Die Zukunft von Kapital und menschlicher Arbeitskraft

GA 330/1919-05-13 · 1919-05-13 · original · 38 passages · 9700 words
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## GA 330 — 13 May 1919, Stuttgart

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### Die Zukunft von Kapital und menschlicher Arbeitskraft

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Es könnte scheinen, als ob in den Vorgängen der großen Weltkatastrophe, die heute auf der Stufe «Versailles» steht, wie etwas nicht ganz Begründetes erschiene das Thema: Die Zukunft des Kapitals und der menschlichen Arbeitskraft. Man darf aber, die Ereignisse in ihren Tiefen verfolgend, vielleicht doch darauf hinweisen, daß diese beiden Themen: Weltkatastrophe und dasjenige, dem die heutige Betrachtung gewidmet sein soll, innig zusammenhängen. Denn eigentlich muß jedem mehr oder weniger klar sein, der mit offenen, wachen Seelensinnen die Ereignisse der letzten Jahre beobachtet hat, daß etwas von dem, was man den Weltkapitalismus im großen Stile nennen könnte, eingemündet ist in diesen sogenannten Weltkrieg, daß sich dieser Weltkapitalismus in der Weise, wie es Ihnen schmerzlich bekannt ist heute, in seiner Art gebärdet innerhalb der sogenannten Friedensbedingungen, und daß durch einen großen Teil der zivilisierten Welt heute schon wie eine mächtige geschichtliche Opposition dasjenige geht, was man nennen könnte die Forderung, die sich richtet gerade gegen den Kapitalismus. So liegt eigentlich in dem Gegensatz Kapital und menschliche Arbeitskraft vielleicht das tiefste, das bedeutungsvollste Problem unserer Zeit verborgen. Der Kapitalismus schwang sich zuletzt auf zu dem, was genannt werden kann, auch oft genannt worden ist, der Imperialismus, Die menschliche Arbeitskraft keuchte unter der Herrschaft dieses Imperialismus. Und sieht man etwas genauer hin auf das bedeutsamste Kennzeichen des Kapitalismus, so findet man gerade, daß er gewissermaßen seinen Auslauf fand in der furchtbaren Weltkatastrophe. Welches ist denn eines der hauptsächlichsten Kennzeichen der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung? Es ist dies, daß der Mensch ausgeht für sein Erwerbsleben, für seine Bereicherung von der sogenannten Rentabilität, der Anlagefähigkeit des Kapitals. Nun frage ich Sie: Wieviel ist denn in den Ursachen der Schreckenskatastrophe von dem darinnen, was sich zurückführt auf die Anlagefähigkeit von Kapitalien im großen? In wie weitem Maße wurde denn eigentlich gekämpft für die Erweiterung der Anlagefähigkeit von Kapitalien gewisser Imperialismen? Und so zeigt sich schon jetzt, und so wird sich immer mehr und mehr zeigen, daß aus den Tiefen der Menschheit herauf sich erhebt und erheben wird die Forderung: Wie kommen wir zu einer Neugestaltung des menschlichen Daseins, nachdem diejenigen Formen, welche die Weltwirtschaftsordnung unter dem Kapitalismus, Imperialismus, angenommen hat, erstens in so hohem Grade sich als Unheil der Menschheit gezeigt haben, zweitens aber schon lange daran sind, sich ihrer eigenen Vernichtung entgegenzuführen? Und so besprechen wir eigentlich mit dem, was wir heute besprechen als den Gegensatz von Kapital und Arbeit, eine untergehende Weltwirtschaftsordnung auf der einen Seite, und eine aufsteigende Weltwirtschaftsordnung auf der anderen Seite.

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Indem ich diese Frage hier bespreche, bitte ich Sie zu berücksichtigen, daß es gerade von den Gesichtspunkten aus, von denen hier gesprochen wird, notwendig ist, zuerst voll deutlich zu sprechen von den umfassenden, den großen Impulsen, damit dann auf der Grundlage des Verständnisses dieser großen, umfassenden Impulse in die Einzelheiten eingegangen werden kann. Denn niemand, der es heute in den Tagen der großen Weltabrechnung vermeiden will, zu großen, umfassenden Impulsen sich zu wenden, kann irgendwie daran denken, heilsam zu wirken am Neuaufbau der Welt. Wer heute große, umfassende Gesichtspunkte unpraktisch nennt, der bringt eigentlich dadurch, ob er will oder nicht, zum Ausdruck, daß er durch sein Bleiben in seinem sogenannten Praktischen, in seinem Kleinen, nicht teilnehmen möchte an dem, was wirklich notwendig ist für die Entwickelung der Menschheit. Daher gestatten Sie mir, heute noch in Anknüpfung an meine beiden letzten Vorträge bei etwas umfassenderen Impulsen zu bleiben, damit ich dann am nächsten Freitag nur Einzelheiten, die sich ergeben aus dem umfassenden Plane der Dreigliederung des sozialen Organismus, in voll deutlicher Weise werde besprechen können. Diese Einzelheiten würden sich nicht besprechen lassen, ohne daß man zuerst den Bauplan vollständig aufrollt.

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Wenn man heute jene Forderungen kennenlernen will, welche aus den breitesten Schichten des Volkes aufsteigen, und in welchen sich zugleich bedeutungsvolle geschichtliche Notwendigkeiten zum Ausdruck bringen, dann hat man erstens nötig, wirklich den guten Willen zu haben, auf dasjenige hinzuhorchen, was angesichts der neuen Zeitlage heute das Notwendigste ist, um den besonderen Forderungen der Menschen eine Gestalt zu geben, welche in die Wirklichkeit der Menschheitsentwickelung sich einleben kann. Es sind die Verhältnisse in den letzten Jahren gegen früher so sehr anders geworden, daß sie als völlig Neues erscheinen, und doch können viele Menschen heute noch nicht loslassen von alten Denkgewohnheiten und alten Denkempfindungen, und sie haben keine Ohren, wenigstens keine geneigten Ohren für dasjenige, was am allernotwendigsten ist. Wir stehen ja heute vor Forderungen, die nicht von dieser oder jener Stelle ausgehen, die auch nicht von dieser oder jener Stelle aus propagiert werden können, — wir stehen heute tatsächlich vor den Forderungen der breitesten Massen, die aus den Untergründen des Menschheitsempfindens, Menschheitserlebens und Menschheitswollens heraufkommen. In dieser Zeit ist vor allen Dingen notwendig Vertrauen, Vertrauen der Menschen untereinander, Vertrauen der Menschen zu denjenigen, die über die Forderungen der Zeit etwas zu sagen haben. Vertrauen vor allen Dingen, das sich nicht auf etwas Persönliches begründet, sondern Vertrauen, das sich einzig und allein auf die Sache begründet. Da merken wir heute etwas sehr Bedeutsames. Man kann sagen, es ist, wenn man den Zugang zu gewinnen versteht zu den breitesten Volksmassen, verhältnismäßig leicht, Vertrauen zu gewinnen. So sonderbar es sich ausnimmt, gesagt muß es einmal werden: Vertrauen zu gewinnen ist heute um so leichter, je mehr man zu denjenigen Menschen spricht, welche durch die bisherige Wirtschafts-, Rechts- und Geistesordnung gewissermaßen entwurzelt worden sind mit Bezug auf die menschlichen Lebensgüter, welche angewiesen sind, für ihre Lebensgestaltung sich lediglich auf dasjenige zu stellen, was die Kraft ihrer eigenen Person, was die Kraft ihrer Arbeit ist.

