25. Das Jüngerwerden der Menschheit Massregeln
## GA 251 — 10 June 1917, Leipzig
### 25. Das Jüngerwerden der Menschheit Massregeln
Meine lieben Freunde! Wir wenden uns zuerst wiederum an die schützenden Geister derjenigen, die draußen stehen infolge der gegenwärtigen Ereignisse:
> Geister eurer Seelen, wirkende Wächter, > Eure Schwingen mögen bringen > Unserer Seelen bittende Liebe > Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen; > Dass, mit Eurer Macht vereint, > Unsere Bitte helfend strahle > Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und indem wir uns wenden an die schützenden Geister derjenigen, die schon durch die Pforte des Todes gegangen sind:
> Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter, > Eure Schwingen mögen bringen > Unserer Seelen bittende Liebe > Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen. > Dass, mit Eurer Macht vereint, > Unsere Bitte helfend strahle > Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geisteswissenschaft, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der Menschen Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten.
Meine lieben Freunde, es würde nicht im Sinne der geisteswissenschaftlichen Bewegung sein, wenn sich nicht gerade die Gedanken des Geisteswissenschafters in unserer schweren Zeit wenden würden immer wieder und wiederum zu demjenigen, was in unserer Zeit zu der Menschenprüfung, zu der Menschen schwerem Schicksal durch die Welt geht. Und im Sinne dieser unserer Geisteswissenschaft muss es ja gelegen sein, vor allen Dingen unsere Gedanken fragend nach manchem Rätsel hinzuwenden, das schon wirklich einmal vorhanden ist in dem weiteren Umkreis dessen, was wir die Gegenwart nennen. Denn sobald wir die Fragen hinrichten nach den Ursachen, die so schweres Geschick über die Menschheit heraufbringen konnten, türmen sich ja — so darf man sagen — wirklich Rätselfragen über Rätselfragen auf. Und wir dürfen schon nun von unserem Gesichtspunkte aus und mit unseren Impulsen versuchen, vielleicht etwas tiefer einzudringen in dasjenige, was im weiten Umkreise in der Gegenwart wirksam ist. Nicht im äußeren Sinne von Zeitereignissen zu sprechen, kann ja, da ich so selten hier bin, meine Aufgabe heute sein. Wohl aber kann es meine Aufgabe sein, auf manches hinzuweisen, das dann durch Ihr eigenes Nachdenken vertieft, durch eigenes immer wiederkehrendes Nachdenken vertieft, Ihnen manche Frage lösen kann, die heute eigentlich wohl jedes fühlende Menschenherz, jede fühlende Menschenseele sich wird lösen wollen. Die Dinge liegen ja in der Tat tiefer, als derjenige oftmals imstande ist zu erkennen, der sich den Blick nicht durch geisteswissenschaftliche Betrachtung schärfen zu lassen imstande ist. Man kann ja, wie man sagen könnte, an den einzelsten Ereignissen sehen, was eigentlich tief, tief Einschneidendes in unserer Zeit vorgeht. Es wird nur dieses tief Einschneidende nicht immer gesehen, nicht immer in entsprechender Weise verspürt. Man würde ein schlechter Geisteswissenschafter sein, wenn man glauben würde, dass man gerade dadurch bei sich eine Vertiefung des Denkens und Fühlens und Erkennens herbeiführen würde, dass man den Blick abwendet von demjenigen, was heute die Menschen so schwer betrifft und ihn auf allerlei Fernliegendes, wenigstens dem Gedanken nach zunächst Fernliegendes lieber richten möchte. Bei den einzelsten Ereignissen, sagte ich, kann man heute auf Schritt und Tritt fühlen, in welcher Zeit wir eigentlich innerhalb unserer engsten Gegenwart leben.
Viele von Ihnen werden sich erinnern, dass ich unter anderen zeitgenössischen Persönlichkeiten in weiterem Sinne im Laufe der Vorträge, die ja jetzt schon durch fünfzehn Jahre hindurch gehalten werden, öfter den Namen Herman Grimm genannt habe. Herman Grimm stand gewiss nicht auf dem Standpunkte der Geisteswissenschaft; allein er stand innerhalb einer Weltanschauung, die er sich errungen hatte, und die so recht aus dem Quell der geistigen Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts heraus war. Und es war immer interessant, namentlich zu hören, aber auch zu lesen, wenn sich Herman Grimm äußerte über diese oder jene Frage, die er dann eigentlich immer im Sinne eines Menschen vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts betrachtete.
Ich muss sagen, wenn ich so im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts bis zum Jahre 1914 den Namen Herman Grimm in diesem oder jenem Zusammenhang innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen genannt habe, da war es mir, als ob er neben mir stünde. Man hatte bei solchen Persönlichkeiten, die einem besonders wertvoll erschienen für die Entwicklung des Geisteslebens der Gegenwart, immer das Bedürfnis, im Stillen sich die Frage zu stellen: Wie würde eine solche Persönlichkeit zu dem oder jenem Stellung genommen haben, was vorgegangen ist nach ihrem Tode? Herman Grimm, er starb ja beim Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Gewiss ist eine solche Frage eine hypothetische Frage. Denn wenn wir den Blick hinaufwenden zu den Seelen solcher Menschen, die durch des Todes Pforte gegangen sind, so kommt natürlich etwas anderes heraus, als wenn wir uns die hypothetische Frage vorlegen: Wie würde der Mensch, wenn er noch im Leibe verkörpert wäre, sich aussprechen über das oder jenes, was in der Welt vorgeht? Wer Interesse hat an den Ereignissen der Welt, der wird ja, wie ich glaube, selbstverständlich mit seinen Zeitgenossen so fühlen wollen; und wenn er diesen Zeitgenossen persönlich nahegetreten ist, wird er auch über den Tod hinaus versuchen, mit ihnen zu fühlen. Ich sagte: Wie wenn Herman Grimm neben mir gestanden hätte, so kam es mir vor, wenn ich von ihm sprach bis zum Jahre 1914. Das ist anders geworden, seitdem die schweren Ereignisse über uns hereingebrochen sind. Seit jener Zeit kam es mir geradezu wie eine absurde Empfindung und [wie ein absurdes] Gefühl vor, die Frage ebenso zu stellen, wie ich sie früher gestellt habe. Man möchte sagen, solch eine Persönlichkeit, mit der man noch gelebt hat, und die mit einem im Grunde genommen lebte, auch nachdem sie vom physischen Plan abgegangen war, eine solche Persönlichkeit erscheint einem heute, trotzdem seit dem Jahre 1914 nur drei Jahre vergangen sind, wie eine mythische Persönlichkeit; wie eine Persönlichkeit, die einer fernen Geschichte angehört. Fast so, wie wenn man eine Persönlichkeit aus dem Mittelalter studierte, die man ja auch nicht fragen könnte in dem Sinne, wie ich es eben andeutete, wie sie sich zu den Ereignissen der Gegenwart aussprechen würde, wenn sie noch im Leibe verkörpert wäre. Es ist wirklich so, wie wenn wir es erlebt hätten, dass eine verhältnismäßig kurze Zeit lang, lang gedehnt worden wäre.
Es ist fast so, dass man kaum begreift, wenn man sagt: In dieser kurzen Zeit haben wir etwas wie Jahrhunderte durchlebt, wirklich wie Jahrhunderte. Und dasjenige, was vorher war, ist mit Sturmesschritten auf das Gebiet der Geschichte gewandert, wenn wir es auch miterlebt haben. Und wir können reden über das Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis ins zwanzigste Jahrhundert jetzt so, wie wenn wir über Ereignisse fern vergangener Jahrhunderte sprechen würden. Mythisch ist uns vieles von dem geworden, womit wir noch gelebt haben, so tief einschneidend waren die Ereignisse der letzten drei Jahre. Und nun findet man allerdings, dass in vieler Beziehung dasjenige, was ich gesagt habe, zwar wahr ist, dass man für die volle Wahrheit des eben Gesagten ganz eintreten kann; aber andererseits wiederum findet man, dass sich noch nicht viele Menschen, wirklich noch nicht viele Menschen heute schon voll zum Bewusstsein gebracht haben, was ja gewiss in ihrem Unterbewussten sich vollzogen hat, was sie in ihrem Unterbewussten durchlebt haben. Und es ist wirklich kaum etwas so geeignet, als diese unsere unmittelbare Gegenwart, um klarzumachen - verzeihen Sie den harten Ausdruck, aber er muss angewendet werden -, um klarzumachen, wie viel die Menschen eigentlich von dem, was um sie herum vorgeht, geschieht, verschlafen, richtig verschlafen. So wie wir, wenn wir in irgendeiner Stube schlafen, keine Aufnahmefähigkeit haben während des Schlafens für das, was in der Stube sonst vorgeht, so zeigen sehr viele Menschen eine gewisse Schläfrigkeit gegenüber dem, was um sie herum vorgeht. Und das zeigt sich insbesondere, wenn so Gewaltiges, so Großes, so Einschneidendes vorgeht.
Es ist ja das Wort ausgesprochen worden: Solches Geschehen war noch niemals im Verlauf der Menschheitsentwicklung da. Aber ein weiteres ist noch, dieses in aller Tiefe und Stärke zu fühlen, es nicht zu verschlafen. Da müssen wir bei einer solchen Gelegenheit empfinden dasjenige, meine lieben Freunde, was ich oftmals genannt habe vor Ihnen, und was ich immer wiederum betonen möchte: das Lebendige der Geisteswissenschaft. Diese Geisteswissenschaft wäre nichts wert, wenn sie sich darauf beschränken würde, uns recht schön klarzumachen, sagen wir, dass der Mensch aus vier Gliedern besteht, dass es ein Karma gibt, Inkarnationen gibt und so weiter, und wir diese Dinge in unseren Verstand aufnehmen würden, wie wir andere Dinge in unseren Verstand aufnehmen. Gewiss diese Dinge müssen wir haben, sie sind Grundlagen. Aber wer sie so auffasst, diese Dinge, wie andere Erkenntnisse der äußeren Welt, der hat nicht begriffen den lebendigen Quell der Geisteswissenschaft, die da werden will zu gleicher Zeit ein lebendiger Quell des unmittelbaren Lebens; die uns geben soll die Möglichkeit, das Leben ringsherum im vollen Wachzustand zu verstehen und aufzufassen, uns der Schläfrigkeit zu entreißen.
Es gehört nun, wenn man lebensvoll Geisteswissenschaft in sich erfassen will, als Erstes dazu, meine lieben Freunde, sich das Problematische, das Zweifelhafte desjenigen klarzumachen, was man oftmals Selbsterkenntnis nennt. Selbsterkenntnis ist für viele Menschen oftmals nichts mehr als eine Art Selbstbebrütung, eine Art Hineinschauen in ihr Inneres, wodurch sie eine gewisse seelische Wollust empfinden, einer gewissen seelischen Wollust auch dann dienen, wenn sie sich bei dieser sogenannten Selbsterkenntnis über dieses oder jenes allerlei Vorwürfe machen.
Selbsterkenntnis in dem Sinne, wie sie Geisteswissenschaft vermittelt und wie sie heute schon notwendig ist und in einer schnell heranreifenden Zukunft immer notwendiger und notwendiger wird, Selbsterkenntnis muss vor allen Dingen sich klar sein, dass der Mensch so organisiert ist, dass er, gerade wenn es darauf ankommt, sich selbst zu erkennen, fast immer geneigt ist, Ursache und Wirkung miteinander zu verwechseln. So einfach dasjenige erscheint, was ich jetzt sagen will, es ist etwas für das Leben ungemein Bedeutsames, in das Leben tief Einschneidendes.
