Vierter Vortrag
## GA 310 — 20 July 1924, Arnheim
### Vierter Vortrag
Es ist im Anschlusse an den gestrigen Vortrag noch eine Frage gestellt worden, die ich hier im Zusammenhange behandeln möchte. Die Frage heißt: «Mit Bezug auf das Nachahmungsgesetz in den Bewegungen des Kindes wäre mir die Erklärung des folgenden Tatbestandes wichtig. Mein Großvater starb, als mein Vater 1'/2 bis 2 Jahre alt war. Etwa fünfundvierzigjährig besuchte mein Vater eine Bekannte des Großvaters, die überrascht war über die Ähnlichkeit aller Bewegungen und Gesten des Vaters. Was wirkte hier, da wohl in Hinsicht auf den früh verstorbenen Großvater von einer Nachahmung nicht die Rede sein konnte?»
Also ein Mann starb, als der Sohn 1?/a bis 2 Jahre alt war, und man konnte später von seiten einer Bekannten, die über die Sache gut unterrichtet sein konnte, die Bemerkung erfahren, daß dieser Sohn noch in seinem 45. Jahre die Gesten des Großvaters nachmachte, also dieselben Gesten hatte wie sein Vater.
Nun handelt es sich darum, daß man bei Auseinandersetzungen wie solchen, die jetzt hier gepflogen werden, immer nur die Richtlinien angeben kann, und daß man also Detailauseinandersetzungen kaum berücksichtigen kann. Unsere Kurse sind leider kurz, und das Thema, das eigentlich hier zu besprechen wäre, würde reichlich Vorträge für ein halbes oder selbst ein ganzes Jahr ausfüllen können. Daher ergeben sich im Anschluß an die Auseinandersetzungen natürlich sehr viele Fragen, die, wenn sie gestellt werden, ja beantwortet werden könnten; aber ich mache darauf aufmerksam, daß zuweilen Unklarheiten selbstverständlich durch die Kürze unterlaufen könnten, die sich nur aufklären lassen, wenn man ganz in die Einzelheiten eingehen kann. In bezug auf die gestellte Frage möchte ich nun heute dazu das Folgende einflechtend bemerken.
Wenn man die erste Lebensepoche des Kindes nimmt, also den Zeitraum von der Geburt bis zum Zahnwechsel, dann arbeitet die Organisation des Kindes, sich entwickelnd in dieser Zeit so, daß die ersten Anlagen desjenigen sich in die Organisation eingliedern, was ich gestern erörtert habe als das, was man zusammenfassen kann in Gehen, das aber ein Gesamtorientieren des Menschen ist, dann in Sprechen und drittens in Denken. Nun liegen die Dinge folgendermaßen. In der Hauptsache, im wesentlichen organisiert sich das Kind zwischen dem 1. und 7. Lebensjahre hinsichtlich der Gesten; zwischen dem 7. und 14. Lebensjahre, approximativ, hinsichtlich der Sprache, wie ich es gestern auseinandergesetzt habe; und in bezug auf das Denken organisiert es sich zwischen dem 14. und 21. Jahre, wiederum annähernd ausgedrückt. Aber was so in einem Zeitraume von 21 Jahren hervortritt, das bildet sich in der Anlage eben auch schon in der ersten Lebensepoche, zwischen der Geburt und dem Zahnwechsel aus. Was also die eigentliche Aneignung der Gesten betrifft, die sich im Orientieren, im Gehen, aber auch im freien Orientieren, ohne aufzustützen, wie im Bewegen der Arme und auch der Gesichtsmuskeln zum Ausdruck bringt, was also ein Gesamtorientieren, ein Einleben in die Gesten und Gebärden ist, das entwickelt sich der Hauptsache nach rein im ersten Drittel dieser 7 Jahre, das heißt also in den ersten 21/3 Jahren. In diesem Zeitraume liegt die Hauptentwickelung des Kindes in der Herausbildung der Gesten. Die Entwickelung in den Gesten geht dann weiter; aber es kommt dazu die Anlageentwickelung zum inneren Einprägen des Sprachlichen im Intimeren. Wenn das Kind auch früher schon Laute hervorbringt, das Einleben in die Sprache geschieht dann, nach 2Y3 Jahren, in der Anlage. Das Durchfühlen der Sprache bildet sich aus zwischen dem 7. und 14. Jahre, aber in der Anlage haben wir es zwischen 2!/3 und 4?/s Jahren. Das alles natürlich durchschnittlich. Und danach entwickelt das Kind die Fähigkeit, in der ersten Anlage Gedanken innerlich zu erleben. Was später erst, zwischen dem 14. und dem 21. Jahre herauskommt und blüht, das entwickelt sich in der Keimanlage zwischen 42/3 und 7 Jahren. — Die Gestenbildung dauert natürlich fort, aber das andere schiebt sich hinein; so daß wir die Zeit, die Ausdruck der Ausbildung der Gesten in der Hauptsache ist, zu verlegen haben in die ersten 2!/s Jahre. Was während dieser Zeit erworben wird, das sitzt natürlich am allertiefsten; denn wir müssen uns nur vorstellen, wie gründlich das Imitationsprinzip gerade in der allerersten Lebenszeit wirkt.
Wenn Sie das zusammenhalten, werden Sie nichts Wunderbares mehr finden in dem, was hier gefragt wird. Der Großvater ist gestorben, als der Vater 11/2 bis 2 Jahre alt war. Das ist aber gerade die Zeit, in der die Gestenbildung am allertiefsten sitzt. Stirbt der Großvater jetzt, so hat sich das, was von ihm nachgeahmt wird, am allertiefsten eingeprägt. Das wird nicht mehr durch das verändert, was später von andern an Gesten imitierend angenommen wird. Daher ist dieser Fall gerade, wenn man ihn im Detail betrachtet, außerordentlich signifikant. Das ist in Kürze darüber zu sagen.
Wir haben gestern auseinanderzusetzen versucht, wie das Kind in dem zweiten Lebensalter, zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife, alles das erlebt, was es seiner Entwickelung einverleibt durch die Sprache, in der die selbstverständliche Autorität des Erziehenden, des Unterrichtenden wirken muß. Was da zwischen dem Erziehenden und dem Kinde wirken kann, das muß auf bildhafte Weise wirken. Und ich setzte auseinander, wie man in diesem Lebensalter mit Moralgeboten an das Kind nicht herankommen kann, sondern lediglich dadurch für seine Moralität wirken kann, daß man in ihm solche Gefühle erweckt, wie sie eben an Bildern erweckt werden; so daß das Kind Bilder bekommt, die ihm durch sein Vorbild, den Erziehenden, den Lehrenden, vorgestellt werden, die so wirken, daß das Gute ihm gefällt, das Böse ihm mißfällt. Also auf bildhaft-gefühlsmäßige Weise muß auch in bezug auf die Moralität in diesem volksschulpflichtigen Lebensalter erzogen werden.
