17. Das Wesen des Menschen im Lichte der Geisteswissenschaft

GA 68d/1908-01-29 · 1908-01-29 · original · 33 passages · 4283 words
p001

## GA 68d — 29 January 1908, Wiesbaden

p002

### 17. Das Wesen des Menschen im Lichte der Geisteswissenschaft

p003

Unter den mancherlei Weltanschauungsströmungen unserer Zeit ist auch die mit dem Namen «theosophische Weltanschauung» bezeichnete. Wer sich aus Büchern, Artikeln und so weiter über Theosophie ein Urteil zu bilden versucht, der kann leicht zu einem der vielen Vorurteile kommen, die gegen die theosophische Weltanschauung heute existieren. Theosophie gilt heute für viele wie die Aufwärmung eines alten Aberglaubens, einer kindlichen Weltanschauung, wie sie für die Phantasie der Völker der Vorzeit geeignet war, wie sie aber für den aufgeklärten Menschen der Gegenwart nicht mehr passt. Andere bilden sich ein, Theosophie wolle sein etwas wie eine Art neuer Religionsstifterei, wie eine Art Sektenbildung. Da ist es nicht verwunderlich, dass die, denen es ernst ist mit dem religiösen Leben, in der Theosophie etwas Gefährliches sehen. Ein drittes Vorurteil ist das, Theosophie wolle eine morgenländische Religionsauffassung nach Europa verpflanzen. Darinnen sehen manche eine direkte Gefahr, wenn es geschehen würde. Das gehört aber zu jenen Arten der Geistesströmung, denen der heutige Vortrag gewidmet sein soll, dass man, um sie zu verstehen, sich etwas eingehender und tiefer mit ihnen befasst. Nicht als ob besondere Gelehrsamkeit zur Theosophie gehörte, aber Geduld, sich etwas eingehender mit der Sache zu befassen. Dann kommt eben ein jeder damit zurecht. Theosophie oder Geisteswissenschaft ruht auf zwei festen Säulen. Wenn man diese beiden Säulen in ihrer Bedeutung erkannt hat, dann hindert einen auch nichts mehr, um tiefer in diese Geistesströmung einzudringen. Diese eine Säule ist die, dass man erkennt: Hinter unserer physischen Welt, die für die Sinne wahrnehmbar ist, gibt es eine überphysische, eine übersinnliche, eine geistige Welt. Die zweite Säule ist die, dass der Mensch die Fähigkeit hat, einzudringen in diese geistige Welt, die übersinnliche Welt.

p004

Schon gegen das Erste, dass es überhaupt eine übersinnliche Welt gibt, dagegen erheben sich in unserer Zeit gewichtige, starke Einwände. Unsere moderne Wissenschaft glaubt schon, gegen etwas zu verstoßen, wenn man überhaupt zugibt, dass es eine geistige Welt gibt. Die Theosophie spricht von der geistigen Welt im Grunde genommen in gar keinem absonderlichen Sinne, nicht als ob die geistigen Welten ganz woanders wären als da, wo sie sind, sondern sie spricht so von ihnen, wie ungefähr der große deutsche Philosoph Fichte von geistigen Welten in besonders eindringlicher Weise gesprochen hat. Im Herbste 1813 sagte er zu seinen Zuhörern Folgendes:

p005

> Diese Lehre setzt voraus ein ganz neues inneres Sinneswerkzeug, durch welches eine neue Welt gegeben wird, die für den gewöhnlichen Menschen gar nicht vorhanden ist.

p006

Ferner fügte er hinzu:

p007

> Denke man eine Welt von Blindgeberenen, denen darum allein die Dinge und ihre Verhältnisse bekannt sind, die durch den Sinn der Betastung existieren. Tretet unter diese, und redet ihnen von Farben und den anderen Verhältnissen, die nur durch das Licht und für das Sehen vorhanden sind. Entweder ihr redet ihnen von Nichts, und dies ist das Glücklichere, wenn sie es sagen: Denn auf diese Weise werdet ihr bald den Fehler merken, und falls ihr ihnen nicht die Augen zu öffnen vermögt, das vergebliche Reden einstellen.

