15. Goethes Aufsuchen der Tiefen des Werdens und der Weltgeheimnisse in Seinem «Faust» Die Luziferische und die Ahrimanische Verführung

GA 272/1916-09-11 · 1916-09-11 · original · 60 passages · 7890 words
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## GA 272 — 11 September 1916, Dornach

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nach einer eurythmischen Darstellung der Szenen «Mitternacht» und «Grablegung»

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Es wäre natürlich sehr viel zu sagen, wenn man alles ausschöpfen möchte, was gerade in diesen Schlußszenen des Goetheschen «Faust» liegt, wenn man in diesem Zusammenhang auf alle Perspektiven hinweisen wollte, die sich für die Geisteswissenschaft ganz naturgemäß ergeben aus den Gedanken, die da fließen aus diesen Schlußszenen. Von der Fülle dessen, was zu sagen wäre, will ich heute noch einiges herausholen. Ich möchte aber durchaus nicht die Vorstellung hervorrufen, als ob es sich dabei um eine völlige Erschöpfung dieser Dinge handeln könnte.

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An zwei Tatsachen der Erdenentwickelung müssen wir besonders anknüpfen, wenn wir diese Schlußszenen verstehen wollen, an zwei wichtigste Tatsachen der Erdenentwickelung. Wir haben schon auf sie hingewiesen. Die erste Tatsache liegt in der lemurischen Zeit, die zweite liegt in der atlantischen Zeit. Wir wollen sie heute nur, soweit wir sie brauchen, charakterisieren. Die Tatsache der lemurischen Zeit, von einem gewissen Gesichtspunkte aus gekennzeichnet, besteht darin, daß durch all die Ereignisse, die nachgelesen werden können in der «Geheimwissenschaft im Umriß» oder in unseren Zyklen, die Menschen gewissermaßen tiefer in die Materie herein sich organisiert haben, als es vorausbestimmt war. Das ist geschehen durch den luziferischen Impuls. Durch diesen Impuls ist gewissermaßen die eine der Absichten erfüllt worden, auf die Mephistopheles hinweist mit dem, wovon er sagt, daß er es mit den andern zusammen unternommen habe in tiefverruchten Stunden, als Vernichtung ersonnen wurde dem menschlichen Geschlecht. Damit, daß die Menschheit sich tiefer in die Materie hereinorganisierte, als es ihr eigentlich vorbestimmt war, verband sich das menschliche Bewußtsein mit alldem, was das Dasein des Menschen in der Erdenentwickelung bedeutet, in anderer Weise, als es hätte sein sollen. Wir haben öfter darauf hingewiesen, daß dadurch, daß dieser luziferische Impuls gegeben worden ist, der Mensch ein ganz anderes Bewußtsein verbindet mit der Generation, mit der geschlechtlichen Fortpflanzung. Es wurde dazumal sozusagen die geschlechtliche Fortpflanzung in das Bewußtsein hereingeholt, und dadurch wurde sie in gewissem Sinne, man kann schon sagen aus einer übersinnlichen Tatsache zu einer sinnlichen Tatsache gemacht. Das ist das erste.

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Die Tatsache, die dann in der atlantischen Zeit vorliegt, besteht darin, daß, indem der Mensch nun schon in der Sinnlichkeit tiefer organisiert war, als es ihm vorbestimmt war, er seinen ganzen Organismus so ausbildete, daß die Verahrimanisierung, könnte man sagen, so stattfinden konnte, wie wir es oftmals beschrieben haben, daß der Mensch seine geistigen Kräfte mit den sinnlich-physischen Naturkräften und Naturtatsachen verband. Sie wissen, daß in der Bibel die erste Tatsache ausgedrückt wird durch das Bild, das gegeben wird über die luziferische Verführung, das in den Worten hauptsächlich charakterisiert ist, die Luzifer spricht mit Bezug auf das Menschengeschlecht: Eure Augen werden aufgetan sein, und ihr werdet unterscheiden das Gute und das Böse. Eure Augen werden aufgetan sein - in diesem Hereinnehmen der Sinnlichkeit in das Bewußtsein mit dem Aufgetanwerden der Augen liegt eben der Fall der Menschheit in die Materie. Also jetzt war die Menschheit tiefer in die Materie hineingefallen, als es ihr vorbestimmt war. Es war der Menschheit vorbestimmt, zu schauen die materielle Welt von außerhalb der materiellen Welt. Durch die luziferische Verführung ist die Menschheit gesunken in die materielle Welt, und dürch das Ahrimanische der atlantischen Zeit ist dann innerhalb des Materiellen eine Verwandtschaft des Menschen mit dem Materiellen eingetreten, die nur gewissermaßen im geistigen Gegenbild oben hätte stattfinden sollen. Was sich oben hätte vollziehen sollen, gewissermaßen schwebend über dem Materiellen, hat sich in dem Materiellen vollzogen.

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Das erste also ist dadurch ausgedrückt, daß über dem Menschen die Worte gesprochen worden sind: Eure Augen werden aufgetan sein, und ihr werdet unterscheiden — äußerlich — in der sinnlichen Anschauung das Gute und das Böse. - Das zweite wird ausgedrückt in der Bibel, wie Sie wissen, dadurch, daß gesagt wird: Und die Söhne der Götter fanden, daß die Töchter der Menschen schön seien, und sie verbanden sich mit ihnen in der Materie. — Das ist das biblische Wort, welches, ich möchte sagen mit Anlehnung an den Menschen und das, was im Menschen wohnt, eine breite Tatsache ausdrückt. Denn in dieser breiten Tatsache ist alles ahrimanische Wirken im Menschengeschlecht zugleich mit inbegriffen. Durch dieselbe Kraft, mit der die himmlische Liebe hineingesunken, -gezogen ist in die Materie und zur irdischen Liebe geworden ist, durch die Kraft, die der Tatsache der Verwandlung der himmlischen Liebe zur irdischen Liebe zugrunde liegt, durch diese Impulse, diese Tatsache wurde zugleich das bewirkt, daß in einer irdischen Weise der Intellekt des Menschen sich verbindet mit der Materie und die materialistische Form der Wissenschaft schafft. Ohne daß die ahrimanischen Impulse im Menschen Platz gegriffen hätten, die ausgedrückt werden durch ihre gewissermaßen menschlichste Tatsache: Und die Söhne der Götter fanden, daß die Töchter der Menschen schön seien, und sie verbanden sich mit ihnen im Fleische -, ohne daß die Impulse in das Menschengeschlecht eingezogen wären, wären auch die Impulse nicht eingezogen, die den menschlichen Intellekt dazu verwenden, alle möglichen Instrumente zu erzeugen, die nur Zusammenfügungen von materiellen Kräften sind, und die darin bestehen, daß man bloß maschinenmäßig alles mögliche erzeugt zu jedem beliebigen Zwecke, wenn auch dieser Zweck die Vernichtung des menschlichen Geschlechtes ist. Es würde, wenn diese ahrimanische Verführung nicht geschehen wäre, nicht möglich geworden sein auf der Erde, daß Mordinstrumente und dergleichen ersonnen worden wären, weil, wenn die Menschen die Verwandtschaft behalten hätten zwischen dem Intellekt und dem Schaffen da oben, nicht da unten in der Materie, sie auch nicht den Intellekt in die Materie hineingießen würden, um solche Gebilde zu schaffen, wie sie in unseren bloß dämonischen Mechanisinen geschaffen werden, die eine immer größere Rolle in der Vermaterialisierung der menschlichen Kultur spielen. So wie alles, was Verwirrungen und Verirrungen des menschlichen Affekt-, Leidenschaftslebens ist, des menschlichen emotionellen Lebens, ausgedrückt ist durch die Tatsache: Und Eure Augen werden aufgetan sein, und ihr werdet unterscheiden — äußerlich, sinnlich unterscheiden — das Gute und das Böse -, so sind alle die Tatsachen, die gewissermaßen aus dem Hochmut der Menschen heraus und aus der ahrimanischen Natur der Menschen heraus wie große Fortschritte der Menschheit angestaunt werden, die rein mechanische Kultur, aus demselben Prinzip, aus dem heraus ist, was angedeutet ist in der Bibel: Und die Söhne der Götter fanden, daß die Töchter der Menschen schön seien, und sie verbanden sich mit ihnen im Fleische. — Die Urkunden drücken diese Dinge in ihrer Art aus. Auf einem gewissen Gebiete leuchten sie dahin, wo diese Impulse liegen, aber diese Impulse sind im weiten Umkreise geltend. Im jetzigen Zeitalter, wo die Menschheit Luziferisches und Ahrimanisches überwinden soll — und dieses muß voll erkannt werden -, in unserer Zeit muß eine klare Einsicht immer mehr und mehr Platz greifen über das, was da geworden ist durch das Auftun der Augen, durch das Verbinden der Göttersöhne mit den Töchtern der Menschen, das heißt, durch das Heruntersteigen der himmlischen Liebe zur irdischen Liebe. Ein klares Verständnis muß sich darüber verbreiten.

