Der Lebenslauf Des Menschen Im Geisteswissenschaftlichen Sinne
## GA 265a — 9 May 1912, Cologne
### Der Lebenslauf Des Menschen Im Geisteswissenschaftlichen Sinne
Aufzeichnungen A aus dem Nachlass von Elisabeth Vreede
Durch die Geisteswissenschaft lernen wir das Menschenwesen kennen, und durch solche Erkenntnis können wir uns weiterentwickeln. Ein geistiges Wesen begleitet uns, wenn wir durch die Todespforte gehen, und es weist - sogar im Kamaloka - uns den Weg in die geisüge Welt, so wie wir auf Erden während unseres irdischen Daseins von unseren Eltern und der weiteren Umgebung gestützt und geführt wurden, damit wir unsern Weg hier finden können. Dieses Engelwesen gibt uns geistigen Unterricht, zeigt uns unsere Fehler aus einer vorigen Inkarnation, weist darauf hin, wie diese abzulegen sind, und zuletzt sehnt sich der Mensch selber danach, wieder in die physische Welt herabzusteigen, um dasjenige wieder auszugleichen, in dem er früher gefehlt hat. Dieses Engelwesen können wir als unsern geistigen Vater bezeichnen, als das väterliche Element unseres übersinnlichen Wesens.
Aber wir haben auch ein mütterliches Element in der geistigen Welt, und das ist der Extrakt von allen Kräften aus den geistigen Hierarchien, die uns befähigen, uns zu umgeben mit den Kräften - oder zu uns zu ziehen die Kräfte -, die wir brauchen, um unsere Mängel in Fähigkeiten der Seele zu verwandeln.
Mit dieser mütterlichen Hülle und mit dem väterlichen Element haben wir zusammen eine Hülle in der geistigen Welt, einen Geistleib, der sich umso stärker ausprägt, je mehr der Augenblick herankommt, dass wir durch unsere physischen Eltern in der physischen Welt zur Geburt gelangen, wo wir uns umhüllen mit den vererbten Eigenschaften der physischen Generationsreihe, innerhalb derer wir zur Welt kommen.
In den ersten Kindheitsjahren wirken das väterliche und das mütterliche Element ungestört in uns, das väterliche in dem Aufbau unseres Gehirns und unseres Nervensystems, das mütterliche in unserem Herzen und Blutsystem bis zu dem Moment, wo das Ich in uns erwacht, bis wir anfangen, uns als selbstständiges Wesen zu erfühlen. Dann geraten wir in Opposition gegen unseren geistigen Vater, dann wollen wir ihm nicht länger gehorchen, dann wollen wir unsern eigenen Weg gehen, dann verraten wir unsern geistigen Führer. Und dann folgen wir auch dem mütterlichen Element nicht mehr, das uns dazu verhelfen will, zu unserer moralischen Verbesserung zu gelangen, zu höheren Einsichten zu geraten, sondern dann fangen wir an, hinzuhorchen auf die ererbten Eigenschaften unserer physischen Eltern, dann folgen wir unseren niederen Trieben. Damit verursachen wir unserer geistigen Mutter Leid, fortwährenden nagenden Schmerz, wir sind ihr Schmerzenskind im wahrsten Sinne des Wortes.
Vom siebenten Jahr ab beginnt unser physischer Leib schon seinen Verfall, weil wir dann die geistigen gesundmachenden Kräfte von uns weisen. Und wenn wir auch noch weiterwachsen, einen Zerfall gibt es doch. Wenn wir unsere Jugend vollendet und einen Platz in der physischen Welt erobert haben, und uns zumeist mit einem andern Menschen, mit dem wir uns zu ergänzen denken, vereinigt haben, dann sind wir auf dem Höhepunkt unseres Lebens angekommen und wissen nichts von all dem geistigen Schmerz, der unseretwegen gelitten wird. Denn unser geistiger Vater und unsere geistige Mutter schauen auch weiter auf uns herab und geben weiter die Impulse, die gewöhnlich nicht empfunden werden, aber niemals fehlen.
So gehen wir weiter dem Verfall entgegen und sinnen auf Gelegenheiten, wodurch wir mit dem Tode jene Kräfte mitnehmen können, die uns ein ewiges Dasein sichern sollen. Wer in seinem weiteren Leben dann nicht dem Christusimpuls begegnet - wenn man nichts von ihm in sich aufnimmt -, der hat während seines Lebens nur todbringende Kräfte aufgenommen, und er wird in zukünftigen Inkarnationen mit krankmachenden Verfallskräften zur Welt kommen.
