit des Mysteriums von Golgatha durchaus davon überzeugt, daß der Mensch nicht mehr in seiner irdischen Gestalt eine göttliche Wesenheit in sich bergen könne, eben wegen des Abfallens, das sich nach und nach vollzogen hat bis zu [der Zeit des] Mysteriums von Golgatha. Damit wäre also die Zeitepoche so zu charakterisieren, daß man sagt: Die Erdenmenschheit hat die alten Götterwesen verloren, und wäre das Mysterium von Golgatha nicht gekommen — demgegenüber Wissende gesagt haben: der letzte, der aber von außen her kommt, um einen Menschenleib zu erfüllen, der ist der erste geworden —, dann wäre die Erde eben einfach in die absteigende Entwickelung, das heißt in den Untergang hineingekommen. Das ist das, was als eine Worterklärung dazu gegeben werden kann.

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Aber alle diese Dinge, die jetzt vorgebracht worden sind — und ich bitte, sich weiter solche Fragen und Bemerkungen vorzumerken -, sind eigentlich richtig und sachgemäß doch erst zu beantworten, wenn man eingeht auf das Wesen der Sakramente. Und gestatten Sie, daß ich, gewissermaßen wie einfügend, heute ein wenig auf dieses Wesen der Sakramente eingehe. Wir werden dadurch viel eher die Möglichkeit haben, über Weihwasser, Kreuzeszeichen, Eucharistie, Meßopfer und so weiter zu sprechen, wenn wir diese Dinge absolviert haben.

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Sie wissen ja, daß die katholische Kirche sieben Sakramente anerkennt. Diese Annahme von sieben Sakramenten — und wir werden das Sakramentale überhaupt nur verstehen, wenn wir von solchen Voraussetzungen ausgehen, wie wir sie jetzt machen wollen -, diese Annahme von sieben Sakramenten beruht eben auf der Anschauung, daß wir das Leben des Menschen siebengliedrig zu betrachten haben. Nun aber ist es unmöglich, auf das Wesen des Sakramentes einzugehen, wenn man nicht eine gewisse Voraussetzung in sich aufnimmt, die heute eigentlich auch mehr oder weniger aus dem Zeitbewußtsein heraus verschwunden ist, eine Voraussetzung, die, wie ich glaube, sich auch sonst außerordentlich bedeutsam an dasjenige anschließt, was wir gestern in der Diskussionsstunde besprochen haben, weil sie zusammenhängt mit dem, was ich ja bisher nur ganz flüchtig charakterisieren konnte, mit dem, was eigentlich zugrunde liegt dem Seelenkampf Luthers.

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Wenn man im heutigen Sinne von Entwickelung spricht, so hat man eigentlich eine gewissermaßen einseitige Vorstellung. Man denkt sich immer, wenn man von Entwickelung spricht, irgendwovon muß man ausgehen; und an das, wovon man ausgeht wie von einem Keim, schließt sich dann ein Zweites an, das daraus hervorgeht; dann ein Drittes, das wiederum aus dem hervorgeht. In dieser Weise denkt man sich die Entwickelung, indem man eigentlich immer darauf ausgeht, daß sich das Folgende aus dem Vorhergehenden ergeben haben soll. Dieser Begriff der Entwickelung ist aber gegenüber der Wirklichkeit ein außerordentlich einseitiger, denn so geht die Entwickelung nicht vor sich. Wenn Sie eine Pflanze ansehen in dem Zustande, wo sie voll entwickelt hat die Blätter, die Blüte, bis zu den Fruchtorganen, dann können Sie ja ungefähr so denken, wie es im Sinne des eben charakterisierten Entwickelungsbegriffes liegt. (Es wird an die Tafel gezeichnet, links). Aber Sie können nicht mehr so denken, wenn Sie von der Wurzel ausgehen, eigentlich von dem Keim, und den Keim wiederum in der Blüte suchen. Sie müssen sagen: Es gibt einen Zustand im aufeinanderfolgenden Wachstum, da hat man es zu tun mit der größten Entfaltung nach außen, und es gibt einen anderen Zustand, da hat man es zu tun mit der geringsten Entfaltung nach außen. Also wenn bei der Pflanze die Blattriebe nach allen Seiten entwickelt sind, die Blütenkrone oben entwickelt ist und die Fruchtgefäße, da hat man es zu tun mit einer Entfaltung. Dann aber wechselt im Rhythmus diese Entfaltung ab mit dem Umgekehrten, wo sich gewissermaßen das ganze Wesenhafte zurückzieht, so daß das äußere Sinnenfällige das denkbar Unscheinbarste wird, dafür aber die volle Kraft sich gewissermaßen in einen Punkt konzentriert. Wenn man im Goetheschen Sinne sprechen will, müßte man sagen: Das eine Mal, bei der Entfaltung, ist das Geistige zurückgezogen und das Sinnliche im weitesten Umkreise entwickelt (es wird an die Tafel gezeichnet), und hier, wo das Wachstum zusammengezogen ist, da ist das Geistige entwickelt und das Sinnliche in den denkbar unscheinbarsten Keim klein zusammengedrängt. Also wir müssen schon durchaus darauf Rücksicht nehmen, wenn wir von dem Begriff der Entwickelung sprechen, daß wir von einem Rhythmus sprechen müssen, aber wir kommen auch mit dem Begriff des Rhythmus nur zurecht, wenn wir den Blick auf das richten, was Natur ist. In dem Augenblick, wo wir heraufdringen zur Geschichte, wird die Sache doch etwas komplizierter. Nehmen Sie einmal im Laufe der geschichtlichen Entwickelung etwa den Zeitraum, den ich gestern charakterisiert habe, von Augustinus bis Luther. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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Augustinus ————————————————————— Luther