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Und an die Notwendigkeit dieses klaren Verständnisses reichte Goethes Empfinden heran. Gerade als er die letzten Szenen des «Faust» dichtete, reichte sein instinktiv-empfindungsgemäßes Erkennen heran. Das ist so unendlich bedeutsam. Um was kann es sich also handeln? Sie wissen, damit erreicht man nichts, daß man sagt: Oh, ich fliehe das Luziferische, ich fliehe das Ahrimanische. -— Das ist törichtes Gerede, denn das kann man nicht, man kann nur das Gleichgewicht herstellen zwischen beiden. Man muß also das Luziferische durch das Ahrimanische allmählich paralysieren im weiteren Fortschreiten der Menschheitsentwickelung, und umgekehrt das Ahrimanische durch das Luziferische paralysieren. Das empfand Goethe und das geheimnißte er hinein in die letzten Szenen seines «Faust».

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Erinnern wir uns noch einmal an die ergreifend erschütternde Szene mit der Sorge. Erinnern Sie sich, wie einmal ausgeführt worden ist in einem früheren Zyklus, daß das dem Ahriman-Mephistopheles rechtmäßig zugehörige Reich das Reich des Todes ist. Also in einer gewissen Weise gehört Vernichtung, Sterben schon zum Reiche des Ahriman; er darf nur nicht in deplacierter Weise seine Impulse anwenden. Wenn er sie anwendet auf Orte, wo sie nicht hingehören, dann entsteht das

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Schlimme. Nun läßt Goethe Mangel, Not, Schuld in dem Augenblicke abgehen, wo der physische Leib sich beginnt zu lockern von dem Geistig-Seelischen. Damit zeigt er an, daß er die Verbindungen kennt, die gerade für das im Leib verbrachte physische Erdenleben bestehen zwischen dem Menschen und Mangel, Not und Schuld. Aber als die Seele schon gelockert ist, als schon gesagt ist von den dreien, daß der Tod heranziceht, da bleibt noch die Sorge, die aber doch wiederum verschwistert ist mit den andern. Sie bleibt gewissermaßen in der Zeit, in welcher der Tod schon wirkt. Sie ist aus dem berechtigten Reich des Ahriman hereingesendet, die Sorge. Ahriman könnte nichts Schlimmeres für den Faust tun, als die Sorge verhindern, über den beginnenden Tod des Faust mit dem Faust zu bleiben, denn darin liegt das Hereinspielen ganz geheimnisvoller Kräfte. Hier wird an ein tiefes Mysterium gerührt. Was tut die Sorge? Die Sorge, die auch von Mephistopheles-Ahriman, wie alle grauen Weiber, herangebracht ist, denn bis dahin dauert die Magie des Mephistopheles noch, was tut die Sorge? Sie macht an Faust zunichte, was Luzifer bewirkt hat, sie macht ihm die Augen wieder zu. Denken Sie, welche Tiefe der Weltanschauung hier liegt! Das, was durch Luzifers Impuls an den Menschen herangekommen ist, wird nun durch einen Impuls Ahrimans auf dem Umwege durch die Sorge paralysiert. Der Mensch ist sehend geworden auf physischem Gebiete durch Luzifer. Jetzt wird er durch die aus dem ahrimanischen Reich hereingeholte, hereingeschickte Gestalt wiederum blind gemacht, das heißt innerlich sehend gemacht.

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> Allein im Innern leuchtet helles Licht.

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Eine ungeheure Tiefe ruht in dieser Sache. Und so sucht Goethe wirklich in diesem sterbenden Faust an einem Menschen nicht ungeschehen zu machen, aber so zu gestalten das Luziferische, daß es im Gleichgewicht mit dem Ahrimanischen ins Leben hereintritt. Und jetzt spricht die Sorge gewissermaßen ein tiefes Wort aus, um das zu interpretieren, was sie tut. Luzifer hat einst gesagt: Ihr Menschen werdet sehend sein dadurch, daß eure Augen aufgetan werden. — Was sagt die Sorge? Die Sorge stellt dem Luziferischen das Ahrimanische entgegen. Die Menschen sind zwar äußerlich-physisch sehend geworden, aber in geistiger Bezie hung blind, und das sind sie das ganze Leben hindurch. Wodurch kann es überwunden werden, dieses Blindsein? Dadurch, daß man mit Bewußtsein hineintaucht, daß man es faßt, daß man es erkennt, dadurch tritt wiederum geistiges Sehen, geistiges Schauen ein. Nun spricht die Sorge ein Wort aus, von dem man schon mit einem gewissen Rechte sagen könnte, es klingt zunächst gleich geheimnisvoll für Kluge und für Toren:

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> Die Menschen sind im ganzen Leben blind, > Nun, Fauste, werde du’s am Ende!

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So scheint die Sorge zu sprechen:

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> Die Menschen sind im ganzen Leben blind, > Nun, Fauste, werde du’s am Ende!

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Man kann nichts Rechtes zunächst daraus machen aus diesen zwei Sätzen. Man frägt sich: Was soll es eigentlich heißen? — Also physisch sind die Menschen das ganze Leben sehend, aber das nennt die Sorge blind.

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> Nun, Fauste, werde du’s am Ende!

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Er wird nun wirklich blind. Sie wendet das Wort in einer ganz andern Weise an, aber sie meint eigentlich, daß er sehend wird innerlich. Es kommt darauf an, daß man nun diese Sätze in der richtigen Weise zu lesen lernt. Und das besteht darinnen:

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> Die Menschen sind im ganzen Leben blind, > Nun, Fauste, werde du’s am Ende!

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In dem Werden liegt das Erleben. Die Menschen, für die ist es eine gegebene Tatsache: sie sind blind. Aber Faust soll nicht blind sein, sondern erleben das Hineingehen in die Blindheit. Werde blind, erlebe werdend diesen Zusammenhang zwischen Sehend-sein und Blind-sein. Nehmen Sie dieses Wort und knüpfen Sie es an ein anderes Wort:

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> Doch ihr, die echten Göttersöhne, > Erfreut euch der lebendig reichen Schöne! > Das Werdende

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- auf das wird hingewiesen! —

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> Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, > Umfaß’ euch mit der Liebe holden Schranken.

