Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
## GA 330 — 28 April 1919, Stuttgart
### Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
Auch heute wird es mir obliegen, zu sprechen in Anknüpfung an den Aufruf, den die meisten der verehrten Zuhörer vielleicht zu Gesicht bekommen haben werden, «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt», der im wesentlichen einen Ausweg sucht aus den schweren Wirren, in die wir hineingeraten sind, einen Ausweg aus dem weltgeschichtlichen Chaos durch eine besondere Art der Erfassung des sozialen Lebens und der sozialen Bewegung. Anknüpfen wird ferner dasjenige, was ich auszuführen haben werde, an mein eben erschienenes Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft». Gegenüber all demjenigen aber, was in dieser ernsten Zeit zu sagen ist, enthält auch dieses Buch zunächst gerade durch die Art seines Gesichtspunktes nur die ersten, die allerersten Leitlinien. Und insbesondere werde ich Sie bitten müssen, auch heute zu berücksichtigen, daß ich ja in der kurzen Zeit eines Vortrages nicht mehr werde geben können als die allerersten Andeutungen des sozialen Standpunktes, von dem die Rede sein soll. Vielleicht kann in einer nachfolgenden Diskussion manches Spezielle hinzugefügt werden. Im übrigen ist ja ein weiterer Vortrag in Aussicht genommen, der dann manches, was heute nur angedeutet werden kann, des weiteren ausführen soll.
Dasjenige, was heute zu sprechen veranlaßt, so wie ich hier sprechen möchte, das sind ja die wahrhaft laut genug sprechenden sozialen Tatsachen, die deutlich genug bemerkbar sind über einen großen Teil der zivilisierten Welt hin. Und wer sie in ihrer wahren Gestalt zu würdigen vermag, diese Tatsachen, der kann ihnen absehen, daß wir mit Bezug auf die Bewegung, welche sie einleiten, erst im Anfange sind. Aber es wird gut sein, gerade in diesen Anfängen den vollen Ernst der Sache ins Auge zu fassen. Da wird vor allen Dingen denjenigen, welche das verfolgt haben, was wir heute die soziale Bewegung nennen, die ja in dieser ihrer Gestalt mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist, aufgefallen sein, daß jetzt, wo wir den Tatsachen, die sich aus der furchtbaren Weltkriegskatastrophe herausgebildet haben, gegenüberstehen, sich lang, lang gehegte Gedanken, Parteimeinungen, Anschauungen, wie, man möchte fast sagen, Urteilsmumien ausnehmen, die unter uns herumwandeln und die sich überall tot erweisen gegenüber dem, was die sozialen Tatsachen heute von uns fordern. Wollen wir zu einer fruchtbaren Meinung kommen, dann ist es wohl notwendig, wenigstens kurz hinzuweisen auf die Ursachen, warum lang gehegte Parteimeinungen aller Schattierungen sich gegenüber den Tatsachen so unzulänglich erweisen. Ich war vor nicht zu langer Zeit anwesend bei jener Konferenz in Bern, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, Stellung zu nehmen zu der Begründung des sogenannten Völkerbundes. Heute, wo es notwendig ist, denn sonst kommen wir keinen Schritt weiter, in allen Dingen offen und ehrlich zu sprechen, darf wohl behauptet werden, daß dasjenige, was bei dieser Völkerbundskonferenz gewiß über manches Bedeutsame, über manches sehr schön Gedachte die Herren und Damen da gesprochen haben in Bern, dem, der die ganze Tiefe, den ganzen Ernst der sozialen Weltbewegung heute ins Auge zu fassen vermag, so erscheint, wie ungefähr das beschaffen war, was die Staatsmänner der europäischen Staaten im Frühling des Jahres 1914 zu den Völkern, zu den Vertretungen der Völker gesprochen haben. Ich will im einzelnen auf die Dinge heute nicht eingehen, möchte aber doch auch vor dieser Versammlung auf die bezeichnende Tatsache hinweisen, daß der verantwortliche Außenminister des Deutschen Reiches in einer entscheidenden Sitzung des Frühlings 1914 zu sagen wagte, die allgemeine politische Entspannung — bedenken Sie bitte, die allgemeine Entspannung, mit der gemeint war der Weg zu einer Sicherung des Weltfriedens für Jahre -, die hätte erfreuliche Fortschritte gemacht. Nun, sie hat solche Fortschritte gemacht, daß auf sie folgte jene Katastrophe, durch welche, gering gerechnet, zehn bis zwölf Millionen Menschen der zivilisierten Welt totgeschossen und dreimal soviel zu Krüppeln geschlagen worden sind. Daran und an manches andere muß man sich erinnern, wenn jetzt diejenigen, die über die Weltvorgänge, das soll ja nicht geleugnet werden, recht gescheit reden, gewissermaßen blind sind gegenüber dem, was in den Tatsachen als Keim für das Zukunftsgeschehen wirklich verborgen liegt. Und damit trifft man, ich möchte sagen von vornherein, einen der Hauptpunkte, über die wir heute werden zu sprechen haben.
Man kann zurückblicken in die letzten Jahrzehnte, und wenn man ein Herz und einen Sinn gehabt hat für dasjenige, was als proletarische soziale Bewegung heraufgekommen ist, so wird man sich sagen: Da hat sich mancherlei im Laufe von mehr als einem halben Jahrhundert gezeigt an Hinweisen auf das, was die breite Masse des Proletariertums in ihrem Innersten als ihre Forderungen empfindet. Man hat schon sehen können, wenn man die Dinge verfolgt hat, wie sich, ich möchte sagen, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die proletarischen Forderungen in einer immer anderen Weise ausgesprochen haben. Man hat daraus, wenn man einen Sinn hatte für weltgeschichtliche Menschheitsbewegungen, sich sagen müssen: Im Grunde genommen ist all dasjenige, was bewußt gesprochen wird, was da als Theorie formuliert wird, was als Programm aufgestellt wird, gar nicht in Wirklichkeit dasjenige, um was es sich handelt. Um was es sich handelt, das wären — wenn ich das in der neueren Zeit oft gebrauchte Wort auch hier anwende — mehr oder weniger instinktive, unbewußte Impulse, welche in einem großen Teil der Menschheit lebten. Diese unbewußten Impulse, sie sprachen sich aus zum Beispiel in mancherlei Vorspielen zu den gegenwärtigen Ereignissen. Ich will nur einige Etappen erwähnen.
In dem Eisenacher sozialen Programm von 1869, da sehen wir zuerst auftauchen aus ganz dunkeln, dumpfen Seelenuntergründen des Proletariats herauf die Forderung nach einer, wie man sagte, «gerechteren Entlohnung der handwerklichen Arbeit innerhalb der sozialen Gesellschaft». Dann aber, nach verhältnismäßig kurzer Zeit, schon 1875 im sogenannten Gothaer Programm, nahmen diese Forderungen eine ganz andere, ich möchte sagen, schon eine eigentlich kommunistische Gestalt an. Da handelt es sich nicht mehr, wenigstens nicht in dem, was man bewußt aussprach, darum, die Arbeit in gerechter Weise zu entlohnen, sondern da handelte es sich bereits darum, Güter nach den Bedürfnissen der Menschen in irgendeiner Weise gerecht zur Verteilung, zur Ausgleichung zu bringen. Dann wiederum sahen wir, wie aber doch in der proletarischen Bewegung dasjenige lebendig bleibt, was ich den Grundton nennen möchte eines politischen Programms. In den proletarischen Forderungen lebte bis in den Beginn der neunziger Jahre mehr oder weniger deutlich, daß angestrebt wird eine Ausgleichung der sozialen Ungleichheiten und vor allen Dingen eine Überwindung des Prinzips des Arbeitslohnes. Dann sehen wir, wie diese politische Farbe des Programms, ich möchte sagen, merkwürdig zurücktritt, und wie ein rein wirtschaftliches Programm, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die gesamtgenossenschaftliche Art der Arbeit, zum Thema wird. Und so könnte man noch weiter gehen. Ich will ja nur das Prinzipielle andeuten. Wer wirklich eingeht auf dieses Werden der modernen sozialen Bewegung, der muß nun aber auch nach der anderen Seite hinüberblicken. Er muß sich sagen: Was ist alles zum Unheil der Menschheit nicht geschehen gegenüber dem, was da auftrat! Was hätte geschehen können? Was ich jetzt sage, soll nicht eine Kritik geschichtlicher Entwickelungen sein, denn ich weiß selbstverständlich so gut wie jeder andere, in welchem Sinne geschichtliche Entwickelungen notwendig sind, und wie unsinnig es ist, etwa gar eine moralische oder sonstige verurteilende Kritik in die Vergangenheit zu senden. Etwas anderes ist es aber, an manchem Versäumten für die Gegenwart gerade zu lernen. Was hätte geschehen sollen, das kann ja doch wohl nicht anders als so ausgesprochen werden: Wir hatten leitende, führende Persönlichkeiten innerhalb der Oberschichte der menschlichen sozialen Ordnung - diese leitenden, führenden Schichten, haben sie sich geneigt gezeigt, aus dem, was sie als soziale Erfahrung, als soziale Wissenschaft auf Grundlage ihrer Klassenbevorzugung heraufgebracht haben in die neuere Zeit, tiefer zu verstehen, was das Proletariat will, als dieses Proletariat selbst?