Dann habe ich auseinandergesetzt, wie das Schreiben bildhaft an das Kind herangebracht werden muß, wie aus dem zeichnenden Malen, aus dem malenden Zeichnen die Buchstabenformen herausgeholt werden müssen. Dies malende Zeichnen und zeichnende Malen muß von all den Künsten, die das Kind in die Zivilisation hineinführen, zuallererst gepflegt werden. Alles was schon von vornherein auf die dem Kinde ja ganz fremden Buchstabenformen hinweist, ist eigentlich pädagogisch ein Unfug; denn die fertigen Buchstabenformen einer heutigen Zivilisation wirken wie kleine Dämonen auf das Kind.
Nun muß im Sinne einer auf Menschenerkenntnis gebauten Pädagogik das Schreibenlernen vorausgehen dem Lesenlernen. Warum? Nun, im Schreibenlernen wird ein gutes Stück von dem ganzen Menschen arbeitend in Anspruch genommen, nicht bloß einseitig der Kopf, wie es beim Lesenlernen ist. Wenn Sie an das Kind wirklich heran wollen, so müssen Sie in diesem Lebensalter, unmittelbar nach dem Zahnwechsel noch, an das ganze Kind womöglich herankommen. Das Kind, das beim Schreiben sich so betätigt, daß wenigstens der ganze Oberkörper daran beteiligt ist, das ist in ganz anderer Weise in innerer Regsamkeit, als wenn man beginnt mit der Anschauung von Formen, die nur den Kopf beschäftigen. Die emanzipierte, selbständige Anwendung von Kopffähigkeiten ist erst in späteren Lebensaltern möglich. Daher kann man nur den Übergang machen, daß das Kind, wenn es geschrieben hat, sich auch das Geschriebene lesend einprägt.
Indem wir diese Art, den Unterricht fortzuführen, in der Waldorfschule gepflegt haben, hat sich herausgestellt, daß unsere Kinder etwas später als sonst Lesen lernen, sogar etwas später erst zum Schreiben von Buchstaben kommen als die Kinder anderer Schulen. Da muß man aber wirklich wieder in die Menschennatur erkennend hineinschauen, wenn man das beurteilen will. Bei dem heute mangelnden Sinn für Menschenerkenntnis bemerken die Menschen eben durchaus nicht, wie nachteilig es für die Gesamtentwickelung des Menschen ist, wenn er zu früh so abgelegene Beschäftigungen lernt wie Lesen und Schreiben. Und niemand wird im späteren Leben einen Mangel in seiner Lese- und Schreibekunst zu haben brauchen, der etwas später als sonst mit dem Lesen und Schreiben fertig wird; dagegen wird jeder einen großen Mangel in dieser Beziehung haben, der zu früh Lesen und Schreiben lernt. Eine auf Menschenerkenntnis gebaute Pädagogik muß durchaus davon ausgehen, die Entwickelung, die Lebensbedingungen der Menschennatur abzulesen und im Sinne dieses Ablesens der Lebensbedingungen so dem Kinde zu helfen, daß die eigene Natur des Kindes herauskommt. Einzig und allein dann ist die Erziehungskunst wirklich gesund.
Um alles weitere einzusehen, ist es nötig, daß wir uns ein wenig auf die Wesenheit des Menschen einlassen. Wir haben im Menschen zunächst seinen physischen Leib, der sich in der Entwickelung vorzugsweise betätigt in der ersten Lebensepoche. In der zweiten Lebensepoche kommt der höhere, feinere Leib des Menschen, sein ätherischer Leib namentlich zur Entwickelung. Hier handelt es sich nun wirklich darum, daß man bei der Menschenbetrachtung im echten Sinne wissenschaftlich vorgehen kann und denselben Mut hat, wie man ihn sonst in der Wissenschaft heute aufbringen muß. Wenn man irgendeine Substanz hat, die einen bestimmten Wärmegrad zeigt, so kann es sein, daß man die Substanz in Verhältnisse bringt, wodurch Wärme - von der man sagt, daß sie an die Substanz gebunden ist — frei wird. Sie kommt heraus, sie wird dann freie Wärme. Für Substanzen der mineralischen Welt haben wir den Mut, wissenschaftlich davon zu sprechen, daß wir sagen, gebundene Wärme und freie Wärme ist da. Diesen Mut müssen wir für die Gesamtbetrachtung der Welt bekommen. Haben wir ihn, so zeigt sich uns für den Menschen das Folgende.
Wir können fragen: Wo sind denn die Kräfte des ätherischen Leibes des Menschen in der ersten Lebensepoche? — Sie sind während dieser Zeit gebunden an den physischen Leib, sind in seiner Ernährung und in seinem Wachstum beschäftigt. Das Kind ist in dieser ersten Epoche anders als später. Die gesamten Kräfte des ätherischen Leibes sind da an den physischen Leib gebunden; sie werden mit dem Ablauf der ersten Epoche zum Teil frei, wie die Wärme in den Substanzen frei wird, die vorher gebunden war. Was aber tritt damit ein? Nur ein Teil des ätherischen Leibes wirkt nach dem Zahnwechsel im Wachstum und in den Ernährungskräften; der andere Teil wird frei und wird nun der Träger des sich ausbildenden intensiveren Gedächtnisses, des Seelenhaften. Wir müssen sprechen lernen von der gebundenen Seele für die Zeit der ersten 7 Lebensjahre, und von der freigewordenen Seele für die Zeit nach dem 7. Jahre. Denn so ist es. Was wir als Seelenkräfte in den zweiten 7 Lebensjahren anwenden, das ist in den ersten 7 Lebensjahren gebunden an den physischen Leib, unwahrnehmbar; daher tritt es nicht psychisch hervor. Wie die Seele in den ersten 7 Lebensjahren wirkt, das muß man dem Leibe abschauen. Und erst vom Zahnwechsel an kann man in das Seelische hinein.