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Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, das wird als das Geistige, als der Widerschein des Geistigen gefaßt im «Prolog im Himmel», dieses Werdende, das wird jetzt über Faust ausgegossen durch die Sorge:

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> Die Menschen sind im ganzen Leben blind, > Nun, Fauste, werde du’s am Ende!

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Das ist etwas anderes, wenn man werdend erlebt den Zusammenhang zwischen sehend und blind, als wenn man ihn nicht erlebt, sondern in der sehenden Blindheit nur darinnen ist,

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Man kann, wenn man mit Goethe gut bekannt ist, seine eigentümlichen Empfindungen gegenüber Sein und Werden wohl nachfühlen, und dann hat man gerade an dieser Auffassung dieses Spruches hier ein Tiefes, Tiefes an Goethe. Also sehen wir, wie Goethe an tiefste menschliche Geheimnisse dringt. Dieses Erblinden durch die Sorge ist wirklich das Gegenstück zum Sehendwerden des Menschen durch Luzifer im Paradiese.

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Und nun gehen wir weiter. Schauen wir uns Mephistopheles an, wie er da steht, den Göttersöhnen gegenüber, die empfangen haben, damit sie wirklich den Seelenschatz haben können, die Rosen aus den Händen liebend-heiliger Büßerinnen. Was ist denn da geschehen? Diese Büßerinnen waren einmal auf der Erde, sind durch die irdische Liebe durchgegangen, durchgegangen durch das, was durch die ahrimanische Verführung in der atlantischen Zeit geworden ist. Was ist aber erreicht durch die menschlichen Erlebnisse, die diese Büßerinnen durchzumachen hatten? Die irdische Liebe ist wieder himmlisch geworden! Gretchen selber, sehen wir am Schluß, hat in die geistigen Regionen die hier verlebte irdische Liebe hinaufgetragen. Und ins Geistige, Himmlische ist das verwandelt, was hier auf der Erde vorgegangen ist. Gretchen ist da oben unter den Büßerinnen, sie ist unter den Rosen streuenden Büßerinnen. Die irdisch gewordene Liebe tritt uns da wiederum himmlisch entgegen. Sie ist zurückgeführt durch den Menschheitsprozeß, durch das, was Menschen erleben können, wieder in den himmlischen Bereich. Und

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wenn die Bibel es ausdrückt an der Stelle, wo sie die himmlische Verführung meint, daß die himmlische Liebe irdisch geworden ist, so deutet Goethe auf den Menschheitsprozeß, wo die irdische Liebe wieder himmlisch wird, und Mephistopheles steht unten als auch ein Göttersohn, der sich aber jetzt verbindet mit den wiederum geistig gewordenen Töchtern der Menschen durch die Rosen, die sie gestreut haben. Es ist der umgekehrte Prozeß von dem, den uns die Bibel andeutet: Und die Söhne der Götter verbanden sich mit den Töchtern der Menschen. - Wiederum mit den von den Göttern aufgenommenen Töchtern der Menschen verbindet sich der mit den Töchtern der Menschen verirrte Mephistopheles. Also der umgekehrte Prozeß. Sowohl der Paradiesesprozeß der luziferischen Verführung wie der spätere Prozeß, der angedeutet wurde durch die Worte: Die Söhne der Götter verbanden sich mit den Töchtern der Menschen im Fleische —, wird in der Umkehrung angewandt. Der Göttersohn Ahriman-Mephistopheles verbindet sich mit den wiederum in die Götternatur aufgenommenen Töchtern der Menschen, aber jetzt in himmlischer Liebe, nicht in irdischer Liebe, im Geiste, in der Seele, nicht im Fleische. Der umgekehrte Prozeß. Wiederum ein wunderbares Mysterium, durch das die Vorgänge des «Faust» unmittelbar angeknüpft werden an die höchsten Traditionen der Menschheit.

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Und jetzt erst verstehen wir, wenn wir die Dinge so nehmen, was Goethe eigentlich meint, denn jetzt erst sind wir imstande, real den Prozeß zu fassen, der sich da abspielt. Es ist höchst interessant, zu verfolgen, wie Goethe durch die Notwendigkeit der Sache, ich möchte sagen, geführt worden ist, den Schluß seines «Faust» gerade so zu gestalten, wie er ihn gestaltet hat. Er hat sich wirklich von der Sache führen lassen, nicht von irgendeiner bloßen inneren Willkür, von der Sache hat er sich führen lassen. Bedenken Sie nur, er hat sich einmal aufgeschrieben, als die Sache noch nicht fertig war, als sie so reif war, daß er sie dichten konnte, in einem Schema, wie er diese Szene gestalten will. Da schreibt er sich auf:

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> «Vier graue Weiber». —- Nun, das hat er so ausgeführt. > «Faust und Sorge» — ausgeführt. > «Mephistopheles und Lemuren» - ausgeführt. > «Faust Zufriedenheit» — ausgeführt. > «Vorbei. Leiche. Lemuren begrabend. Entfernt. Satane und Höllen rachen» — gut. > «Verwesung erwartend» — das hat er gebildet. > «Weil die Seele später als sonst entflieht» — das ist wieder ausgeführt. > «Satanische Posituren, sie zu erhaschen» - nun, das haben wir heute hier darzustellen versucht! > «Engel, Himmelsglorie, schweben heran. Mephistopheles. Widersetzen. Engel streuen Rosen. Die verwelken auf den Hauch der Satane. Verwandelt in Liebesflammen. Satane fliehen. Mephistopheles’ Liebespein. Engel entschweben. Mephistopheles zur Appellation.»

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An diese Appellation, wo Mephistopheles gewissermaßen dem Himmel gegenüber appelliert um die Seele des Faust, will Goethe anschließen ursprünglich. Also das hat er sich aufgeschrieben: Mephistopheles ab zur Appellation. -— Dazu schreibt er sich: «Himmel, Christus, Mutter» — also die Mater dolorosa — «Evangelisten und alle Heiligen. Gericht über Faust». Also nicht lange, bevor Goethe seinen «Faust» vollendet hat, hat er ihn so vollenden wollen, daß er den Mephistopheles appellieren läßt in bezug auf Fausts Seele dem Himmel gegenüber, und gedacht hat, eine Art Gericht halten zu lassen, wo man hätte sehen sollen eine Art himmlische Szene, bei der sich versammelt haben Christus, die Mutter Gottes, die Evangelisten und alle Heiligen. Goethe hatte also daran gedacht, diese Szene etwa so vorzuführen, wie wir den oberen Teil auf dem bekannten Raffaelischen Bilde finden, wo das Sakrament in der Mitte ist. Wir kennen dieses Bild. Da hätte Gericht gehalten werden sollen über Faust. So hat Goethe das nicht ausgeführt, weil er in der Zeit, in der er sich das aufgeschrieben hat, mehr noch seiner inneren Willkür folgen wollte. Er ist getrieben worden durch die Sache, es anders auszuführen. Das erste hätte ja recht schön sein können, aber, man möchte sagen, das hätte auch in früheren Zeiten so geschrieben werden können. In die Goethe-Zeit paßt das nicht mehr herein. Nur diejenigen, die nichts verstehen von der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, glauben, daß man alles zu allen Zeiten schreiben kann, und daß man in jeder Zeit über alle Sachen in der gleichen Weise schreiben kann. Das tun diejenigen nicht, die lebendig im Menschheits-Entwickelungsprozesse

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darinnenstehen, Also das hat Goethe nicht ausgeführt. Dagegen hat er das ausgeführt, was wir jetzt kennen, und was vor einiger Zeit hier vorgeführt worden ist, die Szene, wo es hinaufgeht durch die heiligen Anachoreten, wo wir dann geführt werden in das Gebiet, wo die Engel kommen, in das Gebiet der seligen Knaben, wo die Büßerinnen auftreten, wo Gretchen selber auftritt. Das heißt, Goethe hat ganz im Sinne der Zeitforderung, die an ihn gestellt war, vermenschlicht die letzte Szene, hat das Menschheitliche in seiner Bedeutung für die geistige Realität hereingenommen. Goethe hat es selbst einmal ausgedrückt, daß gewissermaßen das Hauptsächlichste für die Lösung seines Faust-Problems in den Worten liegt, die in der Schlußszene enthalten sind:

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> Wer immer strebend sich bemüht, > Den können wir erlösen; > Und hat an ihm die Liebe gar > Von oben teilgenommen, > Begegnet ihm die selige Schar > Mit herzlichem Willkommen.