Nehmen wir einen einfachen Fall. Wir beginnen, irgendeinem Menschen, der uns vielleicht bisher gleichgültig, vielleicht auch sogar befreundet war, wir beginnen, ihn zu befehden, ihn unfreundlich zu behandeln, allerlei gegen ihn zu unternehmen. Was werden wir, wenn es sich darum handelt, gewissermaßen uns selbst in die Sache hineinzustellen, was werden wir in der Regel tun? Nun, dasjenige, was man in der Regel tut - fragen Sie sich nur selbst -, das ist das, dass man sagt: Ja, ich muss gegen diesen Menschen das oder jenes unternehmen, denn er ist so und so. Er hat dieses und jenes getan, und es ist einfach das Richtige, dass ich nun dieses und jenes tue. Gewiss, es kann ein solches Reden in mancherlei Fällen richtig sein; aber in den meisten Fällen ist es für den, der das Leben in seinen Wurzeln kennt, durchaus nicht richtig, sondern in den meisten Fällen ist die Sache durchaus so: Es hat der Mensch, der beginnt, einen anderen zu befehden, in seiner Seele eine gewisse Entwicklung durchgemacht; nicht eine esoterische Entwicklung, sondern er hat gelebt, hat etwas ausgelebt; und dasjenige, was er durchlebt hat, das hat es dahin gebracht, dass er in einem gewissen Zeitpunkt eine innere, unterbewusste Notwendigkeit fühlte, die sich in einen Impuls des Hasses entlädt. Er muss hassen, das ist ihm gerade so notwendig, wie er essen muss, wenn er Hunger hat. Es kommt im Laufe der Entwicklung der Seele das herauf, dass dieser Seele nur wohl wird, wenn sie hasst; dass sie krank würde, wenn sie nicht hasst und so weiter. Dieser Hass ist der wahre Grund, warum wir den andern befehden. Nicht immer ist es so, selbstverständlich, aber in sehr vielen Fällen ist es so; und man kennt das Leben nicht, wenn man solche Fälle nicht ins Auge fasst. Man will sich selbst genügen, wann man diesen Hass auslebt, und man sucht sich das Objekt für den Hass. Das Objekt wird sich finden, denn schließlich lässt sich ja bei jedem Menschen etwas finden, was möglich macht, ihn zu hassen, ihn zu befehden.
Aber diesen Hass maskieren wir dann, indem wir ihn mit dem Schleier der Rechtfertigung umgeben. Wir machen uns selber etwas vor, weil wir uns nicht eingestehen können: Du lügst jetzt, du musst nun einmal hassen. Nicht wahr, das kann man sich nicht so leicht eingestehen. Denn alles erkenntnismäßige Sich-Bebrüten will nicht so weit gehen, sich zu sagen: Ich muss jetzt, um nicht zu zerspringen, eine Weile hassen; also lebe ich diesen Hass aus.
Selbstverständlich kann es auch so mit der Liebe sein. Denn auch die Liebe kann auftreten in einem bestimmten Augenblick des Lebens, und man finder dann selbstverständlich ein liebenswertes Objekt, dem man alle guten Eigenschaften andichtet — es hat sie vielleicht auch, diese Eigenschaften. Aber man muss sich klar sein, dass gerade in diesen Dingen oftmals in hervorragender Weise Ursache und Wirkung miteinander verwechselt werden, und dass dasjenige, was sich der Mensch bewusst sagt, eigentlich nur darin besteht, dass er gewissermaßen ein seelisches Opiat nimmt, um sich zu betäuben über dasjenige, was eigentlich in seiner Seele lebt.
Es ist merkwürdig, was die Menschen alles auf diesem Gebiet leisten können. Ich habe einen Herrn kennengelernt, der hat eine gewisse Arbeit verrichten wollen, und dabei immer erklärt, dass er diese Arbeit gar nicht verrichten will, dass er nur spürt, dass es seine Mission sei, diese Arbeit zu tun. Er würde viel lieber die entgegengesetzte Arbeit tun. Das hat er sich vorgeredet. In Wirklichkeit war es ganz anders. Er fühlte sich zu der entgegengesetzten Arbeit total unfähig. Er glaubte nur, auf diesem Gebiet etwas leisten zu können. Aber, nicht wahr, das war keine vornehme Motivierung. Namentlich wenn man den Leuten von einer Mission sprechen wollte, findet man es viel opferwilliger, wenn man sagt: Ich hasse die Arbeit, aber ich fühle, dass es meine Mission ist. Das sind alles Seelen-Opiate, um die in der Seele vorhandenen Impulse zu verschleiern — nicht nur vor andern, sondern auch vor sich selbst zu verschleiern.
Ja, die Menschenseele ist kompliziert, und vor allen Dingen tief. Und man kann in tiefe, tiefe Schächte hinuntersteigen, und man wird sie doch nur zum Teil begreifen. Daraus werden Sie verstehen, meine lieben Freunde, dass das sogenannte Selbstbebrüten doch nur ein recht einseitiger Weg sein kann zu dem, was man Selbsterkenntnis nennen kann. In Wirklichkeit kann Selbsterkenntnis nur errungen werden, wenn man in der Lage ist, das eigene Selbst an dem großen Werdegang der Menschheit zu messen, mit dem großen Werdegang der Menschheit in ein Verhältnis zu treten.
Nun lassen Sie uns einen solchen Baustein zur Selbsterkenntnis für einen Menschen der Gegenwart einmal herbeitragen, der entnommen ist aus einem etwas größeren Umkreis. Wir haben ja oftmals von den verschiedensten Gesichtspunkten aus gesprochen von der nachatlantischen Zeit, in deren fünfte Epoche wir hineingestellt sind. Wir wollen heute von einem anderen Gesichtspunkte aus das Besprochene ergänzen, weil gerade durch eine solche Ergänzung, durch eine solche Betrachtung gegeben werden können manche Grundlagen, auf die aufgebaut werden können diejenigen Gedanken, die ein Verständnis der Gegenwart, der unmittelbar um uns herumliegenden, vorhin gekennzeichneten Gegenwart wenigstens einigermaßen vermitteln. Wenn man allerdings die Menschheitsentwicklung betrachtet, so macht man heute fast durchwegs einen schweren Fehler. Der Mensch hat heute gewisse Vorstellungen, wie es in der Menschenseele vorgeht, wenn die Menschenseele denkt, fühlt und will und so weiter. So stillschweigend hat eigentlich der Mensch die Vorstellung: Das, was in dieser Menschenseele denkend, fühlend, wollend vorgeht, das ist immer vorgegangen in den Zeiten, an die man sich erinnert, die man feststellen kann über das Geschichtliche hinaus durch Geisteswissenschaft. So ist es aber nicht. Schon in einer Seele des Mittelalters schaut es ganz anders aus als in einer Seele des griechischen Zeitalters. Unsere Zeit ist besonders dazu geeignet, auf solche Dinge hinzuweisen, weil eine wachende Seele heute ganz anders ausschaut als im Jahre 1913. Aber eine Seele des Mittelalters, sie ist nicht so geschaffen gewesen wie eine jetzige oder gar eine Römer- oder Griechenseele oder gar noch weiter zurückgehend. Nun, gehen wir heute nicht weiter zurück als in die Zeit des ersten Zeitraumes nach der atlantischen Katastrophe.
Sie wissen, der erste Zeitraum, der ja da beginnt, nachdem die Katastrophe vorüber war, das ist die Zeit des urindischen Zeitraumes; jene Zeit, von der keine historischen Dokumente berichten. Alles, was berichtet wird, gehört einer viel späteren Zeit an. Aber wir haben ja öfter diese urindische Zeit charakterisiert. Richtet man den geisteswissenschaftlich forschenden Blick nach dieser Zeit, dann finder man, dass das ganze Leben, auch insbesondere das Leben, insoferne der Mensch mit seiner Seele in dem sozialen Umkreis drinnen lebt, ganz anders war während dieser urindischen Zeit, als dasjenige ist, von dem man sich heute eigentlich nur so irgendeine Vorstellung machen kann. Heute denken wir ja, wenn wir über die menschliche Entwicklung denken, so, wie wir halt denken müssen, wenn wir einen Menschen unserer Umgebung betrachten. Wir sehen, dass er sich in der Kindheit in einer besonderen Weise entwickelt, dass die Entwicklung in einem bestimmten Lebensalter aufhört, dass dann ein gewisser stationärer Zustand eintritt. Wir wissen alle, in der Kindheit ist der Mensch sehr abhängig mit Bezug auf sein Seelisch-Geistiges von seinem Physisch- Leiblichen. Die verschiedenen Entwicklungsstadien des Leiblich-Physischen drücken sich auch aus in dem Seelisch-Geistigen. Und umgekehrt: Das Seelisch-Geistig steht in Zusammenhang mit dem Körperlichen, mit Struktur-Änderungen des Nervensystems, mit Änderungen des Muskelsystems, des Stoffwechselsystems und so weiter. Dann aber kommt ein bestimmtes Lebensalter, wo wir uns sagen, in der heutigen Zeit: Nun sind wir erwachsene Menschen; sogar so erwachsene Menschen, dass uns niemand das Recht bestreiten kann, in den Parlamenten mitzureden, so mitzureden wie die Alten. Auf anderen Gebieten zeigt sich das auch, dass der Mensch in unserer Zeit so richtig das Bewusstsein hat: Er ist ein Erwachsener geworden. Es ist nicht bei allen so, die Anwesenden sind ja immer ausgenommen; aber bei vielen Menschen kann man es heute erleben, wenn man ihnen zumutet, in einem gewissen Lebensalter dieses oder jenes zu lesen, dass sie sagen: Ach, das gehört doch dem Schulalter; das hat man in der Schule gelesen; das hat man doch jetzt in sich.
Das alles beruht darauf, dass von einem gewissen Zeitpunkte an das Geistig-Seelische unabhängig wird vom Physisch-Leiblichen. Das Physisch-Leibliche schließt an diesem Zeitpunkt in gewisser Weise ab. Das Seelisch-Geistige geht weiter, und für die meisten Menschen so weiter, dass sie stationär bleiben, dass sie eine Weiterentwicklung durchzumachen auf das Allerentschiedenste ablehnen.