Das ist eine Betrachtungsweise, die unmittelbar von der Physik sogar in die Psychologie hineinführt. Bedenken Sie, was man heute als Seelenlehren hat; man hat Seelenlehren, die rein auf Spekulation beruhen. Man denkt nach und findet, das Seelische sei da, das Körperliche sei da. Nun fragt man: Wirkt das Körperliche auf das Seelische verursachend oder wirkt das Seelische auf das Körperliche verursachend? -— Kommt man mit beiden nicht zurecht, so erfindet man so etwas außerordentlich Groteskes wie den psychophysischen Parallelismus, wo man sich vorstellt, daß die beiden Äußerungen, Körperliches und Seelisches, parallel gehen, nebeneinander. Man erklärt aber damit nicht das Zusammenwirken der beiden, sondern spricht nur von einem Parallelismus. Es ist das nur ein Zeichen dafür, daß man aus der Erfahrung nichts über diese Dinge weiß. Würde man Erfahrungen haben, so würde man sagen: In den ersten 7 Lebensjahren des Kindes sieht man ja das Seelische im Körperlichen wirken. — Wie es da wirkt, das muß man durch Anschauung kennenlernen, nicht durch philosophische Spekulationen oder dergleichen. Die Anthroposophie als Erkenntnismethode weist alle Spekulationen zurück und geht überall auf Erfahrung, allerdings auf physische und geistige Erfahrung.
So wird für die zweite Lebensepoche, für die Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, für die Erziehung vorzugsweise der ätherische Leib des Menschen in Betracht kommen. In ihm sind für den Lehrer und das Kind vor allem die Kräfte wirksam, die im Kinde vorzugsweise Gefühle auszulösen haben, noch nicht Urteile und Gedanken. Denn tief drinnen in der kindlichen Natur steckt noch, zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, das dritte Glied der menschlichen Wesenheit, der astralische Leib, der der Träger des gesamten Gefühls- und Empfindungslebens ist. Er steckt noch, auch während dieser zweiten Lebensepoche, tief im ätherischen Leibe. Daher haben wir die Aufgabe, den ätherischen Leib - weil er etwas frei wird - so zu entwickeln, daß er seinen eigenen Neigungen bei der Erziehung nachgehen kann. Wann kann er das? Das kann er dann, wenn wir das Kind im ganzen Umfange unterrichten und erziehen durch Bildlichkeit, wenn wir alles bildlich an das Kind heranbringen. Denn der ätherische Leib ist ja der Bildekräfteleib; er bildet die wunderbaren Formen der Organe, Herz, Lungen, Leber und so weiter. Der physische Leib, den wir vererbt bekommen, ist nur wie ein Modell; er wird in den ersten 7 Lebensjahren abgelegt. Nach dem Zahnwechsel wird von diesem ätherischen Leib dann der zweite physische Leib ausgebildet. Da müssen wir jetzt in der Erziehung diesem Plastisch-Bildhaften des ätherischen Leibes entgegenkommen.
So, wie wir an das Kind heranbringen Bilder, beim Schreibenlernen als zeichnendes Malen und so weiter — aber wir können nicht bald genug das Künstlerische an das Kind heranbringen, denn der ganze Unterricht muß ein künstlerisch durchdrungener sein —, so müssen wir beachten: wie der ätherische Leib auf Bildhaftigkeit berechnet ist, so ist der astralische Leib, der dem Gefühls- und Empfindungsleben zugrunde liegt, hinorganisiert auf die musikalische Natur des Menschen. Worauf müssen wir also schauen, wenn wir das Kind beobachten? Ein seelisch gesundes Kind ist, weil der astralische Leib zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife noch drinnensteckt im physischen und ätherischen Leib, tief innerlich musikalisch. Jedes gesunde Kind ist tief innerlich musikalisch. Wir müssen nur aus der Bewegung und aus der Regsamkeit des Kindes das Musikalische hervorrufen. Daher ist der künstlerische Unterricht, sowohl in den bildenden Künsten wie in den musikalischen Künsten, von Anfang an in der Schule zu pflegen. Nicht das Abstrakte darf da herrschen, sondern es muß das Künstlerische herrschen, und aus dem Künstlerischen muß das Kind hineingeführt werden in das Begreifen der Welt.
Aber da müssen wir wirklich so vorgehen, daß das Kind allmählich sich in die Welt hineinstellen lernt. Ich habe schon gesagt, es ist mir immer ein zuwiderer Anblick, wenn man die heutigen, nach der Wissenschaft orientierten Lehrbücher in die Schule hineinträgt und danach den Unterricht einrichtet. Denn wir sind heute in unserem Wissenschaftsbetriebe, den ich voll anerkenne, vielfach von der naturgemäßen Weltbetrachtung abgekommen. Wir werden, indem wir anderes im Verlaufe der Besprechung nachholen werden, uns jetzt fragen: Wann kann ungefähr das einsetzen, was man an die Kinder heranbringen wird zum Beispiel in bezug auf die Kenntnis des Pflanzlichen?
Zu spät nicht und nicht zu früh darf es vorgebracht werden. Man muß sich darüber klar sein, daß so zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr für das Kind ein sehr wichtiger Entwickelungspunkt ist. Wer pädagogische Augen hat, beobachtet das bei jedem Kinde. Da kommt ein Zeitpunkt, wo das Kind meistens nicht, indem es spricht, sondern in seinem ganzen Verhalten zeigt: es hat eine Frage oder eine Summe von Fragen, die eine innere Krisis des Lebens verraten. Es ist ein außerordentlich zartes Erlebnis beim Kinde, und es muß außerordentlich zart sein, wenn man es bei ihm bemerken will. Aber da ist es und es muß beobachtet werden. In diesem Lebensalter lernt nämlich das Kind ganz instinktiv, sich von der Außenwelt zu unterscheiden. Vorher fließen Ich und Außenwelt ineinander. Man kann vorher dem Kind erzählen von Tieren und Pflanzen und Steinen, wie wenn sie sich benehmen würden wie Menschen; und man kommt am besten zurecht, wenn man an das bildliche Auffassen des Kindes sich wendet und in dieser Weise über die ganze Natur spricht. Aber zwischen dem 9. und 10. Jahre lernt das Kind mit vollem Bewußtsein zu sich «Ich» zu sagen. Es lernt dies schon früher, aber jetzt mit vollem Bewußtsein. In diesen Jahren, wo das Kind nicht mehr mit seinem Bewußtsein mit der Außenwelt verfließt, sondern sich von ihr unterscheiden lernt, da ist der Zeitpunkt, wo wir auch anfangen können, ohne die Bildhaftigkeit gleich zu verleugnen, Verständnis für die Pflanzenwelt — aber gefühlsmäßiges Verständnis für die Pflanzenwelt dem Kinde beizubringen.