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Es ist außerordentlich bedeutsam, sich alles das zu vergegenwärtigen, was in diesem Zeitraum sich äußerlich und innerlich, im äußeren Kulturleben und im inneren geistigen und seelischen Leben der Menschheit zugetragen hat. Bedenken Sie, daß in diesen Zeitraum ja hineinfällt die unendlich bedeutsame Mystik eines ...,[^1] daß in diesen Zeitraum hineinfällt die Abfassung des Büchleins, das ja auch für Luthers Anschauung eine so große Rolle gespielt hat, die «Theologia deutsch», und bedenken wir, daß dann unmittelbar nach diesem Zeitraum sich etwas Merkwürdiges auslebt, was heraufkommt aus den Untergründen der historischen Entwickelung in Geistern wie Paracelsus und Jakob Böhme, also hinterher. Wenn wir diese Sache ins Auge fassen, so haben wir vor allen Dingen den Eindruck — wir müssen den Eindruck haben -, es ist während dieses Zeitraumes der abendländischen Entwickelung eine starke Innerlichkeit vorhanden. Die Seele der Menschen richtet sich nach dem Inneren. Wenn Sie sich ganz durchdringen mit solchen Auseinandersetzungen, wie sie zum Beispiel Johannes Tauler in seinen Predigten gegeben hat, dann werden Sie finden, wie da ein Streben nach dem Inneren ist, ein Sichzurückziehen von dem Äußeren, ein Warten, bis im Inneren ein, wie man es nannte, Fünklein aufgeht, das dann das menschliche Gemüt wie erneuern kann. Ich habe das ja auch in meinem Büchlein über die Mystik des Mittelalters besonders charakterisiert. Wenn Sie auf solche Dinge sehen wie Taulers Streben nach einer solchen Verinnerlichung, wenn wir sehen, wie er, nachdem er im Laufe seines Lebens durch diese Verinnerlichung immer reifer und reifer geworden ist, auf ganz geheimnisvolle Weise mit einer Persönlichkeit zusammenkommt, und wie diese Persönlichkeit einfach durch den Eindruck, den sie durch irgend etwas auf ihn macht, das ohnedies schon vertiefte Innere wiederum verwandelt, so daß dies Anlaß zu einer Predigt war, die so geschildert wurde, daß alle, die in der Kirche zuhörten, wie vom Schlage getroffen waren und ein Teil wie tot hinfiel; [die Menschen] waren so im Innern ihrer Seele ergriffen, daß sie ganz in Ohnmacht fielen. Wenn Sie das alles ins Auge fassen, so werden Sie finden, daß während dieser Zeit eine ungeheuere Verinnerlichung des abendländischen Lebens bei einer großen Anzahl von Menschen vorhanden war. Und wenn ich Ihnen im einzelnen erzählen könnte, meine lieben Freunde, welche Rolle in dieser ganzen Entwickelung gespielt hat immer wieder das Lesen, das Interpretieren, ja selbst das dramatische Vorführen der Evangelienhandlung des Lukas-Evangeliums, dieses innigsten Evangeliums, und wenn wir schauen auf die Seelsorge dieser Zeit, so finden wir durchaus den eigentümlichen Charakter der Verinnerlichung über diesen ganzen Zeitraum ausgegossen. Und wir finden dann, wie mit Beendigung dieses Zeitraumes — es bereitet sich das vor schon von der Mitte des 15. Jahrhunderts an, heraus kommt es gerade zu Luthers Zeit — die allgemeine Kultur eine gewisse Veräußerlichung annimmt. In allem entwickelt sich nach und nach das Gegenteil der mittelalterlichen Verinnerlichung. Die Blicke der Menschen werden nach außen gerichtet, man entwickelt die Beobachtungsmethoden nach außen, man wendet sogar immer weniger und weniger Sorgfalt auf das [Innere] an. Da haben wir - und wir stehen ja noch immer drinnen in dieser Veräußerlichung in bezug auf die [Entwickelung] der Kultur —, da haben wir deutlich auch im Geschichtlichen zwei aufeinanderfolgende Zustände, die sich durchaus so unterscheiden wie die entfaltete Pflanze von der in einem Zentrum zusammengezogenen Pflanze. Also wir haben das gleiche [wie bei der Pflanze auch in der Geschichte], daß während einer solchen Periode der Verinnerlichung, wie sie war von Augustinus bis Luther — und dieser Periode der Verinnerlichung war vorhanden, trotz alle dem, was ich heute vormittag gesagt habe -, alles an Kraft sich innerlich konzentriert, was später herauskommt, was sich später entfaltet.

