Zweiter Vortrag

GA 310/1924-07-18 · 1924-07-18 · original · 32 passages · 6718 words
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## GA 310 — 18 July 1924, Arnheim

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Über die Befruchtung der pädagogischen Kunst durch Menschenerkenntnis möchte ich in diesem Kursus zunächst sprechen, und so möchte ich die Sache gestalten — ich habe es gestern im einleitenden Vortrage schon angedeutet -, daß ich zunächst zeigen möchte, wie Anthroposophie praktisch werden kann in wirklicher Menschenerkenntnis, jetzt nicht etwa bloß in der Erkenntnis des Kindes, sondern in der Erkenntnis des ganzen Menschen; wie Anthroposophie dann gerade dadurch, daß sie den ganzen Menschen, das heißt das ganze menschliche Leben von der Geburt bis zum Tode, insofern es sich auf der Erde abspielt, kennenlernt, wie sie gerade dadurch auch in richtiger Art auf jene Notwendigkeiten hinweisen kann, die für die Erziehung und den Unterricht des Kindes bestehen.

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Man denkt ja sehr leicht, daß man das Kind unterrichten und erziehen könne, wenn man nur dasjenige Leben zunächst beobachtet, das im kindlichen oder jugendlichen Alter abläuft. Aber das genügt nicht. Sondern geradeso wie bei der Pflanze, wenn Sie dem Keim irgendwie eine Substanz einpflanzen, dies sich in der Blütenbildung oder in der Frucht zeigt, so ist es auch im menschlichen Leben. Was in frühester Kindheit dem menschlichen Leben eingepflanzt wird, aus dem kindlichen Leben herausgeholt wird, das zeigt sich zuweilen im spätesten Lebensalter erst; und man weiß oftmals nicht, wenn der Mensch fünfzigjährig irgendwie in Krankheit, in Bresthaftigkeit verfällt, daß dies seine Ursache hat in einer falschen Erziehung oder in einem falschen Unterricht im 7., 8. Lebensjahr. Man geht ja heute so vor, daß man das Kind studiert - wenn auch nicht in so äußerlicher Weise, wie es gestern gesagt worden ist —, um das herauszufinden, was man um das Kind herum helfend macht. Das genügt nicht. Und so möchte ich heute Grundlagen schaffen, um darauf hinzuweisen, wie das ganze menschliche Leben geisteswissenschaftlich beobachtet werden kann.

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Der Mensch solle beobachtet werden nach Leib, Seele und Geist, sagte ich schon gestern. Und in dem öffentlichen Vortrage deutete ich gestern an, wie erst das erste Übersinnliche im Menschen, ein höherer Mensch im Menschen, das Dauernde ist, das von der Geburt bis zum Tode geht, während der äußere physische Leib fortwährend ausgewechselt wird. Nun handelt es sich eben darum, dieses menschliche Leben auch so kennenzulernen, daß man sieht: auf der Erde spielt sich das ab, was sich aus dem vorirdischen Leben heraus entwickelt. Wir haben ja in uns nicht bloß dasjenige Seelische, das mit der Geburt oder mit der Empfängnis begonnen hat, wir tragen in uns das vorirdische Seelische, ja, wir tragen in uns die Ergebnisse längst verlaufener Erdenleben. Das alles wirkt und lebt und webt in uns, und wir müssen während des irdischen Lebens das vorbereiten, was dann durch die Pforte des Todes geht und nach dem Tode wieder draußen leben wird in der geistig-seelischen Welt. Wir müssen also begreifen, wie in dem irdischen Leben das Überirdische arbeitet. Denn das ist ja zwischen Geburt und Tod doch auch vorhanden; es arbeitet nur verborgen in dem Leiblichen drinnen, und man versteht das Leibliche nicht, wenn man nicht das im Leiblichen wirkende Geistige versteht.

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Gehen wir nun einmal davon aus, das, was ich jetzt angedeutet habe, an konkreten Beispielen zu studieren: Menschenkenntnis, wie sie sich ergibt aus der Betrachtungsart, die in der anthroposophischen Literatur niedergelegt ist, wie zum Beispiel in meinem Buche «Theosophie», in der «Geheimwissenschaft im Umriß» oder in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Gehen wir aus von dem, was man für eine wirkliche, konkrete Menschenerkenntnis gewinnen kann, wenn man das zugrunde legt, was eben Anthroposophie im allgemeinen über den Menschen und die Welt erkennen läßt. — Zwei Beispiele möchte ich da einmal voranstellen, die auch hier jedem wohlbekannt sein werden. Ich stelle sie aus dem Grunde voraus, weil für mich das Studium dieser zwei Persönlichkeiten, von denen ich ausgehen will, durch viele Jahre hindurch eine eingehende Beschäftigung gebildet hat. Ich nehme zwei geniale Persönlichkeiten; wir werden dann zu weniger genialen heruntersteigen. Wir werden daran sehen, wie Anthroposophie nicht nur im allgemeinen abstrakt herumredet, sondern imstande ist, auf konkrete Menschenwesen einzugehen und sie kennenzulernen, so daß Menschenerkenntnis sich zeigt als etwas, was wirklich im praktischen Leben drinnensteht. Ich wähle die beiden Beispiele: Goethe, Schiller, und möchte auf dem Umwege durch Goethe und Schiller zeigen, wie sich unter dem Einfluß von Geisteswissenschaft Menschenerkenntnis ergibt.