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Man muß solch ein Goethe-Wort nicht leicht nehmen. Die Faust-Kommentatoren haben es sehr leicht genommen. Goethe wollte, indem er auf dieses hinwies, zeigen, wie tief er das Geheimnis des gnadenvollen Wirkens des göttlich-geistigen Prinzipes in bezug auf den Menschen zu fassen imstande war. Und tief bedeutungsvoll verfuhr er darnach. Aber er nahm es lebendig. Dadurch, daß Gretchen an Faustens Seite gewisse Erlebnisse hatte während ihrer Erdenzeit und dann hinaufversetzt ist in die geistigen Welten, ist ein Band geschaffen zwischen Faust und Gretchen, und Goethe will zeigen, daß ihm so etwas eine Realität ist, daß, wenn der Tod hingeht über diese Dinge, sie eine Realität bleiben. Der Mensch ist hineingestellt in die Verbindungen, die sich bilden während seines physischen Daseins, nur nehmen sie, wenn der Tod über sie hingegangen ist, eine geistige Form an.

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> Und hat an ihm die Liebe gar > Von oben teilgenommen,

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- das heißt, er ist eingegangen Wahlverwandtschaft mit dem Geistigen, das aus dem Sinnlichen geworden ist. Dann begegnet ihm das, was seelisch geworden ist, mit herzlichem Willkommen, dann ist er nicht nur der freie Mensch, dann ist er der in die Gnadenwirkungen eingesponnene Mensch. Da weist Goethe darauf hin, wie tief bedeutungsvoll alles das für den Menschen wird, was der Mensch an Wahlverwandtschaft eingeht, und wie real das ist, was aus dem Physischen ins Geistige aufgenommen ist, für den Menschen, der da in irgendeiner Weise hineinverwoben ist. Und wie Realitäten sind dasjenige, was die Menschen auf moralischem, auf geistigem Gebiete tun, wie das nicht bloß, wie der Materialismus glaubt, etwas Vorübergehendes ist, sondern etwas Fortwirkendes ist, was Bedeutung hat für die sich entwickelnde Menschheit. Das zeigt Goethe in dieser Schlußszene. Dadurch ist diese Schlußszene so grandios.

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Was kann der Materialismus anders sagen als: Nun, da ist der Pater ecstaticus, der macht sich so etwas vor; aber wenn der Pater ecstaticus tot sein wird, dann ist es mit alldem aus. Ebenso der Pater profundus, ebenso der Pater Seraphicus und so weiter. — Für Goethe sind das ebenso reale Vorgänge, was diese erleben, diese Anachoreten, wie ihm reale Vorgänge sind das Auf- und Untergehen der Sonne. Und so wie durch das Auf- und Untergehen der Sonne hier für den Menschen der physischen Welt etwas bewirkt wird, so wird für Goethe in Faustens Seele ein realer Prozeß bewirkt durch dasjenige, was die Welt durchströmt aus den Verzückungen und Gebeten und mystischen Verschwebungen der Anachoreten. Die Realität der geistigen Welt, insofern diese geistige Welt wurzelt im menschlichen Fühlen und im menschlichen inneren Erleben, das wird von Goethe nun hingestellt. Nicht bloß die gewissermafßen vom Menschen losgelösten überirdischen Vorstellungen, sondern die mit dem Menschen tief innerlich zusammenhängenden überirdischen Vorstellungen werden von Goethe hingestellt. Und dadurch ist seine Faust-Dichtung so recht die Dichtung geworden vom Ausgang, von der ersten Zeit der fünften nachatlantischen Periode.

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Nur muß eines denjenigen auffallen, welche verschiedene Notizen verfolgen, die sich Goethe gemacht hat, bevor er die einzelnen Szenen geschrieben hat. Ich habe von einigen Notizen schon gesprochen in anderem Zusammenhang. So in der Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts, als Goethe neuerdings heranging, seinen «Faust» zu bearbeiten, da schrieb er sich mit einigen Sätzen diese Skizze auf, wie er da arbeiten will, wie er das schon Bearbeitete in das Folgende hinüberleiten will. Da schreibt er sich auf:

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> «Ideales Streben nach Einwirken und Einfühlen in die ganze Natur. > Erscheinung des Geists als Welt- und Tatengenius.»

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- Das ist alles da.

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> «Streit zwischen Form und Formlosem. > Vorzug dem formlosen Gehalt > Vor der leeren Form. > Gehalt bringt die Form mit. > Form ist nie ohne Gehalt. > Diese Widersprüche, statt sie zu vereinigen, disparater zu machen. > Helles, kaltes wissenschaftliches Streben. Wagner. > Dumpfes, warmes wissenschaftliches Streben. Schüler. > Lebensgenuß der Person von außen gesehen, I. Teil. > In der Dumpfheit, Leidenschaft. > Tatengenuß nach außen, II. Teil, und Genuß mit Bewußtsein. > Schönheit. > Schöpfungsgenuß von innen.»

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Da deutet er schon hin auf die Richtung, die er gegen den Schluß zu nehmen will. Und dann schreibt er sich auf, was nicht zur Ausführung gekommen ist: «Epilog im Chaos auf dem Weg zur Hölle».

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Ich habe schon gesagt, wie mißverstanden worden ist, daß dieser Epilog hätte gehalten werden sollen im Chaos auf dem Weg zur Hölle. Die Leute haben sich den Kopf darüber zerbrochen, wie denn der Faust noch hätte schließen sollen mit einem Epilog im Chaos, auf dem Weg zur Hölle. Also hätte doch Goethe in einem verhältnismäßig vorgerückten Stadium den Faust nicht erlöst werden lassen wollen, sondern ihn zur Hölle fahren lassen wollen. Die Leute haben durchaus nicht daran gedacht, daß diesen Epilog der Mephistopheles sprechen solle und durchaus nicht Faust. Der zieht ab zur Hölle, nachdem er die Wette verloren hat, und spricht seinen Epilog. Aber den konnte Goethe nicht ausführen, der ist wirklich nicht da. Warum ist er nicht da? Weil er in dieser Zeit noch nicht geschrieben werden konnte aus dem tiefen Mysterium, und zugleich aus dem Mysterium seiner Zeit heraus. Denn was würde denn in diesem Epilog im Chaos auf dem Weg zu Hölle enthalten sein? Stellen wir uns einmal vor, was da enthalten sein würde. Was ist geschehen? Wir haben die verschiedenen Wechselwirkungen betrachtet, die zwischen dem Ahrimanischen und dem Luziferischen eingetreten sind, die dargestellt sind am Schlusse des Goetheschen «Faust». Dadurch ist Faustens Seele wirklich nicht von Ahriman-Mephistopheles erbeutet worden, sondern sie geht in der entsprechenden Weise in die geistige Welt hinein, um sich zu verbinden mit den Kräften, die von der seligen Schar kommen in der Weise, wie wir das dargestellt haben. Es ist dadurch bewirkt, daß zunächst das luziferische Element ein wenig Übergewicht gewonnen hat, daß eine Art Vergeistigung für Faust eingetreten ist, daß die Vermaterialisierung, die durch Ahriman hätte eintreten sollen, wodurch Faustens Seele gewissermaßen durch Erdenschwere mit der Materie vereinigt geblieben und Faust in einen Abgrund versunken wäre — der Herrscher über die Materie ist Ahriman-Mephistopheles! -, daß das nicht eingetreten ist. Das ist nicht eingetreten. Es ist gewissermaßen die Waagschale mehr nach der luziferischen Seite ausgeschlagen. Dadurch ist es möglich geworden, daß Faustens Seele in die Region kommt, in die sie dann hineinkommt da, wo mit Überwindung des Ahrimanischen in der entsprechenden Weise die menschlichen Wirkungen der Büßerinnen und Gretchens selber in der geistigen Sphäre sind.