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Meine lieben Freunde! Wir arbeiten heute in allem, was äußerliche Kultur ist, mit denjenigen Kräften, die die Menschheit innerlich entwickelt hatte in der Zeit von Augustinus bis Calvin oder bis Luther. Und wenn wir die Entwickelung so betrachten, dann zerfällt sie uns in einen Evolutionszustand, — das ist die Entfaltung, es geht nach außen — und in einen Involutionszustand, so daß die Evolution rhythmisch gefolgt ist von der Involution. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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> Evolution > Involution

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Und erst wenn wir überall diesen rhythmischen Wechsel von Evolution und Involution studieren, kommen wir dazu, die volle Entwickelung zu verstehen.

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Aber der Mensch ist nun das allerkomplizierteste Wesen, weil er ja ein wirklicher Mikrokosmos ist, Bei ihm nimmt dasjenige, was hier als Evolution und Involution zunächst dem Begriff nach festgestellt worden ist, die allerkomplizierteste Form an. Diese allerkomplizierteste Form stellen wir einmal vor unsere Seelen hin in einzel Tafel 8 nen Erscheinungen. Denken wir zunächst einmal an die Geburt. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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1. Geburt

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Wenn wir auf die Geburt hinschauen, das heißt auf den Zusammenhang desjenigen, was aus dem embryonalen Leben herauskraftet, was sich also vollzieht zwischen Konzeption und der eigentlichen Geburt, so haben wir ein Hintendieren desjenigen, was vom Menschen vorher geistig-seelisch war, zum Materiellen. Es gliedert sich das Geistig-Seelische das Materielle ein. Das ist ja durchaus ein komplizierter Vorgang, der auch von der Physiologie noch nicht ordentlich studiert wird in seiner eigentlichen tieferen Bedeutung. Denn die Keimesentwickelung wird, ich möchte sagen, nur unvollständig studiert. Es wird gewöhnlich nur so studiert, daß man bei der Keimzelle anfängt, bei der Bildung der Keimzelle, der Bildung des Scheidekeims, kurz, man verfolgt die Evolution herauf von der ersten Keimzelle, die befruchtet ist durch ihre Bildungsprodukte und so weiter bis zur Reife des Embryos, wo er dann ausgestoßen wird. Aber man verfolgt nicht gleichzeitig dasjenige, was im Chorion, im Amnion an Organen sich entwickelt im mütterlichen Leib, die um den Embryo herum sind, und die in ihrer Art am vollkommensten sind im Beginne der embryonalen Entwickelung, die dann komplizierter werden und abgestoßen werden bei der Geburt des Embryo. Wir haben es in demjenigen, was aus dem Keim herausgeht, durchaus zu tun mit einer aufsteigenden Evolution, und die Involution besteht darin, daß das Geistig-Seelische von den Organen, in denen es sich zuerst festgesetzt hatte im mütterlichen Organismus, vom Chorion, vom Amnion, nach und nach dann übergeht zum eigentlichen Eikeim, zum eigentlichen Embryo, so daß wir haben eine Involution des Geistig-Seelischen im Materiellen. Das Materielle wird abgestoßen, und dann haben wir eine darauffolgende Evolution des Embryo. Der Embryo wird geboren und setzt nun, wie ich Ihnen schon auseinandergesetzt habe, seine Kräfte fort, die er während der Embryonalzeit entwickelt hat. Das geht hin bis zur Entwickelung der Sprache und bleibt auch noch später in unserem Organismus vorhanden. Wir tragen also während der ganzen Zeit unseres Erdenlebens in uns die Kräfte, die uns als Reste der embryonalen Entwickelung im Innern verbleiben: die Kräfte der Geburt. Diese Kräfte der Geburt entwickeln sich in uns, evolvieren sich in uns wie eine Naturgabe. Das geschieht, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, der ja trivial klingt, von selbst. Aber in uns setzt sofort, indem wir den ersten