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Betrachten wir einmal Goethe und Schiller äußerlich, ihrem Lebenslaufe nach, aber gehen wir auf die ganze Persönlichkeit aus. Wir haben Goethe in merkwürdiger Weise ins Leben hereintretend: er wurde ganz schwarz geboren, das heißt dunkelblau. Also er zeigte zunächst, daß er mit seinem Geistig-Seelischen außerordentlich schwer untertauchen konnte in das Physisch-Leibliche. Aber wiederum, als Goethe einmal untergetaucht war, als er dieses spröde physisch-leibliche Material in Anspruch genommen hatte, da war er auch ganz drinnen. Man kann sich eigentlich auf der einen Seite kaum eine gesündere Natur denken als die des Goethe-Knaben. Goethe ist unglaublich gesund. Er ist so gesund, daß seine Erzieher schon mit ihm einige Schwierigkeiten haben. Denn Kinder, mit denen man keine Schwierigkeiten hat, die sind in der Regel nicht die allergesündesten im späteren Alter. Kinder dagegen, die den Erziehern etwas unbequem werden, das sind die, welche dann später im Leben die mehr brauchbaren, weil die energischeren Naturen sind. Daher wird der verständige Erzieher es schon ganz gern haben, wenn ihm die Kinder auch etwas auf die Finger schauen. Und Goethe war von frühester Kindheit an durchaus geneigt, seinen Erziehern auf die Finger zu schauen, sogar bis zur Wörtlichkeit hin: er guckte beim Klavierspiel die Finger des Spielers ab und nannte dann den einen Finger den «Däumerling», den andern «Deuterling» und so weiter. Aber nicht nur in diesem äußerlichen Sinne schaute er seinen Erziehern auf die Finger, sondern er war eigentlich schon «hell» als Knabe, und die Erzieher hatten es daher manchmal schwierig. Später hat er ja in Leipzig eine schwere Krankheit durchgemacht. Aber mit Bezug darauf muß man sagen, es war dazu schon einiges von Strapazen, man kann auch sagen von kleinen Lumpereien notwendig, um die Gesundheit, die Goethe in sich trug, bis zu dem Grade ins Kranke hinüberzugestalten, wie dies gerade damals in Leipzig der Fall war. Dann aber sehen wir wieder, wie Goethe stramm sein ganzes Leben hindurch ein gesunder, aber ein außerordentlich sensitiver Mensch ist, wie er alles einzelne, was da ist, intensiv auf sich wirken lassen kann, wie es aber nicht sehr tief in den Organismus heruntergreift; er wird nicht gleich herzkrank, wenn er ein erschütterndes Ereignis verspürt, aber er verspürt dieses erschütternde Ereignis mit aller denkbaren Seelenschärfe. Und so sein ganzes Leben hindurch. Er leidet seelisch, ohne daß das seelische Leid ihn gleich in eine äußere Krankheit bringt. Das heißt, seine äußere Gesundheit ist außerordentlich fest.

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Dann weiter, Goethe muß schon geradezu herausfordern, eine Betrachtungsweise anzuwenden, die nicht gleich ins Mystische geistig verschwimmt, weil man immer nur sagt: Ach, es kommt nicht darauf an, die äußere physische Gestalt ins Auge zu fassen; das ist niedrig, man muß das Geistige ins Auge fassen! — Sondern bei einem so gesunden Menschen wie Goethe, ist das Geistige und das Physische eines; das Geistige wirkt durch das Physische. Und nur der erkennt eine solche Persönlichkeit, der imstande ist, das Geistige durch das Bild des Physischen hindurch zu schauen.

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Goethe war eine sogenannte Sitzgröße. Wenn er saß, kam er einem groß vor; wenn er stand, sah man, daß er kurze Beine hatte, Das ist etwas Eigentümliches, was für den, der nun den Menschen nach seiner Einheitlichkeit beobachten kann, besonders wichtig ist. Warum hatte Goethe kurze Beine? Die kurzen Beine bedingen einen besonderen Gang; er ging in kurzen Schritten, die, weil der Oberkörper schwer war-er war schwer und lang-, allerdings fest auf die Erde gesetzt wurden. Wir müssen das beobachten, damit wir es als Erzieher bei Kindern gut studieren können. — Was heißt das, es hat ein Mensch kurze Beine und einen übergroßen Oberkörper? Das heißt: Wir haben bei einem solchen Menschen in der äußeren Erscheinung gegeben, daß er das, was er in einem vorigen Erdenleben durchlebt hat, auf eine harmonische Weise karmisch in dem gegenwärtigen Erdenleben, das heißt in dem, von dem man spricht, zur Darstellung bringen kann.

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Goethe war auch in dieser Beziehung außerordentlich harmonisch, daß er alles, was in seinem Karma lag, ausgestalten konnte bis ins höchste Lebensalter hin. Er wurde ja so alt, weil er alles, was in ihm karmisch veranlagt war, wirklich herausbringen konnte. Man hat bei Goethe, der, nachdem er den Leib verlassen hatte, eben diesem Leibe nach noch so wunderschön war, daß ihn alle im Tode bewunderten, man hat bei ihm den Eindruck: Da hat sich eigentlich alles ausgelebt, was karmisch veranlagt war; da ist eigentlich nichts geblieben, und Goethe muß neu anfangen, wenn er wieder in einem Erdenleben erscheint, unter ganz neuen Bedingungen. Das alles drückt sich gerade in einem so gestalteten Körper aus, wie ihn Goethe hatte. Denn das, was der Mensch aus einem vorigen Erdenleben veranlagt hat, kommt zunächst als Ursache in der Kopfbildung zum Vorschein. Nun hatte Goethe von Jugend auf diesen wunderschönen Apollo-Kopf, der nur die harmonischen Kräfte in die Körperlichkeit hineingoß. Er hatte aber diesen von der Last des Oberleibes beeindruckten Körper mit den zu kurzen Beinen, so daß er diesen Gang wieder hatte, der in seinem ganzen Lebenswandel zum Vorschein kommen konnte. Dieser ganze Mensch war karmische Voraussetzung und karmische Erfüllung im wunderbar Harmonischen. Alles einzelne, was man im Goethe-Leben hat, spricht ja das aus.

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Bei einem solchen Menschen, der so harmonisch im Leben drinnensteht und so alt wird, muß ja nun die Mitte des Erdenlebens ganz besonders hervorragende Erlebnisse aufweisen. Goethe ist 1749 geboren, 1832 gestorben; er ist also etwa 83 Jahre alt geworden. Wir haben also sein mittleres Lebensalter etwa im 41. Jahre, das heißt um das Jahr 1790. Nehmen Sie nun die Zeit von 1790 bis 1800, so ist dies das mittelste Jahrzehnt, das Goethe erlebt hat. In diesem Jahrzehnt, vor 1800, hat Goethe tatsächlich die wichtigsten Lebensereignisse durchgemacht. Vorher konnte er in den wichtigen Lebens- und wissenschaftlichen Anschauungen nicht irgendwie zu einem Abschluß kommen. Die «Metamorphose der Pflanzen» wird 1790 erst veröffentlicht; alles was sich daran anschließt, schließt sich in diesem Jahrzehnt, von 1790 bis 1800, daran an. Goethe war 1790 mit seinem «Faust» so wenig fertig, daß er ihn als Fragment herausgab; er glaubte überhaupt nicht, mit ihm fertigzuwerden. In diesem Jahrzehnt faßt er unter dem Einfluß von Schillers Freundschaft die kühne Idee, diesen «Faust» weiterzuführen. Die großen Szenen, der Prolog im Himmel und so weiter kommen hier zum Ausdruck. — Also wir haben es bei ihm zu tun mit einem außerordentlich harmonischen Leben, und mit einem Leben, das in Ruhe verläuft, das durch nichts gestört wird von innen heraus, sondern das sich frei und sinnig der Außenwelt hingeben kann.

