4. Anthroposophie als Moralimpuls und soziale Gestaltungskraft

GA 77b/1921-08-26 · 1921-08-26 · original · 38 passages · 6042 words
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## GA 77b — 26 August 1921, Dornach

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### 4. Anthroposophie als Moralimpuls und soziale Gestaltungskraft

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Meine sehr verehrten Anwesenden! Ein sehr ernster Philosoph, Johann Gottlieb Fichte, sprach aus seiner tiefsten Erkenntnis heraus den Satz: Welche Art von Philosophie man wähle, das hängt davon ab, was man für ein Mensch ist. - Für eine Philosophie, welche sprechen will über sittliche und moralische, moral-soziale Gesichtspunkte von ihrem eigenen Felde aus, ist, wenn man genauer zusieht, ein solcher Satz geradezu vernichtend. Denn, wenn man gewissermaßen in seinen höchsten Erkenntnissen — das sollen ja die philosophischen sein — nur widerspiegelt dasjenige, was man als sittlicher und sozialer Mensch schon ist, dann kann ja Philosophie, Weltanschauung, unmöglich ihrerseits Impulse für die Sittlichkeit und das Soziale abgeben. Und derjenige, der einen solchen Satz genügend ernst zu nehmen weiß, wird gerade von ihm ausgehend sich die bedeutsame Frage stellen müssen: Wie kann Erkenntnis, wie kann ein Wissen irgendwie impulsierend wirken für das sittliche, für das soziale Leben? Denn in unserer Zeit möchte ja das wissenschaftliche Denken, das alle Lebenskräfte der Menschen durchdringt, durchaus auch für das sittliche und soziale Leben in einer gewissen Weise autoritativ wirken. Für unsere Zeit also scheint mir diese Frage eine ganz besondere Bedeutung zu haben, und für anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hat sie diese Bedeutung noch in erhöhtem Maße. Denn anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will eine wirkende Kraft im Leben sein. Und wie sollte sie das werden, wenn sie nicht irgendwelche Impulse finden könnte für die Sittlichkeit, für das soziale Leben, die wohl die größten Probleme unserer heutigen Gegenwart einschließen. Immer wieder und wiederum aber wird man auf die besondere Natur des heutigen Wissenschaftsgeistes gewiesen, wenn man solch eine Frage aufwirft.

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Dieser Wissenschaftsgeist, er möchte ja gerade in einer Weise sich ausbilden, welche dem Fichteschen Diktum eigentlich widerspricht. Der heutige Wissenschaftsgeist, der ausgebildet hat die Denkungsweise, die Methoden, die sich insbesondere eignen für die äußere, vom Menschen unabhängige Natur, der möchte ja Ergebnisse liefern, von denen man nicht sagen kann, daß sie so seien, wie der Mensch geartet ist. Und in der Tat, es wird viel Plausibles haben, wenn heute einer sagt: Wer als Chemiker sich eine Weltanschauung bildet, wer als Physiker sich eine Weltanschauung bildet, er wird durch die Objektivität seiner Anschauung durchaus dazu gedrängt werden, etwas auszubilden, was gewissermaßen für alle Menschen gültig ist, von dem man also nicht sagen kann, es sei so, daß es in seiner Artung ähnelt dem, was der Mensch als Ganzes, wie der Mensch als Ganzes ist. Gewissermaßen unabhängig von moralischer oder sonstiger Verfassung der Seele müsse dasjenige aufblühen, was objektive Wissenschaftlichkeit ist.

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Man kann sagen: Diese Wissenschaftlichkeit, sie ist in den letzten Jahrhunderten, namentlich in dem allerletzten Jahrhundert, zu ihren höchsten Triumphen aufgestiegen. Nicht daß man glauben wollte, daß sie schon sophisch orientierte Geisteswissenschaft hat sie diese Bedeutung noch in erhöhtem Maße. Denn anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will eine wirkende Kraft im Leben sein. Und wie sollte sie das werden, wenn sie nicht irgendwelche Impulse finden könnte für die Sittlichkeit, für das soziale Leben, die wohl die größten Probleme unserer heutigen Gegenwart einschließen. Immer wieder und wiederum aber wird man auf die besondere Natur des heutigen Wissenschaftsgeistes gewiesen, wenn man solch eine Frage aufwirft.

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Dieser Wissenschaftsgeist, er möchte ja gerade in einer Weise sich ausbilden, welche dem Fichteschen Diktum eigentlich widerspricht. Der heutige Wissenschaftsgeist, der ausgebildet hat die Denkungsweise, die Methoden, die sich insbesondere eignen für die äußere, vom Menschen unabhängige Natur, der möchte ja Ergebnisse liefern, von denen man nicht sagen kann, daß sie so seien, wie der Mensch geartet ist. Und in der Tat, es wird viel Plausibles haben, wenn heute einer sagt: Wer als Chemiker sich eine Weltanschauung bildet, wer als Physiker sich eine Weltanschauung bildet, er wird durch die Objektivität seiner Anschauung durchaus dazu gedrängt werden, etwas auszubilden, was gewissermaßen für alle Menschen gültig ist, von dem man also nicht sagen kann, es sei so, daß es in seiner Artung ähnelt dem, was der Mensch als Ganzes, wie der Mensch als Ganzes ist. Gewissermaßen unabhängig von moralischer oder sonstiger Verfassung der Seele müsse dasjenige aufblühen, was objektive Wissenschaftlichkeit ist.

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Man kann sagen: Diese Wissenschaftlichkeit, sie ist in den letzten Jahrhunderten, namentlich in dem allerletzten Jahrhundert, zu ihren höchsten Triumphen aufgestiegen. Nicht daß man glauben wollte, daß sie schon sophisch orientierte Geisteswissenschaft hat sie diese Bedeutung noch in erhöhtem Maße. Denn anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will eine wirkende Kraft im Leben sein. Und wie sollte sie das werden, wenn sie nicht irgendwelche Impulse finden könnte für die Sittlichkeit, für das soziale Leben, die wohl die größten Probleme unserer heutigen Gegenwart einschließen. Immer wieder und wiederum aber wird man auf die besondere Natur des heutigen Wissenschaftsgeistes gewiesen, wenn man solch eine Frage aufwirft.