Das war anders in jenem Zeitraum, den wir als den Urindischen bezeichnen müssen. Da blieben die Menschen mit Bezug auf ihr Seclisch-Geistiges abhängig von dem Physisch-Leiblichen bis in die Fünfzigerjahre hinein. Denken Sie, was solch ein Mensch dann alles durchmachte. Er machte durch das ganze aufsteigende Leben der Kindheit und der Jugend, wo man wächst, gedeiht und blüht und das Geistig-Seelische in diesem Sinne erlebt. Dann machte er durch die Lebensmitte in den Dreißigerjahren bis zum 35. Jahr. Dann beginnt man ja sich rückgängig zu entwickeln. Man beginnt sich zu mineralisieren, zu sklerotisieren. Aber das macht man heute seelisch-geistig nicht mehr mit. Alles das, was heute das Kind nur noch fühlt als instinktive Abhängigkeit des Seelisch-Geistigen von dem Physisch-Leiblichen, also nur fühlt als Mensch im aufsteigenden, blühenden, gedeihenden, wachsenden Lebensalter, das fühlte der Mensch der urindischen Zeit im Aufsteigen, dann aber auch an dem Kulminationspunkte; und dann fühlte er wiederum, wie der Körper in sich versinkt, wie das Physisch-Leibliche zurückgeht. Er fühlte, indem das Physisch-Leibliche zurückgeht, was wir heute nicht spüren, er fühlte: Das Leibliche gibt nicht mehr die Grundlage ab für das Seelisch-Geistige, es sinkt in sich zusammen. Aber indem das Physisch-Leibliche zusammensank, nahm er, und zwar namentlich im träumerischen oder Schlafzustand, das geistige Leben wahr. So wie das Aufsteigende, Blühende einen gewissermaßen mit der Materie verbindet, so macht das Rückgangsleben wiederum von der Materie frei. Die Seele fühlt sich immer verwandter und verwandter mit dem geistigen Leben. Und das erreichte seinen Höhepunkt zwischen dem 48. und dem 56. Lebensjahr. In der ersten Zeit nach der atlantischen Katastrophe war der Mensch also entwicklungsfähig bis zum 56. Lebensjahr. Dann bis zum 55., 54.,53. und so weiter. Und als die erste Kulturepoche, die urindische, abgelaufen war, war der Mensch noch entwicklungsfähig bis zum 48. Lebensjahr. Daher war das ganze soziale Leben anders. Es war so, dass der Mensch damals hinaufblickte zu denjenigen, die die Fünfzigerjahre erreicht hatten; von denen wusste er: Sie stehen in besonderer Verbindung mit der geistigen Welt.
Das war einfach ein Ergebnis der Entwicklung, dass die Alten in Verbindung stehen mit der geistigen Welt. Und unter diesem Einfluss stand das ganze soziale Empfinden, das ganze soziale Leben. Das allerdings hing damit zusammen, dass dazumal auch noch sozusagen die Umgebung des Menschen, die Erdenumgebung des Menschen anders war. Diese Erdenumgebung des Menschen war dazumal so, dass die Geister der drei nächsten Hierarchien — die Angeloi, Archangeloi, Archai — durch die unmittelbaren Elemente wirkten. Und zwar die besten, die edelsten Geister dieser drei höheren Hierarchien wirkten durch die Elemente, Wasser, Luft, Wärme, die der Mensch aufnahm. Namentlich wichtig ist es, dass dasjenige, was wir Zeitgeist nennen, also das Wesen aus der Hierarchie der Archai dazumal wirkte unmittelbar durch die Elemente. Man kann sagen: in Luft und Wärme, mit dem Klima sog der Mensch Geistgkeit ein. Und er sog diese Geistigkeit eben als Geistigkeit rein ein in der vollkommensten Art zwischen dem 48. und 56. Lebensjahr in der bezeichneten Epoche.
Und dann kam die Zeit, die wir als die urpersische bezeichnen. Da blieben die Menschen in der angedeuteten Weise nur entwicklungsfähig zunächst bis zum 48. Jahr, dann bis zum 47., bis zum 46. und so weiter bis zum 42. Jahr zurück, als die urpersische Zeit abgelaufen war. Da also waren die Menschen schon so weit gekommen in der Entwicklung, dass sie mit dem 48. Jahr nichts mehr von selbst für ihre Entwicklung bekamen. Wollte jemand entwicklungsfähig bleiben, so musste er die Seele selber auf sich gestützt, unabhängig von dem, was die Umgebung hergab, entwicklungsfähig gestalten. Aber immerhin: Man blieb in dieser urpersischen Zeit noch entwicklungsfähig bis zum 42. Jahr. Und das stand in Verbindung damit, dass zwar die Archai, die Zeitgeister, sich mehr zurückgezogen hatten von den unmittelbaren Elementarkräften der Erde, dass aber doch noch dasjenige, was man Volksgeister, Archangeloi, nennt, dass diese doch noch durch die Elemente stark wirkten, und zwar die besten geistigen Wesenheiten der geistigen Hierarchien. Daher war in gewissem Sinne dasjenige, was Volkszusammenhang war über die Erde hin in der urpersischen Zeit geregelt nach geistigen Gesetzen. Denn dasjenige, was die Verhältnisse der einzelnen Völker untereinander regelte, das hing von geistigen Gesetzen ab. Uns möge das nur mehr oder weniger begreiflich sein, darauf kommt es nicht an; es waren in gewissem Sinne göttlich-geistige Gesetze.
Noch weiter zurückgezogen hatten sich in dem dritten nachatlantischen Zeitraum die Geister der höheren Hierarchien. Und wir finden in dieser Zeit, dass eigentlich der Mensch, der am Anfang noch entwicklungsfähig blieb bis zum 42. Lebensjahr nun am Ende des dritten nachatlantischen Zeitraumes nur entwicklungsfähig bleibt bis zum 35. Lebensjahr. Wir finden, dass in dieser Zeit die Menschen noch ein lebendiges Verhältnis zu dem Wesen aus der Hierarchie der Angeloi hatten, das zu ihnen gehörte. Die einzelnen Menschen wussten noch ganz genau: Es gehört zu ihnen ein Geistwesen, sie stehen mit dem Geistwesen in VerEindung. Davon zu sprechen, dass es eine geistige Welt nicht gibt, wäre für die damalige Zeit ein Unsinn gewesen, denn jeder einzelne Mensch wusste, dass er mit einem Wesen aus der Hierarchie der Angeloi in Beziehung steht. Das ist also diejenige Epoche, in welcher die Menschen entwicklungsfähig sind bis zum Ende der Dreißigerjahre.
Nun kam der vierte nachatlantische Zeitraum. Da ging wiederum das allgemeine Menschheitsalter zurück. Wir wissen, der dritte Zeitraum beginnt mit dem Jahre 747 vor dem Mysterium von Golgatha und endet mit dem Jahre 1413 nach dem Mysterium von Golgatha. Es war die Zeit, in der gewissermaßen der unmittelbaren Anschauung der Menschen, dem Miterleben der Menschen sich entzogen hatten die Geister der höheren Hierarchien, die unmittelbar durch die Elemente und ihre Kräfte in der Erde gewirkt hatten. Die Griechen, die Römer, sie blieben nur entwicklungsfähig bis in die Dreißigerjahre hinein, bis in die Lebensmitte. Das hängt allerdings zusammen mit der ganzen Lebensauffassung der Griechen und Römer, die ich ja auch schon berührt habe. Auf der einen Seite kommen wir in die Zeit hinein, in der jeder Mensch doch noch so nahesteht jenen alten Zeiten, in denen die Menschen dadurch, dass sie bis in die höheren Lebensalter hinein entwicklungsfähig geblieben waren, den Zusammenhang mit der geistigen Welt hatten, daher fühlte der Grieche —und das muss man heute wissen, wenn man das Griechentum beurteilen will -, daher fühlte der Grieche, wenn er die Hand bewegte, wenn er wächst, wenn er denkt, wenn er isst und trinkt, dass er da von einer Seele durchglüht ist; dass Seele in allem ist, was an ihm ist. Zweifeln daran, dass in allem, was sich körperlich-leiblich auslebt, Seelisches steckt, das wäre für den Griechen noch ein Unding gewesen. Aber, wollte ein Grieche, ein Römer mehr wissen von der geistigen Welt, so musste er dieses Wissen durch die Mysterien suchen. Da konnte man allerdings das Schauen in die geistige Welt sich noch erwerben, aber ganz interessant ist es ja, solche Griechen zu betrachten, die auf die Höhe der Geistesentwicklung gestiegen sind, die aber nicht in die Mysterien eingeweiht waren, wie zum Beispiel Aristoteles. Er war einer der größten Denker aller Zeiten. Er war ein Denker dieser Griechenzeit. Er konnte das denken, was nur ein Grieche denken konnte, aber das in der schärfsten Weise. Das heißt, für ihn war klar: Der Mensch als Leibeswesen musste zusammenhängen mit einem Seelisch-Geistigen. Aber nun sagte sich Aristoteles: Wenn ich einem Menschen einen Arm wegnehme, ist er nicht mehr ein ganzer Mensch. Wenn ich ihm zwei Arme abnehme, noch weniger. Wenn ich ihm aber wegnehme den ganzen Leib, wie es im Tode geschieht, dann ist er erst recht nicht ein ganzer Mensch. Daher ist für Aristoteles die menschliche Seele, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, nicht mehr «ein ganzer Mensch». Ein ganzer Mensch ist selbstredend für Aristoteles bestehend aus Leib und Seele. Die Seele ist in gewisser Beziehung nur ein unvollständiger Mensch, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. Aristoteles verteidigte die Unsterblichkeit der Seele philosophisch, aber sie ist ihm nur das, was sie für Homer war, der sagte: Besser ein Bettler in der Unterwelt als ein König im Reiche der Schatten. Ein König im Reiche der Schatten ist eine Seele unter unvollständigen Menschenseelen.
So war es gekommen, auf der einen Seite, dass menschliche Ideen, Erkenntniskräfte, unbefruchtete Erkenntniskräfte, dadurch dass die Menschheit zurückgegangen war in ihrem Lebensalter bis zum 28. Jahr, nicht mehr begreifen konnten oder nur mehr begreifen konnten, dass alles Leibliche von Seele erfüllt ist, dass aber die Seele nicht vollständig ist, wenn sie vom Leibe getrennt ist. Wer aber sich Mühe gibt, Aristoteles zu verstehen, der wird schon finden, dass das die richtige Interpretation ist, was leicht auch philosophisch erwiesen werden könnte. Auf der anderen Seite sehen wir aber, wie in jener Zeit von der wirklichen vollen Menschlichkeit, von dem, was eigentlich der Mensch in seinem tiefsten Wesen ist, nur gewusst werden kann durch die Einweihung, durch die Initiation in die Mysterien.
Während die Griechen eine Entwicklung durchgemacht haben — was sehr interessant ist, was Aristoteles gezeigt hat bis zu den Stoikern -, wo man zu wissen suchte, was menschliches Wissen wissen kann, ging die römische Entwicklung andere Wege. Indem das Imperium romanum aufgerichtet wurde, wollten nach der römischen Republik die römischen Imperatoren volle Menschen sein. Durch die Gewalt des physischen Planes konnten sie es erreichen, sich durch Gewalt die Initiation zu erzwingen. Und so haben wir die eigentümliche Erscheinung, dass wir auf der einen Seite erleben den Aristoteles, der es nur brachte bis zu einem solchen Begriffe der Unsterblichkeit, wie ich es geschildert habe, und dass wir haben auf der anderen Seite die eigentümliche Erscheinung, dass ohne genügende Vorbereitung, rein weil sie die Macht hatten, die römischen Imperatoren sich die Initiation erzwingen konnten. So war nicht nur Augustus ein Initiierter, der aus den Mysterien wusste, was es mit dem Menschen für ein Geheimnis ist; sondern zu den Eingeweihten haben wir auch zu zählen Caligula. Denn es ist eine Wahrheit und kein Märchen, dass Caligula durch seine Einweihung in die Mysterien in der Lage war, dasjenige zu verwirklichen, was bildlich ausgedrückt wird, aber richtig und wahr ausgedrückt wird damit, was die Geschichte übermittelt — dass er imstande war, in der Nacht mit den Geistern des Mondes zu verkehren und von da aus sich Inspirationen holen konnte. Wahr ist, dass Caligula nicht bloß aus dramatischer Fatzkerei heraus, sondern weil er wusste, was die Dinge für eine Bedeutung haben, bald als Jupiter, bald als Bacchus, bald als Apoll oder als irgendein anderer Gott sich anbeten ließ, weil er an die Identität des Menschen mit dem Gotte glaubte.
