XVIII. Die Geisteswissenschaft und die Geistigen Ziele Unserer Zeit

GA 69e/1913-12-01 · 1913-12-01 · original · 53 passages · 8823 words
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## GA 69e — 1 December 1913, Basel

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Seit einer Reihe von Jahren durfte ich fast in jedem Winter hier sprechen über das eine oder andere Thema aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft, wie sie in den Betrachtungen des heutigen Abends wiederum gemeint ist. Und gerade bei Anlass meiner letzten Vorträge, die ich hier halten durfte, gestattete ich mir, die Bemerkung zu machen, dass, wenn man heute in unserer Gegenwart in dem Sinne, wie er hier gemeint ist, über Geisteswissenschaft spricht, dass man dann keineswegs über irgendetwas in unserer Zeitin weiteren Kreisen Bekanntes oder gar Beliebtes spricht; dass man im Gegenteil mit dieser Geisteswissenschaft über etwas zu sprechen hat, das im weitesten Kreise verkannt und vor allen Dingen missverstanden wird. Ja, gegen Missverständnisse über Missverständnisse hat diese Geisteswissenschaft zu kämpfen. Der eine ist der Meinung, wenn er sich durch irgendwelche Nachrichten aus zweiter, dritter, manchmal auch siebenter Hand oder achter Hand über die Dinge dieser Geisteswissenschaft unterrichtet, dass sie vor allen Dingen so etwas ist wie eine neu in die Welt hereintretende Sekte oder irgendein neuer Versuch, eine Religionsgemeinschaft zu begründen oder dergleichen. Der andere kommt zu der Meinung, dass diese Geisteswissenschaft Phantastik und 'Träumerei zu ihren Quellen habe. Dass sie vor allen Dingen im eminentesten Sinne widerspreche dem, was heute als Weltanschauung sich festlegen will, wie man so sagt, echter, wahrer Wissenschaft.

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Vielleicht darf ich gerade gelegentlich dieses Vortrages zum Schlusse mit einigen Worten auf uns gerade jetzt hier naheliegende Missverständnisse eingehen und darf zunächst den größeren Teil des Vortrages unserem Thema widmen und über dasjenige, aus dessen Gebiet ich manche Einzelheiten hier schon zur Erörterung bringen durfte, heute im Allgemeinen sprechen, um dann einige besondere Fragen im Vortrag am 27. Januar künftigen Jahres zu berücksichtigen.

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Vor allen Dingen will sich Geisteswissenschaft, so darf gesagt werden, hineinstellen in das geistige Leben der Gegenwart gerade so, wie dieses geistige Leben der Gegenwart sich entwickelt hat aus der naturwissenschaftlichen Denkweise, die seit drei bis vier Jahrhunderten das Geistesleben der Menschheit ergriffen hat. Und man darf sagen, das Missverständnis sei das bedenklichste, das davon ausgeht, dass diese Geistesforschung irgendwie in einen Gegensatz kommen könne gegen die berechtigten Ansprüche wahrer Wissenschaftlichkeit der naturwissenschaftlichen Forschung. Gerade diese Geisteswissenschaft wird von ihren Gesichtspunkten aus bewundern und im vollsten Sinne anerkennen - und muss es ja tun, da sie sich auf den Boden wahrer, echter Menschheitsund Zeitbetrachtung stellen will. - Sie wird bewundern und anerkennen da, wo es berechtigt ist, die großen naturwissenschaftlichen Errungenschaften unseres Zeitalters, wird anerkennen, was Naturwissenschaft geleistet hat für die Umgestaltung unseres gesamten Kulturlebens, wird anerkennen, wie es naturwissenschaftliche Denkungsart ist, was auf Schritt und Tritt heute wirkt und lebt in unsern Kulturgütern und was insbesondere im Lauf des neunzehnten Jahrhunderts alle äußeren Gebiete des übrigen Lebens geradezu umgestaltet hat.

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Inwiefern nun diese Geisteswissenschaft auf der einen Seite voll in der naturwissenschaftlichen Entwicklungsreihe drinnensteht, auf der andern Seite aber doch über deren Endfolgerungen hinausgehen muss, gerade weil sie die letzten und echtesten Konsequenzen zieht über das, was man heute oftmals naturwissenschaftliches Denken nennt, das möchte ich zunächst durch eine Art von Vergleich darlegen, durch den wir uns einfach verständigen wollen, durch den wir aber nichts Besonderes beweisen wollen über das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat.

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Nicht will ich [davon] sprechen - denn das würde heißen, nach einem alten, trivial gewordenen Sprichwort, Eulen nach Athen tragen -, was Naturwissenschaft Anerkennenswertes geleistet hat in Bezug auf die kommerziellen und industriellen Anlagen des Kulturlebens der Gegenwart; von dem möchte ich sprechen einleitungsweise, was naturwissenschaftliches Denken geleistet hat. Außer alldem, dass sie eingeflossen ist in die verschiedenen Kulturgebiete, hat sie eine gewisse Erziehung des ganzen menschlichen Denkens geleistet, hat sie die Art der Denkgewohnheiten, des Vorstellungslebens und die Erkenntnisbedürfnisse der menschlichen Seele in einem viel höheren Maße umgestaltet, als man sich gewöhnlich Rechenschaft gibt. Denn diese Umgestaltung hat nicht nur diejenigen ergriffen, die unmittelbar durch ihren Beruf, ihre Neigung oder ihr Interesse an die Naturwissenschaft herangezogen worden sind, sondern alle Seelen; man denkt eben heute einfach anders, als man vor fünf, sechs Jahrhunderten gedacht hat. Man ist gewöhnt, über das, was man nennen könnte das Walten eines Sinnes des Daseins, ganz andere Begriffe zu bewahren, als man in früheren Jahrhunderten getan hatte.

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Das ist nicht etwas, was durch Willkür hervorgerufen ist; es beruht vielmehr auf jener inneren Notwendigkeit, die sich in der Geschichte der Menschheit so vollziehen musste, wie das menschliche Leben anders sein muss bei einem Greis von sechzig Jahren als bei einem Manne von dreißig Jahren. Diese Dinge entsprechen geschichtlichen Lebensgesetzen, und derjenige, der sie wegleugnen will, der muss die innere Wahrheit der Dinge wegleugnen. Diejenigen Menschen, die heute noch nicht ergriffen sind von diesem Anderswerden des Denkens, die werden - das kann derjenige, der die Einsicht gewinnen will, in entsprechender Weise ganz gewiss gewinnen -, diese Menschen werden, man darf den Ausdruck gebrauchen, in schweren Zeiten, in sehr bald über uns hereinbrechender Zukunft davon ergriffen werden. So hat umgestaltet, wenn wir so sagen dürfen, eine jahrhundertelange naturwissenschaftliche Erziehung das Innerste in den menschlichen Denk- und Empfindungsgewohnheiten. So dürfen wir sagen.

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Wie stellt sich nun dasjenige, was sich als Geisteswissenschaft heute in die Kulturentwicklung hineinprägen will, zu dieser Umgestaltung des menschlichen Denkens im Laufe der letzten vier Jahrhunderte? Das möchte ich durch einen Vergleich zu Ihrer Anschauung und damit zum Verständnis bringen. Blicken wir auf den Landmann, der die Früchte einerntet, wenn sie reif sind. Der größte Teil der Ernte wird dazu verwendet, um als menschliche Nahrungsmittel verwendet zu werden. Ein Teil aber muss, wenn das Leben fortgehen soll, dazu verwendet werden, wiederum als Same ausgestreut zu werden, damit im nächsten Jahr wiederum eine Ernte reifen kann.

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Mit diesem Vorgang im Naturleben können wir vergleichen dasjenige, was in den letzten Jahrhunderten durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse erreicht worden ist. Der größte Teil davon muss verwendet werden, um in der Breite das menschliche Kulturleben dahin fließen zu lassen; in die wichtigen industriellen Errungenschaften, in das kommerzielle Leben, an das äußere soziale Zusammenleben, in die einzelnen Wissenschaften wird da eingearbeitet; und die einzelnen Zweige dieser Kultur blühen dadurch, dass in sie alle die naturwissenschaftliche Denkungsweise hineinfließt. Dieser Teil des menschlichen Denkens lässt sich vergleichen mit dem Teil des Samens, welcher zur menschlichen Nahrung verwendet wird.