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Dieser Wissenschaftsgeist, er möchte ja gerade in einer Weise sich ausbilden, welche dem Fichteschen Diktum eigentlich widerspricht. Der heutige Wissenschaftsgeist, der ausgebildet hat die Denkungsweise, die Methoden, die sich insbesondere eignen für die äußere, vom Menschen unabhängige Natur, der möchte ja Ergebnisse liefern, von denen man nicht sagen kann, daß sie so seien, wie der Mensch geartet ist. Und in der Tat, es wird viel Plausibles haben, wenn heute einer sagt: Wer als Chemiker sich eine Weltanschauung bildet, wer als Physiker sich eine Weltanschauung bildet, er wird durch die Objektivität seiner Anschauung durchaus dazu gedrängt werden, etwas auszubilden, was gewissermaßen für alle Menschen gültig ist, von dem man also nicht sagen kann, es sei so, daß es in seiner Artung ähnelt dem, was der Mensch als Ganzes, wie der Mensch als Ganzes ist. Gewissermaßen unabhängig von moralischer oder sonstiger Verfassung der Seele müsse dasjenige aufblühen, was objektive Wissenschaftlichkeit ist.

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Man kann sagen: Diese Wissenschaftlichkeit, sie ist in den letzten Jahrhunderten, namentlich in dem allerletzten Jahrhundert, zu ihren höchsten Triumphen aufgestiegen. Nicht daß man glauben wollte, daß sie schon reden diese Leute so, daß sie sagen: Mit Moralprinzipien macht man kein soziales Leben. Das galt geradezu als das hervorragendste Axiom in den sozialistisch denkenden Kreisen der neueren Zeit, daß alles Herausholen des sozialen Lebens aus moralischen oder sozial gedachten Maximen eine Illusion sei. Und es nährte sich eigentlich die soziale Gesinnung der Sozialisten von diesem Axiom. Man sagte, auf das komme es ja gar nicht an, wie irgendeine Klasse, wie irgendein einzelner Mensch denke darüber, was eigentlich sozial geschehen soll, sondern darauf komme es an, daß man sich an diejenigen Menschen wendet, in deren Egoismus, in deren ganz naturgemäßem elementaren Egoismus es liegt, die Welt so zu gestalten, wie sie eben gestaltet werden muß — und das ist die proletarische Forderung. Damit war, ich möchte sagen, gerade aus dem modernen Wissenschaftsgeiste heraus jegliches Moralprinzip, jegliche nicht auf den Egoismus gebaute soziale Anschauung ausgeschieden. Und so lange man auf dieser Seite nicht einsieht, welche Bedeutung das für den ganzen Weltengang der neuesten Zeit hat, und auf der anderen Seite nicht hinschauen will, wie unsere sozialen Nöte doch aus den Empfindungen, aus der Denkungsweise der Menschen herauskommen, so lange wird man nicht irgendwie herantreten an dasjenige, was unserer Zeit in dieser Beziehung ganz besonders not tut.

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Wissenschaftsgesinnung der neueren Zeit ist also ohnmächtig gegenüber moralischen und sozialen Impulsen, das zeigt einfach der geschichtliche Verlauf der Tatsachen. Dasjenige, was von dieser Gesinnung ausgeht, das aber fließt durch eine gewisse soziale Notwendigkeit ein in die Gemüter der breitesten Menschenklassen. Aus dieser Gesinnung heraus wird dann auch von denjenigen, die gar nichts von Wissenschaft verstehen, die gar nicht an der Wissenschaft angekommen sind, über die sozialen Dinge dieser Welt geurteilt. Was heißt das in diesem Falle? Die sozialen Dinge werden so angesehen, daß man eigentlich dabei auch, wie bei der Wissenschaftsgestaltung, ausschaltet alles dasjenige, was in gesunder Weise als eine soziale und sittliche Wertung irgendeines Faktums für die Menschheit erscheinen muß. Mit dieser Tatsache will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ganz besonders rechnen. Sie will als Wissen, als das sie ganz im Sinne des modernen Wissenschaftsgeistes von der einen Seite auftritt, zugleich eine Macht werden, die imstande ist, in dem einzelnen menschlichen Individuum überall solche moralischen Impulse zu entfesseln, daß diese moralischen Impulse im sozial-heilsamen Sinne walten können. Dann aber muß anthroposophische Geistesrichtung dazu führen, ich möchte sagen, in die Blickrichtung der Menschen, die sie entwickeln gegenüber den Welterscheinungen, das Moralische, das Soziale so hineinzubringen, daß man es sieht.

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Es ist Ihnen in dem vorhin gehaltenen Vortrage in einer humorvollen Weise dargestellt worden, wie innerhalb unseres sozial-wirtschaftlichen Lebens den Leuten alle möglichen Dinge aufgeschwatzt werden, und wie sich dann diese Leute diese aufgeschwatzten Dinge zu ihrem Hausrat dazutun. Solche Dinge müssen in ihrer Symptomatik gesehen werden, und sie werden in ihrer Symptomatik nur gesehen, wenn man von ihnen ausgehend die Verbindungslinien ziehen kann zu den großen Ereignissen des Weltengeschehens. Denn wäre das nicht, daß sich die Leute von den Hausierern diese Dinge aufschwatzen ließen, so gäbe es auch dasjenige nicht — denn die Dinge hängen im sozialen Leben zusammen —, was uns zum Schluß von der grauenhaften Militarisierung des Wirtschaftslebens erzählt worden ist.

