XIX. Theosophie Und Antisophie
## GA 69e — 27 January 1914, Berlin
### XIX. Theosophie Und Antisophie
Als ich das letzte Mal vor einigen Wochen hier sprechen durfte über Geisteswissenschaft, da versuchte ich, den allgemeinen Charakter und die Art des Forschens dieser Geisteswissenschaft darzulegen und auch hinzuweisen darauf, inwiefern diese Geisteswissenschaft nicht nur in vollem Einklange steht mit der naturwissenschaftlichen Forschung und ihren Entdeckungen, sondern dass sie sich auch durch die Gesichtspunkte, die sich diese naturwissenschaftliche Forschung für unsere allgemeine Weltanschauung erobert hat, als Geisteswissenschaft heute notwendig in die Ziele der Zeit hineinfügen muss, dass sie aufgenommen werden muss von den Zielen unserer Zeit.
Am heutigen Abend werde ich mir gestatten, von der Stimmung zu sprechen, welche in der Seele hervorrufen kann Gegnerschaft, Feindlichkeit gegenüber dieser Geisteswissenschaft. Damit wir uns aber verstehen, damit auch diejenigen die Ausführungen verfolgen können, die unter den heutigen verehrten Zuhörern beim letzten Vortrag nicht anwesend waren, so gestatten Sie mir, mit ein paar Worten einleitend auf dasjenige hinzuweisen, was Gegenstand des letzten Vortrages war und was den allgemeinen Charakter der Geisteswissenschaft charakterisieren soll.
So wahr es ist, dass auf der einen Seite Geisteswissenschaft wie eine Art Fortsetzerin des naturwissenschaftlichen Denkens, der naturwissenschaftlichen Weltauffassung für das geistige Gebiet ist, so wahr ist es auf der anderen Seite, dass diese Geisteswissenschaft, weil sie sich eben auf das Gebiet des geistigen Lebens, des Geistes, der geistigen Wesenheiten erstreckt, andere Forschungsmethoden, eine andere Art der Weltanschauung braucht als die auf das äußere materielle Dasein gerichtete Naturwissenschaft. Der Naturforscher verwendet zu seinen Forschungen, zum Erlangen seiner Ergebnisse äußere Instrumente und äußere Beobachtungsmethoden. Er hat gewissermaßen dasjenige vor sich, was ihm die Gegenstände seines Forschens gibt und was ihn die Gesetze seines Forschens gewinnen lässt. Anders der Geistesforscher: Er muss den Zusammenhang finden zu einer Welt, die zwar als Quell, als der geistige Quell unseres Daseins aller äußeren Wirklichkeit zugrunde liegt, der aber sich den Sinnen und auch dem Verstande entzieht, der auf die Aussagen der Sinne, auf die äußere Wahrnehmung sich stützt. Der Geistesforscher muss hineindringen in ein Gebiet, das zunächst für die äußere Wahrnehmung, für die äußere Beobachtung überhaupt nicht da ist. Und das einzige Instrument, welches ihm zunächst zur Verfügung steht, und zwar im Sinne wahrer Geisteswissenschaft, in die geistige Welt einzudringen, ist nur die eigene Seele.
Diese eigene Seele ist aber so, wie sie sich zunächst im Alltagsleben und auch für die äußere Wissenschaft findet, nicht geeignet, in die geistige Welt einzudringen. Sie ist, diese menschliche Seele, für das äußere Leben so eingerichtet, dass sie sich bedienen muss der Organe, der Instrumente des Leibes. Durch die Sinnesorgane, durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, wird ihr die Außenwelt zugänglich. Dass die Sinne und auch der Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, nur an das physisch-sinnliche Dasein herandringen können, das wurde das letzte Mal hier genauer ausgeführt, daher soll es uns heute nicht beschäftigen.
Beschäftigen soll uns einleitungsweise zunächst, dass diese Menschenseele, so, wie sie im Alltagsleben ist, umgewandelt werden muss, um in die geistige Welt einzudringen. Sie muss dasjenige, wodurch sie in die geistige Welt eindringen kann, erst werden und durch nichts kann sie es werden als dadurch, dass der Mensch selbst sie dazu macht. Und nicht äußere Vorgänge, nicht Erlebnisse, die etwa wiederum in der physischen Welt sind, können die Seele vorwärts bringen, dass sie in das Gebiet des Geistes eindringen kann, sondern nur intime, innere Vorgänge der Seele selbst. Sie bestehen im Wesentlichen darin, dass diese Seele Konzentration des Denkens und Meditation - wie man die Dinge nennt - übt. Alles Genauere finden Sie in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ausgeführt.
Wenn die Seele unter gewissen Voraussetzungen in sich tilgt, in sich austilgt die Auffassungen durch die Sinne und durch das Denken des gewöhnlichen Verstandes und dennoch als Seele sich selber erlebend bleibt, dann ist sie in dem Zustande, in dem sie allmählich sich hineinentwickelt in die geistige Welt. Man kann diesen Zustand vergleichen mit dem gewöhnlichen Schlafzustand des Menschen. Wenn im Einschlafen des Menschen die gewöhnlichen Sinne allmählich zum Schweigen kommen, wenn das gewöhnliche Denken, die gewöhnlichen Vorstellungs-, Empfindungs- und Willensimpulse aufhören, dann ist in der Tat die menschliche Seele so, dass sie sich nicht mehr ihres Leibes als Werkzeug bedient. Aber sie wird dann zugleich bewusstlos. Um sie breitet sich die Finsternis der Bewusstlosigkeit. Alles dasjenige, was im Schlafe schweigt, das muss auch im Geistesforscher schweigen. Aber durch innere Verstärkung des Seelenlebens, dadurch, dass der Geistesforscher energisch und geduldig durch viele Jahre hindurch oftmals eine Seelentätigkeit, wenn auch nur für kurze Zeit, nur für Minuten konzentriert auf bestimmte Vorstellungen — das Nähere finden Sie in dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» —, dadurch wird die Seele befähigt, sich in innerer Kraft zusammenzuziehen so, dass diese Seele ein Leben entwickeln kann, das nicht durch den Leib, nicht durch die Sinneswerkzeuge vermittelt wird.
Man kann in der Tat die Seele in denselben Zustand bringen, in dem sie sonst nur im normalen Schlaf ist, aber der sich von diesem Zustande dadurch unterscheidet, dass man wach ist, trotzdem man nicht so denkt und wahrnimmt wie im gewöhnlichen Wachzustand. Man kann diese Seele - der Ausdruck wurde hier schon gebraucht — wie durch geistige Chemie vom Leibe loslösen. Wenn man das Denken und Fühlen in entsprechender Weise verstärkt, wenn man es immer kräftiger macht, erlangt man in dem Instrument seines eigenen menschlichen Wesens etwas, was sich vergleichen lässt mit der Absonderung des Wasserstoffes vom Wasser in der äußeren Chemie - und so, wie das Wasser nichts verrät von den Eigenschaften des Wasserstoffes als solchem, so verrät der Mensch als dem Alltag gegenüberstehend nichts von den eigentlichen Eigenschaften seiner Seele.
Wenn aber diese Seele durch entsprechende Verstärkung ihrer inneren Kräfte sich erkraftet, dann gelangt sie dazu, nicht bewusstlos, sondern vollwissend sich zu erleben außerhalb ihres Leibes, sodass ihr eigener Leib und ihr sonstiges alltägliches Schicksal, ihre alltäglichen Erlebnisse ihr wie die Außenwelt gegenüberstehen. Wie der Tisch oder der Stuhl als Gegenstand, so kann der kraftvoll erstarkten Seele der eigene Leib entgegenstehen. Sie drückt sich aus dem Leibe heraus durch die gesteigerte Kraft, welche sie erlangt durch Meditation und Konzentration, wie diese Übungen zur Kräftigung der Seele genannt werden. So können wir hineinschauen, wenn unsere Seele erkraftet ist, wir sehen gleichsam uns selbst in der Welt, aber unsere Seele ist außer dem Leibe, der ganz anschaulich ist durch die Methode, welche die Seele wirklich aus dem Leibe herausgehen macht.