Atemzug tun, indem wir mit der Außenwelt in Berührung kommen, der andere Vorgang ein, der Vorgang, der bezeichnet werden kann als ein Sterbevorgang. Wir haben von allem Anfang an zugleich die Kräfte des Sterbens in uns. Aber in diese Kräfte des Sterbens ist aufgenommen unser geistigseelischer Verkehr mit der Außenwelt. Wir sterben durch das Wahrnehmen, wir sterben durch das Denken. Durch das Wahrnehmen, durch das Denken gliedern sich in uns Sterbevorgänge ein. Das ist der entgegengesetzte Vorgang zu dem Evolutionsvorgang der Geburt. So wie die Menschheit sich entwickelt seit dem Zeitraum etwa vor und nach dem Mysterium von Golgatha, treten eben mit der Menschheit diejenigen Veränderungen ein, von denen ich gesprochen habe, und der Mensch muß in einer gewissen Weise heiligen den Involutionsvorgang, den der Evolution entgegengesetzten Vorgang. Die Evolution ist das Natürliche, sie ist eine Gabe der Natur; dasjenige, was uns als Geburt gegeben wird und was dann weiter wirkt, das ist eine Gabe der Natur. Wenn wir aber den Involutionsvorgang einsetzen fühlen, der als ein Sterbevorgang uns ergreift, so muß er seit jener Entgöttlichung der Welt, von der ich Ihnen heute vormittag gesprochen habe, geheiligt werden, das heißt, es muß in ihn eingefügt werden dasjenige, was von dem Christus-Impuls ausgehen kann. Und so sieht man seit der Entwickelung des Christentums in dem Sterbevorgang etwas, dem hinzugefügt werden muß ein Sakrament; das ist das Sakrament der Taufe. Wir werden dann über sein Ritual noch zu sprechen haben, So daß wir sagen können: Was die Geburt als Evolutionsvorgang ist, das soll die Taufe werden als Involutionsvorgang. Wir sollen zu jenem Rhythmus, in den wir durch die Geburt hineingestellt werden, hinzufügen gewissermaßen das Zurückschlagen des Pendels in der Taufe. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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Taufe.

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Der zweite Evolutionsvorgang, der in unserem Leben eintritt, ist derjenige, welcher in aller Stärke sich dann zeigt, wenn der Mensch geschlechtsreif wird, wenn sein physischer Leib und sein Ätherleib zu einer gewissen Entwickelung gekommen sind und der Astralleib beginnt, mit seiner Entwickelung ganz besonders einzusetzen, wenn also das, was in jedem Schlafzustand sich trennt, in einen neuen Zusammenhang kommt. Der Schlafzustand verläuft ja so, daß der physische Leib und der Ätherleib im Bette liegenbleiben, und daß der astralische Leib und das Ich herausgehen. Das menschliche Leben besteht daher in einem innigen Zusammenhang zwischen dem physischen und dem Ätherleib, aber in einem loseren Zusammenhang zunächst zwischen diesen beiden mit dem astralischen Leib und dem Ich. Im Wachzustand durchdringen sich diese vier [Glieder], im Schlafzustand aber sind astralischer Leib und Ich aus dem physischen und Ätherleib heraußen, da ist also der Zusammenhang ein loserer. Aber dieser Zusammenhang kommt zu einer gewissen Modifikation, er kommt eigentlich erst zur Reife [im 14., 15., 16. Lebensjahre], es kommt erst [dann] zur richtigen Wechselwirkung mit demjenigen, was wir im Schlafe getrennt haben vom Physisch-Leiblichen, das während des Schlafens im Bette liegen bleibt. Der richtige Zusammenklang tritt eben erst ein im 14., 15., 16. Lebensjahre. Der Mensch wird da von einer inneren Stärke erfaßt, wodurch er sein Physisch-Leibliches durchdringt mit seinem Geistig-Seelischen, das heißt mit seinem Astralischen und mit seinem Ichwesen. Das drückt sich äußerlich aus in dem Geschlechtsreifwerden, was nur die alleräußerste Offenbarung ist einer völligen Verwandlung des ganzen Menschen. Dasjenige also, was da als ein Evolutionsvorgang einsetzt, kann man bezeichnen als Reife. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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2. Reife