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In der unmittelbaren Wirklichkeit dasjenige zu sehen, was wahrhaft wirkt, darauf kommt es an. Und ich möchte, gewissermaßen veranlaßt durch die vorhin gegebene humorvolle Darstellung, ein Bild vor Ihre Seele hinstellen, das mir auftrat über die Art und Weise, wie solcher Hausierhandel antisozial, ich darf es wohl sagen, antimoralisch wirkt.

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Ich war einmal auf einem Jahrmarkt, da bot ein Händler große Massen von Seifen an. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, eine wirklich zum sozialen Denken führende Anschauung, die muß anregen das menschliche Gemüt, im Leben dahin zu kommen, daß Seifen angeboten werden, mit denen man sich waschen kann. Aber das war ganz ausgeschlossen bei denjenigen Seifen, die von diesem Händler angeboten wurden. Die, die es nachher probierten, die gaben den Versuch, sich dauernd damit zu waschen, sehr bald auf. Aber der Händler hat große Geschäfte gemacht, und ich will Ihnen erzählen, wie er diese großen Geschäfte gemacht hat. Er hatte neben sich große Ballen mit solcher Seife stehen. Er stellte sich auf ein Podium; er entnahm zunächst dem ersten Bündel eine Anzahl von Seifen. Nun war er im besten Sinne, was man nennen könnte ein repräsentativer Mensch. In den wunderbarsten Redensarten stellte er die Vorzüglichkeit seiner Seife vor sein Publikum hin, und er rief durch alles das, was er da zunächst tat, die Meinung hervor, das müsse ganz besonders wertvolle Seife sein, die kann man schon gut bezahlen. Und dann verkaufte er etwa zehn Seifen Stück für Stück für einen sehr hohen Preis das einzelne Stück. Dieser Preis wurde eben von denjenigen bezahlt, die das Geld gerade in der Tasche hatten, und sie waren sehr froh, solche gute Seifen erhalten zu haben; denn sie erkannten die Güte der Seife an der Höhe des Preises. Nun standen sie da. Der Mann hatte als repräsentative Persönlichkeit dasjenige erreicht, was er erreichen wollte, und es interessierte ihn nicht weiter, diese repräsentative Persönlichkeit noch zu sein. Daher sagte er nachher: Ach, wie ich die Seifen bisher verkauft habe, das ist ja viel zu teuer! Diese Seifen sind ja nur den halben Preis wert. Ich werde sie von jetzt ab um den halben Preis verkaufen. - Und nun hatte er wiederum dasjenige Publikum zu seinen Käufern, dem er suggerieren konnte, daß er ein so guter Mann sei, daß er die Seife billiger verkaufe, als sie die ersten Käufer, die noch dabeistanden, bekommen haben. Die reklamierten nicht, sondern rissen — verzeihen Sie den harten Ausdruck — die Mäuler auf. Dann aber, als er vom ersten Bündel noch eine ziemliche Anzahl von Seifenstücken hatte, da sagte er: Aber ich bin ja ein guter Mensch, diese letzte Seife, die verkaufe ich überhaupt nicht mehr, die schmeiße ich weg. - Und da schmiß er diese ganze Seife unter das Publikum hinein und die konnten die Leute aufklauben umsonst.

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Ich erzähle Ihnen diese Tatsache nicht bloß deshalb, weil sie an sich grotesk ist, sondern weil ich dabei noch etwas anderes höchst Interessantes erfahren habe. Das alles war geschehen und der Verkäufer ging an sein zweites Bündel, und er machte es jetzt wieder geradeso, und zwar in allen drei Etappen, und er kriegte wiederum seine Seifenstücke in allen drei Etappen herrlich los!

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Mir erscheint so etwas außerordentlich symptomatisch, meine sehr verehrten Anwesenden, denn wenn ich mir die großen Geschäfte ansehe, die in der Welt gemacht werden, und wenn ich mir anschaue das Publikum, das konsumierende, wie es sich dazu verhält, dann sehe ich eigentlich alle drei Stadien fortwährend da, und man kann an der Wahrnehmung dieser drei Stadien sehen, wie innerlich unmöglich unsere volkswirtschaftliche Struktur eigentlich ist. Aber eben gerade unter dem modernen Wissenschaftsgeist ist dieses wirklich gesunde, wirklich praktische Denken verloren gegangen. Denn das praktische Denken, das nicht innerhalb der Routine stehen bleibt, sondern zu einem wahren Lebensinhalte wird, das muß vor allen Dingen in den Dingen die Wirklichkeit sehen, das sehen, was darinnen liegt, nicht dasjenige, was sich nur äußerlich vor den Augen vollzieht, und in dem man die Menschen mit allen möglichen Suggestionen betören kann.

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Man wirft sehr häufig anthroposophischer Geisteswissenschaft in verleumderischer Weise vor, daß sie irgendwelche Suggestivgewalt ausüben wolle. In dem Beispiel, das ich Ihnen erzählt habe, das ganz gewiß nicht von einem Anthroposophen ausgegangen ist, da lag sehr viel einer heute sehr gebräuchlichen Suggestivgewalt, einer Suggestivgewalt, die ihr Publikum sehr genau kennt.

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Dem gegenüber will anthroposophische Geisteswissenschaft etwas stellen, was durch seine innere Lebendigkeit befähigt ist, auch die sozialen, auch die sittlichen Zusammenhänge wirksam zu durchschauen, gewissermaßen aus dem Menschen heraus etwas zu finden, was so sein darf, wie der Fichtesche Satz es ausspricht: daß es so geartet ist, wie der Mensch selber geartet ist, aber doch zu gleicher Zeit wirksam sein kann innerhalb der sittlichen und der sozialen Welt. Aber will man dasjenige, was da in der Geisteswissenschaft lebt, wirklich durchschauen, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, muß man sich schon etwas Mühe geben, und daher gestatten Sie mir, daß ich, nur um meinen heutigen Gedankengang zu illustrieren, auf etwas eingehe, was in ganz objektiver Weise ohne irgendwelche Rücksicht auf die Persönlichkeiten, diesen Gedankengang etwas illustrieren kann aus einer gewissen Ecke heraus.