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Nun steht Mephistopheles da. Er hat diese Seele erbeuten wollen, er hat sie nicht erbeuten können. Es ist ihm nicht gelungen, sie mit der Erdenschwere zu verbinden, sonst würde sie entweder schon am Leichnam geblieben sein und in dem Kreis der Lemuren erhascht worden sein, oder es würden sie die Dickteufel erbeutet haben oder die Dünnteufel. Das alles ist nicht gelungen. Es ist eine solche Gleichgewichtslage zwischen dem Ahrimanischen und dem Luziferischen eingetreten, daß Faust himmelwärts gekommen ist. Aber Mephistopheles ist nun stehengeblieben. Die Seele ist ihm entgangen. Aber er könnte sich jetzt sagen: Ja, hier stehe ich; diese Seele ist mir entgangen, aber sie wird wieder in meinen Bereich ziehen, sie wird wiederkommen auf die Erde. Dann werde ich sie erkennen, dann werde ich wiederum in ihre Nähe kommen können, denn dann wird sie neue ahrimanische Prüfungen durchzumachen haben. — Das ungefähr ausgeführt, würde den «Epilog im Chaos auf dem Weg zur Hölle» geben. Denn das ist das Eigentümliche von Mephistopheles-Ahriman, daß er immer glaubt, in jeder Inkarnation zu siegen. Und in jeder Inkarnation kann er, wenn die entsprechende Gleichgewichtslage eintritt gegenüber Luzifer, wiederum seinen Sieg verlieren. Das ist das Eigentümliche. Aber dieses Hin- und Herpendeln des Menschen zwischen Ahriman und Luzifer muß schon stattfinden, sonst könnte sich die menschliche Persönlichkeit nicht entwickeln. Würde der Mensch nicht den Geist haben, der wirkt und schafft durch den Widerstand, so würde sich die menschliche Persönlichkeit nicht entwickeln können. Nur am Widerstand entwickelt sich die menschliche Persönlichkeit. Selbst an unserem Leibe entwickelt sich die Persönlichkeit am Widerstand. Denken Sie, wenn wir nicht zwei Augen hätten und sie so auf die Dinge richten würden, daß sich ihre Achsen schneiden, wenn wir nicht zwei Hände hätten, die sich gegenseitig berühren, und von denen eine die andere wäscht, es würde sich nicht das Persönlichkeitsbewußtsein leiblich entwickeln können. Der Herr der Widerstände, der Herr der Hindernisse ist auch Ahriman-Mephistopheles. Daher mußte schon in der fünften nachatlantischen Periode Ahriman einen großen Einfluß gewinnen, weil die Persönlichkeit gerade in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum ausgebildet werden soll. In früheren Zeiträumen hatte der Mensch weit weniger Persönlichkeit, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit fast noch gar nicht, da war der Mensch noch fast ganz eingeschlossen in einem Gemeinsamkeitsbewußtsein. Ich habe das öfter auseinandergesetzt. Es beginnt eigentlich erst die Persönlichkeit bewußt zu werden im griechisch-lateinischen Zeitraum, und auch da langsam, es ist noch viel Gemeinsamkeitsbewußtsein da. Dann in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum ist die Zeit, wo die Persönlichkeit ihrer selbst vollbewußt werden muß, so daß sie das, was für diesen fünften nachatlantischen Zeitraum zu erringen ist, voll aus sich heraus schafft. Stärkste Anforderungen an die Schaffens- und Lebensimpulse der Persönlichkeit ist das Charakteristikon des fünften nachatlantischen Zeitraums. Geisteswissenschaft muß hereinkommen in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum in die menschliche Entwickelung. Aber diese Geisteswissenschaft fordert eben, damit sie verstanden, begriffen, erfaßt werden kann, eine stärkere Anspannung der intellektuellen, der Empfindungs-, auch der Willenskräfte, eine stärkere Anspannung aller Persönlichkeitskräfte, als sie in früheren Zeiten eben da waren. Und’es ist aus einem tief empfindungsgemäßen Erkennen seiner Zeitimpulse bei Goethe erflossen, daß er Ahriman-Mephistopheles an die Seite des Faust gestellt hat, der Persönlichkeitsbewußtsein in seinen Prüfungen entwickeln soll. Er muß sich an den Widerständen der mephistophelischen Einflüsse entwickeln, dieser Faust; er muß erkennen, was in der einseitigen Ausbildung von Vernunft und Wissenschaft bei Ahriman-Mephistopheles lebt, aber er muß sich erhalten darin. Bei einer Persönlichkeit, die so durch alle Wissenschaft durchgegangen ist — «Habe nun, ach, Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert», die sich auch an die Magie gemacht hat, an die magischen Überlieferungen, da war es nur möglich, entweder zu verfallen in mystische Schwärmerei, dem Erdgeiste gegenüber:

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> In Lebensfluten, im Tatensturm > Wall’ ich auf und ab, > Webe hin und her! > Geburt und Grab, > Ein ewiges Meer ...

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— da mitzuweben! Aber das ist ein Aufgehen, ein selber Nebuloswerden in diesem Weben und Leben im Tatensturm ... da hinein mögen sich verwaschene Mystiker sehnen, welche die Persönlichkeit verlieren wollen! Der fünfte nachatlantische Zeitraum fordert gerade Anspannung der stärksten Persönlichkeitskräfte, und daraus soll Wissen und Wille im Menschen entstehen im fünften nachatlantischen Zeitraum. Daher ist aber in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum der Menschheit vorgesetzt, die Persönlichkeit voll einzusetzen. Und dieses wird immer mehr und mehr eine Forderung werden dieses fünften nachatlantischen Zeitraums: Erstarkung, Erkraftung der Persönlichkeit durch volles Einsetzen der Persönlichkeit. Es wird notwendig werden, auch in bezug auf moralische Lebensauffasung, für die Menschen, die nicht hinter der Entwickelung zurückbleiben wollen, die Persönlichkeit immer stärker und stärker einzusetzen. Dieses Erstarken der Persönlichkeit wird eine Forderung der Zeit sein. Und dieses Erstarken der Persönlichkeit liegt im Sinne der normalen, der guten, der regelrechten Fortentwickelung. Das Verschwächen, Verschwefeln der Persönlichkeit liegt nicht in den Impulsen des Restes der fünften nachatlantischen Zeit. Dieses Aufgehen der Persönlichkeit im Nebulosen, das ist ein Rückfall, ein atavistischer Rückfall in alte Zeiten. Aber, wenn sie sich selbst überlassen sind, die den Menschen gegnerischen luziferischen und ahrimanischen Kräfte, wirken sie dem Menschen entgegen, untergraben seine Aufgaben. Weil der Mensch dann mit Geisteswissenschaft, die aus den starken Kräften der Persönlichkeit für den fünften nachatlantischen Zeitraum wird hervorgehen sollen, die Persönlichkeit voll einsetzen muß, wirken gerade ahrimanische Gegenkräfte gegen die Persönlichkeit. Das muß man nur verstehen, und von diesem Gesichtspunkte muß man unsere Zeit betrachten.