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Da ist es merkwürdig, wie die umfassendsten Impulse von denjenigen verständnisvoll aufgenommen werden, die am eigenen Leibe das Unzulängliche der Menschheitsentwickelung in den letzten Zeiten erfahren haben. Schwerer wird es, zu denjenigen zu reden, die heute gewissermaßen noch dastehen mit den Resten der alten Wirtschafts-, Rechts- und Geistesordnung; die hinübertragen in die neue Zeit, was sie sich aus der alten Ordnung erworben, ererbt oder auf sonstige Weise angeeignet haben. Die hängen, sei es an ihren Gütern, sei es an ihren Vorstellungen. Und schwierig wird es ihnen, anderes für praktisch zu finden als lediglich dasjenige, welches ihnen möglich macht, dieses Erworbene, Ererbte oder sonstwie Angeeignete wenigstens bis zu einem gewissen Grade zu erhalten. Es fehlt heute eigentlich vielen Menschen, und um so mehr solchen Menschen, die zu der zuletzt angeführten Klasse gehören, nicht nur die Möglichkeit, Vertrauen zu suchen, um durch Vertrauen der Menschen zueinander zu einem Neuaufbau zu kommen, sondern es fehlt ihnen sogar der Glaube an dieses Vertrauen, es fehlt ihnen der Glaube, daß das Verständnis derjenigen, die große Impulse verstehen wollen, ein echtes und ehrliches ist. Ich will nicht Kritik üben, ich will nur Tatsachen besprechen, Tatsachen aber, welche es so unendlich schwierig machen, heute durch dasjenige vorwärts zu kommen, durch das einzig und allein vorwärts gekommen werden kann - die Kraft, die in dem Menschen liegt für das Verständnis des anderen Menschen. Unendlich schwer ist es heute, diese Grundlage alles wirklichen Sozialismus populär zu machen: Verständnis des einen Menschen für den anderen Menschen. Denn merkwürdig, in unserer Zeit, in der so bedeutsam, so großartig der Ruf nach Sozialismus ertönt, in dieser Zeit leben die stärksten antisozialen Triebe bis in die Tiefe der Menschenseele hinein. Daher kommt es auch, daß es, getrübt durch diese antisozialen Triebe, heute eigentlich wenigen Menschen möglich ist, hinreichende, wirklichkeitsgemäße, wahrhaft praktische Anschauungen über dasjenige zu bekommen, was uns für die Weiterentwickelung der Menschheit notwendig ist. Das, wovon in den vorigen Vorträgen gesprochen wurde, und wovon heute und das nächste Mal gesprochen werden soll, das ist nicht aus Wolkenkuckucksheim heruntergeholt, das ist genommen aus dem unmittelbaren Leben. Denn viel von dem, was gerade durch die Impulse des dreigliedrigen sozialen Organismus gefordert wird, das ist in dem geheimen Verlangen vieler Menschen im Grunde genommen eigentlich schon da, schon da in der Weise, daß es sich aus Seelenuntergründen an die Oberfläche bewegen will, daß es sein Dasein erkämpfen will, und daß nur die Einrichtungen unserer bisherigen Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsordnung diese an die Oberfläche drängenden Mächte zurückhalten wollen. Besonders stark wird man aufmerksam auf die merkwürdigen Erscheinungen, wie heute die Menschen aus ihrer alten Staatswirtschaftsordnung heraus geradezu entgegenarbeiten dem, was sich zu ihrem eigenen Heile in die Höhe kämpfen will, wenn man gerade den die Welt heute aufwühlenden Kampf zwischen dem Kapital und der menschlichen Arbeitskraft ins Auge faßt. Erwarten Sie nicht von mir, daß ich Ihnen beginnen werde mit irgendeiner mehr oder weniger befriedigenden Definition des Kapitals und der menschlichen Arbeitskraft. In der Wirklichkeit kämpft man nicht gegen Begriffe und Ideen, in der Wirklichkeit hat man zu kämpfen gegen Kräfte und Menschen. In der Wirklichkeit hat man aber auch zu kämpfen oftmals gegen den Irrwahn, die Unzulänglichkeit, ja die Blindheit. In bezug darauf liegen die Dinge heute außerordentlich merkwürdig.

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Damit komme ich zu dem zweiten, das berücksichtigt werden muß außer der sozial-psychologischen Tatsache des Vertrauensuchens. Aus der großen Masse des Proletariats und der sozial Denkenden erhebt sich der Ruf, und er erhebt sich schon lange, nach einer irgendwie gearteten Sozialisierung der Produktionsmittel, die ja im wesentlichen für das Proletariat dasselbe sind wie das Kapital. Derjenige, welcher in dem Sinne, wie ich es in meinen zwei letzten Vorträgen hier auseinandergesetzt habe, sich einläßt auf die Entwickelung der sozialen und sozialistischen Ideen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, der kann darauf kommen, daß in diesem Rufe nach Sozialisierung der Produktionsmittel etwas liegt, was dem Allerberechtigtsten entspricht, das man nur erschauen kann in der neueren Entwickelung der Menschheit. Wer aber auf sich wirken läßt die Tatsachen, wie sie sich gewandelt haben durch die Weltkatastrophe, für den wird es nicht schwer sein, auch zu durchschauen, wie unzulänglich viele von denjenigen Gedanken, Parteimeinungen und dergleichen, die auch auf sozialistischer Seite sich geltend gemacht haben, jetzt geworden sind, wo die Tatsachen sich aus der Weltkatastrophe heraus mächtig und laut erheben und nach Gestaltung suchen. Jetzt müssen die Fragen aufgeworfen werden: Wie können wir das soziale Leben gestalten? Wie führt der Weg zu dem, was als ein gutes Ziel hingestellt wird: Sozialisierung der Produktionsmittel? Wie kommen wir zu solchen Ideen, die uns nicht nur das Ziel zeigen, das aus Leid und Entbehrungen herausgeborene Forderungen befriedigen kann, sondern die uns den Weg eröffnen zu diesem Ziele hin? Das ist es, was sich die Dreigliederung des sozialen Organismus zur Aufgabe macht, den Weg zu finden zu einem Ziele, das die breitesten Massen der Menschheit als ihr berechtigtes anerkennen, das sie als solches fühlen, ja bis zu einem gewissen Grade auch verstehen. Immer wieder muß ich betonen, dasjenige, was ich hier zu sagen habe, es ist nicht aus irgendeiner grauen Theorie hervorgeholt, es ist nicht entstanden aus der Gelehrsamkeit heraus, es ist entsprungen aus dem wirklichen Leben und seinen gegenwärtigen weittragenden Forderungen. Aber man macht sich zuweilen Gedanken darüber, wie sich die Zeitentwickelung, wie sich die Menschengedanken zu so etwas stellen, das man herausgeholt hat gerade aus den Untergründen des Lebens. In der Form, in der heute der Ruf nach Sozialisierung ertönt, stammt er ja von einer bedeutsamen welthistorischen Kundgebung, von dem sogenannten Kommunistischen Manifest des genialen Karl Marx. Und im Grunde genommen, was erlebt worden ist bis heute und was weiter erlebt werden wird an sozialen und sozialistischen Impulsen, es werden Zweige und Sprossen sein desjenigen, was in der Wurzel gegeben ist mit diesem Kommunistischen Manifest. Aber es ist merkwürdig, in demselben Jahr, in dem das kommunistische Manifest erschienen ist, erschien ein ehrliches, ein wirklichkeitsgemäßes Buch. Und die Gedanken dieses Buches, sie sind entsprungen aus der Seele eines Menscheh, der schon das Leben kannte, der auch geneigt gewesen wäre, sich restlos schon dazumal als Sozialist zu bekennen, wenn er es nach seinen Lebenskenntnissen gekonnt hätte. Es ist Bruno Hildebrand, der damals das Buch geschrieben hat, ein scheinbar anspruchloses Buch, ein symptomatisches Buch aber, ein Buch, das gründlich berücksichtigt werden sollte: «Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft». Ich erwähne das heute hier einleitungsweise aus einem ganz bestimmten Grunde. Wenn Sie alles dasjenige zusammennehmen, was von den Gegnern des Sozialismus seit dem kommunistischen Manifest Erhebliches vorgebracht worden ist, so können Sie wie im Extrakt klar alles das schon finden in dem Werke von Bruno Hildebrand aus dem Jahre 1848. Was liegt eigentlich dem Impulse dieses merkwürdigen Mannes zugrunde? Er sagte sich, ich muß mir vorstellen, wie da aussehen würde eine Gesellschaftsordnung, die rein sozialistisch gestaltet wäre! Er malt sich gewissermaßen aus eine solche sozialistisch gestaltete Gesellschaftsordnung. Würde er sie für möglich halten können, das merkt jeder aus den Ausführungen des Mannes, dann würde er sich sogleich dazu bekennen. Er kann sie nicht für möglich halten nach seinen Anschauungen. Warum? Nicht etwa, weil er glaubt, daß einzelne Menschen, die mit ihrem Erworbenen, Ererbten oder sonstwie an sie Gekommenen in die neuere Zeit hinübersegeln wollen, etwa unter die Räder kämen, sondern aus dem Grunde, weil ihm als einem Wirklichkeitsdenker, einem echt praktischen Denker klar wird, diejenigen, die den Sozialismus wollen, so wie sie sich ihn selber vorstellen, sie würden sich in kürzester Zeit unglücklich fühlen müssen in einer solchen sozialistischen Gesellschaftsordnung. Und warum müssen sie sich unglücklich fühlen? Der Mann führt das alles an. Er zeigt, wie viele von den berechtigten Kräften des Menschen naturgemäß verschwinden müßten, wenn eine sozialistische Struktur die menschliche Gesellschaft ergriffe. Er führt an, wie unmöglich sich gerade in der sozialistischen Gesellschaft auf die Dauer das Verhältnis von Kapital und Arbeit herstellen ließe.

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Nun ist man einer solchen wirklichkeitsgemäßen Auseinandersetzung gegenüber in einer sehr merkwürdigen Lage. Man sagt sich, nun aber, die historische Notwendigkeit des Sozialismus liegt doch vor. Der Sozialismus muß kommen, und er kommt sicher. Soll man dasjenige wollen, was vielleicht auch die ins Elend, wenigstens nicht ins Glück bringt, die die neue Ordnung wollen? Das ist die Frage, die heute auf den tiefer in die menschliche Entwickelung hinschauenden Menschen wie eine furchtbare Last drücken kann. Über das, wozu wir heute aufgefordert werden durch die in der Menschheitsentwickelung liegenden Kräfte, ist wahrhaftig nicht ins klare zu kommen aus irgendwelchen agitatorischen oder demagogischen Untergründen heraus, sondern einzig und allein aus bitterem Ernst und heiligem Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber den Forderungen, den berechtigten Forderungen der Menschheit.