Natürlich ist es eine Hypothese, wenn ich das Folgende ausspreche, aber eine Hypothese, welche vielleicht doch die Situation beleuchtet.
Sehen Sie, wie anders wäre alles geworden, wo stünden wir heute, wenn sich innerhalb der führenden Schichten der Menschheit Persön lichkeiten gefunden hätten, welche die proletarischen Forderungen aufgefangen, sie durchdrungen hätten mit sozialen Erfahrungen, mit sozialem Wissen, mit solchen sozialen Erfahrungen, solchem sozialen Wissen, die hätten praktisch werden können — und wenn von da der Ausgangspunkt hätte gewonnen werden können für eine Umgestaltung des sozialen Lebens vielleicht schon vor Jahrzehnten! Das darf man sich für eine gesunde Selbstbesinnung nicht ersparen: zu erkennen, was nach dieser Richtung furchtbar versäumt worden ist. Versäumt worden ist aus dem Grunde, weil man es in einem gewissen Sinne hat versäumen müssen, weil das Geistesleben der neueren Menschheit ein solches war, daß es einfach nicht zulangte, um ein solches Verständnis aufzubringen. Und hier stehen wir vor dem ersten Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft.
Ich weiß sehr gut, daß ich mit dem, was ich in dem ersten Drittel meiner Ausführungen heute werde zu sagen haben, für manchen etwas Unbequemes, vielleicht sogar Unverständliches, ja Langweiliges sagen werde. Aber wer den Ernst gerade des ersten Gliedes der sozialen Frage, der geistigen sozialen Frage nicht einsieht, der wird nichts beitragen können zum Herauskommen aus dem Chaos und der Wirrnis der Gegenwart. Wir müssen uns unbedingt gestehen, daß das Geistesleben, welches heraufgebracht worden ist durch die Oberschichten der menschlichen Gesellschaft, daß dieses Geistesleben, so wie es gestaltet war, den Tatsachen nicht gewachsen war. Heute noch immer zeigt sich das Erbgut dieses Geisteslebens den Tatsachen erst recht nicht gewachsen. Sehen wir einmal hin, was eigentlich geschehen ist. Es ist oftmals und zwar mit Recht betont worden, daß die neuere proletarische Bewegung heraufgekommen ist innerhalb der Entwickelungsgeschichte der Menschheit durch die neuere Technik und durch die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Gegen diese Betonung von wahren Tatsachen soll selbstverständlich nichts eingewendet werden. Allein so wahr, so richtig wie diese Tatsachen sind, eine andere Tatsache, die man gerne ableugnen möchte, sie ist ebenso wahr, sie ist ebenso richtig; und sie ist vor allen Dingen für dasjenige, was heute zu geschehen hat, eigentlich wichtiger als alles andere: Vor vielleicht drei bis vier Jahrhunderten beginnt, zugleich mit dem Heraufkommen der neueren Technik und des seelenverödenden Kapitalismus, der Prozeß desjenigen, was man nennen könnte die moderne, mehr wissenschaftlich orientierte Weltanschauung.
Ich habe bei Proletariern und Nichtproletariern, bei Arbeitern und Bürgerlichen vor etwa zwanzig Jahren den heftigsten Widerspruch erfahren, als ich im Berliner Gewerkschaftshaus damals, was ich klar zu erkennen glaubte, aussprach: Die moderne Arbeiterbewegung trägt im eminentesten Sinne - es klingt paradox, doch ist es so — den Charakter einer Gedankenbewegung. So sonderbar es klingt, es ist so. Sie geht aus von Gedanken. Geht von Gedanken aus, die sich, immer weitere und weitere Kreise ziehend, hineinsenkten in die Seelen der proletarischen Bevölkerung in den Stunden des Abends, die sich diese proletarische Bevölkerung abrang von der Ermüdung des Tages, und in denen wahrhaftig vielfach eine lebenswirklichere Weltanschauung, eine lebenswirklichere Auffassung der sozialen Tatsachen gepflegt worden ist, als von den Nationalökonomen der Universitäten und Lehranstalten, die im wesentlichen dasjenige gaben, was die bürgerliche Klasse über das Wirtschaftsleben und das sonstige Leben der neueren Zeit zu sagen hatte. Was in die Gedanken und namentlich in die Denkgewohnheiten des modernen Proletariats sich einlebte, es ist im Grunde genommen wichtiger, bedeutungsvoller als alles andere für die Bewegungen, die heute durch die zivilisierte Welt gehen. Denn was liegt da eigentlich vor? Nun, ich sagte schon, mit dem Heraufkommen der neueren Technik, mit dem Heraufkommen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung kam auch aus den alten Weltanschauungen, die mehr einen allgemein menschlichen oder auch einen religiösen Charakter hatten, die neuere, mehr wissenschaftlich orientierte Weltanschauung herauf. Diese wissenschaftlich orientierte Weltanschauung, wie trat sie den Bürgerlichen, wie trat sie dem Proletariat entgegen?
Über diese Tatsache kann man nur ein Urteil gewinnen, wenn man nicht von oben herunter, wie so viele in der Gegenwart, bloß gelernt hat, über das Proletariat zu denken, nein, wenn einen sein Schicksal dazu gebracht hat, mit dem Proletariat zu denken! Sehen Sie, was man im Zeitalter der Technik, im Zeitalter des Kapitalismus zu denken, zu empfinden gelernt hat, das führte ja gewiß viele Angehörige der leitenden, führenden Kreise der Menschheit dazu, freigeistig, freireligiös zu werden. In dieser Beziehung lebte eben leider, leider die moderne Menschheit in einer furchtbaren Illusion, die heute durchschaut werden muß. Ja, man konnte ein solcher Naturforscher wie Carl Vogt sein, man konnte ein naturwissenschaftlicher Popularisator wie Büchner sein, man kann ganz aufrichtig und ehrlich mit dem Kopfe dem Naturgedanken ergeben sein, aber der ganze Mensch, er kann doch in einer sozialen Ordnung drinnenstehen, die es ihm unmöglich macht, mit mehr als mit dem Kopfe sich empfindend zu bekennen zu den neueren Denkgewohnheiten. Anders war das beim Proletariat. Ich möchte eine Szene erwähnen, die nicht verhundertfacht, die vertausendfacht werden könnte. Eine Szene von der Art, wie sie sich als folgenschwer zugetragen haben und die in ihrer ganzen weltgeschichtlichen Bedeutung zu erkennen die führenden Klassen bisher doch versäumt haben. Sehen Sie, ich erinnere mich lebhaft, weil ich daneben stand, als vor jetzt zwanzig Jahren einmal Rosa Luxemburg in Spandau bei Berlin sprach zu einer Proletarierversammlung in ihrer eigentümlichen, gemessenen, überlegten Art. Sie sprach über die Wissenschaft und die Arbeiter, eine von jenen Reden, deren Früchte jetzt in der ganzen Welt aufgehen. Nur mit wenig Worten will ich Ihnen das Wesentlichste dieser Rede hier andeuten. Da sprach ganz aus dem Bewußtsein moderner wissenschaftlicher Orientierung heraus Rosa Luxemburg zu den Arbeitern, die sich am Sonntagnachmittag versammelt hatten mit ihren Frauen, ja mit ihren Kindern, um etwas zu hören über die Frage: Wie kommt der Mensch als Arbeiter zu einem menschenwürdigen Dasein? oder: Wie hat er über sein Dasein als Mensch zu denken? — Sie sagte damals: O lange, lange hat die Menschheit in Illusionen gelebt über die alten Zeiten. Jetzt endlich ist die Menschheit dazu gekommen, durch ihre Wissenschaft zu erkennen, wie alle Menschen vom gleichen tierischen Ursprung sind. Wie der Mensch sich anfangs — das sind fast ihre eigenen Worte — höchst unanständig als Baumkletterer benommen hat. Dann fügte sie hinzu: Kann da noch jemand glauben, daß bei solch gleichem Ursprung für alle Menschen irgendeine Berechtigung da sei für das, was als soziale Ungleichheiten heute auftritt?