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Wenn man auf frühere Zeiten zurücksieht, wird man wirklich trotz allem Persönlichen, was schon waltet, viel mehr sachlichen Kampf finden. In unserer Zeit wirken die ahrimanischen Kräfte so, daß sie den sachlichen Kampf nach und nach ganz in die Sphäre der Persönlichkeit hereinziehen wollen bei den Individualitäten, die sich dazu finden lassen. Denken Sie, wie nach und nach alles abgeleitet wird von dem Sachlichen auf die Persönlichkeit. Das ist nicht bloß etwas Zufälliges, sondern das ist etwas, was im Charakter unserer Zeit liegt. Irgend jemand wirkt im Dienste der regelrecht fortwirkenden Evolution. Statt an die Sache sich heranzumachen, wird immer mehr und mehr der Kampf gegen seine Persönlichkeit losgehen, persönliche Verleumdungen, persönliche Entstellungen, das wird an die Stelle des Sachlichen treten. Und heute schon sehen wir, wie in unserem Zeitalter das fortgeschritten ist, wie die Menschen gar nicht mehr wissen zu unterscheiden, was rein persönliche Verdächtigung ist, und was sachlich angegriffen ist. Und gerade da, wo in einer ungehörigen Weise versucht wird, Geisteswissenschaft zu betreiben, da drückt sich das auch am groteskesten, am stärksten aus.

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Erinnern Sie sich nur an unsere eigenen Kämpfe. Erinnern Sie sich, wie sachlich etwas vorgebracht werden mußte gegen jene Bewegung, welche in neuerer Zeit an den Namen von Mrs. Besant geheftet ist. Ist bei der Entgegnung von jener Seite ein einziges sachliches Argument eingewendet worden? Nichts! Aber lauter persönliche Verdächtigungen von der stärksten Art. Alles persönliche Verdächtigungen! Das ist nur die karikierte Vorausnahme desjenigen, was ein Charakteristikon unserer Zeit ist und immer mehr und mehr Platz greifen wird, und das man mit vollem Bewußtsein durchschauen muß. Weil die Persönlichkeit in die Bresche geschoben werden muß — denn nur durch die Persönlichkeit wird immer mehr und mehr das kommen können, was früher mehr durch den Gemeinsinn gegeben worden ist —, geht auch der Kampf gegen die Persönlichkeit los. Und weil Stärke der Persönlichkeit gefordert wird, und der Bequemlichkeitssinn die Stärke nicht suchen will aus der Sache heraus, die erstrebt wird, wird die schwache Persönlichkeit, die unfähige Persönlichkeit durch eigenen Machtspruch heute so geleitet, hinaufexerziert in das Starke. Ohne etwas gelernt zu haben, ohne sich mit etwas ernsthaftig beschäftigt zu haben, ohne tiefer eingegangen zu sein in etwas, wird heute, rein aus Willkür der Persönlichkeit heraus, dies oder jenes getan. Und man versteht gar nicht, mit diesen Dingen zu rechnen.

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Auf unserem Gebiete können Sie wiederum schöne Studien machen. Wie oft war es notwendig, die sich aufblähende Torheit zurückzuweisen, die gerade im Laufe der Jahre in unserer Bewegung sich ausgebildet hat, die sich aufblähende Nichtigkeit zurückzuweisen. Aber die Nichtigkeit versteht nicht, daß sie zurückgewiesen werden muß. Ein Beispiel: In Frankfurt, als ich einmal da war, wurde ich telephonisch angerufen von einem Menschen, der sagte, er müsse gleich mit mir sprechen. Dann kam er, hatte riesig lange Haare, die bis über die Schultern herunterwallten, und entsprechenden Patriarchenbart, erklärte, daß er mir schon seit längerer Zeit nachgereist sei, und daß er so gewissermaßen eine Art Kompromiß schließen wolle zwischen dem, was er der Welt zu geben hat, und demjenigen, was durch mich vertreten wird. -— Nun, man kann schon nicht anders, als gegen jenes Prinzip der Brüderlichkeit verstoßen, das gleichwertig betrachtet die dilettantenhafte Dummheit und dasjenige, was in ehrlicher Weise erstrebt wird. Man muß sich schon anmaßen, da zu unterscheiden. Also natürlich, solche Leute muß man abfahren lassen, man muß sich nicht weiter um sie kümmern. Man braucht ihnen nicht gerade Grobheiten zu sagen, aber zeigen, daß man sie für das hält, was sie sind, und daß man nicht auf dem Standpunkt des verwaschenen Gleichheitsprinzips steht, daß jede sich aufblähende Idiotie als gleichbedeutend angesehen werden muß mit dem andern. Nun, nach einiger Zeit trat der Betreffende hier in der Schweiz auf und kündigte sogar in den einzelnen Städten Vorträge an gegen mich. Er hat auch in anderer Weise Unfug getrieben, das wissen einige von denen, die hier sitzen. So bilden sich die Feindschaften heraus, indem sich die Persönlichkeit, die sich allenthalben heute in die Bresche schieben muß, durchdringen muß mit etwas, aber wenn sie das nicht kann, so will sie stark sein, ohne daß sie sich erst stark macht durch die Kräfte, die sie durchdringen. Man muß durchschauen, wodurch die Konflikte herbeigeführt werden. Das ist das Notwendige. Man muß seine Zeit wirklich verstehen, nicht aus der Willkür heraus irgend etwas treiben. Also stärkste Einsetzung der Persönlichkeit fordert unsere Zeit, kämpft daher den ahrimanischen Kampf gegen die Persönlichkeit.

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Das zweite, das unsere Zeit fordert, und zwar ganz energisch fordert, ist Eingewöhnung in Tatsachensinn. Angewiesen wird die Menschheit sein darauf, die geistige Welt zu verstehen. In dieser geistigen Welt hat man es nicht so, daß man verfolgen kann, wie man korrigiert wird. Ich habe das im Schlußkapital meiner «Theosophie» zum Ausdruck gebracht, daß man nicht korrigiert wird, wenn man etwas falsch gemacht hat. Lesen Sie das nach. Tatsachensinn, Sinn für wirkliche Tatsachen. Aber der stärkste luziferische Kampf wird entwickelt gegen diesen Tatsachensinn in unserer Zeit. In keiner Zeit, trotz allem und allem, was geschehen ist, wurden Tatsachen so gefälscht wie in unserer Zeit! Die luziferischen Instinkte rufen ahrimanische Kräfte auf, welche Tatsachen verlogen darstellen. Dieser Hang, Tatsachen verlogen darzustellen, ist im Beginn und wird immer mehr und mehr überhandnehmen. Das ist wichtig wiederum, daß man es durchschaut. Gewöhnung an Tatsachensinn und Gewöhnung an die Tatsache, daß man immer mehr und mehr wird mit seiner Persönlichkeit wirklich eintreten müssen für dasjenige, wofür in der Welt eingetreten werden muß, das gehört einmal zum fünften nachatlantischen Zeitraum.