Darauf beruht im Wesentlichen alle Möglichkeit, in die geistige Welt einzudringen, dass die menschliche Seele lebensvoll und wahrnehmend werden kann außerhalb des Leibes. Darauf, dass diese Seele außer ihrem Leibe durch die geisteswissenschaftliche Methode erleben und wahrnehmen kann, beruht im Grunde auch der strikteste Beweis für die Selbstständigkeit der Seele. Man könnte leugnen, dass die Seele etwas ist außer dem Leibe, zum Beispiel, wenn der Mensch schläft. Man könnte sagen, die Seele ist nichts anderes, als was durch die Maschine des Leibes zustande kommt; wenn die Maschine des Leibes stillsteht, so zeigen sich keine Äußerungen des Lebens. Man könnte behaupten, wenn die Maschine des Leibes stillsteht im Tode, hört die ganze Seelentätigkeit auf.
Wenn aber gezeigt wird durch die Geisteswissenschaft, dass die Seele sich erleben kann und sich wahrnehmen kann, wenn sie außerhalb des Leibes ist, wenn sie den Leib vor sich hat, so ist damit zugleich der Beweis für die Selbstständigkeit der Seele gebracht. Dieser Beweis ist möglich. Er ist möglich durch die Verstärkung derselben inneren Kräfte, die wir sonst im Leben auch üben, aber nur auf alle äußeren Ereignisse des Lebens anwenden, und durch das Loslösen der Kräfte von den äußeren Ereignissen des Tages und das In-sich-Verstärken dieser Kräfte durch die Meditation und Konzentration. Diese Beweise — soweit sie auseinandergesetzt werden können, wurden [sie] es im letzten Vortrag.
Wenn nun der Geistesforscher auf diese Weise gekommen ist zu einem leibfreien Wahrnehmen, wenn er sich erlebt in seiner Seele, sodass diese Seele außerhalb seines Leibes ist, dann ist er in der Tat genau ebenso in der geistigen Welt, wie er im Alltagsleben in der Sinnenwelt ist, wenn er mit der Seele untergetaucht ist in seinen Leib und sich der Sinne und des gewöhnlichen Verstandes bedient. In einer geistigen Welt weiß sich dann der Geistesforscher, und er weiß sich so in der geistigen Welt, dass er nicht nur überschaut das Leben zwischen Geburt oder, sagen wir, zwischen Empfängnis und Tod, sondern dass er überschaut auch das Leben, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist bis zu einem neuen Leben. Denn eines der wichtigsten Kriterien ist das Anschauen von den wiederholten Erdenleben, indem das ganze Erdenleben so verläuft, dass der Mensch lebt zwischen Tod und neuer Geburt und zwischen Geburt und Tod.
Das, was wir erleben im gegenwärtigen Leben, ist die Folge von früheren Erdenleben. Aber zwischen zwei Erdenleben fällt die Zeit, die wir im rein Geistigen zubringen, in jenem Geistigen, in das der Geistesforscher untertaucht, wenn er seine Seele leibfrei zum Erleben bringt. So erweitert sich der Überblick über die menschlichen Leben durch die Geistesforschung. Und dasjenige, was eben jetzt auseinandergesetzt worden ist, zusammenhängend mit weiten, weiten Gesichtspunkten über diese Zusammenhänge der Welt und ihre Erschaffung, über den Quell des menschlichen Lebens, über das, was in das menschliche Leben Sicherheit, Hoffnung, Zielstrebigkeit bringt, will eben die Geistesforschung umfassen und hinzutragen zu dem, was für die äußere Welt die Naturforschung zu geben hat.
Nun findet sich gegenüber der Geistesforschung in unserer Zeit - aber es haben sich zu allen Zeiten gefunden - Gegner, Leute, die geradezu mit Feindseligkeit diese Geistesforschung betrachten. Nicht auf einzelne Angriffe etwaiger Gegnerschaften gegen die Geisteswissenschaft soll heute eingegangen werden. Etwas anderes soll gezeigt werden. Gezeigt werden soll, woher aus der menschlichen Natur heraus Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft kommen kann, was in der menschlichen Natur vorhanden ist, normalerweise, möchte man sagen, was, wenn es besonders verstärkt und ausgebildet in dieser oder jener Persönlichkeit auftritt, zu einer richtigen Feindseligkeit führen muss gegenüber der Erforschung des geistigen Lebens, gegenüber den Geistesmethoden. Geisteswissenschaft ist ja im wahren Sinne, im echten Sinne dasjenige, was man da, wo man die Worte versteht, Theosophie genannt hat. Theosophie genannt hat - damit soll nicht gesagt werden, dass die Geistesforschung, die hier vertreten wird, sich mit alldem identifizieren will, was Theosophie genannt wird. Denn man findet heute recht zweifelhafte Lehren unter dem Namen der Theosophie zusammengefasst. Wenn man es ehrlich und rechtschaffen versteht, bedeutet das Wort Theosophie nichts anderes, als dass der Mensch sich bewusst werden kann, dass er in sich einen seelisch-geistigen Urquell trägt, durch den er verbunden ist mit den göttlich-geistigen Urquellen, die durch die Welt quellen und wirken, dass der Mensch in sich fühlen kann das, was durch die ganze Welt als göttlich-geistiger Urgrund vorhanden ist. Dass er es in sich erleben kann, dass er in sich ein Göttliches nicht nur vermuten und glauben, sondern auch zur Erkenntnis bringen kann. Das gibt die theosophische Stimmung. Antisophische Stimmung würde sich ergeben, wenn der Mensch entweder durchaus leugnete, dass er in seiner Seele Tiefen etwas so erfassen kann, dass das, was er erfasst, mit einem göttlich-geistigen Leben zusammenhängt, das durch die Welt wogt. Oder aber antisophische Stimmung würde sich ergeben, wenn er wenigstens leugnete, dass er diese Zusammenhänge mit dem Göttlich-Geistigen durch die Kräfte der menschlichen Natur erkennt.
Man kann sagen: Die menschliche Seele kann entwickeln eine theosophische und eine antisophische Stimmung. Und weil Geisteswissenschaft gleichsam durch das seelische Experiment, durch seelische Chemie zeigt: Man kann die Seele erleben, wenn man sie zunächst zu dem Standpunkte bringt, wo sie leibfrei ist —, muss Geisteswissenschaft auf dem theosophischen Standpunkte stehen und ihm sich ergeben. Dasjenige, was man leibfrei machen kann, das ist, wenn es leibfrei ist, eingesenkt in eine Welt geistiger Tatsachen und geistiger Wesenheiten. Das Leben mit den geistigen Welten und den geistigen Wesenheiten ist Theosophie, ist Geisteswissenschaft. Sie wird aber, gerade weil sie auf die Quellen des Daseins einzugehen vermag, sich gerade dadurch unterscheiden von anderen Weltanschauungen, dass sie im Grunde genommen niemals engherzig werden kann. Wir erleben es an den anderen Weltanschauungen, dass ihre Träger einfach dasjenige verstehen und begreifen wollen, was sie selber behaupten, und alles andere oftmals blindwütig bekämpfen, geradezu wie eine Torheit blindwütig bekämpfen und sagen, dass es nicht da sein soll. Geisteswissenschaft, weil sie versucht, einzudringen gerade in die Urquellen der menschlichen Seelen, kann verstehen, voll verstehen, auch woher andere Stimmungen kommen, als die ihrige ist, ja sie kann sogar, wie wir heute zeigen wollen, die antisophische Stimmung voll verstehen. Gerade davon soll die heutige Betrachtung handeln, dass die antisophische Stimmung nicht nur verzeihlich sozusagen ist, wenn sie auftritt bei den Feinden und den Gegnern der Geisteswissenschaft, sondern dass sie bis zu einem gewissen Grad sogar der menschlichen Natur und ihren Anlagen entspricht.
Der Geistesforscher wundert sich gar nicht darüber, dass sich Gegner und Feinde seiner Forschungsrichtung erheben, weil er erkennt, dass diese Gegnerschaft im Grunde in der menschlichen Natur begründet ist. Wir wollen einmal eine Tatsache aus dem Gebiet dieser Geistesforschung selber anführen, die auch gleich zeigen wird, was gemeint ist unter der naturgemäß gegebenen antisophischen Stimmung.