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Aus diesen Untergründen heraus sind die Fragen entsprungen, die sich zuletzt ergeben haben für die Grundlegung der Impulse des dreigeteilten sozialen Organismus. Aus dem wirklichen Leben heraus stand da wie eine Zukunftsperspektive die sozial gegliederte menschliche Gesellschaft. Aber in dem Streben, nicht aus Illusionen und Forderungen heraus einfach zu sprechen, sondern in dem Streben, zu etwas zu kommen, was der Menschheit wirklich heilsam sein kann, mußte gefragt werden: Woran liegt es denn, daß das geschichtlich Notwendige, das, was gewiß kommen muß, zu gleicher Zeit wieetwas die Menschheit in bezug auf edelste Kräfte Störendes erscheinen kann? Beirren in der Einsicht von der Notwendigkeit einer sozialen Struktur der Gesellschaftsordnung kann den Verantwortlichen ein solcher Ausblick nicht. Aber dazu kann er ihn treiben, nachzuforschen, wie es gemacht werden muß, damit Heil und nicht Unheil komme, damit die freie, nach allen Seiten sich entfaltende Menschennatur zur Geltung komme, und nicht eine im Innerlichen verdorrte, im Innerlichen verkümmerte Menschenwesenheit in dem geschichtlich Notwendigen leben müsse. Das führt dazu, diesen sozialen Organismus genauer, lebensgemäß zu studieren. Und da zeigt es sich, daß, wenn man einfach die alte Staatsordnung, den alten Staatsinhalt überleiten möchte in die neue soziale Ordnung, wenn man den alten Einheitsstaat forttreiben würde zu der neuen sozialen Ordnung, dann das eintreten würde, was die Gegner des Sozialismus, wenn sie gutwillige Gegner sind, eben anführen. Sofort wird das trübe Bild mit Licht beschienen, wenn man gewahr wird: Man muß ja erst aus dem wirtschaftlichen Organismus, in den wir immer mehr und mehr hineingekommen sind, so daß Staats- und Geistesorganismus Diener der wirtschaftlichen Organisationen geworden sind, herausnehmen das eigentliche Rechts- oder Staats- oder politische Gebiet und das Gebiet der geistigen Kultur der Menschheit. Läßt man diese drinnen, segelt man fort, hypnotisiert von dem Götzen «Einheitsstaat», und will man sozialisieren, dann gelten die Einwände. Gliedert man heraus aus dem Wirtschaftsleben, in das sich immer mehr konzentriert hat die neuere Menschheitskultur, das Rechts- oder politische oder Staatsleben auf der einen Seite, das geistige Leben auf der anderen Seite, dann bleibt in dem befreiten Wirtschaftskreislauf die Möglichkeit, in gesunder Art zu sozialisieren. Und zu gleicher Zeit ergibt sich die Möglichkeit, auch auf den beiden anderen Gebieten in gesunder Art zu sozialisieren.

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Ich habe auf das aufmerksam machen wollen aus dem einfachen Grunde, weil heute, wenn über diese Dinge gesprochen wird, die Menschen so leicht glauben, daß dasjenige, was gesagt wird, gewissermaßen als ein Einfall über Nacht gekommen ist. Was mit dem dreigliedrigen sozialen Organismus gemeint ist, ist kein solcher Einfall. Es ist etwas, was aus dem Zusammenleben mit der sozialen Wirklichkeit entsprungen ist. Denn wenn man den Ausblick auf den Ihnen letzthin und vorletzthin charakterisierten dreigliedrigen sozialen Organismus hat, dann erst ergibt sich die Möglichkeit, die richtigen Lichter zu werfen auf solche Impulse in der neueren Menschheitsentwickelung und auf ihre Ausgestaltung in der Gegenwart und in die Zukunft hinein, die für Kapital und menschliche Arbeitskraft nötig sind. Unter den verwirrenden und ungerechten Kräften der neueren Zeit haben sich Ansichten herausgebildet, die eigentlich nicht immer nach dem richtigen Ziele hinweisen. Man kann zum Beispiel sagen, diejenigen, die nachgedacht haben, um der Menschheitsentwickelung zu helfen, sie haben die kuriosesten Gedanken geäußert über das, was sie sich eigentlich unter dem Kapital und seinen Wirkungen vorstellten. Es gibt einen Nationalökonomen Roscher, der rechnet den Staat zum Kapital; es gibt einen Nationalökonomen Thänen, der rechnet den Menschen zum Kapital, und ich könnte Ihnen eine lange Liste anführen, die Ihnen beweisen würde, wie die Menschen die wirtschaftliche Welt ansehen und sich die sonderbarsten Vorstellungen über dasjenige machen, was im Wirtschaftsleben tätig ist. Daher werden wir vielleicht über das, was eigentlich heute die Menschheit bewegt und zerwühlt, klarer als durch die Vorstellungen solcher Leute und vielleicht auch die Vorstellungen, die wir uns selber machen können, dadurch werden, daß wir hinweisen darauf, worin eigentlich die Grundimpulse des entfesselten Kampfes zwischen Kapital und menschlicher Arbeitskraft liegen. Da dürfen wir zunächst hinweisen, ich möchte sagen, auf den Glauben der einen Seite und auf den Glauben der anderen Seite. Denn im Grunde genommen stehen zwei wirtschaftliche Glaubensbekenntnisse einander gegenüber.

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Was glaubt eigentlich der Kapitalist? Der Kapitalist glaubt, er lebe von seinem Kapital, oder wenn er wirtschaftlich ist, er lebe von den Zinsen dieses seines Kapitals. Das ist nun einmal sein Glaube. Er denkt nicht viel über diesen Glauben nach, denn er ahnt nicht, daß von Kapital und Zinsen niemand leben kann. Und er ahnt auch nicht, daß es eine gewisse Berechtigung hat, wenn ein sehr bedeutsamer Nationalökonom, der sogar ausnahmsweise preußischer Minister geworden ist, die Worte geäußert hat, das Kapital sei das fünfte Rad am Wirtschaftswagen. Man muß wirklich berücksichtigen, was das eigentlich heißt. Es heißt das nichts Geringeres als: die menschliche Gesellschaft braucht eigentlich das, was heute als Kapital angesehen wird, nicht. In Wirklichkeit aber nährt dieses Kapital viele Menschen, sehr viele Menschen. Diese Menschen werden alle durch das fünfte Rad am Wirtschaftswagen genährt, das heißt sie nähren sich so, daß, wenn sie sich nicht nähren würden, der Wirtschaftswagen auch fahren würde, nur daß sie selbst etwas anderes tun müßten, als sich vom Kapital zu nähren, nämlich arbeiten. Sehen Sie, das beleuchtet den Glauben des Kapitalisten. Es ist schwer anzukämpfen gegen diesen Glauben, wie überhaupt gegen Glaubensbekenntnisse außerordentlich schwer anzukämpfen ist aus dem einfachen Grunde, weil Glaubensbekenntnisse intim mit der menschlichen Natur verknüpft sind. Und Sie mögen dem Kapitalisten noch so oft sagen: Durch dein Kapital entsteht doch nicht Leben, solange dein Kapital sich nicht umwandelt durch die gesellschaftliche Ordnung in eine Macht, in die Macht, die du durch dein Kapital über andere Menschen hast, die arbeiten und dir durch ihre Arbeit den Lebensunterhalt verschaffen. Wer diese Dinge gründlich betrachtet, der merkt, daß das Kapital erst dann eine Bedeutung hat, wenn man es vom Standpunkte dieser Machtfrage ins Auge faßt. So viel zunächst über das Glaubensbekenntnis des Kapitalisten.,

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Nun, das Glaubensbekenntnis des Arbeiters, wenigstens desjenigen Arbeiters, welcher sich unter dem seelenverödenden Kapitalismus heraufentwickelt har in die neue Zeit, dieses Glaubensbekenntnis lautet: Ich lebe von meiner Arbeit! - Es ist in der heutigen Gesellschaftsordnung ebenso ein bloßer Glaube, ein unberechtigter Glaube, daß man von seiner Arbeit leben könne, wie es ein unberechtigter Glaube ist, daß man leben könne von irgendeinem Kapital, obwohl der Glaube, daß man von seiner Arbeit leben kann, wenigstens eine gewisse eingeschränkte Richtigkeit hat. Nur hat er keine volle Richtigkeit innerhalb unserer Gesellschaftsordnung. Denn innerhalb unserer auf Arbeitsteilung beruhenden Gesellschaftsordnung ist, damit man von dieser Arbeit leben kann, eine dreifache Tätigkeit des Menschen notwendig, die ausgeht von der geistigen Kultur der Zeitim weitesten Sinne. Erstens ist notwendig die erfinderische Tätigkeit, welche zu den Produktionsmitteln führt, und zweitens die organisatorische Tätigkeit, welche zu der Harmonisierung führt zwischen den Produktionsmitteln und menschlicher Arbeit, und drittens ist notwendig die spekulative Tätigkeit, welche führt zur Verwertung desjenigen, was mit Hilfe der Arbeit an den Produktionsmitteln produziert wird, zur Überführung der Erzeugnisse an die entsprechenden Glieder der menschlichen Gesellschaft. Ohne diese dreifache geistige Tätigkeit ist Arbeit in dem sozialen Organismus, der auf Arbeitsteilung beruht, etwas Unfruchtbares. Damit wird man aber von vornherein auf dasjenige hingewiesen, was, wie ich schon sagte, in einer gewissen Weise Licht verbreitet über das heute Notwendige. Man muß, was da ist, nur in richtigem Lichte anschauen. Die heutige Gesellschaft arbeitet unter dem Einfluß des Kapitals. Der Arbeitende empfindet ganz recht, wenn er als das Wesentliche des Kapitals die Produktionsmittel ansieht, das heißt dasjenige, was durch die Menschenarbeit geschaffen werden muß und nicht unmittelbar zum Verbrauch führt, also kein unmittelbarer Bedarfsartikel, kein unmittelbarer Genußartikel ist, sondern was zur Herstellung von Bedarfsund Genußmitteln dient. Diese Produktionsmittel will der Sozialismus in eine andere gesellschaftliche Ordnung bringen als die ist, in die sie unter den Einflüssen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung der neueren Zeit gekommen sind. Nun kann man merkwürdigerweise sagen, es zeigt sich schon, daß in einer gewissen Weise die Produktionsmittel etwas für sich sind, daß sie abgesondert werden können von den Menschen. Man vergleiche nur, wie in den älteren Wirtschaftsformen das, was der Mensch brauchte als Handwerker, um zu produzieren, wie das begründet war in seiner menschlichen Qualität. Nun, man vergleiche dann alles, was heute im großen getrieben wird mit Hilfe der modernen Produktionsmittel großen Stils, wie das gewissermaßen als Sachgut abgesondert werden kann von der menschlichen Individualität. Wir wissen ja, wenn man eine Summe von Produktionsmitteln, die einen Betrieb ausmachen, verkauft - es kann sie ein Mensch oder eine Aktiengesellschaft verkaufen an einen anderen Menschen, an eine andere Aktiengesellschaft, beide haben vielleicht gar nichts anderes zu tun mit diesen Produktionsmitteln, als daß sie ihre Tantiemen, ihren Profit beziehen -, so zeigt sich, wie in weitestem Umfange eine Loslösung der Produktionsmittel von den Besitzern besteht. Hier haben wir durch die Wirklichkeit etwas, das in der Zukunft nur in entsprechender Weise in sein Gegenteil gewendet werden muß, dann kommen wir zu einer wirklichen Sozialisierung der Produktionsmittel. Eine solche anzugeben, habe ich versucht in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft».