p008

So wie der Blindgeborene es für eine Phantastik halten kann, wenn wir ihm von Farben und Licht reden, so werden auch wohl die, welche von geistigen Welten reden, von denen, die diese Welten nicht kennen, für Phantasten gehalten. Für die, welche nichts von den geistigen Welten kennen, redet ein solcher, der sie kennt, wie der Sehende für den Blinden von der Welt von Farbe und Licht redet. Es ist allerdings notwendig, so ähnlich von den geistigen Welten zu sprechen, wie J.[ohann] G.[ottlieb] Fichte von den geistigen Welten gesprochen hat; ganz so ist es allerdings nicht. Es gibt für den Blindgeborenen manchmal die Möglichkeit, ihn zu operieren. Da gibt es einen Augenblick, wo das, was in Dunkelheit gehüllt war, ihm entgegentritt in Licht und Farbe und Glanz. Aber man kann nicht jeden Blindgeborenen operieren. Für jeden Menschen jedoch gibt es die Möglichkeit, schend zu werden für die Welten, welche um uns herum sind, die aber jetzt für ihn verhüllt sind.

p009

Von solchen Welten, die um uns herum sind, für die des Menschen schlummernde Fähigkeiten nur erweckt zu werden brauchen, von solchen Welten haben zu allen Zeiten die Erweckten, die Sehenden gesprochen. Aber es hat dafür die verschiedensten Worte gegeben. Wir brauchen heute für die Lehre von diesen Welten das Wort «Theosophie», nach dem Vorbilde des Apostels Paulus, der zuerst das Wort «Theosophie» dafür gebraucht. Diejenigen, die in die geistigen Welten hineinschauen, nannte man immer Eingeweihte oder Seher. Für den, der zum Eingeweihten, zum Seher wird, gibt es jenen Moment, jenen Augenblick, der sich in gewisser Weise vergleichen lässt mit dem Augenblick, in dem das physische Licht zuerst in das Auge des operierten Blindgeborenen dringt; nur ist für den Menschen, der nicht bloß eine Verstandesüberzeugung von den geistigen Welten gewinnen will, der Moment, wo er sehend wird, viel glanzvoller als der Moment, den der operierte Blindgeborene erlebt. Vielleicht sagt man, weil nur wenige Menschen haben hineinschauen können in die geistige Welt: Was geht dann diese geistige Welt die an, die nicht hineinschauen können? Aber es ist damit so: Wenn die, die aus unmittelbarer Erfahrung, aus eigener Anschauung die Weistümer der geistigen Welt mitteilen, dann können diese Wahrheiten, wenn die Menschen nur genügend nachdenken wollen, eingesehen werden. Zum Erfahren der geistigen Wahrheiten gehört Sehergabe; zum Begreifen gehört der gesunde Menschenverstand.

p010

Dem, welcher einwenden wollte, für mich kann das noch keine Überzeugung sein; ich muss erst selbst hineinschauen können in die geistigen Welten - dem muss man sagen: Nicht das hindert ihn, dass er diese Fähigkeit noch nicht hat, sondern, dass er nicht seinen umfassenden Menschensinn anwenden will auf das, was ihm von den andern mitgeteilt wird. Die Seher sind in den geistigen Welten. Die geistigen Welten sind nicht woanders; sie sind da, wo wir sind, und der Mensch kann durch die in ihm schlummernden Fähigkeiten Erleber dieser geistigen Welten werden. Zum Erfahren der geistigen Welten gehört Sehergabe, zum Begreifen nur der gesunde Menschenverstand. Wie sich das Licht zum Auge verhält, so verhalten sich die geistigen Welten zur Seele.