Wie muss Geisteswissenschaft den Menschen betrachten? Es ist schon in früheren Vorträgen ausgesprochen, dass für den Geistesforscher das Eintreten des Menschen in die Erdenwelt ein wunderbares Mysterium ist. Diesem Geistesforscher ist klar: Wenn da ein Mensch durch die Geburt ins Erdenleben hereintritt, so richtet er sein Erdenleben auf der Grundlage der früheren Erdenleben, die er durchlaufen hat, ein. Vor der Geburt war er als geistigseelisches Wesen in der geistigen Welt. Zu demjenigen, was der Mensch überkommt von Vater und Mutter, von seinen Vorfahren, was er durch die Vererbungssubstanz bekommt, zu dem kommt aus der geistigen Welt das Geistig-Seelische. Was von Vater und Mutter kommt, es verbindet sich mit dem, was aus der geistigen Welt kommt. Da sehen wir zunächst, wie dieses, was aus der geistigen Welt kommt, sich langsam hineinarbeitet in dasjenige, was durch die Vererbungstendenz kommt. Wir sehen zuerst, wie selbst die Gesichtszüge des Kindes unbestimmt sind, dass sie aber sich immer bestimmter gestalten in dem Maße, als das Geistig-Seelische des Kindes zur Geltung gelangt. Der Geistesforscher weiß dadurch, dass zuerst nur lose verbunden ist das Geistig-Seelische mit dem Physisch-Leiblichen. So sehen wir mit jedem Bestimmter-Werden der Gesichtszüge, mit dem Hervortreten der Fähigkeiten und Anlagen ein stärkeres Untertauchen des Geistig-Seelischen in das Leiblich-Physische. Beweise könnten angeführt werden, wenn die Zeit dazu ausreichte, dafür, dass man in dem heranwachsenden Leiblich-Physischen allmählich untertauchen sieht das Geistig-Seelische, dass das Geistig-Seelische plastisch ausgestaltet das Physisch-Leibliche, dass es Besitz ergreift von den Bewegungen, den Geschicklichkeiten des Physisch-Leiblichen.
Vielleicht darf ich Einzelne der verehrten Zuhörer, welche schon einmal so etwas genauer betrachtet haben, auf das aufmerksam machen, wie Kinder, wenn sie zunächst durch die Geburt in die Welt treten, oftmals so aussehen, dass man nicht weiß, wem sehen sie ähnlich, dass sie erst im Laufe der Zeit hineinwachsen in die Ähnlichkeit. Das ist [so] aus dem Grunde, weil zwei Strömungen einander entgegenstehen: dasjenige, was im Physisch-Leiblichen veranlagt ist, was sich sozusagen als physische Kraft heraufarbeitet, [und] das, was aus dem Geistig-Seelischen kommt, was sich mit dem physischen Leibe durchdringt und was nach und nach geltend macht die Gründe, warum es gerade in diese oder jene Familie hineingeboren werden sollte. Man wird nicht umsonst in eine Familie hineingeboren, sondern weil das, was man aus der geistig-seelischen Welt mitbringt, eine gewisse Verwandtschaft zu dem fühlt, was oftmals in der betreffenden Familie ist. Selbst wenn Unglück in der betreffenden Familie ist, braucht die Seele gerade dasjenige zu ihrer Weiterentwicklung, was ihr als Unglück zustoßen kann. Anziehungskraft aus dem Seelisch-Geistigen und Anziehungskraft, die aus der Vererbung kommt, wirken aufeinander ein. Das Geistig-Seelische wächst erst allmählich hinein in dasjenige, was ihm die Außenwelt entgegenbringt. Daher findet erst allmählich ein Ausgleich statt mit dem, was in der Vererbungslinie gegeben ist.
In solch brutaler Weise, wie die physische Experimentiermethode diese Dinge zur Besprechung bringt, kann allerdings die Geisteswissenschaft nicht mittun. Man muss da sich schon in die Lage versetzen, genauer, intimer die Lebensverhältnisse anzuschauen, wenn man sie vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte verstehen will. So sehen wir denn herunterkommen aus dem Geistig-Seelischen das Geistig-Seelische des Menschen, sehen es sich verbinden mit dem Physisch-Leiblichen. Wir sehen, dass in der ersten Zeit der kindlichen Entwicklung der Leib wie traumhaft ist. Nicht nur, dass das Kind einen großen Teil des Daseins zu seiner Gesundheit verschlafen muss, sein Leben hat etwas Traumhaftes. Dann kommt der Zeitpunkt - es ist der Punkt, bis zu dem man sich zurückerinnert -, wo das Selbstbewusstsein klar hervortritt, wo das Kind lernt, sich als ein Ich zu fühlen, sein Selbstbewusstsein klar zum Ausdruck zu bringen.
Worauf beruht dies? In den ersten Zeiten, bevor dies geschieht, da arbeiten die geistig-seelischen Kräfte erst daran, den Leib zu einem geeigneten Werkzeug zu machen für die Mission, die Sendung. Wenn der Mensch geboren ist, muss noch lange an dem Gehirn und den feineren Organen gearbeitet werden, die anfangs noch ganz unbestimmt sind. Das Geistig-Seelische muss untertauchen, muss immer mehr Besitz ergreifen von dem Physisch-Leiblichen, muss hineinwachsen in das Physisch-Leibliche. Die Kräfte, die aus der geistigen Welt herunterkommen, tun das, die gestalten das Gehirn plastisch aus, die «ordinieren» die einzelnen Glieder des menschlichen Leibes, sodass er ein Werkzeug hat zu seinem Handeln und Wahrnehmen in der Außenwelt. Unendlich bedeutsam und wichtig ist diese innere Arbeit, die das Seelische im Leibe verrichtet. Solange diese Innenarbeit dauert, muss das Kind eine Art Traumleben leben, besonders solange diese Arbeit noch auf die physische Ausgestaltung des Gehirns und der feineren Glieder des Nervensystems gerichtet sein muss. Dann kommt ein Punkt, bis zu dem wir uns später zurückerinnern. In diesem Zeitpunkt ist die innere Arbeit bis zu einem Grade abgeschlossen. Es ist schwierig, in solchen Dingen genau zu sprechen im gewöhnlichen Stil des Lebens, weil unsere Sprache für die Außenwelt, nicht für die Geisteswelt gemacht ist. Daher muss man versuchen, die Worte so zu prägen, dass sie hinweisen auf das, was zugrunde liegt. Wenn, so möchte ich sagen, dasjenige, was das Geistig-Seelische am Physisch-Leiblichen zu tun hat, so weit zugearbeitet ist, dass das Physisch-Leibliche verdichtet und hergerichtet ist, wie der Mensch es braucht für sein späteres Leben, dann werden die Kräfte, die früher im Innern gearbeitet haben, frei. Sie versenken sich nicht mehr hinein ins Physisch-Leibliche, sie werden für sich da sein. Und was ist die Folge davon? Dasjenige, was die Folge ist, möchte ich durch einen Vergleich ausdrücken. Das Gleichnis soll nicht gebraucht werden als Analogie, um irgendetwas zu erklären, sondern es soll nur verständlich machen, was hier gemeint ist: Denken wir, wir haben vor uns eine Glastafel und eine Masse und wir schauen durch das Glas, so sehen wir, was dahinter ist. Nehmen wir jetzt die Masse und formen sie so, dass wir sie als Belag auf die Glastafel auflegen können, so machen wir allmählich dasjenige, was eine durchsichtige Glastafel war, zum Spiegel. Schauen wir nun in das Glas, so scheinen wir uns selbst entgegen. Was hier als Gleichnis dargestellt ist, entsprechend ausgedacht, macht uns klar, was geschieht in den ersten Jahren des Kindes im Menschen.