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Ein Zweifaches muß erreicht werden. Erstens muß erreicht werden, daß ein engeres Band hergestellt werde zwischen den Leitern eines Betriebes mit Produktionsmitteln und diesen Produktionsmitteln selber. Ein Leiter oder ein Leiterkonsortium muß unbedingt dasjenige sein, welches durch seine geistige Arbeit, sei es disponierend, sei es kalkulierend, sei es erfinderisch, in den Betrieb durch die Produktionsmittel eingreift und sich daran beteiligt. Zu einem solchen Konsortium, das durch seine ganze geistige Anlage, durch seine geistigen Fähigkeiten verbunden ist mit den Produktionsmitteln eines bestimmten Betriebes, ist in den weitesten Ausmaßen Vertrauen herzustellen von seiten derjenigen, die als Handarbeiter an diesen Produktionsmitteln arbeiten müssen. Gegenüberzustehen haben sich in der Zukunft der Handwerker, der handarbeitende Mensch und derjenige, der nicht den Profit bezieht, der aus den Produktionsmitteln herauswächst, sondern der durch seine geistigen Fähigkeiten, durch seine geistigen Arbeiten, die er hinorientiert hat nach der Art bestimmter Produktionsmittel, einer bestimmten Betriebsart allein berechtigt ist, diesen Betrieb, diese Produktionsmittel zu leiten. Aber nur so lange hat dieser Betriebsleiter Produktionsmittel zu leiten, als er die Leitung rechtfertigen kann durch das Verbundensein, das Zusammengewachsensein seiner Fähigkeiten mit diesen Produktionsmitteln.

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Hier beginnt ein Punkt, wo allerdings diejenigen, die sich nur vorstellen können, daß wenigstens das Wesentliche vom Alten bestehen bleibt, beginnen, verdutzte Gesichter zu machen. Und doch, wenn der Zeitpunkt eintritt, wo irgend jemand, der zusammengewachsen ist durch seine Fähigkeiten mit einer bestimmten Summe von Produktionsmitteln, dieses Zusammengewachsensein nicht mehr aufrecht erhält, dann erwächst dem sozialen Organismus die Verpflichtung, diese Produktionsmittel ohne Kauf überzuleiten an eine andere Person oder Personengruppe. Das heißt nichts Geringeres als, es wird in der Zukunft stattfinden eine Zusammenfügung von — nun, nennen wir es Kapital oder wie wir wollen -, von Kapital und menschlichen Fähigkeiten ohne Kauf. Kapital hat dann nur die Bedeutung dessen, was gebraucht wird, um große Betriebe einzuleiten. Es wird in der Zukunft Kapital entstehen durch einen für einen bestimmten Betrieb fähigen Menschen. Dieses Kapital wird nur entstehen durch das Vertrauen, das andere Menschen zu ihm haben, die ihm dasjenige geben werden, was sie als Mehrarbeit leisten über ihren Bedarf hinaus. Er wird in der Lage sein, gewissermaßen im Auftrage einer ihm vertrauenden Gruppe, das heißt aber der Allgemeinheit des sozialen Organismus, einen solchen Betrieb aufzubauen, der heute nur auf dem Privatkapital und Privatkapitalgenuß aufgebaut werden kann. Dann aber, wenn der Betrieb aufgebaut ist, dann entfällt etwas, wogegen eigentlich heute der Arbeiter in Wirklichkeit kämpft, es entfällt der Besitz der Produktionsmittel. Es stehen sich gegenüber, nachdem der Aufbau der Produktionsmittel vollzogen ist, der Arbeiter durch Vertrag und derjenige, der der technische oder sonstige geistige Leiter des Betriebes ist. Die Produktionsmittel gehören niemand, der Besitz an Produktionsmitteln hört auf. Und in dem Moment, wo nicht mehr durch die besonderen Fähigkeiten des Leiters gerechtfertigt ist das Zusammenwirken des Betriebes mit diesem Leiter, ist der Leiter verpflichtet, die Produktionsmittel an ein anderes Konsortium, an eine andere Personengruppe überzuführen. Unmittelbar oder mittelbar! Dadurch wird für die Zukunft erreicht, was ich nennen muß Zirkulation des Kapitals und Aufhören des Privatbesitzes an Kapital! Das Kapital wird in gesunder Weise dem sozialisierten gesellschaftlichen Organismus einverleibt werden. Es wird zirkulieren in diesem gesellschaftlichen Organismus, wie das Blut im menschlichen oder im tierischen Organismus zirkuliert, wo es auch nicht einseitig in Anspruch genommen werden darf durch ein Organ, sondern durch alle Organe durchzirkulieren muß. Freie Zirkulation des Kapitals! Das ist es, was in Wahrheit für die Zukunft gefordert wird.

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In einem solchen sozialen Organismus, in dem so das Kapital frei zirkuliert, ist auch nur möglich wirkliche Freiheit der Arbeit. Denn so wie das private Kapitaleigentum tatsächlich gegenüber den gesellschaftlichen Funktionen das fünfte Rad am Wagen ist, so ist als Gegenstück des Kapitals die menschliche Arbeitskraft in eine Zwangslage gekommen unter der Herrschaft des Kapitalismus. Was für die Gesundung der menschlichen Gesellschaft notwendig ist, das wird erreicht durch die Zirkulation des Kapitals, das niemand besitzt. Was heute herausbezahlt, herausgeholt wird aus den Produktionsmitteln, was die Leute in den Hypothekenscheinen, in Pfandbriefen oder Obligationen und so weiter ihr Kapital oder ihre Rente nennen, das ist absolut unnötig im wirklichen Prozeß der menschlichen Entwickelung der gesellschaftlichen Ordnung. Das ist herausgenommen aus dieser Gesellschaftsordnung, und das stellt die Menschen, die es herausnehmen, selber aus dieser Gesellschaftsordnung heraus, macht sie mehr oder weniger zu Parasiten und zu denjenigen, welche die großen Kräfte der Unzufriedenheit innerhalb der gesellschaftlichen Organisation erzeugen. Was ich Ihnen hier auseinandergesetzt habe über die Zirkulation des Kapitals, werden manche Leute selbstverständlich alles höchst unpraktisch finden. Das glaube ich. Aber unpraktisch finden, das heißt in diesem Fall nichts anderes als nicht ablassen wollen von dem, was das fünfte Rad am Wagen der Wirtschaftsordnung ist, das heißt sich angewöhnt haben, nur das praktisch zu finden, was sich für einen selbst, für den Egoismus als praktisch erwiesen hat. Der Mensch wird aber für die Zukunft sich hingeben müssen mit seiner ganzen Wesenheit an den gesellschaftlichen Organismus. Da wird es nicht genügen, daß die Leute in den Zimmern sitzen und über Nächstenliebe, über Brüderlichkeit phantasieren und sich so recht gut finden dabei, und dann die Kupons abschneiden, die sie nur deshalb abschneiden können, weil die Leute in den Bergwerken, in den Fabriken in Not und Elend für sie arbeiten, damit sie sich wohltun können bei ihren Predigten von Menschenliebe, von Nächstenliebe und Brüderlichkeit.