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Das ist der Evolutionsvorgang. Der entsprechende Involutionsvorgang, der sich zur Reife geradeso verhält, wie sich die Taufe verhält zur Geburt, ist die Firmung oder Konfirmation. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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Firmung. Confirmation

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Die Firmung oder Konfirmation hat also die Aufgabe — und wir werden sehen, welches demgemäß ihr richtiges Ritual sein kann -, dasjenige in christlichem Sinne dem Ich und astralischen Leib zu geben, wodurch alles, was durch das modifizierte Verbinden von Ich und astralischem Leib, dem Geistig-Seelischen mit dem Physisch-Leiblichen, mit der Reifung sich entwickelt, was mit der Reife evolviert.

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Wir treten damit aber in ein Lebensalter, wo wir mit Bezug auf die Entwickelung noch ein anderes haben: Wir sind untergetaucht mit unserem Geistig-Seelischen in das Physisch-Leibliche. Das Physisch-Leibliche hat unser Geistig-Seelisches ergriffen, das Geistig-Seelische ist dabei eine gewisse Vereinigung mit dem Physisch-Leiblichen eingegangen. Es ist dies der Entwickelungszustand, den wir, wenn wir ihn als Evolutionsvorgang betrachten wollen, bezeichnen als die Verleiblichung des Geistig-Seelischen im Menschen. Wir können sagen: Der dritte Evolutionsvorgang ist die Verleiblichung. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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3. Verleiblichung

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Wenn wir dazu nun den entsprechenden Involutionsvorgang suchen, so müssen wir vor allen Dingen auf dasjenige sehen, meine lieben Freunde, daß ja der Mensch, indem er dieses Untertauchen seines Geistig-Seelischen in das Physisch-Leibliche als eine besondere Kraft seines Wesens evolviert hat, fortwährend in einer Art von Schwingungszustand ist, in dem Zurückgehen zu dem Geistig-Seelischen, in dem Wiederuntertauchen in das Physisch-Leibliche, so daß er in einem Rhythmus drinnensteht, wodurch ihm droht, entweder ekstatisch sich zu verlieren in dem Geistig-Seelischen oder hinunterzufallen in das Tierische, in vollständige Verleiblichung. Der Mensch braucht etwas, was diesem Evolutionsvorgang als ein Involutionsvorgang gegenübersteht, und dieser Involutionsvorgang ist der Empfang des heiligen Abendmahls. Der Involutionsvorgang für die Verleiblichung ist das heilige Abendmahl. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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hl. Abendmahl

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Indem wir so von der Evolution gesprochen haben, wie das bisher der Fall war, können wir sagen: Es ist so, daß der Mensch mit seinem Geistig-Seelischen in jedem Augenblick gegenübersteht dem Physisch-Leiblichen; in jedem Augenblick muß der Mensch Sorge tragen, daß er in den richtigen Rhythmus kommt, damit er sein Seelisch-Geistiges nicht in das Tierische hinuntersinken läßt, oder daß er das Leibliche allein läßt und gewissermaßen weltfremd ins Geistig-Seelische heraufgeht, wodurch das Geistig-Seelische schwach würde. Das ist dasjenige, was der Mensch suchen muß, durch das Empfangen des Altarsakramentes in den richtigen Rhythmus zu bringen.

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Aber damit wäre noch nicht die vollständige menschliche Evolution gegeben, sondern die vollständige menschliche Evolution schließt ein, daß wir nicht nur im einzelnen Augenblick drinnenstehen in dieser Schwingung zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Physisch-Leiblichen, sondern die vollständige Entwickelung schließt ein, daß wir auch in der Zeit immer wiederum zurückschwingen können. Wir brauchen die Erinnerung an die vorhergehenden erlebten Erdenerlebnisse, die Erdenerfahrungen. Sie brauchen ja nur auf diesem Gebiet die Psychopathologie zu betrachten, so werden Sie bemerken, was es für einen Menschen heißt, wenn ihm seine normale richtige Rückerinnerung zerstört ist, untergraben ist, irgendwie ausgelöscht ist. Es entwickelt sich diese Rückerinnerung allerdings früh, allein dasjenige, was mit dieser Rückerinnerung verknüpft ist, das vollständige Sich-innerlich-Fühlen, das vollständige Sich-in-die-Hand-Bekommen, das tritt eigentlich erst nach der Reifung ein. Es ist ein Unterschied, den nur die heutige moderne Psychologie nicht betrachtet, zwischen dem, was zum Beispiel beim Kind vorhanden ist an Erinnerungsleben noch bis zum 15., 16. Jahre, das ganz anders ist als später, wo man die Erinnerung wieder zusammenfaßt, so daß die Erinnerung, indem man sie hat, eigentlich die volle Festigkeit des Ich konsolidiert. Kurz, wir sehen, daß sich immer mehr und mehr das konsolidiert, was wir die Lebenserinnerung nennen können. Es gehört zu unseren Notwendigkeiten, es ist dasjenige, was sich auch evolviert aus unserer menschlichen Wesenheit heraus. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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#### 4. Lebenserinnerung