p011

Andere sagen: Es mag sein, dass es geistige Welten gibt, aber die Menschen haben nicht die Fähigkeiten, in sie einzudringen. — Die so sagen, sind der Meinung, dass des Menschen Fähigkeiten nicht entwicklungsfähig seien, dass die Menschen bleiben, wie sie sind. Heute bildet das Wort Entwicklung für viele eine Art Zauberformel. Aber sobald man von seelischer Entwicklung spricht, wollen sie nichts davon wissen. Denjenigen, die glauben, der Mensch könne die geistigen Welten nicht erkennen, kann man antworten: Gewiss, mit denjenigen Fähigkeiten, die ihr heute habrt, könnt ihr die geistigen Welten nicht erkennen; aber in dem Menschen schlummern Fähigkeiten, die entwickelt werden können, womit er die geistigen Welten wahrnehmen kann. Öffentlich verkündet werden diese Wahrheiten erst in der letzten Zeit, weil die Menschheit sie jetzt in dieser Form braucht. Eingeflossen sind sie immer schon in die Welt und das menschliche Denken und Empfinden. Aber in dieser Form treten sie zum ersten Mal vor die Öffentlichkeit. Vor allem sind in allen Religionen diese Wahrheiten immer enthalten gewesen. Sie sind darin enthalten gewesen in anderer Form, wie diese Form der Menschheit genügte. Seit Jahrhunderten kommt nun die Menschheit, die an den alten Formen hängt, gegenüber den geistigen Wahrheiten in Zweifel, Skrupel und so weiter.

p012

Denken wir zurück an die Zeiten, in denen es noch keine Buchdruckerkunst gegeben hat, als noch nicht das, was heute an den Menschen herankommt in Form von Druckwerken, an die Menschen so herankommen konnte, sondern nur Einzelheiten davon. Dazumal konnte sich das menschliche Empfinden und Fühlen in ganz anderer Form noch gegenüber den großen, geistigen Wahrheiten verhalten. Jetzt aber, wo die Unsumme von Wissenschaft in tausend und abertausend Kanälen in die Menschheit eindringt, da erfordert die Verbreitung der geistigen Wahrheiten auch eine andere Form. Wir brauchen auch nur ein paar Worte zu sagen, um die Wirkungen zu erkennen. Jene Wesen, durch die die Impulse damals entstanden, als in alten Formen der Darstellung die Wahrheit den Menschen gegeben wurde, wussten, dass im Menschen ein ewiger Kern lebt; sie wirken nicht mehr so auf die Menschen. Es muss eine andere Form geben, wie sie sich als geeignet erweisen soll für die moderne Seele.

p013

Eine solche andere Form will die moderne Theosophie sein. Sie will sich nicht den religiösen Wahrheiten entgegenstellen, sondern will gerade das Instrument sein, um diese Wahrheiten in solcher Weise zu erkennen, dass auch die modernste Seele davon überzeugt werden kann. Nicht aus Agitationslust oder aus subjektiver Willkür sind die, die über solche Geheimnisse etwas wissen, aus ihrer Reserve hinausgetreten, sondern weil es notwendig war für die Menschheit. Damit hängt es zusammen, wie ein theosophischer Vortrag aufgefasst werden muss. Wer aus theosophischer Gesinnung heraus spricht, spricht niemals als Agitator, niemals aus der Gesinnung heraus, er müsse mit den gewöhnlichen Überredungskünsten auf den Menschen wirken.

p014

Es gibt heute viele Weltanschauungen, und ihre Vertreter treten unter die Menschen hin, um zu lehren eine bestimmte Wahrheit, und meinen, die Menschen müssten unter allen Umständen diese Wahrheit aufnehmen. Der Theosoph will nicht sein ein dogmatischer Lehrer; er will sein ein Erzähler von den Tatsachen der geistigen Welten. Ein bedeutender Franzose hat einmal gegenüber den Tatsachen der sinnlichen Welt das Wort geprägt: «Ich lehre nicht, ich erzähle.» Es handelt sich durchaus darum, dass zur Theosophie gerade die herankommen, die durch ihre Gesinnung schon hingewiesen sind auf die Tatsachen, die ihr zugrunde liegen, welche durch ihre ganze Empfindungsweise schon genügend auf sie hingewiesen sind, auf das, was der Mitteiler zu sagen hat.