Das Kind arbeitet zuerst im Geistig-Seelischen so, dass es sein Leibliches formt, es plastisch gestaltet, wir können sagen, es so dicht macht, dass es dann nicht mehr als geistig-seelische Tätigkeit hineingeht, sich [nicht mehr] hineinarbeitet in den Leib. Vergleichen können wir das damit, dass man nun nicht mehr durch das Glas schauen kann, das einen Spiegelbelag hat. Der Leib wird jetzt zurückwerfen die geistig-seelische Tätigkeit, wird sie zurückstrahlen; das Selbstbewusstsein beginnt. Von dem Augenblick an, wo das Geistig-Seelische fertig ist, wird der Leib zum Spiegel, wird das Nervensystem zum Spiegel. Und wie in einem fertigen Spiegel man sich selbst sieht, so erlebt man sich als selbstständiges Ich von dem Moment an, wo man als Kind mit den geistigseelischen Kräften sein Physisch-Leibliches zum Spiegel gemacht hat. Sodass nun, wie man sich im Spiegelbilde wahrnimmt, das Selbstbewusstsein beginnt, sich als Ich zu fühlen. Das ist der Punkt, bis zu dem man sich später zurückerinnert. Das ist das Erwachen des Selbstbewusstseins, das ist das Auftreten des Ich im Kinde. Und zugleich weiß man aus diesem, dass diejenigen Kräfte, die vorher verwendet worden sind zur Organisation des Leibes, die den Leib bis zu der Dichte gebracht haben, wodurch er ein Spiegelungsapparat geworden ist, dass diese nun für das alltägliche Leben, das Fühlen, Vorstellen und Denken verwendet werden. Was tritt da noch ein? Das wird uns zeigen die Entwicklung, die der Geistesforscher durchmachen muss; wenn der Geistesforscher wirklich seine Seele leibfrei gestaltet, wenn er wirklich durch die im letzten Vortrag erwähnten und in der Geheimwissenschaft geschilderten Mittel zum leibfreien Erleben und Wahrnehmen kommt, dann bedient er sich gerade in seiner Seele derjenigen Mittel, welche das Kind verwendet, um den Leib plastisch auszugestalten. Er muss die Mittel wiederum flottmachen, die da aufgehört haben, sich zu betätigen, als das Verhältnis zur Außenwelt ein bewusstes zu werden begann. Dasjenige, was der Geistesforscher für seine geistige Methode braucht, musste gerade zurückgedämmt werden durch die leiblichen Anschauungen und Vorstellungen.
Man kann eine genaue Ausdrucksweise gebrauchen, die sich eines Wortes bedient, das heute schon öfters angewendet wird. Man kann sagen: Dasjenige, was der Geistesforscher zum Bewusstsein heraufbringen muss, ist dasselbe, was beim gewöhnlichen Menschen vorhanden wäre, wenn im Schlafzustande plötzlich Bewusstsein eintreten würde und der Mensch dennoch schlafen würde. Das Geistig-Seelische liegt im gewöhnlichen Menschen im Unterbewusstsein drunten, es kommt nicht zum Bewusstsein. Denn was kommt im Alltagsleben zum Bewusstsein? Nicht das Seelisch-Geistige selber, sondern seine Spiegelung im Leibe, gerade wie der vor dem Spiegel Stehende sich nicht da stehen sieht, sondern sein Bild, sein Spiegelbild. So ist das Alltagsbewusstsein auch nicht ein solches, wo sich das Geistig-Seelische selbst wahrnimmt, sondern das, was als Spiegelbild vom Leben zurückgeworfen wird von dem Augenblick an, wo das Selbstbewusstsein erwacht ist.
Das, was da aufgehört hat von diesem bestimmten Zeitpunkt an im gewöhnlichen menschlichen Erleben, was da ins Unterbewusstsein hinuntergedrängt wird, damit er seine Aufmerksamkeit während des physischen Lebens auf das Spiegelbild verwendet, das muss der Geistesforscher wieder heraufholen in dasjenige, was ein Bruchstück der menschlichen Organisation selber erst erarbeitet während der Keimeszeit und später während der Zeit, nachdem der Mensch geboren ist, bis zu dem Moment, wo das Selbstbewusstsein auftritt. Zweierlei steht sich da gegenüber: das alltägliche Leben, wo der Mensch nur mit dem Spiegelbilde zu tun hat, während im Unterbewusstsein bleibt das wirklich reale Erleben des Geistig-Seelischen. Was der Geistesforscher zu tun hat, das ist das Heraufholen desjenigen, wovon man sonst nur ein Spiegelbild im täglichen Erleben hat.
Nun muss man eines bedenken: Es liegt in der Natur des Menschen, dass dieser Mensch in das alltägliche Leben so hineingestellt ist, dass er die Kräfte nur in der ersten, zartesten Kindheit in seinen Leib hereinschickt, bis zu dem Zeitpunkt, wo das Traumleben sich verwandelt in das vollbewusste gewöhnliche Tagesleben, wo der Mensch die Spiegelung seines Seelenlebens wahrnimmt. Alles, wodurch der Mensch im äußeren Leben tüchtig ist, wodurch der Mensch im sozialen Leben feststeht, wodurch er die gewöhnliche Wissenschaft zustande bringt, das beruht darauf, dass er von dem charakterisierten Kindheitsstandpunkte an die Kräfte für das äußere Leben nicht mehr verwendet, die dann sich nur spiegeln können, die er vor diesem Zeitpunkt verwendet hat für die Ausgestaltung des Physisch-Leiblichen.
Die Kräfte, die der Mensch braucht für den äußeren physischen Leib, die müssen daher geradezu die Tendenz haben, zunächst zurückzudrängen, hinunterzudrücken ins Unbewusste alles dasjenige, was der Geistesforscher für seine Geistesforschung gerade gebraucht, was aber da istund was den Menschen gestaltet aus der geistigen Welt heraus, was ihn zum Ebenbilde der geistigen Welt macht. Da muss sich dadurch notwendigerweise die Stimmung entwickeln, gerade bei dem Menschen, der im äußeren physischen Leben drinnensteht, der ein Bewusstsein davon hat: Ich bin durch das, was ich erworben habe als Mensch, tüchtig geworden für die äußere Welt —, und der nicht weiß, dass es noch andere Kräfte gibt, nämlich die Kräfte, die bis dahin sein Inneres erarbeitet haben, für ihn muss die Stimmung entstehen, zunächst festzuhalten an den Kräften, die entgegengesetzt sind den Kräften der Geistesforschung. Diese Stimmung nimmt leicht überhand im gewöhnlichen Leben. Sie erzeugt eine Abneigung, eine Antipathie gegen alle Geistesforschung. Man fühlt instinktiv, man soll im physischen Leibe diejenigen Kräfte anwenden, die man für das physische Leben braucht, dann sind das Kräfte, die nichts zu tun haben mit den Kräften, von denen der Geistesforscher reden will.
Man kann die Sache, wenn man sie eindringlich konstatieren will, in folgender Weise charakterisieren. Man kann sagen: Ja, der Mensch fühlt in sich das Bewusstsein, dass er tüchtig ist im physischen Sinnesdasein durch die Kräfte seines Leibes, wenn er vergisst an die andere Kraft, die geistig-seelische Kraft, die eben ohne sein Zutun, ohne dass er sich angestrengt hat, in den ersten Jahren seiner Kindheit erst den Leib zubereitet hat, an dem sich dann die Seele spiegelt. Auf das achtet der Mensch nicht, dass die Kräfte leben, die ihn erst zu dem gemacht haben, wodurch er erst tüchtig sein kann. Er nimmt die Instrumente, die er ohne sein Zutun zubereitet hat, hin. Er denkt nicht, dass sie aus der seelisch-geistigen Welt gebildet sind. Er nimmt wahr dieses Instrument, wenn es fertig ist, auf dass es ihn tüchtig macht in der äußeren, physischen Welt.
Wenn der Mensch also gestimmt ist, wenn er sich sagt: Was geht es mich an, wodurch sie entstanden sind, ich will dieses Werkzeug benutzen -, dann kann er in die antisophische Stimmung hineinkommen. Er will nichts wissen von den Kräften, die dieses Werkzeug geformt haben und die hervorholen muss und zum Bewusstsein bringen muss der Geistesforscher. Werden Sie begreifen, dass gerade in einer Zeit, in welcher das materielle Leben so viele Anforderungen an den Menschen stellt, in einer Zeit, die so reich blühende Gebiete des Wissens hat, die so stolz ist auf die materiellen Fortschritte, dass in einer solchen Zeit [vor allen Dingen] die antisophische Stimmung überhandnehmen muss? Werden Sie begreifen, dass die Antipathie auf die Theosophie, auf die Kraft, die im Verborgenen waltet und die hervorgeholt werden muss vom Geistesforscher, mit Missgunst hinsehen wird? Aber diese Kräfte, sie liegen in der Tiefe der Seele verborgen und sie werden durch die Geistesforschung hervorgeholt. Und wenn sie emporgeholt werden, dann werden diese Kräfte diejenigen, durch die wir eingeführt werden in die wirklichen Tatsachen und Wesenheiten der geistigen Welt.