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Aber ein Teil - und gewiss nicht der Teil, der am wenigsten wert ist - von Gedanken, die erst im letzten Jahrhundert sich in die menschliche Seele gesenkt haben, ein Teil dieser inneren Errungenschaften, von dem, was wir erfahren haben über die Geheimnisse des Weltendaseins gerade durch die Naturwissenschaften, kann so verwendet werden wie der Same, der in den Acker übergeht, auf dass er neue Früchte zeitigt. Das ist der Teil, den wir zu dem verwenden, was mit dem Ausdruck Meditation, Konzentration des Denkens belegt wird. Wir können diesen Teil der naturwissenschaftlichen Gedanken und Vorstellungen innerlich mit der Seele verarbeiten, sodass wir sie in unserer Seele wirken lassen, dass wir sie da drinnen gleichsam keimen lassen. Unter dem Einfluss dieser Gedanken, denen wir uns meditierend hingeben, die wir in allerinnerster, intimer Seelenarbeit üben, können wir gerade diese naturwissenschaftlichen Ideen so auf unsere Seele wirken lassen, dass sie darinnen arbeiten, wirken, weben, hervorholen Empfindungen und Gefühle, dass sie dieses Seelenleben so innerlich üben, dass dieses Seelenleben nicht nur das heute so beliebte Wort «Entwicklung» ausspricht, sondern selber in Entwicklung kommt. Gerade die naturwissenschaftliche Denkweise, wenn sie meditativ verarbeitet wird, gestaltet unsere Seele um, macht unsere Seele zu etwas anderem. Und gleich wird es sich ergeben, wie von diesem Gesichtspunkte aus Geisteswissenschaft die richtige Fortsetzung ist der naturwissenschaftlichen Denkweise. Aber in Bezug auf diese Geisteswissenschaft werden, wenn solche Betrachtungen angestellt werden, wie das heute der Fall sein soll, nur Anregungen, nur Mitteilungen über die Forschungsweise gegeben werden können, durch die der Geistesforscher selber sich der Versenkung hingeben kann, die Mittel, durch deren Wirkung jeder überzeugt werden kann.

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Daher möchte ich zunächst auf einige Ergebnisse der Geisteswissenschaft aufmerksam machen und dann zeigen, wie der Geistesforscher zu diesen Ergebnissen kommt. Diese Ergebnisse stellen sich zunächst so hinein in das, was heute der Mensch glaubt und vermeint, als Wahrheit zu besitzen, dass sie ganz paradox aussehen, dass sie wie etwas Phantastisches, für manchen wie ein Hirngespinst aussehen. Gerade der Geistesforscher weiß, wie fremd mancher Seele der Gegenwart diese Ergebnisse sein müssen, und er wundert sich am wenigsten darüber, wenn der, der ihm Freund sein wollte, so fortgeht von ihm, dass er den Eindruck mitnimmt, es sei von einem Fanatiker geredet worden. Jedes, auch das feindliche Gegenübertreten, ist dem Geistesforscher selber voll verständlich, denn er weiß, woher diese Gegnerschaften kommen können.

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Das vor allen Dingen ist etwas Eigenartiges in der Geistesforschung, dass sie in einer auf wissenschaftlicher Denkweise beruhenden Art die menschliche Seele in Zusammenhang zu bringen sucht mit ihrem geistigen Urquell, dass sie zeigt, dass dasjenige, was der Mensch als das Tiefste, Innerste in seiner Seele trägt, ein Geistiges ist, ein geistiger Kern ist; und dass dieser geistige Kern zusammenhängt mit einem umfassenden geistigen Leben der Welt, die hinter dem Sinnenleben ist, und dass sie auch mit den gewöhnlichen menschlichen Sinnen und dem Verstand, der sich an diese menschlichen Sinne bindet, nicht wahrgenommen, nicht erkannt werden kann. Nur tritt bei dieser Forschungsweise sogleich ein gewaltiger Unterschied zwischen der Geisteswissenschaft und aller andern Wissenschaft zutage. Jede andere Wissenschaft arbeitet mit ganz denselben Mitteln des Denkens, des Anschauens, die dem Menschen sonst im Alltagsleben eigen sind. So, wie der Mensch einmal ist, so, wie er sich nach normaler Weise entwickelt von der Kindheit bis zum späteren Alter, wie er ein gewisses Erkenntnisvermögen entwickelt, so tritt er auch vor die wissenschaftlichen Forschungsobjekte der Gegenwart. Und dasjenige, was alles ein solcher normaler Mensch zu sagen hat, das bildet den Inhalt der Wissenschaften über die verschiedenen Gebiete des Lebens.

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Ganz anders ist das in der Geistesforschung. Sie macht mit der Entwicklung Ernst. Sie steht durchaus auf dem Boden, dass mit den Erkenntniskräften, mit den Seelenvermögen, die den Menschen zunächst im alltäglichen Leben eigen sind, diese Grenzen nicht überschritten werden können, welche das Sinnliche vom Übersinnlichen, das Materielle von dem Spirituellen absondern; aber sie steht auf dem Boden, dass des Menschen Erkenntniskräfte, des Menschen Seelenkräfte entwickelt werden können. Sie macht eben Ernst mit dem Wort «Entwicklung». Und von intimen inneren Vorgängen und Verrichtungen der Seele werden wir heute zu sprechen haben, durch welche die Seele sich über sich selber hinaushebt, in die Lage kommt, Erkenntniskräfte zu entwickeln, die nicht diejenigen des gewöhnlichen Lebens sind, sondern die innerhalb dieser Seele hinführen zu dem, was in der Seele hinausleuchtet über Geburt und Tod, oder, sagen wir, über Empfängnis und Tod, was in der Seele angesprochen werden kann als der wahre, unsterbliche, geistige Wesenskern des Menschen.

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So hat es gewissermaßen Geistesforschung nicht so bequem wie die andern Forschungen; sie kann nicht den Menschen hinnehmen, wie er ist, sondern sie muss unbequeme Anforderungen an ihn stellen. Wenn du Geistesforscher werden willst, so musst du deine Seele umwandeln, sodass sie gleichsam über den gewöhnlichen Stand durch eigene Betätigung hinaus gelenkt wird und mit Kräften forscht, die nicht im alltäglichen Leben vorhanden sind. - So spricht die Geistesforschung. Diese Kräfte erst führen hinein in die Gebiete der geistigen Welt und zu ihren Wesenheiten.

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Dann aber, wenn also die Seele hinausgeführt wird, sodass sie über sich als Seele den ureigenen Wesenskern erfasst, dann kommt sie zunächst zu einer Wahrheit, die im echtesten Sinn des Wortes die Fortsetzung der Erkenntnisse der Naturwissenschaft darstellt, die aber heute noch überall, wo man sich nicht genauer mit ihr befasst hat, als Phantasie angeschaut wird, man kommt zur Wahrheit von den wiederholten Erdenleben, jener Wahrheit, welche mit kurzen Worten so auszudrücken ist, dass gesagt wird: Was wir erleben und erarbeiten in diesem Leben zwischen Geburt und Tod, das erleben und erarbeiten wir nicht bloß einmal. So, wie wir unser Leben erblicken, wenn wir zurückschauen in die Kindheit, so weit wir können, und so, wie wir unser Leben erhoffen in Beziehung auf den Rest des Lebens vor dem Tode, so leben wir nicht nur einmal. Wir gehen durch die Pforte des Todes durch, wir durchleben in einer rein geistigen Welt, die nur mit dem Geiste erschaut werden kann, ein Leben zwischen Tod und neuer Geburt und treten dann mit den Früchten dieses Lebens, auch mit denen, die wir zwischen Tod und neuer Geburt sammeln, in ein neues Erdenleben hinein, zu dem wir in der Zukunft gerade so hinblicken können, wie wir in die Vergangenheit zurückblicken können auf die bereits verflossenen Erdenleben des einzelnen Menschen. So blicken wir immer fortlaufend in Erdenleben - zwischen Geburt und Tod verlaufend - und in Leben, die zwischen Tod und neuer Geburt verlaufen in einer rein geistigen Welt. So, wie wir diese Wahrheit hinstellen in das heutige Geistesleben, so erscheint sie ganz selbstverständlich den allermeisten Menschen phantastisch. Aber so phantastisch haben alle neuen Wahrheiten der Welt, wie sie aufgetreten sind, geschienen. Das wird immer das Schicksal der neuen Wahrheiten [sein], dass sie zunächst wie Phantastereien erscheinen, dann werden sie etwas, was man gar nicht mehr als anders ansehen kann; sie werden dann zu Selbstverständlichkeiten. Dann, wenn der Mensch sich so erblickt wie in einem ausgedehnten Gedächtnis, dann kann er auch erforschen die Zusammenhänge dieses geistig-seelischen Wesenskernes, der von Leben zu Leben geht, mit den geistigen Welten, durch welche das Göttlich-Geistige, das dieses Leben durchwebt und durchlebt, allerdings auch durchgeht. Aber aus dem, was der Geistesforscher so in seinem Innern voll belebt, aus dem quillt für den Menschen dasjenige, was er immer mehr und mehr gerade in der Gegenwart und namentlich in der Zukunft für die Kulturentwicklung unserer Erde braucht.