p015

Unter den Menschen gibt es solche, die vielleicht hineinschauen können in die geistigen Welten. Das sind sehr wenige. Zweitens gibt es solche, die aus wissenschaftlichen Gründen die Logik der geistigen Welten anerkennen. Deren gibt es auch nur wenige, da die Wissenschaft heute noch eine Unsumme von Vorurteilen hat. Viele gibt es aber, die aus einem gewissen Wahrheitsgefühl, aus der Ahnung ihrer Seele heraus zur Theosophie hinkommen. Mancher Wissenschaftler wird noch mit einem gewissen Lächeln an die Theosophie herankommen; er bedenkt aber nicht, dass die menschliche Seele nicht auf Unwahrheit, sondern auf Wahrheit angelegt ist. Wenn die menschliche Seele nicht durch Vorurteile befangen ist, so findet sie den geraden Weg, da sie zur Wahrheit angelegt ist. Jeder muss zur Theosophie freiwillig hinkommen. Jeder, in dem irgendeiner der drei angeführten Gründe wirksam ist, der kommt zur Theosophie.

p016

Heute wollen wir sprechen von dem Wesen des Menschen und uns dadurch eine Grundlage schaffen für die Beantwortung der Urrätsel der suchenden Menschheit, für die Beantwortung der Frage nach dem Geheimnis des Todes, das zusammenhängt mit der Frage nach dem Wesen des Lebens. Das Menschenwesen ist im Sinne der theosophischen Weltanschauung komplizierter, mannigfaltiger, als man gewöhnlich heute denkt. Man spricht zunächst von dem physischen Menschenleib. Für die Geisteswissenschaft, die einzudringen sucht in die Geheimnisse des Daseins vom übersinnlichen Standpunkt aus, ist der physische Menschenleib nur ein Glied der menschlichen Wesenheit. Machen wir uns klar, wie wir über diesen physischen Menschenleib im Sinne der Geisteswissenschaft zu denken haben. Wir können ihn verstandesgemäß begreifen. Wir schauen hinaus in unsere Umwelt. Wir sehen alles das, was vom kleinsten Stein auf der Erde bis zum leuchtenden Stern, zur leuchtenden Sonne uns umgibt; wir sehen Wesen der verschiedensten Art, die sich unseren Sinnen darbieten. Wir sehen, was wir die mineralische Welt nennen, die Welt der Stoffe und stofflichen Kräfte. Wenn wir diese Welt der Stoffe kennenlernen, die ausgebreitet sind um uns herum, die den Weltenraum erfüllen, die uns von den Sternen entgegenleuchten, so sind in dem menschlichen physischen Leibe dieselben Stoffe und Kräfte wie draußen in der scheinbar leblosen Natur. Diese Stoffe setzen den physischen Leib zusammen; dieselben Kräfte ziehen hindurch, bis der Menschenleib zerfällt. Für die Geisteswissenschaft gilt es wie in irgendeiner anderen Wissenschaft, dass der Menschenleib aus denselben Stoffen und Kräften zusammengesetzt ist wie die physische Welt. Aber es gilt für die Geisteswissenschaft ferner, dass die Stoffe und Kräfte im Menschen und in jedem Lebewesen eine Anordnung haben, die nicht an sich physisch und chemisch möglich wäre. Sie würden, sich selbst überlassen, in sich selbst zerfallen. Ein Bergkristall besteht in jener Form nach den physischen und chemischen Gesetzen, aber im Menschenleib ist das nicht möglich.

p017

Da weist die Geisteswissenschaft hin auf ein zweites Glied der menschlichen Wesenheit, den Ätherleib oder Lebensleib. Was ist dieser Äther- oder Lebensleib? Er ist ein fortdauernder Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Leibes. In uns allen ist dieser Äther- oder Lebensleib. Wir denken uns einen Schwamm, durchsetzt von Wasser. So ist der physische Leib eines jeden Lebewesens durchsetzt von dem Äther- oder Lebensleib. Das hindert die physischen Stoffe und Kräfte, ihren eigenen Gesetzen zu folgen. Der Moment des Todes tritt gerade dadurch ein, dass der Äther- oder Lebensleib den physischen Leib verlässt. Dann ist aber auch der physische Leib Leichnam. So ist in jedem Moment des Lebens der Ätherleib ein Kämpfer, der verhindert, dass der physische Leib Leichnam wird.