Nun sind wir heute gewohnt, die eine Pflanze neben der andern anzuschauen, denn wir wissen, wie sie heißen und so weiter, und tun so, wie wenn eine Pflanze eben für sich wäre. Aber wenn man in dieser Weise die Pflanze betrachtet, dann ist es eben so, wie wenn Sie sich ein Haar ausreißen und, indem Sie vergessen, daß es auf Ihrem Kopfe war, es für sich betrachten und glauben würden, daß Sie von dem Haar etwas über seine Lebensbedingungen und sein Wesen wissen können, wenn Sie es nicht als einen Auswuchs des Kopfes betrachten. Das Haar hat nur einen Sinn, wenn es auf dem Kopfe wächst; man kann es nicht für sich betrachten. So ist es auch mit der Pflanze. Man kann sie in der Betrachtung nicht ausreißen, sondern man muß die ganze Erde als einen Organismus betrachten, zu dem die Pflanzen dazugehören. Sie ist es auch. Die Pflanzen gehören so zum gesamten Erdenwachstum, wie die Haare zu unserem Kopfe. Man kann niemals die Pflanzen abgesondert betrachten, sondern nur im Zusammenhange mit der ganzen Natur der Erde. Erde und Pflanzenwelt gehören zusammen.
Nehmen Sie an, Sie haben eine krautartige, einjährige Pflanze, die aus der Wurzel aufwächst, Stengel, Blätter und Blüten treibt, die Frucht entwickelt und im nächsten Jahre wieder weiter ausgesät wird. Dann haben Sie unten Erde, in der wächst die Pflanze. Jetzt nehmen Sie aber einen Baum an. Der dauert, der ist nicht einjährig. Er entwickelt um sich herum die sich mineralisierende, daher auch abborkende Rinde. Was ist denn das eigentlich in Wirklichkeit? Was da vorgeht, ist dieses: Wenn Sie bei einer Pflanze die herum befindliche Erde ihren Kräften nach etwas heraufschieben auf die Pflanze, sie etwas mit Erde bedecken würden, so würden Sie dies äußerlich-mechanisch durch menschliche Tätigkeit zustande bringen. Dasselbe aber tut die Natur, indem sie den Baum in die Baumrinde einhüllt; nur wird es da nicht ganz Erde. Es ist in der Baumrinde gewissermaßen ein Erdhügel da, die Erde stülpt sich auf. Wir können die Erde mitgedeihen, mitwachsen sehen, indem wir den Baum wachsen sehen. Daher ist das, was in der Umgebung der Wurzel ist, durchaus dem zuzurechnen, was zur Pflanze gehört. Wir müssen den Erdboden als zur Pflanze gehörig ansehen.
Wer sich dafür einen Blick angeeignet hat und durch eine Gegend fährt, wo er Pflanzen sieht, die oben eine gelbe Blüte haben, der schaut sogleich nach, was dort für ein Erdboden ist: da werden Sie, wenn Sie ganz bestimmte Blüten finden, unten zum Beispiel rotliegende Erde finden. Sie werden sich niemals die Pflanze ohne die Erde denken können. Beide gehören zusammen. Und man gewöhne sich möglichst zeitig daran, sonst ertötet man sich den Sinn für Wirklichkeiten.
Wie sehr ging mir das zu Herzen, als ich, aufgefordert von Landwirten, kürzlich einen landwirtschaftlichen Kursus zu halten hatte, wo gleich nachher ein Landwirt sagte: Heute weiß es jeder, daß unsere Vegetabilien absterben, in die Dekadenz kommen, und zwar mit einer furchterregenden Schnelligkeit. - Warum ist das? Weil es die Menschen nicht mehr verstehen, wie es die Menschen ursprünglich, wie es die Bauern verstanden haben, den Erdboden in Verbindung mit den Pflanzen anzusehen. Will man aber die Vegetabilien wieder in ihrem Gedeihen fördern, so muß man sie auch in der richtigen Weise zu behandeln verstehen, das heißt, man muß richtig düngen können. Man muß dem Erdboden die Möglichkeit geben, daß er wirklich in der Umgebung der Pflanzenwurzel richtig leben kann. — Wir brauchen heute nach der Mißentwickelung, die gerade die Landwirtschaft erfahren hat, eine geisteswissenschaftlich angeregte Landwirtschaft, die uns die Düngemittel so verwenden läßt, daß nicht das Pflanzenwachstum in die Dekadenz kommt. Wer so alt geworden ist wie ich, der kann sagen: Ich weiß, wie die Kartoffeln vor 50 Jahren in Europa ausgesehen haben - und wie sie jetzt aussehen! Wir haben heute nicht nur den Untergang des Abendlandes in bezug auf die Kultur der Seelen, sondern auch tief hineingehend in die andern Naturreiche, zum Beispiel in bezug auf die Agrikultur.
So handelt es sich also darum, daß nicht der Sinn ertötet werden darf für die Zusammengehörigkeit von Pflanze und ihrer Umgebung, daß man nicht bei Schulausflügen und dergleichen die Pflanzen ausreißt, in die Botanisiertrommel steckt, dann in die Klasse bringt und nun glaubt, damit sei etwas getan. Denn die ausgerissene Pflanze kann ja nicht für sich bestehen. - Die Menschen geben sich heute ganz irrealen Betrachtungen hin. Sie sehen zum Beispiel ein Stück Kreide und eine Blume für ein Reales im gleichen Sinne an. Die Philosophen betrachten heute beide Dinge im gleichen Sinne als etwas Seiendes. Aber was ist das für ein Unsinn! Das Mineral kann für sich bestehen, und es kann das tatsächlich. Die Pflanze soll irgend etwas Abgeschlossenes sein; aber sie kann es nicht, sie hört auf zu sein, wenn man sie aus dem Boden herausreißt. Sie hat nur ein Erdensein, indem sie an etwas anderem ist; und das andere hat nur ein Sein, indem es an der ganzen Erde ist. Man muß die Dinge so betrachten, wie sie in der Totalität sind, darf sie nicht herausreißen aus der Totalität.