Sehen Sie, da war ein Wort gesprochen, das der moderne Proletarier in einer ganz anderen Weise auffaßte, als es aufzufassen vermochte der Angehörige der bisher führenden Schichten der Menschheit. Der Angehörige der bisher führenden Schichten der Menschheit war mit seinem Kopfe von einem solchen Wort vielleicht überzeugt, aber er stand als ganzer Mensch in einer sozialen Ordnung drinnen, die ein Überbleibsel war von Weltanschauungen früherer Zeiten, in allerlei, wenn er es auch sich nicht gestand, in allerlei religiösen, künstlerischen und sonstigen Empfindungen. Er war nicht darauf angewiesen, seinen ganzen Menschen in das Licht einer solchen Weltanschauung zu stellen. Der Proletarier aber war genötigt, seinen ganzen Menschen im Lichte einer solchen Weltanschauung zu sehen. Warum? Nicht daß die Maschine aufgekommen ist, nicht daß der Kapitalismus heraufgekommen ist, war das Wesentliche. Das Wesentliche war, daß der Proletarier hinweggerufen worden ist von den früheren Lebensbedingungen, die ihm aus dem Handwerk oder dergleichen selbst heraus irgend etwas mitgaben zur Beantwortung der Frage: Was bist du als Mensch wert unter Menschen? Jetzt stand er an der Maschine; das gibt ihm keinen Zusammenhang zwischen sich und den andern Menschen. Jetzt stand er drinnen in der bloßen Wirtschaftsordnung des Kapitalismus. Jetzt war er genötigt, von einer ganz anderen Seite her sich die Frage zu beantworten: Was bist du eigentlich als Mensch? — Daher wandte er sich wie an seine neue Religion an diese moderne Weltanschauung, die für die anderen eben eine Kopfüberzeugung war, für ihn aber etwas, was seinen ganzen Menschen erfüllte. Nun, was da der Proletarier übernommen hatte und was zuletzt auch ausfüllte alles, was sich ausbreitete als soziale Anschauung in der Arbeiterschaft, woher stammte das alles? Es stammte doch, wenn das auch nicht immer durchschaut worden ist, aus der Entwickelung der führenden, namentlich der bürgerlichen Schichten der menschlichen Gesellschaft. Das, was der Proletarier übernommen hatte an Weisheit, an Wissenschaft, an materialistischer Anschauung über den Menschen, das war nicht in dem Intellekte des Proletariers gewachsen, das war Erbgut desjenigen, was das bürgerliche Denken in der neueren Zeit ausgebildet hatte. Der Proletarier brachte nur, während er ganz anders leben mußte, das bürgerliche Denken bis zu seiner letzten Konsequenz, bis zu seiner äußersten Ausgestaltung. Und was wurde es in seiner Seele? Oh, er war überzeugt davon, daß dieses letzte Erbgut von seiten des Bürgertums ihm doch etwas Seelentragendes geben müsse. Es war gewissermaßen unbewußt das letzte große Vertrauen, das das Proletariat dem Bürgertum entgegenbrachte, und das darin bestand, daß es die neuere materialistische Weltanschauung von dem Bürgertum übernahm. Dieses letzte große Vertrauen, es ist — das ist wenigstens das unbewußte Gefühl des Proletariers -, es ist getäuscht worden. Und das ist es, was den heutigen sozialen Tatsachen, trotz aller Auswüchse, im innersten Wesen doch zugrunde liegt.
Wenn wir auf diese Tatsache hinsehen, dann müssen wir gerade das Unbewußte, gerade dasjenige, was die Folge des Erwähnten in der Seele des Proletariers war, das müssen wir so recht ins Auge fassen. Der Bürgerliche — greifen Sie sich ans Herz, versuchen Sie es zu erkennen durch eine wahre Selbstbesinnung, wenn Sie Bürgerlicher sind oder Ihre Vorfahren Bürgerliche waren —, der Bürgerliche hat als Überlieferung früherer Zeiten ganz andere Empfindungen. Der moderne Proletarier wies nach seiner Lebensart, nachdem er zur öden Maschine, zum öden Kapitalismus gerufen worden ist, diese alten Überlieferungen ab. Seine Seele sollte diese neuere Weltanschauung ausfüllen, sie konnte es nicht. Und so sehr mit Begeisterung der Proletarier sich bekannte zu dem, was diese Weltanschauung sagte, er fühlte sich in seiner Seele verödet, er fühlte sich lechzend nach einem anderen Geistesleben. Denn dieses Geistesleben, die Frucht der neueren Geistigkeit, hat keine Stoßkraft für die großen Seelenfragen der Menschheit. Dieses Geistesleben sagt nichts aus über den Zusammenhang des Menschen mit dem, was ein jeder Mensch doch in seiner Brust als seine höhere Menschlichkeit fühlt. Das wirkte verödend. Das wirkte so in der Seele des Proletariers, daß er nach etwas Unbestimmtem lechzte. Das ist es, was in allen möglichen Forderungen sich dann maskierte, was in allen möglichen Ausgestaltungen zutage trat. Wir werden diese Maskierung, diese Ausgestaltungen nicht verstehen, wenn wir uns nicht entschließen können, die Sache in ihrer vollen Tiefe von dem Gesichtspunkte einer wirklichen Weltanschauungsfrage ins Auge zu fassen. Keine Stoßkraft für Weltanschauungsangelegenheiten, keine Stoßkraft für das Allgemein-Menschliche hatte dieses neuere Geistesleben. Wenn die führenden Schichten der neueren Menschheit suchten nach einer solchen Stoßkraft, suchten nach etwas im Geistesleben, das seelentragend sein sollte, dann wandten sie sich an die alten religiösen Vorstellungen, an die alten künstlerischen, ästhetischen, ethischen oder sonstigen Anschauungen. Aber das, was sie dem Proletarier vermittelt haben, was der Proletarier allein verstehen konnte, das war nicht seelentragend, das ist bis heute nicht seelentragend. Fragen müssen wir: Woher kommt denn das? Da müssen wir nicht die Theoretiker fragen, da müssen wir wahrhaftig keine grauen Theorien aufbauen. Da müssen wir in eine wirkliche Lebenspraxis untertauchen, wenn wir klar sehen wollen. Ich kann natürlich die welttragenden Tatsachen heute nur skizzieren, sie lassen sich aber voll zum Beweise bringen. Indem die neuere Zeit mit ihrer Technik, mit ihrem Kapitalismus heraufrückte, da war aus der früheren Entwickelung etwas zurückgeblieben, was für den Kenner nur sehr entfernt ähnlich sieht demjenigen, was wir heute Staat nennen, insofern dieser Staat wahrhaftig von genügend Menschen, man möchte sagen, fast wie ein Götze angebetet und verehrt wird. Diejenigen Menschenklassen, die die führenden waren im Beginn der neueren Zeit, als Technik und Kapitalismus heraufkamen, sie benützten den Rahmen des Staates, um in diesen Rahmen all dasjenige hineinzubringen, was hineinzubringen ihnen bequem war. Und wir sehen eigentlich berechtigt vom damaligen Standpunkt aus, wenigstens begreiflich vom damaligen Standpunkt aus, wo man gegen die Kirche, gegen manche andere Mächte zu kämpfen hatte, wie seit der Morgenröte des neueren Geisteslebens, des geschichtlichen Lebens überhaupt, das Geistesleben immer mehr und mehr einbezogen wird in die Sphäre des Staates. Die Schule, andere Zweige des Geisteslebens, sie wurden immer mehr und mehr einbezogen in die Sphäre des Staates. Man sah darin gerade den großen Fortschritt der.neueren Zeit. Deshalb ist es heute so schwer, auf diesem Gebiete gegen das allgemeine Vorurteil anzukämpfen und auszusprechen, daß gerade auf diesem Gebiete der Rückzug angetreten werden muß, wahrhaftig nicht in ein schwarzes Mittelalter, aber in die Befreiung des Geisteslebens auf allen Gebieten vom Staate, Das ist es, was man heute wird einsehen müssen, daß es notwendig ist, wenn man nur mit irgendeiner auch nur geringen Kraft wird mitwirken wollen zum Herauskommen aus der furchtbaren, der schrecklichen Lage, in die sich die Menschheit selbst hineingebracht hat. Als ein Fortschritt wurde es angesehen, alles nach und nach in die Aufsicht des Staates zu setzen, was dem Geistesleben angehörte. Nur wenigen künstlerischen Gebieten, einigem, was man für lebensunwichtig ansieht, wurde auf dem geistigen Gebiete noch die Freiheit gelassen.