p018

Die heutige Wissenschaft sagt so manchmal: Es gibt für den Forscher ein Ideal; dies Ideal sei, auch das Lebendige herzustellen, laboratoriumsmäßig, aus den Teilen der leblosen Substanz. An diesem Ideal muss die heutige Wissenschaft hängen. Da fügt nun mancher hinzu, der glaubt, festzustehen auf dem Boden der Wissenschaft: Solange uns das nicht gelingen wird, solange habt ihr Theosophen gut reden von einem Ätherleib, solange wir nicht aus lebloser Eiweißsubstanz lebendige Substanz herstellen können. Wenn das aber gelingt, wird auch der Theosoph seinen Irrtum einsehen. - Es ist durchaus begreiflich, dass die heutige Wissenschaft so reden muss. Vieles könnte man gegen diesen Einwand sagen. Nur eines aber sei hier eingewendet. Man glaube nur nicht, dass die Geisteswissenschaft in Bezug auf die Frage der Herstellung eines Lebewesens aus leblosen Substanzen je auf einem anderen Standpunkt gestanden habe. Der Theosoph sagt nur: Ja, es wird die Zeit kommen, wo es für den Menschen möglich sein wird, aus leblosen Substanzen Lebendiges herzustellen. — Dennoch spricht der Theosoph vom Äther- oder Lebensleib. Für ihn ist der Äther- oder Lebensleib eine Tatsache. Trotzdem aus Leblosem einmal Lebendiges erzeugt werden kann, trotzdem ist die Tatsache wahr, dass der Äther- oder Lebensleib da ist. Er ist das erste geistige Glied des Menschen.

p019

Es ist gar kein Einwand gegen den Anteil eines Geistigen an einer Sache, wenn wir sagen, wir begreifen das Physische nach den mechanischen Gesetzen. Wir begreifen eine Uhr nach rein mechanischen Gesetzen. Ist deshalb der Uhrmacher unentbehrlich? Dieser Einwand ist trivial. Viele Menschen glauben, weil früher die Menschen auf einer kindlicheren Stufe gestanden haben, haben sie geglaubt, dass hinter dem Physischen stehen geistigen Wesenheiten, die die Welt dirigieren. Heute sei es aber nicht mehr notwendig, weil ja die Wissenschaft uns darüber aufklärt, wie die Dinge zusammenhängen. Wissenschaftliches Aufklären eines Tatbestandes hat nichts zu tun mit dem Begreifen der geistigen Hintergründe.

p020

Das Zweite ist das: Wenn der Mensch glaubt, der Lebensleib müsse wie ein Stück Eisen da oder dort im Menschen nachweisbar sein, so ist das eine grobe, materialistische Vorstellung. Man denke sich, trockne Luft in einem Raume sei mit etwas Wässerigem durchsetzt. Können wir auch das Wasser herausziehen, so kann man doch nicht sagen: Das Wasser ist nicht in dem Raume gewesen. Was in unserem Lebensleib wirkt, das ist überall zu finden. Es erfüllt als allgemeines Weltenprinzip den Weltenraum. Bringen wir, was heute sich noch dem menschlichen Vermögen entzieht, Stoffe in eine solche Kombination, dass sich der Gedanke der Kombination als Magnet erweist für das Leben, dann werden wir auch das erleben, dass die leblose Substanz sich belebt. Das weiß die Geisteswissenschaft. Aber sie sagt uns: Die Kunst, das zu können, was heute noch den großen Naturgeheimnissen überlassen bleiben muss, diese Kunst wird der Menschheit von guten Händen nicht eher überliefert, bis der Laboratoriumstisch zu einem Altar umgewandelt ist; bis die Handlung am Laboratoriumstisch zu einer sakramentalen Handlung umgewandelt sein wird. Der Mensch wird, wenn er einmal imstande sein wird, die Kombination herzustellen, dass durch die Gedankenkombination angezogen wird auch das Leben, hineinverweben, was in seiner Seele lebt; sein Gutes oder Böses wird er da hineinverweben. Solange die Menschheit noch nicht geläutert ist, muss deshalb dies Geheimnis der Menschheit verborgen bleiben.