Fast unsere ganze Erkenntnisanschauung wimmelt. heute von solchen irrealen Anschauungen. Daher sind wir in Naturbetrachtungen hineingekommen, die ganz abstrakt sind, die in ihrer Abstraktheit zum Teil auch berechtigt sind, wie zum Beispiel die Relativitätstheorie. Aber wer real denken kann, der kann Begriffe nicht bloß in der Abstraktion so fortlaufen lassen, sondern er merkt, wo die Begriffe anfangen sich nicht mehr auf eine Realität zu beziehen. Das tut ihm dann weh. - Sie können natürlich ganz gut den Gesetzen der Akustik nachgehen und können sagen: Wenn ich einen Schall errege, so hat die Verbreitung des Schalles eine gewisse Geschwindigkeit. Wenn ich den Schall irgendwo an einer bestimmten Stelle höre, so kann ich berechnen, wie er sich in einer bestimmten Zeit fortpflanzt. Bewege ich mich nun in irgendeiner Geschwindigkeit in der Fortpflanzungsrichtung des Schalles, so höre ich ihn später; wird meine Geschwindigkeit größer als die des Schalles, so höre ich ihn überhaupt nicht; gehe ich aber dem Schalle entgegen, so höre ich ihn früher. Die Relativitätstheorie hat ihre bestimmte Berechtigung. Aber danach kann auch folgendes sein: bewege ich mich nun so, daß ich, dem Schalle entgegen, schneller gehe, als der Schall läuft, dann komme ich schließlich auch darauf hinaus, daß ich den Schall eher höre, ehe es geknallt hat! So etwas spürt der, der eine wirklich realistische Denkweise hat. Ein solcher weiß auch, daß es ganz richtig, wunderbar logisch gedacht ist, daß eine Uhr mit Lichtgeschwindigkeit in den Weltenraum hinausgeworfen wird und von dort wieder zurückkommt, nach dem berühmten Vergleich, der von Einstein gegeben worden ist. Man kann so wunderbar ausdenken, wie da an der Uhr sich nichts verändert habe. Aber für einen realistischen Denker stellt sich die Frage ein: Wie dann die Uhr ausschaut, wenn sie zurück-kommt? — denn er trennt nicht sein Denken von der Wirklichkeit, er steht immer in der Wirklichkeit drinnen.
Das ist das Eigentümliche der Geisteswissenschaft, daß sie niemals die Forderung aufstellt, bloß logisch zu sein, sondern wirklichkeitsgemäß zu sein. Daher werden heute die, welche die Abstraktionen bis in die Puppen treiben, uns Anthroposophen vorwerfen, daß wir abstrakt sind, weil gerade unsere Denkweise die absolute Realität überall sucht, nie heraus will aus dem Zusammenhange mit der Wirklichkeit, wobei man allerdings die geistige Realität mit erfaßt. Dadurch kann man so scharf hinsehen auf das Unnatürliche der an die Botanisiertrommel angeschlossenen Pflanzenkunde.
Es handelt sich also darum, daß man dem Kinde Pflanzenlehre so beibringt, daß man das Antlitz der Erde als solches berücksichtigt, Boden und Pflanzenwachstum als eines behandelt, so daß das Kind nie die Vorstellung von der abgesonderten Pflanze hat. Für den Lehrer kann das unangenehm sein. Denn er kann sich jetzt nicht die gewöhnlichen Botaniken in die Klasse mitnehmen, sie während des Unterrichtes rasch aufschlagen und so tun, als ob er alles ganz genau wüßte. Ich sagte schon, es gibt heute für den Botanikunterricht noch keine richtigen Handbücher. Aber diese Art des Unterrichtens bekommt noch ein anderes Gesicht, wenn man weiß, wie Imponderabilien wirken, und wenn man berücksichtigt, daß das Unterbewußte im Kinde noch stärker wirkt als beim späteren Menschen. Dieses Unterbewußstsein ist furchtbar gescheit und wer ins geistige Leben des Kindes hineinschauen kann, der weiß, wenn da eine Klasse sitzt, und der Lehrer mit seinen Notizen herumgeht und den Kindern beibringen will, was die Notizen enthalten, daß da die Kinder immer urteilen: Ja, warum soll ich das wissen? Der weiß es doch selber nicht! — Das stört ungeheuer den Unterricht, denn es webt aus dem Unterbewußtsein herauf. Und es wird nichts aus einer solchen Klasse, die man mit Notizen in der Hand unterrichtet.
Man muß überall ins Geistige hineinsehen. Das ist insbesondere zur Entwickelung der pädagogischen Kunst notwendig. Dadurch aber schafft man ein festes Drinnenstehen des Kindes in der Welt. Denn jetzt bekommt das Kind nach und nach die Vorstellung, die Erde ist ein Organismus. Das ist sie nämlich auch. Und wenn sie anfängt unlebendig zu werden, dann müssen wir bei unseren Agrikulturpflanzen anfangen nachzuhelfen durch richtiges Düngen. — Es ist zum Beispiel nicht wahr, daß das Wasser, das in der Luft enthalten ist, dasselbe ist wie unten in der Erde. Das Wasser unten hat eine Spur von Vitalität; das Wasser oben büßt das ein, und es belebt sich erst wieder im Hinuntergehen. Das sind alles Dinge, die da sind, die real sind. Wer diese Dinge nicht aufnimmt, der verbindet sich nicht real mit der Welt. Dies für die Pflanzenwelt im Unterricht.
Nun kommt die Tierwelt. Wir können sie nicht so betrachten, daß sie zur Erde gehört. Das zeigt sich schon daran, daß die Tiere herumlaufen können; sie sind schon für sich selbständig. Aber wenn wir wieder die Tiere mit dem Menschen vergleichen, so finden wir etwas sehr Eigentümliches in der Gestaltung der Tiere. Darauf ist in der älteren instinktiven Wissenschaft immer hingewiesen worden, wovon noch Nachklänge im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts vorhanden waren. Nur kommt es den heutigen Menschen ganz närrisch vor, wenn sie mit ihren Anschauungen heute Aussprüche von solchen Naturphilosophen lesen, die noch nach alten Traditionen die Tierwelt in ihrem Verhältnis zur Menschenwelt betrachtet haben. Ich weiß, wie sich die Leute vor Lachen kaum gehalten haben in einem Kreise, wo aus einer Vorlesung des Naturphilosophen Oken der Satz herauskam: «..... die menschliche Zunge ist ein Tintenfisch». Was sollte damit gesagt werden? Natürlich ist die Einzelheit bei Oken nicht mehr richtig gewesen, aber es lag das Prinzip zugrunde, das man dabei haben muß: Wenn man die einzelnen Tierformen ansieht von den kleinsten Protisten bis zu den vollkommenen Affentieren, so stellt jede Tierform irgendein Stück des Menschen, ein menschliches Organ oder ein Organsystem, einseitig ausgebildet, dar. Sie brauchen ja nur die Sache grob zu betrachten. Stellen Sie sich einmal vor, bei einem Menschen würde die Stirn sehr zurücktreten, die Kiefer würden sehr hervorstehend werden, die Augen, statt nach vorn, hinaufsehen; es würde also das Gebiß mit dem, was daranstößt, einseitig ausgebildet werden. Sie können sich auf diese Weise, vereinseitigt ausgebildet, die verschiedensten Säugetierformen vorstellen; Sie können sich, indem Sie von der menschlichen Gestalt dies oder jenes weglassen, die menschliche Gestalt in eine Ochsenform, in eine Schafform und so weiter verwandeln. Und wenn Sie innere Organe nehmen, zum Beispiel die,welche mit dem Fortpflanzungstrakt zusammenhängen, so kommen Sie hinunter ins Reich der niederen Tiere. —- Dieser Mensch ist die synthetische Zusammenfügung der einzelnen Tierformen, die sich mildern, wenn sie in die Einheit zusammengefaßt werden. Der Mensch ist die ganzen Tierformen zusammen, aber harmonisch gegliedert. Wenn ich das, was in den Menschen aufgelöst ist, wieder zurückverfolge bis zu seinen Urformen, so bekomme ich also die ganze Tierwelt. Es ist der Mensch die zusammengezogene Tierwelt.