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So habe ich einige Wahrheiten dieser Geistesforschung hingestellt. Nunmehr wird es mir obliegen, zu zeigen, wie der Geistesforscher zu diesen Wahrheiten kommt, das heißt, wie die geistige Welt untersucht und erforscht wird. Man darf nicht glauben, dass diese geistige Welt mit jenen Sinnen untersucht werden kann, welche wir an der Sinnenwelt anwenden können. Sie ist gerade dadurch eine geistige Welt, dass sie mit den Sinnen nicht erschaut werden kann. Das ist notwendig zur Erforschung dieser geistigen Welt, dass der Mensch selber sich zum Werkzeug der Erforschung macht. Alle andern Wissenschaften haben ihre äußeren Werkzeuge. Die Geistesforschung hat als einziges Werkzeug - allerdings das wunderbarste Werkzeug, das wir auf Erden treffen können - nämlich den menschlichen Organismus selber. Aber dieser Organismus muss in gewisser Weise umgewandelt werden, wenn er, um ein Wort Goethes zu gebrauchen, «Geistesauge» und «Geistesohr» erhalten will, um zu schauen, was als Geistiges immer um uns herum ist, was aber nicht geschaut werden kann, wenn nicht ein geistiges Auge, ein geistiges Ohr in der menschlichen Seele entwickelt werden, die sonst nur schlummernd sind.

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Wie entwickelt man seine Geistesorgane, durch die die geistige Welt für den Menschen sichtbar, vernehmbar, wahrnehmbar wird? Nicht tumultuarische äußere Vorgänge, nicht Experimente, die in derselben Weise äußerlich angestellt werden können wie in den Laboratorien oder den Kliniken, bewirken diese Veränderung, sondern innere Seelenvorgänge, die der Geistesforscher mit sich selber anstellen kann, wenn er Einblick gewinnen will in die geistige Welt. Dasjenige, was ich in dieser Schilderung zu sagen haben werde, wird manchem vielleicht höchst alltäglich erscheinen. Aber man muss sagen: So alltäglich die Dinge erscheinen, in ihrer Ausführung gehören sie doch zu dem Schwierigsten, was der Mensch auf dieser Erde einschließlich aller seiner übrigen Betätigungen unternehmen kann. Aber es ist nicht zu sprechen von besonderen Wunderdingen, von irgendwelchen Dingen, die in ihrer einfachsten Form nicht jeder Mensch kennen würde, wenn man von dem zu sprechen hat, was der Geistesforscher in seiner Seele entwickeln muss, wenn er zur wirklichen Erforschung des Übersinnlichen kommen will. Diejenigen Kräfte der Seele, die der Geistesforscher zu entwickeln hat, sind immer in der Seele da, aber nur in ihren Anfängen, wie man sie für das alltägliche Leben braucht. Der Geistesforscher muss nur diese Eigenschaften in unbegrenzter Stärke entwickeln. Da muss ich aufmerksam machen auf etwas, was wirklich im Alltagsleben nicht nur überall vorhanden, sondern auch im eminentesten Sinne notwendig ist. Es ist das, was man die Aufmerksamkeit nennt: die Aufmerksamkeit der Seele für diese oder jene Dinge, die Hinwendung des Interesses auf diese oder jene Dinge, wie wir sie im gewöhnlichen Leben haben.

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Auf zwei Dinge muss aufmerksam gemacht werden. Gar viele Menschen müssen nachdenken - aber gewöhnlich denken sie über diese Dinge nach, wenn es nicht mehr gut geht -, sie müssen nachdenken, warum ihr Gedächtnis im Leben schlechter wird. Warum wird überhaupt das Gedächtnis schlechter? Wenn man sich tiefer einlässt auf die Gedächtnisfrage, so kommt man darauf, dass dies eigentlich eine Frage der Aufmerksamkeit ist. Dasjenige bleibt in unserem Gedächtnis, was wir intensiv in unsere Aufmerksamkeit hereinfassen.

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Man könnte geradezu etwas ganz Alltägliches sagen als einleitende Bemerkung, wenn man auf die Bedeutung der Aufmerksamkeit hinweisen will. Gar mancher ist am Morgen recht böse darüber, wenn er diese oder jene Dinge, die er am Abend da oder dort hingelegt hat, nicht wiederfindet. Er hat es ganz vergessen. Er findet zum Beispiel seinen Manschettenknopf nicht. Warum geschieht das? Nun, er hat es vergessen, wo er ihn hingelegt hat. Dem kann er abhelfen. Eine sichere Hilfe ist es, wenn er sich vornimmt, ihn nicht nur gedankenlos hinzulegen, sondern zu denken: Ich lege den Knopf an diesen Ort, ich lege ihn mit Willen da hin. Sicher wird man diese Wahrnehmung machen, wenn man auch noch aus der inneren Willkür heraus Aufmerksamkeit auf die Tat verwendet, dann wird man sie nicht vergessen, dann hat man den Ort, wo man den Knopf hingelegt hat, sicher in Erinnerung. Dies kann ausgedehnt werden auf alle übrigen Erinnerungen. Wenn die Menschen nur sich klar darüber würden, dass sie alles dasjenige, was sie in ihre willkürliche Aufmerksamkeit hereinfassen, auch ins Gedächtnis hereinnehmen, dann würden sie das Aufmerksamkeitsproblem mit dem Gedächtnisproblem zusammenfassen, und eine Schulung des Gedächtnisses kann zusammengefasst werden in eine Schulung der Aufmerksamkeit.

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Und noch auf ein anderes ist aufmerksam zu machen, das noch viel wichtiger erscheint. Es ist notwendig für ein gesundes Seelenleben, dass wir imstande sind, die Erlebnisse, die wir bis zu dem Punkt unserer Kindheit zurück gehabt haben, diese Erlebnisse als die unseren in der Erinnerung [zu] erkennen. Wenn wir das nicht imstande sind, wenn, sagen wir, im dreißigsten Jahre des Menschen Seelenleben so ist, dass er gewisse Erlebnisse, die er im fünften Jahre gehabt hat, nicht als die seinigen erkennen kann, dann tritt eine Durchlochung des Erinnerungsvermögens auf, die etwas Ungesundes ist. Nur dann sind wir gesund, wenn wir als einen kontinuierlichen Faden verfolgen können unser gesamtes gegenwärtiges Ich. Das ist davon abhängig, dass wir imstande sind, die Erlebnisse, die an uns herantreten, so zu erleben, dass sie sich aufreihen auf einen Erinnerungsfaden, durch den gleichsam sich durchzieht unser Ich. Und ein Mensch - das kommt vor bei gewissen Seelenerkrankungen - kann gleichsam zu einem Doppel-Ich kommen dadurch, dass er die Meinung haben kann, irgendein anderer hätte das erlebt, was er erlebt hat in Wirklichkeit. Solche Dinge kommen vor. Dann ist sein gesundes Seelenleben zerstört, durchrissen. Vieles könnte für die Erziehung von Menschen, bei denen man in vielen Fällen erkennen kann, dass ein solches Durchlöchern des Ich stattfindet, vieles könnte für die Erziehung geleistet werden, wenn man darüber klar wäre, dass das Erinnerungsvermögen innig zusammenhängt mit der Art, wie wir den Dingen der Welt Aufmerksamkeit, Interesse zuwenden. Nichts anderes als die Aufmerksamkeit — das ist, was zu den imaginativen Seelenkräften gehört.