Ja, derjenige, der die Verhältnisse auf diesem Gebiete kennt, der weiß, wases bedeutet, daß man in der neueren Zeit so hochmütig geworden ist mit Bezug auf das Urteil, das man immer wieder hören kann, im Mittelalter habe die Philosophie, und man meint damit alle Wissenschaft, alles menschliche Geistesleben, die Schleppe nachgetragen der Theologie. Nun ja, die Schleppe wird ja freilich der Theologie heute von der Mehrzahl derjenigen, die sich geistig wirklich betätigen auf der Höhe der Zeit, nicht nachgetragen, aber etwas anderes findet statt. Ich möchte es kennzeichnen, indem ich Ihnen ein Wort anführe, das aber verhundertfacht, nein, vertausendfacht werden könnte. Ein sehr berühmter, mit Recht berühmter, bedeutender Naturforscher der neueren Zeit sprach sich einmal als Generalsekretär der Berliner Akademie der Wissenschaften über seine Kollegen, über die ganze Körperschaft der Berliner Akademie der Wissenschaften aus und sagte, diese Gelehrten, sie seien mit Stolz die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern. Nun, das, denken Sie es einmal aus, bezeugt Ihnen, in welche Abhängigkeit das Geistesleben geraten ist, nachdem es sich gerettet hat aus den Fängen der Theologie. Es trägt nicht mehr der Theologie die Schleppe nach. Was es aber geneigt ist, gegenüber dem Staate zu tun, oh, die letzten viereinhalb Jahre beweisen es. Lesen Sie dasjenige, was deutsche Geschichtsschreiber geschrieben haben. Und wahr, leider höchst wahr ist es — nicht allein die Verwaltung, die Stellenbesetzung der Wissenschaften hängt etwa ab von dem Staate, nein, derjenige, der die Dinge wirklich kennt, der weiß, daß diese Wissenschaft, die vom Staate abhängig geworden ist, auch ihrem Inhalte, ihrem Bestande nach vom Staate abhängig wurde, und vor allen Dingen insofern, als solche Menschen sie machten, die den Quell ursprünglichen Geisteslebens in sich ertöteten und mehr oder weniger ganz und gar nur Mittler wurden zur Behauptung desjenigen, was eigentlich der Staat in ihnen behauptet. Schwierig wird es sein, dasjenige, was das eben Ausgesprochene alles enthält, frank und frei und mutig zu bekennen, aber es muß bekannt werden. Denn eingesehen werden muß, daß Geistesleben nur so möglich ist in seiner wirklichen Wesenheit, daß es die Menschen trägt, daß es vor allen Dingen die Seelen trägt, daß Geistesleben nur möglich ist, wenn es auf sich selbst, auf die eigene Freiheit gestellt ist, wenn vom Lehrer der untersten Schule ab jeder weiß: Du unterstehst keinem Befehl des Staates, sondern lediglich der Verwaltung derjenigen, die aus dem Geistesleben herausgewachsen sind und ihm dienen. Mit diesem Geistesleben, das vom Staate vollständig unabhängig ist, mit diesem Geistesleben wird etwas geschaffen werden können, was ein gesunder Boden für Geistesentwickelung überhaupt ist.
Was haben wir denn erlebt innerhalb der geistigen Entwickelung der neueren Zeit? Oh, wie ist im Grunde genommen das alles fremd dem wirklichen Leben, was innerhalb der Mauern des wissenschaftlichen Betriebes gepflegt wird. Und was vermissen wir daher auf dem Boden des Wirtschaftslebens überall? Einsichtige Kenner dieses Wirtschaftslebens geben heute zu, daß uns das Allerwichtigste fehlt gerade im Wirtschaftsleben, daß uns fehlt zum Beispiel eine wirkliche Industriewissenschaft. Das Wirtschaftsleben, das konnte nicht zurückbleiben, das mußte mit dem Gang der neueren Entwickelung gehen. Es war unmöglich, daß man zum Beispiel in Deutschland dabei blieb, für die deutsche Eisenindustrie nur 799000 Tonnen Roheisen zutage zu fördern, wiemanesin den ersten sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts getan hat. Nein, es war notwendig, schon Ende der achtziger Jahre nicht 799 000 Tonnen Roheisen zutage zu fördern, sondern 4500000 Tonnen. Was ist das Bemerkenswerte an dieser Roheisengewinnung? Daß diese 799000 Tonnen Roheisen im Beginn der sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts von etwas mehr als 20000 Arbeitern zutage gefördert worden sind und merkwürdigerweise die 4500000 Tonnen in den achtziger Jahren von auch nur wenig mehr als 20000 Arbeitern zutage gefördert wurden. Was heißt das? Das heißt: So sind die technischen Vervollkommnungen fortgeschritten, so drängte das Wirtschaftsleben zum Fortschritt, daß von derselben Anzahl Arbeiter Ende der achtziger Jahre 4500000 Tonnen Roheisen zutage gefördert werden konnten, von denen anfangs der sechziger Jahre nur 799000 Tonnen gefördert worden sind. Da fragt man sich aber dann: Ist gefolgt in der richtigen Weise dieser Vervollkommnung der Technik die Vervollkommnung auf anderen sozialen Gebieten? Nein. Und einsichtige Kenner gestehen es heute ohne weiteres, daß uns fehlt eine Wissenschaft, welche zum Beispiel geeignet ist, nach den Anforderungen der Gegenwart der Produktion im Sinne der gesteigerten Konsumtion so zu helfen, daß die Betriebe überall am richtigen Ort angelegt werden, daß die Betriebe von anderen, sie unterstützenden Betrieben in der Nachbarschaft richtig begleitet werden. Wer heute verfolgt, was wegen des Mangels einer Industriewissenschaft in dieser Beziehung an wirtschaftlichem Chaos zutage gefördert worden ist, der sieht erst hinein in die wahren Gründe, in die wahrhaft praktischen Gründe für die heutige soziale Bewegung. Denn ein gesundes Geistesleben, ein Geistesleben, das nicht in bequemer Art abhängig sein darf, sich stützen lassen darf vom Staate und seinen Hilfskräften, sondern an jedem Tage aufs neue zu beweisen hat seine Fähigkeit, seine Kraft für die soziale Ordnung, ein solches Geistesleben, das ist ein gesunder Boden für alle Geistigkeit. Und geradeso wie Sie sich sagen, wenn Sie einen schlechten Weizen aufsprießen sehen, da ist ein unvollkommener Boden darunter —, so müßten Sie sich heute sagen: Daß wir keine Industriewissenschaft haben, daß wir dasjenige nicht haben, was wir wie das Brot selber brauchen zur Gesundung unseres Wirtschaftslebens, das rührt davon her, daß der Boden, auf dem die praktischen Wissenschaften gedeihen sollten, ungesund ist, daß das Geistesleben nicht aufsprießen läßt diejenigen Menschen, die die richtigen Leiter der kapitalistischen Verwaltung sind, diejenigen Menschen, die nun wirklich Vertrauen finden können in der breiten Masse derer, die arbeiten müssen.
Sehen Sie, so sind die Zusammenhänge. Entweder sieht man die Zusammenhänge so, dann findet man einen Weg hinaus aus dem Chaos - es ist aber nötig, in diesen tieferen Zusammenhang hineinzuschauen - oder man sieht diesen Zusammenhang nicht, dann geht man, was man auch unternehmen mag im Sinne des alten Denkens über die Wirtschaft, dann geht man weiter hinein in das Chaos, weiter hinein in den Raubbau, in den Abbau. Denn nur dadurch kommen wir über diesen Raubbau, über diesen Abbau hinaus, daß wir anfangen bei der Sozialisierung des Geisteslebens selber. Sozialisieren im Geistesleben heißt aber, dieses Geistesleben emanzipieren vom Staatsleben, dieses Geistesleben von der untersten Schulstufe bis hinauf zur Universität auf sich selbst stellen und die Beziehungen der Menschheit zu diesem Geistesleben vollständig freimachen.
Glauben Sie mir, ich kenne alle die Einwände, die gemacht werden können gegen dasjenige, was ich eben gesagt habe. Ich weiß, daß sowohl von bürgerlicher wie von proletarischer Seite mir gesagt werden wird: Nun, wenn die Schule wieder frei werden wird, dann wird wieder Analphabetismus blühen und ähnliche Dinge. Sehen Sie, ich möchte vor allen Dingen eines anführen gegen die Einwände, die von sozialistischer Seite gegen das gemacht werden mögen, was ich jetzt eben ausgesprochen habe. Von sozialistischer Seite legt man einen großen Wert auf die sogenannte Einheitsschule. Man sagt sich, es darf in der Zukunft nicht mehr eine Ständeschule existieren, es müssen die Kinder aller Menschen in einer Einheitsschule wenigstens bis zum vierzehnten oder fünfzehnten Jahre unterrichtet werden. Nun gut, glauben Sie aber, daß eine andere Schule als eine Einheitsschule bestehen wird, wenn aus sachlichen Gründen der selbständige geistige Organismus, der vom Staate unabhängige geistige Organismus diese Schule einrichten wird? Ich habe ein kleines Büchelchen geschrieben: Die Erziehung des Kindes vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus. Sie mögen zu diesem Standpunkte was immer für eine Stellung einnehmen. Ich kann jede gegnerische Stellung zu diesem Standpunkte voll begreifen; aber sehen Sie von dieser Stellung ab, sehen Sie ab von dem, was rein vom schulphilosophischen Standpunkte aus über eine solche Anschauung zu sagen ist, und Sie werden sehen, da wird, indem die Erziehung des Kindes besprochen wird, rein Rücksicht genommen auf dasjenige, was sich im Menschen bis zum Reifealter entwickelt. Da kommt man gar nicht darauf, wenn man aus sachlichen Gründen des Geisteslebens über die Konstitution einer Schule spricht, etwas anderes als eine Einheitsschule auszugestalten. Das wird ein Bedürfnis des vom Staate emanzipierten Geisteslebens sein, daß dieses Geistesleben sich jeden Tag aufs neue in seinen Vertretern wird als wirksam zu erweisen haben, daß es nur auf sich selbst gestützt seine wahre Wesenheit und Kraft dem sozialen Leben zur Verfügung stellen wird. Ein solches Geistesleben wird nicht in abstrakten Höhen leben, es wird nicht predigen. Ein solches Geistesleben wird nicht weltfremde Wissenschaftlichkeit hinter Mauern pflegen, es wird Menschen ausbilden, die, wenn sie die Gedanken dieser Geistigkeit in sich tragen, zu richtigen Leitern des Wirtschaftslebens werden, unseres so komplizierten, so viele Anforderungen stellenden Wirtschaftslebens.