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Und der entsprechende Involutionsvorgang ist dasjenige, was empfunden worden ist im Christentum als das Sakrament der Buße. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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Buße

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Da wird der Erinnerungsvorgang durchchristet; da wird der Erinnerungsvorgang dadurch, daß er durchchristet wird, zugleich ins Moralische hinaufgehoben. Da wird der Mensch nicht bloß sein Ich konsolidieren, sondern da wird er — indem er die Rückerinnerung zu einem vollständigen Heraufheben desjenigen bringt, worüber er sich auch in moralischer Beziehung Rechenschaft ablegen will, indem der Vorgang zum Sakrament hin entwickelt und durch Kultus durchsetzt wird — herangeführt an den Involutionsvorgang der Buße, die ja im Katholizismus aus verschiedenen Teilen besteht, die alle deutlich ausgehen von der Erinnerung. Die Buße besteht ja [im Katholizismus] in der Gewissenserforschung, in der Reue, in dem ernstlichen Vorsatz, die Fehler, deren man an sich gewahr geworden ist, abzulegen in dem, was die Beichte ist — darüber werden wir noch zu sprechen haben — und in dem, was als Vergeltung man sich selber oder was einem der Seelsorger auferlegt. In diesem Aufbau besteht ja die vollständige Buße, und es ist das der Ausdruck für das, was eben der Involutionsvorgang sein soll zu dem Evolutionsvorgang der Gesamterinnerung, das heißt zu dem, was die Erinnerungskraft im Menschen macht.

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Damit aber, meine lieben Freunde, sind die Vorgänge erschöpft, die sich im Menschen als Evolutionsvorgänge abspielen seit der Geburt, und wir haben dann das, daß der Mensch nun hintendiert auf naturgemäße Weise zu einem Involutionsvorgang. Wir haben eine Aufeinanderfolge von Evolutionen. In der Erinnerung ist die Aufeinanderfolge der Evolutionen wiederum schon stark in das Innere eingegangen. Die Erinnerung stellt also eine Verinnerlichung dessen dar, was sich als Geburt nach außen entfaltet hat. Wir kommen, indem wir das weiterentwickeln, zu dem Fünften, was ganz naturgemäß ein Involutionsvorgang ist, wir kommen zu dem Tod, der das Leben des individuellen Menschen beschließt. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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5. Tod

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Wir haben früher einem Evolutionsvorgang immer in der sakramentalen Handlung einen Involutionsvorgang entgegengestellt; es sind aber allmählich die Evolutionsvorgänge ähnlich geworden den Involutionsvorgängen. Die Involutionsvorgänge in der Buße sind in einer gewissen Weise in äußerer Entfaltung dasjenige, was im Erinnerungsvorgang ganz innerlich beschlossen ist, es sind die Involutionsvorgänge also nach und nach genähert worden den Evolutionsvorgängen. Wir müssen, wenn wir jetzt die sakramentale Handlung haben wollen für diesen natürlichen Involutionsvorgang, den Tod, etwas an den Menschen heranbringen in kultusgemäßer, in ritualgemäßer Form, worin man nach einer geistigen Naturerkenntnis etwas sehen kann, mit dem man entgegentritt dem Sterbenden und an diesem Sterbenden etwas verrichtet, was in einer ähnlichen Weise sein geistig-seelisches Leben anregen soll, wie angeregt worden ist durch Naturvorgänge sein physisch-leibliches Wesen. Es soll, in Rhythmus ausgedrückt, beim Tode das Physisch-Leibliche wieder verschwinden, das Geistig-Seelische wiederum Form gewinnen. Aus gewissen Gründen, die wir noch zu erörtern haben werden, hat man immer in den Ölen, in allem Ölartigen dasjenige gesehen, was wiederum zum Geistig-Seelischen zurückführt. Der Ölungsvorgang wurde auch in der Natur als ein Verseeligungsvorgang angesehen. Daher vollführt man hier die heilige letzte Ölung. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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hl. Ölung

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Wir fügen gewissermaßen den Evolutionsvorgang dem Involutionsvorgang jetzt hinzu.