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Das so Reden, das so Gutsein, das wird aufhören müssen. Das Einrichten der menschlichen Gesellschaft in solcher Art, daß sie den Forderungen vom Gutsein wirklich entspricht, das ist es, was als ein Ruf jetzt wirksam durch die Welt geht. Was heraufgekommen ist unter dem neueren Kapitalismus, was sich immer mehr und mehr entwickelt hat, was heute gewissermaßen auf dem Höhepunkt seines Bewußtseins, nämlich seines Klassenbewußtseins angekommen ist, das ist die soziale Gruppe von Menschen, die vorläufig als soziale Gruppe im Grunde genommen nur aus der handarbeitenden Bevölkerung, aus dem Proletariat besteht. Was ist zu erfüllen mit Bezug auf diese soziale Gruppe? Nun, diese soziale Gruppe hat in einer gewissen Weise Selbsthilfe geübt, sie hat auch mancherlei für sich erzwungen, was sie abgerungen hat dem kapitalistisch geleiteten Staate, der rein kapitalistischen Wirtschaftsordnung und so weiter. Genossenschaften, Gewerkschaften sind zur Organisierung der sozialen Gruppe - es waren zunächst anarchische Arbeitermassen, nicht der Gesinnung nach, sondern der Gruppierung nach zunächst anarchisch — entstanden. Aber solange wir unter der alten Wirtschaftsordnung standen, haben es diese Organisierungsversuche zu keinem rechten Ziel bringen können. Trotz aller Lobhudelei des Arbeiterschutzes, des Arbeiterversicherungswesens, sogar des internationalen Arbeiterschutzes und so weiter sind alle diese Dinge nicht geeignet gewesen, die sozialen Gruppen, die als proletarische Bevölkerung leben, wirklich sachgemäß zu organisieren. Denn es blieb bei allen diesen Organisationsversuchen etwas zurück, es blieb zurück das gegenüberstehende Kapital und seine Vertreter. Und so bildete sich heraus, was da war, und was heute noch nicht anders ist, der Kampf zwischen der einen Gesellschaftsklasse, den Trägern des Kapitalismus, und der anderen Gesellschaftsklasse, dem Proletariat. Kampf, Konkurrenz, das ist es, was sich herausgebildet hat. Und wozu wir durch diesen Kampf, durch diese Konkurrenz gekommen sind, daß der gewerkschaftlich organisierte Arbeiter seine Lohnerhöhung oder sonst etwas den Vertretern des Kapitals durch die Zusammenschließung abringen muß, das haben wir ja gesehen. In dem, was heute das Proletariat fühlt, spricht sich deutlich aus, wie wenig die bisherige Organisation erfüllen konnte, was als Forderung innerhalb des Proletariats liegt.

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Ich habe in früheren Vorträgen bereits darauf hingewiesen, worin der Hauptpunkt liegt. Man könnte sagen, zwei Hauptpunkte des ganzen Sozialismus liegen in zwei Forderungen, zu denen sich dann wie von selbst, als eine selbstverständliche Konsequenz, eine dritte ergibt. Sie liegen erstens in der Forderung, die heute schon bei Besprechung des Kapitals mitbesprochen worden ist, in der Forderung, daß künftighin das in die Produktionsmittel eingeflossene Kapital nicht mehr Besitz sein dürfte. Kapital wird des Besitzcharakters entkleidet. Zweitens, Arbeit darf in der Zukunft nicht mehr Ware sein, das heißt in der zukünftigen sozialistischen oder sozialen Gesellschaft, im gesunden sozialen Organismus wird das Lohnverhältnis aufhören. Arbeit oder Arbeitskraft darf fernerhin nicht Ware sein. Derjenige, der handarbeitet, produziert als Kompagnon mit dem geistigen Arbeiter in der Weise, wie es schon charakterisiert worden ist. Es besteht kein Arbeitsvertrag, es besteht ein Vertrag lediglich über die Teilung der Leistungen. Das ist dasjenige, was nur erreicht werden kann, wenn der Arbeiter dem Arbeitsleiter als ein völlig freier Mensch gegenübersteht, das heißt wenn er imstande ist, auf einem ganz anderen Boden als dem der Wirtschaftsordnung Maß, Zeit, Art seiner Arbeitskraft festzulegen, wenn er frei verfügen kann über sich als ganzen Menschen, bevor er in ein Vertragsverhältnis eintritt.

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Ich weiß, daß die Zöpfe von heute sich das Gesagte noch nicht vorstellen können als etwas Praktisches. Allein, man hat vor fünfzig Jahren sich manches nicht als praktisch vorstellen können, was in den fünfzig Jahren seither etwas Praktisches geworden ist. Der Arbeiter tritt in das Vertragsverhältnis als ein freier Mensch ein, der sagen kann: Weil ich auf einem von dem Wirtschaftsleben unabhängigen Boden den Charakter meiner Arbeitskraft feststellen kann, trete ich dir jetzt entgegen und arbeite so, wie meine Arbeitskraft geregelt ist, mit dir zusammen. Dasjenige, was wir erzeugen, unterliegt einem Teilungsvertrag mit dir!

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Sehen Sie, deshalb ist es notwendig, daß in der Zukunft losgelöst werde der eigentliche Staat, das eigentliche soziale Rechtsgebiet von dem Wirtschaftsgebiet. Dadurch, daß dies geschieht, wird man imstande sein, alles, was auf demokratischem Boden als Recht reguliert werden kann, auch wirklich unabhängig vom Wirtschaftsleben zu regulieren. Das Wirtschaftsleben selber kann nur aus der Erfahrung und aus den realen Grundlagen dieses Wirtschaftslebens heraus selber organisiert werden. Arbeitskraft aber kann schon organisiert sein, wenn der Arbeiter überhaupt in das Wirtschaftsleben eintritt. Dann, wenn das der Fall ist, dann wird in der Zukunft leben auf der einen Seite das zirkulierende Kapital beziehungsweise die zirkulierenden Produktionsmittel, die so keines Menschen Besitz sind, sondern zur allgemeinen Verwendung in Wirklichkeit da sind, die immer an den Fähigsten kommen können durch die Einrichtungen, die ich eben vorhin dargestellt habe. Dann wird da sein auf der andern Seite die Freiheit des Menschen, nicht nur in bezug auf allerlei ideale Güter, die aber der Handarbeiter heute nicht zu den seinigen rechnen kann, sondern vor allen Dingen mit Bezug auf die menschliche Arbeitskraft. Dann wird das wirtschaftliche Leben entlastet sein des Lohnverhältnisses, denn dann wird es im Wirtschaftsleben nur Güter geben oder meinetwegen nennen wir es Waren. Dann wird in anderer Weise sich gegenüberstehen das, was heute Kapital, Lohn und Markt ist. Dann wird, wie Sie gesehen haben, das Kapital entfallen sein, der Lohn ebenfalls, denn Leistungen werden da sein, welche der Arbeiter mit dem Arbeitsleiter gemeinsam hervorbringt. Der Lohnbegriff hört auf, einen Sinn zu haben.

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Aber auch dasjenige, was heute der Markt ist, wird eine andere Gestalt annehmen. Heute hat der Markt, wenn er auch im Kleinlichen und Kleinen schon vielfach organisiert ist, noch etwas Anarchisches. Der Markt regelt die gegenseitigen Werte der Waren, und das ist das einzige, was an Werten in dem Wirtschaftsleben künftig da sein soll, denn menschliche Arbeitskraft hat einen mit nichts vergleichbaren Wert, darf nicht zu den wirtschaftlichen Werten gezählt werden. Was an wirtschaftlichen Werten da sein wird, werden die vergleichsweisen Werte der Waren sein. Unter den geschilderten Verhältnissen wird möglich sein, daß die Waren solche vergleichsweisen Werte bekommen, welche den Menschen in weitestem Umfange, das heißt allen Menschen, die arbeiten, eine möglichst dem allgemeinen, nicht einem Gruppenwohlstand angemessene Lebenslage geben. Das kann nur dann sein, wenn der Markt aufhört das zu sein, was er heute ist, wenn er durch und durch organisiert wird, wenn aus den umfassendsten wirtschaftlichen Erfahrungen heraus, aus dem Berechnen desjenigen, was die verschiedenen wirtschaftlichen Unterlagen sind, sich ergibt eine Feststellung von Warenwerten, die nicht den anarchischen Verhältnissen von Angebot und Nachfrage unterliegen, sondern die hinorientiert sind auf den durch Erfahrung wohl festgestellten menschlichen Bedarf. Das wird nur erreicht werden können, wenn dieses Wirtschaftsleben, wenn der Markt, oder besser gesagt, die Märkte, verwandelt werden in Assoziationen, in Genossenschaften und so weiter. Dieser genossenschaftliche Aufbau, dieser Aufbau nicht nur etwa auf solchen Genossenschaften, wie sie schon versucht worden sind, sondern die Durchziehung des ganzen Wirtschaftslebens mit genossenschaftlicher Struktur, wird nur dann möglich sein, wenn man aus den Erfahrungen des Wirtschaftslebens heraus sich aneignen wird eine intuitive Erkenntnis der Beziehungen zwischen Produzenten und Konsumenten. In dieser Beziehung gibt es auch Ansätze. Sie können sie kennenlernen in den Bestrebungen zum Beispiel von Sidney Webb, wo in Genossenschaften Großartiges geleistet ist, soweit sich Großartiges leisten läßt innerhalb der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung, die noch außer diesen Genossenschaften besteht. Wird aber die Wirtschaftsordnung überhaupt in der angedeuteten Art umgeändert, dann handelt es sich darum, daß man nicht nach subjektiven Forderungen, sondern nach dem, was die wirtschaftliche Struktur selber ergibt, den genossenschaftlichen Aufbau bewirken muß. Da möchte ich nur, damit Sie sehen, daß die Dinge nicht in der Luft hängen, eine bestimmte Bemerkung machen. Es wird sich selbstverständlich für den, der auf den in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» beschriebenen Assoziationscharakter des Wirtschaftslebens Rücksicht nimmt, die Frage aufwerfen: Wie können wir zum Beispiel Genossenschaften begrenzen? - Wenn man sie willkürlich oder aus irgendwelchen außerhalb des Wirtschaftslebens liegenden Rücksichten wird begrenzen wollen, dann werden sich immer falsche Preisbildungen und im Gefolge davon falsche Beeinflussungen der menschlichen Lebenslage ergeben. Nun gibt es ein ganz bestimmtes Gesetz, welches aus der Wirklichkeit heraus zum Aufbau einer genossenschaftlichen Struktur führen kann. Sie können sich zunächst, wenn Sie die beiden Strömungen des Wirtschaftslebens, die Produktion und die Konsumtion, ins Auge fassen, Konsumgenossenschaften vorstellen, wo diejenigen Menschen sich zusammenschließen, welche in ökonomischer Weise kaufen wollen, so daß sie alles das ausnützen, was für das Kaufen auszunützen ist dadurch, daß sich Konsumenten zusammenschließen.