Wie wird er sich diesen Verfallskräften widersetzen können? Es ist die Christuskraft allein, die ihm den Ansporn gibt, gegen diese Kräfte aufzukommen, und der ihm den Weg dazu weist. Bevor der Christus auf die Erde herabgestiegen war, war es eine traurige Welt auf Erden und sechshundert Jahre vor Christi Geburt war es noch nicht gewiss, dass er herabsteigen würde. Das empfand der Buddha, und daher konnte er verkünden, dass die Welt gleich einem Leichenfelde sei, dass alles Leid, Schmerz wäre und so weiter. Und es war wiederum der Buddha, der sich zeigte, als das Jesuskind geboren werden sollte, um das Christuswesen aufzunehmen, der sich in dem Astralleibe des Lukas-Jesusknaben niederließ, und es war seine Stimme, die da rief: Ehre sei Gott in den höchsten Himmeln, Friede auf Erden!
Wer die Christuskraft aufnimmt, die einmal alles durchdringen wird, der wird geboren werden mit der Fähigkeit, erlösende Kräfte in sich aufzunehmen, wodurch er zu seinem Menschheitsziel schließlich wird gelangen können.
Was hier in dieser Art mitgeteilt wurde, ist nichts anderes als der Inhalt der Parzivalsage. Da, wo Parzival seinen Vater verlässt, wo er gegenüber seiner Mutter Herzeleide ungehorsam wird und seinen eigenen Neigungen folgt und in die Welt einzicht, um Erfahrungen zu sammeln, da, wo er sich an Artus’ Tafelrunde beteiligt, da spricht sich dasjenige aus, was hier vorhin ausgeführt worden ist. Die Tafelrunde des König Arthur bedeutet die Verfallskräfte, und erst wenn man das eingesehen hat, wenn man dem zu Tode verwundeten Amfortas begegnet und sich bewusst wird, was man im Leben versäumt hat, erst dann ist es möglich, die Erlösungskräfte, die in dem heiligen Gralsbecher symbolisiert werden, in sich aufzunehmen und mitzuwirken an der Erlösung der Erde.
Aufzeichnungen B von Alice Kinkel, Zweiter und dritter Grad
Es ist uns gesagt worden in Vorträgen und Schriften, dass der Mensch einen Führer hat durch sein ganzes Leben hindurch, der ihn seinem Karma gemäß führt und leitet. Nun wird hinzugefügt: Dieser Führer verlässt den Menschen aber auch nicht, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Sein Engel begleitet ihn auch in die geistige Welt, sodass der Mensch also auch einen Führer hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Ein väterliches Verhältnis ist das Verhältnis dieses seines Schutzengels zum Menschen von der Geburt bis zum Tode. Und die Arbeit, die der Engel am Menschen tut, ist diejenige, dass er Gehirn und Nerven hauptsächlich an uns bildet. Bis in die ersten Kinderjahre ist das Verhältnis zu unserem Engel von uns auch ungetrübt. Aber dann - von da ab, wo wir «Ich» sagen - kommt die Zeit, wo wir den Vater verraten immer mehr!
Und auch ein Mütterliches arbeitet an uns, ist in uns, das da bildet den anderen Organismus, die Blut- und die Herz-Zirkulation - und das wir mit jeder Bewegung, mit jedem Herzschlag verurteilen zu Leiden und Schmerzen.
Zerstörende Kräfte nehmen wir auf in uns während unseres ganzen Lebens im physischen Leibe und vermögen sie nicht umzuwandeln in Kräfte des Lebens. Diese Todeskräfte sind es, durch die wir Vater und Mutter in unserem Innern zu Leid und Schmerzen verdammen. (Ich weiß nicht sicher, ob das richtig ist.)
Alles, was von der äußeren Welt her auf uns einwirkt, sind zerstörende Kräfte.
Der Weg des Menschen geht nun dahin, dass er von einem Artus-Jünger ein Schüler werden muss. Kann er ein Parzival-Schüler werden, und vereinigt er beide zusammen in sich, so wird er den Weg in die geistige Welt richtig finden.