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Betrachten wir dagegen Schillers Leben. Schiller wird von vornherein in einen Lebenszusammenhang hineingestellt, der eine fortwährende Disharmonie zeigt zwischen seinem Seelisch-Geistigen und seinem Körperlich-Physischen. Schiller hat durchaus nicht die harmonische Kopfbildung wie Goethe. Er ist eigentlich häßlich, nur geistvoll häßlich, aber doch eigentlich häßlich. Aber es liegt eine starke, persönlichkraftvolle Haltung auch in seiner Physiognomie, was ja insbesondere in der Nasenbildung zum Ausdruck kommt. Schiller ist nicht eine Sitzgröße, sondern er hat lange Beine. Alles dagegen, was zwischen Kopf und Gliedmaßen liegt, worin die Ursachen der Zirkulation und der Atmung liegen, ist bei ihm wirklich krank, kümmerlich von Anfang an ausgebildet, und er leidet sein ganzes Leben hindurch, zuerst mit größeren Pausen, dann aber fast unaufhörlich an Krämpfen. Diese Krämpfe werden später so stark, daß er sich nicht zu irgendeiner Mahlzeit einladen lassen kann, sondern daß er, als er zum Beispiel einmal nach Berlin kommt, sich ausbedingt, man solle ihn für den ganzen Tag einladen, so daß er sich die Zeit aussuchen könne, in der er dann frei von Krämpfen sei. Das alles rührt her von einem mangelhaft ausgebildeten Zirkulations- und Atmungsgebiet.

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Da entsteht die Frage: Was liegt karmisch bei einem Menschen aus früheren Erdenleben her vor, der in dieser Weise an Krämpfen leiden muß? - Krämpfe sind, wenn sie ins menschliche Leben eingreifen, ungemein stark hinweisend auf das menschliche Karma. Wenn man vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus mit ernster,verantwortlicher wissenschaftlicher Untersuchung an Krampferscheinungen herangeht, so findet man immer, da liegt beim Menschen ein bestimmtes Karma vor, Ergebnisse von Taten, Gedanken und Gefühlen früherer Erdenleben. Jetzt hat man den Menschen im gegenwärtigen Leben vor sich. Nun kann zweierlei eintreten. Entweder es geht so harmonisch zu wie bei Goethe, daß man sich sagt: Da ist das Karma, da kommt alles zum Vorschein, was karmisches Ergebnis ist. — Es kann aber auch das andere eintreten, es kann der Mensch durch besondere Bedingungen, die sich für ihn beim Herabsteigen aus der geistigen Welt in die physische ergeben, in die Lage kommen, daß er das, was karmisch auf ihm lastet, nicht immer ganz ausleben kann. Der Mensch kommt aus der geistigen Welt mit bestimmten karmischen Voraussetzungen herunter; er trägt sie in sich. Nehmen wir an, bei A wäre für einen Menschen eine Stelle, wo er in einem bestimmten Zeitpunkte seines Lebens sein Karma irgendwie verwirklichen sollte; aber durch irgend etwas geht es nicht. Dann setzt er sozusagen mit Bezug auf die Verwirklichung seines Karma aus, und es muß eine kürzere Zeit verfließen, wo sein Karma aussetzt; er muß dies dann für das nächste Erdenleben verschieben. Dann geht es so weiter. Wieder kommt eine Stelle, bei B, wo er etwas von seinem Karma verwirklichen sollte; aber er muß wiederum aussetzen, muß wiederum etwas von seinem Karma auf das nächste Erdenleben verschieben. Immer nun, wenn man nötig hat, so sein Karma auszusetzen, entstehen krampfartige Erscheinungen im Leben. Man kann etwas, was man im Inneren trägt, nicht ganz herausbilden in sein Leben. - Das ist eben die Eigentümlichkeit der Geisteswissenschaft, daß sie nicht im Phantastischen herumschwimmt, nur so im Allgemeinen herumredet, der Mensch habe die vier Wesensglieder: physischer Leib, ätherischer Leib, astralischer Leib und Ich, sondern daß sie eingeht auf das wirkliche Leben und hinweisen kann auf etwas im physischen Leben, wo die wirklichen geistigen Ursachen für irgendwelche äußeren Ereignisse liegen, so daß sie weiß, wie der Mensch im äußeren Leben sich darlebt. Das ist das, was wirkliche Geisteswissenschaft eben können muß.

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Es entstand nun für mich die Frage: Wie wirkt Karma in einem solchen Leben wie dem Schillerschen als der Ausgestalter des ganzen Lebens, wenn eben solche Bedingungen vorliegen wie bei ihm, daß das Karma nicht heraus kann, daß er fortwährend Anstrengungen machen muß, um das zu erreichen, was er erreichen will? Goethe hat es im Grunde genommen leicht, seine großen Schöpfungen zu vollbringen; denn die sind das Ergebnis seines Karma. Schiller hat es immer schwer, seine großen Schöpfungen zustande zu bringen; er muß gegen das Karma anstürmen, und die Art, wie er anstürmt, wird sich erst wieder im folgenden Erdenleben ausleben. Da mußte ich mir eines Tages die Frage vorlegen: Wie hängt gerade ein solches Leben, wie das Schillersche, mit den allgemeinen Lebensbedingungen zusammen? — Wenn man leichtfertig an die Beantwortung einer solchen Frage geht, kommt auch bei ernster geisteswissenschaftlicher Untersuchung nichts Besonderes heraus; spintisieren darf man da nicht, man muß beobachten. Aber wenn man gleich an das erste Objekt der Beobachtung herangeht, wird man irgendwie daneben vorbeigehen. Daher legte ich mir die Frage folgendermaßen vor: Wie spielt sich ein Leben ab, wenn Hindernisse für das Karma oder für andere, vorirdische Bedingungen da sind?