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Auf der anderen Seite können sich Produzenten zusammenschließen, bis zum Unfug ist das ja gerade innerhalb unserer Wirtschaftsordnung geschehen, da ergeben sich dann die Produktionsgenossenschaften. Nun haben beide Arten von Genossenschaften ganz verschiedene Tendenzen. Wer Konsumgenossenschaften studiert, findet, daß Konsumgenossenschaften alles Interesse daran haben, erstens möglichst billig einzukaufen und zweitens möglichst vieleMenschen in ihren Reihen zu haben. Sie wehren sich niemals gegen die Vergrößerung ihrer Genossenschaft, wenn sie ihr wahres Interesse im Auge haben. Gerade die entgegengesetzte Eigenschaft haben die Produktionsgenossenschaften. Die Teilnehmer werden die Konkurrenz fürchten, wenn sie sich vergrößern, und sie haben doch alles Interesse daran, möglichst teuer zu verkaufen. Das weist Sie darauf hin, daß in der Zukunft das Heil nur bestehen kann in der Zusammenfügung von Menschen mit Konsum- und Produktionsinteressen, in Konsum-Produktions- oder Produktions-Konsumgenossenschaften, wo nicht nur der Konsum die Produktion regeln wird, sondern wo sogar die Größe der Genossenschaft geregelt werden wird, indem der Konsum die Tendenz hat, die Genossenschaft möglichst groß zu machen, also auszudehnen, zu expandieren — die Produktion die Tendenz hat, der Genossenschaft Grenzen zu geben. Da wird aus der Sache selbst, aus der Wirklichkeit heraus das soziale Gebilde geschaffen. Ich könnte Ihnen unzählige Fälle anführen, woraus Sie ersehen würden, daß, wer wirklichkeitsgemäß zu denken imstande ist, wer wirklich praktische Ideen heute im Kopfe haben will, der findet in den Ansätzen, die in der Wirklichkeit schon vorhanden sind, selber die Grundlagen wahrer, echter, den Menschen heilsamer Sozialisierung.

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Alles das aber, was ich Ihnen gesagt habe, setzt voraus die wirkliche Dreigliederung des sozialen Organismus. Kapitalisten im heutigen Sinne, die rein aus dem Wirtschaftsleben heraus entstehen, wird es nicht geben. Geben muß es diejenigen Menschen, welche aus dem freien Geistesleben herauswachsen, wie ich es charakterisiert habe in den vorigen Vorträgen, aus jenem Geistesleben, das nicht lebensfremde, abstrakte Geistesprodukte produzieren wird, sondern das ein Geistesgut entfalten wird, welches allerdings auf der einen Seite zu den höchsten Höhen des Geistes steigt, auf der anderen Seite den Menschen ausbildet zum wirklich praktischen Menschen. Auf allen Stufen des Geisteslebens werden nicht Menschen, die lebensfremd sind, weil sie nur wissen, ausgebildet, sondern Menschen, die denken können, die disponieren können.

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Ein Kreislauf wird stattfinden in den Grenzen, die ich heute bereits angedeutet habe, innerhalb dessen hinüberschicken werden — wie ich es in meinem Buche ausgeführt habe — die Verwaltungen der geistigen Organisationen ihre befähigtsten Leute in das Wirtschaftsleben und das Wirtschaftsleben hinüberschicken wird seine Leute in die geistigen Organisationen, damit sie dort dasjenige, was sie an Erfahrungen im Wirtschaftsleben gewonnen haben, weiter vertiefen oder wohl auch als Lehrer die heranwachsende Jugend unterweisen im Wirtschaftsleben.

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Ein lebendiger Kreislauf, getragen von Menschen selbst, wird stattfinden zwischen den drei Gliedern des sozialen Organismus. Nicht zerfallen wird der dreigliedrige Organismus in drei nebeneinander stehende Gebiete. Der Mensch, der in allen drei Gliedern leben wird, wird die lebendige Einheit werden.

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Der Mensch mit seinen sozialen Interessen und Kräften wird in der Zukunft überhaupt dasjenige bilden, was allem Leben zugrunde liegt. Auf den Menschen wird es viel mehr ankommen als heute, wo der scheinbare Einheitsstaat gerade die Menschheit noch gliedert in Klassen und Stände und die Menschen nicht volle und ganze Menschen sein läßt. Heute glaubt man noch, hat man irgendwo eine Verfassung, nun, dann ist viel gewonnen. In der Zukunft wird man verstehen, daß eine Verfassung nichts ist, wenn die Menschen nicht da sind, die in ihrer eigenen Lebendigkeit die Kräfte tragen, sich gegenseitig zu verfassen, wenn ich so sagen darf. Das ist es, worauf es ankommt, daß man verstehe, was ich neulich schon damit andeutete: Gladstone, der englische Staatsmann, sagte einmal, die vorteilhafteste Verfassung habe der nordamerikanische Freistaat. Ein anderer Engländer, der mir geistreicher zu sein scheint als Gladstone, sagte darauf: Aber diese Nordamerikaner — das war eben seine Ansicht - könnten eine viel, viel schlechtere, sogar eine spottschlechte Verfassung haben, sie sind solche Leute, die aus einer guten und aus einer schlechten Verfassung dasselbe machen werden! Daß wir das Menschliche an die Stelle setzen müssen des vom Menschen Abgesonderten, das ist es, was erreicht werden muß. Aus einem lebendigen Geistesleben werden die lebendigen Leiter der Betriebe hervorgehen. Das Kapital entfällt! Neben solchen lebendigen Leitern wird der freie Arbeiter als ein ganzer Mensch dastehen. Er wird, wenn er die Frage aufwirft: Gibt mir die Gesellschaftsordnung meine Menschenwürde? — mit ja zu antworten wissen. Und ein Markt, der nicht anarchisch, sondern organisiert ist, wird einen gerechten Ausgleich in den Warenwerten hervorzurufen imstande sein. Über alle diese Dinge sind viele Einzelheiten zu sagen. Ich konnte heute nur skizzieren, und Sie könnten viele Fragen stellen. Ich weiß, daß manches aus den heutigen Worten noch nicht voll verstanden werden kann. Nächsten Freitag sollen dann Einzelheiten, Belege und weitere Ausführungen gebracht werden, die Ihnen zeigen werden, daß es sich hier nicht handelt um etwas, was leichtsinnig in die Welt geworfen wird, sondern um etwas, das bringen soll dasjenige, was mit dem Rufe nach Sozialisierung als berechtigt gefordert wird. Was berechtigt gefordert wird, was aber vielleicht von dem berechtigt Fordernden noch nicht in aller Klarheit erkannt wird.

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Was mit dem dreigliedrigen Organismus gegeben wird, das soll nicht sein etwa wie die Beschreibung eines Hauses. Die Beschreibung eines Hauses mag noch so schön sein, man kann einwenden, eine noch so schöne Beschreibung eines Hauses nützt gar nichts, das Haus muß aufgeführt werden. Aber ein Unterschied ist zwischen der schönen Beschreibung eines Hauses und einem Bauplan. Und ein Bauplan will all dasjenige sein, was als Impulse angegeben wird für die Dreiteilung des sozialen Organismus. Mag dasheutenoch so sehr mißverstanden werden, es wird dasjenige sein, was einzig und allein die Menschheit herausführen kann aus dem Chaos und den Wirrnissen, in die sie hineingebracht worden ist. Ich weiß, daß man mich heute noch mißverstehen kann. Manche sagen, es handle sich hier um eine neue Parteibildung. Nicht im entferntesten handelt es sich um eine neue Parteibildung. Um das handelt es sich hier, was aus der Sache der Menschheitsentwickelung heraus selber folgt, was nichts zu tun hat mit irgendeiner Parteibildung.

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Und derjenige, der da glaubt, hineinzuschauen in diese Menschheitsentwickelung, um dasjenige zu erkennen, was die Zeit selber fordert, der setzt sich auch bei solchen, die mißverstehen wollen oder vielleicht in gutem Glauben mißverstehen, dem Mißverständnis aus, daß er persönlich irgend etwas wolle. Denn er weiß, daß das sachlich Erstrebte nicht so leicht einzufügen ist in die Menschheitsentwickelung gegenüber den Vorurteilen und Vorempfindungen der Menschen. Heute aber leben wir in einer Zeit, insbesondere hier in Mitteleuropa, wo wir hinblicken müssen auf das, was die letzten Auswüchse der alten kapitalistischen Konkurrenzarbeit gebracht haben. Und wir in Mitteleuropa erleben besonders schmerzlich die Folgen dessen, was die leitenden Kreise, die bisher leitenden Kreise über die Menschheit gebracht haben. Wir erleben es in Schmerzen und Leiden, wir erleben es in diesen Tagen mit blutender Seele, Wir dürfen sagen, Tage der Prüfung zeigen sich deutlich. In solchen Tagen darf man sich der Hoffnung und dem Glauben hingeben, daß gegenüber den ungewöhnlichen Erlebnissen auch ungewöhnliche Gedanken verstanden werden, daß gegenüber dem großen Leiden auch der große Mut nicht zu kleiner, sondern zu großer Abrechnung gefunden werde.