Im dreiunddreißigsten Jahr etwa wird dann für ihn die Zeit sein, wo er zur Erkenntnis dessen kommen wird, was zu seinem geistigen Lebenslauf notwendig ist und was für Opfer fortwährend von seiner Geburt bis zu seinem Tode von göttlich-geistigen Wesenheiten für ihn gebracht werden müssen. 1912
Aufzeichnungen C von Amalie Künstler
Wenn wir zurückblicken in Urzeiten der Menschheitsentwicklung, da war der Mensch mit seinem Willen und seinen Gefühlsimpulsen noch nicht in einem irdisch-physischen Leib als Ich-Wesenheit darinnen. Er war in einer geistigen Welt als Ich-Wesen. Als individuelles Ich-Wesen konnte er erst erstehen, nachdem Vater und Mutter da waren, um eine irdische Leiblichkeit zustande zu bringen. Als das der Fall war, trat er ein in die irdischen Verkörperungen.
Aus diesem Leben in Urzeiten her, wo er ganz in der geistigen Welt war, hat er immer um sich einen geistigen Führer, einen Schutzengel, einen Angelos, der da leitet das geistige Ich des Menschen. Dieser ist sein geistiger Vater. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, wird er von diesem in Empfang genommen und geleitet in der geistigen Welt, sodass er dasjenige, was ihm aus seiner Verkörperung an Kräften geworden ist, in geeigneter Weise gebrauchen kann, um sich für eine neue irdische Verkörperung eine geeignete physische Hülle zu bauen. Es ist ein Verhältnis wie zwischen Kind und Vater zwischen dem Menschen und dieser Wesenheit.
Diese väterliche Kraft wirkt bei der neuen Einkörperung so, dass sie auf Gehirn und Nervensystem aufbauend wirkt während der ersten Kindheitsjahre [zirka] bis zum fünften Jahre. Von da an entwickelt sich immer mehr eine innere Ich-Kraft im Menschen, die zurückstößt diese geistige Vaterschaft. Der Mensch verrät seinen Vater, indem er immer mehr dasjenige aufnimmt, was auf dem physischen Plan an ihn heranrritt.
Der Mensch hat aber auch eine geistige Mutter. Sie formt schon im Leben zwischen Tod und Geburt um das Menschen-Ich eine geistige Hülle, Astralleib und Ätherleib, noch che er ins physische Dasein tritt. Diese geistige Mutter arbeitet während des Lebens hinein in das Herz- und Blutsystem. Sie baut mit geistigen Kräften am Menschen. Sie stammt selber aus den Welten der höchsten Hierarchien. Diese geistige Mutter erleidet Schmerz und Leid durch den Menschen, wenn er sich hineinringt mit seinem Ich-Bewusstsein ins physische Dasein und die Kräfte aufnimmt in seine Seele aus diesem physischen Dasein, die seinen Leib töten, verzehren.
Der Mensch ist ein Kind der Schmerzen für diese geistige Mutter. Sie erleidet Weh durch alle die Todeskräfte, die der Mensch in sich aufnimmt und die ihre Kräfte, die sie dem Menschen verleihen will, verdrängen. Das sind die Kräfte, die aus der Vererbung stammen. Das sind die Kräfte der Erbsünde.
Mit dem Zeitpunkt des Zahnwechsels, um das siebente Jahr, hat der Mensch seine physische Form so weit vollendet, dass die ätherischen Kräfte, von innen heraus wirkend, die Form eigentlich nur noch erweitern, sie aufplustern. Diese Kräfte sind aber durch den Einschlag aus der physischen Welt luziferische Kräfte, Todeskräfte geworden. Und so beginnt in diesem Zeitpunkt eigentlich schon das Absterben des Menschen von der einen Seite her, während die geistigen Mutterkräfte immer gegen diese Absterbekräfte anwirken.
In der Mitte des Lebens aber haben die Todeskräfte die Überhand. Der Mensch trottet von da an nur noch so hin durch das Leben, dem Tode entgegen. Er hat die Todeswunde empfangen, die er sein ganzes Leben trägt durch den Verrat an seinem geistigen Vater und den Schmerz und das Leid, das er seiner geistigen Mutter zugefügt hat.
Durch das Mysterium von Golgatha allein ist die Kraft zu finden, die den Menschen retten kann davor, dass er im weiteren Verlauf seiner Inkarnationen immer mehr und mehr diesen Todeskräften anheimfällt. Da, bei diesem Mysterium von Golgatha ist die neue geistige Lebenskraft herabgekommen auf die Erde; die geistige Sonnenkraft hat der Christus auf die Erde herabgetragen und sie bei dem Mysterium von Golgatha der Erde und den Menschen gegeben.