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Nun studierte ich Menschen daraufhin, wie sich so etwas verwirklicht, und ich will dafür jetzt ein Beispiel anführen. Ich könnte viele solcher Beispiele anführen, will aber jetzt eines nehmen, das ich ganz genau beschreiben kann. Ich hatte einen Bekannten, eine Persönlichkeit, die ich ganz genau ihrem gegenwärtigen Erdenleben nach kannte. Ich konnte konstatieren, wie in seinem Leben Hindernisse nicht vorhanden waren mit Bezug auf die Auslebung des Karma, sondern mit Bezug auf das, was sich abspielt im Dasein zwischen Tod und neuer Geburt, was sich also für diese Persönlichkeit im übersinnlichen Leben abgespielt hat zwischen dem letzten Erdenleben und diesem, in welchem ich sie kennenlernen konnte. Es waren also in diesem Falle nicht so, wie bei Schiller, Hindernisse da für das Ausleben des Karma, sondern Hindernisse für das richtige In-den-Körper-Hineinbringen dessen, was er durchlebt hatte zwischen Tod und neuer Geburt, das heißt in der übersinnlichen Welt. Man sah diesem Menschen an, er hat Bedeutsames erlebt zwischen Tod und neuer Geburt, aber er kann es nicht herausbringen. Er hatte sich hineingestellt in karmische Menschenzusammenhänge, hatte sich hineingestellt in ein Zeitalter, wo das nicht herauskommen kann, was er zwischen Tod und Empfängnis sozusagen angehäuft hatte an innerer Seelenhaftigkeit. Und worin zeigten sich die physischen Begleiterscheinungen für dieses Nicht-herausbringenKönnen des im Menschen vorhandenen Übersinnlichen? Sie zeigten sich darin, daß diese Persönlichkeit ein Stotterer war, daß sie Sprachstörungen hatte. Wenn man nun weitergeht und die seelisch-organischen Ursachen für Sprachstörungen untersucht, dann findet man immer, daß ein Hindernis da ist, das zwischen Tod und neuer Geburt erlebte Übersinnliche in die physische Welt durch die Körperlichkeit herunterzutragen. Nun muß man sich fragen: Was liegt bei einer solchen Persönlichkeit vor, die also sehr viel in sich hat, allerdings auch durch ihr vorheriges Karma, aber - aufgespeichert ist es worden im Dasein zwischen Tod und neuer Geburt — die das Aufgespeicherte nicht herunterbringen kann, und bei der sich dieses Nicht-herunterbringenKönnen im Stottern zeigt? Was sind mit einer solchen Persönlichkeit hier im Leben für Dinge verknüpft?

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Man konnte sich immer wieder sagen: Dieser Mann hat in sich allerlei Großes, das er im vorirdischen Leben erworben hat, aber er kann es nicht herunterbringen. — Er konnte gut das herunterbringen, was man herausbringen kann in der Gestaltung des physischen Leibes bis zum Zahnwechsel, konnte sogar außerordentlich gut das aus sich herausbringen, was man dann vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife herausbringt; er wurde dann eine ausgezeichnete literarisch-künstlerische Persönlichkeit, indem er dasjenige herausgestaltete, was man herausgestalten kann zwischen der Geschlechtsreife und dem 30. Lebensjahr. Aber nun kam für den, der nun wirkliche Menschenerkenntnis erwerben kann, die große Sorge: Wie soll es mit dieser Persönlichkeit werden, wenn sie nun in die Dreißigerjahre kommt und dann immer mehr und mehr zu der Verstandes- oder Gemütsseele die Bewußtseinsseele herausbilden soll? Wer in dieser Richtung Erkenntnisse hat, bekommt in solchem Falle die größte Sorge, denn er kann sich nicht denken, daß die Bewußtseinsseele, zu deren Ausbildung man alles, was im Kopfe entspringt, vollständig intakt haben muß, voll herauskommen kann. Denn, daß bei dieser Persönlichkeit nicht alles im Kopfe gerade intakt war, das zeigte sich im Stottern. Und dieser Mann war zunächst äußerlich, mit Ausnahme seines Stotterns, kerngesund. Aber daß außer dem Stottern im Kopfe nicht alles intakt war, das zeigte sich darin, daß er außer Stottern noch Schielen hatte - wiederum ein Anzeichen dafür, daß man nicht alles, was man zwischen Tod und neuer Geburt im Überirdischen aufgenommen hat, im gegenwärtigen Erdenleben herausbringen kann. Eines Tages kam nun dieser Mann zu mir und sagte: Ich habe mir vorgenommen, mein Schielen operieren zu lassen. — Ich war nicht befugt, etwas anderes zu sagen als: Ich würde es nicht tun, wenn ich an seiner Stelle wäre. — Ich tat alles, um ihm abzureden. So genau wie heute sah ich damals in die Verhältnisse nicht hinein; denn das, was ich jetzt erzähle, liegt mehr als 20 Jahre zurück. Aber ich hatte große Sorge wegen dieser Operation. Nun, er ließ sich doch operieren, er folgte eben nicht. Und siehe da, schnell nach der Operation, die an sich, wie man es bei Operationen sehr häufig hat, außerordentlich gut verlief, kam er in voller Freude zu mir und sagte: Jetzt werde ich nicht mehr schielen! Ein bißchen eitel war er ja auch, wie manche bedeutende Persönlichkeit. Aber ich hatte meine große Sorge. Und nur nach Tagen starb der Mann, nachdem er das 30. Lebensjahr vollendet hatte. Die Ärzte diagnostizierten Typhus, aber es war gar nichts von Typhus vorhanden, sondern er starb an einer Hirnhautentzündung.