Nun kann sich da die antisophische Stimmung noch ein zweites Mal entzünden, weil der Weg der Geistesforschung nicht besonders leicht ist. Was geschieht, wenn der Mensch dazu kommt, ein Seelisch-Geistiges leibfrei zu machen, herauszuschlüpfen gleichsam aus dem Physisch-Leiblichen? Dann treten vor seine Seele Wahrnehmungen hin, die nicht mehr die Wahrnehmungen der äußeren Sinne sind, Gedanken, die nicht mehr Gedanken seines gewöhnlichen Verstandes sind. Dann versinkt genau wie im Einschlafen die alltägliche Sinneswelt. So versinkt ins Unbestimmte die äußere Welt. Aber nicht die Finsternis des Schlafes taucht auf, sondern eine neue Welt, eine Welt, die im richtigen Sinne verstanden werden muss, wenn sie nicht missverstanden werden soll.
Wenn der Geistesforscher in Geduld und Energie lange genug geübt hat, um seine Seele loszumachen - um den Ausdruck zu gebrauchen -, gleichsam sie herauszustellen aus dem Leibe, dann ist das Erste nicht, dass man gleich innerhalb einer Summe von geistigen Tatsachen und Wesenheiten ist. Aber man fühlt sich gleich in einer anderen Welt. Man weiß von einem gewissen Moment an, was es heißt, außerhalb seines Leibes in einem Geistig-Seelischen zu sein. Es tritt dadurch auf, dass man beginnt, mit einer Art von innerer Seelentätigkeit traumhafte Vorstellungen zu haben, so, wie der Nachtschlaf durchbrochen werden kann von Träumen, die sich hineinmischen in den Nachtschlaf und von denen wir wissen, dass sie nicht in gewöhnlicher Weise durch äußere Dinge veranlasst sind. Es treten Bilder auf, die der, welcher nichts davon versteht, für Hirngespinste halten wird, von denen aber der Geistesforscher weiß, dass, wenn sein Geistig-Seelisches in richtiger Weise entwickelt wird, nicht so entwickelt, wie die heutige Menschheit die Evolution versteht, sondern so, dass die Seele sich aus der Tiefe ihres natürlichen Wesens heraus entwickelt, dass er dann in einer neuen Welt ist. Man hat da um sich Bilder, die man nie gesehen hat, Eindrücke, die man nie gehabt hat.
Damit ich nicht missverstanden werde, muss ich nun gleich auf etwas aufmerksam machen. Die Seele hat natürlich, wenn sie aus dem Leib herausgekommen ist und um sich eine Welt erblickt, die erinnert an hin- und herhuschende Farbenbilder, eine Welt von Tönen. Aber in dieser neuen Welt ist im Grunde genommen doch nicht alles so, wie es in der physischen Welt auch ist. Wenn alles nur Erinnerung, Reminiszenz wäre an die Sinnenwelt, könnte man den Eindruck machen, den ein Schüler des Plato machte, der sagte: Sokrates hat nichts anderes gewusst, als was andere Menschen auch wissen. Jeder Schulbube weiß das auch. Warum soll Sokrates mehr wissen als ein Schulbube? Gewiss, die einzelnen Farbenbilder erinnern an den äußeren Lebensinhalt, aber so, wie die Lettern eines Buches uns etwas ganz Neues überliefern, trotzdem wir alle einzelnen Lettern kennen, so führen uns die Erlebnisse der Seele in die geistige Welt ein, trotzdem sie erscheinen wie Reminiszenzen des äußeren physischen Lebens.
Nur über einen Punkt muss man hinwegkommen. Dasjenige, was da zuerst auftritt, was unser seelisches Wahrnehmungsfeld erfüllt, ist etwas, was der Materialist Phantasiebilder nennen kann, wenn er nicht weiß, dass diese Bilder zunächst nicht ein wirkliches Wahrnehmen eines Äußeren sind, sondern die erste Ausgestaltung des geistigen Organismus. Wie wir im Laufe der Kindheit lernen, unsere Organe zu bilden, die Dinge in der richtigen Weise zu befühlen, zu sehen, wie wir unseres Leibes dadurch erst bewusst werden, so müssen wir, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, unseres Geistleibes bewusst werden. Was diese Menschen als eine geistige Welt ansehen, das ist erst das, was wir ausbilden müssen wie einen Geistleib. Und in diesem Geistleib müssen wir gleichsam ertasten die wirkliche geistige Welt. Und tatsächlich: Was wir zuerst wahrnehmen, das sind wir selbst. In diesem Sinne kann man von Visionen, von Halluzinationen sprechen. Derjenige, der materialistischer Forscher ist, der lernt überhaupt nichts kennen als dieses. Und weil er nichts anderes kennenlernen kann, kann er nicht glauben, dass der Zeitpunkt eintritt, wo der wirkliche Geistesforscher sie gebraucht. Wie der materialistische Forscher seine Hände gebraucht, um das Physische zu erfühlen, so gebraucht der Geistesforscher das, was hervorgebracht wird von leibfreien Sinnen, um die geistige Welt zu ergreifen und wahrzunehmen. Erst bilden wir uns Geistesauge und Geistesohr aus, und wenn wir uns dieser bedienen, dringen wir durch sie in die geistige Welt.
Da, an dieser Schwelle der geistigen Welt treten zwei Dinge auf, die gewissermaßen den Menschen scheu machen, in die geistige Welt wirklich hineinzudringen, die davor zurückhalten. Was da auftritt, ist das Folgende: Zunächst ist die Welt des Geistes, in die wir da eintreten, eine ganz andere als die physische Welt. Nicht einmal unsere Begriffe, Ideen und Vorstellungen aus der physischen Welt können wir ohne Weiteres gebrauchen, um in diese geistige Welt einzudringen. Wir sind in unserem gewöhnlichen Alltagsleben gewöhnt, Wirklichkeiten wahrzunehmen, die wir mit dem Leibe wahrnehmen, die wir durch unsere Augen und Ohren wahrnehmen. Wir sind gewohnt, dasjenige wirklich zu nennen, was wir mit den Händen betasten können, was wir in seinen Gesetzen verstehen können durch unseren Verstand, der ans physische Gehirn gebunden ist.
Diesen Leib haben wir aber abgelegt, wenn wir als Geistesforscher in die geistige Welt eintreten. Nichts von dem ist darinnen, was durch den Leib wahrgenommen werden kann. Da erlebt man sich in seiner Seele zunächst so, dass man weiß: Der Leib ist weg, nur mit der Seele ist man in der geistigen Welt. Dasjenige macht sich geltend, was man nennen kann eine vollständige Ungewohntheit mit der neuen Situation. Während man bis jetzt gewohnt war, eingehüllt, umgeben mit dem Leib in der Welt zu stehen, steht man jetzt mit bloßer Seele und ohne innere Erfahrung da. Und dasselbe starke Gefühl tritt auf, das sich nur vergleichen lässt mit dem, was Sie erlebt haben, wenn Sie geträumt haben, Sie fühlen sich plötzlich entkleidet an einem Ort, wo viele Menschen sind, voll Schamgefühl, weil Sie sich in einer Welt fühlen, in die Sie nicht hineingehören. Dieser Traum gibt ein verschwimmendes Bild, etwa wie eine Vorbedeutung, von dem, was mit unendlicher Verstärkung auftritt, wenn man in die geistige Welt hineinkommt und sich ungewohnt fühlt, sodass man sagt: Du stehst demjenigen, was du Wirklichkeit genannt hast, anders gegenüber, nicht kannst du sehen oder fühlen, was dir bisher die wirkliche Welt gegolten hat. Was willst du dich bemühen, in die Welt einzutreten, die entblößt ist von dem, was du wirklich wahrgenommen hast? Sobald man in die geistige Welt eintritt und so in einer Welt ist, die ganz andere Wesenheiten enthält, die bloß geistig-seelisch sind, zwischen denen sich Handlungen abspielen, die bloß in der geistigen Welt liegen, sobald man eintritt, muss man mit aller Gewalt zuerst sein Ich bewahren. Bewahrt man sein Ich nicht, so taucht man unter in diese ganze geistige Welt. Daher werden Sie sehen, wenn Sie das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» durchlesen, dass alle Übungen, die dort angeraten sind, darauf hinauslaufen, das Ich stärker, als es sich in der äußeren Welt erlebt, hineinzutragen in die geistige Welt. Wenn ich in der Sinnenwelt eine blaue Farbe sehe, sage ich: Ich sehe sie. Ich denke, sie ist außerhalb meiner. Tritt man in die geistige Welt ein, nimmt man ihre Eigenschaften an, indem man in die geistige Welt untertaucht, muss man eins werden mit der geistigen Welt. Das ganze innere Wesen verbreitet sich in der geistigen Welt, fließt aus in die geistige Welt. Und die Gedanken - von denen hat man nicht das Gefühl, man denkt sie, sondern sie denken sich selber. Man ist wirklich in dieser geistigen Welt so darin, dass man Erlkönig und sein Söhnchen wie zugleich ist: der Vater sorgenvoll, das Söhnchen von allerlei Gesichten in der Seele durchwogt. Man ist diese beiden zugleich. Man empfindet eine neue Welt, aber man fühlt sich wie von unbestimmten Kräften zu jedem Ding, zu jeder Tat hingezogen. Man fühlt sich wie aus sich herausgerissen. Das erzeugt in der Seele ein Gefühl, das man wohl genau kennenlernen muss. Ein Gefühl von Furcht vor dem Sich-selbst-genommen-Werden, genommen werden dem, was einem bisher die Wirklichkeit verbürgt hat.