Das Geistesleben ist durch den Staat nicht praktisch, es ist unpraktisch geworden, es ist abstrakt geworden. Ich habe seit Jahrzehnten denjenigen, zu denen ich sprechen durfte, immer wieder gesagt: Ihr kennt Lehren, Ihr kennt Theorien, die sich zum Beispiel zuspitzen zur Ethik, zur Moral, so daß den Menschen gepredigt wird «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst», oder gepredigt wird von Brüderlichkeit, von allgemeinem Mitgefühl und dergleichen. Mir kommen diese Predigten vor, wie wenn man zum Ofen, der im Zimmer steht, sprechen würde: Du, Ofen, so siehst du aus; deine Wesenheit fordert dich auf, das Zimmer warm zu machen, das ist deine Ofenpflicht, dein kategorischer Imperativ, so mache also das Zimmer warm! Beim Ofen nützt die Predigt so wenig wie beim Menschen. Darum handelt es sich, daß wir dem Ofen gar nicht predigen, daß wir aber Holz oder Kohlen hineinlegen und sie anzünden. Ebensowenig passen in unsere heutige soziale Ordnung noch diejenigen geistigen Betriebe, welche in abstrakter Höhe sich halten, es passen hinein allein diejenigen, welche wirklich den Zugang finden zu dem, was in dem Menschen lebt. Glauben Sie, daß wenn zum Beispiel seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts - aber das ist natürlich eine Hypothese - ein wahrhaft lebendiges Geistesleben bestanden hätte, man wäre ebenso unverständig dem Eisenacher, dem Gothaer, dem Erfurter Programm gegenübergestanden, wie man ihnen gegenübergestanden hat? Nein, nimmermehr! Auf dem Boden eines gesunden Geisteslebens hätte sich eine gesunde Industriewissenschaft, eine gesunde soziale Wissenschaft entwickelt. In der Sozialwissenschaft insbesondere haben wir immer das Pferd beim Schwanze aufgezäumt. Statt daß diejenigen, die berufen waren über soziale Ordnung, über Wirtschaftsordnung zu sprechen, irgendwie etwas gefunden haben, was zu geschehen hat, was hätte entsprechen können den Anforderungen des Proletariats, statt dessen haben die Herren dasjenige verzeichnet, was schon da war. Das ist es, was uns auf diesem Gebiete so tief heruntergebracht hat. Und der Proletarier, ihm war nichts anderes möglich, als an seinem Leibe die Folgen dessen zu erleben, was aus solchen Tatsachen heraus, wie ich sie dargestellt habe, mit der Wirtschaftsordnung, in die er eingespannt war, angerichtet wurde. Er sah von seinem Standpunkte an der Maschine, von seiner Einspannung in den seelenverödenden Kapitalismus hin auf das Geistesleben der leitenden, führenden Klassen. Nun ja gewiß, diese leitenden, führenden Klassen, die konnten nicht anders, als das Leben immer mehr und mehr demokratisch gestalten, sie riefen die breiten Massen der Menschheit zur Demokratie auf. Sie verfielen nach und nach auch darauf, von dem, was sie als Geistesleben pflegten, allerlei abzugeben an das Proletariat; Volkshochschulen wurden gegründet, Kunsthäuser, in denen dem Volke gezeigt wurde, was die anderen Klassen an Kunst hervorbringen und so weiter. Was sich da ausgestaltete — niemand soll natürlich ein Vorwurf gemacht werden, denn die Leute glaubten, das Rechte zu tun, was im Sinne des Fortschritts in der Demokratie lag -, aber was in Wirklichkeit in Szene gesetzt wurde, war nichts weiter als eine große LebensJüge. Man verstand sie nur nicht, diese Lebenslüge. Wenn man aufrief die breiten Massen des Proletariats, daß sie anschauen sollten die Bilder der Bürgerlichen, daß sie zuhören sollten bei den Schulkursen der Bürgerlichen, und wenn ihnen dann eingeredet wurde, sie verständen etwas davon, dann war das nicht wahr. Denn man kann auf dem Gebiete des Geisteslebens nichts erleben, wenn nicht das Erzeugte innerhalb der gleichen Gemeinschaft erzeugt ist. Indem eine tiefe Kluft sich auftat in bezug auf die sozialen Erlebnisse des Proletariats und des Bürgertums, war auch das angebliche Verstehen der bürgerlich-geistigen Hervorbringung von seiten des Proletariats weiter nichts als eine Lebenslüge.
So konnte das Proletariat nicht anders, als sich hineingestellt fühlen in das bloße Wirtschaftsleben. Es war ja alles daraufhin organisiert, daß nur wenige die Früchte dieses Geisteslebens wirklich genießen konnten. Das Proletariat aber, was nahm es denn wahr? Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens nahm es wahr das Kapital, die Wirksamkeit seiner eigenen Arbeitskraft und die Warenzirkulation, Warenerzeugung und den Warenkonsum. Das war alles, was es in Wirklichkeit erlebte. Sah es aber auf den Staat hin, welcher in dieser Weise seinem Rahmen nach benützt wurde, wie ich es eben dargestellt habe von den leitenden, führenden Schichten der neueren Zeit, dann fühlte der Proletarier etwas, was jeder Mensch fühlen kann, der seelisch gesund organisiert ist. Man kann viel nachdenken darüber, was der wichtige Begriff des Rechtes innerhalb der Menschheit, besser gesagt, innerhalb der Menschlichkeit, eigentlich bedeutet. Man wird sich zuletzt sagen: Das Rechtsbewußtsein ist etwas so Ursprüngliches gegenüber der menschlichen Natur wie dem gesunden Auge gegenüber die Wahrnehmung der blauen oder roten Farbe. Zu dem gesunden Auge kann man immer sprechen von der roten oder blauen Farbe, aber man kann nicht irgendeine abstrakte Vorstellung davon hervorrufen. So kann man zu jedem gesunden Menschen über die einzelnen Rechte sprechen. Das fühlte auch die breite Masse des Proletariats in den Zeiten, in denen es durch das demokratische Prinzip zur Selbstbesinnung gekommen ist an der Maschine und im Kapitalismus drinnen. Dann aber sah dieses Proletariat hin nach dem Staate. Was glaubte es von seinem Standpunkte aus mit Recht innerhalb dieses Staates zu finden? Wahrhaftig nicht die Verwirklichung des Rechtes, sondern den Klassenkampf mit seinen Klassenvorrechten und Klassenbenachteiligungen. Hier haben wir wieder ein Beispiel, wo das bürgerliche Denken sich kraftlos erwiesen hat. Auf der einen Seite war es genötigt, Demokratie walten zu lassen, auf der anderen Seite trug es nichts dazu bei, die Konsequenz dieser Demokratie zu ziehen, und ließ sich nicht wirklich dazu herbei, dasjenige vom Staate auszuscheiden, was ausgeschieden werden muß, und in die Sphäre des Staates einzubeziehen, was in die Sphäre des Staates einbezogen werden muß.