Diese Betrachtungsweise, die uns mit unserem ganzen Seelenleben wieder richtig hineinstellt in die Tierwelt, ist ganz vergessen worden. Da sie aber wahr ist und tatsächlich den Entwickelungsprinzipien zugrunde liegt, so muß sie wieder belebt werden. Und wir müssen, soweit es heute möglich ist, tatsächlich an das Kind, so gegen das 11. Jahr, nachdem wir die Pflanzenwelt betrachtet haben als zur Erde gehörig, die Tierwelt in der Weise heranbringen, daß wir sie ihren Formen nach als zum Menschen im engeren Sinne gehörig erkennen. Denken Sie, wie der junge Mensch dann zu Tier und Pflanze steht: die Pflanzen gehen zur Erde, werden mit der Erde eins; die Tiere werden mit ihm eins! Das ist wirklich das Begründen eines Verhältnisses zur Welt; das stellt den Menschen in eine Realität zur Welt. - Das kann immer mit dem Unterrichtsstoff an das Kind herangebracht werden. Und geht alles im künstlerischen Sinne einher, geht es einher mit dem, was den Menschen seiner inneren Wesenheit nach erfaßt im lebendigen Erziehen und Unterrichten, dann belebt man das Kind für das Leben; sonst aber ertötet man leicht den Zusammenhang zum Leben. Aber man muß eben hineinschauen in die ganze menschliche Wesenheit.
Was ist denn eigentlich dieser Ätherleib? Ja,wenn jemand den Ätherleib aus dem physischen Leib des Menschen herausnehmen könnte und ihn imprägnieren könnte, so daß er sichtbarlich eine Form zeigte - es gäbe kein größeres Kunstwerk als dieses! Denn der menschliche Ätherleib ist durch seine eigene Wesenheit, durch das, was der Mensch in ihm gestaltet, Kunstwerk und Künstler zugleich. Und indem wir das Bildende in dem Künstlerischen an das Kind heranbringen, bringen wir das Tiefverwandte zum Ätherleib an es heran, indem wir in freier Weise, wie ich es gestern angedeutet habe, modellierend mit dem Kinde uns beschäftigen. Das macht das Kind fähig, indem es innerlich seine eigene Wesenheit ergreift, sich als Mensch richtig in die Welt hineinzustellen.
Und indem wir das Musikalische an das Kind heranbringen, bildet es den astralischen Leib aus. Fügt man beides zusammen, macht man das Plastische so, daß es in Bewegung übergeht, und macht man die Bewegung plastisch, dann hat man die Eurythmie, die ganz aus der Beziehung des Ätherleibes zum astralischen Leibe beim Kinde folgt. Daher lernt jetzt das Kind Eurythmisieren, diese in artikulierten Gebärden sich offenbarende Sprache, wie es in früheren Jahren das Sprechen von selbst gelernt hat. Man wird beim Eurythmielernen nie Hemmnisse finden, wenn das Kind gesund ist; denn es setzt in der Eurythmie einfach seine eigene Wesenheit heraus, es will seine eigene Wesenheit verwirklichen. Daher haben wir in der Waldorfschule die Eurythmie vom 1.Volksschuljahre an bis zu den Oberklassen als einen obligatorischen Unterrichtsgegenstand eingeführt neben dem Turnen.
So sehen Sie, die Eurythmie ist aus dem ganzen Menschen, aus physischem Leib, Ätherleib und Astralleib heraus entstanden; sie kann man nur mit anthroposophischer Menschenerkenntnis studieren. Das heutige Turnen richtet sich einseitig physiologisch auf den physischen Leib; und weil die Physiologie nicht anders kann, werden einzelne Vitalitätsgesetze hineingebracht. Aber man erzieht durch das Turnen nicht Totalmenschen, nur Partialmenschen. Es soll damit nichts gegen das Turnen gesagt werden, aber heute überschätzt man es. Deshalb muß heute für die Erziehung die Eurythmie an die Seite des Turnens treten. — Ich möchte nicht zu weit gehen, wie es einmal, nicht von mir, sondern von einem sehr berühmten Physiologen der Gegenwart geschah, der einmal, als ich über Eurythmie sprach, im Auditorium war. Ich sprach es da aus, daß das Turnen heute überschätzt werde, namentlich als Erziehungsmittel, und daß das geistig-seelische Turnen, das in der Eurythmie gepflegt wird neben dem Künstlerischen der Eurythmie, an die Seite des physiologischen Turnens treten müsse. Nachdem ich zu Ende gesprochen hatte, kam der berühmte Physiologe zu mir und sagte: Sie sagen, das Turnen hätte eine Berechtigung als Erziehungsmittel, weil die Physiologen das sagen? Ich, als Physiologe, muß sagen, das Turnen ist überhaupt als Erziehungsmittel eine Barbarei! — Nun, Sie würden sehr erstaunt sein, wenn ich Ihnen den Namen dieses Physiologen nennen würde. Solche Dinge sind auch schon anschaulich in der Gegenwart für Leute, die etwas mitzureden haben, und man muß daher vorsichtig sein, wenn man, ohne die Zusammenhänge zu durchschauen, gewisse Dinge fanatisch vertritt. Am wenigsten kann man in bezug auf die pädagogische Kunst Dinge fanatisch vertreten, weil man es da mit dem vielgestaltigen Leben des Menschen zu tun hat.