p021

Damit haben wir den Menschen schon zusammengesetzt aus zwei Gliedern, aus physischem Leib und Äther- oder Lebensleib, die er gemeinsam hat mit allen Pflanzen und Tieren, mit allen Lebewesen. Wenn wir uns aber sagen wollten, das ist alles, was eingeschlossen ist in der menschlichen Haut, dann wäre das nicht richtig. Vieles steht dem Menschen viel näher als das, was physisch da eingeschlossen ist, Knochen, Muskeln, Nerven und so weiter. Etwas liegt jedem Menschen näher; das ist die Summe von Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften, alles, was bis zum höchsten Ideal in der Seele lebt. Vielleicht wird ein materialistisches Denken sagen: Das alles ist da, aber es ist ein Ergebnis des physischen Leibes. - Wäre es so, dann brauchte man nicht davon als von etwas Selbstständigem zu sprechen, aber die Geisteswissenschaft zeigt uns, dass das alles nicht etwa ein Erzeugnis ist des physischen oder Ätherleibes, sondern sie zeigt uns vielmehr an, dass dieses, was sich im Menschen an Trieben und Begierden, Gefühlen, Leidenschaften und Idealen abspielt, Ergebnis eines dritten Gliedes der menschlichen Wesenheit ist. Alles das, was in seiner Kompliziertheit unbegreiflich erscheint, wenn wir das in seinen einfachen Elementen betrachten, wird es doch begreiflich.

p022

Fragen wir uns, ob heute im Menschen sich irgendetwas zeigt, wo physische Wirkungen aus geistigen Ursachen hervorgehen, so finden wir Folgendes: Wenn der Mensch erschrickt, so erbleicht er; das Blut strömt von der Peripherie zum Herzen. Wenn ihm die Schamröte ins Gesicht tritt, strömt das Blut vom Herzen zur Peripherie, nach den äußeren Teilen des Körpers. Das sind kleine physische Wirkungen von geistig-seelischen Vorgängen.

p023

Die Geisteswissenschaft zeigt uns, dass nicht nur dieses, sondern alles Physische aus Seelischem und Geistigem entsprungen ist: Es sind seelische Erlebnisse umfassendster Art, die nicht nur das Blut in kleiner Weise in Zirkulation versetzen, sondern die es überhaupt herumtreiben. Der ganzen Welt liegen seelische, liegen geistige Vorgänge zugrunde.

p024

So sprechen wir von einem dritten Glied der menschlichen Wesenheit. Dieses dritte Glied der menschlichen Wesenheit, das der Mensch mit den Tieren gemeinsam hat, nennen wir des Menschen astralischen Leib. So haben wir den Menschen aus drei Gliedern zusammengesetzt, dem physischen Leib, dem Ätherleib und dem Astralleib.

p025

Nun gibt es noch etwas im Menschen, was wir bezeichnen müssen als das vierte Glied der menschlichen Wesenheit, wonach wir den Menschen ansehen müssen als die Krone der Erdenschöpfung. Dieses vierte Glied der menschlichen Wesenheit hat der Mensch allein; es ist das, wodurch er die Krone aller Wesen um ihn her ist. Zu dem Tisch kann jeder «Tisch» sagen, zu dem Stuhl jeder «Stuhl»; eins gibt es aber, was nur jeder Mensch von sich selbst sagen kann. Das kann nicht in der Weise gehandhabt werden wie die Bezeichnungen der anderen Dinge; es ist das, was mit dem einfachen Wörtchen «Ich» bezeichnet wird. Das, was das Ich ist im Menschen, das kann kein anderer, sondern nur er selbst bezeichnen. Wenn das Wörtchen «Ich» die Bezeichnung sein soll vom innersten Menschen, dann muss es aus dem Menschen selbst hervorkommen.

p026

Diese Kräfte, die im Wörtchen «Ich» ihre Bezeichnung finden, die nennen wir das vierte Glied der menschlichen Wesenheit. Alle Religionen und Weltanschauungen, die von der sogenannten Geisteswissenschaft gewusst haben, haben so gefühlt die Bedeutung des Ich im Menschen. Daher nannten sie diesen Namen den «unaussprechlichen Namen Gottes». Hier offenbart sich das im Menschen, wodurch der Mensch ein Funken, ein Tropfen der göttlichen Substanz ist.