Commodus, der nicht nur ein Initiierter, sondern ein Initiator war [Lücke in der Mitschrift] erschlagen hat.
Wir haben endlich den Eingeweihten Nero. Und, so toll es klingt, es muss heute ausgesprochen werden, was eigentlich im Imperium romanum gewaltet hat - in diesem Imperium romanum, das seine Entwicklungsimpulse durch tausend und abertausend Kanäle durch das Mittelalter bis in unsere Zeit hinein fortgepflanzt hat. Wir denken heute noch immer, wenn wir juristisch denken, und wir denken auf vielen anderen Gebieten im Sinne dieses Imperium romanum. — Auf der einen Seite waren diese Cäsaren gewiss zu einer Ansicht gekommen, aus der heraus sie sagen konnten, wie der Mensch zusammenhängt mit der geistigen Welt. Auf der anderen Seite aber waren sie dahin gekommen, dasjenige, was die Welt des physischen Planes war, zu verachten. Dasjenige, was Nero getan hat, es beruht zum großen Teil auf Menschenverachtung. Schon Caligula hatte diese Menschenverachtung. Als man zum Beispiel bei einer Gerichtsverhandlung einen Unschuldigen verurteilt hatte, sagte er: Was wird da viel drauf ankommen; er wird so schuldig sein wie der Schuldige; und der Richter wird nicht weniger schuldig sein wie der Verurteilte. Und Nero war überzeugt davon — und das ist wichtig zu wissen —, dass am Menschen, am physischen Menschen hier auf Erden, nichts Gutes sein kann; dass alles, was im physischen Menschen lebt, unkeusch ist; das alles durchsetzt ist von physischen Trieben.
Will man sich ganz vergegenwärtigen die Seelenkonfiguration des Nero, dann muss man sagen: Nero ist eigentlich der erste Psycho-Analytiker, aber - ein Psycho-Analytiker von Größe; dem gegenüber das «Freuderl» eigentlich nur ein - nun eben ein «Neroerl» ist. Aber es gibt eine Verwandtschaft. Solche Verwandtschaften gehen durch die Geschichte durch, ohne dass es die Menschen sehen, die gar sehr schlafen. Und diese Verwandtschaft kann wirken.
Nun, 747 vor Christus beginnt das vierte nachatlantische Zeitalter. 35 Jahre wurde damals die Menschheit alt. Etwas später wurde sie nur 34 Jahre alt, noch später 33 Jahre. Das heißt, sie erreichte diese Entwicklung in dem Moment, wo unsere Zeitrechnung beginnt.
Wir können also sagen: Die Menschen haben angefangen in der nachatlantischen Zeit mit einem Lebensalter von 56 Jahren; bis zum 56. Lebensjahr blieb der Mensch entwicklungsfähig. Dann ging im Laufe des zweiten, dritten und vierten Zeitraumes das Entwicklungsalter des Menschen herunter bis auf 33 Jahre. Und was geschah, als das Menschheitsentwicklungsalter bis zum 33. Jahr heruntergestiegen war? Was geschah? In dem Leibe des Jesus von Nazareth entwickelte sich der Christus bis zum 33. Lebensjahr. Das heißt: Er wuchs entgegen dem Lebensalter der Menschheit.
Bedenken Sie, meine lieben Freunde, was das bedeutet! Wir können es verfolgen, wie die Menschen in alten Zeiten ihre Entwicklung bis zum hohen Lebensalter gehabt haben. Und als der Rückgang geschehen war bis zum 33. Jahr, da entwickelte sich unter ihnen das Christus-JesusWesen, gewissermaßen der Menschheitsentwicklung entgegen, bis zum 33. Lebensjahr. Wenn man geisteswissenschaftlich erkennend bis an diese Sache kommt, da geschieht etwas mit der menschlichen Seele. Dann tritt nämlich jener Moment ein, wo man in ungeheuerster Ergriffenheit dem Wunder, dem Mysterium der Menschheit gegenübersteht: dass zusammenfällt das Opfer des Christus Jesus im Mysterium von Golgatha mit dem Heruntersteigen des Menschheitsalters. Das ist so gewaltig wie nur irgendetwas, was einem heute entgegentreten kann unter den Geheimnissen der Menschheit. Es ist etwas Großes, Gewaltiges, was sich da offenbart aus dieser Geschichte der Menschheit heraus. Und wahrhaftig, Geisteswissenschaft ist, wie Sie wiederum daraus ersehen können, nicht daraufhin veranlagt, irgendwie herabzudrücken jene Gefühle und Empfindungen, die ein Mensch haben kann gegenüber der Größe und Gewalt und der Wunderwirksamkeit der Welt. Denn je weiter wir in der Geisteswissenschaft vorschreiten, desto besser begreifen wir dasjenige, was da waltet an göttlich-geistigen Kräften in der Menschheitsentwicklung. Da fühlt man, dass wir erst am Anfange des Christusverständnisses stehen; dass Zeiten kommen werden, wo dieses Christusverständnis sich noch ganz anders enthüllen wird, als es heute schon der Fall sein kann. Aber es muss sich ganz anders entwickeln. Denn wir leben ja jetzt im fünften nachatlantischen Zeitraum, und der Mensch bleibt nur entwicklungsfähig bis zum 27. Lebensjahr. Nach dem Jahre 1413, als der fünfte nachatlantische Zeitraum begann, waren die Menschen entwicklungsfähig bis zum 28. Jahr. Heute bis zum 27. Jahr. Das heißt: Wir bleiben durch dasjenige, was die Natur von selber hergibt, nicht mehr entwicklungsfähig auch nur bis in unsere Lebensmitte hinein.
Daraus aber ersehen Sie, meine lieben Freunde, wie Geisteswissenschaft wahrhaftig nicht aus einer willkürlichen Idee, aus einem willkürlichen Agitations-Impuls entsprungen ist. Wenn die Naturwissenschaft dasjenige nicht hergibt, was den Menschen entwicklungsfähig macht, dann muss der Mensch in seiner Seele die ihm von der Natur nicht mehr gegebene Entwicklung suchen. Er muss sich Wege in die geistige Welt hinein suchen, indem die Seele sich auf sich selbst stellt. Und so sonderbar, so grotesk es klingt, es ist doch so: Sucht man heute nicht den innersten Seelenimpuls anzuregen, den uns die Natur nicht mehr hergibt, dann wird man nicht älter als 27 Jahre, und wenn man hundert Jahre alt wird. Wir sind heute in jenem Lebensalter der Menschheit, in dem man von sich selbst nicht älter als 27 Jahre werden kann. Das hat in diesem Winter, in dem ich so manches von den Forschungsfragen, die mich seit mehr als dreißig Jahren beschäftigen, zum vorläufigen Abschluss gebracht habe, es hat mich in diesem Winter und durch die drei Jahre her, wirklich lebendig beschäftigt dasjenige, was eigentlich zusammenhängt mit dieser Erkenntnis, die von einer ganz anderen Seite kommt. Bei vielen Erscheinungen der Gegenwart musste ich mich fragen: Ja, woher kommt denn das alles? Warum erleben wir denn in unserer Zeit gerade dasjenige, was man nennen könnte eine so furchtbare Unwirklichkeit des Denkens und der Ideale?
Das ist ja dasjenige, was denjenigen Menschen, die nicht schlafen, besonders auffallen sollte, dass die Menschen nicht imstande sind, mit den Ideen und Idealen in die Wirklichkeit unterzutauchen. Gewiss, sie haben schöne Ideen, haben schöne Ideale, aber diese Ideen und Ideale können nicht in die Wirklichkeit untertauchen. Sie sind nicht stark genug, um die Wirklichkeit zu ergreifen. Daher bleiben es eben schöne Ideen und schöne Ideale, bei denen sich die Menschen die Finger ablecken können, wenn sie sie aussprechen, die aber keine Triebkraft haben, weil sie nicht untertauchen in die Wirklichkeit. Wir können das am Alleralltäglichsten sehen. Was ist es denn, wenn heute gesagt wird: Der tüchtigste Mann muss in Zukunft am richtigen Platze stehen. - Wir hören das heute von allen Dächern pfeifen. Es ist eine schöne Idee; gewiss. Aber was ist diese schöne Idee wert, wenn dann gerade der «Neffe» der «Tüchtigste» ist. Es kommt wahrlich nicht darauf an, dass man schöne Ideen hat, sondern dass diese schönen Ideen auch in der Wirklichkeit verwandt werden; dass man eine Geistesverfassung entwickelt, die ins Leben unterzutauchen vermag.
Allerdings, sollte alles dasjenige ausgestrichen werden, was nicht vermag, ins Leben unterzutauchen, dann könnte man die ganze Staats- und Nationalwissenschaft der Gegenwart ausstreichen. Denn alle diese Dinge sind abstrakte Ideen, sind Unwirklichkeits-Ideen. Deshalb stehen manche Persönlichkeiten so rätselhaft vor einem.
Meine lieben Freunde, das, was ich jetzt sage, ich sage es nicht etwa aus chauvinistischen Gefühlen heraus. Es ist mir schwer genug geworden, solche Erkenntnisse zu gewinnen. Ich sage es, weil ich glaube, die Erkenntnis zu besitzen. Wenn ich nach einem charakteristischen Menschen suche - um nicht anstößig zu werden durch nahe Persönlichkeiten, nehmen wir eine etwas fernerstehende -, es ist eine Persönlichkeit, bei der man deutlich bemerken kann an alledem, was sie in die Welt setzt, dass sie, und wenn sie noch so alt ist, in Wirklichkeit doch nicht älter ist als 27 Jahre, und deshalb Ideen äußert, die über die ganze Erde heute gehen, die aber wirklichkeitsfremde Ideen sind. Und diese Persönlichkeit, die dadurch so recht ein Typus unserer Zeit ist, dass sie nicht älter werden kann als 27 Jahre, weil sie es ablehnt, zu dem, was die Natur selber hergibt, aus dem Innern noch Kräfte zu entwickeln, das ist der Präsident der Vereinigen Staaten von Nord-Amerika, Woodrow Wilson. Ich brauche nur darauf hinzuweisen, dass ich bereits vor dem Kriege in dem Helsingforser Zyklus Woodrow Wilson charakterisiert habe, sodass man nicht den Eindruck zu haben braucht, ich tue das jetzt unter dem Eindruck der gegenwärtigen Verhältnisse. Aber nur dadurch erscheinen demjenigen, der die Wirklichkeit kennt, die Ideenausbrüche des Woodrow Wilson so unwirklich, so bloß als Worte, weil das so ist, wie ich es besprochen habe. Daher konnte es kommen, dass dieser Mann, der einen der mächtigsten Plätze der Gegenwart innehat, ein Friedensmanifest erscheinen ließ und damit nicht etwa den Frieden erreicht, sondern nur den Krieg in seinem eigenen Land; weil eben seine Ideen nicht nur wirklichkeitsfremd ‚ sondern in vieler Beziehung sogar entgegengesetzt der Wirklichkeit sind.