Wenn Sie das, was zu den übrigen Kenntnissen gehört, die an das Kind herangebracht werden müssen, unter die Gesichtspunkte rücken werden, die sich durch das Auseinandergesetzte ergeben, dann kommen Sie dazu, nun in dem Lebensalter, wo das Kind nur durch das Fühlen das Bildhafte aufnehmen kann, auch zum Beispiel Geschichte und Geographie bildhaft zu treiben; so daß Sie also Bilder hinstellen müssen, wenn Sie Geschichtsunterricht treiben, plastische Bilder, malerische Bilder! Daran entwickelt sich der Sinn des Kindes. Denn was in den ersten zwei Epochen des zweiten größeren Lebensabschnittes, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, vor allen Dingen noch nicht in dem Kinde lebt, das ist das, was man den Ursachenbegriff nennt. Vor dem 7.Jahre sollte das Kind überhaupt nicht zur Schule kommen. Wenn Sie die Zeit vom 7. bis zum 9. und 1/3 Jahr nehmen, so haben Sie dann wiederum die erste Unterabteilung des zweiten großen Lebensabschnittes; von 9 1/3 bis zu 11 2/3 Jahren haben Sie die zweite Epoche; und von 11 2/3 bis zum 14. Jahre, approximativ, die dritte Epoche. In der ersten Epoche der zweiten Überepoche ist das Kind ganz auf Bildhaftigkeit veranlagt. Da muß man märchenhaft sprechen, da muß alles in der Außenwelt noch ungeschieden sein von der kindlichen Natur. Da muß die eine Pflanze mit der andern sprechen, ein Mineral mit dem andern sprechen; da müssen Pflanzen sich küssen, da müssen Pflanzen Vater und Mutter haben und so weiter. Wenn jener Zeitpunkt herangekommen ist, den ich eben charakterisiert habe, von 9 1/3 Jahren an, dann wird das Ich anfangen sich zu unterscheiden von der Außenwelt. Da kann man dann auch mit einer Art Realerkenntnis an die Pflanzen und Tiere herankommen. Aber immer wird man das Geschichtliche in den ersten Lebensjahren überhaupt noch märchenhaft, mythenhaft behandeln; in der zweiten Lebensepoche dieses größeren Abschnittes, von 9 1/3 bis 11 2/3 Jahren, wird man bildhaft sprechen. Und erst wenn das Kind nahezu das 12. Lebensjahr erreicht, kann man mit dem kommen, was man unter der Gewalt des Ursachenbegriffes betrachtet, was etwas nach abstrakten Begriffen hinübergeht, wobei Ursache und Wirkung auftreten kann. Vorher ist das Kind für Ursache und Wirkung so unzugänglich wie der Farbenblinde für die Farben, und man ahnt als Erzieher manchmal gar nicht, wie unnötig man dem Kinde von Ursache und Wirkung redet. Woran wir heute so gewöhnt sind in dem wissenschaftlichen Betrachten, davon kann man dem Kinde erst nach dem 12. Jahre sprechen.
Das aber erfordert auch, daß man mit allem Unterricht über das Leblose, wo eben der Ursachenbegriff in Betracht kommt, wartet bis gegen das 12. Jahr, und daß man mit dem geschichtlichen Betrachten über Ursache und Wirkung in der Geschichte, wo es über das Bildhafte hinausgeht und die Ursachen gesucht werden, auch wartet bis gegen das 12. Jahr. Vorher sollte man es nur mit dem zu tun haben, was man an das Kind heranbringt an Seelischem, an Lebendigem. — Die Menschen sind sehr merkwürdig. Da gibt es zum Beispiel eine kulturhistorische Anschauung, die sich Animismus nennt. Die sagt: Wenn das Kind sich an einem Tische stößt, so beseelt es den Tisch, es prügelt ihn; es träumt eine Seele in den Tisch hinein; so hätten es auch die Naturvölker gemacht. — Man stellt sich vor, daß da etwas Komplizierteres in der Seele des Kindes vor sich geht: das Kind soll den Tisch belebt, beseelt denken, und deshalb ihn prügeln, wenn es sich stößt. Es ist das eine phantastische Vorstellung. Wer aber etwas beseelt, das ist eben derjenige, der Kulturgeschichte treibt; der beseelt das Vorstellungsvermögen des Kindes. Aber das Seelische des Kindes ist in einem viel größeren Maßstabe im Körperlichen drinnen als später, wo es sich emanzipiert und als Seelisches frei wirkt. Wenn das Kind sich am Tische stößt, so beginnt eine Reflexbewegung, ohne daß das Kind den Tisch beseelt; es ist reine Willensbewegung, es unterscheidet sich noch nicht von der Außenwelt. Diese Unterscheidung tritt erst ein, wenn gegen das 12. Jahr beim gesunden Kinde der Ursachenbegriff eintritt. Und wenn man mit dem Ursachenbegriff, überhaupt mit so brutalen äußeren Anschaulichkeiten beim Kind zu früh arbeitet, dann ruft man eigentlich fürchterliche Zustände in der Entwickelung des Kindes hervor. Es ist ja sehr schön, wenn man sagt, man soll sich bemühen, dem Kinde alles anschaulich zu machen. Wieviel Nettes ist nach einer gewissen Richtung geschehen unter dem Bestreben, alles anschaulich zu machen. Rechenmaschinen sind aufgetreten, wo Kugeln hin- und hergeschoben werden, um die Rechnungsoperationen anschaulich zu machen. Nun wartet man nur, daß dieselbe Gesinnung die moralischen Begriffe anschaulich macht durch irgendeine Maschine, wo man dann auch irgend etwas verschiebt, wo man das Gute und das Böse so sieht wie man bei der Rechenmaschine sieht, daß 5 + 7 = 12 sind. Aber es gibt eben durchaus Gebiete des Lebens, die unanschaulich sind und die von dem Kinde ganz unanschaulich aufgenommen werden; und wenn man sie anschaulich macht, so täuscht man. Daher ist es falsch, wenn man etwas, was nicht auf Anschaulichkeit gestellt ist, in den pädagogischen Büchern angeraten sieht, in die Anschaulichkeit zu bringen. Es sind manchmal furchtbare Trivialitäten, welche da den Menschen angeraten werden.
Aber es handelt sich in dem Lebensalter zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife nicht nur um Anschaulichkeit, sondern darum, daß, wenn man auf das ganze Menschenleben blickt, folgendes beginnt. Ich nehme im 8. Jahre einen Begriff auf; ich durchschaue ihn noch nicht, ich durchschaue überhaupt die Sache nach abstrakten Zusammenhängen gar nicht, bin ja auch dazu noch nicht veranlagt. Warum nehme ich denn den Begriff auf? Weil das durch die Sprache, durch die selbstverständliche Autorität des Lehrers auf mich wirkt. Aber das soll man ja heute alles nicht machen dürfen; es soll das Kind alles anschaulich bekommen. Aber nehmen wir ein Kind, das alles anschaulich bekommt, da wachsen aber die Erlebnisse nicht mit dem Kinde weiter, dann rechnet man damit, daß man es mit einem Wesen zu tun hat, das nicht wächst. Wir sollen aber in dem Kinde nicht Vorstellungen erwecken, die nicht mit ihm wachsen; denn dann würden wir dasselbe tun, wie wenn wir einem dreijährigen Kinde Schuhe machen lassen, die es später mit 12 Jahren noch tragen soll. Aber alles wächst am Menschen, auch das, was wir einmal begreifen; daher müssen die Begriffe mit uns weiter wachsen. Wir müssen also durchaus sehen, daß wir lebendige Begriffe in das Kind hineinbringen. Die bringen wir ihm aber nur bei, wenn der lebendige Bezug zur Autorität des Erziehers vorhanden ist; die bringen wir ihm nicht bei, wenn der Lehrer als Abstraktling vor dem Kinde dasteht und Begriffe vorbringt, für die das Kind noch gar keine Empfänglichkeit hat.