Und der Mensch, wenn er sich verbindet mit den Kräften von Golgatha, kann empfangen diese neuen geistigen Kräfte in seinem physischen und in seinem ätherischen Leibe. Der Heilige Gral enthält diese Kräfte.
Der Auferstchungsleib des Christus ist aus diesen Kräften zusammengefügt. Und dieser Auferstehungsleib des Christus ist für die Menschheit der auf das Mysterium von Golgatha folgenden Zeiten bis ans Ende der Erdentwicklung dahingegeben wie ein Same gleichsam für eine erneuerte Erde und Menschheit.
Es wird erzählt, dieser Same sei im Heiligen Gral geborgen, in dem Gefäß, in welches Josef von Arimathia aufgefangen habe das Blut des Christus, das am Kreuze floss aus den Wunden. Aus diesem Gefäß habe der Christus beim Abendmahl den Wein und das Brot den Jüngern gegeben. Und dies Gefäß sei aufgehoben von der Erde in die geistigen Ätherhöhen. Getragen sei dies Gefäß, der Heilige Gral, dann von Engeln nach Europa. Da wird hingewiesen auf die Mission der europäischen Völkerschaften, die die ersten Träger des Christus-Impulses sein sollten.
Das Ganze, was ich jetzt ausgesprochen habe, ist in die Parzival-Sage hineingeheimnist. Parzival wird verlassen vom Vater. Die Mutter, die Schmerzensmutter, Herzeleide, will ihn zurückhalten von den Kräften der Außenwelt, die der Vererbung angehören. Er reißt sich los von ihr, als er die Ritter sieht, und folgt ihnen. Er kommt an den Hof des Königs Artus. Das ist dasjenige, was in der physischen Kultur lebt. Artus ist eine historische Tatsache, aber geistig so aufzufassen, dass Artus das reine Physische symbolisiert. Parzival heiratet die Tochter des Königs Artus. Dann aber treibt ihn die Sehnsucht seiner Seele zum Gral.
Das Herabkommen des Christus aus dem Geistgebiet der Sonne war noch 600 Jahre vorher nicht ganz. bestimmt in der geistigen Welt - so merkwürdig das auch erscheinen mag. Daher die Trauer des Bodhisattva, der zum Buddha geworden ist, und der Hinweis, sich so rasch wie möglich aus den Inkarnationen hinaus zu retten. Denn er muss, wenn der Christus nicht kommen würde, hinschauen auf eine Erdenwelt, die immer mehr ein Leichenfeld werden würde, auf dem nur die Todeskräfte walten. So wäre es geworden ohne den Christus-Impuls. Darum spricht der Buddha: Alter ist Leiden, Tod ist Leiden und so weiter.
Jetzt stehen wir am Beginn einer Zeit, wo die Menschheit sich spalten wird in zwei Teile: in solche Menschen, die aufgenommen haben den Christus-Impuls, wenn auch zunächst nur durch Gefühl und Empfindung und dadurch frische Lebenskräfte sich selber zugeführt haben werden, die sie durch die Pforte des Todes hindurchtragen. Denn nur der mineralische physische Leib fällt ja ab beim Tode, die geistigen Kräfte des physischen Leibes bleiben dem Menschen. Er nimmt sie mit in die geistige Welt, und aus diesen von den Christuskräften belebten menschlichen Kräften baut sich die Seele mit vollem Bewusstsein dann in der geistigen Welt den neuen Leib für die folgende Inkarnation. Einen Leib, der ihm immer mehr ein rechter Diener und Werkzeug ist für die Arbeit innerhalb der physischen Welt. Ein gesunder, ein kraftvoller Leib wird das sein.
Ungesund, welk und kraftlos werden aber sein auch am Leibe diejenigen, die nicht aufgenommen haben die neuen geistigen Lebenskräfte, die die Todeskräfte nicht überwunden, nicht umgewandelt haben in diesem Leben auf der Erde.
Aufzeichnungen D von Elisabeth Geering-Christ
Wenn die menschliche Seele nach dem Tode den physischen Plan verlässt, wird sie von einem geistigen Führer geführt, da sie ohne denselben weder ins Kamaloka noch nachher in der geistigen Welt sich zurechtfinden kann. Dieser geistige Führer steht zu der Menschenseele in ähnlichem Verhältnis wie der Vater zum Kinde auf dem physischen Plan. Dieser geistige Führer ist identisch mit dem in alten Religionen als Schutzengel bezeichneten Wesen.