Aber er ist der Repräsentant dieser unserer Zeit. So ist überhaupt unsere Zeit. Und unsere Zeit kann das Wirklichkeitsgemäße im Grunde genommen gar nicht verstehen. Wer wirklichkeitsgemäße Ideen äußert, wird überhaupt so verstanden, dass man ihn in derselben Weise versteht wie diejenigen Leute, die abstrakte, wirklichkeitsfremde Ideen äußern. Es muss erst durch geisteswissenschaftliche Bildung der Boden geschaffen werden, um Verständnis hervorzurufen für die Wirklichkeit.
Sie sehen, es gibt eine Möglichkeit, unsere Zeit kennenzulernen. Aber man muss von einem großen Gesichtspunkte ausgehen. Es ist für jemanden, der Wirklichkeitssinn hat, das Unglaublichste, was die Menschen heute an Ideen und Idealen leisten. Schön sind diese Ideen, wunderschön, schöner sind auch die Eucken’schen Ideen, und sie befriedigen die Leute sehr. Aber Eucken ist ein Philosoph, der, wenn er auch schon ein Greis ist, doch nicht älter ist als 27 Jahre, daher dieses Eigentümliche Durcheinanderquasseln schöner Ideen, die den Leuten als schön erscheinen. Sie sehen, man muss die Zeiten, die aufeinanderfolgen in der Geschichte, in ihrer wahren Gestalt, in ihrer unmittelbaren Wirklichkeit durchschauen. Der Grieche wusste noch: Seele durchseelt den Leib. Das weiß man in der fünften Zeitepoche schon immer weniger und weniger, wenn man es nicht erwirbt durch die auf sich selbst gestellte Seele, durch einen spirituellen Impuls, den man in sich sucht aus dem Innern heraus, weil der Leib nicht mehr diesen Impuls der Seele von selbst gibt.
Nun gibt es ein schönes Suchen, meine lieben Freunde, ein schönes Suchen für den gewissermaßen entseelt gewordenen Menschen, aber jetzt bewusst, nicht unbewusst, wie es war bei dem Perser, bei dem Ägypter -, es bestand das schöne Bestreben, den entseelten Menschen in seiner Seele wiederum hinaufzuführen in die geistige Welt; jetzt bewusst, weil der Leib nicht mehr an das Geistige anknüpft, nun mit der Seele anzuknüpfen an das Geistige. Der Weg ist begonnen, und er führt direkt in die Geisteswissenschaft hinein. Aber er muss gegangen werden. Es wird dieser Weg noch wenig heute verstanden. Es ist ein Zeichen, ein tiefbedeutsames Zeichen, wie begonnen worden ist durch Lessing, Herder, durch Schiller und Goethe und diejenigen, die mit ihnen waren, den entseelten Menschen wiederum anzuknüpfen an die geistige Welt. Und Schiller ist größer als Schreiber der Ästhetischen Briefe denn als Dichter. Denn in diesen Ästhetischen Briefen sucht Schiller für die Menschenseele den Weg wiederum zurück zum Geistigen. Er sucht ihn auf moderne Art, so wie ihn der moderne Mensch suchen muss. Damit ist Schiller durch seine «Briefe über ästhetische Erziehung» einer der größten Pädagogen der neueren Zeit, aber er ist auch gerade auf diesem Gebiet am allerwenigsten gewürdigt — und ebenso Herder; [und ebenso] Lessing, der zuerst in großen Linien hinweist auf die «Erziehung des Menschengeschlechts». Dann Goethe, in seinen Imaginationen das alles verknüpfend in seinem «Märchen» von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Daher ist es nicht ein Zufall, sondern eine innere Notwendigkeit, dass angeknüpft wurde durch unsere Mysterienspiele, beim ersten Mysteriendrama an dieses Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Hier beginnt das, was der Menschheit vorgezeichnet ist für die nächste Zukunft, dass sie zu suchen hat aus inneren Impulsen heraus die Wiederanknüpfung an die geistige Welt, aber jetzt bewusst durch die frei auf sich gestellte Seele. Aber schwer werden diese Dinge heute verstanden. Schwierig ist es, ein Verständnis für sie zu verschaffen.
Ach, wenn Sie zurückschen könnten auf dasjenige, wie sich unsere Anthroposophische Gesellschaft, die anthroposophische Bewegung entwickelt hat, Sie würden an mehreren Stellen sehen: Darauf hat hingedeutet werden sollen. Sie finden ein kleines Heftchen, das dazumal Vorträge von mir wiedergegeben hat über Schillers philosophische Bedeutung. Und, wie gesagt, Sie finden das Anknüpfen an Goethes Märchen in den Mysteriendramen. Mit diesen Dingen steht man mehr auf dem Boden derjenigen Zeit, in die wir hineingestellt sind, als durch jene Aufwärmung von nicht mehr für unsere Zeit taugenden geistigen Errungenschaften der früheren Zeiten. Und es war nicht ein Fortschritts-, sondern ein Degenerationsprozess, als am Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Theosophische Gesellschaft auftauchte und orientalisch-indisches Wesen nach Europa herein verpflanzen wollte ohne Einsicht darein, dass mit demjenigen, was aufgetaucht ist in Lessing, Herder, Schiller, Goethe, und was sich auf ihrem Boden entwickeln muss, etwas viel Bedeutsameres, Größeres geschaffen worden ist für die neuere Menschheit, als jemals ihr kommen kann aus irgendeinem früheren Quell heraus.
Da muss ich selbst an manche persönlich merkwürdigen Dinge zurückdenken. Als die Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland war, über das sie jetzt so «freundlich» schreibt, bei ihrem ersten Auftreten in Hamburg, stellte ich an sie die Frage, ob es denn nicht eigentlich die Aufgabe der neueren Zeit wäre, anzuknüpfen an dasjenige, was an spirituellem Leben durch Goethe, Schiller, Fichte, Herder und so weiter geleistet worden ist. Sie gab dazumal die Antwort, aus dem Degenerationsprozess der Theosophischen Gesellschaft heraus: Das sind ja alles Leute, die mehr ferne gestanden haben mit ihren Ideen dem eigentlichen geistigen Leben. Man muss viel wirklicher hineindringen. - Und so wurde denn durch jene Wirklichkeit jenes materialistische Gebilde, das doch jene Theosophische Gesellschaft als theosophische Lehre in sich birgt, an die Stelle des wirklich Spirituellen gestellt, das im Grunde wie von allem Anfang an wir haben wollten und haben mussten. Denn, ob man den Ätherleib als mehr oder weniger dichten oder dünnen Dunst sich vorstellt, man stellt ihn sich doch als einen gewissen Dunst eben vor und so weiter. Und sogar beim Astralleib, und bei was allem noch, spricht man noch von Atomen und dergleichen.
Also an diejenige Weltanschauung mussten die ersten Schritte, aber nur die ersten Schritte, anknüpfen, die in den «Briefen über ästhetische Erziehung», in dem «Märchen» ihren Ausdruck findet. Man fühle nur einmal die Notwendigkeiten einer spirituellen Bewegung.
Nicht wahr, wir werden zur sechsten Kulturperiode kommen. Wir haben dann zu erwarten, dass die Menschheit bis ins 21., ins 20., ins 19. und so weiter bis zum 14. Jahr entwicklungsfähig bleiben wird. Also infantil wird die Menschheit bleiben, wenn sie nicht eine innere Entwicklung durchmacht, die allein durch geistige Erkenntnis kommen kann.
Aber noch ganz andere Erscheinungen hängen ja zusammen mit dem, was gesagt worden ist. Mit diesem siebenzwanzigjährigen Lebensalter hängt die Wirklichkeits-Entfremdung zusammen, auf die ich aufmerksam gemacht habe. Die Menschen müssen sich bewusst wiederum hineinfinden in die Wirklichkeit, denn die volle Wirklichkeit enthält auch die geistige Wirklichkeit. Derjenige, der die geistige Welt nicht anerkennt, wird dadurch ein wirklichkeitsfeindlicher Mensch. Darum ist auch unsere Nationalökonomie, unsere Staatswissenschaft ein wesenloses Abstraktum, das niemals etwas schaffen kann, weil es die Wirklichkeit so behandelt wie derjenige, der in einem hufeisenförmigen Magneten nichts anderes sieht als ein Ding, womit man einen Pferdehuf beschlägt. Er weiß nicht, dass das Eisen magnetische Kräfte enthält. Bewusst muss die Menschheit sich heute wiedererringen, was sie früher instinktiv hatte, was ihr verloren gegangen ist. Und hier stehen wir an einem sehr wichtigen Punkte. Bewusst muss manches errungen werden, was die Menschen früher instinktiv hatten, und dazu gehört auch der Wahrheitssinn.
Mit Riesenschritten schreitet das in der Welt vor, dass die Menschen den instinktiven Wahrheitssinn verlieren, und einen neuen, bewussten Wahrheitssinn sich werden erwerben müssen. Daher begegnen wir auf Schritt und Tritt Dingen, von denen wir überhaupt nur begreifen, dass sie sein können, wenn wir in der Lage sind, die Welt mit solchen Vorbedingungen zu durchschauen, wie wir sie heute geschildert haben. Manchmal sind die Leute wohlgesinnt, nicht schlimm gesinnt. Dann aber können sie doch nichts anderes, als wirklichkeitsfremde Begriffe in sich hegen; sie sind nicht imstande einzugehen auf wirklichkeitsverwandte Begriffe. Da kann ich Ihnen ein schönes Beispiel vorführen, das sich vor Kurzem gezeigt hat in einem Artikel in der Zeitschrift «Die Furche». Da können Sie einen verhältnismäßig wohlwollenden Artikel lesen über das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Religion. Da wird allerlei Merkwürdiges gesagt. Und zum Schlusse wird etwas gesagt, wobei man sich den Kopf halten muss, um nur die Möglichkeit zu finden, dass von einem nicht übelwollenden Menschen dergleichen gesagt werden kann:
> [Rudolf Steiner hat die Macht der Eigenliebe tief erkannt, mit der man auch das an sich liebt, was man als hässlich empfinden soll; aber er sagt nichts gegen die gottwidrigste Gewalt dieser Eigenliebe, mit der sie die Erlösung des eigenen Selbst immer wieder nur sich zuschreiben will, anstatt allein aus dem Christus Jesus, der in uns seine Erlösung auswirken will.]
Also denken Sie sich das einmal. Denken Sie diesen Satz einmal gemessen an demjenigen, was ich seit Jahren über den Christusimpuls in Bezug auf die Menschheitsentwicklung gesagt habe. Von nicht übelwollender Seite kann so etwas vorgebracht werden.
> [Rudolf Steiner hat die Macht der Eigenliebe tief erkannt, mit der man auch das an sich liebt, was man als hässlich empfinden soll; aber er sagt nichts gegen die gottwidrigste Gewalt dieser Eigenliebe, mit der sie die Erlösung des eigenen Selbst immer wieder nur sich zuschreiben will, anstatt allein aus dem Christus Jesus, der in uns seine Erlösung auswirken will.]