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Wer Geistesforscher ist, der braucht, wenn er ein solches Leben betrachtet, gewiß nicht herzlos zu werden; im Gegenteil, die menschliche Anteilnahme wird noch mehr vertieft. Aber man durchschaut auch zugleich das Leben nach seinen großen Zusammenhängen. Man durchschaut, wie das, was von geistig Erlebtem zwischen Tod und neuer Geburt im gegenwärtigen Leben nicht herunterkommen kann, sich in körperlichen Mängeln zum Ausdruck bringt. Wenn nun nicht in der richtigen Weise, wie es ja in diesem Falle nicht sein konnte, eine Erziehung eingreift, kann natürlich ein bestimmter Lebenspunkt gar nicht überschritten werden. Glauben Sie aber nicht, daß ich etwa behaupte: Jeder der schielt, muß im 30. Jahre sterben — negative Instanzen sind nie gemeint, sondern es kann karmisch wieder etwas eintreten, was den Betreffenden bis ins höchste Alter leben läßt. Aber hier war es so, daß durch die Inanspruchnahme des Kopfes diese eigentümliche Organisation, die in Schielen und Stottern zum Ausdruck kam, Sorge machte: Wie kommt diese Organisation über das 35. Lebensjahr hinweg? - Und nun ist da der Zeitpunkt, wo man zurückschauen muß auf das Karma des Menschen und da werden Sie gleich sehen, daß es nicht nötig ist, daß jemand, der schielt, im 30. Jahre stirbt. Denn wenn wir einen Menschen haben, der sich im vorirdischen Leben so vorbereitet hat, daß er sehr viel aufgenommen hat zwischen Tod und neuer Geburt, aber das Aufgenommene nicht herunterbringen kann in das physische Leben, und betrachten wir bei ihm das Karma ganz, so finden wir, daß diese betreffende Persönlichkeit ganz gut hätte nach dem 35. Jahre fortleben können, aber sie hätte dann zu allen andern Bedingungen den Impuls in sich tragen müssen, zu einer spirituellen Lebens- und Weltanschauung zu kommen. Denn dieser Mann war wie selten einer veranlagt für Spirituelles; aber er konnte wiederum, weil die starken geistigen Impulse, die aus früheren Erdenleben da waren, doch einseitige waren, nicht zum Spirituellen kommen.

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Sie können versichert sein, daß ich über eine solche Sache reden kann. Ich war mit diesem Manne sehr befreundet und wußte daher, welcher Abgrund zwischen meiner eigenen Weltanschauung und der seinigen bestand. Man konnte sich intellektuell sehr gut mit ihm verständigen, konnte sich auch gemütlich verständigen; aber man konnte nicht etwas an ihn heranbringen, was spirituell ist. Und weil er mit dem 35. Jahre hätte zu einem spirituellen Leben übergehen müssen, wenn das, was bis zum 35. Jahre veranlagt war, auf der Erde hätte möglich sein sollen, er aber zu einem spirituellen Leben nicht kam, so starb er da. Also man kann ganz gut schielen und stottern, und kann doch fortleben, wenn man also als ein gewöhnlicher Erdenmensch fortzuleben vermag. Man darf nicht erschrecken über die Dinge, die schon einmal gesagt werden müssen, wenn man nicht in Phrasen aufgehen, sondern Realitäten schildern will. Aber an diesem Beispiele können Sie sehen, wie einen der geistig geschärfte Blick hineinschauen läßt in das menschliche Leben.

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Und jetzt gehen wir zu Schiller zurück. Wenn wir das Schillersche Leben betrachten, so stellen sich vor allen Dingen zwei Erscheinungen in dieses Leben hinein, die ganz merkwürdig sind. Es gibt von Schiller ein unvollendetes, bloß entworfenes Drama, die «Malteser». Man sieht dem Konzept, dem Entwurf, der da ist, an: hätte Schiller diese «Malteser» zur Ausführung bringen wollen, dann hätte er unbedingt dieses Drama nur als Eingeweihter, als Initiierter schreiben können. Es wäre gar nicht anders gegangen. Er trug, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, die Bedingungen zur Initiation in sich. Aber was er so in sich trug, das konnte wegen seines andern Karma nicht herauskommen; es verkrampfte sich, verkrampfte sich auch seelisch. Denn dem «Malteser»-Entwurf ist schon das Krampfhafte anzusehen: große, gewaltige Sätze, die überall nicht bis zum Punkt führen. Es kann nicht heraus, was in ihm ist. — Es ist nun interessant, auch bei Goethe haben wir solche Entwürfe; aber man sieht überall, wo Goethe etwas liegen läßt, da ist er zu bequem, er könnte schon weiter. Nur im höchsten Alter, als schon die Sklerose etwas auftrat, konnte er es nicht. Bei Schiller aber haben wir ein anderes Bild: es ist der eiserne Wille vorhanden, als er die «Malteser» entwirft, vorwärtszukommen; aber er kann nicht. Er kommt nur bis zu einem flüchtigen Entwurf. Denn die «Malteser», in Wirklichkeit gesehen, enthalten ja das, was von den Kreuzzügen her bewahrt worden ist an allerlei Okkultem, an Mystischem und an Initiationswissenschaft. Und an ein solches Drama, zu dessen Fertigstellung man die Erlebnisse der Initiation hätte wirklich in sich tragen müssen, geht Schiller heran. Wahrhaftig, ein Lebensschicksal, das den, der die Sache durchschaut, ungemein tief berührt und in die ganze Wesenheit dieses Menschen hineinschauen läßt. Und seit bekanntgeworden war, daß Schiller so etwas im Sinne hatte wie die «Malteser», seit der Zeit vermehrte sich die Gegnerschaft in Deutschland gegen ihn außerordentlich. Man fürchtete sich vor ihm. Man fürchtete, daß er allerlei an okkulten Geheimnissen in seinen Dramen verraten könne.

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Die zweite Erscheinung, von der ich sprechen will, ist die folgende. Die «Malteser» bekommt er nicht fertig, kann nicht mit ihnen zurechtkommen. Er läßt Zeit vergehen, dichtet an allerlei Dingen, die gewiß bewundernswert sind, aber die auch schon bewundert werden können vom Philisterium. Die «Malteser», wenn er sie hätte ausführen können, wären etwas geworden für Menschen von höchstem geistigem Schwung! Er muß sie liegen lassen. Nach einiger Zeit tritt in ihm wiederum das auf, was den Impuls zu dem Späteren gegeben hat. An die «Malteser» kann er nicht wieder denken. Aber er beginnt, an seinem «Demetrius» zu dichten: ein merkwürdiges Schicksalsproblem, das vom falschen Demetrius, der an die Stelle eines andern getreten ist. Alle die Schicksalskonflikte, die da eintreten, wie aus den verborgensten Ursachen heraus, mit allen menschlichen Emotionen, mußten in dieses Drama hineinkommen, wenn es fertig würde. Schiller schreibt daran in einer geradezu fieberhaften Art. Es wird bekannt — und noch größere Furcht haben die Menschen davor, daß nun Dinge zum Vorschein kommen könnten, an denen viele ein Interesse hatten, daß sie eine Weile noch der Menschheit verborgen bleiben.