In den allerersten Kinderjahren steht die Seele nach wie vor in demselben Verhältnis zu dem geistigen Führer wie vor der Wiederverkörperung auf dem physischen Plan. Dieses Verhältnis dauert bis zu demjenigen Zeitpunkt, wo in dem Kinde zum ersten Male das Ich-Bewusstsein auftritt und von welchem Zeitpunkt an das Kind sich zu erinnern vermag. Dann begeht die Seele am geistigen Führer den Verrat dadurch, dass sie sich - was der Hellseher beobachten kann - gegen den Führer auflehnt und seine eigenen Wege zu begehen anstrebt.
In diesen Zeitpunkt fällt sodann auch der Höhepunkt des leiblichen Wachstums und der Beginn der Dekadenz, also der Prozess des Absterbens. Der erste Anfangsprozess findet sich schon beim Zahnwechsel.
Infolgedessen tritt gleichzeitig das Herzeleid bei der geistigen «Mutter» ein, die Sorge um die Zukunft des Kindes. Alles, was zur Erbauung des physischen Körpers oder Nervensystems mit dem Gehirn zusammenhängt, vollzicht sich unter der geistigen Führung des «Vaters». Alles, was zum Blutsystem mit seinem Sitz im Herzen gehört, stammt von der Kraft der geistigen Mutter. Der Mensch würde vollkommen in Dekadenz verfallen, wenn er nicht auf anderem Mittel die Heilkräfte sucht, die dem Tode verfallenen Stoffe in neues Leben umzuwandeln imstande sind und die nun im Ereignis von Golgatha gesucht werden müssen und die durch die Geheimnisse des Heiligen Grals in das Abendland hinübergetragen und durch ihn erhalten worden sind. Die Parzival-Legende ist weiter nichts als der Abdruck des eben Gesagten.
Titurel ist der Hüter des Heiligen Grals, der geistige Führer, von dem am Anfang die Rede war. Amfortas, als Oheim - unsere Leiden, die nur durch das Geheimnis des Grals geheilt werden können. In der Gralssage ist der Weg angedeutet, den wir zu gehen haben. Wir müssen selbst Parzival in allen Dingen des Daseins werden, in die Artustätigkeit das geistige Leben hineintragen. Artus-Parzival-Brüder werden und so dieser rosenkreuzerischen, auch Gralsbrüderschaft uns anschließen. (Deshalb hieß die Mutter Parzivals Herzeleide.)
Aufzeichnungen E von Rudolf Meyer
Der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes geht, muss auch da einen Führer haben. Er ist nicht allein, sondern gerade so, wie er hier unser menschliches Geist-Wesen ist, ist er es nach dem Tode. Er findet dort einen seiner Individualität angemessenen Führer, einen Schutzengel, den er ja auch hier im physischen Leben hat; und der ist andauernd bei ihm in der geistigen Welt, auch schon sehr bald während der Kamaloka-Zeit.
Wenn der Mensch nun wieder zu einer neuen Inkarnation schreitet, und er hat, da es ihn drängt, vieles wiedergutzumachen, einen schr starken Willen dazu, so zicht er Kräfte aus der astralischen und ätherischen Welt an und steigt so hinab zu dem Elternpaar, wodurch er das anzieht, was an vererbten Eigenschaften da ist - das ist der Begriff der Erbsünde.
Wie wir nun den Schutzengel als väterliches Element bezeichnen können, so sind die Kräfte aus der astralischen und ätherischen Welt das mütterliche Element. In dieses Element, welches er auch mitbringt, arbeiten viel höhere geistige Hierarchien hinein als bei dem väterlichen Element. So schreitet der Mensch durch die Geburt ins Dasein, und wir schen, wie er als Kind bis zu dem Zeitpunkt, wo er anfängt, sein eigenes Ich langsam zu entfalten, noch ganz in den reinen übersinnlichen Kräften lebt. Dann lehnt sich nach und nach das eigene Ich immer mehr auf gegen den Schutzengel; das verrät ihn, das väterliche Element.
Es nimmt immer mehr das auf, was in der Umgebung ist, was ihm durch Erziehung und so weiter eingeprägt wird. Es ist nun ein fortwährendes Sich-Auflehnen gegen den Schutzengel, [gegen] die väterlichen Kräfte.
Wir wissen nun, dass diese Kräfte aufbauen den physischen Leib, das Gehirn und das Nervensystem; dagegen bauen die mütterlichen Kräfte auf den Blutumlauf, das Herz und alles, was damit zusammenhängt.