Beide Gefühle, das Gefühl des Ungewohntseins in der geistigen Welt und das Entblößtsein in derselben, das Gefühl der Furcht vor derselben finden sich in der Tiefe der menschlichen Seele darin. Beide Gefühle würden auftreten und den Menschen plötzlich packen, wenn er erwachen würde, wie der Geistesforscher erwachen muss, wenn er so erwachen würde im alltäglichen Schlaf; unendliche Furcht vor dem Ungewohnt-Sein und Entblößt-Sein würde ihn ergreifen. Aber der gewöhnliche Schlaf korrigiert sogleich diese Gefühle. Sie drücken sich nicht aus. Der Mensch betäubt sich, indem der Wille in ihm entsteht, in seinen Leib zurückzutreten und dadurch aufzuwachen. Das ist der Grund, warum der Mensch wie durch einen Willensimpuls sich hingedrängt fühlt zu seinem Leibe im Aufwachen, solange der Leib ihn aufnehmen kann, also bis zum Tode, weil der Leib das Gefühl des Entblößt-Seins betäubt. Die Gefühle der Furcht betäubt der Mensch dadurch, dass er überhaupt zunächst sich nicht einlässt darauf, in die geistige Welt einzudringen.
In dem Augenblick, wo der Mensch beginnt, in die geistige Welt durch Übungen, die der Geistesforscher anrät, einzudringen, kommt an seine Seele leise heran diese Furcht. Der Mensch sucht sie zu betäuben, indem er die geistige Welt fernhält, indem er materialistisch gesinnt ist, mit anderen Worten, indem er das, was in ihm antisophische Stimmung ist, zur höchsten Entfaltung bringt, weil sich der Mensch betäuben muss über das, was ihn erfüllen würde, wenn er in die geistige Welt eindringen wollte. Über das Gefühl der Furcht ist die Seele antisophisch gestimmt. Um nicht antisophisch gestimmt zu sein, muss der Mensch solche Übungen machen, die ihn vor allen Dingen befähigen, sich nicht entblößt zu fühlen, sondern sich bekleidet zu fühlen von einem Geistleib, wie er hier von einem physischen Leib bekleidet ist. Um das Gefühl von Furcht zu überwinden, muss der Mensch Übungen machen, die ihn befähigen, furchtlos und kühn der geistigen Welt näher zu treten.
Daher sind viele Menschen antisophisch gestimmt. Das ist aber im Grunde genommen nicht böser Wille, nicht etwas, das man den Menschen stark zuschreiben kann, sondern das ist die Sehnsucht des Menschen, sich gegenüber der Furcht zu betäuben. Das ist es, was sie zu antisophischer Stimmung hintreibt. Es ist nicht im uneigentlichen Sinne gesprochen, wenn irgendwo für die Geisteswissenschaft ein Gebäude errichtet wird und in der ganzen Umgebung und auch weiterhin überall die Gegnerschaft sich geltend macht. Daher geht die antisophische Stimmung aus dem hervor, aus dem die Leute sich betäuben wollen gegenüber ihrer eigenen Fähigkeiten, in die geistige Welt einzutreten. Weil die Menschen nicht diese Furcht überwinden können, werden sie antisophisch gestimmt. So, wie der Mensch sich etwas einredet, um etwas anderes nicht zu Gesicht, nicht ins Bewusstsein heraufkommen zu lassen, so würden auch die Menschen das, was in ihrem Unterbewusstsein ist, mit ehrlichen Worten so sagen müssen: Wir fürchten uns vor der geistigen Welt, daher darf für uns die geistige Welt nicht vorhanden sein. Die Folge davon ist, dass dieser Mensch die Geisteswissenschaft für Unsinn, Phantasterei, Träumerei, für unnötig erklärt, dass er allerlei Dinge erfindet, um sie anzuschwärzen. Das sind Mittel, um sich zu betäuben die Furcht - die Furcht, die man selbstverständlich, wenn man redet, nicht versteht.
Wir können gerade in der Gegenwart mit den Mitteln der Geisteswissenschaft auf diese Furcht ganz besonders hinweisen und auch darauf hindeuten, dass sie nicht eingestanden wird, dafür aber etwas erfunden wird, sie zu betäuben. Auf eine charakteristische Erscheinung sei hingewiesen.
Ein sehr bedeutender Physiologe, der vor einiger Zeit gestorben ist, hat auf etwas hingewiesen, das nur in richtiger Weise betrachtet werden muss, um die eben erwähnte Tatsache zu erhärten. Ich möchte aber darauf aufmerksam machen, dass ich, wenn ich etwas anführe, was antisophische Stimmung ist, ich nicht gewillt bin, Gegner anzugreifen, die ich nicht herabwürdige, sondern die ich auf ihren eigenen Gebieten aufs Höchste schätze. So schätze ich Du Bois-Reymond, der auf einer berühmten Naturforscherversammlung der 70er-Jahre eine berühmte, geistvolle Rede gehalten hat. Die glänzenden, hervorragenden Ausführungen eines auf der gegenwärtigen Naturwissenschaft stehenden Menschen finden für das, was er ausführt, überall Belege, er bringt überall Gründe hervor. Dann nähert er sich dem Schlusse.
Wozu ist er gekommen? Er hat ausgeführt, dass Naturwissenschaft überhaupt nur dazu führen kann, die Welt so zu begreifen, dass sie die Bewegung der kleinsten Teile begreift, dass sie alles zurückführt auf die Bewegung. Aber so wahr alle Naturforschung darauf gegründet ist, dass sie die Bewegung der Atome und so weiter erforscht, so wahr ist es auch, dass Naturforschung niemals die Seele begreifen kann. Der Naturforscher kann sagen, dass die rote Farbe durch gewisse Bewegungen entsteht, aber er kann nicht sagen, wodurch in uns das Bewusstsein der roten Farbe entsteht. Keine Naturforschung könnte jemals aus der Bewegung irgendetwas Seelisches begreifen. Wollte man es begreifen, dieses Seelische, aus dem, was einzig und allein in der Naturwissenschaft berechtigt ist, so begänne das, was er als Supernaturalismus bezeichnet. Und so schließt Du Bois-Reymond seine Rede: Naturforschung muss auf äußere Bewegung gehen, sie kann niemals begreifen auch nur den einfachsten Teil der menschlichen Seele. Diese Seele könnte nur da begriffen werden, wo der Supernaturalismus anfängt und die Naturwissenschaft aufhört.
Wir können die Rede des Du Bois-Reymond durchgehen, wir finden überall die schönsten Gründe für das, was er sagt. Nur die letzte Behauptung ist wie aus einer Pistole geschossen. Für sie bringt er keine Belege. Wir haben das Gefühl - und wir müssen es haben, denn es ist berechtigt -, indem Du Bois-Reymond von dem, was das berechtigte Gebiet seiner Wissenschaft ist, übergeht zum Supernaturalismus, bringt er keine Gründe mehr vor, sondern Antipathie. Das Gefühl der Abneigung schießt aus seinem Unterbewusstsein heraus, das lässt ihn den Supernaturalismus antipathisch anschauen, aber Gründe hat er keine für seine Behauptung. Du Bois-Reymond steht nicht allein, ich habe ihn nur als typischen Vertreter dieser Richtung erwähnt. Da, wo Abneigung auftritt gegen die Mitteilung der Geisteswissenschaft, also da, wo antisophische Stimmung auftritt, sehen wir überall die Leute, ob wir sie nun Materialisten oder Monisten nennen, sie bringen die schönsten Gründe bei für das, was sie Positives sagen.