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Diese Aufmerksamkeit ist es, die nur ins Unbegrenzte entwickelt werden muss vom Geistesforscher in dem, was man Konzentration des Denkens nennt. Da muss allerdings eine ganz gewöhnliche, alltägliche Seelenkraft mit ungeheurer innerer Energie und Resignation so weit getrieben werden, wie sie sonst im äußeren Leben nie getrieben wird. Der Mensch muss es über sich [bringen], zu erforschen, in welcher Seelenverfassung er ist, wenn er aufmerksam ist; er muss sich klar werden darüber, wenn er im gewöhnlichen Leben aufmerksam ist. Durch äußere Eindrücke, durch das, was an Sensationellem stark auf ihn wirkt, wird seine Aufmerksamkeit erregt. Der Geistesforscher muss aber seine Aufmerksamkeit umwandeln, sodass er sich durch nichts Äußeres zwingen lässt, sondern ganz allein durch innere Willkür imstande ist, diejenige Aktivität der Seele zu entfalten, die sonst nur in der Aufmerksamkeit entfaltet wird.

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Am sichersten erlangt man dies Ziel auf eine Weise, die für viele Menschen etwas höchst Unbequemes hat. Man muss nämlich, um etwas sehr Sicheres zu erreichen, sich dazu überwinden, die Tätigkeit der Aufmerksamkeit auf etwas zu wenden - dann geht man am sichersten -, was einem im gewöhnlichen Leben möglichst uninteressant ist; vor dem man davonlaufen möchte, das ganz und gar uninteressant ist. Wenn man sich überwinden kann, dasjenige, wovon man mit der Seele sonst davonläuft, so zu behandeln, dass man es in den Mittelpunkt des geistigen Lebens stellt, dass man alle Seelenkräfte auf dies eine konzentriert, in Bezug auf die ganze übrige Seele aber durch innere Willkür, durch Trainierung der Seele dazu kommt, wie im Schlaf zu sein, sodass kein Auge, kein Ohr äußerlich etwas wahrnimmt, dass alle Sorgen des Lebens schweigen: Wer so sein ganzes Wesen zum Schweigen gebracht hat, wie es sonst nur im Schlafe zum Schweigen kommt, dann aber nicht einschläft, sondern sich auf etwas konzentriert, was er eben durch eigene Willkür in den Mittelpunkt seines Seelenlebens gestellt hat, und nun in unbegrenzter Weise die Aufmerksamkeit seiner Seele darauf hinwendet, der wird Kräfte in der Seele wachrufen, die sonst schlummernd in der Seele sind.

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Dadurch wird bewirkt, was man nennen könnte - ich lege keinen besonderen Wert auf den Ausdruck - eine geistige Chemie. Denn wenn man also die Vorstellungen und das Denken ausbildet, dann vollführt man im eigenen Seelenleben etwas, was sich vergleichen lässt und nur vergleichen lässt mit der Loslösung des Wasserstoffes vom Wasser im chemischen Laboratorium. Wenn wir Wasser vor uns haben, so ist es flüssig. Sondern wir den Wasserstoff davon ab, so haben wir ein Gas, das ganz andere Eigenschaften hat als das Wasser. Niemand kann im Wasser die Eigenschaften des Wasserstoffes und des Sauerstoffes bemerken. Und niemand kann im Menschen, der alltäglich vor uns steht, das Geistesschicksal erkennen. Um dies zu können, muss das Geistig-Seelische abgetrennt werden vom Leiblich-Physischen. Nicht durch äußere Vorgänge geschieht dies, sondern durch Steigerung desjenigen, was dem Menschen so alltäglich erscheinen kann, ins Unermessliche. Sodass man allerdings sagen kann: «Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.»

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Viele Einzelheiten sind es, die beobachtet werden müssen. Hier kann nur das Prinzip angegeben werden. Wenn dann die Seele so, wie es verlangt wurde, die Aufmerksamkeit steigert, dann gelangt sie dazu, durch jene Konzentration der Kräfte, die sonst unbewusst sind, alles Seelisch-Geistige loszureißen vom Leiblich-Physischen, wie im Laboratorium der Wasserstoff vom Sauerstoff losgerissen wird.

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Wenn man immer weiter fortsetzt solche innere Übungen des Seelenlebens, dann kommt einmal der Tag heran, an dem man einen Sinn verbinden kann mit den Worten, die sonst bloß Phrase sind: Jetzt weiß ich, dass ich denke, auch wenn ich nicht mit dem Gehirn denke; jetzt weiß ich, dass ich denken, innerlich vorstellen kann, auch wenn ich mich dazu nicht meines Leibes bediene; jetzt weiß ich, was es heißt, herauszugehen aus dem Leibe, sich fühlen und erleben im Geistig-Seelischen. Das wird erreicht. Und wenn jemand mit dem Geistig-Seelischen aus dem Leiblich-Physischen geht, so hat er ganz andere Eigenschaften, ganz andere Tatsachen im inneren Erleben, als der Mensch innerhalb seines Leibes hat. Wie jemand sagt, man kann den Wasserstoff aus dem Wasser herausziehen, dann hat der Wasserstoff die Eigenschaften eines Gases, das brennt, gerade so kann man vom Standpunkt eines Alltagsmaterialisten lachen über das, was der Geistesforscher erlebt, wenn er durch lange, energische Übungen dahin gelangt, sein Geistig-Seelisches aus dem physischen Leib herauszuheben. Es klingt wie leere Phrasen, wenn er davon spricht. Und doch möchte ich den Fortgang beschreiben; wenigstens in Einzelheiten.

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Dasjenige, was der Geistesforscher erlebt, wenn er die Übungen fortsetzt, ist in der Tat so ganz paradox, dass er fühlt von einem bestimmten Moment an: Ja, früher war dein Denken so, dass du gerade jetzt sagen musst, um zu denken, musstest du dich deines Gehirns bedienen —; jetzt fühlt der Geistesforscher, dass er eigentlich außerhalb seines Gehirnes denkt. Er fühlt, wie wenn er mit seinem jetzigen, vom Gehirn emanzipierten, gleichsam erlösten Denken sich wie eine Sonne umkreisend im Geistigen bewegen könne. Er erlebt sich so, dass er jetzt sogar weiß: Die Art, wie er sonst denkt, die läuft jetzt wie automatisch ab, sie ist an das Gehirn gebunden. Man bekommt von einem bestimmten Augenblick an ein ganz bestimmtes Wissen darüber: Wenn du in deinem jetzigen Zustande bist, so musst du zurückschlüpfen in dein Gehirn, wenn du dich wiederum des Gehirns bedienen willst. Man nimmt sein Gehirn wahr wie ein Äußeres neben sich, wie man sonst einen äußeren Gegenstand, einen Tisch, einen Stuhl neben sich hat.

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Dann kommt auch jenes bedeutsame Erlebnis, das sich so bedeutungsvoll, so erschütternd hineinstellt in das geistige Leben des Geistesforschers. Es muss sich öfters wiederholen im Leben, aber wenn es im Leben zum ersten Mal auftritt, ist es das erschütterndste Ereignis, das sich mit nichts anderem innerhalb des Lebens vergleichen lässt. Es kann zum Beispiel auftreten als das Folgende: Mitten aus dem Schlaf wacht man auf wie zu einem Traum, der aber nicht ein Traum ist, sondern der eine alle übrige Tageswirklichkeit überglänzende geistige Wirklichkeit ist. Das Erlebnis kann auch mitten im äußeren Tagesleben auftreten, es stört dieses aber nicht, denn wahre, richtige Vorbereitung wird niemals den Menschen zum Phantasten machen. Auch im Tagesleben wie im Nachtleben kann herauskommen der Moment, den ich in der folgenden Weise charakterisieren möchte. Er kann aber auch auf hunderterlei andere Weisen auftreten; ich will nur etwas Typisches geben. Etwas von dem, was mit Worten versucht wird zu schildern, wird für jeden Menschen sich einstellen, der ein Geistesforscher wird. Er wird das, was da geschieht, so mitteilen, dass er sagt: Es ist wie ein Raum, in dem er sich befindet. In den Raum schlägt ein Blitz ein; er verfolgt den Blitz, wie innerlich zu sich sprechend, er fühlt, wie in seine Leiblichkeit die Elemente blitzartig einschlagen, wie wenn seine Leiblichkeit zerstört würde. Von diesem Moment weiß er sich mit dem Geist vereint ohne den Leib, weiß er, dass der Mensch ein Geistig-Seelisches in sich trägt; das ist die unmittelbare Erfahrung von jedem Menschen, der die Erfahrung machen kann, wenn er will. Von diesem Moment weiß man erst, was der menschliche Wesenskern ist im wahrsten Sinn des Wortes; was jenseits von Geburt und Tod liegt.