Dass der Mensch nun von dem bestimmten Zeitpunkte an gegen das väterliche Element beständig angeht, bringt dem mütterlichen Elemente Leiden und Schmerzen.
Ein schwacher Abglanz auf dem physischen Plan ist das, wenn eine Mutter ein Sorgenkind hat.
So geht dieses Auflehnen bis zu dem Zeitpunkt, wo der Mensch wieder anfängt, langsam die absteigenden Kräfte in sich zu entwickeln, er weiß dies draußen im Leben nicht, und wenn er es wüsste, so würde er der Verzweiflung nahe sein; deshalb ist es ihm durch den Hüter der Schwelle verborgen. Er geht wieder dem Verfall entgegen, und wir können sehen, wie der Mensch von der Mitte seines Lebens an nur noch so dahintrottet, und nicht mehr imstande ist, noch etwas Kleines in sich aufzunehmen.
Der Mensch trägt von einem gewissen Zeitpunkt an die absterbenden Kräfte wie eine Todeswunde an sich.
Was habe ich Ihnen eigentlich damit gegeben? - Nichts anderes als die Parzival-Legende. Wir sehen den jungen Parzival hineintreten ins Leben, er hat bald keinen Vater mehr, die Mutter heißt Herzeleid, das ist die schmerzerfüllte Geistwelt des Menschen. Er nimmt das Leben auf, verrät seinen Vater, macht der Mutter Herzeleid und folgt den Rittern, das heißt den äußeren Kräften, die aus der Vererbung kommen. Und dann kommt er an den Hof des Königs Artus, das heißt: Er lernt kennen die äußere Welt. Er heiratet die Tochter des Königs Artus, das heißt: Er verliert sich ganz an die äußere Welt.
Dann kommt er an den Zeitpunkt, wo er sicht und erkennt, was er alles gesündigt hat, dass er das väterliche Element verraten und dem mütterlichen Herzeleid geschaffen hat und wird dadurch zum Parzival, zum Gralsjünger, der die Todeswunde trägt durch die absterbenden Kräfte.
Durch die Geisteswissenschaft sollen nun die Menschen neue Kräfte aufnehmen, um für die nächste Inkarnation stärkere, mehr dem physischen Leben gewachsene Kräfte mitzubringen; denn alles, was jetzt an Krankheit und Schwäche des Körpers da ist, rührt her von diesen absterbenden Kräften aus früheren Inkarnationen.
Wenn die Menschen nur diesen Kräften ausgesetzt wären, so würden sie bald in einer ganz vom Tode geweihten Welt leben. Sechshundert Jahre vor Christus war es selbst in der geistigen Welt noch nicht bestimmt, ob der Christus wirklich auf die Erde kommen würde.
Als der Buddha noch lehrte: «Alter, Krankheit und Tod ist Leiden», da sah er für die spätere Menschheit voraus ein Leichenfeld, auf dem sie würde leben müssen. Dann aber kam der Christus und senkte sich in den Jesus von Nazareth, und die Individualität des Buddha erschien wieder, wie wir wissen, nicht im Fleische, sondern sie überstrahlte den Jesusknaben des Lukas-Evangeliums, und die Hirten als Symbol verkündeten den Menschen die Offenbarung aus den Höhen: Und Frieden denen, die eines guten Willens sind.
Und dann kam das Mysterium von Golgatha, welches in die Erde den Impuls für die Menschheit senkte, wieder neue Kräfte aufzunehmen und den Tod zu besiegen.
Der physische Leib als solcher ist ja nur Maya. Wirklichkeit sind die geistigen Kräfte, die ihn aufbauen; das sind die Lebenskräfte. Der physische Leib enthält die Todeskörper. Diese geistigen Kräftel, die Lebenskräfte,] kann der Mensch empfangen durch den Impuls des Mysteriums von Golgatha, und wenn dann auch der physische Leib im Tode abfällt, so bleiben den Menschen diese geistigen Kräfte, und aus diesen baut er sich bewusst den neuen Leib für die nächste Inkarnation, die dann wirken in dieser Inkarnation und die Kräfte geben, bewusst das Leben auf dem physischen Plan zu bemeistern.
Die Menschen sollen Eisenbahnen, Luftschiffe und so weiter bauen, aber mit Lebenskräften, mit seelisch reinen Kräften. Sie sollen nicht nur Parzival, sondern auch Artusjünger sein, auch die äußere Umgebung in sich aufnehmen, aber hineintragen aus der geistigen Welt dasjenige, was wahres Leben ist.