Aber sehen Sie, es könnten hundert und hundert Belege dafür gebracht werden; da, wo die Leute ihre Antipathie gegen die Geisteswissenschaft zum Ausdruck bringen, da hören die Gründe auf. Aus dem Unterbewussten, aus dem, was nichts zu tun hat mit dem, was sie zu begründen wissen, kommt diese Antipathie. Um das zu sehen, was da heraufkommt, muss man hineinleuchten mit den Mitteln der Geisteswissenschaft in die menschliche Seelenorganisation, und da kommt tatsächlich die äußere Naturwissenschaft schon entgegen der Geisteswissenschaft, wie überall die Naturwissenschaft entgegenkommt, wo diese sich selbst versteht und nicht in missverstandenem Wissen eine umfassende Weltanschauung begründen will.
Man kann durch die besondere Art, wodurch der rein äußerlich, rein auf Tatsachen sich stützende Gelehrte, der sich außerdem nur darauf stützt, was ihm sein Denken an Gesetzen gibt über die äußere Welt, untersuchen, wie seine Organisation wirkt unter dem Einfluss des Denkens, das nur auf die äußere Welt der Sinneswahrnehmungen und des Verstandes gerichtet ist. Man kann sehen, da werden die Nerven in eine solche Lage versetzt, in die der Mensch versetzt wird, wenn er in Furchtzustand kommt, nur dass beim Furchtzustand, der durch einen Schrecken auftritt, bei einem plötzlichen Furchtzustand das Blut in seiner Zirkulation gestört werden kann; es kann von den äußeren Partien des Körpers abgezogen und dem Herzen und Gehirn zugeführt werden, sodass Ohnmacht als Folge eines plötzlichen Schreckens eintreten kann. Der Gelehrte verteilt das, was plötzlich die Furcht hervorruft, auf ein langes Leben. Er löst gleichsam die Furchtzustände auseinander. Wenn er der Welt gegenübertritt, dass er durchdrungen wäre in seiner ganzen Seele von Furcht, dann löst er diese Furcht in die antisophische Stimmung auf.
Der dänische Forscher Lange hat ein Buch über die Gemütsbewegungen geschrieben, worin auch die Furchtzustände seelisch charakterisiert sind. Aber auch die Geisteswissenschaft kann mit ihren Mitteln dies tun. Das ganze Gefäß-System kommt in eine andere Stimmung, wenn eine Furcht, ein Schreck im Menschen auftritt. Wenn Furcht in der Seele des Menschen auftritt, ist es so, dass sogar die Säfte in eine andere Stimmung kommen. Das könnte im Einzelnen beschrieben werden. Es würde uns zu viel Zeit rauben; eines aber werden Sie alle wissen: Wenn der Mensch unter dem Eindruck eines Schreckens, einer Furcht steht, fühlt er sich plötzlich unsicher. Er hat das Verlangen: Ach, könnte ich mich doch an etwas anhalten, er fällt vielleicht sogar in Ohnmacht. Im Physischen sucht er sich anzuhalten.
Das, was man erzeugt durch eine rein auf die äußere Beobachtungswelt gerichtete Tätigkeit, ist eine über die laufenden Jahre verteilte Furcht und Schreck. Langsam und allmählich wird in die Seele Furcht hineingegossen und in den Organismus dasjenige, was die Furchtverfassung ist, wenn man nur dasjenige darlebt, was auf die äußere Sinnenwelt Bezug hat. Wenn Menschen nun diese Furchtverfassung haben, dann drückt sich bei ihnen dasjenige aus, auf ihrem Gebiet, was sich beim Menschen ausdrückt, der in Furcht und Schreck ist und sagt: Ich falle um, gebt mir etwas, woran ich mich halten kann. So sagt derjenige, der so gestimmt ist, dass er die supernaturale Welt ablehnt. Die geistige Welt werde ich abweisen, gebt mir etwas, woran ich mich halten kann. Die physische Wahrnehmung, die Theorie der Atome, an die hält sich derjenige, der von der unterbewussten Furchtstimmung ergriffen ist.
Das ist die Antwort, die die aufs Äußere gerichtete Wissenschaft erzeugen muss, die von dieser Geisteswissenschaft nichts wissen will, von den Zuständen, die man erleben soll, ohne dass man sich anhalten kann an das äußere Wissen, an die physischen Gesetze. Wie der Fürchtende am Tisch oder Stuhl sich halten will, so will derjenige, der sich vor der geistigen Welt fürchtet, sich an der Materie halten, weil er sich fürchtet, in eine Ohnmacht zu versinken, wenn er sich nicht an die Materie anhalten kann, er fürchtet, in eine geistige Ohnmacht zu versinken. Über diese Furcht betäubt er sich hinweg, indem er sich einbildet: Es gibt nichts Supernaturales.
An diesen Ausführungen sehen wir, wie auf naturgemäße Weise antisophische Stimmung erzeugt werden muss, sehen, [wie] gerade in den Formen, die diese äußere Wissenschaft annimmt, antisophische Stimmung erzeugt werden muss. Sie werden umso mehr Antisophie finden, je mehr der Mensch sich innerlich infizieren lässt von der Stimmung, die diese Wissenschaft erzeugt, die auf das Äußere gerichtet ist. So kann man sagen: Es ist dem Menschen ganz in seiner natürlichen Veranlagung etwas gegeben, was man als antisophische Stimmung bezeichnen kann. Und je mehr der Mensch sich in das äußere Leben hineinstellt - sei es in die Praxis oder in die Wissenschaft -, umso mehr antisophische Stimmung speichert sich auf.
Aber so, wie ein Pendel, wenn es nach der einen Seite ausschlägt, auch nach der anderen Seite ausschlagen muss, so muss auch der Mensch, wenn die äußere Form in die antisophische Stimmung ausschlägt, auch nach der anderen Seite - theosophisch - ausschlagen. Der Mensch kann nicht seelisch in Ruhe dastehen, wie das Pendel nicht ruhig sein kann, wenn es nach der einen Seite ausgeschlagen hat. Der Mensch könnte nur dann in seiner Seele Ruhe bewahren, wenn er sich vollständig stumpf in einem seelischen Dämmerzustand halten würde. Es kann vorkommen gerade durch die Stimmung der Gegenwart, dass die Seele hingerissen wird von der antisophischen Stimmung. Umso mehr ist es zu bemerken, in den Tiefen der menschlichen Seele, für den, der sie intimer betrachten kann, dass das Pendel nach der anderen Seite ausschlagen will, dass auch die theosophische Stimmung in zahlreichen Menschenseelen ist. Es handelt sich darum, dass diese Theosophie gerade für die Geisteswissenschaft in die richtigen Wege geleitet wird. Sie hat nicht die Aufgabe, theosophische Stimmung zu erzeugen - diese Stimmung wird sich als der entgegengesetzte Pendelschlag schon ergeben; je mehr wir der Zukunft entgegengehen, desto mehr wird gegenüber der antisophischen Stimmung bei allen Menschenseelen, die sich richtig verstehen, auch die theosophische Stimmung entstehen. Aber die theosophische Stimmung, so wenig sie erzeugt zu werden braucht, so sehr muss sie gelenkt und geleitet werden durch die Geisteswissenschaft, sie muss die richtige Bahn finden durch die Geisteswissenschaft, so, wie die antisophische Stimmung ihre richtige Bahn finden muss. Sonst könnte leicht dasjenige geschehen, was ich durch einen Vergleich andeuten will.