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Diese Erfahrung kann nur auf geistige Weise gemacht werden, nicht durch äußere Experimente. Derjenige, der verlangt, dass durch äußere Experimente das Geistige festgestellt werde, der wolle nur auch gleich verlangen, dass er irgendein Erlebnis, das er vor fünfzig Jahren gehabt hat, mit irgendwelchen Pulvern herausnehme, damit es äußerlich sichtbar präpariert werden kann. Äußerlich werden geistige Tatsachen nicht festgestellt. Dasjenige, was die Geistesforscher aller Zeiten genannt haben «das Herantreten an die Pforte des Todes», das heißt den Tod im Bilde erleben, also dasjenige, was der Mensch im wirklichen Tode erlebt, wenn sein ewiger Wesenskern sich loslöst von dem physischen Körper, das wird im Bilde erlebt in der ernsten Erfahrung, die die Seele desjenigen, der sie schon einmal gehabt hat, so vertieft, der Seele einprägt jenen Ernst, den man ausdrücken und empfinden kann mit den Worten: Du warst mit dem tiefsten Kern deines Wesens verbunden mit dem, was als Ewiges die Welt geistig durchquillt, durchlebt und durchwebt. Jener Ernst ist allerdings leidvoll zu durchleben und nicht ohne dass man die größten Anstrengungen, an die der Mensch nicht gewohnt ist, macht. Nicht ohne Hingabe desjenigen, was sonst als Lust und Freude gilt; was man sonst gern hat im Leben, nicht ohne Aufgabe desjenigen, was man sonst im Leben erstrebt für gewisse Augenblicke, erlangt man dieses reinste, in der Geisteswelt Licht hineinweisende Erlebnis, von dem gesprochen worden ist. Dann erlangt man ein Weiteres, wenn man zu dem eben Bemerkten noch Folgendes hinzufügt: Man muss auch alles das, was man im Alltagsleben als Begehrenswertes empfindet, hingeben, und zwar in solcher Hingabe, dass man völlig schweigsam macht alles dasjenige, was der Mensch sonst begehrt, was er sonst gern hat, dass man alles dasjenige, was dem Menschen Lust bereitet, hingibt, und zwar nicht in solcher Hingabe, dass man in der Hingabe nur ein ganz bestimmtes Selbstbewusstsein hat, sondern so, dass man wirklich während dieser Hingabe verzichtet auf alle solche Betätigung, die wir sonst als unsere völlige Hingabe nennen an die Welt, die man sonst eigentlich nicht kennt, dass man hingibt aus keinem Zwang und aus nichts, was uns sonst im Leben zur Hingabe auffordert. Das muss dazu kommen, daran erfühlt sich die geistige Welt, in die wir Eintritt haben, mit dem, was wir nennen den geistigen Zustand.

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Man darf sich nur dies Wahrnehmen in der geistigen Welt nicht so vorstellen wie das Wahrnehmen in der äußeren Welt. Diese steht so vor uns, dass wir sagen: Da draußen ist ein Gegenstand, den sehe ich mit meinem Auge, oder den nehme ich mit meinen anderen Sinneswerkzeugen wahr. Geistige Zustände kann man nur erleben, wenn man nach der Hingabe eins wird mit den Zuständen. Nicht außer uns erleben wir diese Zustände, sondern so, dass sie in uns hereintreten. Wir müssen untertauchen, eins werden mit den geistigen Zuständen, die uns entgegentreten. Daher dann dieses Wahrnehmen der geistigen Zustände, wenn der Mensch durch Aufmerksamkeit sein inneres Denken steigert, und wenn wir durch Hingabe dieses Denken zum Wahrnehmungsorgan für die geistigen Zustände machen.

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Was man innerlich erlebt, wahrnimmt, kann genannt werden eine geistige Mimik. So, wie man im gewöhnlichen Leben seine geistigen Zustände unbewusst zum Ausdruck bringt im Mienenspiel, so wird man durch die geschilderten Vorgänge eins mit der geistigen Welt, weil man sich eins mit ihnen fühlt. Indem die Seele also erlebt, wird sie zu einem Mienenspiel getrieben, sie wird ganz tätig, ganz aktiv, indem sie sich einlebt in die Zustände. Indem sie die geistige Welt erlebt, macht sie innerlich etwas Ähnliches durch auf geistig-seelische Art, wie es das Mienenspiel unseres Gesichtes ist. Ein Nacherleben ist das Wahrnehmen der geistigen Welt, ein unsichtbares, übersinnliches Nacherleben. Dieses Nacherleben wird erlangt gleichsam durch diese geistige Chemie, durch dieses Loslösen des Vorstellungslebens von dem Instrument des Gehirnes.

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Ebenso kann man loslösen das Sprachvermögen von dem Werkzeug, das sonst der Sprache dient. Wenn wir sprechen, da ist äußerlich tätig, wenn wir uns als Werkzeug unseres Leibes bedienen müssen, eine gewisse Partie des Gehirnes, dasjenige, was speziell zum Kehlkopf führt. Derjenige, der die Geheimnisse der menschlichen Sprache studiert, weiß, dass, selbst wenn man denkt, innerlich feinere Bewegungen als sonst die äußeren gröberen Sprechbewegungen stattfinden. Nun muss man erfassen können als Geistesforscher jene innere Tätigkeit der Seele, welche man sonst zum Ausdruck bringt im Sprechen. Das, was man sonst notwendig hat, um Laute und Worte hervorzubringen, der Geistesforscher muss es loslösen vom Laut und vom Wort, er muss es zur inneren Tätigkeit drinnen behalten, es nicht zum Wort kommen lassen, es nicht in Worte prägen, muss es so innerlich behalten, dass sogar nicht die Gehirnpartien zur Anwendung kommen, die sonst beim Sprechen in Tätigkeit treten. Da löst er die Sprachkraft los vom Sprechen, er lernt innerlich in der Seele behalten, was sonst im Innern vibriert, indem man spricht. Dann spricht er nicht, aber was sonst im Worte die Seele durchflutet und durchpulst, das ist eine starke Kraft, das ist eine Kraft, durch die er nicht nur innere Mimik ausführt, sondern dasjenige, was man nennen kann innere Geste, innere Gestikulation, Gebärde. Dann kommen nicht bloß Zwischenzustände der geistigen Welt, Zwischenvorgänge zur Wahrnehmung, sondern die geistige Welt selbst enthüllt, offenbart sich in uns, wenn wir sie in inneren Gebärden nachmachen können. Und nur mittels der Kraft der Sprache wird man nachahmen können die Vorgänge der geistigen Welt.

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Man kann sich [so] hineinversetzen in die Wesen, in die Handlungen wirklicher Geister, die um uns sind. Nur dadurch, dass man sich also in ihre Gebärde hineinlebt, mit ihnen eins wird, nimmt man die geistigen Wesen wahr; dadurch erlangt man Erkenntnis von der geistigen Welt, aber man erlangt dadurch auch Erkenntnis von seinem eigenen Verweilen in der geistigen Welt. Hat man das Sprachvermögen also gleichsam chemisch losgelöst von dem Sprechen, dann ist der Moment eingetreten, wo man das Gedächtnis wirklich ausdehnt über das frühere Erdenleben, wo man erkennt, dass dies keine Theorien sind; wo man weiß, wie unser Leben nicht gestern begonnen hat, sondern wie es die Fortsetzung vieler vorangegangener Leben ist. Von dem Momente an, wo man durch die Sprachkraft in innerer Gebärde die geistige Welt nachahmen kann, weiß man, dass unser gegenwärtiges Erdenleben sich einreiht in eine ganze Kette von Erdenleben. Man kommt in innerer Gebärde zu dem geistigen Wesenskern, der das Ewige darstellt.

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Noch etwas ist loszutrennen von unserer Betätigung. Das ist aber schwieriger zu verstehen. Ich möchte es in einfachster Art ausdrücken, was ich da meine. Wenn wir uns an unsere Kindheit erinnern, müssen wir sagen: Wir waren in der Kindheit alle vierfüßige Wesen. Wir gingen auf allen vieren. Wir haben durch eine eigene, innere Tätigkeit, die ganz gewiss ausgeübt worden ist, die aber den Menschen keine Erinnerung an ihre Innerlichkeit zurückgelassen hat, uns aufgerichtet. Und man soll sich nur einmal vergegenwärtigen, was der Mensch als Kulturwesen der Erde dadurch ist, dass er hinaus in die Himmelssphäre schaut mit seinem Antlitz! Das hat seine ganze Richtung im Raume geändert. Der Mensch hat sich zu dem Wesen, das er ist, erst selber gemacht. Jenen inneren Antrieb wieder erleben im späteren Leben, der uns dazumal beseelt hat, als wir uns zum aufrechten Wesen machten und uns dadurch erst zum Menschen formten, den sollen wir in unserer Seele wieder betätigen.