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Damit haben wir das individuelle Leben des Menschen erschöpft, und es bleiben noch zwei Beziehungen des Menschen vorhanden, die nicht mehr individueller Natur sind. Die eine Beziehung ist die, wo der Mensch, der hier auf Erden stehend ein physisch-leibliches Wesen ist, eingeht ein Verhältnis mit dem Geistig-Seelischen, wie es in den Himmeln bewahrt ist, so daß gewissermaßen die Nabelschnur zum Geistig-Seelischen, die durchschnitten worden ist, wiederum angeknüpft wird, des Menschen Tendierung zurückgeführt wird zu dem Geistig-Seelischen. Wir haben es dann nicht mit etwas Individuellem im Menschen zu tun, wir haben es mit einem Wechselverhältnis mit dem Himmlisch-Geistigen zu tun. Das aber ist etwas, was ja bei jedem Menschen, aber unbewußt, vorhanden ist. Wären wir ganz abgeschnürt von dem Geistig-Seelischen, wir könnten nimmermehr den Weg zurückfinden. Aber es ist ein tiefer Involutionsvorgang, der immerzu in uns vorhanden ist, ein ganz verborgener Vorgang, noch verborgener als das, was im Menscheninnern geschieht, wenn er mit seinem Organismus durch den Tod geht; daher ist es ein Prozeß, der im Verlauf des individuellen Lebens des Menschen überhaupt nicht zum Bewußtsein kommt. Dafür muß ein äußerlicher Evolutionsprozeß gesucht werden, und dieser Evolutionsprozeß ist dann gegeben im Ritual der Priesterweihe. Wir haben also sechstens einen Vorgang, der, wie gesagt, von selbst gegeben ist; die Verbindung, wie man sie nennen kann, und wir haben dementsprechend den äußeren, den Evolutionsvorgang in der Priesterweihe. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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6. Verbindung : Priesterweihe

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Und nun haben wir als Siebentes jenes Abbild im Irdischen, das im Irdischen das [Verhältnis zwischen] dem Geistig-Seelischen und dem Physisch-Leiblichen zum Ausdruck bringt; dieses Verhältnis ist auf naturgemäße Weise gegeben in dem Verhältnis zwischen Mann und Weib. Für jede richtige Anschauung ist ja das Verhältnis von Mann und Weib so, daß im Weibe dasjenige überwiegt, was den Menschen mehr nach dem Geistig-Seelischen hinneigt, im Manne dasjenige, was den Menschen mehr hinneigt nach dem Physisch-Leiblichen. Ja, das ist so. Es ist gewissermaßen auf der Erde zum Ausdruck gebracht das Verhältnis, das der Mensch zum Geistigen hat; und es ist, ich möchte sagen, das Weib um eine Stufe weniger heruntergestiegen in das irdische Leben als der Mann. Man müßte das eigentlich noch anders sagen, man müßte sagen: Das Heruntersteigen in das irdische Leben würde durch eine gewisse Grenze bezeichnet werden können, das Weib erreicht diese Grenze nicht vollständig, der Mann aber überschreitet sie; darin besteht eigentlich der Gegensatz zwischen Mann und Weib, im Physisch-Leiblichen ausgedrückt. Es ist eine gewisse Grenze zu überschreiben, das Weib erreicht sie nicht vollständig, der Mann überschreitet sie. Beide tragen also eine gewisse Unvollkommenheit in sich; zwischen beiden besteht daher ein Spannungszustand. Und wenn für diesen Spannungszustand, der naturgemäß gegeben ist in dem Verhältnis zwischen Mann und Weib, sein sakramentaler Evolutionswert gesucht wird — es ist ein tief verborgener Involutionsvorgang, auf den wir hier hindeuten, wenn wir auf das Männliche und Weibliche hindeuten —, so haben wir den gegeben in dem Sakrament der Ehe. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