Tasso ist nicht nur durch seine eigenen Dichtungen bekannt, sondern auch durch das Werk Goethes. Tasso sprach von einem Geiste, mit dem er verkehrt. Er sprach nicht so, wie der Geistesforscher spricht. Der Geistesforscher, der sich zum Bewusstsein bringt und weiß, um was für ein Wesen es sich da handelt, der sein Bewusstsein aufrechthalten kann, der muss anders sprechen als der Dichter, der das, was er empfindet, in Phantasie einkleidet. Der Geistesforscher der Gegenwart hält das Ich fest und lässt die Furcht nicht aufkommen. Tasso lebte noch nicht in dem Zeitalter, in dem die Geistesforschung begonnen hat, über die geistige Welt aufzuklären. Tasso sprach von einem Geiste, mit dem er verkehrt und dem er seine besten Gedanken verdankt. Manso, der ein Leben des Tasso geschrieben hat, lacht immer über diesen sonderbaren Geist, mit dem Tasso verkehrte. Er sieht nichts, so sagt man. Da sagte Tasso einmal zu ihm: Ich will einmal machen, dass du ihn wirklich siehst und hörst. Und einmal, als die beiden eine Jagd absolviert hatten, sieht Tasso plötzlich gegen das Fenster hin, an dem er mit Manso stand. Manso sieht, wie Tasso anfängt zu sprechen wie mit einem fremden Wesen. Tasso unterhält sich mit ihm. Und nicht konnte Manso damit auskommen, dass er sagte, das kann Tasso erfunden haben. Er sprach so, dass er Antworten gab, die er nicht von sich selbst aus geben konnte. Als das Gespräch zu Ende war, sagte Tasso zu ihm: Hast du jetzt den Beweis für den Geist, zu dem ich spreche? Ja, sagte Manso, ich habe dich zwar reden hören mit einem Geiste, aber ich habe nichts gesehen. Da sagte Tasso: Da hast genug gesehen und gehört. Hättest du mehr gesehen, so - da brach er ab. So hättest du es nicht ertragen können, so könnten wir seine Worte ergänzen.
So könnte es den Seelen ergehen, wenn sie nicht, wie es naturgemäß ist, die theosophische Stimmung als Antwort, als Gegenpol entwickeln müssten gegen die antisophische Stimmung. Sie könnten notwendigerweise das Geistige vernehmen, aber zweifeln muss man, ob sie es ertragen könnten. Geisteswissenschaft muss diese Seelen in richtige Bahnen lenken. Solange die Menschen sich antisophischen Stimmungen hingeben werden, so lange wird das da sein, dass Antisophen gewissermaßen die Abbilder sind des für die neuere Zeit Urantisophen Mephisto. Er ist Urantisoph. Als er dem Faust den Schlüssel zum Reiche der Mütter gibt, erklärt er, dass der Faust da ins Nichts eindringen werde. Faust, der Theosoph, erklärt: «In deinem Nichts hoff ich das All zu finden.» Er hat die Furcht überwunden, er braucht sich der Furcht gegenüber nicht zu betäuben.
Wenn wir dieses entwickeln, was aus der antisophischen in die theosophische Stimmung hinleitet, dann ist wiederum das der Fall, wovon man sagen kann: Mit der Geisteswissenschaft fühlt man sich im Einklang mit all denjenigen Menschen, die im Laufe der Zeit, wenn sie auch noch nicht in die Geisteswissenschaft einlenken konnten - denn Geisteswissenschaft kann erst in unserer Zeit die Seelen ergreifen und sich neben die Naturwissenschaft hinstellen -, mit all denjenigen, die aus einem wahren, echten geistigen Forschen heraus den Fortschritt der Menschheit darstellen, mit all denen fühlt man sich im Einklang.
Wenn wir so betrachten die menschliche Seele mit ihren anti- und theosophischen Stimmungen, die beide notwendig in der menschlichen Seele da sein müssen, wie wir das heute getan haben, dann kann man sagen, man steht durchaus begreifend allen Gegnern und Feinden der Geisteswissenschaft gegenüber. Wehren muss man sich gegen sie, aber man begreift sie. Und das Begreifen kann sogar zum Mitleid übergehen, weil zumeist die Gegnerschaft nichts anderes ist als ein Betäubungsmittel gegenüber der Furcht, die den Menschen befällt, wenn er zunächst in die geistige Welt dringen will und nicht vorbereitet ist. Der Antisoph fühlt nicht, dass er diese Furcht hat, aber sie ist in seinem Unterbewusstsein vorhanden. Und er stellt sich an die Seite desjenigen, der im achtzehnten Jahrhundert als ein Philosoph der antisophischen Strömung geantwortet hat. Haller, der große Weise, der auch hier in der Schweiz genügend bekannt ist. Man wird ihn gerade, so wie andere Menschen, lieber anführen als kleinere Gegner, weil er einer der größten auf seinem Gebiete war. Weil in seiner Seele, gerade um dasjenige zu erringen, worin er groß geworden war, nämlich als Naturforscher auf den äußeren Gebieten, die antisophische Stimmung immer größer geworden ist, sagt er:
> Ins Innre der Natur > Dringt kein erschaffner Geist. > Glückselig, wem sie nur > Die äußre Schale weist.
Das ist die antisophische Stimmung, die nicht durchdringen kann, anzuerkennen, dass der Mensch einen inneren Daseinsquell hat, und die nicht an diesen Quell wissenschaftlich herankommen kann. Goethe stellt dem seine theosophische Stimmung entgegen. Nicht, dass er von theosophischer oder antisophischer Stimmung spricht. Aber er sagt gerade mit Hinblick auf das Wort Hallers:
> Das hör ich sechzig Jahre wiederholen, > Ich fluche drauf, aber verstohlen; > Sage mir tausend, tausend Male: > Alles gibt sie reichlich und gern, > Natur hat weder Kern > noch Schale, > Alles ist sie mit Einem Male; > Dich prüfe du nur allermeist > Ob du Kern oder Schale seist.
Der Mensch kann die antisophische Stimmung in sich entwickeln. Er kann zu der Seelenverfassung kommen, zu sagen: Ich will an den Kern kommen, an das, was meine Realität verbürgt, wenn ich nur in meiner Schale bin. Was zugrunde liegt dem, was mir das Leben verbirgt, sein Kern, das bleibe verborgen. Das liegt in dem Satze:
> Ins Innre der Natur > Dringt kein erschaffner Geist. > Glückselig, wem sie nur > Die äußre Schale weist.
Der Theosoph sagt: Der Mensch ist im Inneren seines Wesens das, was sein Geistig-Seelisches ist. Das Geistig-Seelische triumphiert über den Leib, [es ist das], was im Tod den Leib überwindet und durch den Tod in die geistige Welt geht, um durch den Tod die geistige Welt zu erleben und zur weiteren Entwicklung durch eine neue Geburt wieder in den Leib zurückzukommen! Der Mensch kann in seinem Kern leben, und wenn er in seinem Kern lebt und nur diesen erlebt, dann erlebt er das Geistig-Seelische, das durch die Welt webt und wogt. Wie wir uns durch unseren Leib als Instrumente und Kräfte in der ganzen physischen Welt drinnen befinden, so befinden wir uns, indem wir das Innerste unserer Seele erleben, im Geistig-Seelischen der Welt drinnen, im Kern. Und wenn auch nicht jeder ein Geistesforscher werden kann, so ist doch die Seele des Menschen auf Wahrheitserkenntnis veranlagt. Wenige Menschen nur brauchen Geistesforscher zu werden. Aber auch wer nicht selbst Geistesforscher ist, bei dem ist das gewöhnliche Menschendenken, wenn er nur sich selbst prüft, in der Lage, alles zu verstehen, was der Geistesforscher sagt, wenn der Mensch das anwendet, was über die Seelenentwicklung angedeutet worden ist.
Der Geistesforscher ist nicht darauf angewiesen, nur vor Geistesforschern zu sprechen. Er weiß, dass er vor dem innersten Kern, der in jeder Seele ist, spricht. Und wenn nicht äußere Vorurteile diese Seele abhalten, kann auch jede Seele nachklingend die Wahrheit empfinden von dem, was der Geistesforscher sagt. Diese theosophische Stimmung wird sich immer mehr in das Leben hineinstellen, wird immer mehr die Ziele des geistigen Lebens ergreifen gerade dann, wenn die Menschen zu immer glorreicherem und fruchtbarerem geistigen Leben kommen. Dann wird die menschliche Seele sich gegen die antisophische Stimmung in ihren stillen Stunden wehren, in den Augenblicken, wo sie fühlt, wo sie gewahr wird, wie sie zusammenhängt mit dem Kern alles Daseins. Dann wird die Seele versuchen, eine solche theosophische Stimmung zu erwecken, die sich ausspricht darin, dass man immer mehr gegenüber aller antisophischen Stimmung sagt:
> Natur hat weder Kern > noch Schale, > Alles ist sie mit Einem Male; > — Nichts ist drinnen, nichts ist draußen. > Denn was innen, das ist außen. — > Dich prüfe du nur allermeist > Ob du Kern oder Schale seist.