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Das führt uns zu einer dritten Kraft der Seele, die wir absondern von unserem Leibesleben. Diese Kraft haben wir schon in der Vergangenheit unseres gegenwärtigen Lebens gebraucht. Wir brauchen sie im späteren Leben nicht mehr, denn da können wir uns aufrichten. Jetzt aber holen wir hervor jene Kraft, durch die wir uns aufgerichtet haben; wir wenden sie an, wir werden uns ihrer bewusst. Dazumal hat sie gewirkt, ohne dass wir sie in unserer Seele eingeholt haben, wir haben uns damit begnügt, aus kriechenden Wesen zu aufrechten Wesen zu werden in innerlicher Anwendung dieser Kraft. Der Geistesforscher lernt erkennen in dieser Kraft eine wunderbare Seelenkraft. Durch diese Kraft gelangt er dahin, nicht bloß wie durch den Denkzustand das Geistige und durch die losgetrennte Sprachkraft die Gebärde der geistigen Wesen zu erleben, er gelangt dazu, die geistigen Wesen selber zu erleben, eins zu werden mit ihnen, gleichsam eins zu werden mit den geistigen Welten, in ihnen zu wirken, zu weben. Mit ihnen lernt man erkennen, dass der Mensch als geistiges Wesen die Erde betreten hat, und dadurch, dass er diese Kräfte hereingebracht hat, ist er als Erdenwesen das geworden, was eben der Mensch. geworden ist. Er ist ein Mensch dadurch geworden, dass er den Leib aus der waagerechten in die senkrechte Lage gebracht hat. Nur der Mensch verwendet diese Kraft im Weltall dazu, um sich aus einem Vierfüßer zu einem Zweifüßer zu machen. Entdeckt man diese Kraft innerlich in der Seele, dann gelangt man in das Innere der Wesen, in das innerste Weben anderer geistiger Wesen, die die Welt durchweben und durchleben. Das sind Wesen, die andere Aufgaben auszuführen haben, weil sie anderes in die Welt hineinzustellen haben als der Mensch. In die Erdenzustände erlangt man Einblick durch Konzentration der Aufmerksamkeit, geistige Wesen erkennt man mit ihrem Miterleben, indem man gerade das in der geistigen Welt entfaltet, was dem Menschen seine geistige Physiognomie gibt als Mensch. Durch die innere Physiognomik bewirkt man, dass man mit den geistigen Wesen eins wird. Innere Geste, Gebärde führt zum Wahrnehmen von Vorgängen in der geistigen Welt; aber geistig bewegte Physiognomik, wie sie dem Menschen die aufrechte Physiognomie gibt, führen zur Erkenntnis desjenigen, was die Menschen nur in der geistigen Welt erfahren und erleben können, im Verein mit anderen geistigen Wesen.

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Da sind die Wege kurz angedeutet, die den Geistesforscher hineinführen in die geistigen Welten. Diese Wege können nicht besonders beliebt sein. Heute sind sie so, dass man sagen muss, dass sie verstoßen gegen eine Eigenschaft der menschlichen Seele: gegen die Bequemlichkeit der menschlichen Seele. Diese Bequemlichkeit geht heute so weit, dass sie nur zugibt, dass etwas vorhanden ist, wenn sie eben passiv sich dem hingeben kann, was da auf sie einen Ansturm macht. Wenn man von dieser Seele verlangt, dass sie erst selber tätig sein soll, dass sie selber erleben soll das, was ihr vorher nichts ist, und durch das sie dann in ihrem eigenen Erlebnis erst den Gegenstand erkennen soll, dann verstößt das gegen die Bequemlichkeit der heutigen Seele, die passiv sein will, die sich die Wahrheiten nicht erobern, sondern sich geben lassen will.

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Daher stellt sich die Geistesforschung so in die Ziele der Gegenwart hinein, dass diese Ziele der Gegenwart von der Geisteswissenschaft nichts wissen wollen, weil gerade im geistigsten Sinne diese Ziele auf Passivität hin gerichtet sind. Geisteswissenschaft verlangt, solche Seelenkräfte zu entfalten, die auf Aktivität beruhen und die in ihrer Weiterverfolgung in die höheren, die übersinnlichen Welten hineinführen; denn nur in innerer Aktivität lässt sich das Geistige erleben.

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Der heutige Mensch aber macht sich häufig Vorstellungen vom Geistigen, die nur Phantasie sind. Er stellt es sich so vor wie einen äußeren Gegenstand, der ihm befiehlt: Ich bin da, du hast mich anzuerkennen. Da ist er sehr weit vom richtigen Verständnis entfernt. Da wurde in einer Zeitung so recht philosophisch Folgendes ausgeführt: Wenn man sich so in Kant oder in irgendeinen anderen Philosophen vertieft, so sind da alle Begriffe so unanschaulich, man muss erst lange daran herumdenken, bis man sich hineinfindet. Kann da unsere Zeit Abhilfe schaffen? Und gerade wirklich aus dem Geiste unserer Zeit heraus findet er [der Autor], dass man sie anschaulich machen kann. Alles soll anschaulich werden, auch der Geist. Ja, auch dasjenige, wovon jeder Mensch wissen kann, dass es nicht sichtbar ist, das menschliche Denken, der Gedanke soll anschaubar werden. Und wie soll das geschehen? Nun, man gehe an Spinoza zum Beispiel, der schwierig zu verstehen sein soll für die Menschen, die alles anschaulich gestalten wollen, so heran, dass man den Kinematographen gebraucht. Warum denn nicht? Man könnte das Folgende machen, so meint der Betreffende. Es ist dies kein Märchen, sondern im Ernst vorgeschlagen worden aus den Zielen unserer Gegenwart heraus. Man zeigt, wie Spinoza da zu schwierig scheinenden Gedanken kommt. Man stellt durch den Gedanken der Ausdehnung des Denkens dar, wie sich gegenüberstehen, zusammengipfelnd in die höheren Ideen, die ganze Ethik, bis zu Gott hinauf. Aus einzelnen Kräften könnte man kinematographisch die ganze Ethik Spinozas anschaulich machen. Das ist ein Ziel unserer Zeit. Und der Herausgeber dieser Zeitschrift, der die Abhandlung aufnimmt, macht die Anmerkung: So könnte man endlich hoffen, dass die uralten Meister der Menschheit durch das, was offensichtlich die meisten Menschen heute nur wie ein Spiel ansehen, nämlich die Filmkunst, dass sie durch diese Kunst in einer der Gegenwart entsprechenden Weise den Menschen nahegebracht werden können.

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So kann allerdings Geisteswissenschaft nicht mit den Zielen unserer Zeit gehen. Diese Ziele unserer Zeit haben es angelegt auf die Passivität, und würden wir stundenlang reden über die Ziele unserer Zeit, diese Passivität des Geistes ist das notwendige Korrelat in Bezug auf das, was in Intimem über diese Ziele angeführt werden könnte. Das darf man schon sagen.

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Es ist im geistigen Leben der Menschheit nicht anders als im übrigen Naturleben, wenn man genau zusieht. Das, was man auf der einen Seite zulegt, das muss auf der andern Seite weggenommen werden. Bewundern muss man die Kühnheit der Erfindungen des Geistes, die in der Technik Verwendung finden. Sogar die widerspenstige Luft wird der Mensch bezwingen; aber alles das wird doch mit innerster geistiger Passivität erreicht.

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Aber gerade darum ist unsere Zeit auch so reif, den Geist selber in seiner Aktivität herauszubilden. Ja, mehr als das hat unsere Zeit die Notwendigkeit, den Geist innerlich tätig zu machen. Die innersten moralischen, intellektuellen und Gemütskräfte werden hervorgeholt durch die Denkgewohnheiten und Empfindungsgewohnheiten, die an der Geisteswissenschaft gewonnen werden. So wird auf der einen Seite durch die Erziehung, die die Menschheit schon einmal erlangt hat unter dem Einfluss dessen, was an sich wirklich bewundernswert ist, die Geisteswissenschaft wie etwas Paradoxes, etwas Phantastisches, vielleicht auch noch wie etwas ganz anderes angesehen; dadurch verriegelt sich aber diese Gegnerschaft auf der anderen Seite gerade das Ziel. Die Gegnerschaft ist notwendig. Wie wenn man einen elastischen Ball lange drückt, [und] er endlich jene Kraft entfaltet, die als elastische Gegenkraft aufgefasst wird gegen den Druck, so muss die Seele zu starker und immer stärkerer Passivität kommen gerade durch die bewundernswürdigen Errungenschaften des Gedankens, damit sie die innere Aktivität ersehnt. Unbewusst ersehnt sie heute schon diese Aktivität. Und alle Aktivität kann zur Kraft werden, durch die die Seele befreit und erlöst wird, wenn die Geistesforschung wirken darf im Gefüge der Geisteskultur der Gegenwart.