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Sehen Sie, man hat von den verschiedensten Seiten her geglaubt, als ich in Stuttgart davon gesprochen habe, daß ich die Auslassungen des Grafen Hermann Keyserling über mich für eine Lüge halte, man hat von verschiedenen Seiten geglaubt, ich wäre persönlich geärgert, ich rede von einer solchen Sache aus irgendwelchen persönlichen Untergründen heraus. Das war aber gar nicht der Fall, denn ich kann Ihnen die allerehrlichste Versicherung geben: Was der Graf Hermann Keyserling über mich denkt, ist mir ganz einerlei, darauf kommt es mir gar nicht an; auf eine persönliche Attacke kommt es mir dabei nicht an. Aber es kommt mir auf etwas anderes an: es kommt mir darauf an, anzuschauen die Erscheinungen, die da auftreten in unserem Leben mit Bezug auf ihren sittlichen und mit Bezug auf ihren moralischen Wert. Und da muß ich folgendes sagen: Für eine der größten Errungenschaften moderner Wissenschaftlichkeit halte ich es, daß — wenn auch nicht immer in der Praxis, so doch wenigstens in den ausgesprochenen Theorien — diese moderne Wissenschaftlichkeit zu dem Satze neigt, man dürfe nicht einfach dasjenige aussprechen, was man subjektiv für wahr hält, sondern man müsse durchaus die Verpflichtung anerkennen, die Wahrheit desjenigen, was man ausspricht, erst wirklich zu ergründen.

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Man sieht gewöhnlich nicht, daß in der Geltendmachung dieses Satzes doch etwas von außerordentlich fortschrittlichem Geiste liegt, denn wer Historiker ist, wer Naturwissenschafter ist, der kann und darf sich nicht mit der Ausrede begnügen, er habe dies oder jenes da oder dort gehört, sondern er ist verpflichtet, für dasjenige, was er sagt, die Wahrheitsbegründung anzuerkennen. Und dieser Grundsatz, er muß in unser sittliches Leben einziehen, denn wenn das sittliche Leben die Grundlage sein soll des Sozialen, dann muß die Sittlichkeit durchdringen die objektive und nicht bloß die subjektiv geglaubte Wahrheit, denn diese subjektiv geglaubte Wahrheit ist es nicht, die hinaus in das soziale Leben wirkt, sondern allein die objektiv erlebte Wahrheit. Da muß man schon sagen: Wir leben heute in dem Zeitalter, in dem die Spaltung zwischen Wissen und Glauben dazu geführt hat, daß man überall da, wo irgend jemand etwas behauptet, das er geglaubt hat und das sich nachher als objektive Unwahrheit herausstellt, sich damit entschuldigt, daß man sagt, der Mensch dürfe doch dasjenige behaupten, was er nach seinem besten Wissen und Gewissen für Wahrheit hält. - Meine sehr verehrten Anwesenden, mit diesem Grundsatz ist die Möglichkeit des Einzuges jeder möglichen objektiven Unwahrheit in das öffentliche Leben gegeben, und nur mit der Bekämpfung dieses Grundsatzes ist Moral in unser soziales Leben hineinzubringen, Moral hineinzubringen auch in unser geschäftliches, in unser ganzes wirtschaftliches Leben. Daher mußte ich — weil ich immer in Anspruch nehmen will denjenigen Wahrheitsgeist, der notwendig ist für die Anthroposophie auf der einen Seite, für das ganze moderne Leben auf der anderen Seite —, ich mußte diesen Wahrheitsgeist geltend machen gegenüber dem, was auf der charakterisierten Seite aufgetreten ist. Als Kulturerscheinung interessierte mich das, nicht als eine persönliche Sache, und als Kulturerscheinung führt das eigentlich erst zu jenem tieferen Wahrheitsbegriff, den wir heute so sehr nötig haben.

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Sehen Sie, es ist leicht zu sagen, der Graf Hermann Keyserling sei ja gar kein Gegner der Anthroposophie. Der Graf Hermann Keyserling hat mir das selber beweisen wollen einmal, daß er kein Gegner der Anthroposophie sei, und deshalb schrieb er mir vor längerer Zeit einen langen Brief. Aber dieser lange Brief war in einer Handschrift geschrieben, die ich nicht lesen konnte; die Zeilen, die quer gingen, waren immer durchkreuzt von anderen, die Buchstaben höchst schlampig und nachlässig, und ich konnte wirklich mit dem Lesen dieses Briefes nicht zu Ende kommen. Derjenige, der nicht nach willkürlichen Prinzipien, sondern der nach innerlich wesentlichen Symptomen die Welt und die Menschen beurteilen kann, der konnte sich sagen — diese Schrift ist natürlich nicht die Begründung, die ich für die zu Grunde liegenden Fakten geben will, aber sie ist ein Symptom —: diese Schrift, und die Art, einen solchen Brief zustande zu bringen, gibt nicht die menschliche Grundlage ab für dasjenige, was von gewissen Seiten dem Grafen Hermann Keyserling zugeschrieben wird. Und wenn man dann an seine Werke herangeht, dann findet man etwas, dann findet man dasjenige, was ich jetzt für mich als meine Überzeugung ausspreche: Wenn der Graf Hermann Keyserling sagen würde, er sei ein ganz abgefeimter Gegner und Feind der Anthroposophie, meine sehr verehrten Anwesenden, ich würde ihm das glauben und ich würde das ganz gerechtfertigt finden, denn derjenige, der die Bücher des Grafen Keyserling schreibt, kann kein Anhänger und kann kein objektiver Beurteiler der Anthroposophie sein. Wenn er aber doch sagt, er sei kein Gegner, so sagt er eben eine objektive Unwahrheit. Wenn der Graf Hermann Keyserling sagt, er sei kein Gegner der Anthroposophie, so ist das für mich viel mehr für seine Unwahrhaftigkeit ausschlaggebend, als wenn er ehrlich sagen würde, er müsse ein Gegner sein. Denn daß es Gegner geben muß, das sehe ich ein; daß es aber Leute gibt, zahlreiche Leute, die heute sogar Mode werden, welche als äußere Wahrheit einfach das Gegenteil von dem sagen, was nun ihre innere Wahrheit ist, das widerstrebt dem Prinzip der Anthroposophie, daß überall auf die innere und nicht auf die äußere Wahrheit, die dann keine Wahrheit, sondern nur eine Scheinwahrheit ist, gesehen wird.