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7. Mann u. Weib : Ehe

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Das ist dasjenige, was in der christlichen Esoterik immer gelegen hat in bezug auf den Sakramentalismus, insofern er auf den Menschen anzuwenden ist, daß der Mensch, der in die Welt hereintritt, zum Teil nur ausgestattet ist mit Evolutionswerten, zum Teil nur mit Involutionswerten, und daß immer dazugefügt werden muß durch das Sakrament zu dem Evolutionswert der Involutionswert, und zu dem Involutionswert der Evolutionswert. Man spricht gleichsam die Grundempfindung aus: Der Mensch tritt als ein unvollständiges Wesen in das irdische Dasein, er muß erst zu einem vollständigen Wesen gemacht werden. Als Individuelles drückt sich seine Unvollkommenheit aus in der Geburt, in der Reife, in der Verleiblichung, in der Erinnerung, im Tod. Dazu muß der Mensch, damit er vollkommen physisch-leiblich-geistig-seelisch lebt, hinzufügen auf sakramentale Weise: die Taufe, die Firmung, das Altarsakrament, die Buße und die letzte Ölung. In bezug auf das Soziale steht der Mensch in dem ausnahmsweisen Zustand der Priesterlichkeit drinnen, wo durch das äußere Zeichen in sakramentaler Weise in der Priesterweihe auch hingewiesen werden soll auf dasjenige, was tief verborgen als Involutionswert vorhanden ist. Und in der Heiligung der Ehe durch das Sakrament soll eben zum Ausdruck kommen, wie das, was nur unvollständig gegeben ist bei Mann und Weib als ein Involutionswert, durch eine äußere sakramentale Handlung, durch den entsprechenden Evolutionswert ergänzt wird.

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Das, was ich ihnen damit zunächst vorgeführt habe, bitte ich Sie, nicht in einseitiger naturalistischer Weise zu nehmen, sonst könnten Sie natürlich sagen, das wäre alles in einer einseitigen naturalistischen Weise gegeben. Fassen Sie als eine Einheit auf die äußere natürliche Welt und die innerliche moralisch-religiöse Welt, dann haben wir durchaus immer für einen innerlichen moralisch-religiösen Wert einen sakramentalen Evolutionswert. Und umgekehrt haben wir für etwas, was nach außen auftritt in Evolutionsform, nötig, einen Involutionswert zu suchen, das heißt, die Verinnerlichung für den Menschen zu suchen. Wir leben heute innerhalb unserer neueren Zivilisation fast einzig und allein in Evolutionswerten. Wir haben sehr notwendig, sakramental zu Involutionswerten wiederum zu kommen. Warum, meine lieben Freunde, haben die moralischen und die religiösen Wahrheiten für die heutige Menschheit eine so geringe Kraft? Sie haben geringe Kraft, weil es schon einmal notwendig ist, daß das, was an den Menschen herantritt, nicht bloß als Ermahnung und Gebot herantritt, sondern so, daß er gewahr wird, daß in diesem Herantreten ein wirkliches Durchdringen mit dem Göttlichen stattfindet. Das kann aber vor das menschliche Bewußtsein nur in der sakramentalen Handlung hintreten.

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Nun, Sie haben von mir verlangt, daß ich über dieses Sakramentale spreche. Das, was heute gefragt worden ist, ist eben zum großen Teil gar nicht zu beantworten, ohne daß man von dem spricht, was der eigentliche Grundgedanke und die Grundempfindung des Sakramentalen ist. Lebendig sind diese Grundempfindung und dieser Grundgedanke im Sakramentalen nicht mehr, im Grunde genommen schon nicht mehr seit jener Zeit, seit - selbstverständlich wiederum mit Recht — über das Sakramentale zu diskutieren begonnen worden ist. Aber wenn es auch heute nicht schon etwa in der Absicht liegen kann, außerhalb der katholischen Kirche alle Sakramente wieder aufzunehmen, so muß doch daran gedacht werden, wiederum zu einem wirklichen Kultus, zu wirklichen Ritualien zu kommen, weil nur diese, wie wir noch sehen werden, eigentlich gemeindebildend wirken können. Das ist es, was ich zunächst als eine Grundlage sagen wollte. Dann wollen wir weiter auf,die Fragen eingehen, die gestellt worden sind.

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(Tafel-Anschrift:)

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> 1.) Geburt : Taufe > 2.) Reife : Firmung, Confirmation > 3.) Verleiblichung : hl. Abendmahl > 4.) Lebenserinnerung: Buße > 5.) Tod : hl. Ölung > 6.) Verbindung : Priesterweihe > 7.) Mann u. Weib: Ehe

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[^1]: Der Stenograph hat an dieser Stelle keinen Namen festgehalten. In der Stenographen selbst erstellen Klar textübertragung (ein Originalstenogramm liegt nicht mehr vor) ist vermerkt, daß der genannte ein «B» enthielt.

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