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Und nun treten im Leben Schillers Erscheinungen ein, die derjenige, der sich auf solche Dinge versteht, nicht als etwas auch im KrankhaftNormalen allein Begründetes ersehen kann. Man hat ein merkwürdiges Krankheitsbild bei Schiller. Es tritt das Gewaltige ein — gewaltig nicht im Sinne der Größe, sondern im Sinne des Erschütternden: Schiller wird über seinem «Demetrius» krank; er spricht auf seinem Krankenlager fortwährend fast den ganzen «Demetrius» im hochgradigen Fieber heraus. Es wirkt etwas in Schiller wie eine fremde Macht, die sich durch den Körper ausdrückt. Man braucht selbstverständlich niemanden anzuklagen. Aber man kann nicht anders - trotz alledem, was nach dieser Richtung geschrieben worden ist —, als aus dem Krankheitsbilde die Vorstellung zu haben, da ist auf irgendeine, wenn auch ganz. okkulte Weise mitgeholfen worden an dem schnellen Sterben Schillers! Und daß Menschen eine Ahnung haben konnten, daß da mitgeholfen worden ist, das geht daraus hervor, wie Goethe, der nichts machen konnte, aber manches ahnte, in den letzten Tagen gar nicht wagte, den unmittelbar persönlichen Anteil — auch nicht nach dem Tode - zu nehmen, den er an dem wirklichen Hingange Schillers seinem Herzen nach wahrhaftig genommen hat. Er getraute sich nicht herauszugehen mit dem, was er in sich trug.

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Damit will ich nur andeuten, wie Schiller für den, der solche Dinge durchschauen kann, ganz zweifellos dazu prädestiniert war, Hochspirituelles aus sich heraus hervorzubringen, daß aber, wie durch innere und äußere Ursachen, karmisch innerlich und karmisch äußerlich die Sache zurückgestaut worden ist. Ich darf schon sagen, für den Geistesforscher bildet nichts ein so großes Interesse, als etwa folgendes Problem sich zu stellen: zu studieren, was Schiller geleistet hat in den letzten 10 Jahren seines Lebens, von den «Ästhetischen Briefen» an, und dann zu verfolgen, wie dieses Leben nach dem Tode abgelaufen ist. Da gibt es, wenn man sich vertieft in diese Seele Schillers nach dem Tode, geistige Inspirationen in Hülle und Fülle aus der geistigen Welt heraus. Da haben wir den Grund, warum Schiller in der Mitte der Vierzigerjahre sterben mußte. Er konnte einfach, wie sich das in seinen Krämpfen und in seiner ganzen Statur zeigte, namentlich aber in der häßlich geformten Kopforganisation zeigte, er konnte mit seinem Seelisch-Geistigen, das tief drinnenstand im spirituellen Dasein, nicht in seine Körperlichkeit hinein.

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Wenn wir uns solche Dinge vorhalten, müssen wir uns doch sagen: Das Menschenleben wird schon in seiner Betrachtung vertieft, wenn man das anwendet, was Anthroposophie geben kann. — Man lernt hineinschauen in das Menschenleben. Nichts anderes wollte ich, als Ihnen durch die Beispiele, die ich gebracht habe, anführen, wie man durch die Anthroposophie lernt, das menschliche Leben anzuschauen. Nehmen Sie aber jetzt die ganze Sache. Kann man nicht in seiner Seele vertieft werden für alles, was menschlich ist, dadurch, daß man einfach in einer solchen Weise auf einzelne Menschenleben hinsieht? Wenn sich der Mensch in einem bestimmten Zeitpunkte seines Lebens sagen kann: So stand es um Schiller, so um Goethe, so stand es mit irgendeinem Menschen, der früh verstorben ist, wie ich es Ihnen angeführt habe, — ja, wird das nicht in der Seele des Menschen so wirken können, daß man lernt, jedes Kind auch vertieft anzuschauen? Daß einem jedes Menschenleben ein heiliges Rätsel wird? Lernt man denn nicht mit viel größerer, mit viel innigerer Aufmerksamkeit auf jedes Menschenleben und Menschenwesen hinschauen? Und kann man nicht gerade dadurch, daß auf diese Weise Menschenerkenntnis in die Seele sich einschreibt, Menschenliebe in sich vertiefen? Und kann man denn nicht mit dieser Menschenliebe, die an der Menschenbetrachtung, an der innigen, tiefen Menschenbetrachtung, an dem Miterleben der innerst heiligen Rätsel der Menschenseele sich vertieft, gerade an eine Erzieheraufgabe herantreten, wenn einem das Leben so heilig geworden ist? Wird sich nicht gerade dadurch der Erzieherberuf umwandeln lassen, nicht zum phrasenhaften, mystisch verträumten, wohl aber zum ganz wahrhaften Priesterberuf, der dasteht, wenn die göttliche Gnade die Menschen herunterschickt in das irdische Leben?

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Auf die Entwickelung solcher Gefühle kommt es an! Das ist ja nicht das Wesentliche an der Anthroposophie, daß sie theoretisch lehrt: der Mensch besteht aus physischem Leib,Ätherleib, Astralleib und Ich, es gibt ein Karma, es gibt wiederholte Erdenleben und so weiter. Man kann sehr gescheit sein, kann das alles wissen; doch Anthroposoph im wahren Sinne des Wortes ist man dadurch nicht, wenn man diese Dinge auf die gewöhnliche Art, wie den Inhalt eines Kochbuches, weiß. Darauf kommt es an, daß das menschliche Seelenleben ergriffen und vertieft werde durch die anthroposophische Weltanschauung, und daß man dann wirken lernt aus einem solchen ergriffenen und vertieften Seelenleben.