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Deshalb glaube ich und spreche, was ich zu sagen habe, auch in diesen leidensvollen Tagen aus diesem Glauben heraus: Durch Leiden, Schmerzen und Prüfungen werden wir den Mut, die Kühnheit, das Verständnis finden für einen neuen Aufbau. Der Aufbau muß nicht nur durch Umwandlung alter Einrichtungen, sondern durch die Umwandlung all unseres Denkens, all unserer Empfindungsgewohnheiten, durch Umwandlung unseres ganzen inneren Menschen erfolgen.

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Schlußwort nach der Diskussion

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Meine sehr verehrten Anwesenden! Was der zweite Herr Redner hier erörtert hat, das macht, obwohl ich völlig überzeugt bin, daß er sich gar nicht bewußt ist, wie er eigentlich zu seinen Behauptungen gekommen ist, und obwohl ich ihm nicht im geringsten eine Art guten Willen absprechen will, auf mich den Eindruck, daß er Stück für Stück jedesmal das, was ich gesagt habe, zum Teil um ein Viertel, zum Teil um die Hälfte, manchmal auch ganz herumgedreht und dann gegen seine eigenen Behauptungen polemisiert, mit ihnen diskutiert hat, um zuletzt bei etwas anzukommen, was nicht das geringste mehr mit dem zu tun hat, was Sie heute oder gestern von mir gehört haben. Es kommt ja sehr häufig vor, daß man sich die Möglichkeit der Diskussion durch solche Vorbedingungen schafft, und so möchte ich nur einzelnes weniges aus dieser vielleicht recht unbewußten Diskussionspraxis heraus besprechen. Zum Beispiel tanzt der Herr Vorredner wiederholt auf der Meinung herum, ich hätte vertreten die Tyrannis oder die Vorherrschaft der geistig Begabten. Wodurch macht er bemerklich, daß nach dem, was ich auseinandergesetzt habe, eine Folge sein könnte, daß die geistig Begabten herrschen sollten? Nun weiß ich nicht, ob der Herr Redner auch das gehört hat, was ich neulich hier gesprochen habe, oder ob er weiß, was in meinem Buche steht. Er würde sonst wissen, daß es sich bei alledem, was den Impulsen, von denen ich rede, zugrunde liegt, darum handelt, daß alle menschlichen Begabungen an ihre entsprechende soziale Stelle hinkommen. Es handelt sich gerade um die Gliederung eines solchen sozialen Organismus, der nicht irgendeiner Begabung den Vorrang gibt, sondern der es möglich macht, daß eine jede Begabung an den ihr angemessenen Platz kommt. Das kann durch nichts anderes erreicht werden, als wenn die durch und durch verschiedenen Begabungen da ausgelesen und entwickelt werden, wo man sich auf Begabungen versteht, wo Begabungen in der richtigen Weise verwaltet werden können. Der geistige Organismus wird seine Hauptaufgabe darin sehen müssen, Begabungen zu entwickeln. Lesen Sie aufmerksam mein Buch. Hören Sie nicht ein Eigenschaftswort zu dem hinzu, was ich sage, sondern nehmen Sie die Dinge so, wie ich sie wirklich sage, dann werden Sie sehen, daß auf dem Boden des Geisteslebens nicht nur die geistigen Begabungen entwickelt werden, sondern alle Begabungen bis in die körperlichsten Begabungen herunter. Der geistige Organismus ist nicht dazu da, um eine geistige Aristokratie zu schaffen, sondern um sämtliche Begabungen wirklich zu entwickeln. Abgesehen davon, daß ich das letztemal aufmerksam gemacht habe darauf, daß eine geistige Begabung gar nicht in Wirklichkeit bestehen kann, ohne zu gleicher Zeit die Möglichkeit zu bieten, wenn es nötig ist, eine manuelle Begabung zu entwickeln. Kurz, der Redner hat sich nicht die geringste Mühe gegeben, aus den bisherigen Denkgewohnheiten herauszukommen und wirklich sich aufzuraffen zu dem Willen, umzudenken, sondern er hat nach dem, was bisher üblich war, etwas kritisiert, was bewußt herausstrebt aus dem, was bisher üblich war. Das aber erscheint mir als dasjenige, was vor allen Dingen überwunden werden muß. Die Menschen, welche sich nicht, wenn sie auch guten Willen haben, die Mühe geben, sich hineinzufinden in dasjenige, was der andere sagt und will, das sind gerade diejenigen, die uns in die heutige Lage hineingeführt haben. Und so schmerzlich es mir ist, muß ich doch sagen: Ich kann in dem Herrn Vorredner nur einen derjenigen Menschen sehen, die uns nicht hinauskommen lassen wollen aus der Wirrnis. Vor der großen Weltkatastrophe konnte man meinetwillen solche Menschen verstehen, denn dazumal waren nicht die große Prüfung und die großen Fragen an die Menschheit herangekommen. Heute aber sollten wir wahrlich nicht durch unsere Denkeigensinnigkeit den Gang der Entwickelung aufhalten wollen. Das ist dasjenige, was mich so ängstlich macht, wenn die Menschen mit allen möglichen alten Schablonenbegriffen aufwarten und sogar graulich machen wollen, indem sie sagen, der andere sei Gedankenanarchist oder so ähnlich, ich habe das Eigenschaftswort nicht verstanden. Das sind Dinge, die graulich machen können. Dem muß man gegenüberhalten, was aus dem Gesagten wirklich hervorgehen kann. Nach der Einbildung geht das aus der Dreigliederung hervor, was der Redner gesagt hat, aber lesen Sie mein Buch, und Sie werden sehen, daß da alle möglichen Vorkehrungen, wenn ich so sagen darf, getroffen sind, damit eben dasjenige, was hier scheinbar hervorgehen soll, gar nicht hervorgehen kann.

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Zum Beispiel hat der Herr Redner behauptet, es treten die gegenteiligen Interessen der Berufe auf. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Aber gerade durch die Abtrennung des Geisteslebens, durch die Abtrennung des Rechtslebens wird das aufgehoben. Ich habe Sie heute lange damit aufgehalten, Ihnen in einer Art Einleitung zu sagen: Wenn der Sozialismus verwirklicht wird und er läßt alles dasjenige drinnen im sozialen Organismus, was das bewirkt, was ich geschildert habe, dann tritt das ein. Gewiß, in dem sozialen Organismus, den der Herr Redner sich vorstellt, würde das drinnen sein. In der Dreigliederung wird eben gerade das, was er in die Wirtschaftsordnung hineinstellen will, aus der Wirtschaftsordnung herausgenommen. Es kam mir der Herr Redner vor, wenn er auch sich zum Rätesystem bekennt, als Vertreter jener hofrätlichen Denkweise, welche nicht aus dem Volksrätesystem, aber aus dem Hofratssystem mir einmal einen ähnlichen Einwand gemacht hat.

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Die Sache hat auch nicht die außenpolitische Seite, die der Herr Redner hingemalt hat, sondern eine ganz andere. Die einzige Heilung für unsere außenpolitischen Zustände, die uns in diese Katastrophe hineingeführt haben, hat sich bei Besprechung der außenpolitischen Dinge - ich kann natürlich nicht in einem Vortrag alles besprechen — zeigen sollen. Was wir vor allen Dingen hinwegschaffen durch den dreigegliederten sozialen Organismus, selbst wenn er nur von einem Staate und nicht in Nachbarstaaten, die noch die alte kapitalistische Ordnung behalten, durchgeführt wird, ist das bisherige Interessenspiel.

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Es ist ja gerade das eigentümliche, daß die Dreigliederung jeder Staat für sich durchführen kann, ganz gleichgültig, ob die anderen beim alten bleiben, und daß zum Beispiel durch jenes Spiel der Interessen, das ganz anders sein wird als das bisherige, wenn die wirtschaftlichen Interessen allein für sich als Wirtschaftsinteressen auch über die Grenzen hinüberwirken, daß dann diejenigen Konfliktstoffe beseitigt werden, welche zu den Kriegen geführt haben, die man technisch die Rohstoffkriege nennt. Der Hofrat nun, der diesen Einwand machte, hat mir gesagt: Ja, bisher war ein großer Teil der Kriege Rohstoffkriege, wenn Ihr System verwirklicht wird, dann gibt es ja keine Rohstoffkriege mehr, also widerspricht Ihr System der Wirklichkeit. — Ich mußte ihm sagen: Wenn Sie das zur Bestätigung gesagt hätten, verstände ich es; daß Sie es zur Widerlegung sagen, das ist eigentümlich. So muß ich sagen: Die einzige Hilfe gegenüber jener Stimmung, welche auf der Seite der Entente vorhanden ist, besteht darin, daß wir diese Stimmung, diese Mißgunst in drei Glieder zerfällen. Das ist dasjenige, was auf diesem Gebiete für die augenblickliche Außenpolitik diese Dreigliederung bringen würde. Ich würde dem Herrn Redner empfehlen, gerade von einem weiteren als dem Hofratsstandpunkte heraus die aus der Dreigliederung folgende Außenpolitik zu studieren, er würde sich dann ersparen können die gänzlich unnütze Definition, ob der dreigliedrige Organismus anarchistisch ist oder dergleichen. Er würde einsehen können, wie wahr dasjenige ist, was ich eben nur durch einen Vergleich aussprechen kann, ich habe es hier schon angedeutet, die Einheitsschwärmer, die gleichen eben Menschen, denen man sagen muß: Eine ländliche Familie besteht-aus Mann, Frau, Kindern, Knecht und Magd und drei Kühen, sie alle’brauchen Milch. Müssen sie deshalb alle Milch geben? Nein, es brauchen nur die drei Kühe Milch zu geben, dann werden alle Milch haben. So ist es notwendig, daß der gesamte Organismus in der richtigen Weise gegliedert wird; dann werden die Glieder auch in der richtigen Weise zur Einheit zusammenwirken, und das, was auf dem einen Boden entsteht, wird auch in der richtigen Weise auf die anderen Glieder wirken können.