Während [doch gerade] Geisteswissenschaft das Einzige ist, was heute gegenüber der materialistischen Weltanschauung und auch gegenüber dem antichristlich gewordenen Christentum das Mysterium von Golgatha in seiner vollen Tiefe wiederherstellt. Aber solche Dinge lesen die Menschen heute, und sie kommen nicht darauf, diese Dinge auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Man hat heute nicht einen Enthusiasmus für die Wahrheit. Daher gesteht man sich auch nicht, dass solche Dinge der Lüge völlig gleichkommen, denn es ist doch eine Verlogenheit. Man will die Dinge nicht mit dem rechten Wort nennen. Da ist die Wirklichkeitsentfremdung. Und es ist notwendig, weil das ein sehr verbreitetes Übel ist, dass derjenige, der nicht schlafend, sondern wachend der Welt gegenüberstehen will, mit den Impulsen der Geisteswissenschaft einer solchen Erscheinung sich auch vollbewusst gegenüberstellt.
Da erscheint eine Zeitschrift «Der unsichtbare Tempel». Darin wird unter der Regie von einem gewissen Horneffer gepredigt, es soll eine höhere Versittlichung der Menschheit Platz greifen. Nun, ich bin überzeugt davon, dass viele Menschen mit Ergriffenheit - aber Ergriffenheit ist heute selten wahr —, sich im guten Glauben an solche Dinge wenden. Nun, in der Zeitschrift steht ein Satz,
> [So verschieden die Richtung der Monisten von der der Theosophen ist, und so eifrig sie sich gegenseitig bekämpfen und verachten, so sind sie sich doch in dem einen Punkte merkwürdig ähnlich, dass sie das Wort Wissenschaft gleichsam für sich mit Beschlag belegen. Was sie selber treiben, ist wahre, reine Wissenschaft; was andere Leute treiben, ist Schein- und Afterwissenschaft. So bei Haeckel und so bei Rudolf Steiner zu lesen.]
Nun frage ich Sie, ob ich jemals so etwas geschrieben habe: Was ich schreibe und sage, sei Wissenschaft; was die anderen schreiben, sei Afterwissenschaft.
Was ist das anderes als Lüge! Die Leute, die so etwas in die Hand nehmen, selbst diejenigen, die wissen, dass es gelogen ist, sie gehen doch nicht mit dem Gefühl, dass man es mit Verlogenheit zu tun hat, an die Dinge heran.
Wir brauchen aber heute ein neues Gefühl für die Wahrheit. Man muss die Dinge beim rechten Namen nennen. Solch eine Zeitschrift lügt, und sie schämt sich nicht, zu lügen. Und es wird da von MenschenVeredelung, von Menschen-Moralisierung durch Menschen geschrieben, denen man die Lüge nachweisen kann.
Scharfes Zusehen, ein wirkliches Achten auf die tatsächliche Wahrheit, das ist es, was vor allen Dingen zu den Pflichten desjenigen gehört, der die anthroposophische Weltanschauung verstehen will, als Weltanschauung, als Lebensanschauung; nicht leichtes Hinnehmen der Tatsachen welt, sei es auf dem geistigen, sei es auf dem physischen Plan. Ein Ernst von ungeheurer Größe und Stärke muss heute durch die Welt gehen, da, wo es sich um wahrhaftige Weltauffassung handelt; ein Ernst, der mit keinem Ernst zu vergleichen sein sollte der früheren Zeiten. Aber dazu gehört, dass man sich bewusst wird, wie leicht es die Menschheit heute mit der Wahrheit nimmt.
Ich erzähle Ihnen nur einzelne Beispiele, die uns nahe liegen können. Unter solchen Umständen ist es wahrhaftig nicht zu verwundern, dass diese Geisteswissenschaft gerade in der Zeit, in der sie hier von einer Seite aus zu eröffnen scheint einige Eindrücke, Einflüsse auf die Strömungen unserer Zeit —, dass diese Geisteswissenschaft auf der anderen Seite Angriff über Angriff erfährt, und zwar solche Angriffe, die so recht aus der Natur unserer Zeit hervorgehen.
Ich habe es wahrhaftig nicht der Mühe wertgehalten, so lange die Freimarke und ähnliche auf die Dinge geschimpft haben, einzugehen auf die Dinge. Da aber die Zeit gekommen ist, in welcher aus der Anthroposophischen Gesellschaft selber sich die Gegner rekrutieren, und zwar nicht Gegner, die ehrlich kämpfen, sondern solche Gegner, die Unwahrheit über Unwahrheit verbreiten, um die Geisteswissenschaft in einen Skandal hineinzutreiben. Welche Verleumdungen und Verunglimpfungen in dieser Zeit an uns herangekommen sind, es ist nicht zu beschreiben. Erlauben Sie mir jedoch, auch hier auf manches aufmerksam zu machen.
Ich weiß ja, dass es unter uns Mitglieder gibt, Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, die mit vornehmer Miene sagen: Auf diese Dinge lässt man sich nicht ein, da kommt man nur in persönliches Gezänk hinein. Da wende man sich aber an diejenigen, die Ursache dieses persönlichen Gezänks sind, nicht an diejenigen, die sich wehren müssen. Wir haben bittere Zeiten genug durchgemacht, in denen wir uns haben wehren müssen.
Ich möchte nicht missverstanden werden, meine lieben Freunde. Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft mag so viel in der Welt auftreten, als nur immer möglich ist. Es kommt nur darauf an, wie diese Gegnerschaft auftritt. Ich rechne noch manches zur Gegnerschaft, was ich durchaus für berechtigt halte, wenn auch diese Gegnerschaft im Ausdruck oft sonderbar ist. Ich erinnere nur daran, dass ein Mann, der unendlich viel getan hat in den letzten Jahren für unsere Sache, sich nur langsam herangependelt und herangeschwungen hat zu einem aufrichtigen Freund, Ludwig Deinhard, dass er in der ersten Zeit, als ich auftreten musste in Deutschland, dies nicht billigen konnte, und durchaus mit denjenigen einverstanden war, die mich dazumal öffentlich angriffen. Ich habe gegen solche Angriffe nichts vorgebracht, trotzdem dazumal, als ich in München vorgetragen habe, der Satz gesagt geworden ist: «Der Berliner Reisende für Theosophie ist wieder erschienen.» Solche Dinge halte ich noch durchaus für berechtigt. Ansichten kann man haben, und wenn man sie noch so trivial ausdrückt. Daher möchte ich nicht missverstanden werden. Wenn ein Gegner ehrlich, oder auch unehrlich, aber in einer literarisch gebräuchlichen Form auftritt, so ist das nicht dasjenige, was ich heute meine. Das, wovon ich heute sprechen will, ist Gegnerschaft, nicht aus der Sache heraus, sondern aus der objektiven Unwahrheit heraus. Und da ist ja in der letzten Zeit in schlimmster Weise allerlei vorgekommen. Man muss schon sagen, es ist überhaupt vorher noch nie vorgekommen, dass mit derlei Dingen eine Sache beworfen worden ist wie diejenige, die ich zu vertreten habe.
Derjenige, welcher mit esoterischen Impulsen spricht, der weiß, dass er sich damit selbstverständlich Gegner schaffen muss. Denn dasjenige, was ausgesprochen werden muss von der wirklichen Geisteswissenschaft, das bewirkt eben Gegnerschaft. Und es ist vielleicht nicht zu hoch gegriffen, wenn ich sage, dass, wenn man zu 120 Menschen spricht, in allem Ernste über die tiefsten Dinge, unter diesen 120 wahrscheinlich 70 mögliche Gegner sich befinden; 70 mögliche Feinde. Das ist schon einmal so. Darüber darf man sich keine Illusionen machen.
Und es handelt sich auch nicht darum, ob sich solche Gegner erheben oder nicht, sondern darum, ob sie anständig sind oder nicht. Und gewiss geht vieles auf diesem Gebiet aus dem hervor, was ich heute charakterisiert habe. Aber immerhin, wir erleben die merkwürdigsten Dinge. Und deshalb erlauben Sie mir, dass ich einige kurze Ausführungen darüber vorbringe, weil ich einfach Maßregeln ergreifen muss gegen diese Angriffe, die aus der Gesellschaft heraus, von Mitgliedern der Gesellschaft - die allerdings jetzt ausgetreten sind - kommen. Einiges muss ich darüber zu Ihnen sagen.
Im Ganzen muss eben das gesagt werden: Es ist heute die Zeit, wo die Frage durchaus aufgeworfen werden muss: Kann in dieser Weise die Anthroposophische Gesellschaft fortgeführt werden, wenn ich darin Vorträge halten soll - oder nicht? Die Anthroposophische Gesellschaft ist doch wahrhaftig etwas anderes als Anthroposophie oder Geisteswissenschaft. Geisteswissenschaft würde diese Gegnerschaft überhaupt nicht haben können, die sie gegenwärtig hat, die gegenwärtig kommt aus dem Grunde, weil erstens Leute auf Unwahrhaftigkeit bauen, und weil andere Leute, die draußen stehen, diese Unwahrhaftigkeit benützen. Es ist diesen letzteren zu unbequem, Geisteswissenschaft zu studieren, um sie anzugreifen. Es ist viel leichter, wenn man Geisteswissenschaft in einen Skandal hineintreibt. Um sie anzugreifen, müsste man sie ja erst studieren. So geht es leichter, aber was erleben wir?
Notwendig ist, dass vor allen Dingen ein positives, aktives Urteil in der Anthroposophischen Gesellschaft sich entwickelt, das wirksam wird innerhalb der Mitgliedschaft, wenn die Anthroposophische Gesellschaft als solche bestehen soll. Geisteswissenschaft könnte ja ganz gut ohne die Gesellschaft bestehen. Man könnte in jeder Stadt drei, vier Freunde haben, die könnten alles arrangieren, was zu Vorträgen nötig ist; dazu braucht man keine Anthroposophische Gesellschaft zu haben. Man darf also nicht Anthroposophie und Anthroposophische Gesellschaft verwechseln. Ich sagte, ein aktiveres Urteil muss da sein. Man muss sehen, dass in unserer Gesellschaft Dinge möglich sind, die eigentlich nur innerhalb dieser Gesellschaft möglich sind, man musste erst die Gesellschaft gründen, damit diese Dinge möglich wurden. Ich will an eine ältere Sache erinnern. Aber eine neue ist nicht unerlaubt, im Anschluss daran zu erzählen.
Es trat in unsere Gesellschaft ein gewisser Herr Grasshoff ein. Er verfolgte eine Zeit lang die Vorträge in allen Städten, war überall dabei. Sie können natürlich die Frage aufwerfen, warum der Mann aufgenommen worden sei. Ja sehen Sie, es gibt keine Möglichkeit, unter gewissen Bedingungen die Leute zurückzuweisen, wenn sie herangebracht werden; man müsste ja die Zukunft vorausnehmen. Denken Sie, es kommt solch ein Grasshoff herein und ich würde sagen: Wir können Sie nicht aufnehmen. — Ja, warum denn nicht? - Nun, weil Sie in späterer Zeit einmal ein Schweinehund gegen die Gesellschaft sein werden!
Das kann man nicht so sagen, wenn etwas erst in der Zukunft geschehen soll, aber noch nicht geschehen ist. Also man muss solche Leute auch hereinkommen lassen in die Gesellschaft, das ist selbstverständlich.