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Daher kann die erste Aufgabe, die für die Pädagogik auf der Grundlage der Anthroposophie erfüllt werden kann, diese sein, daß man zunächst darauf hinarbeitet, daß die Lehrer, die Erzieher im tiefsten Sinne Menschenerkenner seien, und daß sie, wenn sie diese Gesinnung nach rechter Menschenbeobachtung in sich aufgenommen haben, mit der Liebe, die aus dieser Gesinnung folgt, an das Kind herantreten. Daher ist das erste, was in einem Seminarkurs für im anthroposophischen Sinne wirken sollende Erzieher vorkommt, nicht, daß man sagt, du sollst es so oder so machen, sollst diesen oder jenen pädagogischen Handgriff anwenden, sondern das erste ist das Erwecken der pädagogischen Gesinnung aus Menschenerkenntnis heraus. Hat man diese pädagogische Gesinnung aus Menschenerkenntnis bis zur rechten Pädagogenliebe, bis zum Erwecken der Pädagogenliebe gebracht, dann kann man sagen, der Lehrer ist reif zum Erziehen, zum Unterrichten. Das erste, um was es sich bei einer auf Menschenerkenntnis begründeten Pädagogik handelt, wie es die Waldorfschul-Pädagogik zum Beispiel ist, das ist nicht, Regeln anzugeben, so oder so solle man erziehen, sondern das erste ist, die Seminarkurse so zu halten, daß man die Herzen der Lehrer findet, daß man diese Herzen so weit vertieft, daß aus ihnen heraus die Liebe zum Kinde erwächst. Die glaubt ja ein jeder natürlich sich andiktieren zu können. Aber diese andiktierte Menschenliebe kann ja nichts leisten; sie könnte vielen guten Willen haben, aber kann nichts leisten. Etwas leisten kann erst diejenige Menschenliebe, die aus einem vertieften Beobachten im Einzelfalle hervorgehen kann.

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Wenn man das in sich trägt, das Erziehungswesen auf Menschenerkenntnis bauen zu wollen - sei es, daß man es jetzt durch wirkliche Geisteswissenschaft kennt, oder sei es instinktiv, wie man es auch kennen kann -, dann wird man das Kind daraufhin anschauen, daß man sich fragt: Was entwickelt sich beim Kinde vorzugsweise bis zum Zahnwechsel? — Denn bis zum Zahnwechsel ist das Kind ein ganz anderes Wesen als später, wenn man auf die Intimitäten des Menschen eingeht. Eine gewaltige innere Verwandlung macht das Menschenwesen mit dem Zahnwechsel durch, wieder eine gewaltige innere Verwandlung mit der Geschlechtsreife. Bedenken Sie nur, was der Zahnwechsel für den sich entwickelnden Menschen bedeutet. Der Zahnwechsel als solcher ist janur das äußere Zeichen für tiefe Veränderungen, die im ganzen menschlichen Wesen vor sich gehen, aber Veränderungen, die nur einmal vor sich gehen, denn man bekommt nur einmal zweite Zähne, man bekommt sie nicht alle 7 Jahre. Mit dem Zahnwechsel ist dann die Zahnbildung abgeschlossen. Man muß dann seine Zähne das ganze Leben hindurch behalten, kann sie sich höchstens plombieren lassen oder durch falsche ersetzen, aber man bekommt sie nicht wieder aus dem Organismus heraus. Warum ist das? Das ist deshalb, weil gerade mit dem Zahnwechsel die Kopforganisation einen gewissen Abschluß erlangt. Durchschaut man das, fragt man sich in jedem einzelnen Falle: Was erreicht denn da eigentlich mit dem Zahnwechsel seinen Abschluß? — so wird man, gerade von da ausgehend, dazu geführt, die ganze menschliche Organisation aufzufassen nach Leib, Seele und Geist. Und beobachtet man mit jenem in Liebe vertieften Blick, den man durch solche Menschenerkenntnis bekommt, wie ich es geschildert habe, das Kind bis zum Zahnwechsel hin, so sieht man: Dieses Kind bildet bis zum Zahnwechsel hin das Gehen aus, bildet das Sprechen aus und weiter das Denken. Das sind die drei Fähigkeiten, die bis zum Zahnwechsel als die hervorragendsten ausgebildet werden.

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Das Gehen ist ja nicht bloß gehen, das man lernt mit dem Gehen, denn das ist nur eine einzelne Erscheinung, sondern es ist das Sich-imGleichgewicht-Hineinstellen in die Welt; gehen ist nur die gröbste Erscheinung dabei. Vorher ist man außer diesem Gleichgewicht, jetzt lernt man sich im Gleichgewichte in die Welt hineinstellen. Woher kommt das? Es kommt davon her, daß der Mensch mit einem Kopfe geboren wird, der eine ganz bestimmte Gleichgewichtslage verlangt. Dieses Geheimnis des menschlichen Kopfes tritt ja schon im Physischen sehr stark hervor. Denken Sie nur daran, daß ein menschliches Durchschnittsgehirn zwischen 1200 bis 1500 Gramm schwer ist. Wenn aber ein solches Gewicht auf die feinen Adern, die an der Gehirnbasis sind, drücken würde, so würde es diese sogleich zerquetschen. Daß sie nicht zerquetscht werden, kommt davon her, daß dieses lastende Gehirn in Wahrheit im Gehirnwasser schwimmt, das unser Haupt ausfüllt. Nun werden Sie sich aus dem Physikunterricht erinnern, daß ein Körper, wenn er in einer Flüssigkeit schwimmt, so viel von seinem Gewicht verliert, als das Gewicht der von ihm verdrängten Flüssigkeit ausmacht. Wenden Sie das auf das Gehirn an, dann bekommen Sie heraus, daß unser Gehirn auf die Gehirnbasis nur mit einem Gewicht von etwa 20 Gramm drückt; das andere liegt im Gehirnwasser und wird verloren. Der Mensch wird also so geboren, daß sein Gehirn so gelagert sein muß, daß es in ein Gewicht kommt, wo gerade dieses Verhältnis zum verdrängten Gehirnwasser herauskommt. Dies richtet sich ein, während wir uns vom Kriechen zum Uns-Aufrichten orientieren. Der Kopf muß so lagern, wie wir es mit dem übrigen Organismus machen; Gehen und Greifen ist das, was vom Gehirn in einer bestimmten Lage vom Menschen gefordert wird. Es geht vom Gehirn aus das Ins-Gleichgewicht-Kommen des Menschen.