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Nur mit diesen wenigen Andeutungen wollte ich heute zeigen, wie Geisteswissenschaft sich hineinstellen will in das ganze geistige Gefüge der Gegenwart.

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Wenn man zurückschaut auf das, was soeben auseinandergesetzt worden ist, wird man es voll begreiflich finden, dass Geisteswissenschaft von den verschiedensten Seiten her Gegnerschaft über Gegnerschaft erfährt. Die eine dieser Gegnerschaften kommt von Seiten derjenigen, die die Religionen oder etwas anderes gerade durch die Geisteswissenschaft gefährdet glauben. Sie werden dem Betrachter der Geschichte nicht unbegreiflich erscheinen. Für die Zeit des Kopernikus war die Tatsache, dass die Erde die Sonne umkreist, ebenso phantastisch wie für unsere heutigen Zeitgenossen die Tatsache der wiederholten Erdenleben. Für die damalige Zeit glaubte man durch die kopernikanische Astronomie die Religion gefährdet; wie man auch heute wieder die Religion gefährdet glaubt durch die Lehre der Geisteswissenschaft von den wiederholten Erdenleben.

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Man kann sich mehr beruhigen über solchen Glauben, wenn man erwägt: Es war schon, als ein ausgezeichneter gelehrter Philosoph, der allerdings auch zugleich [kosmologisch] tätig war, zur Erkenntnis kam, dass die Wahrheit unbesiegbar ist, indem er über Galilei sprach. So sagte er, heute habe die Kirche gelernt, in Galilei, in Kopernikus nicht mehr diejenigen zu sehen, die sie dazumal in ihnen gesehen hat; sondern heute habe sie gelernt, hinzuweisen darauf, dass durch Entdeckungen auf dem Gebiete der Wissenschaft gerade die Herrlichkeit der göttlichen Offenbarungen umso heller der Menschheit enthüllt wird. Wissenschaft im wahren Sinne des Wortes ist zum Lob des religiösen Lebens, nicht dazu da, um kritisch etwas Abträgliches für das wahre, religiös recht verstandene Leben zu leisten.

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Dass sie nicht überall so aufgefasst wird, das konnten einige unserer Freunde, die darangehen wollen, in der Nähe einen verhältnismäßig doch nicht sehr umfangreichen Bau aufzuführen, der der Geisteswissenschaft und mancherlei Studien eine Stätte bieten soll, recht zahlreich erfahren. Lehrreich waren gerade viele dieser Stimmen, die ganz gewiss manchmal von einem Standpunkt aus gesprochen haben, der so recht durchdrungen ist davon, was für ein phantastisches Zeug, was für eine Träumerei doch diese Geisteswissenschaft eigentlich ist. Ja, es war kulturhistorisch interessant, als auch mir vorgelegt worden sind die Auslassungen, die an den verschiedensten Orten über den Bau gemacht worden sind. Interessant war es, auch die Dinge von diesem Standpunkt zu betrachten. Wahrhaftig, man könnte zugeben, dass die Geisteswissenschaft oder ihre Bekenner ein wenig Phantasie haben, so viel aber haben sie doch nicht als diejenigen, die zuweilen diese betreffenden Artikel geschrieben haben.

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Höchstens können diese sich messen mit dem Artikel, der mir auch zu Händen gekommen ist, über einen Geistesforscher, der mir recht nahe steht und worin gesagt ist, was er für Phantastereien äußert. Man kann sich gar nicht genugtun über seine Phantastereien, und dann geht man zum zweiten Abschnitt über, wo man dann aber wirklich, wahrscheinlich aus den Ellenbogen heraus, sich die allerschlimmsten Phantastereien über Geburt, Verwandtschaft, Abstammung erzählt. Wahrhaftig, selbst wenn er einige Phantasie hätte, wenn er zu einer Phantasterei par excellence [?] geneigt wäre, zu so viel Phantastik würde er sich niemals aufschwingen, insbesondere zu einer Phantastik, die über die äußere Abstammung, über Verwandtschaft und so weiter phantasiert.

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So kann man die merkwürdigsten Dinge lesen. Von dem Bau wird zum Beispiel gesagt, es soll ein buddhistischer Tempel errichtet werden. Ungefähr ebenso weit, wie die moderne Chemie entfernt ist von dem, was einmal im fernen Asien als Chemie [vor] Jahrhunderten oder Jahrtausenden getrieben worden ist, ebenso weit ist die moderne Geisteswissenschaft von dem entfernt, was Buddhismus ist. Es gehört nicht nur wenig Phantasie dazu, von Buddhismus zu reden. Ich habe heute auseinanderzusetzen versucht, wenn auch in ungenügender Weise, was die Bekenner der Geisteswissenschaft eigentlich wollen. Einiges an Vorstellungen wird vielleicht doch daraus gewonnen werden können. Aber das wird doch wenig damit übereinstimmen, was diese Geistesforscher nach den Zeitungsnachrichten für merkwürdige Leute sein sollen. Eine Bemerkung, die wenigstens durch dreißig Zeitungen gegangen ist, ist besonders aufgefallen. Man lernt da eine merkwürdige Eigenschaft der Geistesforscher kennen; sie können Regen machen. Es ist überall hervorgehoben worden, dass der Grundstein gelegt worden ist bei strömendem Regen. Was müssen die Geistesforscher für Leute sein, dass sie eigens sich Regen bestellen können, damit sie, geschützt durch den Regen, den Grundstein legen können. Allerdings, wenn das so wäre, sie wären freilich sehr gefährlich. Aber wenn Sie genauer kennenlernen diejenigen, welche sich zu eigen machen den Dornacher Bau, werden Sie erkennen, dass sie ebenso gern den Sonnenschein haben wie Sie selber; dass sie sich den Regen durchaus nicht bestellten und den Tag nicht scheuten. Es wäre sogar Tag gewesen bei der Grundsteinlegung, wenn nicht einige derjenigen Mitglieder, die man gern dabei gesehen hätte, mit einem späteren Eisenbahnzug gekommen wären. Das ist eine trivialere Erklärung, mit der man nicht so viel Staat machen kann, aber es nimmt sich etwas besser aus, wenn man sagt: Diese Leute müssen gewisse Gründe haben, wenn sie bei Nacht und Regen arbeiten. Das wurde zwar nicht gesagt, aber es ruhte doch im Unterbewusstsein und lässt sich aus den Worten deuten. So interessant nimmt sich aber die Wirklichkeit nicht aus. Was alles Übrige betrifft, wird die Zukunft zeigen, wie wenig zutreffend die so phantastischen Anschauungen waren, die in der Außenwelt über diese Stätte verbreitet worden sind, die eine Stätte des Wirkens sein soll in dem Sinne, wie es in diesem Vortrag angedeutet worden ist. Nicht, um über diese Stätte zu sprechen, wurde dieser Vortrag gehalten, aber weil er gehalten wird, darf ich mit diesen wenigen Worten darauf eingehen, weil sozusagen Geisteswissenschaft in dieser Gegend eine nicht erwünschte Sensation gemacht hat.

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Wenn man sagen will, wozu wird diese Baulichkeit errichtet? Ja, nicht wahr, damit die Menschen Eisenbahn fahren können, werden Bahnhöfe errichtet. Sie werden so gebaut, dass die Maschinen, die Eisenbahnzüge hinein- und hinausfahren können. Dazu müssen die Bahnhöfe brauchbar sein. Nichts anderes als dasjenige, was für die Zwecke der Geisteswissenschaft brauchbar ist, was imstande ist, die Seele so zum Schwingen zu bringen, wenn das Wort der Geisteswissenschaft gesprochen wird, wie es nötig ist, um die Seele in Kontakt zu bringen mit der geistigen Welt, werden wir als die charakteristische Eigenschaft dieses Baues anzusehen haben. Um jene Stimmung der Seele hervorzurufen, die notwendig ist gegenüber unserer Zeit, um die Seele zum Empfang der geistigen Welt bereit zu machen, ist notwendig, dass man nicht bloß durch das Wort, sondern auch durch dasjenige spricht, was um einen herum ist. Gegossen werden soll in die Innenarchitektur dasjenige, was sonst nur im Wort zum Ausdruck gebracht werden kann. In Sinnbildern, die im echtesten Sinne künstlerisch sind, soll in der Innenarchitektur ein Bau geschaffen werden, der in geistiger Weise so dienen kann der Pflege der Geisteskultur, wie ein Bahnhof dient seinen materiellen Zwecken in rechter Weise. Wenn auch der Vergleich ein trivialer ist, so ist er doch zutreffend.