p027

Wenn man darauf erwidern wollte: Dann macht die Theosophie ja den Menschen zu einem Gott, so kann man darauf nur sagen: Ebenso wenig wie ein Tropfen aus dem Meer das ganze Meer ist, ebenso wenig ist das, was im Menschen göttliche Substanz ist, das ganze Göttliche. Wie der Tropfen sich zum Meer verhält, so verhält das Ich im Menschen sich zum ganzen Göttlichen. Nur das Göttliche, das im Innersten des Menschen lebt, kann sich im Innern des Menschen ankündigen. Alles andere, was Farben, Töne, Wärme und Kälte ist, alles das muss von außen an den Menschen herankommen. — Man muss die ganze Tragweite dieses Ertönens im Innern des Menschen, des menschlichen Ichs erkennen. Fichte sagte einmal: «Viel eher möchten die Menschen sich für ein Stück Lava vom Monde halten als für ein Ich. Sie sehen dieses Wesen des Ich wer weiß wo, nur nicht in sich selbst.»

p028

Diese vier Glieder, der physische, Äther- und Astralleib und das Ich, sind bei dem ungebildetsten «Wilden», der noch seine Mitmenschen auffrisst, ebenso vorhanden wie bei dem entwickeltsten Kulturmenschen. Auf seinen Reisen traf Darwin einmal mit einem «Wilden» zusammen, der gerade sich anschickte, seine Gattin zu verspeisen. Darwin ließ ihm durch den Dolmetscher begreiflich machen, dass das nicht gut sei. Darauf antwortete er, das könne er doch nicht wissen, bis er sie gekostet habe. Als er ein Stück von ihr verzehrt hatte, machte er ihm durch Zeichen begreiflich, dass sie sehr gut sei.

p029

Da haben wir noch ein Ich, das all dem, was im astralischen Leib an Begierden lebt, folgt. Das Ich hängt da wie an Ketten und wird von den Begierden des Astralleibes nachgeschleppt. Der europäische Durchschnittsmensch sagt sich bei gewissen Instinkten und Trieben: Denen darfst du nicht folgen.

p030

Vergleichen wir den Durchschnittsmenschen mit Schiller. Er unterscheidet sich von dem Durchschnittsmenschen dadurch, dass er manche Instinkte und Begierden umgewandelt hat in höhere Eigenschaften. Der Heilige hat gar nichts mehr von Begierden, über die er nicht Herr geworden ist. Bei dem astralischen Leibe eines fortgeschrittenen Menschen können wir zwei Teile unterscheiden, einen Teil, den das Ich veredelt hat, und einen Teil, der noch nicht umgewandelt ist. Den umgewandelten Teil des Astralleibes nennen wir Manas oder Geistselbst, das fünfte Glied der menschlichen Wesenheit. So ist der Mensch imstande, aufgrund der vier Glieder der menschlichen Wesenheit ein fünftes im Laufe seiner Vervollkommnung zu erzeugen. Ja, er ist imstande, ein sechstes zu erzeugen. Er kann nicht nur umgestalten den Astralleib, sondern auch den Äther- oder Lebensleib. Wir wollen uns erinnern an das Lebensalter von sieben oder acht Jahren, und was wir dazu gelernt haben seit jener Zeit. Jeder hat natürlich ungeheuer viel dazu gelernt. Alles das wirkt umgestaltend auf den astralischen Leib, verändert den Astralleib. Wenn wir aber mit sieben oder acht Jahren ein jähzorniges oder melancholisches Kind waren, so prüfen wir einmal, ob dieser Jähzorn oder diese Melancholie sich geändert haben. Etwas davon wird auch im späteren Alter gewöhnlich noch auftauchen. Schopenhauer meint daher, die Eigenschaften ändern sich gar nicht. Aber das ist nicht so. Sie ändern sich nur langsam. Wenn der Astralleib sich ändert, wie der Minutenzeiger an der Uhr vorrückt, so ändern sich im Vergleich dazu Temperamente und Charakter, die Gewohnheiten, wie der Stundenzeiger der Uhr vorrückt, weil der Ätherleib der Träger davon ist.