Dieser Herr Grasshoff hörte also alle Vorträge, die er nur hören konnte; er lieh sich alle nachgeschriebenen Notizen aus, die von den Mitgliedern gemacht werden. Er schrieb alles ab. Dann nach einiger Zeit ging er wieder nach Amerika zurück, woher er gekommen war, und - verfasste ein schönes Buch. In diesem Buche stellte er zusammen alles dasjenige, was er in den verschiedenen Vorträgen gehört hatte, was er in den Büchern gefunden hatte, auch was er aus den nicht veröffentlichen Vorträgen zusammengeschrieben hatte. Das sagte er aber nicht. Er schrieb eine Vorrede zu dem Buche. Da sagt er: Ich habe von Doktor Steiner das und das gehört, dann war ich aber nicht fertig. Sondern ich bekam dann den Auftrag, zu einem Meister zu kommen, selbstverständlich einem Meister in den transsilvanischen Alpen, da hat mir dieser Meister dann das Tiefere, was mir noch fehlte, gesagt. Also, dieses «Tiefe», dieses «Hohe», das stammt alles von diesem «Meister». - Wie gesagt, alles in diesem Buche ist aus meinen Vorträgen abgeschrieben und aus Büchern und aus Notizen anderer Mitglieder.
Nun, das Buch ist also in Amerika erschienen. Aber was geschah? Das Buch - es hatte den Titel «Rosicrucian World Conception», also selbst der Titel ein Diebstahl! - erschien also in Amerika.
Man könnte noch sagen: Nun ja, das ist eben amerikanisch, man könnte da drüben vielleicht nicht viel anderes erwarten. Ja, dann fand sich aber hier in Deutschland ein Buchverlag, geleitet von einem gewissen Doktor Hugo Vollrath. Der fand sich geneigt, dieses Buch ins Deutsche zu übersetzen und in einzelnen Unterrichtsbriefen erscheinen zu lassen. Und es wurde eine Vorrede dazu geschrieben, dass zwar einiges von dem Inhalt auch in Deutschland zutage getreten ist, aber das musste dann erst gereinigt werden in der reinen Luft Kaliforniens, in Amerika. Ein solches Schandstück ist eigentlich im literarischen Leben draußen nicht möglich. Ich habe diese Sache sogar bei öffentlichen Vorträgen erzählt. Es ist ein Schandstück, das überall hätte bekannt werden müssen, wenn man es mit der nötigen Urteilskraft aufgefasst hätte. Ich möchte einmal sammeln gehen, wie viele Menschen das wissen. Darum aber können sich die Dinge eben immer wiederum wiederholen.
Darum konnte es vorkommen, dass ein Mitglied, ein langjähriges Mitglied, das aus demselben Grunde selbstverständlich nicht abgewiesen werden konnte, aus dem dieser Herr Grasshoff - der unter dem Namen A. M. Heindel aufgetreten ist — nicht abgewiesen werden konnte, daher konnte es vorkommen, dass Herr Max Seiling ein Buch verfasste «Wer war Christus?». In diesem Buche hat er - allerdings nicht in dem Maße, wie dieser Grasshoff, aber doch eben hat er aus allerlei Zyklen allerlei zusammengestellt unter dem Motto, dass ja Erkenntnis nicht verheimlicht werden dürfe, sondern der Zeit gehöre; welches Motto derjenige, von dem er es abgeschrieben hat, sehr übel genommen hat, weil es von demjenigen, der es geschrieben hat, ganz anders gemeint war. Aber dann hat er angedeutet: Doktor Steiner hat ja zwar auf Einzelnes dieser Sache hingedeutet, aber es ist nötig, das alles weiter auszuführen. — Sie können sich denken, meine lieben Freunde, dass dieses Buch abgewiesen werden musste von dem Anthroposophisch-Philosophischen Verlag in Berlin. Darauf wurde der Mann ein Gegner.
Also, ein langjähriges Mitglied, ein Mitglied, das sogar manches für die Anthroposophische Gesellschaft geleistet hat, ein Mitglied, das lange Zeit sich als ein ruhiges Mitglied so äußerlich gezeigt hat, wird zum Gegner, weil ihm eine Broschüre vom Verlag zurückgewiesen wird. Das ist. der wahre Grund der Gegnerschaft. Das ist der Grund. Gewiss, man sagt manchmal, es stimmt nicht ganz, post hoc, aber mit solchen Dingen wird man nicht sehr danebenhauen, wenn man den Ausdruck braucht. Jedenfalls ist Seiling nicht nur Gegner, sondern Feind geworden, nachdem seine Broschüre vom Verlag zurückgewiesen werden musste. Er hat allerdings jemandem gestanden, dass er recht viel gelitten hätte in den letzten Jahren durch mich und sich daher manches von der Seele schreiben musste. Ja, aber ich habe auch merkwürdige Erfahrungen mit dem Herrn gemacht. Denn Sie wissen, der Herr spricht einen urberlinischen Dialekt, er hatte keinen Schimmer von Rezitation. Er hat einige Stunden genommen, war auch schr gut zu brauchen, weil er da den Dialekt gebrauchen konnte als Berliner. Aber dann stieg ihm die Geschichte in den Kopf. Dann erschien er in Dornach: Jetzt will ich alter Kerl euch zeigen, was Rezitieren ist. Ich habe es sogar meinem Neffen gezeigt, ich will euch zeigen, was ich vor der Welt als Rezitator leiste. - Dass ein solcher Mensch, der viel Anlage hat zur Eitelkeit, leidet, wenn man zu solchen Dingen selbstverständlich nicht «Ja» sagen kann, ist zu begreifen. Nun, dieser Mann hätte aber mit all den lächerlichen Widersprüchen, die er zusammengestellt hat, keinen Hund vom Ofen hervorlocken können, denn die kann jeder prüfen. Darum handelt es sich nicht, sondern darauf kam es an, dass diese Widersprüche verbrämt werden mussten mit lauter unwahrem Zeug. Und dieses unwahre Zeug, das braut er sich zusammen aus «Unterredungen». Er gel zu denjenigen Menschen, die seit Jahren immer gekommen sind mit der Bitte um Privatgespräche, um Unterredungen. Er entstellt nun dasjenige, was in diesen Gesprächen vorgekommen ist, Und was er anführt davon, ist alles objektive Unwahrheit. Objektive Unwahrheit! Zum Beispiel, dass ich jemandem gesagt hätte — was er anführt -, ich wäre nicht einverstanden gewesen damit, dass der Verlag eine andere Broschüre, die vorher erschienen ist, annehme. Frau Doktor Steiner hätte aber dazumal diese Broschüre von ihm in ihren Verlag haben wollen, daher hätte ich nachgegeben. Nun dergleichen Zeug redet er von Privatunterhaltungen. Wenn diese Privatunterhaltungen so missbraucht werden können, dann ist das schon eine fatale Sache.
Der Herr zeigt sich überhaupt in einem ganz merkwürdigen Licht. Er weiß sehr gut, wie die Sachen in Dornach liegen. Er weiß, dass da die anderen Skandal gemacht haben, jetzt schreibt er aber in den «Psychischen Studien» unsere Verheiratung habe zu Skandalen geführt. — [Aber:] Wir waren an dem Skandal ganz unschuldig, die anderen haben ihn gemacht. So schreibt man raffiniert, wenn es einem darauf ankommt, die Dinge mit Bewusstsein in Skandale hereinzuzerren. Solche Sachen muss man nur richtig ansehen. Und was erleben wir weiter?
Ein Mann in einer Stadt Mitteldeutschlands schreibt vor längeren Jahren einmal an die jetzige Frau Doktor Steiner, er wäre an einem Wendepunkt seiner Seele angekommen und wisse nicht, was er machen soll. Solle er einheiraten in ein Geschäft oder solle er auf eine andere Weise seiner Seele aufhelfen? Frau Doktor Steiner schrieb ihm, dass wir uns mit solchen Dingen ja nicht befassen könnten. Dann erschien er wieder als Mitglied der Theosophischen Gesellschaft in Berlin. Da hatte er ja zunächst die Mitglieder, trotzdem er keinen Schimmer vom Rezitieren hatte, dadurch überrascht, dass er in einer — nun, sagen wir in «überraschenden» Weise — Schillers «Kassandra» ergoss über die Trommelfelle [der Anwesenden]. Der Mann hatte nicht etwa das Bestreben, ein Künstler zu werden, wie er vorgab, sondern: Künstler zu sein. Es wurde mir dann von glaubwürdiger Seite erzählt, dass er das Einheiraten nun innerhalb unserer Gesellschaft schr stark verfolgte, es ist ihm aber nicht gelungen. Dann wandte er sich nach München. Dort ist alles für ihn getan worden, was man tun konnte. Er bildete sich ein, er müsse malen. Er konnte nicht malen, hatte auch kein Talent dazu. Aber, nicht wahr, es zeigt sich ja manches Talent, wenigstens die kleinen Talente, erst nach einiger Zeit. Man hat ihm Lehrer verschafft, aber man konnte ihn ja nicht im Handumdrehen zum Genie machen. Wenn er etwas hätte werden wollen, wäre man ja darauf eingegangen. Aber er wollte ein Maler sein, ein Genie sein, nicht erst werden. Das ist ein furchtbares Verbrechen, nicht wahr? Kurz, der Mann wurde nun auch eines Tages zum Feind, und er betreibt nun seit einiger Zeit eine merkwürdige Schreiberei. Er heißt nämlich Erich Bamler.
Ja, diese Schreibereien ernst zu nehmen, ist wirklich außerordentlich schwer. Denn zum Beispiel einer der Punkte, die da angeführt sind, ist der, dass dem Manne geraten worden ist von mir, eine tief-okkulte Übung zu machen. Die Übung: Er möge alles das, was in seiner Umgebung ist, als gut und notwendig ansehen. Man braucht nur in Schopenhauers Werken nachzuschlagen, da findet man diesen Satz. Da findet man, dass Schopenhauer dieses Verhalten für die geistige und seelische Gesundheit sehr günstig finder. Ja, durch diesen Satz will der Mann nun blaue Beulen an den Beinen und sonst bekommen haben, die eine schlechte okkulte Entwicklung ihm angezüchtet habe. Die Dinge sind so blödsinnig, so entsetzlich blödsinnig, dass wirklich nur etwas aus ihnen zu machen ist, wenn man verleumderisch Dinge, die den anderen mit Schmutz bewerfen, zur Einkleidung verwendet. Und dazu findet man heute Leute genug natürlich. Es ist ja sogar möglich, dass Universitätsprofessoren sich auch nicht mit einer sachlichen Erwiderung begnügen, sondern diese auch einkleiden in wirkliche Tollheiten. Aber es finden sich heute Redakteure, die nicht eingehen auf Geisteswissenschaft. Von der haben sie keinen Schimmer. Aber sie gehen ein auf solche Dinge, die ihnen hinterbracht werden. Und was wird hinterbracht?