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Man wird immer mehr erkennen, dass allerdings mit allen Zielen der Gegenwart zusammenhängt das, was Geisteswissenschaft aus der Seele des Menschen zu machen vermag. Indem Geisteswissenschaft appelliert an das Aktive der Seele, geradezu an das, was nur durch die Aktivität in der Seele wachgerufen werden kann, spricht sie zugleich in ihren Erforschungsergebnissen zu den wichtigsten Tätigkeiten der Seele, und immer mehr werden im Geiste diejenigen Seelen Geisteswissenschaft begehren, die im wahrsten Sinne aktiv sein können. Geisteswissenschaft wird aber da an solche Seelenkräfte zu appellieren haben, die eigentlich erst von der Gegenwart an in Betracht kommen, die aber auch in alle Ziele der menschlichen Kultur einzugreifen haben; vor allen Dingen auch in das künstlerische Leben, sodass, geradeso, wie in alten Zeiten aus dem gemeinsamen Quell des Geisteslebens sich die Geisteswissenschaft auf der einen, die Kunst auf der andern Seite entwickelt hat, so auch hier mit der Strömung der Geisteswissenschaft die künstlerische Betätigung parallel gehen wird. Und ein schwacher Anfang hierzu soll in der Architektur der Stätte gegeben werden, die in Dornach gebaut wird. Sprechen soll die Architektur zu denjenigen, die sich in den Sehnsuchten der Seele hingezogen fühlen zu ihr, durch die Form von denselben geistigen Geheimnissen, von denen sonst nur in Worten eigentlich nur gestammelt werden kann. Eine Hoffnung hat die Geisteswissenschaft. Wie viele Gegner ihr erwachsen können in der Gegenwart, dass sie einer Notwendigkeit des Herzens und der menschlichen Seele entspricht, das wird sich ergeben aus dem, was sie in die Kultur eingefügt hat. Sowenig wissenschaftliche und religiöse Vorurteile den Kopernikanismus aufzuhalten vermochten, sowenig werden die Wahrheiten der Geisteswissenschaft gehemmt werden können durch die Vorurteile, die von diesen gegnerischen Seiten kommen. Das, was im Organismus des menschlichen Werdens und Geschehens liegt, das geschieht mit derselben Notwendigkeit, mit der ein Mensch, der jung ist, aus innerer Gesetzmäßigkeit älter wird, heranreift. Wie diese natürliche Eigenschaft in die Menschheit hineingelegt ist, so wird auch diese Geisteswissenschaft heranreifen. Und wie die Naturwissenschaft in das äußere Leben eingreift und umgestaltet hat das äußere materielle Leben, so wird die Geisteswissenschaft eingreifen in die sozialen, die moralischen geistigen Verhältnisse des Seelenlebens. So wahr wir heute in anderer Weise fahren - auf Eisenbahnen -, als wir noch vor zwei Jahrhunderten gefahren sind, so wahr leben heute in der Seele andere Sehnsuchten, als vor zwei Jahrhunderten Sehnsuchten in der Seele gelebt haben.

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Die Sehnsuchten müssen befriedigt werden; das sehen wir auch an folgender merkwürdiger Angelegenheit, an die doch wieder erinnert werden darf, wenn auch etwas Äußeres mit etwas Innerlichem verglichen wird: Als die ersten Eisenbahnen gebaut werden sollten in Deutschland, da wurde das Medizinalkollegium befragt. Das Kollegium hat geantwortet, man solle keine Eisenbahnen bauen, die Leute würden sonst schwer an den Nerven leiden, wenn sie in den Eisenbahnen fahren sollten. Und wenn doch einzelne Menschen fahren wollen, dann sollte man die Bahnen doch wenigstens mit Brettern umzäunen, damit die anderen Leute nicht schwindlig werden. So urteilte man im Jahr 1837. Die Eisenbahnen fahren doch. So geht es im Leben. Und Geisteswissenschaft wird durch das Geistesleben fahren, wie auch die Hemmnisse der Gegnerschaften sich geltend machen wollen. Geisteswissenschaft wird zeigen gerade bei denjenigen, in deren Herzen sie sich festsetzen soll, wie unbegründet alle Vorurteile sind, die man ihr entgegenbringt. Die Wissenschaft wird sehen, wie in der Geisteswissenschaft ihr gerade der beste Bundesgenosse erwächst, wie das, was Wissenschaft, sich auf Äußeres beschränkend, nicht erlangen kann, sie von der Geisteswissenschaft bekommen muss. Sie wird einsehen, dass diese Geisteswissenschaft ebenso wenig der Naturwissenschaft widerspricht, wie für ein gesundes Denken in Folgendem ein Widerspruch liegt. Vor uns können drei Menschen stehen, einer und zwei andere vor ihm. Die Frage wird aufgeworfen: Warum lebt der eine? Nun, weil er innerlich eine Lunge hat und Luft ein- und ausatmet. - Gar nichts dagegen einzuwenden. Der andere aber sagt: Ich weiß, aus einem andern Grunde lebt er auch. Ich fand ihn vor acht Tagen erhängt; weil ich ihn abgeschnitten habe, lebt er heute. - Jeder hat recht. Der Naturforscher sagt mit vollem Recht: Wenn gewisse Eigenschaften im Leben auftreten, haben wir sie ererbt von unseren Eltern, Voreltern und so weiter. Er hat das Verdienst, hinzuweisen auf das, was in der Vererbungslinie gegeben wird. Der Geistesforscher sagt: Was sich entwickelt in dem wunderbaren Mysterium des Wachsens, das bringt der Mensch mit aus früheren Erdenleben. Darin liegt kein Widerspruch; beides ist wahr.

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Und mit den religiösen Bedenken wird es gehen wie mit den Bedenken gegenüber dem Kopernikanismus. Derjenige, welcher auf dem Boden der Offenbarung steht, fühlt sich dennoch einig mit all denjenigen Geistern, die eben die Wahrheit von ihrem Gesichtspunkt aus geschen haben; was Geistesforschung sein soll, das wird sie werden, und wenn die Geistesforschung erst einmal Errungenschaft ist unserer Zeit, dann werden die von diesem Kulturfortschritt beseligten Menschen diese geistigen Ziele der Geistesforschung zu den ihren gezählt haben; sie werden als seelisch-geistige Wesen sich einig gewusst haben mit der Geistes- und Seelenforschung, sie werden ihren Standpunkt erfasst haben gegenüber der geistigen Welt.

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Einig wie mit allen anderen ehrlich mit dem menschlichen Fortschritt verbundenen Geistern fühlt sich die Geistesforschung auch mit Goethe, und mit seinem Worte möchte ich zusammenfassen von diesem Standpunkt die heutige Betrachtung. Zu sagen ist gegenüber allem, was von Vorurteilen gegen die Geistesforschung eingenommen ist: Wenn die Menschen die Religion oder anderes gefährdet glauben durch die Geisteswissenschaft, dann weiß der Geistesforscher, dessen Seele durch die Geisteswissenschaft ergriffen ist, er tritt durch die Welt und weiß, dass wahr ist das Wort, das Goethe gesprochen hat und das andeuten soll, wie derjenige, der wirklich eindringen lässt in Wissenschaft und Kunst seine Seele, dass der so eintritt, dass seine Seele wahrhaft religiös ergriffen wird; und dass nur derjenige nicht religiös ergriffen wird im wahren Sinne des Wortes, dem auch die Gabe für Wissenschaft und Künstlerschaft im rechten Sinne fehlt. Deshalb gestatten Sie, dass ich mit dem Goethe’schen Worte die Stellung der Geisteswissenschaft zu den Zielen aller Zeiten und auch unserer Zeit charakterisiere, indem ich sage mit Goethe:

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> Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, > Hat auch Religion; > Wer jene beiden nicht besitzt, > Der habe Religion.

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Cite: GA 69e/1913-12-01 · edition original