Ich will heute wegen der vorgerückten Zeit nur auf etwas hinweisen, aber auf ein Wichtigstes, auf den zweiten Kernpunkt der sozialen Bewegung der neueren Zeit. Ich will darauf hinweisen, wie eingeschlagen hat — wie gesagt, derjenige, den sein Schicksal dazu bestimmt hat, mit dem Proletariat zu denken, der hat es immer wieder und wiederum gesehen - in die Gemüter der Proletarier das Wort von Karl Marx, daß das moderne Proletariat leiden muß darunter, daß seine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkte gekauft wird wie eine Ware, daß im Wirtschaftsleben nicht bloß zirkulieren Waren, sondern daß menschliche Arbeitskraft da zirkuliert. Die Entlohnung ist nichts anderes als das Kaufen der menschlichen Arbeitskraft wie eine Ware. Gewiß, der Proletarier war nicht so gebildet durch das Erbgut der bürgerlichen Wissenschaft, die er übernommen hat, daß er sich im Verstande deutlich machen konnte, was eigentlich vorlag. Und die proletarischen Führer hatten ja erst recht die bürgerliche Wissenschaft geerbt, sie konnten es erst recht nicht. Aber der Proletarier fühlte im Herzen gegenüber dem eben angeführten Wort von Karl Marx das Folgende. Er blickte zurück in alte Zeiten und sagte sich: Es gab einmal Sklaven, da konnte der Kapitalist den ganzen Menschen kaufen wie eine Kuh oder wie einen Gegenstand. Dann kam die Zeit der Leibeigenschaft, da konnte man schon weniger vom Menschen kaufen, aber immerhin noch genug. Dann kam die neuere Zeit, die Zeit, in der man dem Menschen weismachte, er sei ein freies Wesen. Aber der Proletarier konnte sich seiner Freiheit nicht erfreuen, denn er mußte jetzt noch immer etwas von sich verkaufen, nämlich seine Arbeitskraft. Man kann nicht die Arbeitskraft verkaufen wie etwas, das man erzeugt hat. Ein Wagenrad, ein Pferd kann man auf den Markt bringen und verkaufen und dann wieder zurückgehen, mit der Arbeitskraft muß man mitgehen. Da ist ein Rest von Sklaverei im wirklichen Leben, wenn auch noch so viel geredet wird und noch so viel wissenschaftlich gelehrt wird von der sogenannten Freiheit. Das war dasjenige, was sich in den Gefühlen des Proletariers festlegte, was auch hätte gefühlt werden müssen von einem wirklichen Geistesleben in den leitenden, führenden Kreisen. Aber indem man zwar die Demokratie mit Recht heraufbrachte, die dieses Gefühl großzog gegenüber der menschlichen Arbeitskrafl, war man kurzsichtig genug, diesem Gefühl durch keine Einrichtung entgegenzukommen. Jetzt endlich sprechen die Tatsachen so, daß unbedingt notwendig ist, als die zweite Kernfrage der sozialen Bewegung aufzuwerfen: Wie entkleidet man die menschliche Arbeitskraft des Charakters der Ware? Das ist nicht anders möglich, als daß man, wie man auf der einen Seite das Geistesleben aus dem angeführten Grunde abgliedern muß von dem eigentlich politischen oder Rechtsstaat, man auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben abgliedert von diesem politischen oder Rechtsstaat, wenn man also drei selbständige soziale Organismen nebeneinanderstellt, die gerade dann eine richtige Einheit werden können, wenn sie selbständig sind. Dann werden sie einander organisch innerlich recht helfen, während die heute bestehende Einheit von Wirtschaftsleben, staatlichem oder Rechtsleben und Geistesleben uns eben in ein Chaos hineingeführt hat. Das Wirtschaftsleben nun, überlegen Sie sich, auf der einen Seite grenzt es an Naturbedingungen. Wie töricht wäre es, wenn irgendeine Korporation sich zusammensetzen und bestimmen würde aus den Bedürfnissen für das Jahr 1920 schon heute, was für Naturbedingungen notwendig seien, zum Beispiel wieviel Tage im Jahr es regnen und wieviel Tage Sonnenschein sein müsse, Das wäre eine Torheit selbstverständlich. Auf diesem Gebiet, wo das Wirtschaftsleben an die Naturgrundlagen grenzt, da begreift man diese Torheit, aber gegenüber der anderen Grenze, wo das Wirtschaftsleben an den von ihm freien Staat, der selber nicht wirtschaften darf, grenzt, da begreift man heute ein Ähnliches noch nicht. Selbst Walther Rathenau hat in seinem neuesten Schriftchen «Nach der Flut» betont, die Loslösung der Arbeitskraft vom Wirtschaftskreislauf würde einen ungeheuren Sturz der Geldwerte herbeiführen. Er kann sich eben gar nicht finden in das, was gerade durch die Befreiung des Wirtschaftslebens vom Staatsleben doch möglich sein wird — die Arbeitskraft herauszuziehen aus dem Wirtschaftsleben, um dem Wirtschaftsleben nichts zu lassen als dasjenige, was dem Menschen gegenüber objektiv, vom Menschen unabhängig ist. Der Arbeiter wird im Staat auf einem solchen Boden stehen müssen, auf dem jeder Mensch gegenüber dem anderen Menschen gleich ist. Das wird die Zukunft des vom Geistesleben und vom Wirtschaftsleben befreiten Staates sein, daß auf dem Boden dieses Staates sich alles entwickeln wird, was, es läßt sich genau abgrenzen, so in der Menschheit lebt, daß ihm gegenüber alle Menschen vollständig gleich dastehen.
Nicht gleich stehen die Menschen da in bezug auf ihre individuellen Fähigkeiten und Begabungen. Alle diese individuellen Fähigkeiten und Begabungen müssen im freien Geistesleben, in dem vom Staate unabhängigen Geistesleben entwickelt werden. Da vermag die Demokratie nichts. Die Demokratie hat zu ihrem Inhalte alles dasjenige, worin alle Menschen gleich sind und wozu keine Lebenserfahrung gehört. Lebenserfahrung aber ist das Element des Wirtschaftslebens. Der Staat darf nicht wirtschaften, sondern er hat alles dasjenige festzusetzen und zu regeln, worin ein Mensch dem anderen vollkommen gleich ist, worin wahre Demokratie herrschen kann. Dazu gehörtneben dem Besitzrecht, das Sie in meinem Buche weiter ausgeführt finden, vor allen Dingen das Arbeitsrecht. Zeit, Maß und Art der Arbeit wird in der Zukunft von dem vom Wirtschaftsleben unabhängigen Staate geregelt werden müssen, so daß der Arbeiter, der selber mit dabei ist bei dieser Regelung, schon wenn er die Fabrik, die Werkstätte betritt, mit einem durch das Recht begrenzten Arbeitsmaß kommt, mit einer vor allen Dingen durch das Arbeitsrecht begrenzten Arbeitszeit kommt, bevor er irgendeinen Vertrag mit einem Arbeitsleiter abschließt. Wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite an die Naturgrundlage grenzt und man höchstens durch einige technische Maßnahmen dieser Naturgrundlage bei-. kommen kann, aber im weiteren von ihr abhängig ist, so wird das Wirtschaftsleben zukünftig müssen auf der anderen Seite an das fest geregelte Arbeitsrecht grenzen. Man wird nicht nach dem Gebrauchswert der Güter den Lohn bestimmen können, wie das im wesentlichen noch heute innerhalb unserer Wirtschaftsordnung der Fall ist. Man wird allen Wohlstand, alle Produktion innerhalb des Wirtschaftslebens nur als eine Konsequenz desjenigen gestalten können, was vom Staate als Arbeitsrecht festgesetzt ist, wie man das Wirtschaftsleben auf der anderen Seite nur entwickeln kann als abhängig von den Naturgrundlagen. Das weitere müssen Sie schon nachlesen in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft». Wir kommen da eben zum zweiten der Kernpunkte der sozialen Frage, zu der Regelung des Arbeitsrechtes durch eine Abtrennung des Wirtschaftslebens von dem staatlichen Leben.
Der dritte der Kernpunkte der sozialen Frage ist die wirtschaftliche Frage selbst. Diese findet ihre Regelung dann, wenn dieses Wirtschaftsleben real zwischen den beiden eben bezeichneten Grenzen eingeklemmt, innerhalb dieser Grenzen aus rein wirtschaftlichen Kräften, den Kräften der Berufsstände, aus den Kräften namentlich von Produktion und Konsumtion durch Genossenschaften und dergleichen assoziativ geregelt wird in einer völligen Unabhängigkeit vom Rechts- und Geistesleben. Es ist heute nicht mehr Zeit, im einzelnen - das kann im nächsten Vortrage geschehen — einzugehen darauf, wie das emanzipierte Wirtschaftsleben dann das bringen kann, was allerdings als Wohlstand abhängig sein wird von dem Arbeitsrecht, auch vom Besitzrecht, aber in einer gesunden Abhängigkeit davon sein wird und vor allen Dingen in einer moralisch notwendigen Abhängigkeit, wie es auf der anderen Seite in einer natürlichen Abhängigkeit ist. Im einzelnen wird allerdings notwendig sein, daß die beiden anderen Gebiete des sozialen Organismus, das geistige und das rechtlich-staatliche, ihre Kräfte liefern dem Wirtschaftsleben. Aber sie werden sie liefern gerade dann, wenn sie auf ihrem Boden in der richtigen Weise sich ausbilden.