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Man versuche zu verstehen, wie gerade auf unserem Gebiete heute schon der ahrimanische und luziferische Kampf zu bemerken ist, wie bis in die jüngsten Ereignisse herein wir den mangelnden Tatsachensinn gegen uns aufgeführt finden. Er werden heute schon Dinge geschrieben und gesagt, an denen überhaupt nichts mehr wahr ist.

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Alles das hat Goethe empfunden, tief empfunden. Wenn Sie seinen «Faust» durchgehen, so werden Sie sehen, daß er die luziferischen und die ahrimanischen Kräfte zur Faust-Natur in eine solche Verbindung bringt, wie es vom Menschen angesehen werden muß, wenn sich der Mensch richtig mit Bewußtsein in die Impulse des fünften nachatlantischen Zeitraumes hineinstellen will. Im Einzelnen und im Großen wirken die ahrimanischen und luziferischen Kräfte dem Menschen entgegen. Würde man Ahriman nicht erkennen, würde man Luzifer nicht erkennen, so würde man gar nicht in entsprechender Weise weiterleben können. Und das alles muß durch die Geisteswissenschaft bewirkt werden. Man möchte sagen, es kann heute gar nicht stark genug besprochen werden, denn man wird heute noch wenig verstanden nach dem Gewichte desjenigen, was da aus der Geisteswissenschaft herausgeholt werden muß. Die Dinge werden zu leicht genommen, zu leicht vergessen. Dem, was unsere Zeit erfordert, Vertiefung, Erkraftung der Persönlichkeit, Tatsachensinn, Sinn für wahre Tatsachen, dem wirken entgegen im Großen, man könnte sagen heute geradezu die äußeren Weltereignisse. Zweierlei wirkt entgegen dem, was notwendig ist zum Fortschritt der Menschheit: ein widersinniges, weil ataviistisch gewordenes Nationalitätenprinzip. Das ist das erste. Ein widersinniges Nationalitätenprinzip, wie es insbesondere im 19. Jahrhundert durch die Napoleons in die Welt gebracht worden ist, ein Nationalitätenprinzip, in dessen Namen heute viele Impulse aufgerufen werden gegen den wahren Sinn der menschlichen Entwickelung. Ein benebelndes Nationalitätenprinzip, welches die Begriffe umnebelt und verwirrt, die Begriffe in falsche Sphären hineinsetzt. Ich will mich in der folgenden Weise klarmachen.

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Wir reden in einer gewissen Weise mit Recht, wenn wir die Sache richtig verstehen, von einer grünen Wiese. Aber wir verstehen die Sache nur dann richtig, wenn wir von der grünen Wiese so reden, daß wir wissen, die einzelnen Pflanzen sind grün, und die Grünheit der Wiese

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besteht in der Grünheit der einzelnen Pflanzen; das konkrete Grün haben die einzelnen Pflanzen. Würde ich wollen die Grünheit der Wiese konkret haben, ohne die konkrete Grüne der einzelnen Pflanzen, da müßte ich die Wiese grün anstreichen, dann wäre sie aber wahrhaftig nicht eine grüne Wiese. Ich darf von der Grünheit der Wiese nur sprechen, wenn ich mir bewußt bin, daß ich konkret nur die Grünheit der einzelnen Pflanzen meinen kann. Ich muß wissen, daß die Grünheit in diesem Falle nur angewendet werde auf die einzelnen Pflanzen, und daß ich nicht verworren denken darf so, als ob die Grünheit der Wiese dem Ganzen zukommen könnte. Wenn ich abstrakt das Wort die Grünheit der Wiese gebrauche, so muß ich mir darüber klar sein, daß ich nur ein Abstraktum forme, welches zusammenfaßt die einzelnen Konkreta, die grünen Pflanzen. Das ist im eminentesten Sinne notwendig, daß solche Klarheit herrscht in bezug auf Begriffsbildungen, daß zum Beispiel die Menschen lernen, daß die Worte «Freiheit» und «Recht» konkret nur anzuwenden sind in bezug auf den einzelnen Menschen, wie die Grünheit konkret auf die einzelnen Pflanzen, und daß, wenn ich von Recht und Freiheit der Völker spreche, ich nur meinen kann ein Abstraktum, so wie die Grünheit der Wiese. Heute aber wird die verlogenste Devise, die es geben kann, fast über die halbe Welt hin gestreut, indem geredet wird von etwas, was man erkämpfen will im Namen von Recht und Freiheit der Völker, was solch ein Unsinn, eine solche Torheit ist, wie die Grünheit der Wiese eine Torheit ist, wenn man meint, man könne die ganzen Pflanzen der Wiese anstreichen, statt daß die Wiese grün ist durch die einzelnen Pflanzenindividuen. Dennoch wird durch die heutige Benebelung der Völker mit dem falschen Nationalitätsprinzip geredet von dieser törichten Devise: Recht und Freiheit der Völker. Und man wird ganz sicher selber für einen Toren, für einen Wahnsinnigen gehalten, wenn man das ausspricht, was schon einmal, gerade in Anknüpfung an den «Faust», der da sagt: «Auf freiem Grund mit freiem Volke stehen», nicht mit einer freien Nation, wovon gar keine Rede sein könnte, — was schon in Anlehnung an den «Faust» ausgesprochen werden muß. Ganz gewiß wird man heute für einen Narren gehalten oder für einen Böswilligen, der sich auflehnt gegen etwas, was so schön und so groß und so ideal ist, was so gut gewollt ist, was aber ungenau gedacht ist, schlampig gedacht ist, böswillig denkend gedacht ist, weil es etwas Atavistisches hereinbringt, was nicht hereingehört in unsere Zeit, weil es dem einzelnen ein Bewußtsein beibringt, das aus der Schwäche stammt und nicht aus der Stärke der Persönlichkeit.

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Und das andere, das in unserer Zeit wirkt gegen die fortschreitenden Prinzipien außer dem widersinnigen Nationalitätenprinzip, das ist die Politisierung des Gedankenlebens. Wichtig ist es, daß man diese zwei Dinge versteht, daß man auch versteht die Politisierung des Gedankenlebens. Ich habe in einem andern Zusammenhange schon auf den Sinn der «Policy» aufmerksam darauf gemacht, wo fortwährend von Policy gesprochen wird, von dem In-Szene-Setzen von gewissen Gedanken, um dieses oder jenes zu erreichen. Aber wie ist dieses überhaupt verbreitet in der Welt! Aus dieser Politisierung des Gedankenlebens geht in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum geradezu das Schlimmste hervor. Eine Zeit, die noch glauben konnte in einer gewissen Weise, wenn sie Gedanken bildete, inspiriert zu sein, konnte auf ihren Konzilien meinetwillen dieses oder jenes Dogma, das dann verwendet wurde, um das oder jenes in der Welt zu erreichen, beschließen. Unsere Zeit, die aber wahrhaftig in ihrem materialistischen Gefüge inspirationslos ist, wird, wenn sie den Gedanken nicht so knüpft, daß er in Verantwortung gegenüber der unpersönlichen Wahrheit geknüpft ist, den Gedanken nur aus der persönlich-willkürlichen oder aus der vereinsmäßig-willkürlichen oder sonst irgendwie gemeinsamkeits-willkürlichen Aspiration heraus fassen. Und da wird der Gedanke nicht in die Welt gestellt, weil man seine Richtigkeit einsieht, sondern weil man mit ihm politisieren will. Diese Politisierung des Gedankenlebens geht immer weiter und weiter. Und man erzieht sich nicht so, daß man zu dem richtigen, zu dem wahren Gedanken kommt, sondern man erzieht sich so, daß man zu einem Gedanken kommt, mit dem man politisieren kann, zum Beispiel mit dem Gedanken des Nichtvivisezierens der Tiere. Aber man faßt den Gedanken nicht in seinem Wahrheitsgehalt, sondern durch seine politische Agitationskraft. Man agitiert mit dem Gedanken, man politisiert mit dem Gedanken in Abstinenzvereinen, in Anti-Vivisektionsvereinen. Man faßt einen Gedanken nicht in seiner Realität — Abstinenz, Vivisektion oder dergleichen -, sondern man politisiert ihm gegenüber. Überall wird mit den Gedanken politisiert. Sie werden in politische Getriebe hineinversenkt. Falsches Nationalitätenprinzip, falsches Politisieren mit den Gedanken, wie es namentlich in unserer Vereinsmeierei der Gegenwart lebt, das ist es, was entgegen den gegenwärtig fortschreitenden richtigen Evolutionen der Menschheit ist. Vereine werden gegründet, nicht um die Wahrheit zu vertreten, sondern um dies oder jenes zu erreichen. Dadurch kann auch der richtige Gedanke fanatisiert, einseitig gemacht werden, während der fünfte nachatlantische Zeitraum in seinem Grundcharakter das hat, durch die Wahrheit wirken zu sollen.