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Ich wollte dies hervorheben, meine sehr verehrten Anwesenden, aus dem Grunde, damit man nicht immer dasjenige, was der innerste Impuls anthroposophischer Gesinnung ist, verkenne, und damit man wisse, diese anthroposophische Gesinnung rührt an den Nerv der gegenwärtigen Welt, und sie macht den Anspruch, nicht nur dasjenige, was schon gesagt worden ist, in demselben Sinne zu sagen, sondern es in einer von dem Geiste der Zeit geforderten Weise zu sagen; der verlangt aber, daß wir sogar über Lüge und Wahrheit neu denken lernen.

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Das aber ist dasjenige, was uns einzig und allein leiten kann, wenn wir an ein so wichtiges Problem herantreten, wie die Anthroposophie als moralische und soziale Gestaltungskraft es ist. Denn da müssen wir schon hinschauen auf die Tatsache, daß die Anthroposophie nicht nur diese moderne Wissenschaftsgesinnung, diesen modernen Wissenschaftsgeist zu dem ihrigen macht, sondern daß sie dasjenige, was als Keim schon in dieser modernen Wissenschaft liegt, auch ausbildet, diesen Keim immer mehr und mehr entwickelt, während dieser Keim eben von dieser modernen Wissenschaft nicht zur Ausbildung gebracht wird. Daher ist Anthroposophie, meine sehr verehrten Anwesenden, in ihrem Anfange ganz so wie die moderne Wissenschaft, aber indem sie gerade innerlich das Wesen dieser modernen Wissenschaft ergreift, führt sie in ihrem weiteren Verlaufe dahin, wo zu verstehen sind nun nicht mehr nur die Tatsachen der äußeren Natur, sondern wo zu verstehen sind auch die Tatsachen des inneren Menschenlebens, zum Beispiel die Instinkte oder der Wille.

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Und nicht anders werden wir auf der einen Seite zum Erfassen des wahren Kernes der Anthroposophie kommen, auf der anderen Seite zur Erkenntnis der moralischen und der sozialen Impulse der Anthroposophie, als wenn wir einsehen, wie der [Wissenschafts-]Geist, der sonst nur die äußeren Naturtatsachen ergreift, sich nun umgestaltend, sich metamorphosierend hinein erstrekken kann [in das], was der Mensch zum Beispiel in seinen Instinkten, in seinen Willensimpulsen ist; denn das hängt zusammen mit dem eigentlichen Charakter unserer gegenwärtigen Zeitepoche, die etwa im 15. Jahrhundert begonnen hat, und in der wir heute noch immer drinnen stehen. Im 15. Jahrhundert wurden die ersten Keime des modernen Wissenschaftsgeistes gelegt, und dieser moderne Wissenschaftsgeist, er mußte sich — ich kann das jetzt nicht weiter ausführen, an anderen Orten habe ich es vielfach ausgeführt —, dieser moderne Wissenschaftsgeist, er mußte sich zunächst einseitig ausbilden. Er mußte die innere Seelenverfassung so ausbilden, daß sie geeignet ist, den Zusammenhang der äußeren Naturerscheinungen gesetzmäßig zu verfolgen. Damit diese einseitige Kraft des menschlichen Seelenlebens bei aller ihrer Einseitigkeit sich kraftvoll ausbilden konnte, mußten eine Weile zurückbleiben die anderen Kräfte des menschlichen Lebens und der menschlichen Organisation.

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Einseitig hat sich zunächst ausgebildet dasjenige, was den Menschen dahin gelenkt hat, an die Stelle eines alten instinktiven Seelenlebens ein bewußtes Seelenleben treten zu lassen. Man mag noch so viel deklamieren darüber, daß der Mensch dadurch seine Naivität verloren habe, daß die Bewußtheit anstelle des alten Instinktiven getreten ist. Ein solches Deklamieren hat keinen anderen Wert, als wenn man sich darüber beklagt, daß man früher 20 Jahre alt war und so und so ausgesehen hat, und jetzt älter ist. Diese Dinge lassen sich nicht bekritteln, sondern müssen einfach in ihrer Notwendigkeit erkannt werden. Die Menschheit mußte vom 15. Jahrhundert ab in die Bewußtheit übertreten, und sie tat das zunächst auf dem Gebiete des Vorstellungslebens. Aber auch dieses Vorstellungsleben war früher in das instinktiv-getragene Leben hineinversetzt. Wer wirklich kennt das Gesamte des Zivilisations- und Kulturlebens, das dem 15. Jahrhundert vorangegangen ist, einschließlich des griechischen, der weiß, wie die sämtlichen Kräfte der Menschenseele dazumal aus dem Instinktiven heraus wirkten, wie auch dasjenige, was man wissenschaftlich nannte, im Verhältnis zu heute in einer gewissen Beziehung viel mehr aus dem Instinktiven, aus der instinktgetragenen menschlichen Seelenverfassung heraus wirkte. Und in dieser instinktgetragenen menschlichen Seelenverfassung, in der eine über den Menschen hinausgehende Weltennotwendigkeit wirkte, hat sich bis zum 15. Jahrhundert annähernd, indem die Menschen gewirkt haben im sozialen Leben, immer eine Art von Dreigliederung dieses sozialen Lebens ergeben. Die Instinkte haben, ich möchte sagen mit naturhafter Sicherheit — wenn ich mich dieses nicht ganz ordentlichen Ausdrucks bedienen darf — gewirkt. Die Menschen haben aus den Instinkten heraus sich dem sozialen Organismus eingefügt, und durch dasjenige, was sie getan haben dabei, was sie bewirkt haben — sei es in diesen oder jenen Lebensstellungen, die selber dadurch entstanden sind, daß die Menschen aus den Instinkten heraus gewirkt haben —, ist eine gewisse Gliederung des sozialen Organismus nach der geistigen Sphäre hin, nach der rechtlichstaatlichen Seite und nach der wirtschaftlichen Seite entstanden.