Als ich neulich in einer Stadt in der Schweiz über diesen Gegenstand sprach, da sagte mir ein sehr gescheiter Mensch in der Diskussion — gewiß, ich erkenne alle gescheiten Einwände an, ich bin mir bewußt, wieviel einzuwenden ist gegen das, was ich hier vorschlage; aber es ist aus der Wirklichkeit heraus, und daher ist soviel einzuwenden, wie in der Regel gegen die Wirklichkeit einzuwenden ist; gerade deshalb ist das Vorgeschlagene praktisch, weil zunächst soviel einzuwenden ist und weil wiederum den Einwänden in praktischer Weise begegnet werden muß, nicht mit Urteilen -, da sagte er: Ja, du willst nun den Staat mit seinem Recht und seiner Gerechtigkeit abgrenzen, aber es muß doch Gerechtigkeit herrschen, sowohl im Geistes- wie im Wirtschaftsleben! Ich erwiderte ihm mit einem Bilde: Ich stelle mir vor eine ländliche Familie, den Mann, die Frau, die Kinder, Knechte, Mägde und drei Kühe. Die Kühe geben Milch. Die ganze Familie braucht Milch, ist es deshalb just notwendig oder auch nur möglich, daß die ganze Familie auch Milch gibt? Nein, wenn die drei Kühe richtig Milch geben, wird die ganze Familie mit Milch versorgt sein, und es ist gar nicht notwendig, daß die anderen auch Milch geben sollten. So ist es mit den drei Gliedern des sozialen Organismus. Jedes der Glieder liefert gerade dadurch für die anderen Glieder dasjenige, was ihnen geliefert werden kann, weil es in seiner Emanzipation auf seine gesunde, wesenhafte Grundlage gestellt wird. Das ist es, was man sich vor allen Dingen gegenüber diesen wirklich praktischen, aus der Wirklichkeit herausgeholten sozialen Vorschlägen zu überlegen hat.
Seit mehr als einem Jahrhundert tönt durch die Menschheit hindurch eine dreifache Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wer könnte sich verschließen der kräftigen Impulsivität dieser drei Ideale. Dennoch, sehr gescheite Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, sie haben mit Recht, ich sage ausdrücklich mit Recht, die Widersprüche nachgewiesen zwischen diesen drei großen menschlichen Idealen und haben gesagt: Wenn man die Freiheit der Individualität entwickeln soll, wenn die Individualitäten wirklich nebeneinander zu ihrem Recht kommen sollen, wie soll da Gleichheit herrschen? Oder wiederum: Wie soll neben der Gleichheit, neben dem Ausbreiten des reinen Rechtes noch die Brüderlichkeit zu ihrer Geltung kommen? Nun, sehen Sie, es liegt hier ein kapitaler, fundamentaler Widerspruch vor. Warum? Weil diese drei großen Ideale der Menschheit, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit noch gefaßt worden sind in einer Zeit, wo die Menschen hypnotisiert von der Idee des Einheitsstaates lebten, jenes Einheitsstaates, der uns eigentlich in die heutige Katastrophe hineingeführt hat. Aber etwas Richtiges, etwas Hohes, etwas Gewaltiges war doch mit diesen drei Impulsen gefühlt, und dies kann erst realisiert werden, wenn man wissen wird, daß ein jedes dieser drei Ideale für das auf seinen eigenen Boden gestellte Glied des dreigliedrigen sozialen Organismus taugt. Es muß sich in der Zukunft entwickeln der freie geistige Organismus aus den Impulsen der Freiheit heraus, der staatliche, politische Organismus aus den Impulsen der Gleichheit heraus, der wirtschaftliche Organismus aus dem Prinzip der Brüderlichkeit großen Stiles über die Erfahrungen von Mensch zu Mensch, der Organisationen, der Assoziationen, der Genossenschaften und so weiter.
Das hat denjenigen, der heute zu Ihnen spricht, bewogen, als wir mitten drinnen standen in jener furchtbaren Katastrophe, die uns hier in Deutschland in unsere heutige Lage gebracht hat, an manche Stellen sich zu wenden, damit dazumal in den Ton der für Deutschland man konnte das damals schon sehen — vergeblich donnernden Kanonen hätte hineintönen sollen eine geistige Stimme gegenüber dem, was sonst die Welt erfüllte, damit Mittel- und Osteuropa gehört hätten, daß sie künftig nicht mit Kanonen, sondern mit dem Geiste arbeiten sollten. Der Weg sollte gesucht werden, der verhindert hätte, was nun gekommen ist. Viel Mühe haben sich meine Freunde gegeben, an die betreffenden Stellen, die dazumal noch berufen waren und heute in den Abgrund versunken sind, dasjenige heranzubringen, was hervorgeholt ist aus den notwendigen Menschheitsentwickelungsbedingungen der Gegenwart und nächsten Zukunft. Und gesagt habe ich zu manchen in der damaligen Zeit: Was in diesem Entwurfe ausgesprochen wird — er war dazumal hauptsächlich für die auswärtige Politik formuliert -—, das ist dasjenige, was in hingebungsvoller Arbeit seit Jahrzehnten den Verhältnissen von Mittel- und Osteuropa und der zivilisierten Welt überhaupt abgelauscht ist, was sich realisieren will in den nächsten zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren. Und gesagt wurde: Sie haben jetzt die Wahl, entweder Vernunft anzunehmen und der Menschheit zu sagen, daß Sie das realisieren wollen, oder Sie stehen vor Kataklysmen und Revolutionen. Denn was man nicht durch Vernunft realisieren will, das erst führt zur Revolution. Das darf heute jemand sagen, der vor dieser Kriegskatastrophe als von einer sozialen Geschwürbildung, von einer sozialen Krebskrankheit gesprochen hat. Damit wurde man damals als Phantast angesehen, und als Praktiker galten diejenigen, die, kurz bevor das Schlachten begann, von einer allgemeinen Entspannung sprachen.
Hoffen wir, daß in denen, die schon etwas einsehen von der Notwendigkeit eines Umdenkens - nicht bloß einer Umänderung der Einrichtungen, sondern eines Umdenkens, Umlernens in den Menschenköpfen -, hoffen wir, daß in ihnen aufleuchte der Impuls für die soziale Bewegung, die durch so laut sprechende Tatsachen sich ankündigt. Hoffen wir, daß er aufleuchte in den Menschen, bevor es zu spät ist. Denn dasjenige, was durch Tatsachen spricht, es muß mit Gedanken eingeholt werden. Wir brauchen heute nicht ein leichtes Hinreden über dies oder jenes, was geändert werden soll. Wir brauchen neue Gedanken in den Menschenköpfen drinnen. Viele Menschen haben gesagt: Eine solche Katastrophe wie dieser Krieg ist seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte noch nicht dagewesen. Wenige aber haben seither gesagt: Deshalb sind jetzt auch notwendig Gedanken, die manchem ja so vorkommen können, wie wenn sie noch nicht dagewesen wären, aber wir brauchen sie, diese Gedanken, wenn wir herauskommen wollen aus jener furchtbaren Katastrophe, die noch da ist, herauskommen wollen aus Wirrnis und Chaos. Greifen wir zur Selbstbesinnung! Versuchen wir, zu der Einsicht das mutige soziale Wollen zu fügen, dann wird es noch nicht zu spät sein, wenn auch die Lage heute schon schwierig ist. Versuchen wir zu verhindern den Augenblick, wo wir uns dann in furchtbarer Menschheitstragik trauernd sagen müßten: Zu spät!
Schlußwort nach der Diskussion
Ich will Sie heute nicht mehr sehr lange aufhalten. Zuerst wird es meine Aufgabe sein, Ihnen herzlich zu danken für Ihr Vertrauen. Sie können mir glauben, es ist tatsächlich nicht irgendwie entsprechend einer persönlichen Sehnsucht, zu Rate gezogen zu werden in dieser ernsten Zeit. Sondern wenn ich Ihr Vertrauen als etwas außerordentlich Bedeutungsvolles ansehe, so ist es lediglich, weil ich mich gegenüberstellen muß dem Ernste der Zeit. Und würde ich nicht glauben, daß wir in dieser Zeit wahrhaftig nicht lange warten sollten, sondern rasch zu Taten kommen müssen, so würde ich Ihnen vielleicht selber empfehlen: Überlegen Sie sich das eine oder andere. Heute aber handelt es sich wirklich darum, heraus aus den Wirrnissen der Gegenwart den Weg zu raschen Taten zu finden. Ich bin jetzt gerade acht Tage hier in Stuttgart, und ich muß gestehen, nachdem ich über dieselben Ideen, von denen ich Ihnen heute abend gesprochen habe, längere Zeit hindurch in der Schweiz gesprochen habe, waren mir die Eindrücke dieser letzten Woche hier in dieser Beziehung ein meine Erwartung und Hoffnung doch besiegelndes Erlebnis, und zwar von einer ganz besonderen Seite her.