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Mit Recht hat Herman Grimm, der sich in das Goethesche Leben eingelebt hat, gesagt: Der Goethesche «Faust» stellt eine Dichtung dar, die wirklich ganz aus der Organisation der menschlichen Persönlichkeit heraus gedacht ist. Ein Universitätsprofessor mittleren Ranges wird irre an seinem wissenschaftlichen Streben, macht allerlei durch. Aber das, was er durchmacht, ist im höchsten Sinne repräsentativ für alles menschliche Streben und enthält wirklich, wenn man tief genug eingeht, alles dasjenige, was in unserer heutigen Zeit dem Menschen an philosophischen Fragen auftauchen kann, enthält auch alles dasjenige, was an Herzensfragen auftauchen kann, enthält auch alles dasjenige, was an politischen Kräften auftauchen kann. —- Und man könnte aus den Tiefen der Geisteswissenschaft heraus hinzufügen: Gerade dasjenige, was rein menschlich ist, was Inhalt der Humanität ist, ist in diesem «Faust» enthalten. Welcher Nation gehört er denn an? Keiner, selbstverständlich. Und er ist der lebendigste Protest gegen das falsche Nationalitätenprinzip unserer Tage, das mit einem Worte Grillparzers, mit einem hart klingenden, aber doch tief wahren Worte Grillparzers gründlich getroffen ist. Grillparzer sprach das Wort aus: Von Humanität durch Nationalität zur Bestialität. - Das ist schon der Weg! Die Nationalität führt ab, wenn auf sie gepocht wird, wenn aus ihr die Aspirationen herausgeschöpft werden, von der Humanität und sie führt bald in die Bestialität hinein. Und selbstverständlich ist Politik in der Welt notwendig, aber nicht die Politisierung der Gedanken. Und man sehe, wie von Goethe die Gedanken entpolitisiert werden! Man versuche, von diesem Gesichtspunkte aus den zweiten Teil von Goethes «Faust» zu verstehen; er ist schon aus ungeheuren Tiefen heraus geschrieben. Er ist ein größtes Dokument nicht bloß unserer Zeit, sondern aller Menschheitszeiten, denn er berührt die Fragen, die wir gesehen haben, die unmittelbar sich neben die großen biblischen Fragen hinstellen. Die Sorgeszene steht neben der Paradiesesszene; die Szene, wo Mephistopheles den Geistern des Himmels gegenübersteht, steht neben dem Bilde, welches die Bibel gibt, daß die Söhne der Götter Gefallen fanden an den Töchtern der Menschen und sich mit ihnen im Fleische verbanden.

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Man möchte viel, viel bessere Worte haben, um auf dasjenige hinzuweisen, was recht tief eingeschrieben werden sollte in menschlichen Geist und menschliche Herzen, und was nicht vergessen werden sollte, was nur leider viel zu schnell immer vergessen wird, nachdem es einmal gehört ist. Denn die Heilung von den großen Übeln der Zeit kann nur vom Verständnis derjenigen Dinge kommen, die da berührt worden sind.

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Wenn ich versucht habe, gerade heute im Zusammenhang mit dem Goetheschen «Faust» einiges über die Impulse des fünften nachatlantischen Zeitraumes anzuführen, wie sie geistgemäß sind, so möchte ich vor allen Dingen, daß ein Verständnis kommen möchte dafür, wie sich überall in der Welt die Sünden zeigen gegen diese Impulse des fünften nachatlantischen Zeitraumes, wie überall in der Welt Unverständnis auftritt gerade gegenüber dem, was verstanden werden soll. — Oh, ich möchte die Worte haben, mit denen ich gerne reden wollte von diesen Dingen! Aber vielleicht werden in Zeiten, die da kommen werden, andere Menschen bessere Worte finden, um die Dinge zu besprechen, die heute so wenig verstanden werden, weil doch so viele ihre Persönlichkeit gerne untertauchen lassen möchten in irgendeine bequeme Anlehnung an dieses oder jenes, suchen möchten, da oder dort durch diese oder jene Bewegung dieses oder jenes zu werden, und dann nicht mehr herauskommen aus dem falschen Gemeinsamkeits- oder falschen Nationalitätenprinzip, nicht mehr herauskommen aus der Politisierung der Gedanken. Und doch - verfallen dem Luzifer und Ahriman wird alles, was auf dieser falschen Fährte geht. Fortgedeihen wird nur dasjenige, was da wissen wird, daß auf dieser Fährte nichts zu erreichen ist! Mag man bequem sitzen in all den verschiedenen Agitationen und Vereinsmeiereien unserer Tage, — der Weg, der gefunden werden muß, wird doch nur gefunden werden im Dienste derjenigen Menschenwirksamkeit, die da sucht die Weisheit in der Wahrheit, und die da überzeugt ist, daß nur durch die Inkorporierung der Wahrheit in der Menschheit das Menschenziel unserer Epoche erreicht werden kann, und die da weiß, daß alle Politisierung des Gedankens aufhören muß, alles Agitieren mit den Gedanken als wie mit Dogmen, daß sie erfaßt werden müssen mit dem vollen Verantwortungsgefühl für die Wahrheit, nicht für ihren Agitationswert, nicht für das Gefallen, das wir ihnen entgegenbringen. Nicht dafür, daß sie uns gefallen, die Gedanken, dürfen sie in unsere Sphäre treten, sondern daß wir wirklich das volle Verantwortungsgefühl gegenüber Wahrheit und Wahrheitswert haben.

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Ich möchte viel mehr gesagt haben, als in den Worten liegen kann, mit dem, was da im Anhang an den Goetheschen «Faust» gesagt ist. Ich möchte, daß es in den Herzen und in den Seelen fortwirkt, denn ich weiß, wie viel darinnen steckt von dem, was seelisch-geistige Heilmittel sein müssen für unsere Epoche und für die in unserer Epoche auf solchen Irrpfaden wandelnde Menschheit. Kann man sich nicht gestehen die Irrpfade, will man in ihnen weiterwandeln, so kann man auch nicht mit dem rechten Ziel, das die Menschheit verfolgen muß, in rechter Weise weiterkommen.

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Cite: GA 272/1916-09-11 · edition original