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Diese Dreigliederung, von der heute aus der Bewußtheit heraus gesprochen werden muß, sie war — wenn das auch heute manchen Leuten, die eben die Dreigliederung gar nicht durchschauen, nicht anschaulich wird —, sie war im Grunde genommen vorhanden, und der Mensch des instinktiven Zeitalters empfing, indem er sich hineingestellt fühlte in das soziale Leben, dasjenige, was er brauchte zur Befriedigung seiner Vorstellungs-, [seiner seelischen] und seiner Willensbedürfnisse, das empfing er aus einem geistigen Gliede des sozialen Organismus, aus einem staatlich-rechtlichen und aus einem wirtschaftlichen. Sie waren in Wirklichkeit in einem Verhältnisse, wie es eben die damalige Menschheit aus ihren Instinkten heraus verstand und wie es sie ihren Veranlagungen nach befriedigen konnte. Es ist natürlich heute mit dieser alten Gliederung nichts mehr anzufangen.

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Nun aber kam die neuere Zeit. Es kam die Zeit, in der die Menschen einseitig das Vorstellungsleben ausbildeten. Es kam die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts, das 16., 17. Jahrhundert, zum Teil auch noch das 18. Jahrhundert. Unter dem ins Bewußtsein übergegangenen Vorstellungsleben glimmte noch fort dasjenige, was als Erbschaft von den alten Instinkten übrig geblieben war. Und ich möchte sagen, ein Instinktartiges wirkte im Sittlichen, im Sozialen herauf noch, während der Mensch über diese Welt hinwegzog und anschaute dasjenige, was nun schon aus seinem vollbewußten Vorstellungsleben herauskam. Aber seither, seit dem 18, Jahrhundert sind diese Instinkte vollständig verglommen, und dasjenige, was geblieben ist, sind nur die abstrakten Traditionen. Wir leben ja heute nicht mit einer elementar erzeugten Sittlichkeit und Gerechtigkeit der sozialen Welt, wir leben, weil die Instinkte nicht mehr tätig sind, die früher soziale Ordnungen aufgerichtet haben, wir leben auf diesem Gebiete eigentlich in Traditionen. Und so sehr die Marxisten auch glauben, sie lebten in den Marxismen — sie leben in urältesten Traditionen, was man schon daraus sehen kann, daß sie immer die Bedingungen des sozialen Lebens herauserklären wollen aus der Urgeschichte der wilden und barbarischen Völker.

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Das ist dasjenige, was sich heraufentwickelt hat bis in unsere neueste Zeit. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, hat aber auch dahin geführt, daß der Mensch jetzt nur mit seinem Vorstellungsvermögen, das einseitig entwickelt ist, an das soziale, an das sittliche Leben herantreten will, und daß aus der alten Tradition heraus daneben sittliche Einrichtungen, soziale Einrichtungen entstanden, für die nur noch Traditionen da sind, mit denen das Menschenleben in seiner Wirklichkeit gar nicht mehr zusammenhängt. Und während der Instinkt, die instinktgetragene Seelenverfassung aus einer Weltnotwendigkeit heraus das Geistige neben das Rechtliche, neben das Ökonomische hingestellt hat, fehlt jetzt dem noch nicht voll ausgebildeten Vorstellungsleben, dem einseitig entwickelten Vorstellungsleben die Möglichkeit, diese Gliederung des sozialen Organismus zu durchschauen. Chaotisch mischt sich durcheinander dasjenige, was der Mensch denken kann und dasjenige, was er an Traditionen hat. Er hat nicht den Impetus, die richtige Charakteristik zu sehen des geistigen, des rechtlich-staatlichen, des ökonomischen Lebens, und er hat sie in der neuesten Zeit in allen staatlischen Gebieten in ein Chaos durcheinandergemischt.

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Dieses Chaos, das ist die neueste Phase der Entwickelung des sozialen Organismus. Der Mensch, der in die soziale Ordnung hineingestellt ist, will aus seiner Menschennatur heraus von dem Geistesleben empfangen, was dieses nur in seiner Freiheit ihm geben kann; er will vom rechtlich-staatlichen Leben empfangen, was dieses ihm nur geben kann, wenn alle mündig gewordenen Menschen mitsprechen können, und vom wirtschaftlichen Leben, was dieses nur geben kann, wenn es aus Sach- und Fachkenntnis heraus in Assoziationen gebildet ist. Alles, was der Mensch seiner Wesenheit gemäß nur aus einem richtig gegliederten sozialen Organismus empfangen kann, das soll er heute empfangen aus einem Chaos, aus einer chaotischen Gestaltung dieses sozialen Organismus.