Sehen Sie, heute kommt es darauf an, daß die Menschen der breiten Masse das Vernünftige wollen. Aus meiner Rede wird Ihnen selbst hervorgegangen sein, wie seit Jahren versucht worden ist, bei Minderheiten, bei denjenigen, denen in gewisser Beziehung die Führung der Menschheit anvertraut war, das Richtige zu suchen. Man predigte tauben Ohren. Heute hängt sehr viel ab von der Masse, hängt sehr viel davon ab, ob man die Möglichkeit findet, in den breiten Kreisen Vernunft zu pflegen. Da war es mir ein großes Erlebnis, daß ich über diese Ideen, wie es Ihnen erwähnt worden ist, zu breiten Massen der Bevölkerung sprechen konnte und keinen Widerspruch erfuhr. Das halte ich heute für außerordentlich wichtig, denn es bezeugt mir, sucht man den Weg, dann findet man ihn, und ist er bisher nicht gefunden worden, so meine ich, er ist nicht in zweckentsprechender Weise gesucht worden. Das haben mir die letzten Tage bewiesen, deshalb waren sie ein wichtiges Erlebnis für mich.
Zu den einzelnen Punkten der Debatte wäre allerdings viel zu sagen, aber bei der vorgerückten Zeit eigentlich zu viel. Gegen einiges aber möchte ich mich doch wehren, anknüpfend an letzte Worte, die eigentlich von großem Wohlwollen gegen mich zeugten. Da möchte ich Ihnen nur empfehlen: Lesen Sie auf Seite 140 meiner Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft»: «Die dargestellten einzelnen Lebenseinrichtungen werden gezeigt haben, daß es der zugrunde liegenden Denkungsart sich nicht, wie mancher meinen könnte — und wie tatsächlich geglaubt wurde, als ich hier und dort das Dargestellte mündlich vorgetragen habe -, um eine Erneuerung der drei Stände, Nähr-, Wehr- und Lehrstand, handelt. Das Gegenteil dieser Ständegliederung wird angestrebt.» Der Herr Vorredner sprach davon, daß man die Idee der Dreigliederung auch bei Plato findet. Nein, was ich Ihnen heute vorgetragen habe, ist das Gegenteil der Ständegliederung. Nicht die Menschen werden im Staate neu gegliedert, nicht die alten Stände werden aufgerichtet, nicht der platonische Gedanke wird verwirklicht, sondern das, was unabhängig vom Menschen ist, der soziale Organismus, er wird dreifach gegliedert, und der Mensch kommt dadurch zu seiner vollen einheitlichen Menschenwürde, daß er nicht in Klassen aufgeteilt wird. Dadurch, daß der soziale Organismus ein dreigliedriger wird, werden die Klassenunterschiede überwunden. Zwischen uns und Plato liegt eine Kluft. Wir müssen auch Plato gegenüber umdenken. Das muß ich auch wohlwollenden Worten gegenüber ausdrücklich bemerken. Es ist sehr wichtig, daß wir nicht das, was heute auftritt, mit irgendeiner alten Plato-Idee decken wollen.
Dann ist heute in einer mir sehr erfreulichen Weise wiederholt der Name Karl Christian Planck aufgetaucht. Es sind heute wohl auch, glaube ich, Persönlichkeiten hier im Saale, welche vor Jahren drüben im Bürgermuseum waren, wo ich gerade im Zusammenhang meiner damaligen Rede die Rechtsideen und Staatsideen von K. C. Planck in der entsprechenden Weise hervorgehoben habe. Ja, K.C. Planck ist auch einer von denjenigen, die ich am liebsten als Beweise anführen möchte für die Irrungen des geistigen Lebens der neueren Zeit. Hat sich ja doch eigentlich K. C. Planck genötigt gesehen, zu sagen, er möchte, daß nicht einmal seine Knochen im undankbaren Vaterlande begraben würden. So wenig ist auf dasjenige hingehorcht worden, was er für die damalige Zeit zu sagen hatte. Ich weiß aber, lebte Planck heute wieder auf, so würde er mit der Zeit gehen. Er würde, wenn er sich die Frage vorlegte: Wie würde sich mein Berufsrechtsstaat in die Wirklichkeit umgesetzt ausnehmen? — von selber auf die Dreigliederung kommen. Das ist es, was ich glaube, das das Lebensfähige ist bei Planck, und ich glaube, es wird eine gute Vorschule sein für das, was heute, allerdings so viele Jahrzehnte nach Planck, anders gesagt werden muß - es würde eine gute Vorschule sein, wenn recht viele Leute das «Testament eines Deutschen» lesen wollten und auch andere Bücher von K. C. Planck.
Nun, sehr viel ist gesagt worden: Verhandlungen sollen gepflogen werden und dergleichen. Aber sind denn das nicht auch Verhandlungen, die nun schon begonnen haben, wenn soundso viele Menschen, von denen Ihnen erzählt worden ist, zu den Ideen zunächst einmal sich bis zu einem gewissen Grade bekannt haben. Das ist die Meinung auch unseres Komitees, daß auf dieser Bahn eben weitergeschritten werden müßte. Nun, ein Wort möchte ich aber doch aussprechen, ein Wort, das der ja auch von manchen für groß angesehene Gladstone einmal gesagt hat. Er hat einmal das Wort ausgesprochen, daß die nordamerikanische Verfassung die musterhafteste Verfassung sei, die er kenne. Darauf hat ein anderer, vielleicht geistreicherer englischer Staatsmann gesagt, nach seiner Ansicht brauchte die Verfassung gar nicht so gut zu sein wie der Gladstone gesagt hat, denn die Nordamerikaner wüßten auch das Richtige für sich mit einer schlechten Verfassung zu machen. Es käme darauf an, was die Menschen eigentlich aus einer Verfassung machen.
Nun möchte ich, statt auf die Einzelheiten der Debatte einzugehen, hinweisen auf die Grundunterschiede, die bestehen zwischen dem, was ich meine, und dem, worin viele Menschen das Heil sehen. Sehen Sie, um was es sich hier handelt, ist nicht, irgendein abstraktes Programm aufzustellen, in dem sehr viele Menschen das Heil sehen, sondern es handelt sich hier darum, die Menschen im sozialen Leben in einen solchen Zusammenhang zu bringen, daß sie das Richtige finden können aus der sozialen Gemeinschaft heraus. Mein Aufruf und mein Buch wenden sich an die Menschen. Ich habe in den verflossenen Jahren wiederholt gesagt: Ich bilde mir nicht ein, gescheiter zu sein als andere, die auch Erfahrungen haben, aber das scheint mir doch in meinen Vorschlägen zu liegen, daß sie an die Wirklichkeit herantreten, an das praktische Leben. In jedem Augenblick können die Dinge, um die es sich hier handelt, da und dort von jedem Ausgangspunkt aus verwirklicht werden. Es handelt sich nur darum, daß man den Mut dazu hat. Ich sagte oftmals, vielleicht bleibt von meinen einzelnen Vorschlägen kein Stein auf dem anderen, aber man wird durch das Zusammenleben der Menschen das Richtige finden, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt, dieses Richtige zu finden. Und dieses Richtige werden die Menschen finden, wenn sie in der Dreigliederung im sozialen Organismus darinnenstehen. An die Menschen selber geht mein Appell. Wenn die Menschen die gemeinte Einrichtung treffen wollen, so kommen sie in Beziehungen zueinander, in denen sie ihr soziales Leben wirklich so einrichten können, daß die Bedingungen eines gesunden sozialen Organismus erfüllt sind. Um Praktisches handelt es sich, um ein praktisches Zusammenfassen der Menschen nach dem dreigegliederten Organismus. Dann wird man auch in dem Geistesleben, dem Rechtsleben, dem Wirtschaftsleben das Rechte finden, wenn die Menschen in dieser Weise in drei Gebieten sind. Um die Menschen handelt es sich, und man braucht im Grunde genommen, um diesen Aufruf zu verstehen, nichts anderes als den wirklichen Glauben an die Menschen. Es ist mir oftmals gesagt worden, der Aufruf sei schwer verständlich. Ich muß gestehen, ich habe mich gewundert, daß das die Menschen gesagt haben, die in den letzten vier bis fünf Jahren so viel verstanden haben, was ich nicht verstanden habe. Was hat man nicht alles verstanden oder zu verstehen geglaubt, wenn es vom Großen Hauptquartier oder sonst woher kam. Da verstanden das alle Leute und rahmten sich sogar in goldene Rahmen die Aussprüche ein. Aber jetzt kommt es darauf an, daß die Menschen von sich aus einmal aus innerster freier Entschließung etwas verstehen. Auf sich muß der Mensch sich stellen, das ist die erste Forderung. Das geht als Grundton durch diesen Aufruf und durch alles das, was hier gewollt wird. Sie werden gerade aus dem, was ich zuletzt gesagt habe, den eigentlichen Grundton des Aufrufes schon entnehmen können, und ich hoffe, daß das, was gewollt wird, immer besser und besser verstanden werde.