p031

Es gibt etwas im gewöhnlichen Leben, wodurch der Mensch seinen Ätherleib verwandeln kann. Solche Impulse sind die der wahren Kunst, die uns in Form, Farbe und Ton das Göttliche ahnen lässt. Diese Kunst wirkt umgestaltend auf dasjenige, was im Ätherleib wirksam ist. Darauf wirkt auch umgestaltend alles das, was in den religiösen Impulsen der Menschheit gegeben wird. Wenn zum Beispiel die religiösen Impulse im Gebet jeden Tag durch die Seele ziehen, dann wirken sie durch die Wiederholung im Äther- oder Lebensleib. Dass der Ätherleib das Prinzip der Wiederholung vertritt, das können wir beobachten, wo es noch ungetrübt wirkt, draußen an der Pflanze. Immer wieder nimmt sie ihre Kraft zusammen und entfaltet Blatt für Blatt. Tut das der Mensch mit etwas, was seine Seele packt, dass er immer wieder sich davon durchzichen lässt, so wirken die Impulse so auf seinen Äther- oder Lebensleib, wie der Ätherleib der Pflanze wirkt, die Blatt an Blatt hervortreibt. Die Kräfte des umgestalteten Lebensleibes nennen wir Lebensgeist oder die Budhi.

p032

Wenn der Mensch in die sogenannte Geheimschulung aufgenommen wird, wodurch er noch intensiver wirken kann auf sein Inneres, durch bedeutsame Impulse, dann wirkt er noch stärker auf den Äther- oder Lebensleib, sodass er die Erweckung erleben kann. Für den Ätheroder Lebensleib ist die Umänderung der Gewohnheiten wichtiger als alles Lernen. Für die eigentliche geheimwissenschaftliche Schulung hat man unendlich viel getan, wenn man sich die geringste Gewohnheit bewusst abgewöhnt. Der Mensch kann auch lernen, die stärkste Kraft des Geistes zu entwickeln, durch die er die niedere Kraft des physischen Leibes überwindet. Anfangen wird dieser Prozess mit einer Regulierung des Atmungsprozesses. Wenn er diesen Prozess regulieren kann, dann beginnt er umzubilden das Prinzip des physischen Leibes. Diesen umgewandelten Teil des Prinzips des physischen Leibes nennt man Geistesmensch oder Atman, weil Atma das Atmen bedeutet. Er gestaltet so die drei Glieder der höheren Wesenheit heraus; das fünfte Glied, Manas, ist der umgestaltete Astralleib, das sechste Glied, Budhi, ist der umgestaltete Ätherleib; das siebente Glied, Atman, ist der umgestaltete physische Leib. Beim gewöhnlichen Menschen sind die vier Glieder vollständig vorhanden, die drei höheren Glieder je nach dem Grade der Entwicklung ausgestaltet. Diese sieben Glieder des Menschen umschließen das Vergängliche bei ihm, aber sie umschließen auch das Ewige. Die Anordnung, die genannt wurde, ist die, wie wir sie haben zwischen Geburt und Tod. Wenn der Mensch die Pforte des Todes durchschreitet, dann ändert sich diese Anordnung. Wenn wir hineinschauen in das Geheimnis des Todes, dann löst sich uns auch das Rätsel des Lebens.

p033

Was hierbei immer festgehalten werden muss, ist die Aufgabe, die die Theosophie hat. Sie soll nicht bloß eine Neugierde oder Wissbegierde befriedigen, sondern den Menschen dazu führen, dass das, was er durch sie gewinnt, zu inneren Impulsen wird für das Leben selbst. Die großen Lebensrätsel soll sie uns lösen. Haben wir den Ausblick auf das geistige Leben, dann erwächst aus dieser Einsicht Kraft und Sicherheit für das ganze Leben. Wissen und Erkenntnis ist das, was uns auf den Weg führen soll, aber Kraft sollen wir aus dem Wissen und der Erkenntnis gewinnen. Ein Mensch, dem die Erkenntnis der übersinnlichen Welten fehlt, wird arbeitsuntüchtig, zukunftsunsicher. Das aber, was sich aus der Theosophie ergeben soll, das sollen sein Kräfte für ein gesundes, arbeitstüchtiges, hoffnungsfreudiges und zielsicheres Leben.

Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/68d/1908-01-29.json
Cite: GA 68d/1908-01-29 · edition original