Ich habe vor einigen Tagen vorgelegt bekommen einen Brief. Da schreibt mir ein Herr, dass er bei einem Vortrag von mir in einer norddeutschen Stadt war, und bei diesem Vortrag habe er, wie er versichert, mit seinen eigenen Ohren gehört, dass ich darauf hingewiesen habe, dass der Christus wiederholt auf der Erde erscheint, und ich habe deutlich bemerklich gemacht, dass ich selber auf diese Inkarnation Anspruch mache. Denken Sie sich, meine lieben Freunde! Und der Mann sagt nicht nur, dass er selber das gehört habe, sondern er könne noch Zeugen beibringen, die das auch gehört haben. Solche Dinge erlebt man heute. Kann man es da unbegreiflich finden, dass sich solche Redakteure finden, wie diejenigen, die eben hier in diesem Fall in Betracht kommen, die sich diese Dinge erzählen lassen, besonders wenn sie von Mitgliedern gebracht werden, von solchen Mitgliedern, die sich unter der gepflegten Urteilslosigkeit in der Gesellschaft ergeben haben. Das ist aber erst der Anfang, das wird seine Fortsetzung finden. Geisteswissenschaft hat Widerlegungen wahrlich nicht zu fürchten, ich meine also niemals, dass es keine Gegnerschaft geben soll.
Es ist gesagt worden, man solle eine Kommission einsetzen, die die Sachen prüft und in Ordnung bringt. Ich sehe das als eine Torheit an. Hunderte und Tausende von gegnerischen Schriften mögen erscheinen; es kann keine Gegnerschaft geben, wenn sie ehrlich ist, vor der Geisteswissenschaft sich zu fürchten hat. Geisteswissenschaft kann den wissenschaftlichen Kampf bestehen. Aber darum handelt es sich hier nicht, sondern hier handelt es sich um das Hineintreiben in die Gemeinheit, um Verunglimpfung, Bewerfen mit Schmutz, wie es eigentlich noch nicht dagewesen ist. Das konnte ja die Höhe erreichen, dass ein langjähriges Mitglied von Anfang bis zum Ende erfundene Sachen, erfundene Tollheiten einer Redaktion schreibt, Dinge, die von Anfang bis zum Ende erlogen sind. Die werden von der Redaktion angenommen. Das kann heute vorkommen.
Da schreibt also ein Mitglied an eine Redaktion: Ich habe mich befassen müssen mit anthroposophischen Dingen, und ich habe die Anschauung bekommen, dass etwas Ähnliches mit mir vorgehen sollte, wie das Lazarus-Wunder, das der Christus vollbrachte und das Doktor Steiner geschildert hat. Frau Doktor Steiner hat mir Schokolade geschickt, und ich muss annehmen, dass diese Schokolade mir geschickt worden ist, um an mir das Lazarus-Wunder zu vollbringen.
Nun, diese Tollheit, die kann heute gesagt und auch gedruckt werden, und der Redakteur schreibt als Anmerkung unter diese Tollheiten: «Wo solche okkulten Übungen gemacht werden, können selbst gesunde Menschen irrsinnig werden.» Ja, solche Dinge kommen vor. Was dabei reale Nebendinge sind, kümmert mich nicht. Ob solche Personen als psychisch Kranke zu betrachten sind, das kommt hier nicht in Betracht. Das ist schon wichtig, selbstverständlich, aber hier kommt es darauf an, dass man es zu tun hat mit reinen Erfindungen, mit Erfindungen der schändlichsten Art. Das sind die Dinge, mit denen umgeben man heute Geisteswissenschaft vorbringen soll. Und glauben Sie nicht, dass es auf einem oberflächlichen Urteil beruht, wenn ich sage: Es ist notwendig, dass das Urteil in der Anthroposophischen Gesellschaft gestärkt wird. Die Albernheit, die jetzt wiederum erscheint, mit diesem Artikel zusammen von der Schokolade und dem Lazarus-Wunder, dass von der Reinkarnation des Christus gesprochen worden ist und auf mich selbst gedeutet wird — glauben Sie nur nicht, dass es so ohne Zusammenhang wäre mit diesen Tollheiten, dass ich eigentlich sehr früh betonen musste immer wieder und wiederum: Es gibt nur eine Inkarnation des Christus. Solche Dinge sind schon in Hülle und Fülle getrieben worden in der Gesellschaft.
So ist es denn notwendig geworden, meine lieben Freunde, dass ich zwei Maßregeln ergreife. Sie tun mir ganz gewiss ebenso weh, wie sie vielleicht manchem von Ihnen wehtun. Aber sie sind absolut notwendig. So wie die Sachen jetzt stehen, geht es nicht anders.
Es müssen von jetzt ab aufhören alle Privatunterhaltungen, die gepflogen worden sind bisher, denn aus einer Anzahl dieser Privatunterhaltungen gehen gerade die schlimmsten objektiven Entstellungen hervor. Ich habe ja wahrhaftig leise hingedeuter auf diese Dinge seit Jahren. So wird vielleicht eben eine Tatsache eintreten. Es handelt sich weniger um diese Maßregel selber, sondern darum, dass durch das Ergreifen dieser Maßregel unsere Mitglieder darauf hingewiesen werden, dass es notwendig ist, diese Dinge ernst zu nehmen. Sehen Sie, diese Dinge werden ja alle hinausgetragen. Was Mitglieder hinaustragen aus der Gesellschaft, das ist das Ungeheuerlichste. Und draußen erzählt Ihnen jeder Mensch: Ja, das ist eine Gesellschaft, in der alles auf Autorität begründet ist. In blindem Glauben folgt alles diesem Doktor Steiner! Und in Wirklichkeit ist es so: Es gibt vielleicht keine Gesellschaft, in der diejenige Persönlichkeit, die darin tätig ist, so wie ich, mehr finden muss, dass alles anders geschieht, als sie es meint. Denn in dieser Gesellschaft ist es in Wirklichkeit so, dass alles das, was geschieht immer gegen meinen Willen geschieht; so im Einzelnen, so auch in manchen großen Fragen. Wie unzählige Dinge entwickeln sich unter dem Typus: Jemand will zu einem Vortragszyklus; es ist nötig, dass er das vor irgendjemandem entschuldigt; was sagt er? Doktor Steiner hat mich hingeschickt. - Worin besteht das ganze Hinschicken? Nun, der oder die Betreffende kommen und sagen: Soll ich zu dem Zyklus reisen? — Das geht mich selbstverständlich gar nichts an, denn das kann ja nur freiwillig sein. Ich sage also: Das geht mich nichts an, das müssen Sie selber wissen. - Dann fragt der oder die Betreffende: Haben Sie etwas dagegen? — Ich habe selbstverständlich nichts dagegen, denn solche Dinge geschehen doch aus freiem Willen. - Wenn meine Antwort aber nun weitergesagt wird, einem Zweiten oder Dritten, dann lautet sie so: Ich soll reisen, Doktor Steiner hat es gesagt.
Mir liegt nichts ferner, als irgendein Unfug von Sektiererei. Aber etwas viel von Sektiererischem ist in der Anthroposophischen Gesellschaft zu finden. Gewiss, hier tritt das weniger hervor, aber die Gesellschaft muss als Einheit behandelt werden. Deshalb müssen auch diese Dinge auch hier gesagt werden.
Ich machte eine Reise nach [Stettin]. Da kam eine merkwürdige Gruppe zu einer Türe des Bahnhofs hereinmarschiert, als ich ankam. Es waren alles Damen, aber sie schauten aus wie Kardinäle. Selbstverständlich trugen alle Stolen, wie man das bei uns nennt. Dann hatten sie so merkwürdige Mützen auf. Nun ja, in München mag so etwas gehen; da sagt man einfach: Sie sind verrückt; da ist man das gewöhnt. In Berlin geht es weniger. Aber als die Damen in [Helsingfors] ankamen, da war der Teufel los. Die [Helsingforser] Damen mussten sich wegsetzen, damit man nicht merkte, dass sie zusammengehörten. Sehen Sie, solche Äußerlichkeiten, das ist nur ein Symbolum für innerliche Sektiererei.
Kurz, es ist also notwendig, dass als erste Maßregel dasjenige eintritt, dass alle Privatgespräche von jetzt an aufhören. Derjenige, der eine esoterische Angelegenheit vorzubringen hat, er muss ein wenig Zeit vergehen lassen; ich werde schon versuchen, einen Ersatz für diese Gespräche zu schaffen. Jeder wird das, was er esoterisch beanspruchen kann, befriedigt finden, aber die Privatgespräche müssen eben aufgehoben werden. Denn gerade aus diesen Besprechungen stammt meistens dasjenige, was jetzt in so ungeheurer Weise vor die Welt tritt. Darum muss der Unschuldige nun mit den Schuldigen leiden. Man wende sich nun dieserhalb an diejenigen, die es eben verschuldet haben. Ich habe seit Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass das kommen wird.
Aber man wird nicht das Vollständige sagen, wenn man nicht eine zweite Maßregel dazusagt. Das ist die, dass ich jedem, soweit es mich anbetrifft, eine absolute Bewilligung gebe, alles das, was jemals in einem Privatgespräch gesagt oder getan worden ist, der Wahrheit gemäß zu erzählen, soweit er es selber will. Nur auf diese Weise wird man zum Schweigen bringen können die unglaublichen Verdrehungen und Unwahrheiten, Verunglimpfungen, Verleumdungen, die jetzt in die Welt gesetzt worden sind, wenn diese zweite Maßregel ergriffen wird. Derjenige, der die eine Maßregel ohne die andere erzählen wird, wird eine Unwahrheit sagen. Die beiden gehören zusammen. Sie müssen zusammen gedacht und zusammen gesagt werden.
Also erstens: Alle Privatgespräche müssen aufgehoben werden. Zweitens: Ich ermächtige jeden, alles dasjenige, was jemals in Privatgesprächen gesagt oder getan worden ist, weiterzugeben, sofern er es selber will.
Meine lieben Freunde, Geisteswissenschaft wird eben müssen in das volle Licht der Öffentlichkeit gerückt werden, weil unsere Zeit dasjenige nicht vertragen kann, was sehr häufig mit Esoterik verwechselt wird, was aber gar nicht verwechselt zu werden braucht. Esoterik kann auch betrieben werden, wenn anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in das volle Licht der Öffentlichkeit gerückt wird. Das kann sie, denn diese Geisteswissenschaft hat vor nichts zurückzuschrecken. Aber es ist nicht immer jedermanns Sache, wenn er mit Schmutz beworfen wird, dagegen öffentlich Stellung zu nehmen, besonders wenn der Schmutz von Orten ausgeht, von Persönlichkeiten ausgeht, zu denen man keine Stellung nehmen möchte.
Verzeihen Sie, meine lieben Freunde, dass ich diese Bemerkungen unseren Betrachtungen anhängen musste; anhängen musste an dasjenige, was ich Ihnen heute geben wollte als einschneidende Charakteristik unserer Zeit, von der ich glaube, dass sie Ihnen wird dienen können, wenn Sie mit wachem Seelenauge beobachten wollen, was um uns herum vorgeht und in den letzten drei Jahren vorgegangen ist.
Was in den letzten drei Jahren geschehen ist, es ist ja wahrhaftig so, dass dasjenige, was vorher geschehen ist, uns wie in einer mythischen Vergangenheit liegend erscheint. Aber gerade, wenn man wachend die Zeit betrachtet, und in diesem Sinne Geisteswissenschaft in vollem Ernst nimmt, dann wird man auch nicht für «persönliches Gezänk» und «persönliche Angelegenheiten» dasjenige halten, was ich schon einmal gezwungen war, an diese Auseinanderserzungen zu knüpfen.