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Das aber, meine sehr verehrten Anwesenden, das gibt den tiefsten Grund ab für die Krisis, in der wir heute drinnenstehen; denn alles dasjenige, was Sie schildern können auf dem Gebiete des Schulwesens, auf dem Gebiete des freien Geisteslebens, soweit es sich noch in seiner Freiheit erhalten hat, alles dasjenige, was Sie schildern können auf dem Gebiete des Geschäftslebens, der anderen Wirtschaftszweige, all das sind Spezialkrisen gegenüber der großen Krise, [die darin besteht,] daß der Mensch heute, ohne daß die breite Masse es eigentlich weiß, hineingestellt ist in ein soziales Chaos, das seine innerste Wesenheit eigentlich ablehnt. Und dieses Ablehnen, das äußert sich in den revolutionären, sozialrevolutionär wirkenden Kräften der Gegenwart. Und so lange man nicht einsehen wird, daß in dieser neuzeitlichen Ohnmacht des Menschen, die Gliederung des sozialen Organismus zu durchschauen, die Grundlage für unsere gegenwärtige Weltenkrisis liegt, wird man auch kein Verständnis haben können für die bessernden Kräfte dieser Weltenkrisis gegenüber.

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Innerhalb der Dreigliederung des sozialen Organismus ist aber ein Gebiet, das in anderer Weise wirkt als die anderen: das ist das Wirtschaftsgebiet. Das Wirtschaftsleben, das Waren erzeugt nach den menschlichen Bedürfnissen, das unterliegt einer gewissen Notwendigkeit. Diese Bedürfnisse entstehen. Dieses Wirtschaftsleben, es gibt sich noch immer im Grunde genommen seine sozialen Impulse so, wie es sie sich ehemals gegeben hat nach alten Traditionen. Darauf muß der Mensch sehen. Da hat er keine Freiheit, da hat er keine Willkür. Mit Bezug auf das rechtlich-staatliche Leben, und insbesondere mit Bezug auf das Geistesleben kann er die Aufmerksamkeit aber ablenken von demjenigen, was wirklich seinem Wesen gemäß ist, und durch die Gründe, die ich angegeben habe, hat die neuere Menschheit ihre Aufmerksamkeit abgewendet von der Gliederung des sozialen Organismus. So ist das zutage getreten, daß dieses Abwenden zunächst nur bewirkt hat die Vernachlässigung des Fortschrittes im Geistes- und Rechtsleben, daß aber das Wirtschaftsleben eben, wie es bei dieser Vernachlässigung nicht anders sein konnte, so fortgehen mußte, wie es eben in einseitiger Weise fortgehen konnte. Und so haben wir heute ein öffentliches Denken, das im Grunde genommen keine Aufmerksamkeit hinwendet auf das geistige und auf das rechtlichstaatliche Leben, sondern das in alten Formen, in alten Traditionen weiterarbeitet, und das sich zwingen läßt durch die naturhaft-wirtschaftlichen Notwendigkeiten, alles, was es denkt, auf Kongressen, auf sonstigen Zusammenkünften, was es denkt bei Kriegs- und Friedensentschließungen, einzig und allein im Lichte dieses Wirtschaftslebens zu sehen.

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Und dasjenige, wodurch der Mensch früher wahrhaftig eingreifen konnte in das soziale Leben, das waren ja die Instinkte, das war der Wille. Anthroposophie zeigt uns, wie der Mensch, indem sein Wille, indem seine Instinkte wirken, fortwährend aus einem Unterbewußten heraus schöpft, geradeso wie er die Kräfte aus dem Schlaf, der auch ein unterbewußter Zustand ist, herausschöpft. Anthroposophische Erkenntnis muß dasjenige, was der Mensch in bezug auf die eigentliche Wesenheit seines Willens erlebt, durchaus in Parallele setzen mit demjenigen, was er den Schlaf nennt. Es ist ein Schlaf, den wir fortwährend in uns herumtragen, indem wir unsere Willensimpulse aus dem Unbewußten heraus wirken lassen, geradeso wie die Erfrischungskräfte, die an unser Leben herantreten, herauswirken aus dem, was wir im Schlafe gewinnen. Aber in bezug auf das soziale Leben war dieses Unbewußte nur in einem gewissen Zeitraum möglich, es ist nicht mehr möglich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts.

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Und hier gibt sich Naturwissenschaft einer großen, einer gewaltigen Illusion hin: sie möchte alles naturwissenschaftlich erklären, sie möchte in dieses naturwissenschaftliche Erklären auch den Menschen einspannen, und aus den Grundsätzen heraus, die sie sich gebildet hat über die Naturtatsachen, möchte sie nun den Instinkt, möchte sie den Willen erklären. Sie konstruiert Anschauungen über Instinkt und Wille, die eigentlich nur fortgeführte Anschauungen über das äußere Naturdasein sind. Aber anthroposophisches Geistesanschauen zeigt uns, daß Instinkt und Wille in ihrer tieferen Wesenheit im Geistigen und nicht im Naturhaften, das wir mit der Naturwissenschaft einzig und allein erreichen können, wurzelt. Instinkt und Wille wurzeln im Geiste; sie gliedern sich nur ein im Menschen. Sie enthüllen sich im Menschen in einer naturhaften Schale. Einzig und allein an diese naturhafte Schale dringt die Naturwissenschaft heran, an das eigentliche Wesen von Instinkt und Wille dringt sie gar nicht heran. Aber indem Anthroposophie den Weg nimmt von der äußeren Naturwissenschaft zu einer Geisteswissenschaft, wird es ihr möglich, nicht bloß zu durchschauen die Schale, die Hülle von Instinkt und Wille, sondern die wahre Wesenheit von Instinkt und Wille. Und damit bringt sie nicht nur herauf in ein abstraktes Denken dasjenige, was als Instinkt und Wille wirkt, dadurch tritt lebendig in das Vorstellungsleben ein das Wesen von Instinkt und Wille. Anthroposophie beginnt wie die modernste Wissenschaftlichkeit als Wissen; in der weiteren Fortführung ihres Weges führt sie zum Leben, führt sie den Menschen dazu, daß er untertaucht in diejenigen Tiefen, wo geistig im Geiste wurzeln Instinkt und Wille. Sie darf, weil sie etwas Lebendiges ist, mit Fichte sagen: Welche Anschauung man sich bildet, das hängt davon ab, was man für ein Mensch ist —, denn sie bringt es dahin, durch ihre Lebendigkeit im Sinne dieses Ausspruches wirken zu dürfen und dennoch fruchtbar werden zu können für das moralische, für das soziale Leben.