Stellen Sie sich zwei Kinder vor. Das eine wird so unterrichtet, daß es seine Begriffe aufnimmt, und daß es schließlich mit 45 Jahren für ein Ding noch dieselbe Erklärung gibt, die es einmal mit 8 Jahren gelernt hat. Der Begriff ist nicht herangewachsen mit dem Kinde; es hat sich alles gut gemerkt und kann mit 45 Jahren noch immer dieselbe Erklärung geben. Nehmen wir nun ein zweites Kind, das in lebendiger Weise erzogen ist. Da werden wir finden, geradeso wie es nicht mehr die Größe der Schuhe trägt, die es mit 8 Jahren gehabt hat, so trägt es auch im späteren Alter nicht mehr dieselben Begriffe mit sich herum, die es mit 8 Jahren gelernt hat; sondern diese Begriffe sind ausgeweitet, sie sind zu etwas ganz anderem geworden. Das alles aber wirkt wieder zurück auf die Körperlichkeit. Und schauen wir uns jetzt diese zwei Menschen in bezug auf ihre körperliche Verfassung an, so hat der erste mit 45 Jahren die Sklerose, der zweite ist beweglich geblieben, hat nicht Sklerose. - Was denken Sie, was da für Unterschiede in den Menschen zutage treten? Da gab es einmal an einem Orte Europas zwei Philosophielehrer. Der eine war berühmt in der griechischen Philosophie; der andere war ein alter Hegelianer, aus der Schule Hegels, wo der Mensch gewöhnt worden war, nach seinem 20. Jahre noch lebendige Begriffe in sich aufzunehmen. Beide waren an einer Universität. Da wurde der eine 70 Jahre alt und nahm das Recht für sich in Anspruch, sich pensionieren zu lassen; er konnte nicht mehr weiter. Der andere, aus dem Hegelianismus, war 91 Jahre und sagte: Ich kann nicht begreifen, warum der Jüngling sich schon zur Ruhe setzt. — Aber dieser zweite hatte auch bewegliche Begriffe. Dafür aber schimpften die Leute, er wäre nicht konsequent. Der andere war konsequent, aber er hatte die Sklerose!
So ist eine vollständige Einheit des Geistigen und des Leiblichen vorhanden, und man kann auch das Kind nur richtig behandeln, wenn man auf diese Einheit Rücksicht nimmt. Vom Materialismus sagt man heute unter denen, die ihn nicht teilen, er ist etwas Schlimmes. Warum? Da werden manche sagen, er ist es deshalb, weil er nichts versteht vom Geistigen. Aber das ist nicht das Schlimmste, denn diesen Mangel werden die Menschen nach und nach merken und aus dem Drang, über diesen Mangel hinauszukommen, werden die Menschen zum Geiste kommen, sondern das Schlimmste am Materialismus ist, daß er nichts von der Materie versteht! Sehen Sie nach, was aus der Erkenntnis der lebendigen Kräfte des Menschen in Lunge, Leber und so weiter geworden ist unter dem Einfluß des Materialismus. Man weiß nichts darüber, wie die Dinge da wirken. Man präpariert aus der Lunge, der Leber und so weiter ein Stück heraus, aber man lernt durch den heutigen Wissenschaftsbetrieb nicht den wirkenden Geist in den menschlichen Organen kennen. Den lernt man erst durch die Geisteswissenschaft kennen. Das Materielle erschließt sich erst der geisteswissenschaftlichen Betrachtung. Daher krankt also der Materialismus am meisten daran, daß er nichts von der Materie versteht; er möchte sich auf die Materie beschränken, aber er kann nicht zur Erkenntnis des Materiellen kommen - aber des wirklichen Materiellen, nicht des ausgedachten Materiellen, wo man so und so viele Atome um einen zentralen Kern herumtanzen läßt; denn solche Dinge kann man leicht konstruieren. In dieser Beziehung hat es auch früher Theosophen gegeben, die ein ganzes System von Atomen und Molekülen konstruiert haben; aber das alles war ja ausgedacht. Es handelt sich wieder darum, daß man an die Wirklichkeit herankommt. Und kommt man selber an die Wirklichkeit heran, so empfindet man es als unbehaglich, daß man einen Begriff fassen soll, der niemals an der Wirklichkeit gefühlt ist. Man empfindet es als Schmerz, wenn einem jemand zum Beispiel eine solche Theorie vorsagt: es sei im Grunde genommen einerlei, ob ich mit einem Auto nach einer Stadt fahre,oder ob das Auto stille steht und die Stadt zu mir kommt. Gewiß, die Dinge sind für eine gewisse Betrachtungsweise berechtigt. Aber so ausgedehnt, wie das heute unter der Gesinnung für Abstraktheiten geschieht, veröden sie das ganze menschliche Seelenleben. Und wer einen Sinn dafür hat, dem ergibt sich ein furchtbar schmerzliches Empfinden gegenüber manchem, was man heute denkt und was gerade für den Unterricht so außerordentlich zerstörend wirkt. Wenn ich so sehe, wie gewisse Methoden schon bei kleinen Kindern in den Kindergärten darauf hingehen, daß sie die gewöhnlichen Buchstaben eingeschnitten haben und dann lernen, in Eingrabungen die Buchstaben zu Worten zusammenzustellen, so wird damit schon früh an das Kind etwas herangebracht, wozu es in diesem Alter noch gar keinen Bezug hat. Da ergeht es ihm so, wie wenn man beim realen Denken sagen würde: Ich war doch eben noch ein Mensch mit Muskeln und Haut und so weiter, jetzt bin ich nur noch ein Skelett. — So ist es heute unter dem Einfluß der Gesinnung für Abstraktheiten im Geistesleben der Menschheit: man erblickt sich plötzlich als Skelett. Aber mit solchen Anschauungen, die eigentlich skelettierte Wirklichkeit sind, kann man in der Pädagogik nicht an das Kind herankommen.
Darum wollte ich heute zeigen, wie es darauf ankommt, daß der Lehrer in richtiger Weise lebendig an das Leben herangehen kann.