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Gehen wir weiter. Der Kopf des Menschen ist verhältnismäßig schon weit organisiert, wenn der Mensch geboren ist, denn während der Embryonalzeit ist der Kopf bis zu einem gewissen Grade ausgebildet; fertig ist er erst mit dem Zahnwechsel. Was sich aber erst einrichtet während der Zeit bis zum Zahnwechsel, was eine besondere äußere Organisation sich erwirbt, das ist das rhythmische System des Menschen. Würde man darüber mehr physische, physiologische Beobachtungen anstellen, so würde man sehen, wie wichtig für die ersten 7 Jahre die Einrichtung des Zirkulations- und Atmungssystems ist, was man vor allem dann verderben kann, wenn man nicht in der richtigen Weise das körperliche Leben des Kindes entwickelt. Deshalb muß man in den ersten Lebensjahren damit rechnen: da ist etwas im Zirkulations- und Atmungssystem, das sich da erst in seine Gesetzmäßigkeiten hineinbringt. Das Kind spürt unbewußt, wie da die Lebenskraft am Zirkulations- und Atmungssystem arbeitet. Und gerade so, wie sich ein Körperliches, das Gehirn, in die Gleichgewichtslage hineinbringen muß, so muß sich das Seelische einstellen auf diese Entwickelung des Atmungs- und Zirkulationssystems in den ersten Lebensjahren. Das Physische muß sich einstellen in der Erringung der Gleichgewichtslage vom Haupte aus; das Seelische, indem es sich in der richtigen Weise hinzu organisiert, muß sich einstellen zu der sich umwandelnden Zirkulation und Atmung. Und so wie im Zusammenhange mit dem, was im Gehirn zum Ausdruck kommt, der aufrechte Gang und die Orientierung mit den Händen und Armen zum Vorschein kommt, so kommt im Zusammenhange mit der Einrichtung des Zirkulations- und Atmungssystems die Sprache beim Menschen heraus. Indem der Mensch sprechen lernt, richtet er sein Zirkulations- und Atmungssystem eben so ein, wie er sein Gehen und Greifen einrichtet, wenn er den Kopf so aufsetzen lernt, daß vom Gehirn in der richtigen Weise an Gewicht verloren wird. Schult man sich dafür, eignet man sich einen Blick für diese Zusammenhänge an, und hat man dann einen Menschen vor sich, der so spricht, daß er bei gehobener Stimmlage besonders begabt erscheint für das Sprechen von Hymnen oder Oden, oder auch für Moralpaukenhalten, wo also eine gehobene Sprache vorliegt, so weiß® man auch, daß das mit besonderen Bedingungen im Zirkulationssystem zusammenhängt. Oder wenn man bei einem Menschen sieht, wie er schon im Kindesalter mit rauher Stimme spricht, mit einer Stimme, wie wenn Messing mit Blech zusammengeschlagen wird, so weiß man wiederum, daß dies mit dem Atmungs- oder Zirkulationssystem zusammenhängt. Aber dabei bleibt es nicht allein. Indem man einem Kinde zuhören lernt, ob es eine harmonische, weich-sympathische Stimme oder eine schmetternde Stimme hat und dies zusammenhängen sieht mit den Lungenbewegungen, mit der Herzbewegung und Blutzirkulation - bis in die Finger- und Zehenspitzen hinein den ganzen Menschen innerlich durchvibrierend, da sieht man in dem, was in seiner Sprache sich ausdrückt, zugleich Seelisches. Da tritt sozusagen etwas auf wie ein höherer Mensch, der in diesem Bilde sich ausdrückt, das die Sprache zusammenfaßt mit den körperlichen Vorgängen der Zirkulation und der Atmung. Und von da aus sieht man dann in das vorirdische Leben des Menschen hinauf, das beherrscht ist von denjenigen Bedingungen, die wir uns zwischen dem Tode und unserer neuen Geburt angeeignet haben. Da spielt das hinein, was der Mensch im vorirdischen Dasein erlebt hat. Da lernt man erkennen, wenn man das Wesen des Menschen in wahrer Menschenerkenntnis ergreifen soll, wie man sich das Ohr spirituell schulen muß für das Anhören der Kinderstimmen. Und man kann dann wissen, was man tun kann, um einem Kinde, das bei einer schmetternden Stimme uns verrät, daß es ein stockendes Karma hat, dazu zu verhelfen, daß dieses Karma herauskommen kann.

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Daraus kann man sehen, was zur Erziehung notwendig ist: eben Menschenerkenntnis. Aber nicht bloß eine solche, die bloß davon redet: der ist ein begabter Mensch, der ist ein guter, der ein schlechter Kerl, sondern eine solche, die am Menschenwesen verfolgt, was sich zum Beispiel geistig darlebt in der Sprache und es auch verfolgt bis in die physische Körperlichkeit hinein, so daß man nicht ein abstraktes Geistiges schaut, sondern eines, das sich im physischen Bilde des Menschen zum Ausdruck bringt. Dann kann man auch als Erzieher eingreifen, kann nach Geist und Körper eingreifen und kann dem Physischen so zu Hilfe kommen, daß es eine richtige Grundlage für das Geistige abgeben kann. Und wenn man dann ein Kind sich von hinten anschaut und sieht, es hat kurze Beine, es lastet der Oberkörper zu schwer, es tritt stark auf — hat man sich für diese Dinge den richtigen Blick angeeignet, dann weiß man: Da spricht ja das vorherige Erdenleben, da spricht Karma! — Oder hat man einen Menschen, der so geht, wie zum Beispiel Johann Gottlieb Fichte, der deutsche Philosoph, gegangen ist, der niemals mit etwas anderem zuerst auftrat als mit den Fersen, und auch wenn er redete, redete er Worte, die gleichsam «mit den Fersen auftraten», dann sieht man an einem solchen Menschen, wie Karma sich ausspricht.

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So lernt man durch die geisteswissenschaftliche Beobachtung das Karma im Kinde kennen. Und das ist das Allerwichtigste, das man durchschauen muß. Einzig und allein das hilft einem, daß man Menschen, kindliche Körper und kindliche Seelen und kindliche Geister beobachten kann. So muß Menschenerkenntnis eingreifen in die Pädagogik, aber solche Menschenerkenntnis, die seelisch und geistig vertieft ist.

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Damit wollte ich jetzt für die Pädagogik eine Vorstellung von dem hervorrufen, was wir wollen, und was wirklich praktisch für die Erziehung herauskommen kann aus dem, was manche Menschen für so unpraktisch halten, daß sie es als eine Träumerei und Phantasterei ansehen.

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Cite: GA 310/1924-07-18 · edition original