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Weil der Vorredner solches nicht beachtet, müßte er die Begabung durch das allgemeine Wahlrecht entscheiden. Nun, man kann die Besetzung von Stellen, man kann alles mögliche durch das allgemeine Wahlrecht entscheiden. Wie Sie aber die Begabungen durch das allgemeine Wahlrecht verwalten wollen, das bitte ich Sie nur einmal gründlich durchzudenken, und Sie werden sehen, wenn ich der Methode des Herrn Vorredners nachgehen und Ihnen die Konsequenzen ausmalen würde - aber diese Methode erkenne ich nur als eine sophistische Methode an, deshalb gehe ich nicht weiter darauf ein -, aber wenn ich Ihnen die Konsequenzen zeichnen würde, dann würden Sie sehen, was dabei herauskäme. Bei einer Demokratisierung der Begabung würden Sie vielleicht nicht sagen Gedankenanarchismus, aber irgend etwas anderes.

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Ähnliche Dinge sind noch viel vorgebracht worden. Besonders überrascht war ich, den Ausdruck «Geistkapitalismus» zu hören. Was man sich darunter vorstellen soll, das weiß ich nicht, insbesondere weiß ich nicht, wie er gebraucht werden mag nach einem Vortrag, in dem über die Zirkulation des Kapitals in der Weise gesprochen worden ist, wie ich gesprochen habe. Geistige Besitzer - ja, sehr verehrte Anwesende, man versuche doch nur einmal, mit Realitäten zu denken! Stellen Sie sich den sozialen Organismus — der Redner hat ihn ja nicht geschildert, wie er ihn sich vorstellt — vor nach den wenigen Andeutungen, die der Redner gemacht hat. Dann werden Sie doch wohl sagen müssen: Was ist denn das eigentlich, wenn, sagen wir, durch irgendeine sozialistische Ordnung geistige Arbeiter eben arbeiten neben dem Handarbeiter? Ich weiß nicht, was das für ein Unterschied sein soll gegenüber dem, was auch in meinem Wirtschaftsorganismus da sein muß, daß der geistige Arbeiter arbeitet neben dem Handarbeiter. Ich habe ausdrücklich erklärt: Der Besitz hört auf in dem Moment, wo das Kapital realisiert ist, das heißt das Produktionsmittel da ist. Wie man dann von geistigen Besitzern sprechen kann, das ist mir ganz und gar unerfindlich. Aus einzelnen besonderen Erfahrungen, die der verehrte Redner angeführt hat, kann man selbstverständlich alles mögliche, was man nur will, herleiten. Von der Verkümmerung des Seelenlebens und dergleichen kann man selbstverständlich sehr viel herleiten. Das fand ich nicht sehr geschmackvoll, womit der Herr Redner geschlossen hat, daß er sich darauf bezog, er überläßt mir das Bürgertum, damit dann ihm um so besser das Proletariat gesichert sei. Nun, auf solche Dinge braucht man sich ja nicht weiter einzulassen, denn ob man das nun schließlich als agitatorische Phrase ansieht oder nicht, das ist durchaus Geschmackssache,

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Aber was da gesagt worden ist in bezug auf das Vertrauen und in bezug auf den Glauben an das Vertrauen — ja sehen Sie, dazu muß ich schon sagen, es handelt sich heute wahrhaftig nicht darum, das Verhältnis, das man kennengelernt hat aus den alten Zuständen heraus, zu kritisieren, sondern heute handelt es sich darum, neue Zustände zu begründen. Wenn mir heute einer und der zweite und der hundertste und der tausendste erzählen würde, er glaube nicht daran, daß Vertrauen da sei, sondern er hat in soundso vielen Fällen mit Mißtrauen kämpfen müssen, dann sage ich ihm: Besser wird nichts, wenn wir uns nicht bemühen, dieses Vertrauen herzustellen, denn wir müssen heute mit dem Vertrauen arbeiten. Alle anderen Fäden, mit denen man bisher die Massen herangezogen hat, die versagen. Die Fäden der Zukunft können nur die des Vertrauens sein. Würde Mißtrauen morgen und übermorgen noch Platz greifen können, so müßten wir eben auf das, was auf morgen und übermorgen folgt, warten, denn wenn Gutes kommen soll, kann es nur aus dem Vertrauen heraus kommen. Das Vertrauen, das ich meine und an dem wir arbeiten müssen, dieses Vertrauen wird aus den Seelen hervorgehen müssen. Dieses Vertrauen muß eben erzeugt werden, es ist sogar heute wichtiger als alles andere. Dann, wenn dieses Vertrauen erzeugt wird, das ich meine, dann gibt es das rechte Verhältnis zwischen den Handarbeitenden an den Produktionsmitteln und den geistig Arbeitenden. Dann macht dieses Vertrauen unmöglich, was der Redner als ein Schreckbild an die Wand gemalt hat.

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Das ist gerade das, was heute in dieser sozial aufgewühlten Zeit so furchtbar fehlt, der Wille, aufzubauen auf Vertrauen. Oh, dieses Vertrauen, es wird vorhanden sein, je mehr und mehr Prüfungen über die Menschen kommen, und ich würde verzweifeln müssen an der Menschheit, wenigstens an dem Neuaufbau gesunder Verhältnisse, wenn ich nicht mehr glauben könnte, daß ein Mensch den Weg zum anderen Menschen durch Vertrauen wird finden können. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, sozialisieren Sie soviel Sie wollen, reden Sie von Sozialisierung soviel Sie wollen, eines wird dieser Sozialisierung zugrunde liegen müssen: die Sozialisierung der Seelen. Wer nicht sucht den Weg zur Sozialisierung der Seelen, der mag außen sozialisieren, soviel er will, er wird die Menschen in anarchistischere Zustände hineinführen als dasjenige ist, was der Vorredner als eine Art von Anarchismus hat hinstellen wollen. Und nicht anders heißt der Seelensozialismus als Vertrauen. Aber an diesem Vertrauen muß eben gearbeitet werden. Und heute, ist dieses Vertrauen nicht ein wenig erschüttert? Meine sehr verehrten Anwesenden, ich bin mit dem, was soziale Bewegung des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts ist, seit langem verknüpft. Ich habe gearbeitet darin; ich weiß es. Was der verehrte Vorredner gesprochen hat, man hat es immer wieder und wieder aussprechen hören können gegen dasjenige, was ich heute gesagt habe. Abgesehen von der Dreigliederung, sind dieselben Einwände, die der Herr Vorredner mir heute gemacht hat, von anderen schon gemacht worden um 1898, 1899. Das aber ist das Notwendigste, daß wir hinauskommen über die alten Gedanken, daß wir umlernen können, daß wir nicht beim alten stehenbleiben. So schmerzlich es mir auszusprechen ist, ich glaube, daß diejenigen uns am meisten zurückhalten, die sich nicht überwinden können, aus ihren alten Vorurteilen herauszukommen. Und die Herren, welche die Methode anwenden, die Sätze erst halb oder ganz umzudrehen, um dann gegen ihr Eigenes zu polemisieren, haben immer leichtes Spiel, weil selbstverständlich nach dem einmaligen Anhören eines Vortrages nicht alle verstehen werden, wie die Sachen gemeint sind, wie sie, wenn sie sich in die Wirklichkeit hineinstellen, aufgefaßt werden müssen. Denn gerade dasjenige, was nicht Theorien, nicht bloß gutem Willen entspricht, sondern das herausstammt aus einer gewissenhaften, der Verantwortlichkeit bewußten Lebenserfahrung, Lebensbeobachtung, gerade das kann nicht in einer Stunde erschöpft werden, sondern dafür können nur Anregungen gegeben werden. Aber diese Anregungen, von ihnen habe ich seit der Zeit, und es ist ja schon ziemlich lange her, seit ich von der Dreigliederung spreche, immer wiederum gesagt: Mag sein, daß die Einzelheiten bei ihrer Verwirklichung ganz anders sich ausnehmen werden als das, was ich selbst beispielsweise über diese Einzelheiten sage. Mir kommt es darauf an, daß der Bauplan der Wirklichkeit entnommen ist und sich in die Wirklichkeit hineinleben kann, daß er wirklichkeitsgemäß ist. Und deshalb, weil ich glaube, daß nicht subjektiver menschlicher

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Wille es ist, der sich einbildet, diese Impulse realisieren zu müssen, sondern weil die Beobachtung der Entwickelungskräfte der Menschheit in der Gegenwart und Zukunft selber dazu führt, deshalb glaube ich, es wird sich Verständnis dafür finden. Und ich hoffe, das muß ich noch einmal sagen, aus unserer schwergeprüften Zeitund aus unserer schmerzlichen Lage werden wir für manches noch Verständnis finden, wofür Verständnis zu finden wir uns vielleicht heute noch gar nicht vorstellen können.

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Cite: GA 330/1919-05-13 · edition original