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Was man für einen Kopf hat, meine sehr verehrten Anwesenden, das hängt zu einem gewissen Teil ab davon, wie der übrige Organismus des Menschen beschaffen ist. Aber wenn man sich nur einseitig an dasjenige hält, was im Kopfe lebt, so kommt man nicht dazu, den übrigen Organismus zu erfassen; dann wirkt der übrige Organismus wie ein Unbekanntes. So wirkt dasjenige, was unterhalb des Vorstellungslebens im Willen wirkt, für den modernen Wissenschaftsgeist noch als ein Unbekanntes. Wenn also diese moderne Wissenschaft so wirkt, wie der Mensch geartet ist, so durchschaut sie nicht, daher durchlebt sie auch nicht, was in der Willensnatur des Menschen ist, denn sie dringt nicht in diese Willensnatur des Menschen ein. Indem Anthroposophie vom Wissen zum vollen Leben aufsteigt, fließt sie mit dem ganzen menschlichen Bewußtsein in den Strom von Instinkt und Willen ein, macht diese selbst bewußt, und man erlangt dadurch die Möglichkeit, nicht nur an seinem Denken, sondern an seinem ganzen Menschen zu arbeiten. Dann aber, wenn wir eine Wissenschaft haben, die an dem ganzen Menschen arbeitet, dann entsteht, während wir denken, an dem anderen Menschen dasjenige, was nun wiederum dieses Denken beeinflussen darf. Dann wirkt Wissen und Leben wie ein Organisches, wo das eine das andere gleichzeitig bedingt, nicht nacheinander. Dann darf in diesem organischen Zusammenwirken Philosophie, auch Sitten-Philosophie, auch MoralPhilosophie dasjenige sein, was der Mensch aus ihnen machen kann vermöge seiner Artung.

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Das, meine sehr verehrten Anwesenden, das sind die Dinge, auf die hingesehen werden muß, wenn man Anthroposophie erkennen will als Moralimpuls und Sozialimpuls. Das ist es, was Anthroposophie glaubt, in dieser Beziehung unserer Zeit zu sagen zu haben, gegenüber dem sie sich verpflichtet fühlt, es unserer Zeit zu sagen. Und sie muß der Überzeugung sein, daß nicht eher die Möglichkeit kommt, die aufbauenden Kräfte an die Stelle der niederdrängenden zu setzen, ehe nicht die Menschen sich dazu entschließen, wenn sie wirtschaftliche Fragen besprechen, hinzuschauen darauf, was dem geistigen, was dem Rechtsleben frommt, ehe sie nicht, wenn sie wirtschaftliche Fragen besprechen, ein richtiges Herz haben für dasjenige, was allein Rechtens werden kann, und was nur entspringen kann aus dem Zusammenklang aller mündig gewordenen Menschen im selbständigen Rechtsleben, ehe sie nicht ein tiefes Gefühl haben dafür, daß echtes Geistesleben nur gedeihen kann, wenn es auf sich selbst gestellt ist, daß die drei nur zusammenwirken können, wie sie einstmals aus dem Instinkte zusammengewirkt haben, wenn das Bewußtsein aus dem Menschen heraus den Weg findet zu den Weltengeheimnissen, zu denen es einst den Weg gefunden hat, als es noch bloß instinktartig wirkte.

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Diese Zeit wird diejenige sein, in der nicht mehr von der Welt angestaunte Menschen wie Woodrow Wilson — wenigstens war er es, wenn er es auch nicht mehr ist — die staatliche Verwaltung des Schulunterrichts dadurch rechtfertigen, daß sie sagen: nur der Staat sei imstande, jene Bedingungen der Freiheit herzustellen, durch die das freie Individuum leben kann. - Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, eine solche Freiheit will man da nur walten lassen, die bedingt ist, das heißt notwendig gemacht ist durch staatliche Einrichtungen.

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Und weiter sagt Woodrow Wilson in seinem großen, 1889 erschienenen Buch «Der Staat», weiter sagt er: der Staat dürfe die Schulen nicht aus der Hand geben, denn dasjenige, was der Staat braucht für seine Macht, für seine autoritative Wirksamkeit, das kann er am besten durch den Besitz des Schulunterrichts erreichen.

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Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wer empfindet, was Freiheit des Geisteslebens sein soll und sein muß, muß sich auflehnen gegen eine Maxime, die sagt: der Staat muß den Kindern dasjenige eintrichtern, was er für seine Erhaltung braucht —, denn damit sagt er: der Staat muß in den Schulen dasjenige begründen, was nicht Freiheit des Geisteslebens, was die tiefste Unfreiheit des Geisteslebens ist.

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Solange nicht Wissenschafter auch ein Auge, ein Seelenauge dafür haben, daß hinaufgeschaut werden muß zu demjenigen, was man über das Geistige, über das Rechtliche denkt, solange kann nicht Besserung werden in unserem heutigen sittlichen Leben, das dem sozialen zugrunde liegt, und in diesem sozialen Leben selbst, denn wir brauchen nicht nur ein Kritisieren der alten Moralinstinkte, ein Kritisieren der alten sozialen Begriffe, wir brauchen Schöpfungen neuer sittlicher Impulse und neuer sozialer Impulse. Die können aber, weil sie im Geiste wurzeln, nur durch eine Wissenschaft, durch eine Erkenntnis kommen, welche, indem sie die menschliche Erkenntnis selbst vergeistigt, auch fähig ist, in die geistige Welt einzudringen.

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Cite: GA 77b/1921-08-26 · edition original